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    <title>Fotomenschen - Associated Press</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Associated Press&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sat, 11 Sep 2021 15:33:36 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Der fallende Mann</title>
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            <description>Der Terroranschlag vom 11. September 2001 ist vermutlich der meistfotografierte Anschlag aller Zeiten und es gibt eine Unmenge ikonischer Aufnahmen dieses Tages.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Der Terroranschlag vom 11. September 2001 ist vermutlich der meistfotografierte Anschlag aller Zeiten und es gibt eine Unmenge ikonischer Aufnahmen dieses Tages. Aber ein Bild sticht heraus und war zur Zeit seiner Veröffentlichung so kontrovers dass es danach mehrere Jahre im Giftschrank der Presseagenturen verschwand.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Drew_(Fotograf)" target="_blank">Richard Drew</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_11._September_2001" target="_blank">Terroranschläge am 11. September 2001</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210521210811/http://digitaljournalist.org/issue0110/drew.htm" target="_blank">Richard Drew</a> (The Digital Journalist)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/The_Falling_Man" target="_blank">The Falling Man</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.esquire.com/news-politics/a48031/the-falling-man-tom-junod/" target="_blank">The Falling Man &#8211; an unforgettable story.</a> (Esquire)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://bhphotopodcast.libsyn.com/size/5/?search=richard+drew" target="_blank">Richard Drew Interviews i</a><a href="https://bhphotopodcast.libsyn.com/size/5/?search=richard+drew" target="_blank" rel="noreferrer noopener">m</a><a rel="noreferrer noopener" href="https://bhphotopodcast.libsyn.com/size/5/?search=richard+drew" target="_blank"> B&amp;H Photography Podcast</a></li></ul>

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<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wenn ich gerade hier so sitze und in dieses Mikrofon spreche, sehe ich bequem das Display meines Telefons. Es zeigt mir das aktuelle Datum, es ist der 11. September 2021 &#8211; 20 Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Das Datum ist natürlich offensichtlich etwas Besonderes: Überall laufen gerade Dokus und die meisten von uns wissen ganz genau, wo sie waren, als sie von den Anschlägen erfahren haben. Ich bin da keine Ausnahme, ganz besonders deswegen nicht, weil ich näher an diesen Türmen war, als mir lieb war, ich war nämlich in Queens. In Sichtweite der zu dem Zeitpunkt schon brennenden Türme.</p>

<p>Aber ich verkneife mir jetzt mal, hier im Podcast darüber zu sprechen, was ich an dem Tag erlebt hab. Erstaunlicherweise habe ich auch keine Fotos davon in meinem Archiv. Ich habe nicht fotografiert. Stattdessen möchte ich allgemein über die Fotografie vom 11. September und speziell über ein ganz besonderes Bild sprechen: Eine Aufnahme, die so kontrovers war, dass sich Bildredakteure nach ihrer Veröffentlichung dafür entschuldigten und mehrere Jahre lang stillschweigend die Absprache trafen, dieses Bild nicht mehr einzusetzen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>(Tagesschau Intro)</p>

<p>&#8222;Kurz vor neun Uhr Ortszeit in New York: Ein US-Passagierflugzeug stürzt auf einen der Türme des World Trade Centers. Wenig später rast eine zweite Maschine in den anderen Turm. Beide Gebäude stürzen kurze Zeit später nacheinander in sich zusammen. Gegen zehn Uhr stürzt ein Flugzeug auf das Gelände des Pentagon in Washington. Das Verteidigungsministerium geht teilweise in Flammen auf.&#8220;</p>

<p>Ich kann jetzt natürlich eine Menge Plattitüden absondern. Ich kann erklären, wie diese Anschläge selbstverständlich die Welt verändert haben. Die größten Anschläge auf amerikanischem Boden. Die Amerikaner waren auf ihrem eigenen Grund und Boden angegriffen worden, das war etwas, das ihnen bis dahin komplett erspart geblieben war. Und die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Wir haben gar keine Schwierigkeiten, uns an das World Trade Center als Gebäude zu erinnern und wir haben natürlich Bilder von den rauchenden oder den einstürzenden Türmen vor Augen. Dann ist da natürlich noch diese Aufnahme von dem schräg stehenden metallischen Fassadenstück, vor dem die Feuerwehrleute wie kleine Miniaturfiguren aussehen. Es gibt Bilder von den rauchenden Türmen in der Skyline aus Entfernung oder Aufnahmen von Menschen, die vor den plötzlich durch die Straßen rauschenden dunklen Rauch- und Staubwolken davonrennen.</p>

<p>Ich glaube, man kann auch davon ausgehen, dass die Anschläge vom 11. September zu den best dokumentierten Anschlägen unserer Zeit gehören. Das liegt unter anderem auch an der Stadt, in der die stattfanden: New York. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt tobt in New York das Leben und zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist New York voll mit Pressefotografen und Journalisten, nicht zuletzt auch, weil die großen Fotoagenturen natürlich Büros und Hauptquartiere in dieser Stadt haben. Als das erste Flugzeug den ersten Tower trifft, greifen in der ganzen Stadt hunderte von professionellen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen zu ihrem Equipment und stürmen auf die Straße, wenn sie nicht sowieso schon in Sichtweite auf die Anschläge sind.</p>

