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    <title>Fotomenschen - Fotografin</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Fotografin&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Wed, 01 Jun 2022 15:59:44 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Lee Miller - Eine Frau, viele Leben</title>
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            <description>Lee Miller hatte ein Leben das atemlos macht: Befreundet mit dem who is who der Surrealisten-Szene des 20.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Lee Miller hatte ein Leben das atemlos macht: Befreundet mit dem who is who der Surrealisten-Szene des 20. Jahrhunderst, berühmtes Fashionmodel, erfolgreiche Fashionfotografin, Journalistin, Kriegskorrespondentin, Sterneköchin und Weltbürgerin sind nur einige ihrer Rollen. </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lee_Miller" target="_blank">Lee Miller</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pseudo-Solarisation" target="_blank">Pseudo-Solarisation</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/fotostrecke/lee-miller-kriegsberichterstatterin-in-hitlers-badewanne-fotostrecke-126109.html" target="_blank">Kriegsberichterstatterin Lee Miller &#8211; Die Schöne und der Krieg</a> (Spiegel)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/geschichte/lee-miller-model-partyloewin-fotografin-und-kriegskorrespondentin-a-1031017.html" target="_blank">Lee Miller: Model, Partylöwin, Fotografin und Kriegskorrespondentin</a> (Spiegel)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.imdb.com/title/tt12281602/" target="_blank">Lee Miller &#8211; A Life on the Front Line</a> (IMDb)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20220930164210/https://kwerfeldein.de/2013/09/02/blickfang-hitlers-badewanne/" target="_blank">kwerfeldein &#8211; Hitlers Badewanne</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunk.de/lee-miller-ein-supermodel-als-kriegsfotografin-100.html" target="_blank">Ein Supermodel als Kriegsfotografin</a> (Deutschlandfunk)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.welt.de/geschichte/article214733286/Kriegsfotografin-Lee-Miller-Fotos-aus-dem-KZ-Buchenwald.html" target="_blank">Lee Miller &#8211; Fotos aus dem KZ Buchenwald</a> (Welt)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-lee-miller-100.html" target="_blank">WDR Zeitzeichen &#8211; 21.7.1977 &#8211; Kriegsfotografin Lee Miller stirbt in Chiddingly</a></li>
</ul>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B09Q3FGPYJ" target="_blank" rel="noopener">The Lives of Lee Miller (English Edition)</a></p>

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<pre>Episodenbild: U.S. Army Official Photograph - http://astro.temple.edu/~gurwin/hist.0690syb2005.html, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77888314</pre>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Tänzerin, Model, Werbefotografin, Journalistin, Kriegsreporterin, Sterneköchin.<br>Lee Miller hat eine Biografie, die mich völlig atemlos zurückgelassen hat.<br>Und ihr habt sie mir gleich mehrfach empfohlen.<br>Ich grüße jetzt hier mal stellvertretend Silke, deren E-Mail ich vor kurzem in meiner<br>Inbox fand, und Boris, der mich beide auf das erste Foto, das ich von Lee Miller je<br>gesehen habe, hinwies, das den Titel &#8222;Die Dame in Hitlers Badewanne&#8220; trägt.<br>Lee Miller heißt eigentlich Elizabeth Miller, später dann Lady Elizabeth Penrose, und wird<br>1907 im Bundesstaat New York geboren.<br>Ihr Vater war ein Ingenieur, ihre Mutter eine Krankenschwester und sie hatte zwei Geschwister.<br>Schon die kleine Lee war eher umtriebig und schwer zu bändigen, aber ihr Vater unterstützte<br>das.<br>Und so wurden mit den Geschwistern Seifenkisten gebaut und Rennen gefahren, Dinge erklommen<br>und Gerätschaften ausprobiert.<br>Und wie um die Zeit nicht ganz unüblich, besonders für einen Ingenieurshaushalt, wurde<br>durchaus auch schon fotografiert.<br>Der Vater war begeisterter Amateurfotograf und so konnte die kleine Lee schon sehr früh<br>erste Gehversuche mit damals üblichem Gerät, wie zum Beispiel der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, machen.<br>Der Vater war ambitionierter Fotoamateur und entdeckte seine ungewöhnlich hübsche Tochter<br>früh als Fotomodell.<br>Er fotografiert Porträts und Akte und Lee steht für beides Modell.<br>Schon früh prägt sich bei Lee jedenfalls Interesse für die schönen Künstler heraus<br>und sie überlegt eventuell Tänzerin werden zu wollen.<br>Ihre Schulzeit jedenfalls war mühsam.<br>Sie wird über die Jahre aus praktisch jeder Schule geworfen, in der ihre Eltern sie eintragen.<br>Mit 18 zieht sie nach Paris und studiert Bühnenbildnerei, Kostümdesign und Bühnenbeleuchtung und kehrt<br>1926 nach New York zurück.<br>Diesmal zieht sie nach Manhattan.<br>Hier will sie Malerei und Zeichnung studieren.<br>Als sie eines Tages auf dem Heimweg war und gedankenlos auf die Straße geht, wird sie<br>beinahe von einem LKW überfahren.<br>In letzter Sekunde reißt sie einen Passant, der sie beobachtet hat, auf den Gehweg zurück<br>und Lee, die zu Tode erschrocken ist, sinkt erstmal ohnmächtig in seine Arme.<br>Und diese Anekdote ist wirklich folgenreich, denn der Mann, der sie da vor dem sicheren<br>Tod gerettet hatte, war niemand anderes als Condé Nast, dem Herausgeber von Zeitungen<br>wie Vogue, The New Yorker oder Vanity Fair.<br>Der hält jetzt also plötzlich eine elegant gekleidete, fließend französisch sprechende,<br>wunderschöne junge Dame in den Armen und sieht in ihr das perfekte Gesicht für das<br>nächste Titelblatt der Vogue.<br>Denn zu der Zeit wurde nach dem perfekten, modernen Mädchen gesucht als Titelfigur für<br>Magazine wie Vogue.<br>Und Lee Miller entsprach dieser Idee bis aufs Haar.<br>Und deswegen startet Lee ihre Modelkarriere mit einem Knall, mit einem Titelbild auf der<br>Vogue.<br>Die nächsten zwei Jahre machen sie dann zu einem der meisten gesuchten Models in ganz<br>New York.<br>Und sie arbeitet mit allem, was Rang und Namen hat.<br>Es kommt zu mir klar, als der Fotograf Edward Steichen eine Aufnahme Millers verwendet,<br>um eine Werbekampagne für Damenbinden zu bebildern.<br>Das beendet ihre Karriere als Fashionmodel, allerdings hatte sie darauf inzwischen sowieso<br>immer weniger Lust gehabt und nach Gelegenheiten gesucht, um auf Reisen zu gehen.<br>Die bot sich, als ihr einen Fashiondesigner anbot, in seinem Auftrag nach Paris zu reisen<br>und Designskizzen von Renaissance-Gemälden zu fertigen.<br>Also die Kleidung zu skizzieren, die man dort sieht.<br>In Paris passieren mehrere Dinge.<br>Erstens, Lee Miller war in Sekunden von dieser Aufgabe zu Tode gelangweilt.<br>Schon ihr ganzes Leben lang war sie bekannt dafür, dass sie sich zu nichts hinreißen<br>ließ, wenn es ihr keinen Spaß bereitete.<br>Und Renaissance-Gemälde abmalen gehörte eindeutig in diese Kategorie.<br>Außerdem war Lee Miller ein Partygirl.<br>Innerhalb kürzester Zeit netzwerkt sie sich einmal kreuz und quer durch die künstlerische<br>Szene Paris.<br>Sie war ungebunden, sie war trinkfest, sie war sexuell aufgeschlossen und sah umwerfend<br>aus.<br>Also macht sie das, was ihr als Tochter ihres Vaters als erstes in den Sinn kommt.<br>Sie besorgt sich eine Kamera und statt die Kleidungsstücke abzuzeichnen, macht sie einfach<br>Fotos davon.<br>Und was mit dem Abfotografieren von Gemälden anfängt, hört dann erstmal nicht mehr auf.<br>Sie fotografiert die Menschen um sich herum und experimentiert mit der Fotografie als<br>künstlerischer Ausdruck, als surreales Medium.<br>Wir haben das Jahr 1929.<br>Lee Miller beschließt jetzt, ernsthaft ihr Glück als <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> zu suchen.<br>Alles, was ihr fehlt, ist ein Lehrer, der ihr die Techniken der künstlerischen Fotografie<br>nahe bringen kann.<br>In Paris wird sie auch schnell fündig.<br>Der berühmte Fotograf und Künstler Man Ray wäre der perfekte Lehrmeister.<br>Sie sucht seinen Kontakt und bietet sich ihm als Model an.<br>Er will eigentlich keine Studenten aufnehmen, aber Lee war noch nie gut darin, &#8222;Nein&#8220;<br>als Antwort zu akzeptieren.<br>Der Widerstand kann auch nicht lange angedauert haben, denn sie zieht relativ schnell praktisch<br>bei ihm ein, wird eines seiner häufigsten Models, eine Mitarbeiterin in seiner Dunkelkammer<br>und in seinem Studio allgemein, seine Muse und seine Liebhaberin.<br>Die beiden arbeiten in der Zeit so eng zusammen, dass bei einer Menge Aufnahmen gar nicht ganz<br>klar ist, ob das nun Aufnahmen von Lee Miller oder von Man Ray waren.<br>Die Fotografien, die sie schaffen, sind sehr künstlerisch und surreal.<br>Und das liegt unter anderem auch an der ausgefeilten Verfremdung, die in der Dunkelkammer stattfindet.<br>Es wird mit vielen Techniken experimentiert und eine der wichtigsten, stilprägendsten<br>Techniken, die die beiden perfektionieren, ist die sogenannte Solarisation.<br>Ich werde das jetzt hier nicht detailliert ausführen, aber es ist so eine Art gezielte<br>Überbelichtung.<br>Bilder, die auf die Art entstehen, sehen sehr prägnant und eigentümlich aus, sehr kontrastreich.<br>Und in den 60er Jahren wird es ein sehr weit verbreiteter und beliebter künstlerischer<br>Bildeffekt.<br>Für die Surrealisten, zu denen Lee Miller und Man Ray ja damals gehörten, war an diesem<br>Effekt besonders wichtig, dass er praktisch durch einen Zufall entstand und dass die Ergebnisse<br>nur sehr vage kontrollierbar waren.<br>Über den Freundeskreis von Man Ray und die Partys, die auch dort reichlich stattfanden,<br>lernt Lee Miller jedenfalls das Who is Who der damaligen Künstlerszene kennen.<br>Leute wie Jean Cocteau oder eben auch Pablo Picasso gehen ein und aus und zählen zu ihren<br>Freunden.<br>Über die Jahre fertigt Pablo Picasso sechs Gemälde von Lee Miller an und wird wieder<br>und wieder von ihr fotografiert.<br>So produktiv ihre Zusammenarbeit mit Man Ray auch ist, schnell hat sie das Bedürfnis,<br>ein eigenes Studio aufzubauen und wird in kürzester Zeit zu einer etablierten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a><br>in Paris.<br>Ein Faktor mag hier auch gewesen sein, dass es zwischen Man Ray und Lee Miller auch reichlich<br>und regelmäßig krachte.<br>Denn Man Ray, der eigentlich ja offene Beziehungen und freie Liebe propagierte, hatte so seine<br>Probleme, dass die schöne Lee sich nicht in einer monogamen Beziehung einsperren ließ.<br>Und so zofften die beiden sich regelmäßig, bis es irgendwann einfach auch mal zu viel<br>war.<br>1932 ist ihr die Szene in Paris ganz allgemein zu langweilig geworden.<br>Sie kehrt wieder nach Manhattan zurück und beschließt, den Erfolg des Fotostudios in<br>Paris in New York zu wiederholen.<br>Erfolgreich, innerhalb kürzester Zeit ist sie eine der gefragtesten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> der<br>Stadt.<br>Und nach nur drei Monaten zurück hat sie ihre erste große Ausstellung, in der es nur um<br>ihre Arbeiten geht.<br>Aber auch ihr zweites erfolgreiches Fotostudio hält sie nicht lange.<br>Als sie den Ägypter Aziz Bey kennenlernt und sich in ihn verliebt, beschließt sie<br>kurzerhand, ihr Leben in New York zu beenden und mit ihm nach Ägypten zu ziehen.<br>Die beiden heiraten und für Li beginnt eine Zeit, in der sie offiziell weder als Fotografe<br>noch sonst irgendwie professionell tätig ist.<br>Ihr Alltag besteht aus Reisen und Expeditionen in die Wüste und das Umland Ägyptens oder<br>aus Partys.<br>Nach wie vor ist Li trinkfest.<br>Sie gilt als fantastische Gastgeberin, wenn auch ein bisschen launisch, immer zwischen<br>glücklich und depressiv hin und her schwankend.<br>Die Fotografien, die sie in der Zeit fertig gehören, mit zu ihren künstlerischsten.<br>1937 war sie dann endgültig das Leben in Ägypten leid.<br>Eine Ausstellung brachte sie nach Paris, wo sie den Maler und Kurator Roland Penrose kennenlernte.<br>Was zunächst eine Kollaboration war, wurde schnell eine Affäre und so zog sie mit Billigung<br>ihres Ehemanns nach London in ein gemeinsames Apartment.<br>Und hier ist Li, als die Deutschen damit beginnen, London zu bombardieren.<br>Roland war einer der Freiwilligen, der während den Bombenangriffen der Deutschen die Stadt<br>patrouillierte und nach Brandherden Ausschau hielt und Li begleitete ihn.<br>Und die Lebensgefahr, die andere vielleicht dazu gebracht hätte, sich zu vergriechen,<br>war für sie wie ein Lebenselixier.<br>Ihr war sofort klar, sie wollte dahin, wo die Action war.<br>Die Gefahr nicht meiden, sondern die Gefahr suchen.<br>Freunde und Familie war entsetzt.<br>Aber wie schon bei Man Ray, ließ Li sich nicht von einem einmal gefassten Plan und<br>einer Entscheidung abbringen.<br>Sie begann damit, praktisch täglich bei Vogue anzufragen, ob die nicht Verwendung für eine<br>Kriegskorrespondentin hätten.<br>Und beginnt damit auf eigene Faust die Bombenangriffe während dem sogenannten Blitz zu dokumentieren.<br>Es sind ihre Fotos und ihre Hartnäckigkeit, die er dann letztlich eine Akkreditierung<br>als offizielle <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a> für die Condé Nast Publishing Group einbringt.<br>Es gab einige Frauen, die für die US Army fotografierten, aber es waren nicht viele.<br>Und Action zu sehen war fast ausgeschlossen, denn die US Army hatte ganz grundsätzlich<br>die Regel, dass Frauen nicht in Kriegshandlungen geschickt wurden.<br>Und so fotografiert sie zunächst die Soldaten, die im Einsatz am D-Day gewesen waren und<br>jetzt in einem Übergangslazarett auf ihren Abtransport warteten.<br>Sie lernt den Time-Live-Fotografen David E.<br>Sherman kennen, der auch für eine Weile dann ihr Lebensgefährte werden soll, und beschließt,<br>dass sie dahin will, wo gekämpft wird.<br>Zur Not wird sie hintrampen.<br>Und genau diesen Plan setzen die beiden dann auch in die Tat um.<br>Nicht lange und Lee hat sich einen Ruf bei den Soldaten als mindestens so kampferprobt<br>und kampffest wie ihre Kameraden eingehandelt.<br>Und so wird ihr forsches Vorgehen von der Armee geduldet.<br>Sie und Sherman sind es dann auch, die zum Beispiel den ersten Einsatz von Napaim in<br>Europa dokumentieren.<br>Sie dokumentiert die Befreiung von Paris oder die Einnahme von Adolf Hitlers Berghof auf<br>dem Obersalzberg im Berchtesgaden.<br>Ihre Fotos entwickelt sie selbst in der Badewanne.<br>Und besonders die US-Vogue widmet ihr große Artikelstrecken, deren Bilder sie beisteuert<br>und deren Text sie komplett verfasst.<br>Und jetzt kommen wir zu dem Foto, das ich in der Einleitung erwähnt habe.<br>Es ist der 30.<br>April 1945.<br>Lee Miller und David Sherman sind in München.<br>Die Stadt ist praktisch dem Erdbodengeich gemacht.<br>Aber es gibt ein Haus, in dem noch fließendes, warmes Wasser ist.<br>Und so beschließen die beiden, dort ein Bad zu nehmen.<br>Als sie das Haus betreten, finden sie auch heraus, warum es das einzige Haus weit und<br>breit mit fließendem, warmen Wasser und Strom ist.<br>Denn es handelt sich um ein Privathaus von Adolf Hitler persönlich.<br>Und so beschließen die beiden nicht nur ein Bad zu nehmen, sondern dieses Bad auch fotografisch<br>zu dokumentieren.<br>Die Aufnahme zeigt Lee Miller in der Badewanne sitzend.<br>Es gibt ein analoges zweites Bild, in dem David Sherman auch ein Bad nimmt.<br>Auf den ersten Blick könnte man diese Aufnahme für einen Schnappschuss halten.<br>Aber auf den zweiten Blick wird klar, dass Lee Miller ihre Fotos als die Künstlerin,<br>die sie war, gezielt komponiert hat.<br>Und dieses Bild ist keine Ausnahme.<br>So steht zum Beispiel ein Foto Adolf Hitlers mit an der Badewanne.<br>Das bekannteste Bild des Diktators.<br>Aber noch viel wichtiger, direkt vor der Badewanne hat sie ihre US-Army-Stiefel abgestellt.<br>Und diese Kombi aus dem per Foto anwesenden Führer und den abgestellten US-Boots machen<br>aus diesem Foto eben mehr als nur einen Schnappschuss.<br>Das ist ein Foto, das nur Sieger machen können.<br>Es dokumentiert eine Machtumkehr.<br>Die Aufnahme von David Sherman zeigt außerdem noch den Duschkopf über ihm.<br>Sherman selbst ist Jude und der Duschkopf steht symbolisch für die als Gemeinschaftsduschen<br>getarnten Gaskammern der Nazis.<br>Und die hatte Lee Miller inklusive der Gräuel, die in den KZs zu sehen waren, nur zu Genüge<br>dokumentiert.<br>Sie ist vor Ort, als die KZs Buchenwald und Dachau befreit werden.<br>Während diesen Befreiungsaktionen sind ja einige Fotografinnen und Fotografen mit dabei<br>und dokumentieren.<br>Aber die meisten versuchen sich vor dem Grauen zu schützen und halten Abstand.<br>Lee geht mit ihrer Rolleiflex-Kamera ganz nah ran und macht Fotos, die sich ins Gehirn<br>brennen.<br>Lee macht diese Fotos, um die Deutschen zum Hinschauen zu zwingen und den Amerikanern<br>zu zeigen, dass sie das Richtige getan haben, als sie sich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> eingemischt haben.<br>Als der <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> vorbei ist, kehrt Lee nach England zurück.<br>Ihr Lebensgefährte aus der Anfangszeit des Krieges, Roland Penrose, hatte seinen Wehrdienst<br>überlebt und die beiden nehmen den Faden da auf, wo er durch die Kriegsgeschehnisse<br>abgetrennt worden war.<br>Sie ziehen aufs Land, erst in ein Cottage, dann in eine Farm.<br>Roland Penrose hatte sich immer vorgestellt, wie es denn sein würde, als Farmer unabhängig<br>von anderen zu sein.<br>Hatte allerdings keinerlei Begabung oder Wissen in dem Bereich.<br>Außerdem ist er ja zunächst mal Galerist, Kunstsammler und Kurator und gibt diesen Beruf<br>auch nicht auf.<br>Und so wird aus der Farm weniger ein Agrarbetrieb, als eher eine Art Künstlerkolonie mit Menschen,<br>die außerdem noch wissen, wie man einen Garten anlegt.<br>Die beiden heiraten und 1947 wird der Sohn Anthony geboren.<br>Die zieht sich komplett aus dem <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Bildjournalismus</a> zurück.<br>Sie fotografiert zwar hin und wieder, aber nicht mehr in offizieller Funktion.<br>Überhaupt hatten die Kriegsjahre tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.<br>Sie hatte schon immer eine Tendenz zur Depression und Schwierigkeiten mit Leistungsdruck umzugehen.<br>Beides bekämpfte sie oft mit Alkohol und Partys und in den ersten Jahren nach dem Krieg<br>wird es ein Strudel, der sie zu verschlingen droht.<br>Was hilft, ist ihr Freundeskreis.<br>Inklusive ihrer ehemaligen Liebhaber.<br>Man Ray oder Aziz kommen regelmäßig vorbei.<br>Pablo Picasso geht in dem Haushalt ein und aus.<br>Und immer wenn Besuch da ist oder wenn Lee eine Party schmeißen kann,<br>blüht Lee auf und zeigt ihr charmantes Gewinnendes selbst.<br>Und es ist diese Zeit, in der Lee ein weiteres Mal beschließt, sich neu zu erfinden<br>und eine neue Leidenschaft entdeckt, nämlich das Kochen.<br>Ab jetzt dokumentiert sie mit ihren Reisen keine Kriegshandlungen mehr<br>oder fotografiert mit künstlerischem Anspruch.<br>Ab jetzt sind ihre Reisen dafür da, neue Rezepte zu lernen, neue Zutaten kennenzulernen,<br>Kochbücher zu kaufen, Gerichte zu testen.<br>Sie beschäftigt sich mit ihrem Kräutergarten mit geradezu religiösem Eifer<br>und die vielen Besucherinnen und Besucher freuen sich über regelmäßige Gelage und originelle Speisepläne.<br>Als sie mit ihren eigenen Gerichten anfängt, an Wettbewerben teilzunehmen,<br>ist sie wieder auf Titelseiten zu sehen.<br>Diesmal als Köchin.<br>Und sie gewinnt Preise für ihre Gerichte.<br>Anthony und Lee haben in der Zeit eine komplizierte Beziehung.<br>Aber später schreibt er in der Biografie über seine berühmte Mutter,<br>dass es diese Zeit als Köchin war, die sie vor dem endgültigen Absinken in Alkoholismus und Depression bewahrt hat.<br>Als Erwachsenes selbst heiratet und mit seiner jungen Frau in die Nähe zieht,<br>normalisiert sich die Beziehung der Mutter und des Sohnes.<br>Es wird freundlich respektvoll.<br>Was aber beim Lesen der Biografie wirklich faszinierend ist,<br>er selbst kannte seine Mutter gar nicht als Fotografin.<br>Er kannte seine Mutter als seine Mutter und als Köchin.<br>Und so schreibt er, dass er völlig überrascht davon war, wie viele Leben seine Mutter gelebt hat.<br>Ein Leben als Supermodel, bekannt über die Grenzen New Yorks hinaus.<br>Ein Leben als surreale Künstlerin, die mit Man Ray zusammen,<br>einem der berühmtesten Vertreter des Genres, stilprägend war.<br>Ein Leben als Unternehmerin und Fotografin in der Werbebranche,<br>mit mehreren nacheinander gegründeten erfolgreichen Fotostudios.<br>Ein Leben als Kriegsreporterin und als Journalistin.<br>Eine Frau, die die ganze Welt ausführlich bereist hat und der ein Leben in Ägypten,<br>in Saus und Braus nicht genug war, sondern die dann regelrechte Expeditionen in die Wüste organisiert hat.<br>Eine Frau, die mit Picasso eng befreundet war und sechsmal von ihm gemalt wurde.<br>Eine Frau, die immer ihrem Herz und ihrer Leidenschaft folgte<br>und damit für viele andere, die ihr nachfolgten, auch den Weg freigeräumt hat.<br>Lee stirbt am 21. Juni 1977 an Krebs.<br>Ihre Asche wird über dem Kräutergarten der Farm ausgestreut.<br>Und die Farm existiert bis heute.<br>Ihr Sohn Anthony hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Nachlass zu verwalten.<br>Und die Farm und das Anwesen ist das Kernstück.<br>Sie ist umgeben von einem Skulpturengarten und enthält einige Räume, die im Originalzustand belassen wurden.<br>Hier lagert Lee&#8217;s komplettes Bildarchiv und die beeindruckende Kunstsammlung des Ehepaars.<br>Da gehören natürlich Werke von Picasso dazu, aber auch Bilder von Miró, Man Ray natürlich, Max Ernst und andere.<br>Was bleibt, ist die Geschichte einer faszinierenden Frau.<br>Einer Frau, der es offensichtlich nicht gereicht hat, sich mit nur einem Lebensweg zu begnügen.<br>[Musik]<br>FotoMenschen<br>[Musik]<br>Leute, was für ein Ritt.<br>Ich habe jetzt 17 Minuten lang versucht, den Überblick über Lee Millers Leben zu geben<br>und dabei viele, viele Anekdoten ausgelassen.<br>Ihr Sohn Anthony hat eine ganz großartige Biografie mit vielen Originalzitaten aus Briefen<br>und anderen Dokumenten zusammengestellt.<br>Und ich habe auf YouTube einen einstündigen Vortrag von ihm gefunden, der das zusammenfasst,<br>den ich euch natürlich wie immer verlinken werde.<br>Ihre Fotografie und ihre Texte sind faszinierend.<br>Die Geschichte ihrer Beziehungen, besonders die spektakuläre Beziehung, die sie mit Man Ray zusammen hatte<br>und deren gemeinsames Werk.<br>Jedes einzelne Kapitel dieses Lebens könnte Bücherregale füllen.<br>Und deswegen hier nochmal der Aufruf, surft doch bei FotoMenschen.net vorbei.<br>Ich packe in die Notizen zur Sendung, wie immer, Hinweise auf Startpunkte, also Artikel, Videos, Bücher etc.<br>Wer schon mal da ist, kann ja gerne einen Kommentar hinterlassen.<br>Ich freue mich immer über Rückmeldung.<br>Und wer mir auf Social Media folgen will, wird auf FotoMenschen.net auch da fündig.<br>Da sind die Links zum Twitter-Kanal, zum Mastodon-Kanal, zu meiner Pixel-Fat-Fotosammlung etc. etc.<br>Ich finde übrigens, von all diesen Kanälen ist vermutlich der Mastodon-Kanal der reichhaltigste,<br>aber wählt einfach selbst.<br>Ansonsten, wer jetzt mehr Lust auf Geschichts-Inhalte oder auf Wissenschaftsinhalte hat,<br>da noch in eigener Sache Hinweis auf die zwei Netzwerke, in denen der Foto-Menschen-Podcast auch mitgeht ist,<br>nämlich einmal geschichtspodcast.de und wissenschaftspodcast.de.<br>Da gibt es mehr großartigen Podcast-Content, als ihr hören könnt.<br>Auch diese Links natürlich in der Webseite.<br>Und jetzt bleibt gesund, passt auf euch auf, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Wed, 01 Jun 2022 15:59:44 GMT</pubDate>
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            <title>Der Junge mit der Handgranate</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/der-junge-mit-der-handgranate.html</link>
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            <description>Diane Arbus war eine Ausnahme-Fotografin. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Diane Arbus war eine Ausnahme-<a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a>. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit. So wie ihr berühmtestes Foto &#8222;The boy with the toy grenade&#8220;</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Diane_Arbus" target="_blank">Diane Arbus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Child_with_Toy_Hand_Grenade_in_Central_Park" target="_blank">Child with Toy Hand Grenade in Central Park</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/284712" target="_blank">Child with a toy hand grenade in Central Park, N.Y.C.</a> (The Met)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210707081211/https://dergreif-online.de/artist-blog/where-are-those-precious-mistakes/" target="_blank">Where Are Those Precious Mistakes?</a> (Der Greif)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fatherly.com/love-money/child-toy-hand-grenade-colin-wood-diane-arbus" target="_blank">Colin Wood, Diane Arbus’s ‘Child With A Toy Hand Grenade,’ Looks Back</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240909060715/https://news.artnet.com/market/diane-arbus-birthday-890000" target="_blank">Revisiting Diane Arbus’s Most Famous Photo on Her 94th Birthday</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.thecut.com/2016/07/diane-arbus-c-v-r.html" target="_blank">Was Diane Arbus the Most Radical Photographer of the 20th Century?</a> (The Cut)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.newyorker.com/magazine/2016/06/06/diane-arbus-portrait-of-a-photographer" target="_blank">In the Picture &#8211; A new biography of Diane Arbus</a> (The New Yorker)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.theartstory.org/artist/arbus-diane/" target="_blank">Diane Arbus</a> &#8211; The Artstory</li><li>Howard Schatz &#8211; Kink</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Matt_Groening" target="_blank">Matt Groening</a> (Wikipedia)</li></ul>

