<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?>
<rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd">
<channel>
    <title>Fotomenschen - Arbeiter</title>
    <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/index.html</link>
    <description>Posts tagged &#x27;Arbeiter&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sun, 16 Jan 2022 18:49:20 GMT</lastBuildDate>
    <atom:link href="https://fotomenschen.kopfstim.me/feeds/arbeiter.xml" rel="self" type="application/rss+xml" />
        <item>
            <title>Essen auf Stahlträger</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/lunch-atop-a-skyscraper.html</link>
            <guid isPermaLink="true">https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/lunch-atop-a-skyscraper.html</guid>
            <description>Es ist DAS Hochhausbaustellenfoto schlechthin und trotzdem weiß man erstaunlich wenig über die abgebildeten Menschen und war bis vor kurzem auch nicht sicher wer dieses Bild gemacht hatte.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Es ist DAS Hochhausbaustellenfoto schlechthin und trotzdem weiß man erstaunlich wenig über die abgebildeten Menschen und war bis vor kurzem auch nicht sicher wer dieses Bild gemacht hatte. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.ebbetsphoto-graphics.com/#/page/about-the-artist/" target="_blank">Charles Clyde Ebbets Kurzbiografie, offizielle Webseite</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Clyde_Ebbets" target="_blank">Charles Clyde Ebbets</a> (Wikipedia, englisch)</li><li>Charles C. Ebbets and His Famous &#8218;Lunchtime Atop a Skyscraper&#8216; Photo (History Daily)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mittagspause_auf_einem_Wolkenkratzer" target="_blank">Mittagspause auf einem Wolkenkratzer</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rockefeller_Center" target="_blank">Rockefeller Center</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.mentalfloss.com/article/502243/10-fascinating-facts-about-lunch-atop-skyscraper" target="_blank">10 Fascinating Facts About Lunch Atop A Skyscraper</a> (MentalFloss)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2012/11/11/movies/lunch-atop-a-skyscraper-uncovered.html" target="_blank">How a Galway Pub Led to a Skyscraper</a> (NYTimes, Paywall)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Early_skyscrapers" target="_blank">Early skyscrapers</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Great_Depression" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Great Depression</a> (Wikipedia)</li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="7QCYDzsQ_yM" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_7QCYDzsQ_yM.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=xJmRZQuOigE" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="800" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image-1.png" alt="Eine Kundenrezension mit vier von fünf Sternen, dem Titel „Grandios“ und einem Text vom 09.11.2020." /></figure></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Welche Fotos fallen uns ein, wenn wir an berühmte Fotografien aus New York denken?</p>

<p>Vielleicht ein Bild vom Empire State Building oder eine Aufnahme des Flatiron Gebäudes oder vielleicht ein Foto vom Time Square. Ohne Frage spielt die Architektur New York Citys in Fotos aus New York eine der Hauptrollen. Ist ja auch kein Wunder, die Architektur New York Citys ist ja auch atemberaubend. Dabei entstanden die ersten ikonischen Wolkenkratzer New Yorks Anfang des 20. Jahrhunderts. Und sie waren Wunderwerke der Technik und Ingenieurskunst. Gebäude wie das Empire State Building wurden mit einem Anlegemast für Luftschiffe konstruiert. Und die Hochhäuser lieferten sich Rennen, wer das höhere Dach, die höhere Antenne konstruieren könnte. Und Hochhäuser waren fantastisch genug, dass Zeitungen immer wieder über die Bauarbeiten berichteten.</p>

<p>Die meisten dieser Gebäude waren als Investitionsobjekte gedacht und wurden während der Bauzeit nach und nach untervermietet. Und deswegen hatten die Bauherren in aller Regel ein lebendiges Interesse daran, die Gebäude im Gespräch zu halten.</p>

<p>Und deswegen wurden gerade Projekte wie der Bau des Empire State Building oder wie des Chrysler Building von eigene PR-Teams begleitet. Fotostrecken wurden erarbeitet, die Presse wurde mit Informationen gefüttert, je öfter man sich ins Gespräch bringen konnte, desto besser.</p>

<p>Fotografisch war es gleichzeitig eine Zeit, in der Industriefotografie und Werbefotografie ihre ersten Erfolge feierte. <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> hatte sich einen Namen gemacht, indem sie gewaltige Industrieanlagen wie zum Beispiel Staudämme oder Stahlgießereien fotografiert hatte.</p>