<p>Vor einigen Wochen kam hier bei mir ein Päckchen an. Ich hatte bei einer Aktion mitgemacht, bei der Holger Dankelmann, seines Zeichens Podcaster und Fotograf, Fotobildbände in einer Art Kettenbrief rumschickte. Die Idee war, ein Päckchen mit Bildbänden zu bekommen, dort dann einzelne Bücher rauszunehmen, dafür andere Bücher beizusteuern und es wieder zum nächsten Empfänger auf die Reise zu schicken. Als das Paket bei mir ankam, enthielt es unter anderem einen Bildband der Fotoagentur Magnum, in der die Magnumfotografinnen und -fotografen ihre Aufnahmen vom 11. September zusammengetragen hatten. Und dann waren natürlich noch Unmengen von Touristen in der Stadt, die auch alle fotografierten.</p>

<p>2001 war eine Zeit im Umbruch. Nicht alle fotografierten auf Film. Manche hatten schon digitale Kameras, zumindest, wenn sie Fotografen bei Bildagenturen wie Associated Press waren. Generell gab es aber noch beides: Film und Digital existierte nebeneinander. Der Fotograf Richard Drew war einer der Digitalpioniere. An diesem Morgen hatte er von Associated Press den Auftrag bekommen, im Rahmen der auch gerade stattfindenden Fashion Week ein Fashion-Event zu dokumentieren.&nbsp;</p>

<p>Das Ganze hatte gerade angefangen, er hatte die ersten Fotos gemacht, als die Telefone anfingen zu klingeln und er von seinem Büro kontaktiert wurde, mit der Nachricht, es hätte einen Terroranschlag in der Stadt gegeben und es gäbe jetzt eine Änderung seiner Pläne, er soll nämlich los und die Ereignisse dokumentieren. Er nimmt also die Fashion Week Karte aus der Kamera, steckt die nächste Karte ein und macht sich auf den Weg zum World Trade Center.</p>

<p>Richard Drew war ein Veteran. Er war zu dem Zeitpunkt über 50 Jahre alt und man kannte ihn als einer von vier Fotografen, die bei der Ermordung Robert Kennedys zufällig fort gewesen waren. Er war außerdem Pulitzer-Preisträger und seit seinen 20ern immer als Pressefotograf unterwegs. So jemand fragt nicht, ob er etwas fotografieren soll, so jemand macht sich auf den Weg, um mit seiner Kamera History in the Making zu dokumentieren.</p>

<p>Ich habe verschiedene Interviews von <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen zu dem Ereignis gehört. Sie alle sagen in etwa dasselbe. Es sind nämlich Momente wie diese, für die sie <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen geworden sind. Ereignisse, die dokumentiert werden müssen, die geradezu danach schreien, dokumentiert zu werden. Da gibt es die, die sich auf die Menschen am Boden konzentrieren und die Emotionen und die Gefühle einfangen. Da gibt es diejenigen, die auf die Türme draufhalten oder die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit fotografieren.</p>

<p>Richard stellt fest, dass er sowieso schon sehr nah am Geschehen ist und macht sich auf den Weg Richtung Türme. Dabei fotografiert er alles, was ihm vor die Kamera kommt. Er schlängelt sich durch die Straßen Manhattans immer näher an das World Trade Center heran und vermeidet dabei besonders, die Einsatzkräfte zu blockieren oder in die Arme der Polizei zu laufen, aus Angst heraus, er könnte dann abgewiesen und weggeschickt werden. Und er kommt ziemlich nah an die Gebäude heran, er hat einen unverstellten Blick auf die Gebäude. Was ihm beinahe das Leben kostet, als der erste Turm anfängt, in sich zusammenzustürzen.</p>

<p>Es ist ein zufällig auch in der Nähe stehender Passant, der die Gefahr schneller erkennt als Richard, ihn packt und in eine Seitenstraße zieht. Richard läuft zunächst ein Stück weg vom Ort des Geschehens, aber nur, um in einem Bogen wieder an den Sicherheitskräften vorbei in die Nähe der Türme zu gehen. Er rechnet damit, dass auch der zweite Turm in sich zusammenstürzen wird.</p>

<p>Und er nimmt seinen Auftrag ernst. Er ist als <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalist</a> vor Ort und hat die Verpflichtung, die Ereignisse festzuhalten. Als Polizisten in seine Richtung laufen, versteckt er sich geistesgegenwärtig zwischen Büschen und läuft, kaum, dass sie an ihm vorbei waren, weiter Richtung Terroranschlag. Er ist so weit weg von den Türmen, dass er nicht sehen kann, was am Boden geschieht. Es ist mindestens eine Häuserfront zwischen ihm und dem Geschehen, aber er hat freien Blick auf die World Trade Center Türme.</p>

<p>Und da spielen sich schreckliche Szenen ab. Es gibt Videoaufnahmen und Fotografien von Menschen, die aus den Türmen springen oder herausgerissen werden, das weiß man nicht so genau. Durch die Brände, die in den Hochhäusern herrschen, mag es zum Teil stürmische Verhältnisse geben. Oder die Menschen werden von kleineren Explosionen und Druckwellen aus den Fenstern gedrückt. Manche sehen vielleicht auch die Ereignisse kommen und denken sich, dass ein selbstbestimmter Sprung besser ist, als abzuwarten, was passiert.</p>