<p>Themenpatin: </p>

<ul><li>Petrina Engelke &#8211; @PetrinaEngelke, @moments_ny, Podcast &#8222;Notizen aus Amerika&#8220; &#8211; <a href="https://notizenausamerika.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Webseite</a>, <a href="https://fyyd.de/podcast/notizen-aus-amerika/0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FYYD</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="660" height="811" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image-2.png" alt="Zwei Porträts einer blonden Frau und ein Screenshot eines Profilbereichs, der die Meldung „There are no items to show in this view.“ anzeigt."/></figure></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/2732446009" target="_blank" rel="noopener">Diane Arbus</a></p>

<div><figure class="aligncenter"><img decoding="async" src="https://2.img-dpreview.com/files/p/TS560x560~forums/60923724/4493d58a1411413c80758cbe05750068" alt=""/></figure></div>

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<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Ich finde es immer wieder faszinierend: Kaum jemand kennt <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, aber alle werden von ihren Arbeiten beeinflusst. Mein Beispiel heute ist eine <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> aus den 60ern, die im Wesentlichen Fotonerds kennen. Aber so unterschiedliche Werke wie Stanley Kubricks &#8222;Shining&#8220; oder &#8222;Die Simpsons&#8220; würden ohne ihre Arbeit anders aussehen, ganz egal, ob wir sie nun kennen oder nicht.</p>

<p>Die Fotografin Diane Arbus hat ihre Kindheit während der Weltwirtschaftskrise verbracht und wuchs dann während dem Vietnamkrieg und der sexuellen Revolution in New York auf. Und ihr Start ins Leben war ein privilegierter. Ihre Eltern gehörten der New Yorker Upper Class an und hatten einen Department Store in der privilegierten 5th Avenue in New York. In Privatschulen ausgebildet und aufgezogen von Kindermädchen blieb sie weitgehend von den schweren Folgen der Weltwirtschaftskrise verschont.</p>

<p>Mit 13 lernt sie Allan kennen, einen Mann, fünf Jahre älter als sie, der die Schule hingeschmissen hat und in der Werbeabteilung des Pelzladens ihres Vaters arbeitete. Die Beiden heiraten mit 18 und es dauert nicht lange und sie eröffnen ein gemeinsames Fotostudio, eine Leidenschaft, die Allan in die Beziehung mitbrachte. Er brachte ihr bei, wie man mit einer Kamera umging, wie man Film entwickelt und es dauerte nicht lange und das Paar etablierte sich als Fashionfotografen in New York. Zehn Jahre lang betrieben sie ein Studio zusammen.</p>

<p>Obwohl das Studio erfolgreich war und die beiden auch gut zusammenarbeiteten, war schnell klar, dass Diane etwas anderes wollte, als für immer Studiofotografin zu sein. Wenn sie also nicht gerade damit beschäftigt war, Kleidung an Models zu pinnen, Konzepte für Werbekampagnen auszuarbeiten oder Familien im Studio zu portraitieren, lief sie mit ihrer Nikon Kamera durch die Stadt und fotografierte, was ihr so vor die Linse kam.</p>

<p>Eines Tages kam sie mit einer frisch belichteten Rolle Film nach Hause und bat ihren Mann, den bevorzugt zu entwickeln. Die Negative, die da herauskamen, nummerierte sie mit einem Marker mit der Nummer 1. Hier startet eine Nummerierung, die sie bis zum Ende ihres Lebens durchhalten wird. Sie ist Mitte 30, als sie diesen ersten Film nummeriert. Es ist der Moment, in dem sie beschließt, eine andere Fotografin zu werden, in dem sie beschließt, Künstlerin sein zu wollen und nicht Auftragsfotografin. Es ist der Start von etwas Neuem.</p>

<p>Am Anfang läuft Diane durch die Stadt und fotografiert, was man so in der Stadt sieht. Sie macht die klassischen Streetfotos, die viele von uns machen. Friseure durch die Glasscheibe hindurch, Familienszenen im Park, sie streift mit ihrer Kamera durch die Straßen und alles, was ihr Auge festhält, wird fotografiert. Sie entwickelt sich in eine andere Richtung als ihr Ehemann. Sie wird künstlerischer. Sie wünscht sich mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit.</p>

<p>Es sind die 60er und die Arbus&#8217;s leben sowieso ein sehr offenes Modell der Beziehung und ihr Ehemann Allan unterstützt sie in ihrem Wunsch, unabhängiger zu sein. Er hilft ihr, ein anderes Studio in New York zu finden und hilft ihr beim Umzug. Um die Kinder kümmern sie sich gemeinsam. War die Kindheit von Diane im Wesentlichen von der Distanz zu ihren Eltern geprägt, war es Diane und Allan wichtig, ihren Kindern nah zu sein. Er kam oft vorbei, sie verbrachte viel Zeit mit ihnen und so gingen rund elf Jahre ins Land, bevor das Paar sich auch ganz offiziell, getrieben von einer neuen Partnerin Allans, die nicht ganz so polyamourös gestimmt waren wie die beiden, wirklich scheiden ließen.</p>

<p>Es ist rund um die Zeit, als man eine Veränderung in ihrer Arbeit feststellen kann. Irgendwann entdeckt Diane, dass sie Fremde ansprechen kann, dass sie mit ihnen arbeiten kann, dass er sie posieren kann. Und aus der Schnappschussfotografie, die ihre frühen Arbeiten als unabhängige Fotografin prägt, werden plötzlich Fotos, die, ja, manchmal diesen Schnappschusscharakter haben, in denen aber die Motive ganz eindeutig wissen, dass sie fotografiert werden. Sie sind präsent. Sie schauen oft in die Kamera.</p>

<p>Und Dianes Stil ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja wahrscheinlich sogar schockierend. Sie pfeift auf etablierte gestalterische Regeln. Ihre Fotos sind selten kompositorische Meisterwerke. Rule of Thirds, Layers, Linien, ach was, Hauptsache, das Motiv ist stark genug. Dafür sucht sie gezielt Menschen, die so selten fotografiert werden. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen. Nudisten. Groß- und Kleinwüchsige. Oder Mitglieder der New Yorker Unterwelt. Oder Subkulturen wie zum Beispiel die nach und nach aufkeimende Travestiebewegung. Diane hat keine Scheu vor diesen Menschen und sie fotografiert sie und setzt sie in Szene und ist dabei auch nicht zimperlich. Sie versucht, Fotos zu machen, denen man ansieht, dass sie den Menschen, die sie portraitiert, näher gekommen ist, dass sie etwas über die Menschen weiß, das sie dem Betrachtenden zeigen kann.</p>

<p>Diane ist der Meinung, dass unser Äußeres nicht uns gehört, unser Äußeres spricht eine Sprache, die unsere Umwelt entziffern darf. Und so ist sie auch nicht zimperlich, wenn sie die Leute fotografiert.</p>

<p>Und wenn es nötig ist, um ein Foto zu bekommen, lügt sie auch. &#8222;Nein, nein, das sind nur Kopfportraits, die ich hier mache&#8220;, sagt sie und fotografiert in Wirklichkeit die berühmte Feministin und Philosophin Ti-Grace Atkinson oben ohne. Genauso wenig konnte man sich darauf verlassen, wenn Diane sagte: &#8222;Nein, nein, die Bilder werden nie veröffentlicht werden.&#8220;.</p>

<p>Aus heutiger Sicht ist Diane Arbus ethisch tatsächlich auf sehr glattem Eis unterwegs. Gleichzeitig schafft sie aber auch, mit ihren Fotos, gerade besonders auch den Fotos von benachteiligten Menschen, eine Bildsprache zu etablieren, die es vorher so nicht gab. Sie definiert Schönheit in der Fotografie völlig neu. Ihre Models haben eine Würde und eine Schönheit, die von innen strahlt. Sie selbst sagt: &#8222;Viele von uns verbringen ihre Lebenszeit damit, sich vor Traumas zu schützen. Wir verstecken uns vor Schmerz. Wir laufen weg von dem Unglück.&#8220; Die Menschen, die Diane fotografiert, wurden oft mit ihren Traumas schon geboren. &#8222;Eigentlich&#8220;, sagt sie, &#8222;sind das die wahren Aristokraten; die Menschen, die das schon gemeistert haben, was viele von uns auf Teufel komm raus vermeiden wollen.&#8220;</p>

<p>Diane Arbus hat das Glück, relativ früh in der Kunstszene New Yorks aufzufallen. 1959, im Rahmen einer Ausstellung, lernt sie den Art Director Marvin Israel kennen. Er ist ein Jahr jünger als sie, selber Maler und verheiratet. Die Beiden werden trotzdem ein Paar, eine Beziehung, die bis zu ihrem Tod halten wird. Israels Frau scheint nichts dagegen zu haben. Wie gesagt, es ist die Zeit der sexuellen Revolution. In New Yorker Künstlerkreisen sieht man das nicht mehr so eng.</p>

<p>Über ihren Freund lernt sie unter anderem auch Fotografen wie Richard Avedon kennen und es sind diese Einflüsse, die ihre Arbeit immer einprägsamer werden lassen. Sie arbeitet an verschiedenen Serien und macht in der Zeit mehrere Fotos, die bis heute Wiedererkennungswert haben. Früh fing sie zum Beispiel an, sich besonders für Zwillinge und Drillinge zu interessieren. Und eines ihrer berühmtesten Bilder zeigt zwei Zwillingsmädchen, die Händchen haltend nebeneinander stehen, direkt in die Kamera schauen und trotz dieser symmetrischen Pose und dem ähnlichen Äußeren einfach sehr, sehr unterschiedlich aussehen.</p>

<p>Stanley Kubrick, der Diane Arbus auch persönlich kannte, wird dieses Bild später zitieren, in seinem berühmten Film &#8222;The Shining&#8220;. Der Film spielt in einem verwunschenen Hotel. Ein Familienvater, gespielt von Jack Nicholson, lässt sich mit seiner Familie dort über den Winter als eine Art Hausmeister in Residence einschneien und wie es sich für so ein Horrorhotel gehört, nimmt das Schicksal ab hier seinen Lauf. Der kleine Danny, der Sohn der Familie, fährt mit einem Dreirad durch die Gänge des Hotels und begegnet dort plötzlich zwei Händchen haltenden Mädchen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Hello, Danny. Come and play with us.&#8220;</p>

<p>Und die sehen schon sehr von Arbus’ Bild inspiriert aus.</p>

<p>Ein anderes eher bekanntes Bild von ihr trägt den Titel &#8222;Jewish Giant&#8220;. Eigentlich zeigt es ein Familienfoto. Ein Sohn besucht seine Eltern, nur, dass der Sohn derart riesig ist, dass seine Eltern im Größenvergleich wie Zwerge wirken und er sich nur gebeugt im Wohnzimmer aufhalten kann. Alle stehen in diesem Bild, was es noch dramatischer aussehen lässt. Der Giant in dem Bild heißt Eddie Carmel und leidet an Gigantismus, einer Wachstumsstörung.</p>

<p>Und was an dem Bild ganz besonders auffällig ist und für unsere heutigen Augen gar nicht mehr besonders wirkt, ist, wie verhältnismäßig schlampig das Bild eigentlich gemacht ist. Wir wissen, dass alle in diesem Bild sich der Fotografin im Raum bewusst waren. Vermutlich hatte Diane gefragt und sie hatte wohl die Erlaubnis, ein Foto der Familie zu machen. Und sie blitzt in den Raum. Sie hätte also alle Zeit der Welt gehabt, sich Gedanken über die Komposition zu machen oder das Licht zu planen. Die Tatsache, dass das Foto fast schon schnappschussartig aussieht, eine monströse Vignette im Bild ist und das Foto zum Teil überblitzt ist, muss man dann tatsächlich als Absicht interpretieren. Das war kein kurzer, spontaner Schnappschuss und Diane wusste nach jahrzehntelanger fotografischer Arbeit sehr wohl, was sie tat.</p>

<p>Und so muteten die Bilder, die Diane schoss, der damaligen Gesellschaft nicht nur Fotomotive zu, die so noch nie zu sehen waren, sie markiert auch den Start einer völlig neuen Ästhetik. Und beides sind Effekte, die ab jetzt oft und gerne kopiert werden. Diese absichtliche Schlampigkeit im Bildaufbau, die interpretieren wir heute als Candid, als Schnappschussfotografie. Und ungewöhnliche Models sucht man sich heute auch viel regelmäßiger, als es damals üblich war.</p>

<p>Ich habe mir vor Kurzem einen Bildband mit Auszügen aus dem Lebenswerk des berühmten amerikanischen Fotografen Howard Schatz gekauft und einer seiner langjährigen Fotoserien portraitiert die San Francisco Kink, Gay and Pride Scene, Menschen also, die gerade deswegen, weil sie anders aussehen, eine ganz besondere Faszination ausstrahlen. Und da gibt es durchaus Parallelen zu Diane Arbus&#8216; Werk, die Fotos von Travestiekünstlern und Nudisten gemacht hat.</p>

<p>Aber selbst, wenn Diane einfach &#8222;nur&#8220;, in Anführungsstrichen, Streetfotos gemacht hat, war ihr Auge für die ungewöhnliche Situation oder das ungewöhnliche Motiv wirklich bemerkenswert. Und das bringt uns zu ihrem vielleicht berühmtesten Foto, dem Bild, das alle paar Jahre wieder eine Schlagzeile macht, wenn ein Originaldruck für mal fünfhundert- , mal siebenhundert tausend Dollar weiterverkauft wird. Es zeigt einen Jungen im Central Park in New York, ungefähr sieben Jahre alt. Er schaut uns an, mit weit und leicht irre aufgerissenen Augen und einem zur Grimasse verzogenen Gesicht. Man weiß nicht so genau, macht sich der Junge vielleicht ein bisschen lustig und albert für die Kamera herum oder ist da etwas Irres in dem Blick, vielleicht auch etwas Traurigkeit? Einer seiner Hosenträger ist heruntergerutscht. Vielleicht ist er ja auch herumgelaufen. Seine linke Hand scheint etwas Unsichtbares festzuhalten. Sie ist zu einer offenen Klaue verkrampft. Und in seiner rechten Hand hält er eine Handgranate.</p>

<p>Es ist ein bemerkenswertes und ein verstörendes Foto. In dem Bild gibt es keine erkennbare Symmetrie, man vermutet fast, Diane Arbus hätte das Bild im Vorbeigehen geschossen. Spontan eben. Das Bild jedenfalls ist bemerkenswert und es fällt auf den Boden der gerade tobenden Kontroverse rund um den Vietnamkrieg.</p>

<p>Und es zeigt den New Yorker Jungen Colin Wood. Der wird später erzählen, dass er sich eigentlich nicht mehr daran erinnert, wie Diane Arbus dieses Foto von ihm gemacht hat. Er hat allerdings eindeutig gewusst, dass er fotografiert wird, denn es gibt den kompletten Kontaktabzug, also die Reihe von Fotos, die vor diesem Bild und kurz nach diesem Bild entstanden sind und daran kann man sehen, dass Colin mit Diane Arbus wie ein typischer Siebenjähriger, sagen wir mal, zusammengearbeitet hat. Am Anfang ist er anscheinend noch etwas verlegen. Da kam eine junge Frau auf ihn zu und hat ihn gefragt, ob sie ihn fotografieren darf und er posed so ein bisschen und albert so ein bisschen herum für die Kamera. Er probiert sich aus, läuft herum und Diane positioniert sich in verschiedenen Winkeln zu ihm. Und irgendwann macht er eben dieses goofige Gesicht. Diese Handgranate in der einen Hand, dieser irre Gesichtsausdruck, diese zur Klaue geformte andere Hand ist für einen kleinen Augenblick zu sehen und Diane drückt in diesem Moment ab.</p>

<p>Das Foto wird zu einer Ikone der amerikanischen Antikriegsbewegung. Aber auch die Anarchisten drucken es gerne auf ihre Plakate. In einem 17-jährigen Teenager aus Portland, Oregon, Matt Groening, steckt beides so ein bisschen. Er demonstriert zu der Zeit. Vielleicht hat er auch sogar mal ein Plakat mit dem Jungen und der Spielzeughandgranate herumgetragen, gesehen hat er es auf jeden Fall. Matt jedenfalls wird uns später mit einer Popkulturikone beschenken.</p>

<p>[Einspieler &#8211; das &#8222;The Simpsons&#8220; Intro]</p>

<p>Und die Figur des Bart Simpson, sagt er später, basiert auf dem, was er in dieser Figur, in diesem Jungen mit der Granate gesehen hat. Eine gewisse Aufmüpfigkeit, eine Herkunft, die er da vermutete und so inspiriert der junge Colin Wood, der mit 7 Jahren und einer Spielzeughandgranate von Diane Arbus festgehalten wird, eine der ikonischsten Figuren der modernen Popkultur.</p>

<p>Er erinnert sich, dass seine Kindheit zu der Zeit eher weniger spaßig war. Sein Vater befand sich mal wieder in einer Scheidung und der junge Colin lief einigermaßen unbetreut in New York durch die Gegend. Allerdings jetzt nicht verwahrlost oder so. Sein Vater war ein erfolgreicher Tennisspieler, öfters in den Top Ten in der Weltrangliste. Aber in der Jugend von Colin eben auch mehr mit sich selbst als mit seinem Sohn beschäftigt.</p>

<p>Er war jetzt nicht gerade begeistert davon, dass sein Sohn sich plötzlich auf einem Foto der Antikriegsbewegung wiederfand und Colin erinnert sich auch, dass Schulkameraden das Bild gefunden hatten und es in der Schule aushingen. Alles Ereignisse, auf die er auch gut hätte verzichten können. Trotzdem hat ihn das Foto nicht weiter beeinflusst, sagt er.</p>

<p>Nach der vierten und letzten Scheidung seines Vaters und seinem erfolgreichen Schulabschluss gründen die Beiden gemeinsam ein Unternehmen. Sie bauen Tennisplätze überall auf der Welt. Und sie sind erfolgreich. Nicht ganz so der Lebenslauf, den man sich von einem Jungen erwartet, dessen Foto für eine Weile in einer Ausstellung für unterprivilegierte Amerikaner zu sehen ist und auf Antikriegsdemonstrationen herumgetragen wird.</p>

<p>Aber irgendwie auch nicht ganz ungewöhnlich für ein Foto von Diane Arbus. Sie ließ sich von diesem Moment überraschen. Wen interessiert da schon der Rest? Parallel arbeitet sie weiter an ihrer fotografischen Karriere. Sie landet relativ schnell Aufträge bei großen Magazinen. Die waren zu der Zeit durchaus experimentierfreudig und so darf sie Fotostrecken gestalten, die eher ungewöhnlich sind.</p>

<p>Mit jedem Auftrag öffnen sich dann weitere Türen. Magazine wie &#8222;The Esquire&#8220;, &#8222;Harper&#8217;s BAZAAR&#8220;, aber auch Kunden wie der New York Times, Sports Illustrated, Herold Tribune, Diane Arbus ist schnell gefragt und kommt rum. Schnell hat sie einen Ruf als Fotografin, deren Bilder eher exzentrisch wirken. Selbst, wenn sie bekannte Persönlichkeiten oder Mitglieder der High Society fotografiert, sind ihre Fotos ungewöhnlich. Magazine schießen sich darauf ein und so werden bestimmte Aufträge gar nicht mehr an sie herangetragen. Klassische Politikerfotos? Naja, ist ja nicht wirklich etwas für Diane.</p>

<p>Parallel zu ihren Auftragsarbeiten bemüht sich Diane auch immer um Unterstützung für freie Aufträge. Es gibt verschiedene Institutionen, die Stipendien für besonders interessante Arbeiten herausgeben, so zum Beispiel die Guggenheimstiftung. Von da ergeben sich auch verschiedene Reportageaufträge, die mal privat, mal öffentlich finanziert werden. Als sich die Magazinbranche allerdings im Umbruch befindet, gehen auch ihre Aufträge zurück und sie fängt an, zu lehren und bei Ausstellungen mitzuwirken.</p>

<p>Während dieser ganzen Zeit leidet Diane unter massiven depressiven Schüben. Schon ihre Mutter kämpfte mit Depressionen und Diane hatte besonders nach einer Hepatitiserkrankung 1966 immer wiederkehrende zum Teil heftige Schübe. Sie suchte sich auch Hilfe und war in Behandlung, aber 1971 wurde ihr dann alles zu viel. Sie stellt ihren Terminkalender auf die Treppe, schreibt in ihr Notizbuch &#8222;Letztes Abendmahl&#8220;, bevor sie Schlafmittel nimmt und sich die Pulsadern auftrennt.</p>

<p>Seither wird ihre Arbeit wieder und wieder neu entdeckt. 1972, also ein Jahr nach ihrem Tod, ist sie die erste amerikanische Fotografin überhaupt, die auf der Biennale in Venedig ausgestellt wird. Es geht eine Monografie von ihr um die Welt, das Museum of Modern Art macht eine Diane Arbus Retrospektive und einige ihrer fotografischen Ideen prägen bis heute die Fotografie.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 23 Jan 2022 16:49:57 GMT</pubDate>
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            <title>Schärfe ist nicht alles</title>
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            <description>Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste Fotografin des viktorianischen Zeitalters.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> des viktorianischen Zeitalters. Sie war erst im Alter von 48 zur Fotografie gekommen und erlangte innerhalb von 16 Jahren durch ihren einzigartigen Bildstil Berühmtheit. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/essays/julia-margaret-cameron-1815-1879" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (The Met)</li><li><a href="https://www.getty.edu/publications/virtuallibrary/0892366818.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Complete Photographs</a> (PDF, 321MB)</li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-54-41-800x1024.jpg" alt="Sepiafarbenes Porträt eines jungen Mädchens, das mit verschränkten Armen liegt und von großen Engelsflügeln umrahmt wird." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="819" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/The_Kiss_of_Peace_by_Julia_Margaret_Cameron1-819x1024.jpg" alt="Zwei Frauen mit langem Haar sind in einem Sepia-Tonporträt eng zusammengehalten, wobei die Frau rechts leicht aufblickt und die andere Frau sich zu ihr neigt." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-51-24-773x1024.png" alt="Schwarz-Weiß-Porträt einer jungen Frau mit gewelltem Haar, die vor einem dunklen Hintergrund dramatisch beleuchtet ist." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="796" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-50-44-796x1024.png" alt="Porträt eines älteren Mannes mit zerzaustem weißem Haar und dunkler Kleidung, der direkt in die Kamera blickt." /></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="2ya7XWByKks" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_2ya7XWByKks.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="WihqL0NImqc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_WihqL0NImqc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="WUzSDzI-wDw" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_WUzSDzI-wDw.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Oft wird ja mal von den Vätern der Fotografie gesprochen und dabei gerne übersehen, dass von Anfang an Frauen genauso fasziniert von der neuen Technik waren wie ihre männlichen Zeitgenossen. Verstärkt wird das Ganze noch dadurch, dass es überwiegend männliche Fotografen sind, von denen wir auch heute noch wissen. Nicht nur war es für Frauen oft schwerer als für Männer, mit der Fotografie einen Lebensunterhalt zu bestreiten, es war auch deutlich schwerer, in entsprechenden Kreisen Anerkennung zu finden und zum Beispiel Ausstellungen zu organisieren oder gar veröffentlicht zu werden. Trotzdem gibt es natürlich ein paar Namen, die man finden kann. Und in der Liste all dieser großartigen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> sticht eine ganz besonders heraus: Julia Margaret Cameron.&nbsp;</p>

<p>Ich finde das gar nicht so einfach, mit modernen Augen auf die Bilder von Julia Margaret Cameron zu blicken. Sie gehört der Gruppe der sogenannten &#8222;frühen Piktorialisten&#8220; an, das heißt, ihre Bilder versuchen, einfach nur mehr zu sein als eine Aufzeichnung der Welt. Oft tragen ihre Bilder zusätzliche Bedeutung, arbeiten also mit Allegorien oder Szenen aus Opern, Gedichten oder christlicher Mythologie.&nbsp;</p>

<p>Und ganz allgemein versucht Julia, in ihren Bildern eine gewisse malerische Qualität zum Ausdruck zu bringen. Während viele ihrer Zeitgenossen darauf hin optimieren, möglichst präzise, scharfe Portraits zu machen, gilt für ihre Bilder oft das Gegenteil. Sie ist bekannt dafür, dass sie Bilder absichtlich unscharf macht, den Fokus verstellt, Bewegungsunschärfe zulässt, und so weiter. Ihre Bilder sind also von Anfang an keine wissenschaftliche Dokumentation, sondern als Kunst gemeint. Und ihr wird auch von Anfang an vorgeworfen, was man auch heute noch Menschen vorwirft, die Fotos absichtlich unscharf machen, dass sie ihr Handwerk nämlich nicht verstünde, dass es weniger mit Absicht als mit Unfähigkeit zu tun hätte.&nbsp;</p>

<p>Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass ich verschiedenen Portraits von Julia Margaret Cameron relativ früh begegnet bin. Da beschäftigte ich mich eigentlich noch gar nicht mit der Geschichte der Fotografie. Bilder waren mir begegnet als Beispiele klassischer Fotografie, oder mir war zum Beispiel auch das <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> von Sir John Herschel, einem berühmten Astronomen der damaligen Zeit, schon mehrmals untergekommen. Ihre Bilder sind oft wirklich schön beleuchtet und der Sepiaton, in den die meisten ihrer Drucke getaucht sind, erzeugt sofort dieses nostalgische Gefühl.&nbsp;</p>

<p>Und dann ist da die Unschärfe. Und mit der tu ich persönlich mich wirklich schwer. Es mag ja vielleicht noch sein, dass Julia Margaret Cameron in der Lage gewesen wäre, präzise, scharfe Bilder zu machen, aber beim Blättern durch ihr Gesamtwerk fällt schon auf, dass sie das weit seltener versucht hat, als andere <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen aus der Zeit. Und das will ich jetzt vielleicht einfach mal als Stilmittel akzeptieren, allerdings sorgt das für mich zumindest auch dafür, dass ich viele ihrer Bilder einfach nicht genießen kann. Ich schaue die mir an und wünschte, sie wären schärfer.&nbsp;</p>

<p>Was ich aber rundheraus bewundern kann, ist, dass Julia Margaret Cameron damals eine einzigartige Fotografin war und eine Fotografin, die sich in kürzester Zeit einen Namen gemacht hatte. Egal, ob man ihre Werke jetzt nun furchtbar oder großartig fand, man konnte Julia Margaret Cameron, kaum, dass sie einmal angefangen hatte, zu arbeiten, eigentlich nicht mehr ignorieren, wenn man zu der damals doch schon recht aktiven fotografischen Szene gehörte. Und dabei ist besonders interessant, dass Julia Margaret Cameron eigentlich sehr spät überhaupt erst mit der Fotografie anfing. Nämlich schon 48. Aber kaum, dass sie für dieses Medium Feuer gefangen hatte, brannte die Flamme lichterloh. Über 1200 Negative sind von ihr noch erhalten. In den gerade mal 16 Jahren, die sie fotografiert hat, ist das eine bemerkenswerte Menge.&nbsp;</p>

<p>Geboren wird Julia im Jahr 1815 in Kalkutta. Indien ist damals noch englische Kolonie und Julia wird als eine von zehn Geschwistern geboren. Ihr Vater war Brite, ihre Mutter Französin, die Mutter war allerdings zum Teil auch indischer Abstammung und so hatten alle Kinder der Familie einen verhältnismäßig dunklen Hautton, dunkle Augen und dunkle Haare.&nbsp;</p>

<p>Julias Familie war das, was man privilegiert nennen könnte. Als Angestellter der Regierung kam ihr Vater weit in der Welt rum und manche Reisen waren in der damaligen Zeit tatsächlich einigermaßen üblich, so hatten britische Angestellte in Indien oft unter dem Klima zu leiden und fingen sich allerlei unangenehme Krankheiten ein. Um die dann auszukurieren, zog man auch gerne nach ein paar Jahren Dienst in Indien mit der gesamten Familie nach Südafrika. So auch Julias Familie. Und hier in Südafrika trifft die damals 21-jährige Julia ihren späteren 20 Jahre älteren Ehemann, Charles Hay Cameron. Charles war zu der Zeit schon ein leitender Beamter in der britischen Kolonialverwaltung und so traf man sich nicht nur in Südafrika, sondern auch bei der Rückkehr nach Kalkutta wieder und zwei Jahre später kam es dann auch zu Hochzeit.&nbsp;</p>