<p>Und bekam nun den Auftrag den Bau des Chrysler Buildings zu dokumentieren. Ein Luis Hine eigentlich ein Fotograf, der sich mit den Arbeitern am Boden und deren Armut und Zwänge beschäftigte, bekam den Auftrag, die Arbeiten am Empire State Building zu dokumentieren. Und beide schufen Bilder, die einen auch heute noch schwindlig werden lassen. Es ist eine Zeit, in der der Blick von Hochhausdächern hinein in die Straßenschluchten New Yorks ikonisch wird. In den USA sind Boomjahre und es ist diese Zeit, in der sich Charles Ebbet einen Namen macht. Seine erste Kamera bekommt er als er acht Jahre alt ist. Eine <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, eine Kamera also, die in erster Linie super einfach zu bedienen ist. Und zum ersten Mal Fotografie für alle verfügbar machte. Finanziell ging es den Ebbets nicht allzu gut und so musste Charles seine Schule nach der zehnten Klasse abbrechen und einen Weg finden Geld zu verdienen. Sein Vater hatte beruflich mit Zeitungen zu tun und so beschloss auch Charles sich, als Reporter zu verdingen.</p>

<p>Das war auch grob die Zeit, in der ihm der Gedanke kam, dass er auch seine Kamera benutzen könnte, um damit Geld zu verdienen. Aber allgemein kann man sagen, hat Charles so manches ausprobiert. Er zog von Alabama nach Florida und dort versuchte er sich eine Weile als Schauspieler aber das war eigentlich das harmloseste seiner Hobbys, denn außerdem machte er sich einen Namen als sogenannter &#8222;Wingwalker&#8220;. Als jemand, der bei Flugschauen aussteigt aus dem Flugzeug und auf der Tragfläche herumturnt, er fuhr Autorennen, für eine Weile war er Wrestler, er jagte und wenn die Kohle mal wieder eng war, dann stieg er in den Ring und erboxte sich Preisgelder. All diese Hobbys dokumentierte er routiniert mit seiner Kamera und machte sich einen Namen, als einer der in der Lage war ungewöhnliche Fotografien zu produzieren.</p>

<p>Und einige seiner Projekte sorgten dafür, dass Zeitungen im ganzen Land seine Fotostrecken veröffentlichten, unter anderem auch die New York Times.</p>

<p>Wir haben die Dreißigerjahre, die Weltwirtschaftskrise hat die USA fest im Griff und das betrifft natürlich auch die Bauprojekte in den Großstädten. In New York hatte die New York Opera einen ehrgeizigen Plan. Sie wollten einen Gebäudekomplex schaffen, in dem Hochkultur endlich ein angemessenes Zuhause finden würde. Und sie hatten einen begeisterten Unterstützer: John Rockefeller. Nach dem schwarzen Freitag wurden aber drastische Einsparungen nötig und dadurch wurde schnell klar, dass die Oper dieses Projekt nicht mehr würde finanzieren können. Eine Alternative musste also her. Wie schon vorher das Empire State Building oder das Chrysler Building würde man nun Hochhäuser bauen, die nach und nach an finanzkräftige Unternehmen vermietet werden sollten. Die 19 Gebäude, die zum Rockefeller Center gehörten, wurden zum Teil umgewidmet, Shopping, Büroflächen, Kulturangebote, hochpreisige Mietangebote, all das wurde in dem Gebäudekomplex zusammengebracht. Jetzt war es nur noch notwendig passende Mieter zu finden, eine Publicity Strategie musste her und es brauchte jemanden, der großartige Fotografie rund um dieses Projekt schaffen könnte.</p>

<p>Ein Team wurde zusammengestellt, insgesamt vier Fotografen würden den Bau begleiten. Und die Leitung dieses Teams und die Auswahl der Bilder wurde Charles Ebbet übergeben. Es wurden noch Investoren gesucht und so begleitet Charles mehrere Monate lang insbesondere den Bau des höchsten Gebäude des Komplexes. Des sogenannten RCA-Buildings. Es ist eine Zeit, in der in New York viele verschiedene Aspekte zusammenkommen. Die USA sind Einwanderungsland und besonders in New York versuchen viele ihr Glück, es ist die Great Depression, also die Weltwirtschaftskrise, aber in den Städten und den Großbauprojekten sehen viele noch eine Chance Geld zu verdienen. Und tatsächlich kann man als Arbeiter recht einfach bei den großen Hochhausprojekten anheuern. Es ist ein Cliché, dass besonders bei den Hochhausbaustellen eine große Anzahl der Arbeiter von den amerikanischen Ureinwohnern rekrutiert wurde, die wären nämlich besonders schwindelfrei, so heißt es. In Wirklichkeit fand man auf den Baustellen aber alle möglichen Nationalitäten. Besonders Italiener und Iren waren zu der Zeit in größere Zahl in New York eingetroffen und stellten dann eben die Arbeiter. Wer also schwindelfrei genug war und bereit war den Sturz in den Tod zu riskieren, konnte relativ schnell ein recht gutes Gehalt haben und noch dazu einer Arbeit nachgehen, die im ganzen Land positiv gesehen wurde. Die Arbeiter in den Hochhäusern arbeiteten am Fortschritt mit. Und Charles und sein Team schufen Bildstrecken, die diese Arbeiter feierten. So auch am 20. September 1932, das Wetter ist großartig, man hat freie Sicht über den Central Park, die Sonne scheint und es ist hell genug, dass man auch mit den Kameras, die damals üblich waren, hervorragend fotografieren konnte. Gearbeitet wird mit sogenannten Reportagekameras, das sind, für heutige Verhältnisse, recht große, für damalige Verhältnisse aber sehr kompakte Kameras, die auf Glasplatten belichteten. Auf denen war eine trockene Emulsion aufgebracht und man musste nach jeder Belichtung die Glasplatte entfernen und durch die nächste unbelichtete Glasplatte ersetzen. Das Verbrauchsmaterial trugen die Fotografen in einer Ledertasche über die Schulter geworfen. Und so turnten sie wie die Bauarbeiter auf Stahlträgern in zum Teil schwindelerregender Höhe herum und gaben Anweisungen. Das Ziel war originelle Fotos zu machen. Und so lies man Bauarbeiter so tun als, wenn sie auf Stahlträgern schlafen würden oder ließ sie mit einer amerikanischen Flagge so stehen, dass es aussah als würden sie auf das Empire State Building eine Flagge aufsetzen. Und dann schießen sie das ikonische Foto schlechthin.</p>