<p>Richard fotografiert auch hier. Mit Serienbildaufnahmen. Und es ist eine solche Aufnahme aus einer Fotoreihe bestehend aus neun Bildern um 9:41 Uhr und 15 Sekunden, die bis heute als sein berühmtestes Bild gilt. Es ist eine ungewöhnlich ruhige Aufnahme. Sie zeigt die Fassade des World Trade Centers, gleichmäßige, nach oben ziehende Linien, und einen Menschen, der parallel zu ihr Richtung Boden fällt. Man sieht nicht den Boden, man sieht nicht, woher dieser Mensch kommt, man sieht, dass er erstaunlich ruhig zu sein scheint. Später gibt es Versuche, herauszufinden, wer dieser Mann war, und man glaubt, im Wesentlichen auf zwei mögliche Personen eingegrenzt zu haben, wer auf diesem Bild eventuell zu sehen ist.</p>

<p>Die Aufnahme wird von der New York Times auf Seite sieben gedruckt, andere große Tageszeitungen am nächsten Tag veröffentlichen vollflächige Abdrucke dieses Bildes auf der Rückseite ihrer Zeitungen. Und sie alle ernten einen Aufschrei der Empörung. Dieses Bild zeigt schließlich jemanden im Augenblick des Todes, jemanden, der fällt, jemanden, der dem sicheren Ende entgegenfällt, die letzten Sekunden. Es gibt das Gerücht, dass Menschen, die aus so großer Höhe abstürzen, während dem Sturz wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren oder sterben, aber das weiß niemand. Auch die Vorstellung, dass die Person eventuell selbstbestimmt gesprungen ist, ist kontrovers. Man hat ja zwei Personen als mögliche Identität identifiziert und einer davon stammt aus einer hochreligiösen Familie, einer Familie also, die es unvorstellbar findet, dass der Familienvater eventuell den Freitod gewählt haben soll. Eine Todsünde nach streng religiösen Ansichten.</p>

<p>Und der Aufschrei ist auch noch aus anderen Gründen wirklich seltsam. Wir reden hier immerhin von amerikanischem <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Bildjournalismus</a>. Das sind dieselben Zeitungen, die überhaupt gar kein Problem damit haben, zerbombte Städte in anderen Ländern abzudrucken und durch deren Arbeit Bilder wie zum Beispiel das berühmte &#8222;<a "/posts/das-ultimative-anti-kriegs-bild.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="51" title="Nick Út">Napalm Girl</a>&#8220; weltbekannt wurden. All diese Bilder sind selbstverständlich im allgemeinen Interesse. Kaum, dass das Bild aber jemanden zeigt, der eventuell ein Nachbar gewesen sein könnte, kaum, dass das Bild eine Aufnahme zeigt, in die sich die Betrachterinnen und Betrachter hineinversetzen können und sich die Frage stellen können, wie sie in einer ähnlichen Situation gehandelt hätten, kaum, dass es jemanden von uns zeigt, bricht das Bild angeblich mit ethischen Konventionen.</p>

<p>Und wenn man darüber nachdenkt, wird noch etwas anderes auffällig. Es gibt nämlich vom 11. September keine Bilder von Opfern. Direkt am Ort der Einsturzstelle wird das natürlich damit erklärt, dass die unter Tonnen von Material vergraben sind und zum Teil einfach auch nicht mehr sichtbar, aber das sind ja auch nicht die einzigen Opfer. Wir machen uns keine Vorstellung davon, wie viele Opfer es auch am Boden gegeben hat. Herabstürzende Bauteile, die in Autos eingeschlagen sind. Umstehende Gebäude, deren Fronten eingedrückt wurden. Menschen, denen Dinge während dem Chaos um diese Terrorstelle herum etwas zugestoßen ist. Und da ist es schon interessant, dass eine ganze Reihe professioneller Fotografinnen und Fotografen Ground Zero Fotos gemacht haben und trotzdem kaum entsprechend explizites Material zu sehen ist.</p>

<p>Aber es gibt diese Videos und es gibt dieses eine Bild, &#8222;The Falling Man&#8220;. Seit diesem Foto wird Richard Drew praktisch zu jedem größeren Jubiläum von 9/11 zu Interviews gebeten und er erzählt immer wieder, wie es zu diesem Bild kam. Die neun Fotos, die er gemacht hat, von denen acht chaotisch aussehen und dieses eine Bild zeigt jemanden in einer vermeintlich völlig ruhigen Position. Ein Foto, das die Menschen nachdenklich machte und aufwühlt und wegen seiner Einfachheit so beeindruckend ist.</p>

<p>Im 9/11 Memorial, der Gedenkstätte also, wurde dem fallenden Menschen ein eigener Raum gewidmet. Dort werden Fotos und Videos von ihnen gezeigt und um die zu sehen, muss man den Kopf in den Nacken legen, sodass man ähnlich steht, wie man gestanden hätte, wenn man diese Aufnahmen selbst gemacht hätte. Ein sehr eigentümliches Gefühl und ein Gedanke, der mich aufwühlt. Während ich mir ein völlig ruhiges und scheinbar gewaltloses Bild ansehe.</p>