<p>Es ist aber nicht nur ihr späterer Ehemann, den Julia zu der Zeit in Südafrika trifft. Sie lernt außerdem den wahrscheinlich berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit, Sir John Herschel kennen und freundet sich mit ihm an. Sie wird ihn später ihren Lehrer und Hohepriester nennen. Und Sir John Herschel ist unter anderem eine der wichtigsten Figuren in der Entwicklung der Fotografie. Er ist fasziniert von den lichtempfindlichen Eigenschaften verschiedenster Chemikalien und forscht an Mitteln und Wegen, wie er die Aufnahmen des Sternenhimmels festhalten könnte. Und so inspiriert Herschel später auch zum Beispiel Henry Fox Talbot und inspiriert <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a>, von der wir auch schon in diesem Podcast erzählt haben, dazu, der Welt erstes fotografisches Buch zu machen.&nbsp;</p>

<p>Überhaupt, finde ich, ist es sehr auffällig, dass die Welt damals fotografisch gesehen recht klein war. Die ersten Pioniere und Pionierinnen dieses noch ganz jungen Mediums schienen sich alle untereinander zu kennen. Als sich die beiden Sir John Herschel und Julia Margaret Cameron kennenlernen, existiert die Fotografie noch gar nicht. In Frankreich forscht Louis <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> an einer Möglichkeit, Bilder permanent zu fixieren und in Großbritannien ist Henry Fox Talbot daran, beide sind aber noch mehrere Jahre vom Durchbruch entfernt.</p>

<p>Julia und ihr Mann jedenfalls ziehen wieder zurück nach Kalkutta und die Dinge stehen hervorragend. Der neu berufene Gouverneur Indiens verzichtet darauf, seine Frau mitzubringen und Julia, die sowieso kein Problem hat, in den gehobenen Gesellschaftsschichten der damaligen britischen Kolonien frei zu navigieren, wird mit gerade mal 30 Jahren zur offiziellen Hostess des Gouverneurs. Fünf Jahre lang wird sie also in seinem Auftrag Feste planen, Besuch empfangen, wichtige Gäste unterhalten und damit eine Unmenge von Persönlichkeiten kennenlernen, die sie auch später noch weiter begleiten werden.&nbsp;</p>

<p>Weil es ihrem Mann Charles allerdings im indischen Klima zunehmend schlechter geht, beschließt das Paar, nach England zurückzukehren. Was in Indien funktioniert hat, funktioniert natürlich auch in London und so dauert es nicht lang, bis Julia Margaret Cameron mit der gebildeten Elite in London nicht nur befreundet ist, sondern sich ständig mit ihnen trifft. Tea parties, offizielle Veranstaltungen, man kennt sich, man begegnet sich.&nbsp;</p>

<p>Der Lebensunterhalt der Camerons kommt damals unter anderem von Rücklagen ihres Mannes Charles, aus der Rente, die er sich erarbeitet hatte und aus einer Kaffeeplantage auf Sri Lanka. Und als Gutsbesitzer auf Sri Lanka muss man natürlich hin und wieder mal seine Ländereien besuchen, dort eventuell anstehenden Verpflichtungen nachkommen und so war Charles relativ oft unterwegs.&nbsp;</p>

<p>Es war wieder mal so eine Gelegenheit und gleichzeitig Julias 48er Geburtstag, als eine ihrer Töchter dachte, es wäre doch ganz gut, ihrer Mutter zum Geburtstag ein wenig Ablenkung zu schenken. Es darf angenommen werden, dass diese Idee nicht aus der leeren Luft entstand. Julia hatte sich wohl schon mal von Freunden zeigen lassen, wie diese faszinierende neue Technologie funktionierte. Sie hatte ja mitbekommen, wie die Fotografie erfunden und veröffentlicht wurde. Immerhin war sie schon 24, als <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> seine nach ihm benannte <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> der französischen Akademie der Wissenschaften vorstellte. Und durch Herschel bekam sie natürlich auch die großen Sprünge mit, die Henry Fox Talbot dann machte. Außerdem kannte Julia Margaret Cameron Fotografen wie Oscar Rejlander oder Lewis Carroll und hatte sich vermutlich besonders von Rejlander zeigen lassen, wie man denn Negative richtig druckt.&nbsp;</p>

<p>Aber egal wie, so genau überliefert ist das alles nicht, fest steht nur, ihre Tochter dachte, eine Kamera wäre genau das richtige Hobby für ihre Mutter. Und wir reden da natürlich immer noch von einem Verfahren, wo auf sogenannten &#8222;Wet Plates&#8220; fotografiert wurde, also Glasnegative, die man sich selber anfertigte, indem man eine bestimmte Chemikalie auf Glas strich, um dann das noch nasse Negativ in einer Kamera zu belichten und noch bevor es getrocknet ist, entsprechend zu fixieren und zu bearbeiten.&nbsp;</p>

<p>Und meine Herren, was war die Tochter richtig gelegen. Ihre Mutter war Feuer und Flamme. Ein Glasgewächshaus, das eigentlich als Hühnerstall benutzt wurde, wurde ausgeräumt und wurde Julias offizielles Fotostudio. Und ab hier waren weder Bedienstete, noch Verwandte, noch Freunde vor ihrer Kamera sicher. Julia hatte ein sehr erlesenes Netzwerk und diverse zur Viktorianischen Zeit in Großbritannien berühmten Maler oder Poeten saßen irgendwann mal Modell für sie.&nbsp;</p>

<p>Und sie machte Fotos, die sonst keiner so machte. Die Malerei im Viktorianischen Zeitalter war von den sogenannten Präraffaeliten geprägt. Das war eine Gruppe britischer Maler, die zur damaligen Zeit die Renaissancemalerei Italiens wiederentdeckt hatte. Die Gemälde waren kräftig koloriert, hatten viele Details und vor allen Dingen auch viel Symbolik. Und Julia nahm diesen Stil auf und versuchte, entsprechend zu fotografieren.</p>

<p>Es dauerte nicht lange und sie hatte den Ruf der ungeduldigen Perfektionistin. Besonders oft mussten Teenager und Kinder in ihrer Umgebung darunter leiden, denn Spaß hat es sicher nicht gemacht, mehrere Minuten lang in einer Position auszuhalten, damit die Frau Mama oder die Herrin des Hauses ihr Bild in den Kasten bekommt. In relativ vielen ihrer Bilder sind Teenager oder Kinder zu sehen und ich finde es irgendwie witzig, dass die eigentlich irgendwie immer genervt aussehen. Ich versuche, mir dann auszumalen, wie diese Fotositzungen wohl abgelaufen sein müssen.</p>

<p>Fängt Julia am Anfang noch aus Leidenschaft und als Hobby mit der Fotografie an, reicht ihr das schnell nicht mehr. Sie nutzt ihr Netzwerk, um Ausstellungen zu organisieren und ihre Bilder werden verglichen und diskutiert. Julia Margaret Cameron dürfte die erste Fotografin sein, die das, was wir heute &#8222;Close Ups&#8220; nennen, gemacht hat. Manche ihrer Portraits sind aus nächster Nähe aufgenommen worden, man kann jedes Detail im Bild sehen, also, in den scharfen Teilen des Bildes. Und das ist für die damalige Zeit alleine schon ungewöhnlich genug. Allegorien in Bildern, auch das ist nicht besonders häufig, und absichtliche Unschärfe, ja, das gab es praktisch nie. Und trotzdem stellt Julia aus und trotzdem macht sie sich einen Namen und trotzdem ist sie zur damaligen Zeit in kürzester Zeit eine berühmte und etablierte Fotografin.&nbsp;</p>

<p>Sie nimmt diverse Aufträge an, illustriert Gedichte, aber so richtig kommerziell wird ihre Fotografie nie. Und das, obwohl ihre Familie so ganz allmählich in finanzielle Nöte gerät. Es ist schwer zu sagen, ob sie vielleicht die Hoffnung hatte, mit der Fotografie letztlich irgendwann ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, denn 1875, auf dem Höhepunkt von Julias Karriere, beschließen sie und Charles relativ plötzlich, ihr Zuhause in England zu verlassen und zurück nach Sri Lanka zu reisen. Dort wird sie nur noch sehr, sehr wenig fotografieren und vier Jahre später dann auch sterben.&nbsp;</p>

<p>Es ist das Jahr 1879, als sie stirbt, und angeblich war &#8222;beauty&#8220;, das englische Wort für Schönheit, das letzte Wort, was sie gesagt haben soll. Ein recht passendes letztes Wort für eine Frau, die ihr ganzes Leben versucht hat, Schönheit festzuhalten und mit Fotografie auszudrücken.</p>

<p>Wenn man sich mit der Geschichte der Fotografie beschäftigt, führt um Julia Margaret Cameron einfach kein Weg außen herum. Sie hat nicht nur das &#8222;Close Up&#8220; und die künstlerisch inspirierte Fotografie mit erfunden, einige der berühmtesten Portraits der damaligen Zeit stammen aus ihrer Kamera. Und es war ihre Leidenschaft für Kunst, Schönheit und die Fotografie, die der Fotografie als Kunstform den Weg geebnet hat.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 24 Sep 2021 18:01:24 GMT</pubDate>
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            <title>HerStory - Frauen und Fotografie</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/herstory-frauen-und-fotografie.html</link>
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            <description>In dieser Sonderfolge habe ich Jasmin vom Podcast HerStory zu Gast.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>In dieser Sonderfolge habe ich Jasmin vom Podcast <a rel="noreferrer noopener" href="https://herstorypod.de/" target="_blank">HerStory</a> zu Gast. Wir unterhalten uns über großartige Frauen in der Geschichte der Fotografie, machen uns Gedanken darüber ob sich deren Wirken in Phasen einteilen lässt und spüren der Frage nach ob Frauen anders fotografieren als Männer.</p>

<p>Erwähnte <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a>:</p>

<ul><li><a "/posts/der-welt-zum-geschenk.html">Anna Atkins</a> (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Atkins" target="_blank">Wikipedia</a>|Bilder)</li><li>Julia Margaret Cameron (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Wikipedia</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://dimbola.co.uk/" target="_blank">Web</a>|Bilder)</li><li>Bertha Wehnert-Beckmann (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Wehnert-Beckmann" target="_blank">Wikipedia</a>)</li><li>Letizia Battaglia (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Letizia_Battaglia" target="_blank">Wikipedia</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/mafia-fotografin-letizia-battaglia-wenn-ich-meine-bilder-sehe-wird-mir-uebel-1463716.html" target="_blank">Web</a>|Bilder)</li><li>Anna Moneymaker (<a rel="noreferrer noopener" href="http://www.annamoneymaker.com/" target="_blank">Web</a>|Bilder)</li><li><a "/posts/die-kleine-blonde.html">Gerda Taro</a> (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gerda_Taro" target="_blank">Wikipedia</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.icp.org/browse/archive/constituents/gerda-taro?all/all/all/all/0" target="_blank">Web</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.icp.org/browse/archive/collections/gerda-taro-september-26-2007-january-6-2008" target="_blank">Bilder</a>)</li><li><a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html">Margaret Bourke-White</a> (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Bourke-White" target="_blank">Wikipedia</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/margaret-bourke-white-in-berlin-in-schwindelnder-hoehe-vor-grausigem-abgrund-12034877.html" target="_blank">Web</a>)</li><li>Anita Augspurg (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anita_Augspurg" target="_blank">Wikipedia</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://frauenmediaturm.de/historische-frauenbewegung/anita-augspurg-1857-1943/" target="_blank">Web</a>)</li><li>Dorothea Lange (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothea_Lange" target="_blank">Wikipedia</a>|<a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210608152448/http://100photos.time.com/photos/dorothea-lange-migrant-mother" target="_blank">Migrant Mother</a>)</li></ul>

<p>Buchempfehlung (kein Affiliate-Link): </p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3791383531" target="_blank" rel="noopener">Meisterinnen des Lichts: Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten</a></p>

<p>Mehr starke Frauengeschichten? <a rel="noreferrer noopener" href="https://herstorypod.de/" target="_blank">Auf zum HerStory Podcast</a>! Außerdem kann man Jasmin auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://norden.social/@herstorypod" target="_blank">Mastodon</a>, Twitter, <a rel="noreferrer noopener" href="https://jasminloerchner.de/" target="_blank">ihrem Blog</a> und Instagram finden. </p>

<figure><a href="https://herstorypod.de/"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/b3dd396a-23f6-4282-b5f1-dfb1766fd6b7-1024x1024.jpg" alt="Ein Marmorbüste steht neben dunklen Bücherregalen voller alter Bücher, über denen der Titel „HISTORY HER STORY“ in roter Schrift platziert ist." /></a></figure>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>[Intro] Willkommen beim Fotomenschen Podcast! Du hörst die Stimme von Dirk Primbs und normalerweise würde ich an dieser Stelle die Geschichte, die nach dem Jingle folgt, kurz anteasern. Heute ist es aber anders, denn das hier ist eine Sonderfolge, eine Folge, in der der Bogen etwas weiter größer sein wird. Und vor allem eine Folge, in der ich nicht alleine vor dem Mikro sitzen werde.</p>

<p>Ich freue mich riesig über die Gesprächspartnerin, die ich heute hier am Mikro begrüßen darf. Ich bin ja wie gesagt nicht alleine in dieser Folge, sondern ich habe mir Verstärkung geholt. Ich wollte nämlich schon etwas länger mal über die Rolle von Frauen in der Fotografie sprechen. Und mit wem kann man sich da besser drüber austauschen als mit einer Podcasterin, deren Podcast sich mit den Geschichten von beeindruckenden Frauen auseinandersetzt.</p>

<p>Wer diesem Podcast und vielleicht auch den dazugehörigen Social Media Kanälen schon ein bisschen folgt, wird sich es denken können; die Rede ist natürlich vom HerStory Pod, und ich freue mich eben ganz besonders, die Stimme und Macherin dieses Podcasts hier zu begrüßen. Magst du uns vielleicht selber noch ein bisschen Kontext geben?</p>

<p>[Jasmin] Ich bin Jasmin, ich bin Journalistin, hauptberuflich, und beschäftige mich da eigentlich mit Wirtschaft, Politik und auch vielen Geschichtsthemen und habe eben Geschichte schon immer so als ein Steckenpferd gehabt und habe daraus eben dann letztes Jahr die endgültige Entscheidung getroffen, nachdem ich schon länger darauf herumgedacht hatte, fiel dann endlich mal der Hammer, dass ich gesagt hab, so, jetzt mache ich damit auch mal etwas in der Freizeit und daraus ist dann HerStory entstanden, weil sich da eben meine Geschichtsliebe sehr überschnitten hat mit einem Thema, das mir wirklich immer häufiger begegnet, eben, wie sichtbar sind Frauen, nicht nur heute, sondern wirklich auch in der Geschichte und ja, die Rolle, die Frauen heute in der Gesellschaft haben und die Sichtbarkeit, die sie bekommen oder nicht bekommen, glaube ich, hängt auch viel damit zusammen, wie das historisch schon gelaufen ist und deswegen schaue ich da eben auf Frauen in der Geschichte und springe da nach Möglichkeit quer durch die Zeiten und quer durch die Kontinente und ja, knöpfe mir jede alle zwei Wochen eine neue Frau vor, die ich dann vorstelle.</p>

<p>[Dirk] Genau, und das hat auch uns beide so ein bisschen zusammengebracht, weil HerStory ist natürlich ein, ich würde jetzt mal sagen, verwandtes Format, weil es da eben auch um die Geschichten von Menschen geht und, wie ich von dir ja weiß, immer wieder auch mal gerne um die Geschichten von <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a>, denn die sind in diesem gesamten Bild, spielen die eine besondere Rolle, weil ich irgendwann den Eindruck hatte, Männer werden überbetont in der Geschichte der Fotografie, also es ist sehr, sehr einfach, sehr viele männliche Geschichten zu finden und es ist nicht der Mangel an <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> oder Fotopionierinnen, sondern es ist eher eine Darstellungsfrage, so kam es mir vor und so kamen wir dann zusammen.</p>

<p>[Jasmin] Und ich glaube, weshalb du bei mir mit dem Podcast auch so, mit Fotomenschen auch so ins Schwarze getroffen hast, war, dass ich ja auch eine langjährige Liebe zur analogen Fotografie schon pflege und eben auch selbst immer wieder mal die Kamera in die Hand nehme. Als ich dann irgendwann Fotomenschen entdeckt habe, dachte ich so, ach, schön, weil ich nämlich auch, ich habe null Interesse daran, dass mir jemand die neuste Sony erklärt, das brauche ich nicht, weil ich mit digitaler Fotografie, mich damit wirklich auch wahnsinnig wenig beschäftige, muss ich sagen, ich finde, die analoge Technik, die hat für mich viel mehr Reiz, das ist immer eine Diskussion für sich alleine und die Geschichten dahinter, die finde ich unheimlich spannend. Also auch die männlichen Geschichten, ich blende die da nicht aus und ich finde, du hast da eben, du hast da nicht nur so eine Herangehensweise, dass du sagst, ich guck mir jetzt nur Fotografinnen und Fotografen an, sondern du guckst ja auch hinter die Geschichte von bestimmten Fotos und Formaten als solchen und da findest du immer einen schönen neuen Blick auf das Thema und deswegen, ja, so bin ich dann hängengeblieben bei deinem Podcast und dann hast du ja auch schon mal über <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> gesprochen, die ich ja vor kurzem auch als Episode hatte, und da haben wir uns beide, glaube ich, gleichzeitig einen Keks gefreut, dass wir eine Fotografin da so somatisieren konnten. Genau.</p>

<p>[Dirk] Ja, das, also ich, weil du es gerade auch so schön erwähnt hast, ganz am Anfang wurden mir regelmäßig berühmte Fotografinnen und Fotografen vorgeschlagen, als Themen, und ich versuche immer, so ein bisschen wählerisch zu sein, welche Leute ich reinnehme, weil, nur weil jemand Fotograf war und vielleicht damit erfolgreich war, ist die Person noch nicht wirklich interessant. Ich brauche zwei Sachen: Einmal muss die Person natürlich interessant sein in dem Kontext der Fotografie aber gleichzeitig müssen diese Geschichten auch in irgendeiner Form für mich findbar und verwertbar sein, da muss ich sagen, da sind natürlich so Figuren wie <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> atemberaubend. Also ich weiß noch, als ich die entdeckt habe und deren Leben versucht habe, zu erfassen, war ich bis ins Mark beeindruckt, was für eine Person ich da gefunden habe, eine Anfang 20-jährige, die wirklich bis heute Nachwirkungen hat, ohne, dass man ihren Namen so richtig kennt. Das war der 2. Aspekt, der mich dabei so überrascht hat, dass zwar irgendwie von 5 Fotografen, die mir vorgeschlagen werden, ist einer immer <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a>, warum auch immer scheint der einen Namen wie Donnerheil zu haben, und alleine dann festzustellen; ohne <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> kein <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> und im Grunde fand ich ihre Geschichte fast noch interessanter, hätte die nicht so abrupt geendet, wäre die wahrscheinlich auch noch facettenreicher geworden. Und das ist das Thema, wegen dem wir uns auch zusammengefunden haben, ich habe das Gefühl, die Geschichten von Frauen in dem Medium fühlen sich ein bisschen anders an, als das, was mir über Männer aufgedrängt wird und da dachte ich halt, hast du vielleicht einen Expertenblick drauf.</p>

<p>[Jasmin] Na ja, ich bringe vielleicht ein bisschen mehr geschichtlichen Blick auf verschiedene Epochen, sodass man bestimmte Sachen vielleicht ein bisschen einordnen kann oder denen noch ein bisschen Kontext geben kann und wir haben ja neulich dazu schonmal, bevor wir auf Aufnahme gedrückt haben, haben wir ja mal ganz kurz geschnackt und sind bei dem Thema ja an so einer Art, ich will es nicht Kategorisierung nennen, vielleicht so Gruppierungen kamen uns irgendwie in den Sinn, wie man die Frauen so ein bisschen zusammenfassen kann, also das fand ich eigentlich ganz schlau, diese Idee kam damals von dir und vielleicht kannst du mal kurz sagen, was so dein Ausgangsgedanke war, wie du die gruppiert hast.</p>

<p>[Dirk] Ich habe versucht, eine Beobachtung in eine Art Struktur zu fassen, und zwar die, dass am Anfang der Fotografie scheinen mir sehr viele sehr privilegierte Menschen mit einem ausgeprägten Technikfimmel zu stehen. Also gerne auch mal Adelige, Menschen, die Freizeitreichtum haben, also die Möglichkeit, sich auszuleben und nicht davor zurückschrecken, ja dann doch ein sehr technisches Verfahren am Anfang nutzbar zu machen. Und bei dem Blick in die Bücher, die ich so habe und die Geschichten, die ich so habe, fiel mir auf, dass die Männer wie die Frauen da sehr ähnlich herangehen, also es sind eigentlich oft sehr wissenschaftlich ausgebildete Frauen, auch Frauen, die, würde ich sagen, für das klassische weibliche Rollenmodell, dass man im Kopf hat, manchmal, überraschen, also ich habe hier zum Beispiel ein Buch von einer Countess aus Irland, die ihrem Mann dabei geholfen hat, das größte Teleskop Irlands zu bauen und unter anderem die Schweißarbeiten übernommen hat und dann in ihrer Freizeit auch noch fotografiert hat. Und das ist halt so eine Rolle, in der diese Frauen waren, die überrascht, aber die erstmal dadurch auffällig ist, dass sie chronisch unterreportet wird, das heißt, ich habe eine Menge Ehepaare gehabt, wo beide fotografiert haben, aber nur der Mann irgendwie in den Geschichten auftauchte und in den Berichten auftauchte und deswegen habe ich so vorgeschlagen, die erste Phase, die Pionierphase dieser Zeit, da sind sehr viele technisch etablierte Frauen und deren Beschäftigung mit der Fotografie wird eigentlich gar nicht groß bewertet, sie wird nur nicht berichtet, also das findet einfach irgendwie statt und findet aber keinen Niederschlag in den verschiedenen Werken, die ich gefunden habe. Das geht so weit, dass manche Fotografien auch falsch zugeschrieben werden. Das war so der erste große Block.</p>

<p>Und dann fällt mir so auf, so rund um die Jahrhundertwende, also vom 19. ins 20. Jahrhundert passieren 2 Sachen, das eine; die Fotografie wird so eine Alltagsbeschäftigung für viele, also es ist die Zeit der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, die im Prinzip Werbung damit macht, dass es so einfach ist, dass jeder fotografieren kann, und damit fangen die Leute an, in ihrer Freizeit zu fotografieren und die Brownie wird zum Beispiel auch gezielt an Frauen vermarktet. Da kommt so ein Frauenbild mit, dass technische Sachen nichts für Frauen sind, &#8222;you press the button, we do the rest&#8220; war der Slogan der Brownie und das war so eine Freizeitbeschäftigung für Frauen wie Fahrrad fahren, also sowas, was nicht, ich mache jetzt auch hier keinen Witz, sondern Fahrrad fahren galt als so eine liederliche Freizeitbeschäftigung, wenn man so gar nichts anderes zu tun hat, und Fotografieren war so in einer Reihe damit, dass man gesagt hat, da kann man doch wenigstens die Kinder noch irgendwie fotografieren und Hobby braucht ja jede, und in der Zeit tauchen Frauengestalten in der Fotografie auf, wo ich den Eindruck habe, die lehnen sich gegen die Gesellschaft auf und nehmen sich, was ihr recht ist.</p>

<p>Die moderne Frau darf natürlich auch geschäftlich aktiv sein, aber immer dann, wenn die Frauen das dann gemacht haben, haben die in entsetzte Männergesichter geguckt und die Fotografinnen, die mir dann begegnen, sind eben Frauen wie <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> zum Beispiel oder, ja, auch Gerda Taro fällt in dieses Feld, die dann manchmal auch gleich ins Extrem gehen, Kriegsreporterinnen sind oder Reportagereporterin, <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a>, die die einzige Fotografin on Staff im Fortune Magazine und Life Magazine war, die zum Teil bewundert wurden, dafür, dass sie etwas gemacht haben, in Anführungsstrichen, die &#8222;normale Frau&#8220; macht sowas ja nicht und das ist so eine Zeit, die scheint so eine Weile lang anzuhalten, also es gibt mehrere Jahrzehnte, wo Fotografinnen gleichzeitig ein politisches Statement damit machen, dass sie professionelle Fotografinnen sind, so wirkte das zumindest auf mich.</p>

<p>Und das fasert dann jetzt dann zum Ende des 20. Jahrhunderts in eine dritte Phase aus, wo die mehr oder weniger in demselben Umfeld unterwegs sind, also ich habe jetzt letztens zum Beispiel Statistiken gesehen; eigentlich gibt es genauso viele Fotografinnen wie Fotografen, aber es gibt halt dann ganze Branchen, in denen anscheinend Frauen unterrepräsentiert sind. Aber sie sind auf Augenhöhe, also es würde niemand mehr auf die Idee kommen, zu hinterfragen, warum eine Frau als <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a> unterwegs ist, oder dass eine Frau Wildlife fotografieren kann und deswegen scheint es mir so zu sein, dass die Fotografinnen, die mir jetzt begegnen, sind dann mehr an dem Medium selbst interessiert. Also es ist weniger das politische Statement im Vordergrund, sondern mehr das, was sie damit machen, wie sie sich ausdrücken.</p>

<p>Ja, und das waren so die drei großen Bögen, die wir diskutiert haben. Jetzt die Frage: Wie sehr hast du das wiedergefunden, als du dich auf die Folge so ein bisschen mit vorbereitet hast?</p>

<p>[Jasmin] Also ich glaube, gerade bei so den ersten beiden Gruppen würde ich schon d&#8217;accord gehen, bei denen, je länger ich auf der dritten Gruppe herumgedacht habe, also, wir haben auch ursprünglich, als wir das erste Mal gesprochen haben, habe ich mir so ein paar Keywords aufgeschrieben und die erste Gruppe war so ein bisschen so die Early Adopters, also sozusagen die Pioniere, die dann wirklich mit dieser Technik die Pionierarbeit leisten, als zweite Gruppe hatte ich dann die Unabhängigen, die in die Emanzipation gehen und wie du sagst, das politische Statement und die dritte, da habe ich mir als Keyword aufgeschrieben, ich weiß gar nicht mehr warum; Künstlerinnen, also weil sie eben mit dem Medium experimentieren, sich künstlerischer damit ausdrücken und das dritte Medium finde ich, je länger man, oder die dritte Gruppe, je länger ich auf der herumdenke, umso mehr zerfasert die für mich so ein bisschen, weil eben zum Beispiel sowas wie wie kriegt man Kriegsfotografinnen in die Gruppe von, also dann kann man es nicht mehr Künstlerin nennen, dann muss man wirklich sagen, da trifft es wahrscheinlich besser, was du gesagt hast, das sind die Frauen, die das Medium, die versuchen, zu zeigen, was man mit diesem Medium alles machen kann und damit kann ich eben sowohl in der [?] sitzen und Wildlifefotografie machen als auch in Kosovo die Konflikte und die kriegerischen Auseinandersetzungen fotografieren.</p>

