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    <title>Fotomenschen - Fotomontage</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Fotomontage&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Mon, 04 Jul 2022 16:15:27 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Fakt trifft Fiktion - The Book of Veles</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/the-book-of-veles.html</link>
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            <description>Eine wahre Geschichte über eine Fake Reportage über einen echten Ort aber mit Fake Akteuren und einem aus echten Texten generierten Fake Essay...</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Eine wahre Geschichte über eine Fake <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> über einen echten Ort aber mit Fake Akteuren und einem aus echten Texten generierten Fake Essay&#8230; </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jonas_Bendiksen" target="_blank">Jonas Bendiksen</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Veles_(Nordmazedonien)" target="_blank">Veles, Nordmazedonien</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Veles_(Gott)" target="_blank">Veles, Gottheit</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.magnumphotos.com/arts-culture/society-arts-culture/book-veles-jonas-bendiksen-hoodwinked-photography-industry/" target="_blank">The Book of Veles: How Jonas Bendiksen Hoodwinked the Photography Industry</a> (Magnum Photos)</li>

<li><a href="https://www.worldpressphoto.org/collection/photo-contest/2022/Jonas-Bendiksen/1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Book of Veles</a> (World Press Photo)</li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.jonasbendiksen.com/books/the-book-of-veles" target="_blank">The Book of Veles</a> (Jonas Bendiksen&#8217;s Webseite)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.sueddeutsche.de/medien/fotojournalismus-jonas-bendiksen-veles-fakenews-visa-pour-l-image-1.5443762?reduced=true&amp;utm_source=headtopics&amp;utm_medium=news&amp;utm_campaign=2021-10-20" target="_blank">Warum ein Fotojournalist seine Bilder fälschte</a> (Süddeutsche, Paywall)</li>

<li><a href="https://www.washingtonpost.com/photography/2021/10/15/jonas-bendiksen-book-veles/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Do these photos look real to you? Your answer could be cause for concern. And that’s terrifying. </a>(Washington Post)</li>

<li><a href="https://judithbenhamou.com/the-book-of-veles-its-not-a-photojournalism-masterpiece-its-a-masterpiece-of-fake-news/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Book of Veles: It’s not a photojournalism masterpiece, it’s a masterpiece of fake news</a></li>
</ul>