<p>Die Bilddokumentation vom 11. September ist faszinierend, besonders, wenn man sie mit dem vergleicht, was wir von anderen Krisenherden und Kriegs- oder Terrorschauplätzen kennen. Da wird, finde ich, sehr schnell deutlich, dass in den meisten Krisen die Dokumentierenden, also die Fotografinnen und Fotografen, unbeteiligt sind. Und dass sich die Perspektive und die Fotografien dramatisch ändern, sobald die Menschen direkt betroffen sind. Vielleicht gilt das aber auch nur für die einzigartigen Umstände beim 11. September, bei dem die Leute nicht nur direkt betroffen waren, sondern auch die Umstände an sich ausgesprochen ungewöhnlich waren. Vielleicht stimmt ja, was Richard Drew in einem Interview gesagt hat, dass es deswegen so wenig Bilder von Opfern gab, weil es so wenig sichtbare Opfer gab.</p>

<p>Umso interessanter finde ich dann eben auch die Aufregung um dieses Bild, &#8222;The Falling Man&#8220;. Bis heute wird kontrovers diskutiert, ob das Bild überhaupt veröffentlicht werden sollte. Und es ist gerade wegen seiner Einfachheit auch ein aufwühlendes Bild. Aufwühlender als viele der ikonischen und manchmal auch viel dramatischeren Aufnahmen, die man sonst so vom 11. September 2001 sehen kann.</p>

<p>Interessant ist an dem Bild aber auch, dass es zwar von einem Profi gemacht wurde, aber im Grunde ohne bestimmte Planung. Er selbst sagt, er hat einfach draufgehalten. Er hat die Kamera in Richtung der Türme gehalten und der Rest passierte über die Serienbildfunktion seiner Kamera und den Zufall, durch den er ein Bild in genau dem richtigen Moment eingefangen hatte. Die acht anderen Bilder zeigen dieselbe Person, aber nie in einer derartigen Komposition. Nie so ruhig, nie so vermeintlich schwebend vor der Fassade, nie so in Einklang mit den stürzenden Linien. Er sagt in einem Interview, da war kein &#8222;Decisive Moment&#8220; im Spiel. Wegen seinem Job war er vor Ort. Durch sein Training hat er seine Kamera benutzt. Aber nichts an dem, wie er die Kamera benutzt hat, war in irgendeiner Form besonders.</p>

<p>Und die Kontroverse, die sah er gelassen. Er war nie im Kreuzfeuer. Der Ärger richtete sich auf die Bildredakteure, die sein Bild für Zeitungen ausgewählt hatten. Und Richard sagt, er versteht das schon irgendwie. Die Tatsache, dass die Menschen sich selbst in diese Situation denken konnten, ändert einfach, wie sie diese Bilder wahrgenommen haben. Ich frage mich allerdings seitdem, ob sie das eigentlich sollten, ob wir da nicht ganz offensichtlich mit zweierlei Maß messen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 11 Sep 2021 15:33:36 GMT</pubDate>
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            <title>Farbfilmpflicht</title>
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            <description>Pressefotografen hatten jahrzehntelang die Wahl ob sie Ereignisse in Farbe oder Schwarz-Weiß festhielten.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Pressefotografen hatten jahrzehntelang die Wahl ob sie Ereignisse in Farbe oder Schwarz-Weiß festhielten. Bestand die Wahrscheinlichkeit eines Titelbildes wurde in Farbe, in allen anderen Fällen monochrom fotografiert um Kosten zu sparen. Das alles änderte sich am 22. Januar 1987.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210902133053/https://petapixel.com/2016/12/23/day-made-ap-photographers-switch-100-color-film/" target="_blank">The Day That Made AP Photographers Switch to 100% Color Film</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.pennlive.com/editorials/2010/10/filmmaker_on_dwyer_guilty_as_c.html" target="_blank">Filmmaker on Dwyer: Guilty as charged?</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://dwyermovie.com/" target="_blank">Dokumentation &#8211; Budd Dwyer, an honest man.</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.upi.com/Archives/1987/01/23/Treasurer-may-have-saved-pension-for-wife/9732538376400/" target="_blank">Treasurer may have saved pension for wife</a></li><li>R. Budd Dwyer (Wikipedia &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/R._Budd_Dwyer" target="_blank">Englisch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Budd_Dwyer" target="_blank">Deutsch</a>)</li></ul>

<ul><li>Paul Vathis (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Paul_Vathis" target="_blank">Englisch</a>)</li><li><a href="https://www.worldpressphoto.org/collection/photo-contest/1988/paul-vathis/4">Paul Vathis &#8211; World Press Photo</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20121019144131/https:/old.post-gazette.com/obituaries/20021211vathisobit4p4.asp" target="_blank">Paul Vathis Nachruf</a> (web.archive.org)</li></ul>