<p>Diese frühen Frauen, die sich mit der Technik auseinandersetzen und die oft im Gespann eines Ehepaars da, die auch aktive Rollen übernehmen, das hängt halt glaube ich auch ganz viel damit zusammen, wie natürlich das gesellschaftliche Rollenbild in dieser Zeit ist. Also die Frau ist dem Mann in der Ehe untergeordnet in so ziemlich allen Gesellschaften, gerade im europäischen Rahmen, in dieser Zeit, das ist ja auch eine Zeit, in der Frauen nicht mal das Wahlrecht haben, solche Geschichten, insofern glaube ich ist es schon im damaligen Rahmen so, dass man die Frau aus dieser Betrachtung ganz oft in so eine Assistentinnenrolle drängt. Was da aber auch mit reinspielt, wenn du sagst: &#8222;privilegiert&#8220;, ich glaube, da hängt natürlich auch mit zusammen, dass die Technik an sich ja damals auch nicht so einfach zum einen zu bekommen ist und zum anderen zum handlen, also die ganz frühen Fotografieverfahren, da sprechen wir ja noch von Nassplattenverfahren und solchen Geschichten, die sind irgendwie klobig und da brauchst du Chemie und da brauchst du eben auch eine gewisse, ich sage mal, eine gewisse chemische Grundbildung, um diese Platten überhaupt vorzubereiten und dann entwickeln zu können, sprich, ich sage mal eine einfache Bauersfrau hätte dann natürlich zum einen nicht die Grundbildung für, sozusagen, zum anderen die Materialien nicht und zum Dritten die Zeit auch gar nicht, also eine Frau, die damit beschäftigt ist, einfach ein ganz normales Leben zu führen, ihre Kinder zu erziehen, es sind ja damals auch noch alles noch wesentlich größere Familien als die heute oft ein-Kind-Familie, die haben ja noch ganz, ganz andere Sorgen, sozusagen, als überhaupt genügend Freizeit zu haben, sich so einer Beschäftigung anzunehmen und insofern glaube ich, dass eben, dass wir deshalb auf diese Frauen stoßen, die, ja, in ihren Häusern oder Appartements eigene Dunkelkammern sogar haben können und eben wirklich das in so einem, wie du schon sagst, &#8222;privilegierten Rahmen&#8220; zu betreiben, wobei ich da auch &#8222;privilegiert&#8220; ausdrücklich nicht als Abwertung verstehen würde, sondern das sind einfach die Frauen, die in der Zeit die Möglichkeit haben, sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen. Und da entstehen auch schon wirklich ganz spannende Sachen, also da ist ja zum einen die, die kennst du ja glaube ich auch, die <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a>, die ja wirklich mit der Fotografie jetzt nicht, die sagt nicht, ich setze jetzt hier meinen Mann, mein Kind, wen auch immer vor die Kamera, sondern die nutzt das Verfahren, um damit ein botanisches Buch zu produzieren und das sind ganz, ganz faszinierende Aufnahmen, die die da macht und dann gibt es aber auch schon relativ früh diese Frauen, zum Beispiel die Julia Margaret Cameron, die ja diese sehr inszenierten Bilder macht und, also die inszeniert Frauen und die hat auch manchmal so kleinere Gruppenbilder wie Mann mit Kind oder Mann, Frau, Kind, die in sehr romantischen Posen inszeniert werden, die zeigt auch häufig Kinder in so Engelsposen, so richtig mit Engelsflügelchen und solchen Geschichten, also die nimmt zum einen dieses Medium, ich müsste jetzt mal, ich weiß gar nicht, ob du das aus dem Kopf weißt, ob das auch noch Nassplattenfotografie ist?</p>

<p>[Dirk] Ja, ja. Gerade Julia Margaret Cameron wurde am Anfang auch belächelt, weil die speziell am Anfang auch die Technik so lala im Griff hatte, die war ja schon deutlich über 40, als sie von einer ihrer Töchter ihre erste Kamera geschenkt bekommt und sich da Hals über Kopf hereingestürzt hat und gerade so am Anfang war das technisch auch alles nicht so einwandfrei, auch mal gerne daraufgekleckst und so, aber trotz allem ein recht aufwändiges Verfahren und mit privilegiert meinte ich übrigens etwas, das gilt auch für die Pioniere in der Männerwelt der damaligen Zeit, also mal ganz generell kann man 2 Sachen beobachten; die ersten Fotografinnen und Fotografen sind in aller Regel hochgebildet und haben die Zeit und das Geld, sich damit zu beschäftigen, das heißt, das sind entweder Menschen aus einem wissenschaftlichen Umfeld oder Familien aus einem adeligen Umfeld, die überhaupt auch nur den Luxus haben, sich fotografisch betätigen zu können, und deswegen wahrscheinlich auch oft diese Ehepaarsituation, also der eine bringt das nach Hause, die andere nimmt es auf, manchmal ist es auch so, dass die Männer aufgehört haben und die Frauen dann weitergemacht haben, auch das sieht man hin und wieder, aber mit Privileg meinte ich tatsächlich auch einfach die Freiheit zu haben und die Ausbildung zu haben, auch das ist ja damals nicht selbstverständlich, wie du sagst, so als Bäuerin hast du wahrscheinlich keine mathematische Grundausbildung gehabt, wie es jetzt, oder wissenschaftliche Grundausbildung, wie es eine</p>

<p><a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a> von sich behaupten konnte, die Korrespondenz mit jemandem wie John Herschel geführt hat, der einer der Geistesgrößen der damaligen Zeit überhaupt war, das ist ein sehr enger Kreis von Menschen gewesen am Anfang, die kannten sich auch, zwei Drittel von denen kannten sich alle untereinander, also es ist gerade so am Anfang hast du das Gefühl, es ist so eine Gruppe, aus der das alles entsteht.</p>

<p>[Jasmin] So eine Clique, ja?</p>

<p>[Dirk] Ja genau.</p>

<p>[Jasmin] Ja, und ich glaube im Übrigen, das kann man ja auch übertragen auf beinahe jedes Feld, wo es eine technologische Neuerung gibt, dass nur ein Teil der Gesellschaft in der Lage ist, sich damit auseinanderzusetzen, weil sie zum einen die Mittel und zum anderen die Zeit dafür haben und es sind eben oft die, die den akademischen Hintergrund haben oder eben den adeligen Hintergrund, der ihnen die entsprechenden Freiheiten verschafft. Genau. Und da hast du völlig recht, das trifft natürlich auf die Männer genauso zu, insofern da, zumindest was das den wirtschaftlichen Hintergrund, sage ich mal, anbelangt und den gesellschaftlichen Hintergrund, da sind die eigentlich sehr gleich in dieser Gruppe und wen ich aber unbedingt noch erwähnen wollte, weil da hatte ich gestern so einen Moment, da wollte ich wieder, als ich gestern nochmal vorbereitet habe, das war wieder einer meiner Momente, wo ich am liebsten auf die Tischplatte gehauen hätte und gesagt hätte: &#8222;Warum kenne ich die nicht&#8220;, jetzt bin ich gespannt, ob du von ihr schonmal gehört hast, Bertha Wehnert-Beckmann, sagt dir die was?</p>

<p>[Dirk] Ne. Erzähl mehr.</p>

<p>[Jasmin] Das ist die erste Berufsfotografin Deutschlands, und da denke ich mir wieder: &#8222;Warum kennen wir die eigentlich nicht?&#8220;, also die hat halt ein eigenes Fotolabor eröffnet, die hat ursprünglich auch mit ihrem Mann, meine ich, gearbeitet, und sie haben <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> betrieben und 1845 haben die ihr Fotoatelier in Leipzig eröffnet. Der Mann ist dann relativ kurz danach verstorben und sie ist dann in die USA gegangen, hat sich dort noch so ein Stück weit weitergebildet und war da eben auch tätig und hat da so Leute wie Millard Fillmore vor die Linse bekommen, also US-Präsident, hat aber auch so die Promis der Zeit vor dem Objektiv gehabt, zum Beispiel die damals sehr berühmte Opernsängerin Jenny Lind, die hat ihr wohl auch Modell gesessen und dann kam sie aus den USA wieder nach Leipzig zurück und hat dort eben dann alleine ihr Atelier wiedereröffnet und geführt und das war dann das erfolgreichste Atelier, eigentlich, in Leipzig, also das war da die erste Adresse, wenn man Fotos braucht, dann ging man zu Bertha Wehnert-Beckmann, und da denke ich mir auch so, warum kennen wir die heute nicht? Also, wir haben die im eigenen Land, das ist hier also eine Pionierin und wenn da hörende aus Leipzig zuhören und am Ende sagen, ja Moment, wir haben doch hier den Bertha Wehnert-Beckmann-Platz oder sonstige Bereiche, zumindest in Leipzig, in denen an sie erinnert wird, dann würde ich mich da sehr darüber freuen, aber insgesamt finde ich so im gesamtdeutschen Rahmen und auch im fotografischen Rahmen, ich beschäftige mich jetzt nicht erst seit gestern mit Fotografie und trotzdem ist sie mir gestern dann erst untergekommen und das finde ich überraschend. Das ist aber auch ein Mal mehr&#8230; Ich finde es auf der einen Seite überraschend, dass ich sie erst jetzt finde, anderseits überrascht es mich gar nicht. Muss ich aus sagen, also weil es eben oft so ist, wie du eingangs gesagt hast: Die Frauen werden einfach nicht reportraitiert. Also die werden dann mehr oder minder… Also inwiefern das absichtlich passiert, dieses Vergessen, das ist auch so eine Frage, auf der man rumdenken müsste, weil ich habe ja gesagt, durch diese Zeit werden Frauen durch eine bestimmte Linse betrachtet, in einem bestimmten Rollenbild, was damals einfach nicht hinterfragt wird, und deswegen ist es wesentlich leichter, diese Frauen dann zu vergessen. Einfach, weil es auch damals schon den Zeitgenossen nicht auffällt: Ja Moment, eigentlich, die Frau ist doch als eigenständige Künstlerin, als eigenständige Fotografin irgendwie auch erwähnenswert, das ist nicht nur die Frau, die dem hier irgendwie die Chemie gereicht hat, sondern die hat da auch eigene Leistung vollbracht.</p>

<p>Und ja, die zweite Gruppe, die finde ich auch total spannend, also die Frauen, die sich dann diese Profession wählen, um sich damit zu emanzipieren, und da gibt es einfach auch ein sehr schönes, deutsches Beispiel, das ist die Frauenrechtlerin Anita Augspurg, die damals in München mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Sophia Goudstikker ein Atelier führte und das ist damals das Atelier in München, das Atelier Elvira und da entstehen im Prinzip alle wichtigen Fotos der Frauenbewegung. Also das an und für sich sagt schon ganz, ganz viel darüber aus, wo die Fotografie in dieser Zeit steht. Und 1887 ist das, als sie dieses Atelier haben und die Sophia Goudstikker, die ist mit dem, was sie tut ebenso gut, dass sie Hoffotografin in Bayern wird, also das ist eben hier nicht mal nur so eine Frau, der man eben die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie gibt und sagt, ja hier, musst nur noch ein Knöpfchen drücken und dann musst du dir keine Gedanken machen, sondern die weiß ganz genau, wie es läuft, ich finde, so eine Marketingstrategie, ich habe im Hauptberuf gerade eine Story gemacht, darüber, wie Frauen von Unternehmen betrachtet werden und wie Unternehmen für Frauen Marketing machen, und sowas, wo man dann irgendwie sagt, du musst nur noch auf ein Knöpfchen drücken, dich um nichts anderes mehr kümmern, weil verstehst du eh nicht, da sitze ich ja gleich auf der Palme, also…</p>

<p>[Dirk] Ich meine, das ist ja vor allen Dingen auch wirklich, also, was mir halt auch so aufgefallen ist, gerade in dieser Periode, die Frauenfiguren, die ich da gefunden habe, die fotografisch tätig sind, sind auch überwiegend dann bis ins Mark beeindruckend. Also, ich finde es sehr entlarvend, dass es dann auch wirklich die Geschichten, die man findet, immer solche Frauen sind. Nehmen wir mal, vorhin, <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a>, von der ich es hatte, die hat ihren Zugang zur Fotografie gefunden, indem sie angefangen hat, Industriebauten zu fotografieren, die ist in Stahlwerke gegangen und hat da fotografiert, in einer Zeit, in der die Kameratechnik das eigentlich nicht hergegeben hat, und dann hat sie angefangen, Phosphorraketen da drin zu zünden, damit sie das Licht hinbekommt, sie ist mit ihrem Equipment in dem Stahlwerk herumgeklettert, zu einer Zeit, als das Gerücht herumging, Frauen werden Ohnmächtig, wenn sie so großer Hitze ausgesetzt werden, ist die da mit ihrem doch sehr technischen Material unterwegs gewesen und hat Fotos geschaffen, die ihr danach alle Türen geöffnet haben. Also, eine <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie hat die wahrscheinlich noch nicht mal in die Hand genommen, die hat einen technischen Sachverstand an den Tag gelegt, der damals auf der Höhe der Zeit war. Und dasselbe gilt für viele von diesen Frauen und das, bei mir, als ich mich dann irgendwann damit beschäftigt habe, kam dann irgendwann die Frage auf: Haben wir nur noch die Frauen durch diesen Filter, durch diesen Wahrnehmungsfilter gelassen, die dann so oben auf dem Olymp waren, dass das praktisch nicht mehr ignorierbar war, was sie da abgeliefert haben, das war so die eine Frage, und die zweite Frage: Gab es vielleicht in der Masse an Fotografen und Fotografinnen einfach auch immer noch dasselbe Spektrum, aber in Rückschau, weil diese ganzen geschichtlichen Berichte, die entstehen ja in Rückschau und werden ja von anderen geschrieben als den Zeitgenossen, also einer Margaret Cameron der war wahrscheinlich egal, ob man ihr jetzt ihren Werken, ach ne, der war es ja gerade nicht egal, die wollte Fotografie als Kunst etablieren, aber sagen wir mal, eine <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a> war es egal, ob die Leute später mal sagen: Das war die Frau, die das erste Fotobuch gemacht hat, aber diesen Frauen war es wahrscheinlich nicht egal. Die haben versucht, sozusagen für diese Sichtbarkeit sich nach vorne zu kämpfen und in Rückschau frage ich mich, ob es diese Phasen überhaupt wirklich auch gab oder ob das Phasen sind, die dadurch entstehen, dass die Gesellschaft sich in ihrem Blick auf die Akteure verändert hat und dann immer andere Sachen festgehalten haben.</p>

<p>[Jasmin] Ja, ich glaube, ein Stück weit hast du da schon recht, weil das natürlich auch eine Frage ist, die man mit Blick auf Geschichte und Geschichtsschreibung generell stellen kann, also für jeden Akteur, nicht nur für Fotografinnen und Fotografen, sondern wirklich für jede und jeden, wie sich der Blick auf Ereignisse und Personen im Laufe der Zeit verändert, wann immer wir als Gesellschaft einen Wandel durchmachen und für neue Dinge sensibilisiert werden, gehen wir zurück und gucken uns Ereignisse und Personen der Vergangenheit an und gucken; gibt es da eigentlich eine ganz neue Dimension, die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben, und dann wird Geschichte auch, im Idealfall wird Geschichte vollständiger wahrgenommen, im schlechtesten Fall wird sie ein Stück weit umgeschrieben, weil man anfängt, umzudeuten. Also ich glaube, ich würde mir da jetzt nicht anmaßen, da ein Urteil fällen zu wollen, ob wir bestimmte Fotografinnen und Fotografen vielleicht anders sehen sollten, anders sehen müssten, ich würde aber sagen, dass die Gefahr besteht, dass wir eben durch bestimmte Linsen gucken, durch bestimmte Brillen gucken und nach bestimmten Dingen suchen und dann Figuren so ein bisschen überfrachten, im schlimmsten Fall. Weil ich glaube schon, dass du recht hast: So eine Anna Atkins, die war von der Technik begeistert und die wollte mit dieser Technik etwas machen, was ihr persönlich wichtig war, die hat sich damit aber nicht zur Pionierin für alle Frauen erklärt. Das war dann in dieser 2. Gruppe in den Frauen dann so ein bisschen anders, also Anita Augspurg und Sophia Goudstikker, Anita Augspurg hat am Ende auch über diesen Beruf als Fotografin quasi ein Handbuch geschrieben und die Idee dahinter war, Frauen zu zeigen, Frauen waren ja damals wirklich eigentlich nur auf den Lehrerinnenberuf beschränkt, das war so die einzige Profession, die ihnen offenstand, in der sie wirklich Geld verdienen konnten, und abgesehen davon war es mit Emanzipation halt noch ziemlich Essig. Und die Anita Augspurg hat dann dieses Handbuch geschrieben, hat den Beruf auch nicht beschönt, also so, wie sie die Fotografie beschreibt, mit den Chemikalien und so weiter, was man da noch so, eben so &#8222;auf sich nehmen muss&#8220;, in Anführungsstrichen, sie beschönigt das nicht, das klingt jetzt auch nicht unbedingt immer so einladend, diesen Beruf jetzt zu ergreifen, aber sie sagt trotzdem: Das hier ist ein Feld, in dem ihr, seht her, wir haben es geschafft, ihr könnt das auch und das ist zumindest ein neues Feld, ein weiteres Feld, das ihr euch erschließen könnt, damit ihr eben nicht immer nur die Lehrerin sein müsst, und da schwingt dann auch schon die Idee mit, oft war es ja so, die Frauen haben erst so ein Lehrerinnenberuf ergriffen und wenn sie dann geheiratet haben, dann war Schluss mit Berufstätigkeit, dann fiel man wieder in dieses Hausfrauen- und Muttermuster zurück, oder in dieses Muster wurden sie zurückgedrängt und ja, Anita Augspurg, die hat ja, die hat sich in sowas halt nie hereindrängen lassen und hat ihr Leben sowieso, also die hat ja Frauen geliebt, die hat ihr Leben auf allen Ebenen anders gelebt, als das die Gesellschaft es damals von ihr erwartet hat, und ist damit für uns heute und für die Frauenbewegungen eine der wichtigsten Figuren geworden und hat da wahnsinnig viel Pionierarbeit geleistet. Also bei ihr, glaube ich, die kann man mit Blick darauf vielleicht gar nicht überfrachten oder im Gegenteil, man muss ihr da wirklich wahnsinnig viel Respekt zollen und auch Sophia Goudstikker, und ja, also ich glaube, so bei der einen oder anderen Frau ist die Frage, gilt für Männer da auch genauso, ist die Frage aber durchaus berechtigt: Fangen wir da vielleicht wirklich an, das so ein bisschen durch eine, in Anführungsstrichen, &#8222;Rosa Brille&#8220; zu sehen, weil wir bestimmte Dinge sehen wollen, suchen wir nach bestimmten Dingen, die uns in unserer heutigen Überzeugung bestätigen und dann legen wir einen Fokus darauf und übersehen vielleicht andere Dinge und nimmt man dadurch das Werk einer Fotografin nicht vollständig wahr, tut man ihr damit vielleicht Unrecht.</p>

<p>[Dirk] Mir fiel das zum Beispiel bei Gerda Taro auch auf: Es gibt unglaublich viele verschiedene Lesarten, wie man das denn jetzt nun beurteilt. Also, ich habe jetzt zum Beispiel das Narrativ gehört, Gerda Taro wäre eigentlich mindestens so gut wie <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a>, wenn nicht besser gewesen, Robert Capa wäre praktisch auf der Ebene eines mittel talentierten Landstreichers gewesen, wenn sie ihn nicht neu erfunden hätte und ihm mal gesagt hätte, er solle sich mal die Haare kämmen und ansonsten hat dann Robert Capa ihr Werk einfach in seinem aufgehen lassen und da wird es jetzt mal lange notwendig, dass man mal Gerda die Bühne gibt, die sie verdient hat. Das Gegenmodell ist: Zu der Zeit war das normal, dass man, wenn man als Team unterwegs war unter Umständen alles in einen Pool geworfen hat und der, der die besten Preise aufrufen konnte, dessen Name wurde dann da herangehängt und das war zu der Zeit unter Umständen dann halt einer der Männer und Robert Capa war der coolstklingende Name. Da wird so das kollaborative Element herausgenommen. Es wird so getan, als wenn Gerda Taro gar keine Wahl gehabt hätte. Ich hatte dann auch immer das Gefühl, man hat in dieser Erzählung mehr darüber erfahren, was die Leute, die diese Erzählungen vorangetrieben haben eigentlich dachten als darüber, was sie wirklich war, weil wenn ich mir so angucke, welche Geschichten ich so gefunden habe, ist die von Gerda Taro ja fast noch die respektvollste, weil es ja immerhin ein Center of Photography gibt, in der die Nachfahren von Robert Capa versuchen, ihr immer noch einen Namen zu geben, wo es Leute gibt, die werden dafür bezahlt, die Bilder von Gerda Taro zu identifizieren und separat auszustellen, da gab es andere Beispiele, wo das längst nicht so lief. Und ich habe immer das Gefühl, es kommt immer darauf an, welches Etikett die Leute heranhängen wollen, wie die Geschichte erzählt wird.</p>

<p>[Jasmin] Da würde ich dir recht geben und da finde ich auch, dass Gerda Taro dann ein sehr gutes Beispiel ist, weil, da hast du vollkommen recht, es ist da sehr leicht, da in so eine Art Übersprungshandlung zu fallen, also, wenn man eben heute behauptet, dass Robert Capa einfach ihre Bilder als seine Bilder ausgegeben hat, dann ist das schlichtweg falsch. Also es gab damals eine Abmachung zwischen den beiden und, wie du schon sagtest, Capa hat sein Profil zeitlich relativ kurz irgendwie ein, eineinhalb Jahre vor Taros Bekanntheit angefangen, aufzubauen und ja, sie hat ihm dabei geholfen, seine Bilder zu verkaufen, hat ihm da dann ein paar Tipps gegeben, aber man könnte jetzt nicht behaupten, es würde Robert Capa heute nicht geben (oder es hätte ihn nie gegeben), wäre Gerda Taro nicht dagewesen. Das würde ich nicht behaupten, weil die Bildsprache, die hat er ja alleine entwickelt, also klar, er hat sich mit Gerda Taro ausgetauscht, später, als die sich dann kannten, aber hat schon fotografiert, er war ja schon vorher in Berlin, bevor er nach Paris kam und Gerda Taro auch getroffen hat, er war auch schon ein Weilchen in der Fotografie unterwegs und hat diese Bildsprache in Frankreich mitentwickelt, kurz bevor die dann eben nach Spanien gegangen sind, um da den Spanischen Bürgerkrieg zu dokumentieren und da tut man dann ihm auch wieder ein bisschen Unrecht, wenn man dann sagt, ja ne, also Gerda, ohne die starke Frau dahinter, hätte er es ja nie geschafft, also das finde ich halt mittlerweile auch nicht mehr das richtige Framing, dann zu sagen, hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, ne, erstens steht die nicht dahinter, sondern wenn dann steht die daneben und zweitens ist es halt nicht immer so einfach. Und in diesem Fall war es halt auch so, das sagen eben auch Zeitgenossen, dass die, die hatten eben eine Partnerschaft, nicht nur romantisch, sondern im Business haben die sich wirklich als Partner verstanden und weil eben Capa damals eben schon den Namen hatte und da irgendwie 150 Fr schon pro Bild irgendwie aufrufen konnte, was wesentlich mehr war, als die Konkurrenz und Gerda Taro zu diesem Zeitpunkt noch keine Aufnahme veröffentlicht hatte, haben die gesagt, wir verkaufen das unter dem Namen, für den wir mehr Geld bekommen, ist ja logisch, weil die mussten sich ihr Equipment und so weiter finanzieren, also du hast da völlig recht, es gibt auch manchmal einen Blick darauf, wie Leute etwas dann umdeuten wollen, weil man dann so eine Art Übersprungshandlung hat, weil man dann denkt, ach Mensch, die Frau ist irgendwie so lange ignoriert worden, dann müssen wir sie jetzt mit allen Mitteln nach vorne holen, und damit tut man aber Gerda Taro dann auch wieder Unrecht, also da blendet man auch wieder Teile ihres Selbstverständnisses aus, ihrer Persönlichkeit und auch ihrer Partnerschaft und ihrer Beziehung mit Capa. Das passiert aber, glaube ich, immer wieder und das ist relativ leicht, da hereinzufallen, weil man, ich glaube, wenn man so eine Frau entdeckt, dann ist man auch schnell so fasziniert und so begeistert, dass man denkt, Mensch, ich muss jetzt der ganzen Welt von der Frau erzählen und dann besteht immer die Versuchung, dass man vielleicht das eine oder andere erstmal ausblendet oder erstmal übergeht und eben versucht, das so ein bisschen in so ein Narrativ zu drängen. Und das ist eine Versuchung, der man immer widerstehen muss, finde ich, was aber nicht immer leicht ist, also es ist ein Balanceakt, definitiv.</p>

<p>[Dirk] Was mir da auch aufgefallen ist, es ist rund um die Zeit, in der Gerda Taro oder auch Margaret Bourke-White oder so unterwegs sind, ist es leichter, hochpolitische Frauen zu finden, die fotografieren. Also es gibt da eine ganze Reihe von Frauen, mir fällt da noch Tina Modotti ein, zum Beispiel, die zum Teil auch einen aktiven revolutionären Background haben. Also, die sozusagen Profirevolutionärinnen sind, die nicht nur jetzt versuchen, der Frauenbewegung zu dienen, sondern die sich auch im Kontext der gesellschaftlichen Umwälzungen der damaligen Zeit verstehen, und die die Fotografie wählen, weil die Fotografie ein, ich glaube, wir können uns davon heute gar keine Vorstellung mehr machen, wir haben die Fotografie so allgegenwärtig, dass wir sie ein Stück weit schon entmachtet haben, aber zu der damaligen Zeit war das richtige Foto immer noch ein unglaublich mächtiges Werkzeug, um deiner Sache Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das war ja auch mit ein Antrieb, warum Gerda Taro fotografiert hat, aber eben nicht nur. Also, es gab eine ganze Reihe von Fotografinnen, die ich gefunden habe, die ganz eindeutig die Fotografie gewählt haben, weil es eine der mächtigsten Ausdrucksformen war, die sie finden konnten, und, weil man, vielleicht kommen wir da ja auch noch darauf, das ist so einen Verdacht, der da aufkommt, weil man Fotos zunächst mal auch nicht unbedingt sofort ansieht, wer sie gemacht hat und vielleicht dann eben auch neutraler darauf blickt, als wenn man zunächst mal mit der schaffenden Person ein Urteil verbindet, das war so ein Verdacht, der sich dann bei mir irgendwann einstellte, dass ich mir gedacht habe, wenn so ein Bild in einem Magazin abgedruckt wird, Bildmagazine waren ja zu der Zeit noch ein Riesen Verbreitungskanal, dann war es sekundär, ob das eine Fotografin oder ein Mann war, es ging erstmal um das Bild und das Bild hatte unter Umständen eine unglaubliche, gewaltige Wirkung und ja, also mir schien das so eine Hochzeit zu sein, gerade so die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint so eine Menge von diesen Fotografinnen hervorgebracht zu haben.</p>

<p>[Jasmin] Ja. Ich glaube, da ist etwas dran, weil, was du gerade ansprichst, das ist natürlich ein Unterschied, also nicht jede Frau will zum Beispiel in einem schreibenden Beruf gehen und will dann einen Kommentar schreiben oder ein Meinungsstück oder einen Essay, in dem sie zu bestimmten Dingen aufruft, sage ich mal, ob das jetzt für bestimmte Rechte protestieren, für bestimmte Frauenrechte protestieren, oder sich gegen den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> aussprechen ist. Und da ist natürlich ein Foto, also gerade, wenn es um sowas wie <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> geht, ein Medium, das sofort auf dem Punkt ist, sofort in your face, wenn du das Magazin aufschlägst und du siehst eben das Foto von einer flüchtenden Mutter, wo sich ein Kind an den Rockzipfel klammert, oder von Bombenopfern, die in den Trümmern liegen, das ist so viel schneller und hat eine so starke Wirkung, da musst du nicht 50 Worte schreiben oder 5 Zeilen, um eine Szene zu beschreiben, sondern jeder hat sie direkt vor Augen. Du hast dann eben nicht den Namen einer Frau über einem Meinungsstück stehen, in dem sie sagt, Krieg ist scheiße, sondern du hast ein Foto, das du als allererstes siehst, das diese Meinung, diese Aussage sofort transportiert. Und den Fotocredit, heutzutage liest den schon kaum noch jemand, glaube ich, und wie viele den damals wahrgenommen haben, ist eben auch die Frage. Und das kann für die eine oder andere Frau auch, kann ich mir vorstellen, einer der Gründe gewesen sein, warum sie sich in diesem Medium so wohlgefühlt haben, weil man da eben wirklich seine Meinung mir bestimmter Bildsprache, mit bestimmten Motiven ausdrücken konnte, eine Message ausdrücken konnte, unabhängig davon, ob man jetzt Frau oder Mann ist. Und ich finde das einen sehr interessanten Gedanken, ob Frauen das damals aktiv so für sich gewählt haben, wie bewusst ihnen das war, oder ob das so eine Art side effect war. Das verbindet sich jetzt wieder schön mit der Frage, auf der wir gerade herumgedacht haben: Gucken wir durch die Brille heute und sagen ah ja, die haben sich da ein Medium gewählt, weil sie damit eben so schön unabhängig sein konnten und ganz andere Nachrichten oder ihre Stimme ganz anders hörbar, oder in dem Fall, sichtbar machen konnten, oder ging es denen damals wirklich einfach nur darum, zu sagen, ich will hier Zeugin sein, bei Gerda Taro, glaube ich, war das eigentlich eher ihre Motivation, sie wollte Zeugin sein, sie wollte, dass diese Fotos jah ausdrücken, was in diesem Kampf gegen den Faschismus aus dem Spiel steht, ich glaube aber nicht, dass es für sie eine Rolle gespielt hat, ich bin jetzt hier eine Frau, von der dieses Foto dann veröffentlicht wird.</p>