<p>Am zweiten Oktober wird der &#8222;New York Herald Tribune&#8220; das Foto unter der Schlagzeile &#8222;Lunch atop a Skyscraper&#8220; veröffentlichen. Es zeigt den Blick Richtung Central Park, ein Stahlträger geht in der Mitte durchs Bild, als Betrachtende können wir nur erahnen, wie tief es wohl unter diesem Stahlträger in den Abgrund gehen mag. Und auf diesem Stahlträger sitzen elf Arbeiter und machen Brotzeit, bzw. halten Brotzeitgegenstände in den Händen. Nur ein einziger Arbeiter schaut direkt in die Kamera und beim schrägen Blick auf die Häuserschluchten unterhalb der Baustelle kann einem wirklich schwindelig werden. Das Foto ist erfolgreich, so erfolgreich, dass es bis heute hunderte Male nachgeahmt wurde.</p>

<p>New York kann man nicht besuchen, ohne diesem Bild nicht an allen möglichen Stellen zu begegnen und es wird weltweit wiedererkannt. Es ist eines der Bilder mit dem höchsten Wiedererkennungswert überhaupt. Allerdings wissen die Wenigsten, wer dieses Foto aufgenommen hat und wo es überhaupt gemacht wurde. Selbst Amerikaner geben auf Nachfrage an, dass das Bild auf dem Empire State Building geschossen wurde. Und irgendwann zog im Internet das Gerücht ein, dass Lewis Hine, der Fotograf am Empire State Building begleitet hatte, der Urheber dieses Foto gewesen sei. Da half es jetzt auch nicht, dass jahrelang vollkommen unklar war, wer das Bild gemacht hat. Alle Fotografen, die an dieser Baustelle tätig waren, hätten theoretisch diese Aufnahme machen können. Es gibt Bilder von diesem Tag, die Charles Ebbets zum Beispiel bei der Arbeit zeigen, wo er allein auf irgendeinem Stahlträger herum balanciert, während er seine Kamera bedient. Überhaupt sah man Fotografien damals seltener als Kunstwerke an und öfter als ein technisches Produkt. Die Fotografen waren also eher Operateure fotografischer Maschinen, als Künstler oder Urheber eines besonders schützenswertem Werkes.</p>

<p>Die Arbeiter waren damals sowieso egal und so steht auf dem Originalglasnegativ, das übrigens auch schon ziemlich mitgenommen ist, weder eine Liste der Namen der abgebildeten Personen, noch der Name des Fotografen. Das Bild selbst war auch nicht von Anfang an so ikonisch, sonst hätte man sich vielleicht noch die Mühe gemacht. Erst Jahrzehnte später wurde das Bild zu einem Standard-Postkartenmotiv. Und ab jetzt gönnten sich die New Yorker Zeitungen auch alle paar Jahre mal den Spaß, nach den Personen auf dem Foto zu fanden. Unzählige Kandidaten meldeten sich, hätten die alle recht und ihre Onkel, Väter, Großväter wären tatsächlich die Personen auf dem Stahlträger in dem Bild, dann wären da nicht elf, sondern wahrscheinlich hundert Leute gesessen.</p>

<p>Es ist eine Dokumentation aus dem Jahr 2003, die das Ganze nochmal aufarbeitet und gezielt auf die Suche geht. Sie finden nicht nur zwei der elf Männer und können sie eindeutig identifizieren, sondern schaffen es auch in Zusammenarbeit mit den Nachkommen von Charles Ebbets, zweifelsfrei nachzuweisen, dass er tatsächlich der Fotograf dieser ikonischen Aufnahme war. Es darf aber bezweifelt werden, dass Ebbets selbst dieses Foto als sein Wichtigstes beschrieben hätte. Für ihn war dieser Einsatz am Rockefeller Center sowieso nur ein zehnmonatiger Teil seiner viel länger dauernden Karriere. 1933 zog er wieder von New York zurück nach Florida und beschäftigte sich dort mit der Natur und den Ureinwohnern in den Everglades. Er wird erst &#8222;Official-Associated-Press-Photograph&#8220; in der Region und gründet dann später die &#8222;Miami-Press-Photographers-Association&#8220; und wird deren erster Präsident.</p>