<ul><li>Wilt Chamberlain&#8217;s 100-point game (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wilt_Chamberlain%27s_100-point_game" target="_blank">Englisch</a>)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.ap.org/" target="_blank">Associated Press</a></li><li>Associated Press (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Associated_Press" target="_blank">Deutsch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://alphauniverse.com/stories/why-the-associated-press-just-switched-to-sony/" target="_blank">Why The Associated Press Just Switched To Sony</a></li><li>How Digital Technology has Changed Photojournalism</li><li><a href="https://newsroom.gettyimages.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Getty Images and Visual China Group Partner in Exclusive Global Distribution Partnership for Extensive Visual Content Collection of Corbis Images</a></li></ul>

<ul><li><a "/tags/farbfilm.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="28" title="Farbfilm">Farbfilm</a> (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Farbfilm" target="_blank">Deutsch</a>)</li><li><a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Kodachrome (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kodak_Kodachrome" target="_blank">Deutsch</a>)</li><li>Farbfotografie (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Farbfotografie" target="_blank">Deutsch</a>)</li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="nwHMalypR9M" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_nwHMalypR9M.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="zK47s7G1oo4" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_zK47s7G1oo4.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p>Episodenbild: Von DerFalkVonFreyburg &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4895560</p>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Unser kollektives Bildgedächtnis wird von der Pressefotografie dominiert. Und die eindrücklichsten sind oft die schmerzhaftesten Bilder. Tank Man. <a "/posts/das-ultimative-anti-kriegs-bild.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="51" title="Nick Út">Napalm Girl</a>. Das Hindenburgdesaster. Oder auch die neueren Fotos des versuchten Sturms auf das Capitol. Sie alle haben gemeinsam, dass sie Pressefotos sind und dass man sie über Bildagenturen wie &#8222;Associated Press&#8220; einkaufen kann.</p>

<p>Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien. Und die Medien bekommen ihre Bilder und Geschichten von um die Welt verteilten Nachrichtenagenturen. Die größte aller weltweiten Nachrichtenagenturen ist die &#8222;Associated Press&#8220;, deren Geschichte schon im Mai 1848 beginnt. Damals ging es weniger um Fotografie als um den zu der Zeit gerade stattfindenden <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> zwischen USA und Mexiko. Man wollte schlicht nicht für jede Zeitung eigene Reporter runterschicken und so verständigte man sich darauf, weniger Journalisten loszuschicken und dafür dann deren Geschichten in mehreren Zeitungen gleichzeitig zu verwenden.<br>In den 1880ern dann begann der Siegeszug der Fotografie in den Zeitungen. Und mit dem Bedarf an Fotografie stieg natürlich auch die Menge an <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die ihren Lebensunterhalt mit Pressefotografie bestritten. Pressefotografie ist nicht besonders glamourös: Die meiste Zeit verbringt man in Pressekonferenzen. Oder man wird auf organisierte Reisen hin zu Krisengebieten geschickt. Natürlich gibt es die Stars der Szene, die auf eigene Faust unterwegs sind, die aber dann meistens einen ganzen Tross von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigen. Und in solchen Fällen ist es natürlich oft so, dass die Nachrichtenagenturen, bei denen sie unter Vertrag sind, für die entsprechenden Ressourcen sorgen.</p>

<p>Es ist natürlich diese Wiederverwendung von Bildern, die Fotos dann auch ikonisch machen können. Wenn ein Bild erstmal auf hunderten von Titelseiten und auf tausenden von Nachrichtenportalen zu sehen ist, dann gibt es kein entkommen mehr, wir erinnern uns daran. Und ein Stück weit erklärt das auch, warum immer noch verhältnismäßig wenige private Aufnahmen ikonisch werden.<br>Es ist einfach selten, dass die großen Ereignisse stattfinden, ohne, dass wenigstens eine Pressefotografin mit im Raum ist. Und wenn der oder die dann auf den Auslöser drückt, dann wird das Bild, das da geschossen wurde, nicht nur vermutlich mit besserem Equipment fotografiert als das durchschnittliche Handyfoto. Viel wichtiger ist, dass es gleich im Anschluss in ein weltweites Netzwerk gekippt wird und so wesentlich mehr Verbreitung findet.<br>Associated Press ist als Genossenschaft organisiert, man ist also Mitglied. Es gibt über 1400 Mitgliedsorganisationen, die DPA ist ein Beispiel dafür. Und diese Mitgliedsorganisationen, die beschäftigen zum Teil in Festanstellung, zum Teil als freie Mitarbeiter eine Heerschar von <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen. Damit steigt natürlich dramatisch die Chance, dass bei wichtigen Ereignissen auch die richtigen Menschen vor Ort sind, um diese zu dokumentieren.</p>

<p>Zumindest für die fest angestellten Profis gilt ein Regelwerk von Associated Press, wie die Fotos beschaffen sein müssen. Und zum Teil wird auch das Equipment gestellt. Zurzeit zum Beispiel fotografieren <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die bei AP unter Vertrag sind, mit Equipment von Sony. Ganz besonders Sportfotografie wird mit den Sony Alpha Kameras gemacht und garantiert sozusagen damit Sony ikonische Fotos, die sie dann wiederum in ihren Kampagnen verwenden können. Win Win.<br>Aber neben dem einzusetzenden Equipment gab es immer auch schon ganz praktische Guidelines. So dürfen AP-Fotos nur minimal bearbeitet werden. Am Kontrast zupfen oder ein bisschen zuschneiden, meinetwegen. Aber Elemente wegstempeln geht schon nicht mehr.<br>Heutzutage müssen Fotos digital und in ausreichender Auflösung und in Farbe vorliegen. Wer sich also an den alten Meistern orientiert und mit einer Messsucherkamera Fotos auf körnigem Schwarz-Weiß festhält, wird die bei Associated Press und Co. nur noch loswerden, wenn durch irgendeinen Zufall das eigene Bild das einzige verfügbare Foto von einem wichtigen Moment war.</p>