<p>[Dirk] Wir reden ja jetzt im Moment auch praktisch per Definition von Frauen, die Karrierefotografinnen waren, in irgendeiner Form, also Journalistinnen oder Modefotografie oder künstlerische Fotografie auf einem sehr professionellen Level betrieben haben. Wenn wir jetzt mal kurz zu der Zeit der Brownie zurückgehen, die ja an Frauen vermarktet wurde, angenommen, die waren erfolgreich damit, dass sie die Kodak Brownie in die Hände von überwiegend Frauen gegeben haben, weil was es ja definitiv in der Zeit gab, war ein explosionsartiger Anstieg der Privatfotografie, also wir hatten gerade so den Rollfilm entwickelt, es gab soetwas wie die Brownie, plötzlich konnte man sozusagen beim Geburtstag des kleinen Zwuckels nebenher fotografieren und das hat die Bildsprache radikal verändert. Kurz danach kommen dann Reportagekameras wie die Leica, die so etwas wie Kriegsfotografie auch noch einmal auf den Kopf gestellt haben, und wenn ich jetzt mal kurz die Annahme treffe, dass der Einfluss, über den wir die Bildsprache entwickelt haben, die wir heute kennen, also diese Alltagsfotografie; Schnappschüsse, Familienfotos, die ja auch wie so eine Pendelbewegung ja auch mit der journalistischen Fotografie Hand in Hand gehen, also der eine Stil informiert über den anderen Stil, also man versucht, im Privatleben so Fotos zu machen, die so aussehen, als könnte man sie in einem Magazin drucken und die Magazine versuchen, so Fotos zu machen, dass der Normalsterbliche die Bildsprache versteht, wenn ich also kurz mal die Annahme treffe, die Brownie wäre unglaublich erfolgreich, was sie ja war, und zwar auch darin, dass es hauptsächlich Frauen waren, die damit fotografiert haben, könnte man natürlich sagen, es gibt so diesen unsichtbaren Einfluss, dass die ganze Bildsprache, die dann damals entstand, dann dominiert wurde von Frauen, die Fotos gemacht haben aber damit kein Geld verdienen wollten, sich damit nie einen Namen damit gemacht haben, aber diesen kollektiven Bildschatz nach vorne getragen haben, den wir eigentlich alle mit uns herumtragen, also wir können ja nicht unbeeinflusst ein Foto angucken, also wenn du durch deinen Instagram Feed das allererste Mal auf Instagram stoßen würdest und da hereinschauen würdest, schaust du ja mit einer Vorprägung darauf und die sitzt nun mal auf 200 Jahren Bildsprache, die sitzt auf mehr als 200 Jahren, Fototechnisch gesehen jetzt mal, so gesehen, wir reden ja jetzt nur von diesem ganz kleinen Subset der Leute, die tatsächlich so weit nach vorne gegangen sind, dass sie damit Geld verdienen wollten, eine Aussage treffen wollten und dann ja, vielleicht versucht haben, politisch aktiv zu sein mithilfe von Bildern.</p>

<p>[Jasmin] Ja, und das ist natürlich ein Bereich der Fotografinnen, der noch völlig unterbeleuchtet ist, weil man da ja in Privatarchive steigen müsste und in Familienboxen kramen, sozusagen, wenn die Fotos noch so weit zurückreichen, dass man sieht; wer hat damals die Fotos gemacht, war das der Ehemann oder war das die Ehefrau und welche Fotos sind da entstanden, aber ich glaube das wäre auch ein totaler Schatz, sich da mal wirklich hereinzugraben und zu gucken: Was ist die Bildsprache?</p>

<p>[Dirk] Da drängt sich ja sofort dann die Frage auf: Würde man den Unterschied sehen? Mal angenommen, du bekommst den Fotoschatz von Familie Müller in die Hand und du kriegst die vor dir auf den Tisch geschüttet, könntest du anhand der Fotos erkennen; welche hat die Frau Müller und welche hat der Herr Müller geschossen?</p>

<p>[Jasmin] Ich glaube, vielleicht wenn man schummelt? Wenn man guckt: Wer ist auf den Fotos, wer fehlt, aber davon abgesehen: Das ist eine total spannende Frage und ich weiß nicht, ob man die abschließend beantworten kann. Ich glaube, zum Teil könnte man Annahmen treffen, weil zum Beispiel gerade wieder in der ersten Gruppe der Frauen werden ja am Anfang auch oft bestimmte Stile der Fotografie begrenzt, wo man sagt, hier, du kannst schöne Stillleben fotografieren, du kannst ein schönes <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> machen von Familienangehörigen, also bestimmte Stile, Reportagen und so weiter, die werden Frauen erst mal ein Stück weit verschlossen. Aber gibt es den, wenn man jetzt mal herauszoomt, gibt es den weiblichen Blick?</p>

<p>[Dirk] Das ist auch so eine Dauerdiskussion, gerade im Moment auch, also fotografieren Frauen anders als Männer und fotografieren sie andere Dinge als Männer?</p>

<p>[Jasmin] Ja, es gibt so einen Fotoband, der vor kurzem herauskam, wo, ich habe vergessen wie der heißt, es ging irgendwie so in die Richtung &#8222;der weibliche Blick&#8220;, und da gibt es vorne einen Essay darin, ich glaube &#8222;Frauen fotografieren Frauen&#8220;, der hat so einen relativ simplen Namen, man weiß aber sofort, in welche Richtung es geht und im Essay vorne darin wird unter anderem auf ein Bild von Hillary Clinton eingegangen, die gerade irgendwie am Tisch sitzt und die hat, glaube ich, ein Dokument in der Hand, an dem sie ganz konzentriert arbeitet und dann wird da irgendwie ein Vergleich gezogen mit Madonna und dem Kind, wo ich denke, uff, jetzt gehen wir auf eine Ebene, wo ich einfach nicht mehr folgen kann, wo wir wieder, da kommen wir auch wieder auf die vorherige Frage zurück, will man Dinge krampfhaft in gewisser Weise durch eine Brille sehen, also, es wird ja gerne behauptet, der weibliche Blick komme mit mehr Empathie, man sehe mehr das Menschliche, oder Frau sehe mehr das Menschliche, taste sich eben näher an die menschlichen Geschichten heran und zeige da vielleicht auch mehr Zärtlichkeiten in den Fotos und ich finde, bei manchen Beispielen, auf die man da so stößt, würde ich einfach nicht d&#8217;accord gehen, also was Leuten zum Beispiel ganz häufig einfällt, ist Dorothea Lange mit migrant mother. Es ist natürlich ganz einfach zu sagen, ja, Dorothea Lange hat eben hier diese Mutter, der die Depression in dieser Zeit ins Gesicht geschrieben steht und Dorothea Lange hat dieses Foto gemacht und dieses Foto konnte nur eine Frau machen, da bin ich mir nicht so sicher. Klar, sie hat diesen Blick dafür gehabt, sie hat die Frau ausgewählt, hat sich ihr genähert, hat mit ihr gesprochen, hat dann dieses Foto gemacht, nichtsdestotrotz, da vergisst man aber auch: Dorothea Lange war in einer ganzen Gruppe von Fotografinnen, die damals von der Regierung losgeschickt wurden, um diese Zeit zu dokumentieren und da gab es eben nicht nur Dorothea Lange, sondern da gibt es ganz viele andere Fotografinnen und Fotografen, die ähnliche Fotos machen und Dokumentation betrieben haben und es ist nun eben so, dass das Foto von Dorothea Lange sehr einprägsam ist, es ist ja auch ein besonderes Foto, es ist sehr bewegend, aber ich würde mich glaube ich nicht auf die Aussage versteifen wollen, dass dieses Foto nur eine Frau machen könnte. &#8222;Der weibliche Blick&#8220;… Ich finde das eine ganz spannende Frage und ich finde auch, da fällt man eben schnell wieder in so ein Muster, dass man dann eben auch bestimmte Dinge der Frau zuschreibt, wo ich sage, ich weiß auch nicht, ob ich mit diesen Rollenbildern, mit diesen Idealen so einhergehe und so d&#8217;accord gehe. Ne, nicht nur eine Frau kann ein sensibles Bild machen und kann einen Frauenkörper ehrlich und ungeschönt abbilden, das kann auch ein männlicher Fotograf, also ich weiß nicht, ob du bei dieser Frage zu einem Schluss gekommen bist oder überhaupt zu einem Schluss kommen kannst?</p>

<p>[Dirk] Ich glaube nicht, dass man zu einem Schluss kommen kann, aber ich habe Gedanken dazu. Also es gibt ja im Film den Begriff des Male Gaze. Gemeint ist eine Kameraführung, die praktisch eine Frau objektiviert. Also der Klassiker, den man heute immer weniger sieht, aber der natürlich in gerade speziell so Filmen aus den 70er / 80ern fällt mir das ganz, ganz deutlich auf. Der Klassiker: Wenn die Kamera der Frau, die vorbeiläuft, hinterherfährt und praktisch von den Füßen unten von den Schuhen an über den Hintern hoch zum Rücken schwenkt, das ist ein Standard Kameramove gewesen und das ist ein Beispiel gewesen, würde ich sagen, für den typischen sexistischen männlichen Blick im Film, also wo man einfach da die Frau zu einem Objekt macht und sie eben entsprechend darstellt. Und ich glaube, dieses Konzept kann man umdrehen und ich kann mir vorstellen; so im Grunde gibt es solche Prägungen in beide Richtungen, also ich vermute mal, die Menge an Männern, die glauben, wenn ich eine Frau nackt in Schwarz Weiß auf einem Fabrikboden fotografiere, habe ich Kunst geschaffen, die ist größer als das Äquivalent bei Frauen, aber es gibt diese Gruppe in beiden Lagern, ja, also es ist mal so ganz grundsätzlich und dann kannst du natürlich so eine Schicht darauflegen und kannst sagen, wir leben in einer männlich geprägten, sexistischen Gesellschaft, entsprechend positionieren, verkaufen, vertreiben sich bestimmte Bilder mehr und ich kann mir vorstellen, dass wir deswegen diesen Male Gaze öfter finden, aber, und das ist jetzt ein großes Aber, unabhängig davon, ob eine Frau oder ein Mann hinter dieser Kamera steht. Ich glaube, das ist so ein ganz grundsätzliches Missverständnis, dass Menschen gerne glauben, wenn sie Teil einer Gruppe sind, schließt es aus, dass sie gegen diese Gruppe handeln, also nach dem Muster: Wenn ich eine schwarze Hautfarbe habe, kann ich nicht Rassist sein. Blödsinn. Genauso wenig sind Frauen vom Sexismus frei, nur weil sie selber Frau sind und auf sexistische Männer deuten können, was es aber ,glaube ich, schon gibt, ist, ich glaube Frauen haben Zugang zu anderen Situationen und Gesellschaftsbereichen als Männer. Also wenn du als Frau in bestimmten Situationen bist, hast du vielleicht mit einer anderen Interaktion zu tun als Mann und ich kann mir vorstellen, dass das zu anderen Bildern führt. Also so gesehen: Ich glaube, es ist weniger der Verdienst des Geschlechts, dass es einen Unterschied gibt, ich glaube, eine Frau bedient die Kamera exakt genauso wie ein Mann und wenn eine Frau in derselben Situation ist, macht sie dieselben Fotos. Ich glaube, deine gesellschaftliche Prägung, dein Aufwachsen, deine Bildung, welche Vorlieben du vom Motiv her hast, haben einen viel größeren Einfluss darauf, als jetzt die Tatsache, ob du Brüste hast oder nicht. Das wäre mein Verdacht. Aber es ist natürlich eine glühende Diskussion, wo Leute auch mit sehr viel mehr akademischem Wissen darüber diskutieren als ich und sich da auf beiden Seiten dieser Diskussion wiederfinden, also gerade im journalistischen Bereich gibt es ja auch eine Inklusionsdebatte, im Moment, um einfach auch darauf hinzuweisen, dass, gerade bei Black Lives Matter, glaube ich, war das sehr ausgeprägt, dass man festgestellt hat: Dadurch, dass der Beruf des <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a> sehr männlich geprägt ist und obendrein auch sehr weiß geprägt ist, haben sehr viele weiße Männer die Black Lives Matter Proteste begleitet und dann war so im Prinzip so ein bisschen&#8230; Das geht noch über das Bild, glaube ich, hinaus, das geht dann einerseits darum: Hätten vielleicht schwarze oder Frauen das anders fotografiert ist vielleicht die eine Frage, aber die andere Frage ist: Sollten nicht die Betroffenen die Stimme haben und das Recht haben, selber ihre eigene Bildsprache zu benutzen, um darüber zu berichten, das ist sozusagen noch eine viel größere Schicht darüber, die über das eigentliche Foto da noch ein Stück weit hinausgeht, also eher so die Frage, die Worte an sich sind vielleicht nicht unterschiedlich, aber wer sollte denn das Recht haben, sie auszuwählen und auf Papier zu bringen und ich glaube, das ist so da eine Diskussion, die führenswert ist, immer dann, wenn man es auf das technische oder auf das Bild selber reduziert, springt das meiner Meinung nach zu kurz, also ich glaube einfach, verantwortungsvolle Männer machen genauso gute, empfindsame und auf den Punkt treffende Fotos wie Frauen und trotzdem sollte vielleicht manchmal die Frau die Kamera in die Hand gedrückt bekommen und den Auftrag, einfach, weil sie einen anderen Zugang vielleicht hat oder andere Auswahl treffen würde.</p>

<p>[Jasmin] Und ich glaube, um da noch kurz an deine Punkte anzuknüpfen, ich glaube, also was du sagst, in bestimmten Situationen haben Frauen jetzt auch wieder zwei Dinge, also zum einen haben sie vielleicht Zugang zu Situationen, zu denen Männer keinen Zugang hätten und gleichzeitig gibt es natürlich auch Situationen, in denen Frauen vom Zugang ausgeschlossen sind. Und das finden wir zum Teil dann in anderen Kulturen, weil es auch mit Religion zu tun hat, da könnte eine Frau in bestimmten männlichen Gruppen nicht fotografieren, aber sie kann zum Beispiel mit betenden Frauen fotografieren und hat da Zugang, den ein männlicher Fotograf nicht hätte. Aber ich glaube, du hast völlig recht: Eine Frau bedient eine Kamera genau so wie ein Mann sie bedient und das finde ich auch eine wahnsinnig spannende Beobachtung, an der meiner Meinung nach viel daran steckt, wir sind alle geprägt und sozialisiert von der Geburt an in der Gesellschaft, in der wir uns bewegen, wir können uns über die kritische Gedanken machen, aber natürlich gibt es immer irgendwelche Dinge, die uns gar nicht bewusst sind, wie die uns prägen, wenn wir auf die Welt schauen, wenn wir uns in dieser Welt täglich bewegen und das gilt dann auch, wenn ich meine Kamera vors Auge hebe und bestimmte Dinge, bestimmte Situationen damit abbilde und da kann ich als Frau genau so in eingefahrene Muster fallen und die so ein Stück weit bedienen, wie ein Mann das tun kann. Aber das heißt eben nicht, dass Frauen auch immer mal etwas aufbrechen können, also mir fallen zum Schluss auch noch zwei Namen noch ein, die ich einmal noch droppen würde, das wäre einmal die Letizia Battaglia, die in Italien auch einen Fotojob seit Jahrzehnten macht, den man bei Frauen vielleicht nicht unbedingt sehen will, die hat nämlich ganz lange die Mafia fotografiert und, also nicht die Mafia selbst, sondern die Auswirkungen der Mafia, also die hat eben auch genau solche schockierenden Bilder aufgenommen mit Mafiatoten in irgendwelchen kleinen italienischen Lokalen oder in den Straßen, wie man die oft von männlichen Fotografen kennt, und dann, weil du News angesprochen hast, was ich auch total spannend finde, ist, dass eine der, was mir immer wieder auffällt, wenn ich in der New York Times bin und mir da die Newsfotografie anschaue, gerade auch alles, was rund um Washington, Capitol und so weiter und sofort ist, der Name, auf den ich immer wieder stoße, ist, das scheint quasi eine von deren Hauptfotografinnen zu sein, das ist Anna Moneymaker, was ich einen wunderschönen Nachnamen finde, wo ich mich frage, ob das ein Pseudonym ist, aber ich finde es super und der kommt mir ganz, ganz oft unter und da ist mal eine Frau ganz weit vorne mit dabei und ist eben auch in deren Newsfotografie ganz vorne mit dabei und in dem Zusammenhang fällt mir auch noch ein, dass bei diesen Capitol Riots, da haben ja am Ende auch wieder über den AP Fotografen gesprochen, der in der Kammer geblieben ist und dort die Fotos gemacht hat. Letzten Endes gab es auch Frauen, die draußen mitten in dieser Horde mit ihren Fotoapparaten standen und sich in dieser Horde, in dieser gewaltbereiten Horde bewegt haben, auch offen als Presse gekennzeichnet, also wirklich unter psychischer Gefahr und die das genauso auf sich genommen haben, wie die männlichen Kollegen, die an diesem Tag reportiert haben, also das möchte ich nochmal als Wort zum Sonntag zum Schluss loslassen.</p>

<p>[Dirk] Ja, absolut. Eine Erkenntnis, glaube ich, die man herausnehmen kann, ist, im Grunde ist Fotografie tatsächlich eine sehr demokratische Tätigkeit, die offensichtlich von beiden Geschlechtern ausgeübt werden, wir haben da eine unterschiedliche Wahrnehmung darauf und sie bekommen unterschiedlichen Zugang zu manchen lukrativen Sparten der Fotografie, das, finde ich, ist auch ziemlich offensichtlich, wenn man sich so die Verteilung anguckt, aber im Grunde ist es auch eine Praxis, die in aller unserer Hände ist. Also ich finde halt auch die Tatsache, dass inzwischen jeder und jede eine Kamera in der Hand hält, ganz regelmäßig, mehrmals am Tag, ist ein sehr demokratisierender Faktor.</p>

<p>[Jasmin] Ja, absolut, da würde ich dir zustimmen.</p>

<p>[Dirk] In jedem Fall, wir werden es nicht abschließend bearbeiten können, aber das hat einen Riesen Spaß gemacht, Jasmin. Und das war ja nur an der Oberfläche kratzen. Vielen lieben Dank!</p>

<p>[Jasmin] Ja, absolut. Also, ich danke dir, ich fand es auch total spannend, den Austausch von Gedanken da zu dem Thema mal zu haben und man könnte noch so wahnsinnig viele weitere Frauen nennen, über die sprechen und sich mit ihrem Werk beschäftigen, da müssen wir, glaube ich, vielleicht irgendwann nochmal eine Anschlussfolge machen, ein Anschlussgespräch vereinbaren.</p>

<p>[Dirk] Vielleicht auch mal an einzelnen Persönlichkeiten. Also ich finde, wir haben jetzt eine wirklich schöne Liste von Frauen, deren Arbeit es wirklich wert ist, sich genauer anzuschauen, zusammengetragen und vielleicht konnten wir ja auch den Blick auf eben zum Beispiel die Pressefotografin Frau Moneymaker oder auch ähnliche Beispiele, die es bei uns sicherlich auch in unserer Alltagspresse gibt, ein bisschen schärfen, dann würde ich sagen, drücken wir jetzt mal aufs Knöpfchen. Vielen lieben Dank dir!</p>

<p>[Jasmin] Genau. Ganz lieben Dank für die Einladung, es war ja deine Idee, ich finde, eine grandiose Idee, die sehr viel Spaß gemacht hat, also das können wir sehr gerne wiederholen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 19 Feb 2021 19:38:12 GMT</pubDate>
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            <title>Die beste Fotografin der Welt</title>
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            <description>Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer Fotografin mit Celebrity-Status und Vorbild.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> mit Celebrity-Status. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Bourke-White" target="_blank">Margaret Bourke-White (Wikipedia)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/geschichte/us-kriegsberichterstatterin-bourke-white-die-frau-die-auf-den-mond-wollte-a-951014.html" target="_blank">Frau unter Feuer (Spiegel)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/margaret-bourke-white-in-berlin-in-schwindelnder-hoehe-vor-grausigem-abgrund-12034877.html" target="_blank">In schwindelnder Höhe, vor grausigem Abgrund (FAZ)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20111008102721/http://persephonemagazine.com/2011/02/badass-ladies-of-history-margaret-bourke-white/" target="_blank">Badass Ladies of History: Margaret Bourke-White</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="717" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/original-1024x717.jpg" alt="Ein Mann steht auf einer geschwungenen, metallischen Dachstruktur mit Blick auf eine nebelverhangene Großstadt." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="559" height="559" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1dced44560a0db80255f34ba63247049.jpg" alt="Eine Frau in Uniform sitzt im Freien mit einer Vintage-Kamera vor sich auf einem Tisch und ist von mehreren Gepäckstücken umgeben." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="416" height="594" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/bourke-white_six_stacks_otis-steel-cle.jpg" alt="Eine lange Reihe industrieller Schornsteine steht unter einem bewölkten Himmel und verjüngt sich nach hinten, wobei kleine Figuren am basischen Rauch sichtbar sind."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="882" height="680" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Ghadi.jpg" alt="Ein glatzköpfiger Mann sitzt auf einem Bett und arbeitet an Papieren, neben ihm steht eine große Speichenradkonstruktion." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="372" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/margaret-bourke-white-moscow-bombing-july-1941.jpg" alt="Mehrere Feuerwerke explodieren am Nachthimmel über einer dunklen Stadtsilhouette."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="338" height="450" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/bourke_foundry-molten-metal1.jpg" alt="Wasser fließt aus einem vertikalen Rohr in ein Becken und bildet einen Schleier aus herabstürzendem Wasser und Dampf."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="400" height="322" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/114514.jpg" alt="Eine Gruppenaufnahme zeigt viele Männer in formeller Kleidung, die nebeneinander posieren."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="1000" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/ALABAMA-CHANIN-WOMEN-WHO-INSPIRE-MARGARET-BOURKE-WHITE-PHOTO-CREDIT-TIME-MAGAZINE-1.jpg" alt="Ein junger Mensch in Uniform und Mütze blickt durch eine große Kamera, die er auf einem Geländer hält." /></figure></li></ul></figure>

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<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01KUGU72O" target="_blank" rel="noopener">Portrait of Myself (English Edition)</a></p>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>1942, eine junge, gutaussehende Frau schleppt mehrere große, schwere Kisten vollgestopft mit Kameraequipment an Board eines Militärschiffs. In ihrer Tasche: Die hochoffizielle Genehmigung, dass sie im Auftrag des Life Magazine an der hochgeheimen Invasion in Nordafrika teilnehmen darf. Als [?] journalist. Als <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> will sie die Landung der Truppen festhalten.</p>

<p>Diese Genehmigung überhaupt zu bekommen, hat sie Monate hartnäckiger Arbeit gekostet und es ist ein absolutes Novum. Noch nie wurde offiziell eine weibliche Fotografin in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> geschickt. Es gibt sowieso kaum weibliche <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a>. Geschweige denn weibliche <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalistinnen</a>.</p>

<p>Der Großteil der Truppen kommt mit dem Flugzeug als Truppentransporter. Margaret Bourke-White wollte eigentlich auch in so einem Flugzeug sitzen, wurde aber in letzter Minute von einem diensthabenden Offizier davon abgehalten. &#8222;Unsere Flugzeuge haben keinen Platz für eine Frau! Nehmen Sie das Schiff.&#8220;</p>

<p>Ja, scheiße. Damit war es das wohl gewesen mit dem Auftrag, die Landung der Truppen zu dokumentieren, denn das Schiff braucht natürlich deutlich länger. Ihre männlichen Kollegen haben dieses Problem nicht, die fliegen selbstverständlich mit den Truppen mit. Aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie wird halt mit dem arbeiten, was sie vorfindet.</p>

<p>Die Tage auf See ziehen sich endlos. 2 Tage noch, dann wird sie auch endlich da sein, so wie ihre Kollegen. [Dumpfes Knallgeräusch]</p>

<p>Das Torpedo ist ein Volltreffer. Margaret greift in Panik noch schnell ihre Schwimmweste, versucht noch, eine Kamera mitzunehmen, aber die Dinger sind groß und schwer und so lässt sie sie zurück. Sie rennt zu dem ihr zugeteilten Rettungsboot und sieht dann, zusammen mit den anderen 16 Insassen zu, wie sich das Kriegsschiff, das sie an die Küste bringen sollte, langsam neigt und in den Fluten versinkt. Sie wird später in ihre Biografie schreiben, dass sie nie mehr Angst hatte, als in diesem Moment und außerdem grenzenlos bereute, keine kleineren Kameras mitgenommen zu haben. Was für großartige Bilder hätte sie machen können? Was für eine Killerreportage wäre das geworden? Jetzt, mit Rettung ungewiss und deutlicher Verspätung, wer weiß, ob da überhaupt noch etwas daraus wird? Solche oder ähnliche Gedanken müssen ihr durch den Kopf gegangen sein, als britische Kampfflugzeuge die Schiffbrüchigen aufspürten und die Rettung veranlassten.</p>

<p>Und dass da nicht nur Soldaten, sondern auch eine Frau mit an Board gewesen war, eine Fotoreporterin noch dazu, war sofort eine Sensation. Als Margaret Bourke-White dann endlich an ihrem Ziel ankam, war die Geschichte schon auf dem Weg um die Welt und sie eine Berühmtheit. Die furchtlose amerikanische Kriegsreporterin, die einen Torpedoangriff überlebte, um davon berichten zu können. Das war eine Nachricht, die allen anderen die Schau stahl. Eine ihrer männlichen Kollegen begrüßt sie grimmig: &#8222;Ich sitze hier stundenlang rum und warte darauf, dass ich endlich mal zur Action darf und dann kommt da diese Tussi daher und hat auch noch das Glück, einen Torpedoangriff zu überleben.&#8220;</p>

<p>Aber nicht nur das, eigentlich wollte Margaret Bourke-White ja sowieso da hin, wo die Action ist. Es ging ja um die US Airforce. Also musste man ihrer Meinung nach mindestens ein Mal auch bei einem Angriff mitgeflogen sein. Bisher hatte man ja dafür die Genehmigung verweigert. Aber nach dem überstandenen Torpedoangriff hat der Befehlshaber ein Einsehen:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Maggy, do you still want to go on a bombing mission?&#8220;</p>

<p>Er fragt sie, ob sie immer noch an einem Einsatz teilnehmen will.</p>

<p>[Einspieler geht weiter]</p>

<p>&#8222;I do, but I don&#8217;t want to make a pest of myself, begging.&#8220;</p>

<p>Aber sie will nicht immer betteln, sagt sie.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Well, if you&#8217;ve been torpedoed, you might as well go through everything. And he reached for the telephone and called the 97 bomb group. They were stationed then in the garden of [unverständlich] in the middle of the Sahara desert. And he told them I had permission.&#8220;</p>

<p>&#8222;Jetzt hast du ein Torpedo überlebt, jetzt kannst du den Rest auch sehen&#8220;, sagt er und greift zum Telefon und erteilt die notwendigen Genehmigungen. Und so geht Margaret Bourke-White aus dieser Anekdote mit der Genehmigung heraus, einen Bombenangriff begleiten zu dürfen. Mit Kamera. Für Life Magazine.</p>

<p>Und als ob sie zu dem Zeitpunkt nicht schon berühmt genug wäre, gilt sie jetzt als Sensation. Die erste amerikanische, akkreditierte Kriegsreporterin überhaupt. Die erste Frau, die bei einem Bombenangriff teilnehmen darf. Und die erste Fotografin, die einen Torpedoangriff überlebt. Und wie sie da hingekommen ist und was sie dann ab da noch alles gemacht hat, das erzähle ich gleich.</p>

<p>Wem die Geschichte in ihren Grundzügen bekannt vorkam, der ist vielleicht Filmfan. Alfred Hitchcock drehte nämlich den Film &#8222;Lifeboat&#8220; mit einer Geschichte, die ganz eindeutig von dieser Anekdote inspiriert war. Und ich glaub, wer sich mit der Geschichte Margaret Bourke-Whites beschäftigt, der kann wahrscheinlich gar nicht anders, als einen Film drehen zu wollen, da gibt es so viel zu entdecken, so viele firsts, so viele Stationen, die ungewöhnlich sind.</p>