<p>Als Pressefotograf reist Ebbets um die Welt und fotografiert die verschiedensten Ereignisse, kehrt aber immer wieder in die Everglades zurück, um dort zu fotografieren. Eine Rückenverletzung bewahrt in davor im 2.Weltkrieg als Soldat eingezogen zu werden, weil er aber einen Pilotenschein hatte, setzte ihn die US-Airforce als Fotograf in den Ausbildungszentren in Florida und Südamerika ein. ALs der Zweite Weltkrieg endet, kehrt Ebbets wieder zu seinem Zivilleben zurück und wird Cheffotograf der City oft Miami. Ja, das gibt es als Position. Fotografisch wird er jetzt auch ruhiger. Er fotografiert die Tiere und Landschaften der Everglades bevor er mit 72 Jahren 1978 an Krebs erkrankt und stirbt.</p>

<p>Sein Nachlass und sein Bildarchiv verwaltet seine Tochter und so kann man inzwischen online eine ganze Reihe seiner Werke sehen.</p>

<p>Das Bild &#8222;Lunch atop a Skyscraper&#8220; gehört der Bildagentur Corbis und die bröckeligen Originalnegative sind schon lange nichtmehr dafür geeignet, um von diesem Foto korrekte Abzüge zu machen.</p>

<p>Und trotzdem ist es irgendwie schön, dass dieses Foto die Arbeiter feiert, die Gebäude wie das Rockefeller Center überhaupt erst möglich gemacht haben. Und dass es 25-jährige Abenteurer waren, die mit ihren Kameras ikonische Bilder geschaffen haben, die danach um die Welt gegangen sind. Da ist es dann auch fast schon wieder verzeihbar, dass dieses Foto zusätzlich noch mit der Perspektive spielt. Und der Stahlträger vermutlich gar nicht 200 Meter in luftiger Höhe, sondern eher eineinhalb Meter über einem geschlossenem Stockwerk war.</p>

<p>Insbesondere, wenn man weiß, dass es sehr wohl auch die Bilder gibt, in denen die Leute wirklich über dem Abgrund waren.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 16 Jan 2022 18:49:20 GMT</pubDate>
            <enclosure url="https://fotomenschen.kopfstim.me/audio/fm75_lunch_atop_a_skyscraper.mp3" length="13562502" type="audio/mpeg" />
            <itunes:duration>14:38</itunes:duration>
        </item>
        <item>
            <title>Arbeitende Kinder</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/arbeitende-kinder.html</link>
            <guid isPermaLink="true">https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/arbeitende-kinder.html</guid>
            <description>Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten. </p>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="220" height="317" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/220px-Lewis_Hine_selfportrait1.jpg" alt="Porträt eines Mannes mittleren Alters mit heller Frisur, der eine Brille und einen dunklen Anzug trägt."/></figure></div>