<p>Allerdings passiert auch das öfter, als man denkt. Also, dass nur ein Fotograf, eine Fotografin zufällig vor Ort ist und das einzige verfügbare Foto macht. Selbst in einer Welt, in der wir alle mit Digitalkameras in Form von Smartphones ausgestattet sind, gewinnt dann im Zweifel der professionelle Instinkt und das gekonnte Bedienen der Technik die Oberhand, sollte man als <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalist</a> zufällig gerade vor Ort sein.<br>Und so erklärt sich auch, warum die Branchenpreise, zum Beispiel der Pulitzer-Preis oder der World Press Photo Award erstaunlicherweise oft mit One-Hit Wonders gefüllt sind. Also einzelnen Bildern, die absolut ikonisch sind, für die man dann eine Fotografin oder einen Fotografen als Urheber ausmacht, von denen ist wenig weiteres Material zu geben scheint. Die haben natürlich trotzdem tausende, zehntausende, manche hunderttausende Fotos produziert, aber halt als Pressefotografen für die Presseagentur und weniger in Form von Fotobüchern oder Prints oder irgendwelchen anderen Veröffentlichungen. Heute möchte ich die Geschichte von einem dieser Fotografen erzählen; Paul Vathis.</p>

<p>Der Sohn griechischer US-Immigranten verbringt den Großteil seines Lebens in seinem Geburtsstaat Pennsylvania in den USA. 56 Jahre lang war er Fotograf für AP. Und wer ihn als Mitglied des Pressepools irgendwo bei einem Auftrag treffen würde, hätte wahrscheinlich nicht gedacht, dass er es mit einem Pulitzer-Preisträger zu tun hatte. Paul war ein guter Fotograf, aber keiner, der Fotobildbände produzierte. Aber Paul hatte ein Händchen dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, oder, falls er durch den Zufall an den richtigen Ort gebracht wurde, zumindest immer eine Kamera parat zu haben.<br>So war er zum Beispiel am 2. März 1962 der einzige Pressefotograf und der einzige mit einer professionellen Kamera, als sich abzeichnete, dass das Basketballspiel, zu dem er mit seinem Sohn gegangen war, ein Rekordspiel werden würde. Der Spieler Wilt Chamberlain setzte damals nicht nur einen der ganz großen Sportrekorde in der Geschichte des Basketballs, sondern verschaffte damit der NBA endgültig den Durchbruch gegenüber den damals noch dominanten Collage Sport Leagues. Ja, und Paul war nicht nur der einzige Pressevertreter vor Ort, er war auch der einzige, der eine Kamera dabei hatte und so nutzte er die Gelegenheit, die einzigen Pressefotos von dem Event zu produzieren.<br>Das Bild, für das er dann später den Pulitzer-Preis gewinnen sollte, war ein anderes Foto. Als Pressefotograf ist er in Camp David und er macht eine Aufnahme von einem nachdenklich ins Gespräch vertieften Präsidenten Kennedy und ehemaligen Präsidenten Eisenhower, die die gerade noch frischen Ereignisse der Invasion in der Schweinebucht diskutieren. Fotografisch gibt das Bild nicht viel her. Aber die Ereignisse sind natürlich explosiv und so ist dieses Gespräch auf Augenhöhe zwischen Präsident und ehemaligen Präsidenten natürlich etwas Besonderes.</p>

<p>Das Bild ist schwarz-weiß, wie fast alle Pressefotos aus der damaligen Zeit. Und das ist ganz interessant, denn auch unsere Erinnerungen an die Epochen, die da festgehalten wurden, sind oft von Schwarzweißfotos geprägt, und das, obwohl seit den 60er Jahren eigentlich Farbfilme die meistverkauften Filme sind.<br>Die ersten Farbfilme tauchen sogar noch viel früher auf. Am Ende des 19. Jahrhunderts, in den 1890er Jahren, gibt es die ersten ernsthaften Experimente, Farbfilme zu produzieren und Farbaufnahmen werden gefertigt. Die waren natürlich weit von jeglicher Serienreife entfernt. An die kam man dann 1912 bis 1915 näher. Und 1935 wird der legendäre und später marktführende Kodachromefilm auf den Markt gebracht.<br><a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> hat zunächst die Filmbranche im Blick, schnell wird aber auch klar, dass der Markt der Kleinbildfotografie ein ebenso lukrativer ist. Die Filme lassen sich teurer verkaufen, die Entwicklung ist aufwändiger und kostet mehr Geld und somit sind auch die Margen höher. Ab 1960 ist der Großteil des verkauften Filmmaterials Farbe. Das liegt aber daran, dass die meisten Fotografien im privaten Umfeld gemacht werden.</p>