<p>Geboren wird sie 1904 in der Bronx in New York. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder und erbt von ihrem Vater die Leidenschaft für Technologie, speziell Großtechnologie hat es ihr angetan, aber der Vater ist auch Hobbyfotograf und hat diverses Equipment daheim. Ihre Eltern verbindet eine Leidenschaft für die Natur und der unerschütterliche Glaube, dass man alles erreichen kann und vor nichts Angst haben sollte.</p>

<p>Von ihrem Vater übernimmt sie das Interesse an Technologie und die absolute Disziplin. Von ihrer Mutter, so schreibt sie später selber, lernte sie, sich nicht mit dem einfachen Ergebnis zufriedenzugeben. Außerdem haben die Eltern den Ehrgeiz, ihren Kindern jegliche Ängste zu nehmen und so wächst Margaret mit Reptilien und Klettereien in großer Höhe auf.</p>

<p>Zunächst sieht es so aus, als ob die Reptilien ihre Zukunft werden würden. Sie will Reptilienkunde studieren und schreibt sich in der Columbia University ein. Der Vater stirbt, kaum dass sie ein Jahr lang studiert hatte und sorgt dafür, dass die Familie deutlich weniger Finanzmittel zur Verfügung hat. Für sie ist das der Beginn einer kleinen Odyssee durch verschiedene Universitäten und nebenbei der Beginn ihrer Fotokarriere, denn sie beginnt, kleinere Aufträge entgegenzunehmen und damit ihr Einkommen aufzubessern.</p>

<p>Nach 7 verschiedenen Universitäten und diversen Kursen erwirbt sie an der Cornell University den Bachelor of Arts und zieht letztlich nach Cleveland, Ohio, wo sie dann auch ihr erstes offizielles Fotostudio eröffnet. Architektur und große Industrieanlagen haben es ihr angetan. Das war eine Liebe, die sie von ihrem Vater übernommen hatte.</p>

<p>Industrieanlagen fotografieren kann unglaublich öde sein, aber Margaret hat ein Händchen für die perfekte Perspektive. Sie findet Wiederholungen und Muster. Sie schafft es, ungewöhnliche Positionen einzunehmen und vor allem hat sie ein ungewöhnliches Talent, mit den doch in Industrieanlagen sehr schwierigen Lichtverhältnissen umzugehen.</p>

<p>Als einer ihrer ersten Klienten gewinnt sie die Otis Steel Company. Sie überzeugt den Chef, ihr die Genehmigung zu erteilen, in seinen Werken fotografieren zu dürfen. Der rechnete wahrscheinlich damit, dass sie als Fotografin zwei, drei Mal auftauchen würde und Aufnahmen machen und dann irgendwann mit einem Portfolio bei ihm auftauchte, mit der Hoffnung, er wird es ihr abkaufen. Er erteilt ihr also die Genehmigung und geht auf eine Europareise.</p>

<p>Womit er wahrscheinlich nicht gerechnet hatte, war, dass Margaret Bourke-White besessen von dem perfekten Foto war und in dem halben Jahr, in dem er auf Reisen war, praktisch jeden Tag in seine Fabriken fuhr, um dort Aufnahmen zu machen. Hier beschreibt einer ihrer Assistenten, wie sie typischerweise vorging:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;She would take a picture over and over and over again, to the point of absolute boredom. Especially with me, working with her. But also the people who had to sit still for it.&#8220;</p>

<p>Sie war Perfektionistin und irgendwann war ja auch klar, dass gerade in Stahlwerken die Lichtverhältnisse so anspruchsvoll waren, dass sie spezielles Filmmaterial und künstliche Beleuchtung brauchte. Und so fing sie an, Magnesiumfackeln mit in die Fabriken zu bringen, um zu beleuchten. Hatten die Stahlarbeiter anfangs Angst, eine Frau würde vielleicht in Ohnmacht fallen, wenn sie der Hitze ausgesetzt war oder sich in Gefahr bringen, wurde schnell klar, dass Margaret Bourke-White mit einer schlafwandlerischen Sicherheit in diesen Werken herumkletterte und für das richtige Bild vor genau gar nichts Angst hatte.</p>

<p>Es entstehen fantastische Aufnahmen. Aufnahmen, die auch heute noch modern aussehen. Und sie wird diese Aufnahmen nicht nur verkaufen, sondern es sind diese Aufnahmen, die ihr dann die ersten Türen öffnen.</p>

<p>Und ihre Arbeit ist auf vielen Ebenen vollkommen ungewöhnlich. Einmal ist es so, dass in den 1930er Jahren Frauen sowieso kaum mit Kameras unterwegs waren. Es ist die Zeit der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie wird speziell für Frauen beworben und zeichnet sich dadurch aus, dass man nichts einstellen muss, nichts wissen muss, &#8222;You press the button, we do the rest&#8220; war der Slogan der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Company.</p>

<p>Und hier kommt Margaret Bourke-White, eine attraktive, junge, kleine Person und hantiert nicht nur mit Maschinen, um Fotos zu machen, sondern fotografiert auch noch bevorzugt riesige Industrieanlagen. Stahlwerke. Häfen. Schlachthöfe. Und sie ist energiegeladen und furchtlos. Und zielstrebig. Sie nötigt den Männern, die mit ihr zu tun haben, absoluten Respekt ab. Sie nimmt sich Dinge heraus und sie will erfolgreich sein. Ihre Aufnahmen sind jedenfalls außergewöhnlich genug, dass nicht nur die Otis Steel Company ihre Bilder kauft, sondern sie Ausstellungen damit bestreitet und weit über die Grenzen ihres Heimatbundesstaates bekannt wird.</p>

<p>Sie geht zurück nach New York, um dort ein Studium zu eröffnen und bekommt dort den Auftrag, das gerade im Bau befindliche Chrysler Building zu fotografieren. Auch diese Arbeiten sind ein absoluter Erfolg. Sie macht Aufnahmen, die von den Perspektiven her absolut ungewöhnlich sind; Sie klettert draußen am Dach herum und liebt die Architektur des Gebäudes. Besonders die 4 gigantischen Gargoyles, die am Dach angebracht sind, haben es ihr angetan.</p>

<p>Sie beschließt: Sie will eine der wenigen Mieterinnen in diesem Gebäude werden. Mindestens ihr Studium möchte sie im Chrysler Building haben, wenn möglich dort auch wohnen. Sie setzt sich das so sehr in den Kopf, dass sie sich als Hausmeisterin für das Gebäude bewirbt. Das ist allerdings eine Stelle, die jemandem anders zugeschlagen wird. Überhaupt sieht es eine Weile danach aus, als wenn sie noch nicht mal ihr Studio dort mieten darf, denn die Vermieter sind skeptisch: Sie ist eine junge, hochgradig attraktive, bekannte Frau. Da wird es doch mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht irgendwann mal heiratet, Kinder kriegt und plötzlich keinen Job mehr hat und dann auch die Miete nicht mehr bestreiten kann.</p>

<p>Zumindest dieses Problem hatte sich allerdings erledigt, als Margaret Bourke-White das Angebot erhält, das neu gegründete Fortune Magazine als Fotografin zu begleiten. Sie war die einzige Frau in der gesamten Belegschaft und Fortune würde als neu gegründetes Bildmagazin die Geschichte der jungen, aufstrebenden Industriekultur in Amerika und weltweit begleiten. Ein Job wie für sie geschaffen.</p>

<p>Sie bekommt also ihr Studio mit Blick auf die Gargoyles und eine Terrasse, auf der sie eigentlich nichts zu suchen hat, auf der sie aber praktisch Besuche empfängt und in einem abgetrennten Bereich zwei kleine Alligatoren hält. Es gab ja mal eine Zeit, da wollte sie Expertin für Reptilien werden. Diese Liebe hat sie nie so richtig abgelegt.</p>

<p>Es gibt diverse Anekdoten, wo Margaret auf Geschäftsreisen nicht nur ihre Kamera, sondern auch noch Reptilieneier, die zum Schlüpfen bereit waren, von irgendwelchen Eidechsen oder anderen Tieren, dabei hatte.</p>

<p>Schlafen darf sie nicht in diesem Studio. Aber sie ist besessen von ihrer Arbeit und so verbringt sie jede freie Minute und oft Tag und Nacht mit Blick über New York City. Und sie fotografiert auch viele Male diesen Blick. Es gibt ein sehr bekanntes Foto von ihr, wo sie raus auf die Terrasse und einen der Gargoyles geklettert war, um eine Aufnahme von Manhattan zu machen, die man sonst nirgendswo so machen konnte. Ihr Assistent, in der Sicherheit des Studios, hält die Kamera auf sie und hält damit ein ikonisches Bild von ihr fest. Und dieses Bild zeigt sie in ihrem Element. Furchtlos und bereit, alles für das richtige Bild zu tun.</p>

<p>Als Mitherausgeberin, Fotografin und Autorin des Fortune Magazins reist Margaret Bourke-White jetzt um die Welt. Sie besucht Deutschland und fotografiert da die IG Farben und in Hamburg den Hafen. Und sie ist die erste westliche Fotografin, die die Genehmigung erhält, in der Sowjetunion die dort neu gebauten Industrieanlagen zu fotografieren.</p>

<p>Die Sowjetunion sah sich im Wettlauf mit den USA und hatte einen mehrere Jahrzehnte andauernden Vorsprung aufzuholen. Margaret fotografiert Großbaustellen, Dämme, Kraftwerke, gigantische Industrieanlagen und zunehmend auch die Arbeiterinnen und Arbeiter.</p>

<p>Inzwischen ist die Mitte-30-jährige eine weltweite Celebrity. Man kennt sie. Sie ist regelmäßig im Radio, um Interviews zu geben und bekannt für ihren extravaganten Lebenswandel. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, weiß sie, wie man sich das Leben angenehm macht. Und sie wird zu einem Vorbild für Mädchen und junge Frauen. Nicht lange und sie steht für die moderne amerikanische Frau. Die weiß, was sie will, die alles erreichen kann. So wird zumindest behauptet.</p>

<p>1936 ist auch das Jahr, in dem ein weiteres ikonisches Magazin gestartet wird: das Life Magazine. Margaret Bourke-White schreibt die erste Titelgeschichte und macht das erste Titelbild des Life Magazines.</p>

<p>1936 ist in der Mitte der Great Depression, also der Weltwirtschaftskrise. Die Not ist unter der arbeitenden Bevölkerung groß in den USA. Und Margaret sieht das. On assignment for fortune and life kommt sie im gesamten Land herum und ihre Fotografie wandelt sich: Die berühmte Industriefotografin wird zu einer gefeierten <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalistin</a>.</p>

<p>1941 reist sie im Auftrag des Life Magazine nach Moskau. Sie ist die einzige westliche Reporterin in der Stadt, als die Deutschen ihren Luftangriff auf Moskau beginnen. Als die Sirenen losheulen und sich alle in Sicherheit bringen, greift sie sich ihr Stativ und ihre Kamera und rennt auf das Dach der Botschaft, von wo aus sie einen hervorragenden Blick auf den Kreml hat. Sie vermutete, das würde das Hauptangriffsziel der deutschen Streitkräfte sein. Und sie würde fotografieren, was immer fotografierenswertes zu sehen war.</p>

<p>Heraus kommen einzigartige Kriegsaufnahmen. Und Margaret fotografiert nicht nur in der Nacht, sondern auch am nächsten Tag. Die Spuren der Zerstörung. Und ist die einzige Reporterin, die diese Aufnahmen machen konnte und in die westliche Welt zurückbrachte.</p>

<p>Als Amerika sich dazu entschließt, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, ist es für Margaret der Startschuss, um eine Akkreditierung als <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalistin</a> anzustreben. Und die amerikanischen Behörden stellen sich erst mal quer. Es ist schon ungewöhnlich genug, dass eine Frau eine bekannte Fotojournalistin ist. Und auch, wenn akzeptiert ist, dass Margaret Bourke-White weiß, mit Risiko umzugehen, ist es dann trotzdem noch ein Riesenschritt, sie offiziell als <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a> anzuerkennen. Fotografie als Männerdomäne. Krieg als Männerdomäne. <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografie</a> als Machomännerdomäne.</p>

<p>Margaret ist zwar nicht die einzige Frau, die im Krieg fotografiert, aber sie ist die einzige Amerikanerin und sie ist die einzige, die es schließlich schafft, offiziell als Fotojournalistin mit den Truppen mitgesendet zu werden.</p>

<p>Das ist der Punkt, an dem sie sich aufmacht, um die Invasion in Nordafrika zu begleiten, einen Torpedoangriff überlebt und die Genehmigung bekommt, bei einem Bombenangriff mitzufliegen. Und auch von dieser Reise wieder einzigartige Aufnahmen mitzubringen.</p>

<p>1945 verliert Deutschland den Krieg. Und Margaret ist wieder unterwegs. Im Gefolge von General George S. Patton reist sie durch Deutschland und ist bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeiterlagers Leipzig-Thekla dabei. Sie macht mehrere berühmte Fotos zu diesen Gelegenheiten. Ihr Bild &#8222;Die lebendigen Toten von Buchenwald&#8220; von 1945 ist eine der berühmtesten und beeindruckendsten Fotografien des 20. Jahrhunderts.</p>

<p>In ihrer Biografie beschreibt sie ausführlich, wie es sich angefühlt hat, das von den Nazis angerichtete Leid zu sehen und diese Menschen zu fotografieren und die Leichenberge. Sie ist dankbar für die Kamera. Sie hält sie nicht nur beschäftigt, sondern ist wie ein Schild, das sie vor sich halten kann, um das Bild, das sich ihr bietet, aushalten zu können.</p>

<p>Auch nach dem Sieg der Alliierten fotografiert Bourke-White weiterhin für die Truppen. Im Herbst 45 erhält sie den Auftrag, die Zerstörung deutscher Städte mit Luftbildern zu dokumentieren.</p>

<p>Zu dem Zeitpunkt gilt Margaret bereits in mehreren Disziplinen als eine der besten Fotografinnen, wenn nicht die beste Fotografin der Welt. Moderne Architekturfotografie, Industriefotografie, Kriegsfotografie, <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportagefotografie</a>, zwischendurch Werbefotografie und Portraits berühmter Persönlichkeiten gehören zu ihrem Portfolio. Berühmte Menschen ihrer Zeit wie Franklin D. Roosevelt, Stalin, Winston Churchill oder Marlon Brando wurden von ihr portraitiert.</p>

<p>1946 reist sie im Auftrag des Life Magazines nach Indien. Das Land ist in politischer Aufruhr. Sie hat den Auftrag, Gandhi zu fotografieren und zu interviewen. Gandhi hat wenig Lust, sich von ihr interviewen zu lassen, so lässt es ihr ausrichten, er würde sie nur als Fotografin zulassen, wenn sie lernen würde, ein Spinnrad zu bedienen. Also lernt Margaret Bourke-White, wie man ein Spinnrad bedient. Sie macht eines der bekanntesten Fotos ihrer Karriere, wenige Stunden vor der Ermordung Mahatma Gandhis fotografiert sie ihn, wie er schweigend vor einem Spinnrad sitzt.</p>

<p>Spätere Reportagereisen wird Margaret dazu nutzen, um zum Beispiel die Teilung Indiens zu dokumentieren. Sie bereist auch Südafrika während der Apartheid und nimmt am Koreakrieg als Korrespondentin teil. Korea ist auch das Land, wo ihr zum ersten Mal auffällt, dass ihre Gelenke, Arme und Beine steif sind.</p>

<p>Daheim lässt sie sich untersuchen und bei ihr wird Parkinson diagnostiziert. Es ist diese Krankheit, die sie dann Mitte der 60er dazu zwingt, ihren Beruf aufzugeben und sich zurückzuziehen. 1963 erscheint ihre Autobiografie und ist über Wochen hinweg auf den Bestsellerlisten der New York Times.</p>

<p>Sie stirbt 1971 im Alter von 67 Jahren. Sie war zwar einmal kurz verheiratet, aber Familie hatte sie nie gegründet und deswegen hinterließ sie auch keine Kinder und keinen trauernden Ehemann. Sie war Wegbereiterin für eine ganze Generation junger Reporterinnen und Fotografinnen.</p>

<p>Ihre Fotografie prägte mehrere Genres, nicht nur eines. Die meisten Fotografen versuchen, ein Genre wirklich gut zu beherrschen. Margaret Bourke-White schien zu meistern, was immer sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte eine Gabe, Menschen zu sehen und sie im Bild festzuhalten, wie kaum eine andere und ihre Karriere in einer der turbulentesten Zeiten der Menschheitsgeschichte bot ihr wieder und wieder die Gelegenheit, ikonische Aufnahmen zu machen. Und sie ergriff jede einzelne davon.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 30 Jan 2021 22:33:05 GMT</pubDate>
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            <title>Fotograf:innen wider Willen</title>
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            <description>Posthum entdeckte Fotograf:innen scheinen ein Ding zu sein... wie lange noch?</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Posthum entdeckte Fotograf:innen scheinen ein Ding zu sein… wie lange noch?</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20200416235249/https://petapixel.com/2019/12/16/russian-vivian-maier-becomes-a-star-20-years-after-her-death/" target="_blank">‘Russian Vivian Maier’ Becomes a Star 20 Years After Her Death</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://mashaivashintsova.com/" target="_blank">Masha Ivashintsova Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Masha_Ivashintsova" target="_blank">Masha Ivashintsova</a> (Wikipedia)</li><li>Masha Ivashintsova auf Instagram</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.rferl.org/a/leningrad-photographer-never-showed-her-photos-of-soviet-life-to-anyone-years-later-relatives-discovered-her-work/29088470.html" target="_blank">Leningrad&#8217;s Lost Photographer</a></li><li><a href="https://mymodernmet.com/masha-ivashintsova-photography/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview: Woman Discovers Over 30,000 Secret Photos Left Behind by Her Mother</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.jacksharp.co.uk/" target="_blank">Jack Sharp</a></li><li>Jack Sharp auf Instagram</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250525115938/https://www.reddit.com/r/forgottenfilm/" target="_blank">Reddit Community r/forgottenfilm</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Brownie_(camera)" target="_blank">Kodak Brownie Camera</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leica_Camera" target="_blank">Leica Camera AG</a> (Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vivian_Maier" target="_blank">Vivian Maier</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210811184539/https://vivianmaier.com/" target="_blank">Vivian Maier offizielle Webseite</a></li><li>Vivian Maier auf Instagram</li></ul>

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<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Für die heutige Episode habe ich mich mit <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen beschäftigt, deren Arbeit erst nach ihrem Tod bekannt geworden ist. Und die wahrscheinlich zu ihren Lebzeiten nicht zugestimmt hätten, wenn man ihre Arbeiten verbreitet hätte. Das waren keine Künstlertypen. Sie entwickelten nicht selber und hätten selbst ihrem Hobby kaum Bedeutung beigemessen. Heute würden sie wahrscheinlich mit einem IPhone fotografieren und ein Album mit Bildern füllen, das sie vielleicht mit ein paar Freunden teilen. Das war es aber dann schon.</p>

<p>Meine Großelterngeneration ist vermutlich die erste Generation, für die es normal war, mit Babyalltagsfotos aufzuwachsen. Es sind Kameras wie die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Markt kommen, die so einfach zu bedienen sind, dass man nichts von Fotografie verstehen muss, um Fotos damit zu machen.</p>

<p>Und es mangelte ja nie an der Fotobegeisterung. Schon bei der Vorstellung der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> waren Tags danach dutzende von begeisterten Wissenschaftlern damit beschäftigt, ihre eigenen Daguerreotypien aus ihren eigenen Dachfenstern zu schießen. Die Idee, Bilder festhalten zu können, war von Anfang an magisch, aber nicht jedermann und jederfrau hatte Lust (oder die Fähigkeiten), sich eigene Kameras zu bauen, eigene Linsen zu besorgen oder die Chemie zu meistern, die notwendig war, um zum Beispiel im Kollodium-Nassplattenverfahren zu fotografieren.</p>

<p>Und deswegen war die Fotografie am Anfang oder in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz eine Beschäftigung für Menschen mit Zeit, Geld, technischem Sachverstand oder dem Beruf Fotograf. Bilder zu machen war also möglich, aber es war einigermaßen aufwändig, weswegen zwar jede Familie vermutlich Familienbilder hatte, aber die eben dann gezielt vom Fotografen anfertigen ließ.</p>

<p>Mit der Erfindung des Rollfilms und einfacher Kameras wie der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie änderte sich das. Man konnte daheim fotografieren. Man konnte den ganzen Kram in ein spezialisiertes Geschäft schicken und fertige Bilder zurückbekommen. Und damit wurde der Alltag zum Fotoobjekt.</p>

<p>Und wenn ich das alles so erzähle, dann wird dadurch hoffentlich eins klar: Warum fotografiert wird, hängt immer auch von den technischen Möglichkeiten ab. Am Anfang wurde viel aus wissenschaftlichem Antrieb und zu Dokumentationszwecken fotografiert. Oft ging es den <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen auch darum, herauszufinden, wie Dinge denn aussahen, wenn man sie mit einem fotografischen Verfahren auf Papier oder Glasplatte bannte.</p>

<p>Und relativ früh gab es auch einen Zwiestreit zwischen der Malerei und der Fotografie. Maler rümpften die Nase, denn es war in ihren Augen ja völlig aufwandsbefreit, ein Foto zu machen, während sie sich ja Stunden, manchmal Tage mit ihren Gemälden beschäftigten. Für Maler waren Fotografien oft nichts anderes als Hilfsmittel um bessere Gemälde malen zu können.</p>

<p>Fotografen wiederum versuchten, das Gegenteil zu beweisen. Sie versuchten, zu zeigen, dass es mehr brauchte als einfach nur die Beherrschung der Technik, um sinnvolle, gehaltvolle Fotografien zu erzeugen. Und ganz zu Anfang sprechen wir auch von einer Zeit, in der die Bilder, die Menschen schon mal gesehen hatten, oft gemalte Bilder waren. Und entsprechend sahen dann auch künstlerische Fotografien ein bisschen so aus, als würden sie versuchen, wie Gemälde auszusehen.</p>

<p>Mit Rollfilm und Kameras wie der Brownie kam die Fotografie in die Hände von jederfrau und jedermann. Und damit änderte sich dramatisch, wie die Bilder aussahen. Bilder, die gestellt waren und an die Malerei der damaligen Zeit erinnerten wurden verdrängt von Alltagsschnappschüssen, von Perspektiven, die keiner absichtlich so geplant hätte.</p>

<p>Und mit diesen Aufnahmen änderten sich unsere Sehgewohnheiten. Und der Grund, warum Menschen fotografierten. Mehr und mehr wurden Fotos zu einer Art visuellem Tagebuch. Fotos wurden jetzt nicht nur zu wichtigen Anlässen gemacht, sondern zum Beispiel auch, um den Urlaub zu dokumentieren. Und auch hier sehen wir die Entwicklung in der Technik, gespiegelt von der Entwicklung in unseren Sehgewohnheiten und den Fotografiegewohnheiten.</p>

<p>1914 wird die Firma Leica gegründet. 1920 die Firma Rollei. Und beide Firmen sind berühmt für ihre Kameras. Besonders die Leica begründet das, was wir heute &#8222;Kleinbildformat&#8220; nennen. Kleine, kompakte Kameras, Präzisionsgeräte, die es zum ersten Mal möglich machten, Reportagen zu fotografieren, die Kamera immer dabei zu haben und auf kleine Rollen Film Alltagsszenen festzuhalten. Unauffällig.</p>

<p>Tausende Fotografien entstehen in der damaligen Zeit. Und Magazine beginnen, Fotoessays abzudrucken. Unsere Urgroßeltern sehen diese Bilder. Die sind praktisch omnipräsent. Jedes wichtige Ereignis wird über solche Bilder kommuniziert. Und natürlich fangen dann die Hobbyfotografinnen und Fotografen an, einen ähnlichen Stil an den Tag zu legen. Die Kameras von Leica und anderen konkurrierenden Herstellern werden zu Verkaufsschlagern. Noch nie war es so einfach, Bilder zu erzeugen, noch nie war es so einfach, so ein Ding immer dabei zu haben, und so werden die Menschen zu <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a>. Zu <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a>, die Reportagen ihrer eigenen Lebensgeschichte festhalten. Und es beginnt die Blütezeit eines Fotogenres, das bis Heute zu einem der wichtigsten Bereiche der Fotografie zählt: der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Street Photography</a>, der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a>.</p>

<p>Der Fotografie nämlich, in der man mit einer Kamera (oder heute mit dem Smartphone) Alltagsszenen festhält. Da ist es dann von den fotografischen Vorlieben abhängig, was genau festgehalten wird. Manche Fotograf*innen sind darauf spezialisiert, skurriles und lustiges festzuhalten. Andere fotografieren besonders dramatische Ereignisse gerne. Wieder andere gehen auf die Suche nach besonderen oder originellen Szenen in der Menge. Es gibt das Subgenre der Straßenportraits, es gibt Szenen, in denen es eigentlich nur auf die Geometrie oder das Spiel mit Licht und Schatten ankommt.</p>

<p>Egal wie, es fängt damit an, dass Kameras so handlich, schnell und günstig zu haben sind, dass man sie wirklich immer dabei haben kann und nicht nur Spezialpersonal mit diesen Kameras herumläuft, sondern eben auch, in Anführungsstrichen, &#8222;ganz normale Menschen&#8220;.</p>

<p>Hinzu kommt, dass es einen enormen Spaß macht, mit den Kameras der damaligen Zeit zu fotografieren. Ich habe hier mehrere alte Kameras. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste den Film, den ich gerade vollfotografiert habe, nicht mal unbedingt entwickeln lassen, um Spaß an dem Hobby zu haben.</p>

<p>Und so geht es tausenden. Die Welt wird geflutet mit Bildern. Das ist ein Trend, der bis heute anhält. Schon in meiner Jugend hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Bilder im Haus habe, als ich jemals bei klarem Verstand anschauen wollen würde und auch nur anschauen könnte.</p>

<p>35mm Rollfilm war damals das hauptsächliche Medium der Wahl. 36 Aufnahmen pro Rolle konnte man machen und 2003 war Peak Rollfilm. Da wurden weltweit 930 Millionen Rollen Film verkauft. Fotografiert wurde da fast alles. Was es allerdings eher seltener gab, war, dass Leute ihr Essen fotografierten. Das kam schon mal vor, aber ich erinnere mich sehr gut daran, dass meine Eltern eigentlich nur dann Essen fotografiert haben, wenn es einen besonderen Anlass gab. Zum Beispiel ein Buffet zum Anlass eines 60. Geburtstags. Oder das Weihnachtsessen. Ich kann mir immer noch verwackelte Fotos von Gänsepastete anschauen, wenn ich das will, ich muss nur ein altes Fotoalbum aus dem Schrank nehmen. Aber es war die Ausnahme. Heute gibt es Leute, die machen praktisch nichts anderes, als jeden Tag ihre Mahlzeiten auf Instagram hochzuschießen.</p>

<p>Und wo wir schon beim Thema sind: Wir leben in einer Welt, in der es diverse soziale Netzwerke gibt und fast alle haben gemeinsam, dass sie eine besondere Betonung auf das Tauschen von Bildern legen. Allerdings gibt es den Fotokönig unter den sozialen Netzwerken: Instagram. Instagram sieht pro Sekunde 995 neue hochgeladene Bilder. Und das sind, ich erspar dir die Rechnerei, aufs Jahr gesehen in etwa genauso viele Fotos wie die Menschheit 2003 insgesamt auf Rollfilm gepackt hat. Nur, dass Instagram eine von mehreren Plattformen ist. Und nur, dass bei den meisten Kanälen für jedes hochgeladene Foto es wahrscheinlich 20 andere in den Galerien und Fotoalben ihrer Besitzer auf den Smartphones fliegen.</p>

<p>Und wieder folgen unsere Fotografiegewohnheiten der Technik. Meine Eltern hätten ihre Fotos niemals fremden Menschen gezeigt. Die waren der Familie vorbehalten. Sicherlich, Familie musste dann auch mal durch einen Diasabend durch oder sich mit einem Fotoalbum auf die Couch setzen und erzählen lassen, was so besonders an dem speziellen, verwackelten Berg Panorama war, das man dort eingeklebt hatte, aber es wäre niemandem auch nur im Entferntesten in den Sinn gekommen, beliebigen Leuten Bilder unter die Nase zu halten, in der Erwartung, dass die Begeisterung zeigen.</p>