<ul><li>Lewis W. Hine (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hine" target="_blank">English</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hine" target="_blank">Deutsch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ellis_Island" target="_blank">Ellis Island</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://artmuseum.princeton.edu/collections/objects/12552" target="_blank">Sadie Pfeifer, 48 inches high</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://news.fotocommunity.de/" target="_blank">LEWIS WICKES HINE: FOTOGRAF DER VERLORENEN KINDHEIT</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/hine-100.html" target="_blank">26.09.1874 &#8211; Geburtstag des Fotografen Lewis W. Hine</a> (WDR Beitrag)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.taschen.com/de/books/photography/43917/lewis-w-hine-america-at-work/" target="_blank">Buch: Lewis W. Hine. America at Work (Hardcover, Taschen, 16€)</a></li><li><a href="https://www.zeit.de/arbeit/2018-11/america-at-work-lewis-w-hine-sozialdokumentation-fs?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Alle haben geraucht&#8220; (Die Zeit)</a></li><li><a href="https://www.stern.de/panorama/wissen/die-bilder-von-lewis-hine-klagen-das-elend-der-kinderarbeit-an-8370578.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dieser Fotograf beendete das Elend der Kinderarbeit in den USA</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="560" height="690" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Brooklyn_Museum_-_Climbing_into_the_Promised_Land_Ellis_Island_-_Lewis_Wickes_Hine1.jpg" alt="Eine Gruppe von Menschen in historischer Kleidung versammelt sich drinnen, wobei einige Körbe und Kisten tragen."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="757" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-Child_laborer1-1024x757.jpg" alt="Ein junges Mädchen steht in einem Gang zwischen zwei langen Reihen von Textilmaschinen in einer Fabrikhalle." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="976" height="689" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Pennsylvania_coal_breakers_Breaker_Boys_19121.jpg" alt="In einer schwach beleuchteten Industriewerkstatt sitzen zahlreiche Arbeiter an langen Tischen und verrichten dort manuelle Tätigkeiten." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="804" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-ChildLabor19101-1024x804.jpg" alt="Eine Frau mit einem hellen Kopftuch trägt einen rechteckigen Kasten auf einem schmalen Weg durch eine offene Landschaft." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="694" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-Midnight_at_the_glassworks2b1-1024x694.jpg" alt="Drei Arbeiter posieren zwischen großen Rohren und industriellen Maschinen in einem dunklen Fabrikinneren." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="720" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Little_Lottie_a_regular_oyster_shucker_in_Alabama_Canning_Co._She_speaks_no_English._Note_the_condition_of_her_shoes..._-_NARA_-_523398-1024x720.jpg" alt="Mehrere Frauen arbeiten in einer Werkstatt und bearbeiten Waren mit kleinen Schalen auf einem Holztisch." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="735" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1024px-Lewis_Hine_Power_house_mechanic_working_on_steam_pump1-735x1024.jpg" alt="Ein Arbeiter kniet und arbeitet mit einem Werkzeug an der großen, verschraubten Flanschplatte einer industriellen Maschine." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="820" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-Old_timer_structural_worker21-1024x820.jpg" alt="Ein Mann steht auf einem Metallgerüst und blickt über eine ausgedehnte Großstadt-Skyline mit vielen Wolkenkratzern." /></figure></li></ul></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/kinderarbeit-fragen-und-antworten/275272" target="_blank">Unicef &#8211; Kinderarbeit weltweit: Die 7 wichtigsten Fragen und Antworten</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/foto-des-jahres/wettbewerb-2019" target="_blank">Unicef Foto des Jahres</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/?pk_source=GoogleAds&amp;pk_campaign=cpc&amp;pk_kwd=kinder%20arbeit" target="_blank">aktiv gegen kinderarbeit</a></li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="ddiOJLuu2mo" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ddiOJLuu2mo.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="pOIvdhmMaOE" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_pOIvdhmMaOE.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="bQYrBniB5FU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_bQYrBniB5FU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="lSuxF1cm94c" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_lSuxF1cm94c.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="ciHVrkfoC-g" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ciHVrkfoC-g.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Tranksript</strong></p>

<p>Als die Industrialisierung in Ländern wie den USA ankam, brauchte sie vor allen Dingen eins: billige Arbeitskräfte. Und die billigsten Arbeitskräfte, das sind die Kinder armer Familien. Sie sind billig, sie sind schnell, sie trauen sich nicht, zu streiken und es gibt viele. Kein Wunder, dass die Land auf, Land ab im Einsatz sind. Sie sind Minenarbeiter, Fabrikarbeiter, helfen bei Ernten, laufen als Botenjunge und Zeitungskinder durch die Straßen.</p>

<p>Und die Menschen, die nicht zu den Armen gehören, schauen sich das an und finden nichts dabei, denn sie wissen ja nichts über die Bedingungen, bei denen diese Kinder arbeiten. Ein Zustand, der sich dank der Fotografien eines bemerkenswerten Mannes ändern sollte: Lewis Wickes Hine.</p>

<p>Ich habe so einige Stunden diese Woche damit zugebracht, mich durch Lewis Hines Bilder zu blättern. Es gibt vom Taschenverlag ein Buch, in dem sein Gesamtwerk abgebildet ist. Geboren wird er im Jahr 1874 in Wisconsin. Als sein Vater stirbt, als er gerade mal 16 war, wird es notwendig, dass er zum Familieneinkommen beiträgt, und so fängt Lewis zu Arbeiten an. Ob da vielleicht sogar schon ein Grundstein für sein späteres Werk gelegt wird, kann man nur spekulieren, aber in jedem Fall weiß man, dass Lewis von Anfang an viel mit der arbeitenden Bevölkerung zu tun hatte, mit Menschen, die nicht immer gut gestellt waren.</p>

<p>Es ist das Jahr 1900, als er ein Pädagogikstudium in Chicago beginnt und wenige Jahre später an der Ethical Culture School in New York eine Anstellung als Lehrkraft antritt. Hier findet Lewis Hine auch zur Fotografie, damals noch im Kollodium-Nassplatten-Verfahren, und beginnt irgendwann schließlich auch Fotokurse zu geben.</p>

<p>An seiner Schule sind viele Einwanderer eingeschrieben, hauptsächlich osteuropäischer oder jüdischer Abstammung. Ein Großteil der Einwanderer in der damaligen Zeit kommen durch New York. Und alle mussten Station auf Ellis Island machen, einer kleinen Insel im Hudson River, auf dem die Einwanderungsbehörden der USA sämtliche Formalitäten erledigen. Alle Migranten, die zu der Zeit von der Seite in die USA einreisen, müssen durch diese Insel.</p>