<p>Pressefotografen hingegen halten ja Ereignisse fest. Und es gilt als ausgemacht, dass man dafür eigentlich normalerweise keine Farbe braucht. Tageszeitungen werden immer noch monochrom gedruckt und selbst Magazine drucken nicht jede Seite in Farbe, sondern wechseln das gerne auch einmal ab.<br>Und so gibt Associated Press die Vorgabe aus, dass Fotos in schwarz-weiß gemacht werden, außer es besteht die Annahme, es könnte sich um Titelseitenmaterial handeln. Wenn es diesen Verdacht gibt, also, dass es eventuell zu wirklich spektakulären Bildern kommen könnte, dann haben die Profis mehr als eine Kamera dabei und in irgendeiner der Kameras befindet sich dann auch ein <a "/tags/farbfilm.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="28" title="Farbfilm">Farbfilm</a>. Solche Gelegenheiten sind aber im Alltag der meisten Pressefotografinnen und -Fotografen eher selten, denn wenn man der Pressekonferenz des lokalen Kaninchenzüchtervereins beiwohnt, wird man vermutlich keine Titelseite fotografieren. Und viele entscheiden deswegen noch bevor sie überhaupt losfahren, welches Filmmaterial sie einpacken.</p>

<p>Lokalkonferenz von einem Provinzpolitiker? Aah, vielleicht doch eher schwarz-weiß. So oder so ähnlich dachten sich das Paul und seine Kolleg<em>innen wohl am 22. Januar 1987, als sie sich auf dem Weg zur Pressekonferenz des damaligen Treasurers, Senatoren und Lokalpolitikers in Pennsylvania Budd Dwyer machten. Budd Dwyer war in einen Bestechungsskandal verwickelt. Er hätte, so der Vorwurf, einen großen staatlichen Vertrag im Tausch gegen einen 300000 Dollar Kickback an ein Unternehmen aus Kalifornien vergeben. Das Ganze zieht sich über Monate hin. Es kommt zu einer ganzen Reihe von Rechtsverfahren. Und Rechtsverfahren in den USA sind teuer, insbesondere, wenn man als Staatsbediensteter wie Dwyer gerade mal 58000 Dollar im Jahr verdient. Dwyer bietet irgendwann an, einen Lügendetektortest zu machen, aber unter der Bedingung, dass ein negatives Testergebnis bitte zum Ende des Verfahrens führen sollte, eine Bedingung, die abgelehnt wird. Er wird von einem lokalen Gericht schuldig gesprochen, ein Urteil, das er anfechtet. Am 23. Januar 1987 steht eine finale Entscheidung an und so erwarten alle, dass Dwyer in der Pressekonferenz am 22., also am Vortag, seinen Rücktritt als Treasurer erklären wird. Und sowas ist sicherlich interessant für die Lokalpresse, aber Titelseitenmaterial ist es nicht. Und deswegen packt niemand Farbfilme ein. Alle Fotograf</em>innen, auch Paul, laden ihre Kameras mit Schwarzweißfilmen.</p>

<p>Dwyer hält eine Rede, 30 Minuten lang, in der er unter anderem nochmal versucht, darzustellen, dass er sich keinerlei schuldbewusst ist, dass er das Opfer einer Schmutzkampagne ist, einer Kampagne, gegenüber der er sich wehrlos ausgeliefert sieht, eine Kampagne, die ihn zu ruinieren droht. Sein Staff und die anwesenden Journalisten sind sich sicher: Jeden Augenblick wird der angekündigte Rücktritt kommen.<br>Aber das ist der Moment, in dem das Ganze eine drastische Wendung nimmt. Dwyer greift zu einem Umschlag, aus dem er eine 357er Magnum herauszieht, das ist ein massiver Revolver. Die Leute im Raum erkennen, was er zu tun versucht und reden auf ihn ein. Dwyer sagt noch, dass die, denen das jetzt gleich zu schockierend sein wird, doch bitte schnell den Raum verlassen mögen, und es soll ihm bitte niemand zu nahe kommen, er will niemanden verletzen. Aber es ist klar, dass, wenn er nicht schnell handelt, irgendjemand auf ihn draufspringen und ihm die Waffe abnehmen wird. Und deswegen nimmt er den Revolver, steckt ihn sich in den Mund und drückt ab. Er ist sofort tot.</p>

<p>So viel also zu einer langweiligen Pressekonferenz, die kein Titelseitenmaterial wird. Genau das Gegenteil ist der Fall. In den USA ist dieser Selbstmord auf jeder Titelseite. Das Bild, das auf den Titelseiten auftaucht, ist das Schwarzweißfoto von Paul Vathis. Es zeigt Budd Dwyer mit entschlossenem Gesichtsausdruck und dem Revolver in der Hand, Sekundenbruchteile, bevor er sich den Lauf in den Mund steckt. Paul war zufällig am richtigen Ort gestanden und hatte die Kamera sowieso gerade auf ihn gerichtet. Und so hält er den Moment ohne Wiederkehr fest.<br>Es gab eine Farbfilmaufnahme dieses ganzen Moments, und zwar war eine Nachrichtenkamera mit im Raum für die lokale TV-Station. Die hatte aber nicht nur einen ungünstigeren Winkel, sondern auch schlechtere Bildqualität und so konnte man das Bild nicht für Printmedien, für Magazine und Zeitungen verwenden.</p>