<p>Das ist aber die Welt, in der wir heute Leben. Immer weniger Menschen fotografieren nur für sich selbst. Sie fotografieren auch für ein Publikum. Klar sind das dann oft Freunde und Bekannte, aber speziell auf Medien wie Instagram zeigen wir die Bilder dann auch wildfremden. Und wer in den letzten 20 Jahren geboren wurde, hat einen praktisch lückenlosen Schatz an Fotos auf der Festplatte, vom Babyalter bis zum letzten Frühstück.</p>

<p>Und das bringt mich wieder zurück zur Eingangsfrage: &#8222;Warum fotografieren wir?&#8220;. Immer öfter wird fotografiert, um das Leben zu dokumentieren. Um sich an Alltag zu erinnern. Um vielleicht auch festzuhalten, wie wir uns über die Jahre verändern, mit wem wir welche Erlebnisse geteilt haben.</p>

<p>Das ist allerdings auch eine Art der Fotografie, die endet mit uns. Ich habe vor kurzem Mal einen Artikel über digitale Amnesie gelesen. Da wurde darauf hingewiesen, dass unmengen persönlicher Bilder regelmäßig verloren gehen, weil Menschen nicht mehr wissen, wo sie sie abgespeichert haben. Da gibt es Bilder, die nur auf Handys liegen und bei Verlust des Handys verloren gehen. Da gibt es Bilder, die auf Cloudaccounts synchronisiert sind und wenn der Fotograf oder die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> sterben mit ausbleiben von Zahlungen vollautomatisch gelöscht werden. Oder passwortgeschützte Bildsammlungen, an die niemand mehr rankommt. Oder Bildersammlungen, die auf Computerfestplatten liegen, die irgendwann ausgemustert werden. Wir produzieren so viele Bilder, dass sie fast schon ihren Wert verloren haben.</p>

<p>Und die Welt teilt sich plötzlich in zwei Lager: Die nämlich, die versuchen, mit ihren Fotografien Publikum zu erreichen und unter Umständen Geld zu verdienen und die, die einen Berg an Fotografien erzeugen, die uns kollektiv egal sind. Natürlich gab es auch in den letzten Jahrzehnten immer schon Berge von Fotos, die uns kollektiv egal waren. Was interessieren auch die Bilder von Oma und Opa beim Skifahren? Oder besagtes Buffet vom 60järigen Geburtstag des Großonkels?</p>

<p>Aber eigentlich erstreckte sich das früher nur auf die Alltagsfotografie. Aber da gab es ja auch noch diese Anderen. Diese Fotografinnen und Fotografen, die Fotografie als Hobby betrieben. Die eben nicht nur ihren Alltag, sondern auch die Menschen um sich herum, die Szenen, die sie sahen, fotografierten und festhielten. Manchmal nur des Fotgrafierens willens.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;You know these moments on antique&#8217;s rows shows when someone discovers that the painting they bought at a flea market is worth 100000 dollars? Well, this next story is kind of like that. Except, the chicago man who found this unexpected treasure also found himself with a huge responsibility because he may have discovered one of the finest street photographers of the mid 20th century. A chicago nanny by the name of Vivian Maier.&#8220;</p>

<p>Wenn man einfach mal beliebige Leute fragt, ob sie berühmte Fotografen benennen können, dann gibt es wenige Namen, die da immer wieder aufkommen. Da wäre einmal Helmut Newton, es gibt ja in heutigen Buchhandlungen kaum noch Fotobildbände, aber Helmut Newton mit seinen Nacktfotos ist da garantiert vertreten, das könnte vielleicht einer der Gründe dafür sein, warum ihn auch noch viele kennen, oder an Sam Adams, der tatsächlich durch seine Schwarz-Weiß-Landschaftsfotografien absoluten Kult- und Berühmtheitsstatus erreicht hat. Aber schon der verblasst nach und nach. Die heutige Generation hat den Namen vermutlich schon nicht mehr gehört.</p>

<p>Und dann gibts da noch Vivian Maier. Und die hauptsächlich aus zwei Gründen: Ein Mal fasziniert uns die Geschichte. Vivian Maier war nämlich schon längst tot, als ihre Bilder entdeckt wurden und sie war eine Nanny, also ein Kindermädchen, die in ihrer Freizeit fotografiert hatte, und nie auch nur ein Bild veröffentlicht hatte. Das Ganze war ein Zufallsfund und die Bilder stellten sich heraus als spektakulär gut. Aber spektakulär gute Fotos werden täglich irgendwo gefunden, ohne dass wir uns dafür interessieren. Im Fall von Vivian Maier kam noch dazu, dass die Medien fasziniert waren von der Geschichte. Es gab also ausreichend Berichte und sogar ein Dokumentarfilm wurde gedreht.</p>

<p>Ja, und deswegen kennen den Namen auch noch so ein paar.</p>

<p>Vivian Maier heißt eigentlich Vivian Dorothy Maier und wird am ersten Februar 1926 in New York geboren. Und man weiß verdammt wenig über sie. Ihr deutsch klingender Name kommt daher, dass ihr Vater aus Österreich eingewandert war. Ihre Mutter war aus Frankreich und ihre Eltern hatten sich in New York kennengelernt. Der Vater verlässt die Familie als Vivian 4 ist. Vivians Mutter arbeitet als Haushaltshilfe und Kindermädchen für die wohlhabenden Familien New Yorks. Dadurch haben Vivian und ihre Familie regelmäßigen Umgang mit gebildeten und reichen Kreisen, sind sich aber jederzeit bewusst, dass sie dort nicht dazugehören.</p>

<p>Dieser Lebensstil, dieses &#8222;sich um die Kinder anderer kümmern&#8220; wird dann später Vivians Leben bestimmen. Das ist ihr Beruf. Sie wird eine Nanny werden. 1949 bringt sie der Tod ihrer Großmutter nach Frankreich, wo sie sich ein Mal um die Nachlassformalitäten kümmern muss und dort ihre Liebe zur Fotografie entdeckt. Sie wird nie wieder aufhören zu fotografieren. Über 100000 Bilder wird sie innerhalb von 40 Jahren machen.</p>

<p>Vivian Maier heiratet nicht, zieht aber diverse Male um. Der Großteil ihrer Fotografien wird in Chicago und New York gemacht. Aber allgemein gehört Fotografie zu ihrem Alltag. Jeder freie Tag ist mit Fotografie gefüllt. Anfangs hauptsächlich mit einer Rolleiflex, einer Kamera, die für die damaligen Verhältnisse unglaublich leicht und leistungsfähig war und auf Rollfilm belichtete. Ihre Bilder werden meistens nicht belichtet, sie bleiben unbelichtet, sie sammelt sie in Kartons.</p>

<p>Überhaupt sammelt Vivian so einiges in Kartons. Von ihr ist bekannt, dass sie obsessiv Zeitungen behält und sie in ihrer Wohnung stapelt und ihr Leben in Kartons verpackt. Man würde vermutlich heute von jemandem mit Messisyndrom sprechen. Sie hat nie besonders viel Geld gemacht und war auch nie verheiratet, immer alleinstehend, kinderlos. Über ihre Familie weiß man nicht viel, ihr Bruder ist verschollen, es wird vermutet, dass er nach einer Drogenkarriere vermutlich obdachlos war und irgendwo unerkannt verstorben war.</p>

<p>Zwischen Ende der 90er und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends war Vivian Maier dann auch selbst einige Jahre obdachlos. Drei ehemalige Schützlinge beschließen, ihr unter die Arme zu greifen und sich um sie zu kümmern. Sie stellen ihr ein Appartement zur Verfügung und bezahlen ihre Rechnungen. 2008 rutscht Vivian Maier auf Glatteis aus und zieht sich eine Kopfverletzung zu, von der sie sich nicht mehr erholt. Im Frühjahr 2009 stirbt sie dann praktisch mittellos und ohne familiären Beistand mit 83 Jahren in einem Pflegeheim.</p>

<p>Würde die Geschichte jetzt hier enden, hätten wir nie von Vivian Maier gehört und nie von ihr erfahren. Aber wer vorhin beim Einspieler aufgepasst hat, weiß ganz grob, wie es weitergeht. Als sich abzeichnete, dass Vivian kein Geld mehr hatte, um sich eine Wohnung zu leisten, lagerte sie große Teile ihrer Fotografien und ihres Hausstands überhaupt ein. Und diese Bilder, die waren noch eingelagert, als Vivian starb. Solche Dienstleister lagern ein, solange Rechnungen bezahlt werden. Und sobald die Zahlungen ausbleiben, werden die Hausstände versteigert. Und der Nachlass landet in den Händen verschiedener Männer:</p>

<p>Ron Slattery ersteigert für 250 US-Dollar eine eigentlich eher kleine Position von ungefähr 1.200 unentwickelten Filmen. Er fängt an, die Aufnahmen zu entwickeln und macht einige der Bilder von Vivian Maier in einem Internetblog zugänglich.</p>

<p>Und dann ist da der Makler John Maloof, Vorsetzender des Jefferson Park historical society clubs in Chicago, der als Hobbyhistoriker an einem Buch über die Gegend arbeitet und auf der Suche nach geeignetem historischen Bildmaterial ist. Er gibt knapp 400 Dollar aus und hat 30.000 Abzüge und Negative. Stellte sich heraus, dass er die Bilder für sein Buchprojekt nicht verwenden konnte, und deswegen begann er, nach und nach einzelne dieser Bilder auf EBay zu versteigern. Das war wenig lukrativ und irgendwann wurde er mal von jemandem mit Fotosachverstand darauf hingewiesen, auf was für einem Schatz er da eigentlich saß.</p>

<p>Maloof fing also an, den Bestand von Vivian Maier nach und nach aufzukaufen. Es dauerte nicht lang und er bekam Kontakt zu einem dritten Mann. Jeffrey Goldstein, der insgesamt über 17.500 Negative und 2.000 Abzüge und eine ganze Reihe von Filmen aus dem Nachlass gekauft hatte.</p>

<p>Nicht lange und Maloof sah sich als eine Art &#8222;Nachlassverwalter&#8220; von Vivian Maier. Er nahm es sich zur Aufgabe, diese Fotografin der Welt bekannt zu machen. Er fängt an, Teile des Nachlasses aufzukaufen, bei Auktionen mitzubieten, beginnt ein Internetprojekt, beginnt ein Filmprojekt, das unter anderem zu der Dokumentation &#8222;Vivian Maier &#8211; A photographer found&#8220; führt.</p>

<p>Mit der Bekanntheit von Vivian Maier und dem plötzlichen Erfolg und der Sichtbarkeit wird auch schnell klar, dass da wirklich Geld zu holen ist und so fangen dann diverse Parteien auch an, sich munter untereinander zu streiten, wer denn nun die Urheberrechte hätte, und so läuft seit 2014 ein in den USA ein Rechtsstreit darüber, wer denn jetzt nun die Rechte an dem Nachlass haben soll.</p>

<p>Und ich finde, das ganze Thema wirft eine ganze Reihe spannender Fragen auf:</p>

<p>Erstens: Wem gehören eigentlich die Fotos von Vivian Maier? Man kann jetzt natürlich sagen: Maloof hat uns eine Fotografin geschenkt. Die Bilder sind großartig. Ich habe hier ein Bildband mit Aufnahmen aus ihrem Nachlass und die sind spektakulär gut. Sie ist genau dem Hobby nachgegangen, das ich eingangs umschrieben habe. Mit einer kleinen, kompakten Kamera hat sie das Leben in ihrer Umgebung fotografisch festgehalten. Sie war Hobbystreetphotographer und sie hat ein unglaubliches Auge für Szenen auf der Straße gehabt. Wunderschöne Portraits, liebevoll gestaltete Szenen und ihre Bilder wecken eine Zeit zum Leben, die unglaublich ikonisch ist.</p>

<p>Gleichzeitig hat sie selbst diese Bilder aber nie veröffentlicht und wäre sie noch am Leben könnte man vermuten, dass sie eventuell einer Veröffentlichung nicht zugestimmt hätte. Freilich könnte sie vielleicht berühmt und reich sein aber das schien irgendwie nie ihr Antrieb.</p>

<p>Würde Vivian Maier heute leben, würde sie wahrscheinlich nicht mit einer Rolleiflex auf Film fotografieren, sondern schlicht und ergreifend hobbymäßig mit ihrem Telefon ihr Leben festhalten. Und damit wäre nach ihrem Tod auch schlicht und ergreifend ihr Cloudaccount und ihr Telefonaccount geschlossen worden und die Bilder wären weg.</p>

<p>Und das bringt mich zu einer zweiten Beobachtung: Ausgehend von Vivian Maier habe ich nämlich recherchiert und habe mir die Frage gestellt: Gibt es das eigentlich öfter? Und die Antwort ist: Jawoll. Das gibt es öfter. Man könnte sogar sagen, fast regelmäßig.</p>

<p>Da gibt es ein Mal den großen Bereich der professionellen Fotografie. Stirbt jemand, dessen Beruf Fotografie war, geht meistens sein Werk an seine Erben über und waren diese Bilder ausreichend bekannt oder der Fotograf ausreichend prominent wird da meistens dann auch Geld daraus gemacht, das heißt, das Werk wird noch weiter kuratiert, noch weiter veröffentlicht.</p>

<p>Aber die meine ich gar nicht, sondern ich meine eine andere Art der nachträglichen Entdeckung. Menschen nämlich, die als Hobby Fotografie haben aber eigentlich von ihrer Umwelt nicht als Fotografen gesehen werden und nach ihrem Tod dann entdeckt werden, meistens durch ihre Erben. Und das gibt es regelmäßig.</p>

<p>Ich folge auf Instagram zum Beispiel jemandem, der die Negativsammlung seines Großvaters geerbt hat und die jetzt nach und nach auf Instagram veröffentlicht, eine Stiftung gegründet hat, vorhat, Bücher zu produzieren und behauptet, dass die Bilder von der Qualität eines Henri Cartier-Bresson oder einer Vivian Maier seien. Und ja, die Bilder sind schön. Sie sind faszinierend. Sie zeigen jemanden, der eine reichhaltiges Leben mit vielen Reisen hatte und der seine Reportagekamera genutzt hat, um sein Leben zu dokumentieren. Der Mann war Physiker, hat beim MIT gearbeitet, war dann in der Schweiz, um beim Zern zu arbeiten und hatte ein interessantes Leben mit vielen interessanten Fotos.</p>

<p>Oder wie wäre es mit der russischen Vivian Maier, Masha Ivashintsova? Masha lebte in St.Petersburg oder damals, wie es noch hieß, Leningrad und dokumentierte ihr Leben, das Leben auf der Straße und das Leben ihrer berühmten Freunde. Sie selbst sah sich nicht selbst als Fotografin, sie sah sich als jemand, der Fotografie als tägliches Hobby betrieb. Für sie war Fotografie wie Tagebuch schreiben. Sie hatte ihre Kamera praktisch permanent und ständig in der Hand und fotografierte ihre Umgebung. Der Gedanke, ihre Bilder zu veröffentlichen, kam Masha nie, denn sie war von berühmten Fotografen, Poeten und erfolgreichen Männern umgeben und hielt ihr eigenes Talent im Vergleich für so gering, dass eine Veröffentlichung sich gar nicht lohnen würde.</p>

<p>Geboren im Jahr 42 lebt sie durch eine durchaus turbulente und aufregende Zeit hindurch. Sie war ursprünglich in eine adelige Familie geboren worden, die aber während der bolschewistischen Revolution alles verloren hatten. In Leningrad lernt sie Künstler und Dichter kennen und landet im künstlerischen Untergrund. Sie arbeitet als Theaterkritikerin, als Buchhändlerin und nimmt Jobs im Sicherheitsdienst oder als Aufzugsmechanikerin an. Sie malt, dichtet, fotografiert, aber immer nur für sich selbst. Wegen ihrem unangepassten Lebenswandel wird sie von der UDSSR irgendwann in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen, um sie für die Gesellschaft gefügiger zu machen. Diese Zeit prägt und bricht sie fast.</p>

<p>Als sie im Jahr 2000 im Alter von 58 Jahren stirbt, hinterlässt sie als Familie nur ihre Tochter, die sich um ihren Nachlass kümmert. Beim Renovieren ihrer Wohnung findet sie auf dem Dachboden einen Karton mit 30000 Rollen unentwickelten Films. Sie selbst kümmert sich nicht ums Entwickeln, das ist eine Arbeit, die ihr Mann übernimmt. Der weist sie dann auch irgendwann darauf hin, welche Schätze er in diesen Aufnahmen gefunden hat. Nach und nach sichten sie die Aufnahmen und als klar wird, welche Qualität diese Bilder haben, gründen sie ein Internetprojekt und eine Stiftung.</p>

<p>An einer Dokumentation über das Leben von Masha wird zurzeit gearbeitet. Und ich freue mich schon darauf. Denn im Vergleich klingt Mashas Leben fast noch interessanter als Vivians. Aber auch hier stellt sich natürlich die Frage: Gäbe es solche Bilder, hätte Masha im Zeitalter des Internets und von Instagram fotografiert? Vermutlich nicht. Vielleicht hätten wir die Bilder aber auch schon längst wahrgenommen, wir hätten sie gesehen, weil in Instagram im Hier und Jetzt fotografiert wird und natürlich Bilder auch sofort auftauchen können. Auf der anderen Seite haben viele dieser Aufnahmen ihre Relevanz ja erst in Rückschau: Dadurch, dass auf die Zeit, in der Masha fotografiert hat (oder auch Vivian) aus dem Jahr 2020 heraus ganz anders blicken.</p>

<p>Ich glaube ja, wir erleben jetzt die letzten so entdeckten Fotografinnen und Fotografen. Das wird jetzt aufhören. Denn keiner fotografiert mehr auf Film. Niemand wird mehr auf dem Dachboden 30000 Rollen unentwickelten Film finden. Und wenn, werden wir die nicht mehr entwickeln können. Und so wird nach und nach dieses Genre des unbekannten Starfotografens aufhören. Die Faszination für alte Fotos wird bleiben, aber wir werden nur noch kuvertierte Bilder sehen, keine Zufallsfunde mehr. Nur Bilder, die mal jemand ausgesucht hat. Entweder, weil die dann im Internet veröffentlicht wurden und irgendjemand Kopien gemacht hat oder weil die Fotografinnen und Fotografen sowieso schon bekannt waren und es geschafft haben, zu Lebzeiten ein Publikum aufzubauen.</p>

<p>Die elektronische Welt wird kurzlebiger. Menschen schreiben keine Briefe mehr, handgeschriebene Tagebücher werden seltener, Fotografie auf Film wird in 10 bis 20 Jahren auch ausgestorben sein und mit dem Verschwinden von solchen physikalischen Spuren werden auch Zufallsfunde wie Vivian oder Masha nach und nach der Vergangenheit angehören.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 19 Dec 2020 16:25:16 GMT</pubDate>
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            <title>Der Welt zum Geschenk...</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/der-welt-zum-geschenk.html</link>
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            <description>Die eine Hälfte der Geschichte hatten wir bereits erzählt: Daguerre der der Welt die Fotografie schenkt.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Die eine Hälfte der Geschichte hatten wir bereits erzählt: <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> der der Welt die Fotografie schenkt. Die andere Hälfte erzählen wir heute &#8211; wie nämlich am Ende ein britisches Verfahren den Durchbruch schaffte&#8230;</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Atkins" target="_blank">Anna Atkins</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250110193501/https://www.moma.org/artists/231" target="_blank">Anna Atkins &#8211; MoMA</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://publicdomainreview.org/collection/cyanotypes-of-british-algae-by-anna-atkins-1843" target="_blank">Cyanotypes of British Algae by Anna Atrkins</a> (1843) (The Public Domain Review)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://fahrenheitmagazine.com/arte/visuales/anna-atkins-la-botanica-que-fue-la-primera-mujer-fotografa" target="_blank">Anna Atkins: Die Botanikerin, die die erste Fotografin wurde</a></li></ul>

<p>(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach <a "/">https://fotomenschen.net</a>)</p>

<div class="yt-facade" data-yt="ekUUuU7whe0" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ekUUuU7whe0.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Henry_Fox_Talbot" target="_blank">Willhelm Henry Fox Talbot</a> (wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Herschel" target="_blank">John Herschel </a>(Wikipedia)</li><li><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Pencil_of_Nature" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The pencil of nature</a> (Wikipedia)</li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="GMrDkcYiLC4" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_GMrDkcYiLC4.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Scott_Archer" target="_blank">Frederick Scott Archer</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://www.schlicksbier.com/kollodium-nassplatte-eine-einfuehrung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kollodium Nassplatte &#8211; eine Einführung und besondere Tücken für den Fotografen</a></li></ul>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Die Briten und die Franzosen verbindet eine Hassliebe. Ja, und die zieht sich auch durch die Geschichte der Fotografie und ist vielleicht der Grund, dass das erfolgreichste aller Fotografieverfahren und die Erfindung des Fotobuches in Großbritannien statt in Frankreich stattfand. Und das, obwohl doch Frankreich der Welt die Fotografie zum Geschenk gemacht hatte.</p>

<p>Die Geschichte der Fotografie wird ja gerne mal folgendermaßen erzählt: Da gab es diese Gruppe an Franzosen, Niépce, Bayard und <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a>. Die hatten alle grob zur selben Zeit die Ideen zu unterschiedlichen Verfahren, den Einfall von Licht auf diversen Medien festzuhalten. <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> war dann der, der von den dreien den größten Geschäftssinn besaß und gleichzeitig auch das beeindruckendste produzierte, nämlich das Fotografieren auf Metallplatten, und zwar in einer bis dahin nie gesehenen Detailtiefe. Dieses Verfahren wurde dann der französischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt, die französische Regierung kaufte es und machte es der Welt zum Geschenk.&nbsp;</p>

<p>Der ganzen Welt? Aber nein. Da gab es eine Insel, nicht allzu weit von Frankreichs Küste entfernt, die Großbritannien genannt wurde. Und in Großbritannien hatte Daguerre noch vor dieser Vorstellung vor der Akademie der Wissenschaften ein Patent eingereicht, mit der Idee, durch Lizenzgebühren Einnahmen erzielen zu können.&nbsp;</p>

<p>Vielleicht war der Gedanke aber auch ein anderer. Denn, wenn man es mal nüchtern betrachtet, hatte Daguerre es ja geschafft, dass der französische Staat sein Verfahren lizenziert, abgekauft und dann weiter verschenkt hatte. Vielleicht wollte er was Ähnliches in Großbritannien schaffen. Aber egal, was die Motivation gewesen sein mag, Tatsache war:&nbsp; Daguerreotypie durfte man überall auf der Welt umsonst anwenden, außer eben in Großbritannien.&nbsp;</p>

<p>Die Briten brauchten es aber nicht, denn die Briten hatten ihre eigenen Erfinder und ihre eigenen, in Anführungsstrichen, Väter und Mütter der Fotografie. Und im Vergleich waren die Briten auch wesentlich wissenschaftlicher unterwegs.</p>

<p>Daguerre selbst war ja Maler und Bastler, wenn man so möchte. Er verdiente sein Geld mit großen begehbaren Gemälden, Dioramen, und suchte nach Methoden, um ähnlich faszinierendes Bildmaterial zu erzeugen. Hippolyte Bayard war Beamter. In Großbritannien hingegen sind es Astronomen, Botaniker und Chemiker, die nach und nach die verschiedenen Puzzleteile zusammensetzen, aus denen ein fotografischer Prozess besteht.</p>

<p>Was sind denn diese Puzzleteile?&nbsp;</p>

<p>Nummer eins: Irgendein Licht empfindliches Medium muss her.&nbsp;</p>

<p>Nummer zwei: So toll, wie es ist, wenn Licht sich auf dem Medium verewigt, irgendwie muss man diese Reaktion wieder stoppen können.&nbsp;</p>

<p>Nummer drei ist die Erkenntnis, dass man mit einer Camera obscura und einer Linse Licht bündeln und damit die Belichtungszeit drücken kann und gleichzeitig Kontrolle über den Bildausschnitt bekommt. Und&nbsp;</p>

<p>Nummer vier ist dann die Vervielfältigung. Daguerres Bilder waren Einzelstücke, Silberplättchen mit einem fertig fixierten Bild. Wollte man davon Drucke anfertigen, war der Prozess, der dafür notwendig wurde, sehr, sehr aufwendig und bedeutete einen signifikanten Qualitätsverlust.&nbsp;</p>

<p>Das Verfahren, das in Großbritannien hingegen zur selben Zeit entwickelt wurde, das produzierte vielleicht nicht ganz so hochauflösende Fotos wie die Daguerreotypie, aber dafür produzierte man eben Bilder auf Papier statt auf Silber und statt dem fertigen Foto hatte man ein Negativ, das man hinterher im Anschluss beliebig oft reproduzieren konnte. Und das war mit Sicherheit auch einer der Gründe, warum das später dann den Siegeszug durch die Welt antreten sollte.</p>

<p>Tatsächlich war es so, dass die Daguerreotypie gerade mal 15 Jahre in Europa und vielleicht 30 bis 40 Jahre in der neuen Welt, in den USA, erfolgreich war. Danach waren es die Erfindungen aus Großbritannien, die letztlich den Grundstock dafür legten, wie wir bis ins Jahr 2005 hauptsächlich fotografierten.&nbsp;</p>

<p>Und drei Namen sind aus dieser Geschichte nicht wegzudenken. Einmal war da der berühmte Astronom John Herschel, der hatte ein Verfahren entwickelt, um seine astronomischen Beobachtungen automatisch festhalten zu können, das Cyanotypie genannt wurde. Es produzierte tiefblaue Bilder, hatte aber den Vorteil, supereinfach in Anwendung zu sein. Man tränkte ein Papier in Chemikalien, wodurch es lichtempfindlich wurde und setzte es dann Licht aus. Sterne sind Lichtpunkte, aber man kann natürlich auch andere Gegenstände auf dieses Papier legen und das Papier dann zum Beispiel in die Sonne packen.&nbsp;</p>

<p>Das Ergebnis nannte man damals photogenic drawing oder Lichtzeichnungen. Es war dann auch John Herschel, der irgendwann anfing, von Fotografien zu sprechen.</p>

<p>John Herschel war im regen Austausch mit den Wissenschaftlern der damaligen Zeit. Er gehörte zu einem erlauchten, hoch aktiven Kreis von Wissenschaftlern und Gelehrten. Zu seinen engeren Freunden gehörte John Children, seines Zeichens Botaniker, unter anderem Vorsitzender der botanischen Gesellschaft in London und einer der Mitarbeiter des gerade mal frisch gegründeten British Museums.</p>

<p>John Children hatte eine Tochter, Anna.&nbsp;</p>

<p>Anna hatte ihre Mutter nie kennengelernt, da die kurz nach ihrer Geburt gestorben war. Aber sie war wirklich sehr eng mit ihrem Vater und der gab seine Faszination für Biologie und speziell Botanik an seine Tochter weiter. Und so lief schon die kleine Erna durch die Botanik und katalogisierte Farne und Blumen. Und wie damals nicht unüblich war der Bleistift und die Zeichnung eines ihrer Hauptwerkzeuge.&nbsp;</p>

<p>Cyanotypie kam da gerade recht und schnell stellte sich raus, dass sogar mehr möglich war. Manche Teile der Pflanzen waren teildurchlässig und das sah man natürlich dann auch auf den Cyanotypes. Und Anna schritt zur Tat. Systematisch begannen sie, Farne und Pflanzen in ihrer Umgebung zu sammeln, zu katalogisieren und Cyanotypien zu fertigen. Sie sammelte die Bilder und begleitende Texte in eigenen Alben und begann, die regelmäßig herauszugeben. Zwischen 1843 und 1851 veröffentlichte sie dreizehn Teile. Später dann gab es eine Gesamtausgabe, in der es dann 14 Seiten Text und 389 Seiten gefüllt mit Cyanotypien gab. Anna brach auch mit einigen Konventionen der damaligen botanischen Wissenschaftswelt. Sie nahm eigene Katalogisierungen, eigene Typisierungen vor und sortierte die Pflanzen anders.&nbsp;</p>