<p>Und Lewis beschließt, daraus ein Fotoprojekt zu machen. Es entstehen die ersten eindrücklichen Aufnahmen von Einwanderern, Menschen, die sich den Formalitäten unterwerfen, die dort Treppen hochsteigen und in Warteräumen sitzen.</p>

<p>Das, was Lewis Hine schon damals macht, hat heute einen Namen, nämlich Sozialreportage, aber zu der Zeit gab es das kaum. Niemand machte sich die Mühe, Menschen dabei zu fotografieren, wie sie ihrem Alltag nachgingen. Und schon gar nicht, wenn diese Menschen im Grunde benachteiligte, oft arme Leute aus anderen Ländern sind. Lewis spricht auch mit seinen Fotomotiven, er macht Notizen. Und so wissen wir oft nicht nur, welche Szene eine Aufnahme zeigt, sondern haben auch Details zu einzelnen der Menschen, die darauf abgebildet sind. Name, Alter, woher sie kommen, was sie machen.</p>

<p>Je mehr Lewis fotografiert, desto mehr beginnt er auch, sich für die theoretische Seite seiner Leidenschaft zu interessieren. Er fängt an, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Das Themenspektrum ist weit: Mal geht es um die Wirkung von Fotografien, mal schreibt er über die pädagogischen Ideen in seiner Arbeit. Und dann wieder äußert er sich zu den sozialen Bedingungen, die er antrifft.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der er auch den Soziologen Paul Kellogg kennenlernt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift namens &#8222;The Survey&#8220; und Lewis Hine wird in den folgenden 30 Jahren Bilder in diesem Magazin veröffentlichen. Zu der Zeit, als die zwei Männer sich kennenlernen, arbeitet Kellogg gerade an einer Studie, in der er sich mit den Zuständen in der aufstrebenden Industriestadt Pittsburgh beschäftigt und Lewis Hine soll die Fotografien zu diesem Projekt beisteuern. Kellogg geht es darum, die wirtschaftlichen Faktoren mit der Politik seiner Zeit durch Reportageelemente zu verbinden und da sind natürlich Fotografien einzigartig mächtig.</p>

<p>Hine fährt also durch die Industrieanlagen Pittsburghs und macht Fotos von den Arbeitern und ihren Familien und wer zu der Zeit in Fabriken fotografiert, konnte gar nicht anders, als auch Kinder beim Arbeiten zu sehen. Und auch die fotografiert Hine.</p>

<p>Jetzt ist es nicht so, dass Hine als erster Kinderarbeit entdeckt hat. Tatsächlich hat zu der Zeit die USA ein immer deutlicher werdendes Kinderarbeitsproblem. Im Jahr 1910 sind über 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren nicht in der Schule, sondern im Beruf. Die Arbeiten sind oft anstrengend und nicht selten auch gefährlich und so kommt es auch immer wieder auch zu bedauerlichen Unfällen. Es gibt kaum eine Gesetzeslage, die die Kinder schützen würde. Und es gibt nur wenige, die für diesen Schutz kämpfen.</p>

<p>Es ist dieses Klima, in dem das National Child Labor Committee gegründet wird, eine Non-Profit-Organisation, die sich für entsprechende Gesetzgebung einsetzen will und die Macht der Bilder erkennt. Hine hat sich zu der Zeit bereits einen Namen mit seinen Fotografien für die Studie und seinem Projekt auf Ellis Island gemacht und so beschließt das NCLC, einen offiziellen Fotografen anzustellen und wendet sich an ihn. Er sagt zu und die nächsten Jahrzehnte wird Hine kreuz und quer durch die USA reisen und Kinder fotografieren. Und diese Bilder werden in &#8222;The Survey&#8220;, in Publikationen der NCLC oder auch in Vorträgen und anderen Publikationen von Lewis Hine selbst veröffentlicht.</p>

<p>Nach und nach greifen auch immer öfter Zeitungen auf Bilder von Lewis Hine zurück. Und als US-Politiker anfangen, erste Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen, sind es die Bilder von Lewis Hine, die letztlich den Ausschlag geben. Er hat ganze Serien von Aufnahmen, wo kleine Kinder, manchmal nur vier oder fünf Jahre alt, an gigantischen Maschinen arbeiten, wo Kinder zwischen sieben und zwölf in Minen arbeiten, Bilder von Kindern, die ihre Hände in Maschinen gebracht haben und seitdem invalide sind, Fotografien von Zeitungsjungen, die von drei Uhr Nachts bis Abends um elf Zeitungen verkaufen und dafür zehn Cent am Tag verdienen.</p>

<p>Und Lewis hat nicht nur diese Bilder, er hat auch immer ein paar Zeilen dazu. Er weiß, wer auf dem Bild ist. Lewis schreibt auf, welches Alter die Kinder angeben und welches Alter er schätzt. Inzwischen weiß er, auf welcher Höhe ungefähr jeder Knopf auf seinem Mantel ist und er kann durch Abzählen der Knöpfe grob schätzen, wie groß die Kinder sind und eine grobe Altersangabe machen.</p>