<p>Trotzdem liefen diese Aufnahmen natürlich in den folgenden Wochen kreuz und quer durch die USA. Die TV-Sender spalteten sich in zwei Lager. Die Mehrzahl der Stationen entschied sich aktiv dagegen, den Schuss zu zeigen, aber natürlich gab es auch die TV-Stationen, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, das Video in all seinen Details abzuspielen. Und so kam es in den USA gleich auch noch zu einer Medienethikdebatte, zusätzlich zu der Frage, ob Budd Dwyer durch seinen Selbstmord nun bewiesen hat, wie unschuldig er gewesen war oder wie schuldig er denn nun sein musste. Schuldig war dann auch der Urteilsspruch der nachfolgenden Verhandlungen.<br>Allerdings blieb auch ein ziemlich fader Geschmack und einiges an Fragen zurück, denn es tauchte der Verdacht auf, dass Budd Dwyer den öffentlichen Freitod gewählt hatte, um seiner Familie den finanziellen Ruin zu ersparen. Die schon aufgehäuften Verfahrenskosten waren weit mehr als er sich eigentlich leisten konnte und hätte er abgewartet, bis er endgültig schuldig gesprochen war, ein Urteil, das als sicher galt, dann hätte er jegliche Pensionsansprüche verloren. Zu der Zeit die höchsten Pensionsansprüche, die jemals in der Geschichte von Pennsylvania ausgezahlt worden waren, über 1,3 Millionen US-Dollar. Weil Budd Dwyer noch vor dem Schuldspruch aus dem Leben geschieden war, konnte seine Witwe diese Pensionskosten geltend machen und damit den finanziellen Ruin abwenden.</p>

<p>Bis heute gibt es Leute, die Zweifel an dem Schuldspruch anmelden und der Überzeugung sind, Budd Dwyer wäre eigentlich unschuldig gewesen. Die TV-Stationen gaben sich zum Teil neue Regeln in solchen Fällen. Schockierende Ereignisse wie der Freitod vor der Kamera sollten einfach nicht mehr ungefiltert ausgestrahlt werden dürfen. Und Paul Vathis war ein weiteres Mal zum Pulitzer-Preis nominiert.<br>Gewonnen hat er ihn damals nicht, aber er war der letzte Associated Press Photographer, der ein schwarz-weißes Pressebild zum Pulitzer einreichte. Denn AP gab sich mit dem Ereignis rund um Budd Dwyer neue Regeln: Egal, ob es teurer in der Entwicklung und in der Anschaffung sein würde, ab jetzt mussten Pressefotos in Farbe sein.</p>

<p>1990 dann begann nach und nach der Siegeszug der Digitalkameras. Der war am Anfang noch gemächlich, aber eben auch von Anfang an in Farbe. Die erste Digitalkamera, die für Journalistische Zwecke verwendet wurde, war in Kooperation zwischen <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> und Associated Press. 0,8 Megapixel hatte diese Kamera. Als dann rund um das Jahr 2000 die ersten digitalen Spiegelreflexkameras mit über 6 Megapixeln auf dem Markt waren, war es um die Filmkameras nach und nach geschehen &#8211; 2010 waren analoge Kameras zumindest in Pressekonferenzen komplett verschwunden. Und das ist vielleicht eine dieser wichtigen Unterscheidungen: Es gibt nach wie vor Pressefotos, die auf Film gemacht werden. Das sind aber dann keine zeitkritischen Aufträge. Und meistens sind es dann auch die Fotografinnen und Fotografen, die schon immer mit Film gearbeitet haben und schon seit ein paar Jahrzehnten im Geschäft sind.<br>Ganz allgemein hätte sich dann heute außerdem auch die Lage komplett gedreht: Die billigsten Filme und die niedrigsten Laborkosten hätten heute Farbfilme. Es sind die Schwarzweißfilme, die inzwischen zur Ausnahme werden, die von Hand anstatt automatisiert entwickelt werden müssen. Und drum mag es so sein, dass schwarz-weiß unser ikonisches Pressefotogedächtnis geprägt hat. Aber moderne Bilder, die sind nur dann noch in schwarz-weiß, wenn die Fotografinnen und Fotografen das aus künstlerischen Gründen aktiv so entschieden haben.</p>

<p>Unser kollektives Bildgedächtnis wird geprägt von Bildagenturen. Associated Press ist die größte Nachrichtenagentur der Welt und damit eine der wichtigsten Bildlieferanten. Und zusammen mit Getty und Corbis dominieren sie, welche Bilder wir sehen und welche Nachrichten wir lesen. Kleiner Infoschnipsel dazu am Rande: Corbis und Getty Images, die zwei größten reinen Bildagenturen der Welt, gehören einer chinesischen Investorengruppe. Im Grunde bekommen wir also die Bilderflut um uns herum mehr oder weniger aus ein bis zwei Händen. Und ich finde, das sollte uns, egal ob jetzt Farbe oder schwarz-weiß, wirklich zu denken geben.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 27 Jun 2021 15:15:58 GMT</pubDate>
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