<p>Überhaupt waren diese Alben (heute würde man sie Fotobücher nennen) deutlich künstlerischer, als man von wissenschaftlichen Arbeiten damals erwartete. Viele der Cyanotypien sehen auch mit heutigen Augen immer noch fantastisch aus. Und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a> mit diesen ersten Alben nicht nur Wissenschaftsgeschichte und Kunst geschaffen hat, sondern das Fotobuch als Medium überhaupt erfunden hat.</p>

<p>Und sie war die erste Frau, die fotografisch gearbeitet hat, und zwar parallel zu all den sogenannten Vätern der Fotografie. Einer, der sie als Einfluss auch erwähnt, ist der dritte Name, auf den es uns heute ankommt. Willhelm Henry Fox Talbot.&nbsp;</p>

<p>Talbot verdankt seiner Mutter eine privilegierte Kindheit. Sie ist eine hochgebildete Frau, deren Geschäftssinn es zu verdanken ist, dass sich der Schuldenberg, den ihr ihr erster Mann bei seinem Tod hinterlassen hatte, in ein beeindruckendes Vermögen verwandelt hatte. Sie und ihr zweiter Ehemann bereisen mit dem kleinen Willhelm Henry nicht nur die Welt, sondern sorgen auch dafür, dass eine fundierte, wissenschaftliche Ausbildung erhält.&nbsp;</p>

<p>Talbot ist auch einer dieser unglaublich beeindruckenden Universalgelehrten. Er ist Botaniker, Ethymologe, beschäftigt sich mit der Geschichte des assyrischen Reiches und seit 1833 arbeitet er an verschiedenen fotografischen Verfahren, die er zunächst photogenic drawing nennt. Also Zeichnen mit Licht. Ganz ähnlich John Herschels Cyanotypie. Es wird also ein Papier empfindlich gemacht und es werden Gegenstände draufgelegt. Für Talbot ist das allerdings nur ein erster Schritt. Eigentlich möchte er mit einer Camera Obscura arbeiten. Die hatte er für verschiedenste Zwecke schon als Zeichenhilfe benutzt. Er hatte eine Camera Obscura genommen, die auf eine Platte ein Bild projizierte und versucht, dieses Bild abzuzeichnen.&nbsp;</p>

<p>Und er versuchte einfach, diese zwei Methoden zu kombinieren. Die photogenic drawings hatten damals noch den Nachteil, dass die Empfindlichkeit anhielt und dass sie sehr lange belichtet werden mussten. In einer Camera Obscura dauerte es zum Teil Stunden, bis ein Bild sichtbar wurde und dann war das Problem, dass das Papier ja immer noch empfindlich war. Es würde also weiter nachdunkeln. Man musste irgendwie dafür sorgen, dass dieser Prozess gestoppt wurde. Und dann waren die Bilder auch nicht wirklich detailreich oder scharf. Das war alles relativ verwaschen.&nbsp;</p>

<p>Aber Talbot war Wissenschaftler. Er arbeitete es systematisch an dem Problem. Und in seiner Korrespondenz mit seinem Freund Herschel fand man dann auch die eine oder andere Lösung. So entdeckte er dank Herschel beispielsweise verschiedene Möglichkeiten, um den Belichtungsprozess zu stoppen.&nbsp;</p>

<p>Irgendwann kam dann der große Durchbruch. Als Talbot nämlich entdeckte, dass das Licht seine Spuren auf dem Papier schon hinterlassen hatte, obwohl man es mit bloßem Auge noch nicht sehen konnte. Das sogenannte latente Bild, das man dann chemisch hervorholen konnte, sorgte dafür, dass die Belichtungszeiten von Stunden zu Minuten und schließlich zu Sekunden wurden. Nach und nach wurde auch der Detailgrad besser und letztlich hatte Talbot ein Verfahren, das er Calotypie nannte, mit dem man Fotos produzieren konnte, die wir auch heute noch als Fotos gelten lassen würden.&nbsp;</p>

<p>Inzwischen drangen Gerüchte nach England, ein Franzose hätte eine Möglichkeit entdeckt, die Bilder der Camera Obscura festzuhalten. Talbot machte sich Sorgen, dass das eventuell dasselbe Verfahren sein könnte, an dem er jetzt schon jahrelang arbeitete und trug eilig seine Ergebnisse zusammen und stellte sie der Royal Academy of Sciences vor.</p>

<p>Seine bisherigen Entdeckungen hatte er der Welt jeweils zum Geschenk gemacht. Diese Methode ließ er allerdings patentieren, eigentlich weniger aus eigenem Antrieb, sondern eher auf Zureden seiner Freunden und Verwandten. Es kostete also Lizenzgebühren, wollte man Calotypie verwenden.&nbsp;</p>

<p>Als Daguerre dann sein Verfahren vorgestellt hatte war wahrscheinlich erstmal die Erleichterung groß. Allerdings war die rechtliche Situation etwas seltsam, denn Daguerre hatte ja in Großbritannien ein Patent angemeldet und Harvard hatte auch sein Verfahren entsprechend sichern lassen. Und so war es ein wirklich teurer Spaß, wenn man in Großbritannien Bilder produzieren wollte. Oder auch sonst in der Welt. Entweder waren die Silberplatten und die Apparaturen, die notwendig waren, um Daguerreotypien zu fertigen teuer oder Lizenzgebühren für Calotypien oder Daguerreotypien, je nachdem wo man denn nun war, trieben die Kosten in die Höhe. Und natürlich hielten die Entdecker ihre jeweiligen Entdeckungen für die bessere Methode.&nbsp;</p>

<p>Talbot produziert ein Fotobuch, eigentlich gedacht als eine Art Broschüre, mit der er für seine Methode Werbung machen wollte und erklärte darin, was zur Entwicklung der Calotypie geführt hatte, welche Einflüsse ihn dahin gebracht hatten und welche Anwendungsgebiete es gab. Dieses (wahrscheinlich) zweite Fotobuch der Geschichte erwähnt dann auch <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a> Arbeit, denn Talbot war ja selber auch Botaniker und das fotografische Dokumentieren von Pflanzen war dann auch eine der Beispiele, die er in seinem Buch aufführte. Und überhaupt ein Buch zu produzieren war sehr naheliegend, denn der Buchdruck oder generell der Druck war natürlich das eine herausragende Merkmal, die eine Stärke, die die Calotypie gegenüber der Daguerreotypie hatte.&nbsp;</p>

<p>Weil der Spaß aber durch die Lizenzgebühren nicht ganz billig war, gab es eine Menge Leute, die versuchten, eine alternative Methode zu finden. Und so dauerte es gerade mal bis zu dem Jahr 1850, bis mit dem sogenannten &#8222;Wet Collodium Prozess&#8220; eine Methode auf den Markt kam, die die Vorteile der Calotypie mit ein paar der Vorteilen der Daguerreotypie zu kombinieren schien. Die Methode war von einem scheuen Briten namens Frederick Scott Archer entwickelt worden und benutzte Glas statt Papier als negativträger. Scott Archer wollte kein Geld damit verdienen. Er meldete kein Patent an. Damit fühlten sich die Fotografen der Zeit im Recht, dieses Verfahren einfach anwenden zu können.&nbsp;</p>

<p>Talbot sah das anders. In seinen Augen war das Verfahren identisch zu der Calotypie, nur dass eben statt Papier Glas verwendet wurde. Und so zog er gegen einen der Fotografen wegen ausstehenden Lizenzgebühren vor Gericht. Das Gericht hingegen sah das anders. Es urteilte, dass Talbots Patent für fotografische Verfahren auf Papier Gültigkeit hätte und der Wet Collodium Prozess wäre ja auf Glas und damit was anderes. Und das markiert dann auch das Ende der Daguerreotypie und im Großen und Ganzen der Fotografie auf Papiernegative. Aber im Grunde muss man sagen: Das Gericht hatte keine Ahnung oder hat absichtlich nicht hingesehen.</p>

<p>Denn das Verfahren ist sehr wohl sehr ähnlich zu dem von Talbot. Aber für die Fotografie an sich war das natürlich ein Segen. Ab jetzt konnte man frei von Lizenzgebühren hochwertige Negative produzieren und davon hochwertige Abzüge fertigen. Ab hier war die Entwicklung dann auch vorgezeichnet. Aus dem wet plates wurden dry plates und das Glas als Negativ wurde irgendwann von Zelluloid als negativ abgelöst und damit, mit Rollfilm also, fotografieren Analogfotografen noch heute. Aber auf Silber fotografiert seit knapp 150 Jahren so gut wie niemand mehr.</p>

<p>Wenn man sich mit der frühen Geschichte Fotografie beschäftigt, gibt&#8217;s eine Menge erste Male. Und auch wenn Daguerre der erste war, der ein kommerziell erfolgreiches fotografisches Verfahren etabliert hatte, es ist die Arbeit von Talbot, Atkins, Scott Archer und John Herschel, die tatsächlich bis heute noch Bestand hat. Wer sich ein Buch über die Filme von Quentin Tarantino kauft, hat einen Nachfolger der Arbeit von <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a> in der Hand. Und Quentin ist dafür bekannt, dass es seine Filme auf Zelluloid aufnimmt, also nicht digital. Und das ist Technologie, die sich zu Archer und Talbot zurückverfolgen lässt. Festhalten lässt sich jedenfalls, dass rund um die 1850er Jahre die Idee der Fotografie &#8222;Public Domain&#8220;, also, für jeden zugänglich wurde. Also eigentlich, könnte man sagen, hat Scott Archer die Fotografie der Welt zum Geschenk gemacht.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 06 Dec 2020 20:38:30 GMT</pubDate>
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            <title>Die kleine Blonde</title>
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            <description>Die spanischen Soldaten nannten sie &quot;die kleine Blonde&quot; und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,5m große Gerda Taro lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Die spanischen Soldaten nannten sie &#8222;die kleine Blonde&#8220; und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,50m große <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben ihnen her in der unerschütterlichen Überzeugung mit ihrer Kamera die Welt verändern zu können. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gerda_Taro" target="_blank">Gerda Taro</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/2014/05/gerda-taro-kriegsfotografin" target="_blank">Das Auge der Freiheit</a> (Die Zeit)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://utheses.univie.ac.at/detail/24430" target="_blank">Diplomarbeit Universität Wien, &#8222;Pressefotografie im Spanischen Bürgerkrieg&#8220;</a> (PDF)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nzz.ch/augenzeuge_des_krieges-ld.520202" target="_blank">&#8222;Augenzeuge des Krieges&#8220; &#8211; Robert Capa &amp; der mexikanische Koffer</a> (NZZ)</li><li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spanischer_B%C3%BCrgerkrieg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Spanische Bürgerkrieg</a> (Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.magnumphotos.com/newsroom/politics/gerda-taro-first-woman-war-photographer-to-die-in-the-field/" target="_blank">Gerda Taro, first woman war photographer to die in the field</a> (Magnum)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.newsweek.com/who-gerda-taro-facts-and-quotes-about-war-photographer-celebrated-google-1051114" target="_blank">Who Is Gerda Taro? Facts and Quotes About the War Photographer Celebrated in a Google Doodle</a> (Newsweek)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20201109032403/https://petapixel.com/2018/01/19/man-finds-deathbed-photo-war-photographer-gerda-taro/" target="_blank">Man finds deathbed photo of war photographer Gerda Taro</a> (Petapixel)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20220419133731/https://www.icp.org/exhibitions/the-mexican-suitcase-traveling-exhibition" target="_blank">International Center of Photography &#8211; The Mexican Suitcase</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter"><img decoding="async" src="https://i1.wp.com/www.die-anstifter.de/wp-content/uploads/2020/07/Taro-100.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1" alt="Image result for gerda taro"/></figure></div>

<p>Videos (falls im Podcatcher nicht sichtbar, auf <a "/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fotomenschen.net</a>): </p>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=R8_CQsr7ydU" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<div class="yt-facade" data-yt="y66AVpNbj6s" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_y66AVpNbj6s.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="KympSgVknO4" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_KympSgVknO4.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="JL5IDvlFLOQ" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_JL5IDvlFLOQ.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="Yxv6an_Lx6k" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_Yxv6an_Lx6k.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p>Bücher:</p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3827013984" target="_blank" rel="noopener">Das Mädchen mit der Leica: Roman</a></p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3894454660" target="_blank" rel="noopener">Gerda Taro, Fotoreporterin: Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie</a></p>

<p>Dokumentation:</p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B0716M58FF" target="_blank" rel="noopener">The Mexican Suitcase</a></p>

<p>Episodenbild: Von Anonym &#8211; icp.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4236537</p>

<hr/>

<p class="has-large-font-size">Transkript</p>

<p>Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 39 war eine Art Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg. Es war der erste Großkonflikt, bei dem auch Fotografen mit tragbaren Kleinbildkameras teilnahmen. Diese Kameras waren ein relativ neues Phänomen. 1914 bringt Leica die erste Kamera dieser Art auf den Markt und die neue Möglichkeit, gleichzeitig am Geschehen teilhaben zu können und es trotzdem festzuhalten, revolutioniert buchstäblich die Fotografie. Neugegründete Nachrichtenmagazine wies Time-Magazin sorgen außerdem dafür, dass die von <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a> geschossenen Fotos Essays ein Millionenpublikum finden. Es ist auch die Zeit, in der der Faschismus sich überall in Europa ausbreitet und besonders natürlich auch durch das Wirken der Nazis in eine Menge Menschen, insbesondere jene jüdischer Abstammung innerhalb Europas auf der Flucht. Und besonders Intellektuelle und Künstler zieht es natürlich in Europas Hauptstädte und da zuallererst Paris. Es ist dieses Paris, indem man zu der Zeit Picasso, Ernest Hemingway, Willy Brandt und so manchen anderen damals oder heute großen Namen antreffen kann. In Paris findet man zu der Zeit auch eine Menge Schriftsteller, Journalisten und Fotografen.</p>

<p>Oder anders formuliert: Es gibt eine Unmenge an Menschen, die versuchen, mit einer Schreibmaschine oder einer Kamera irgendwie über Wasser zu bleiben.</p>

<p>Eine von ihnen war die 23 jährige Gerta Pohorylle, die war wie viele deutsche Juden vor den Nazis auf der Flucht, hatte sie doch in Leipzig Flugblätter gegen die Partei Hitlers verteilt und war dort mit den Behörden in Konflikt geraten. Und bevor man sie dann endgültig festsetzte, hatte sie sich nach Frankreich abgesetzt. Die blonde Gerda sah so ein bisschen aus wie Natalie Portman, sprach drei Sprachen fließend und war gleichzeitig Charmebolzen und Energiebündel. Sie erledigte Schreibarbeiten für französische Medienhäuser und Fotoagentur und lernte über diese Arbeit und den damit kommenden Bekanntenkreis den Fotografen Endre Ernő Friedmann kennen. Wie Gerta war er wegen den Nazis aus Deutschland weggegangen. Wie sie war er ein mit20er und auch ihm sagt man ein gewinnendes Wesen und unglaublich viel Charme nach. Gerda und Endre teilen bald Tisch und Bett miteinander und versuchen ihr Glück gemeinsam. Er als Pressefotograf, sie als seine Agentin. Das Problem nur Auch wenn die Franzosen nicht so radikal wie die Deutschen zu der Zeit waren, waren sie trotzdem der vielen Migranten und Flüchtlinge einigermaßen überdrüssig. Und wenn man versuchte, ohne Aufenthaltsgenehmigung mit einem fremdartig klingenden Namen gute Aufträge zu ergattern oder ordentliche Preise zu erzielen, da hatte man es schwer. Und so hatte Gerda damals zwei großartige Ideen. Der erste Gedanke Zwei Fotografen produzieren mehr Bilder als einer. Endre hatte ihr inzwischen beigebracht, mit seiner Leica zu fotografieren. Und Gerda war Feuer und Flamme. Sie hatte die Fotografie schon immer gemocht. Selber zu fotografieren hieß damals übrigens nicht nur Fotos zu machen, sondern besonders für die mit wenig Geld. Hieß das auch im eigenen Labor zu entwickeln. Oder besser gesagt im eigenen Badezimmer. Der zweite Gedanke hatte mit den niedrigen Honoraren zu tun. Damals gab es nämlich eine Zweiklassengesellschaft. Die Fotografen, deren Namen man kannte, machten weit mehr Geld als die namenlose Heerscharen Pressefotografen, die irgendwie versuchten, von der Hand im Mund zu leben. Und zur letzteren gehörte Gerda Andres. Es war einfach auch sehr offensichtlich, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als Fotos für niedrige Preise zu verkaufen. Ein wohlklingender Name musste also her. Und so beschloss Gerda, dass sie sich als Agentin für den amerikanischen Star Fotograf <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> ausgeben würde.</p>

<p>[Einspieler:]</p>

<p>“Friedmann klingt zu jüdisch, also wird aus Endré Friedmann, <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> in Anlehnung an den Hollywood-Regisseur Frank Capra. Und aus Gerta Pohorylle wird <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a>, eine Verneigung vor Greta Garbo. Die beiden glauben fest, dass ihre neuen Namen der Schlüssel zur Verwirklichung ihrer Träume sind. Gerda weiß mittlerweile genau, was die Fotoagenturen wollen. Sie ist bereit, alles für ihren Geliebten zu tun.”</p>

<p>Dieser Teil der Geschichte wird übrigens gerne mal falsch erzählt. Da wird behauptet, Gerda hätte praktisch Endres umgestaltet zu <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> Das mag später mal dann so der Fall gewesen sein, aber am Anfang war die Idee tatsächlich die, dass beide Fotos schießen und dann als angebliches Werk von Robert Capa vermarktet würden. Und die Rechnung ging auf schon die Honorare der ersten Aufträge für Robert Capa waren dreimal so hoch wie alles, was Endres und Gerd vorher einfahren konnten. Das ging auch eine ganze Weile gut aber natürlich passierte dann, was passieren musste. Der ganze Schwindel flog auf. Und das war auch der Moment, in dem Endre endgültig zu Robert Capa wurde. Gerta und Endre waren talentierte Fotografen und deswegen hatte sich Robert Capa inzwischen einen ordentlichen Namen gemacht. Die Aufträge kamen also auch weiterhin rein. Inzwischen war das Jahr 1933 und die Welt hielt den Atem an. Als der spanische General Franco beschloss, die demokratisch gewählte Regierung in Spanien mit einem Militärputsch abzusetzen. Und es war damals weit mehr als einfach nur eine Regierung, die zu kippen drohte. Der Spanische Bürgerkrieg wurde gesehen als der Vormarsch des Faschismus. Die intellektuelle Elite in Europa ging davon aus, dass, wenn Franco erfolgreich sein würde, nichts mehr den Faschismus aufhalten könnte. Und viele von ihnen beschlossen deswegen nach Spanien zu reisen, einmal um das spanische Volk zu unterstützen. Es war ja tatsächlich so, dass die Bürger Spaniens sich gegen den Faschismus zur Wehr setzten oder wenigstens doch zu dokumentieren. Und auch Gerda und Robert machten sich auf den Weg. Wir machen uns da heute glaube ich, gar keine Vorstellung mehr, von wie mächtig damals Fotografie gewesen sein muss. Foto Magazine wie das Time Magazine waren gerade erst gegründet worden. Die Menschen waren noch nicht von endlosen Fotos und Videos abgestumpft. Vom <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> hatte man gelesen und gehört. Ganz selten mal was davon gesehen.</p>

<p>Gleichzeitig fand in Spanien Unglaubliches statt. Hitlers Luftwaffe bombardierte Städte, um Franco zu unterstützen und es wurde auf das Verbissenste gekämpft. Im Ersten Weltkrieg gab es Millionen Opfer, aber das waren alles Soldaten. Im Spanischen Bürgerkrieg gab es über eine halbe Million Tote und die meisten davon Zivilisten. Und zwischen ihnen: Journalisten, Künstler, Intellektuelle und eben auch Fotografen. Es ist diese Zeit, wo sich Gerda und Robert einen Ruf wie Donnerhall erarbeiten. Sie gehen dahin, wo der Kampf wirklich tobt, an die Front. Sie laufen mit den Soldaten über die Schlachtfelder. Sie fotografieren nicht nur aus der Ferne das Geschehen, sondern von mittendrin. Von Robert Capa ist ein Zitat überliefert: “If you pictures and good enough,, you aren’t close enough.”- Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.&nbsp;</p>

<p>Und damit meint er nicht nur physikalisch nah genug, sondern auch emotional nah genug. Und Gerta ist fast noch besser in dieser Disziplin als Robert. Ein blondes, ein Meter fünfzig großes Persönchen, dem spanische Soldaten Respekt zollen für ihren Mut. Auch hier fotografieren sie beide unter dem Namen Robert Capa. Die Bilder werden gemeinsam vermarktet. Ihr Ziel ist es, mit den Fotos die Öffentlichkeit aufzurütteln. Das Schicksal der Spanier bekannt zu machen und unter Umständen den Verlauf des Krieges zu beeinflussen. Sie machen Fotos, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Es gibt mindestens drei große Kunstwerke, die man auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückführen kann. Ernest Hemingway schreibt nach den Eindrücken des Spanischen Bürgerkriegs den Roman “Wem die Stunde schlägt”. Picasso, geprägt von der Bombardierung der Stadt Guernica, erschafft ein Gemälde, das schon bei der ersten Ausstellung ein Millionenpublikum anzieht und als eine der großen Anti-Kriegsikonen der Menschheit beschrieben wird. Und Robert Capa hält einen spanischen Milizionär in der Sekunde, in der er erschossen wird, fest und wird mit diesem Bild weltberühmt.</p>

<p>Um dieses Bild sollte später noch viel gestritten werden. Und ich glaube, das verdient mal eine eigene Episode. Tatsache aber ist auch hier fotografierten Endre und Gerta gemeinsam. Und beide fotografieren längst nicht mehr, um damit Geld zu verdienen, sondern sind eigentlich Aktivisten in diesem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a>. Gerda sagt einmal:” Wenn du mal daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein.” Ihre Bilder Strecken sind gefragt und unter dem Namen Robert Capa wird ein Fotoessay nach dem anderen veröffentlicht. Und auch Gerda kennt man zu der Zeit durchaus. Sie ist nicht nur eine von wenigen Krieg&#8217;s Fotografen. Sie ist die einzige <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a>. Und mit ihren zu dem Zeitpunkt gerade mal knapp 27 Jahren nötigt ihr Mut jedem Respekt ab. Sie war auch längst nicht immer mit Robert gemeinsam unterwegs. Manche Einsätze bestritten die beiden auch getrennt voneinander allein. So auch im Juli 1937.</p>

<p>[Einspieler:]</p>

<p>“The News tells that Franco is preparing a major offensive and he intends it to be his decisive blow. He believes his attack will end this savage spanish war.”</p>

<p>Sie waren an die brunete Front geeilt, wo eine Offensive der republikanischen Armee gegen die Nationalisten tobte. Sie fotografierte diese Offensive, unter anderem auch die verheerenden Luftangriffe der deutschen Legion Condor. Wie immer ist sie ganz vorne mit dabei. Als die Situation brenzlig wird, beschließt sie, mit einem Rotkreuz Fahrzeug aus der Gefahrenzone zu fahren. Sie darf sich hinten auf ein Trittbrett stellen und zusammen mit einem Kollegen versucht sie, in Sicherheit zu kommen. Es ist dieser Moment, in dem sich ein weiterer Luftangriff von Legion Condor ankündigt. Der LKW kommt ins Schlingern. Gerda fällt von dem Trittbrett und wird von einem republikanischen Panzer überrollt. Sie kommt schwerverletzt ins Krankenhaus, wird dort noch notoperiert und stirbt aber in der Nacht. Ihre letzten Worte sind überliefert, als “wo sie meine Kameras”. Die waren freilich tatsächlich verschollen. Aber die Fotos, die sie an den Tagen und an diesem Tag geschossen hatte, die wurden tatsächlich wenige Tage später veröffentlicht. Und so war <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> nicht nur die erste Kriegsfotografin überhaupt, sondern auch gleichzeitig die erste <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a>, die im Krieg im Einsatz ums Leben kam. Gerade drei Jahre vorher hatte Endre Friedmann ihr das Fotografieren und Entwickeln von Bildern beigebracht und ihr damit das Werkzeug in die Hand gedrückt, mit dem sie die Kriegsfotografie und <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalismus</a> für immer verändern sollte. Robert Capa erfuhr von ihrem Tod im Wartezimmer eines Zahnarztes aus der Zeitung. Und so wie ihr Tod Nachrichtenwert hatte, war auch ihre Beerdigung alles andere als gewöhnlich.</p>

<p>[Einspieler:]</p>

<p>“Gerda wird nach Paris überführt und an ihrem Geburtstag auf dem Pierre Lachaise beigesetzt. Sie ist 27 Jahre alt geworden. Der Trauerzug wird zu einer gigantischen Demonstration gegen den Faschismus.”</p>

<p>Robert Capa sollte ab da nicht mehr aufhören, Kriege zu fotografieren. Den spanischen Bürgerkrieg fotografierte er bis zu seinem Ende. Und später sollte er uns die berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs überhaupt, die verwaschenen, verwackelten Bilder von der Landung in der Normandie bescheren. Fotos übrigens, für die er beinahe gestorben wäre. Aber auch die Geschichte, will ich zu einem anderen Anlass erzählen. Wir bleiben noch ein bisschen länger bei Gerda. Die hatte nämlich zusammen mit Robert und zusammen mit einem Fotografen, den wir als Jim kennen, nämlich David Seymour, tausende von Fotos im Spanischen Bürgerkrieg geschossen. Und als Robert und Jim zum Ende des Kriegs hin überstürzt das Land verlassen mussten, packten die diese negative ,4500 an der Zahl, in drei Boxen und gaben sie in die Hände eines befreundeten Generals zur Aufbewahrung. Und wie das mit Kriegen so ist, schließlich fing ja dann auch der Zweite Weltkrieg an. Sie sorgen für Verwirrungen und Dinge gehen verloren. Und so waren auch diese drei Boxen komplett verschollen. Unter ihnen Aufnahmen wie die von dem Tag, an dem der gefallene Soldat fotografiert wurde und unzählige andere Ereignisse. Mexiko hatte damals großzügig Spanier auf der Flucht aufgenommen und ihnen die Möglichkeit gegeben, komplett überzusiedeln. Und das war ein Angebot, das viele Spanier angenommen hatten. Heute ist es so, dass praktisch jeder Spanier und eine große Zahl Mexikaner Familiengeschichte mit dem Spanischen Bürgerkrieg verbindet. Wie wir jedenfalls heute wissen traten auch diese drei Boxen, die zur Aufbewahrung abgegeben worden waren, eine Reise nach Mexiko an und waren dann dort einfach weiter verschollen, lagen auf einem Dachboden, bis sie 2007 endlich wieder auftauchten. Robert Capas Bruder hatte das International Center for Photography gegründet, dass sich unter anderem damit beschäftigt, das Erbe von Gerda Taro und Robert Capa zu verwalten. Freilich kennt Gerda kaum jemand, jeder hingegen kennt Robert Capa. Taros Biografin sagt, das hat im wesentlichen drei Gründe, Erstens sie ist eine Frau, Zweitens sie war Jüdin, Drittens sie starb und die Bilder die sie mit Robert gemeinsam veröffentlicht hatte ließen sich nichtmehr unbedingt zweifelsfrei zuordnen.</p>

<p>Das kam damals sowieso öfter vor. Insbesondere natürlich auch, wenn Negative zusammengeworfen werden oder verschütt gehen. Das Mexican Suitcase, wie man die drei Boxen, die 2007 auftauchten, inzwischen nennt, hat da allerdings wirklich Licht ins Dunkel gebracht. Denn viele von den Negativen lassen sich nun Gerda oder Robert Capa zuordnen. Die beiden haben auch relativ oft dieselben Szenen fotografiert und so ist es nochmal ein zusätzlicher Informationsgewinn. Die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beobachten zu können. Das International Center Photography hat sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die Fotos in dem Mexican Suitcase regelmäßig auszustellen. Und natürlich sind da dann Gerdas Bilder, soweit man sie zuordnen kann, eindeutig gekennzeichnet. Über 80 Jahre nach ihrem Tod, für Robert Capa war Gerda Taro die Liebe seines Lebens. Gerda Taro sollte die einzige längere Beziehung, die er eingehen würde, bleiben. Und auch er sollte Jahrzehnte später im Einsatz sterben. In Indochina fotografierte er den Vietnamkrieg und stirbt durch eine Antipersonenmine, als er versucht, mit seiner Kamera in der Hand näher an die Szene, die er fotografieren wollte, zu kommen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 20 Sep 2020 18:59:00 GMT</pubDate>
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