<p>In manchen Fabriken ist er natürlich nicht willkommen. Die Vorarbeiter sehen es nicht gerne, dass ein Fotograf auftaucht. Und so findet er alle möglichen Wege, um sich seine Fotos zu besorgen. Manchmal gibt er sich als Vertreter für Bibeln aus und sagt, er hat eine Kamera dabei, damit er seine Kundinnen und Kunden beim Bibellesen fotografieren kann, besonders Kinder mit Bibeln wären ihm sehr recht. Oder er stellt sich mit seiner Kamera einfach vor die Fabrik und fotografiert die Kinder beim Kommen und Gehen.</p>

<p>Lewis Hine macht tausende solcher Aufnahmen. Aber das berühmteste seiner Bilder zeigt die kleine Sadie Pfeifer. Sie ist eines von vielen kleinen Kindern, die in einer Baumwollspinnerei die Maschinen bedienen.</p>

<p>Was ich sehr interessant fand, war, beim Durchblättern von Lewis Hines Werk, dass er anders als seine Zeitgenossen zu fotografieren schien. Seine Bilder haben meistens einen sehr präzisen Bildaufbau. Ich schätze, daran erkennt man unter anderem auch den Fotolehrer. Aber der Bildaufbau bei Lewis Hine ist im Grunde immer der Gleiche. Je nach Bildmotiv sind zum Beispiel Kinder auf der rechten Seite vor einer an ihm vorbeilaufenden großen Maschine abgebildet, immer ungefähr in derselben Position. Oder kleine Kinder stehen in der Mitte der Aufnahme und schauen direkt in die Kamera, die Kamera ganz offensichtlich leicht unterhalb ihrer Augenlinie, sodass man nach oben schauen muss. Lewis begibt sich grob auf Augenhöhe seiner fotografierten Kinder und dadurch werden die Betrachterinnen und Betrachter dazu gezwungen, sich mit dem Motiv zu identifizieren. Außerdem arbeitet Lewis Hine mit selektiver Schärfe. Die Schärfe liegt präzise auf dem Kind.</p>

<p>Der Hintergrund und der Vordergrund verschwimmen in aller Regel leicht in der Unschärfe. Man sieht eine gewaltige Maschine mit einem Streifen Schärfe dran und ein arbeitendes oder Pause machendes Kind. So lassen sich diese Aufnahmen kombinieren, nebeneinander stellen, es ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Bildern, die den industriellen Komplex in den USA noch mächtiger aussehen lassen.</p>

<p>Und seine Bilder beeindrucken. Es gibt ja ungefähr zu der Zeit noch einen anderen großen sozialen Fotografien, nämlich Jacob Riis. Die beiden Männer kannten sich sogar. Während Jacob sich mit den Lebensbedingungen der Menschen in New York und in den USA allgemein beschäftigte, ging es Lewis in erster Linie um die Arbeitsbedingungen. Und seine Arbeit zeigt Wirkung. Nach und nach werden entsprechende Forderungen aufgestellt und Gesetzesentwürfe veröffentlicht. Riis ist zu der Zeit der Chef der NCLC Ausstellungsabteilung und macht bis zu elf Fotoausstellungen im Jahr. Und die Ausstellungen touren zum Teil bis zu 60 Städte.</p>

<p>Im Jahr 1912 gründet die US-Regierung das US Children&#8217;s Bureau, 1916 bis 1918 werden dann endlich Gesetze verabschiedet, die Kinder schützen sollen. Allerdings greifen diese Gesetze in die Autonomie der US-Bundesstaaten ein und so kommt es schnell zu Klagen, woraufhin das oberste Gericht der USA diese Gesetze zunächst wieder annulliert.</p>

<p>Ultimativ dauert es bis in die 30er, bis die USA ordentliche Kinderschutzgesetze verabschieden. Und der Hintergrund ist damals auch ein zynischer: Die Weltwirtschaftskrise schlägt zu. Und die ersten, die durch die Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit verlieren und nicht mehr gebraucht werden, sind die Kinder der Armen, dicht gefolgt von den Armen selbst. Und in einer Wirtschaft, in der es sowieso nicht genügend Arbeit gibt, um alle zu beschäftigen, ja, da hat sich das mit der Kinderarbeit auch erstmal erledigt. Und dieser Moment wird dann vom Gesetzgeber auch genutzt. Als die Weltwirtschaftskrise vorbei ist, gibt es in den USA ordentliche Kinderschutzgesetze, auch auf Bundesebene.</p>

<p>Und Lewis Hine kann von sich behaupten, einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser gesamten Bewegung gehabt zu haben. Und das galt natürlich insbesondere deswegen, weil Lewis Hine einen fotografischen Stil und ein Thema gewählt hatte, das so noch nie dagewesen war und die Menschen aufrüttelte. Eltern sahen Kindern in die Augen, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten und da war es einfach sehr klar, dass eine Schule ein besserer Ort für ein Kind ist. Die so bebilderten Kampagnen rannten dann offene Türen ein.</p>

<p>Und so blieb es auch bei Lewis Hine nicht bei den Bildern von Kinderarbeitern, nach mehreren Jahren Fotografie mit sozialem Auftrag fand er ein neues Schaffensfeld: Er wurde vom Roten Kreuz angestellt und nach Europa geschickt. Dort fotografierte er die Bemühungen des Roten Kreuzes, also zum Beispiel in Kriegslazaretten. Und auch hier richtet er seine Kamera auf den Alltag und auf die einfachen Leute, Krankenschwestern, Veteranen, die Familien der verletzten Soldaten, die Kriegsweisen.</p>

<p>Und was man hier auch nach und nach sieht, ist, dass Hine seinen Blickwinkel verändert. Aus Fotografien, die auf soziale Missstände hinweisen, werden Bilder der Arbeiterklasse.</p>

<p>Als er dann in die USA zurückkehrt, ist das sein Haupttätigkeitsfeld. Wieder reist er durch die USA und wieder fotografiert er hauptsächlich die einfachen Menschen, aber jetzt die Arbeiter und jetzt auch oft mit einem deutlich positiverem Blick. Seine Bilder werden regelmäßig in Firmenzeitungen abgedruckt oder für Werbekampagnen gekauft. Und irgendwann bekommt er den Auftrag, das im Bau befindliche Empire State Building als offizieller Baustellenfotograf zu begleiten.</p>

<p>Und hier bringt er alles zusammen, was er in den Jahrzehnten zuvor an Kenntnissen zusammengetragen hatte. Er ist an den Arbeitern interessiert. Im Stil sehen die Bilder sehr vertraut aus. Ich hab ähnliches von <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> gesehen, oder auch Bilder wie &#8222;Lunch atop a Skyscraper&#8220;, wo ein Stahlträger mit darauf sitzenden Arbeitern abgebildet ist, sehen sehr ähnlich aus wie Aufnahmen, die Lewis Hine hinterlassen hat. Männer, die auf Stahlträgern in schwindelnder Höhe balancieren. In diesen Aufnahmen gibt es keine Missstände anzuprangern. Hine nutzt seine Ästhetik, um den einfachen Mann bei der Arbeit zu feiern. Und diesem Thema bleibt er dann auch bis zum Ende seines Lebens treu.</p>

<p>Nach dem Empire State Building gibt es jetzt keine großen Aufträge mehr, aber Hein fotografiert bis zu seinem Lebensende weiter, meistens Portraits. Und weil er nicht besonders geschäftstüchtig ist, geht ihm nach und nach auch das Geld aus. Als seine Frau stirbt, ist er fast mittellos, zieht bei seinen Kindern ein und beschäftigt sich bis zu seinem Tod mit Schreiben und Fotografieren. Und geriet dann erstmal in Vergessenheit.</p>

<p>So richtig berühmt war er sowieso nie geworden. Seine Arbeit war immer im Schatten anderer Frontfiguren gestanden und so dauert es fast bis in die 70er, bis eine groß angelegte Ausstellung sein Werk nochmal der Öffentlichkeit vorstellt und damit sehr deutlich macht, wie viel Einfluss seine Arbeit auf die Bildarbeit der damaligen Zeit hatte. Die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die parallel zu ihm oder kurz nach ihm kamen, kannten seine Fotografien ja sehr wohl. Seine Bilder waren Inspirationsquelle, seine Essays waren gelesen worden und so erkennt man seinen Einfluss bis heute. Und bis heute gibt es auch <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die sich mit denselben Themen beschäftigen. Da gibt es Bildbände, in denen einfache Arbeiter portraitiert werden und es gibt Bücher, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen.</p>

<p>Wir haben jetzt gerade, während ich aufnehme, das Jahr 2021 und laut der UNICEF ist dieses Jahr zum ersten Mal wieder mal ein Jahr, in dem die Kinderarbeit global zugenommen hat. 160 Millionen Kinder unter 14 Jahren arbeiten weltweit unter Bedingungen, unter denen Kinder nicht arbeiten sollten. Und damals wie heute gibt es Menschen, die darauf aufmerksam machen und versuchen, mit Fotografien aufzurütteln. Leider ist unsere Welt viel, viel zynischer geworden und deswegen reicht schon lang keine fotografische Arbeit mehr aus, um Regierungen zum Handeln zu bewegen. Was aber nicht heißt, dass es das nicht weiterhin wert ist. Lewis Hine hätte gesagt, es ist es immer wert, dem Menschen zu zeigen, was sonst viel zu einfach wegzuignorieren ist. Und ich finde: Da hat er Recht.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 09 Oct 2021 15:44:06 GMT</pubDate>
            <enclosure url="https://fotomenschen.kopfstim.me/audio/fm62_lewis_hine.mp3" length="14811429" type="audio/mpeg" />
            <itunes:duration>16:08</itunes:duration>
        </item>
</channel>
</rss>