<div class="yt-facade" data-yt="i7NMTCqpnEA" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_i7NMTCqpnEA.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="QizXDUOy1yY" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_QizXDUOy1yY.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Als sich der Norweger Jonas Bendix 1996 mit gerade mal 19 Jahren bei der Londoner Niederlassung<br>der Fotoagentur Magnum um eine Praktikumsstelle bewarb, rechnete er wahrscheinlich nicht damit,<br>später einmal selbst zu diesem erlauchten Fotoklub zu gehören.<br>Und er hätte es wahrscheinlich auch nicht für möglich gehalten, dass ausgerechnet<br>er es sein würde, der diesen Tempel des <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalismus</a> mit einer von vorne bis hinten zusammengefakten<br>Fotostory testen würde.<br>Foto Menschen<br>Für die heutige Geschichte gehen wir ins Jahr 2017.<br>In den USA regiert Donald J.<br>Trump als 45.<br>Präsident der Vereinigten Staaten.<br>Und worüber regt er sich am meisten auf?<br>Genau, über das hier.<br>Natürlich in seinem Fall war alles Fake News, was ihn kritisierte oder ihm nicht zustimmte.<br>Aber allgemein an Fake News mangelte es jetzt in der Zeit wirklich gar nicht.<br>Es fiel genau in Trumps Amtszeit, dass die Welt zusehen musste, wie die Produktion und<br>Verbreitung von Falschmeldungen geradezu industrielle Ausmaße annahmen.<br>Die Masche war dabei denkbar einfach.<br>Man nahm echte Nachrichten von echten Nachrichtenwebsiten, verkürzte die, schrieb die zum Teil um, packte<br>irgendwelche zufällig ausgewählten Fotos dazu, klatschte das Ganze auf eine Webseite<br>mit ähnlichem Design und verteilte Links auf diese Meldungen im Internet.<br>Je besser die Meldungen ausgewählt waren und den Nerv der sowieso schon aufgeregten<br>Twitter- und Facebook-Community trafen, umso mehr Besucher kamen vorbei, umso mehr Werbeeinnahmen<br>ließen sich erzielen, umso mehr wurden diese Meldungen weiterverbreitet.<br>Oftmals mit viel mehr Reichweite als die Originalmeldungen.<br>Als man versuchte herauszufinden, woher diese Seiten überwiegend kamen, kristallisierte<br>sich ein überraschendes Epizentrum heraus.<br>Die Stadt Veles in Nordmazedonien.<br>In der osteuropäischen Stadt hatten sich anscheinend gleich mehrere Gruppen dazu entschlossen,<br>das lukrative Feld der Fake-News-Verteilung für sich zu beackern.<br>Und Jonas Bendixen verfolgt mit einiger Faszination die Artikel, die über diese Stadt geschrieben<br>werden.<br>Sogar Obama erwähnte die Stadt.<br>Da sitzen ein paar Teenager in Nordmazedonien, in einer Stadt, in der es nicht viel anderes<br>zu tun gibt, als sich im Internet nach Einkommensquellen umzuschauen und beschließen, Artikel zu veröffentlichen<br>und Werbeeinnahmen zu generieren, und sind plötzlich ein Thema für die amerikanische<br>Politprominenz und zwingen die großen Tech-Konzerne, ihre Vorgehensweise zu ändern.<br>Das wiederum fasziniert Jonas Bendixen.<br>Und der beginnt zu recherchieren.<br>Und wie das so oft ist, wenn man erstmal anfängt, einer Geschichte hinterher zu recherchieren,<br>dann wird das Internet auch schnell mal zum Rabbit Hole.<br>Im Falle der Stadt Veles entdeckt Jonas, dass es eine &#8222;slawische Gottheit&#8220; desselben<br>Namens gibt.<br>Und das ist nicht irgendein Gott, das ist einer der wichtigsten Götter der slawischen<br>Mythologie.<br>Er ist Gott der Fruchtbarkeit und der Magie, Herrscher über das Totenreich, Gott der Erde<br>und wird als gehörnte und bärtige Schlange dargestellt.<br>Außerdem, und das war jetzt der Teil, der Bendixen faszinierte, war es auch der Gott<br>des Chaos und der Täuschung.<br>Er konnte seine Gestalt verändern und spielte eine ganz ähnliche Rolle, die man von dem<br>nordischen Gott Loki kennt.<br>Wir haben also eine Stadt, in der Fake News verbreitet wird, mit dem Namen eines Gottes,<br>dessen Mythologie zu nennenswerten Teilen daraus besteht, dass er Leute täuscht.<br>Jonas Bendixen recherchiert weiter und er entdeckt Berichte von einem antiken Manuskript,<br>in dem die Geschichte des Gottes Veles aufgezeichnet worden sein soll.<br>Sie wird 1919 von einem russischen Armeeoffizier entdeckt, der das aber weder lesen noch übersetzen<br>kann und sich deswegen an einen russischen Wissenschaftler wendet, der den kompletten<br>Text ins moderne Russische überträgt.<br>Bis heute glauben viele, dass dieser Text einer der ältesten Texte der slawischen Welt<br>überhaupt ist und besonders in Esoteriker-Kreisen oder auch in slawisch-nationalistischen Kreisen<br>ist der Text praktisch heilig.<br>Gäbe es da nicht dieses kleine Problem, dass der Stand der modernen Forschung davon ausgeht,<br>dass der komplette Text von dem russischen Wissenschaftler und dem russischen Offizier<br>gefälscht worden war?<br>1973 wird das Ganze von einem Studenten der Ohio State University übersetzt.<br>Der hatte von den Zweifeln an dem Text damals noch keine Kenntnis und nahm das alles ernst.<br>Als seine Übersetzung herauskam, war die durchzogen mit Fußnoten und Hinweisen auf<br>die Relevanz des Textes.<br>Der Student hatte alle möglichen Querverbindungen entdeckt und ihm war nicht aufgefallen, dass<br>der Text eigentlich eine Fälschung war.<br>Der Gott der Täuschung, eine Stadt, die Fake News produziert, ein gefälschtes Manuskript<br>eines angeblich antiken Textes, das für bare Münze genommen wurde.<br>Jonas Benediktsen beschloss, daraus ein Fotoprojekt zu machen.<br>Wie lange, fragte er sich, wird es wohl dauern, bis fotojournalistische Projekte auftauchen,<br>die keine Grundlage in der Realität haben?<br>Wir leben im Zeitalter von Deepfakes und computergenerierten Grafiken.<br>Und so beschließt er, genau diese fotojournalistische Arbeit zu machen und zu testen, wie lange<br>es denn dauern wird, bis jemand Verdacht schöpft.<br>Jonas Benediktsen ist Fotograf und kein CGI-Artist, also musste er sich Kenntnisse aneignen.<br>Er wollte wissen, wie kann er denn fotorealistisch computergenerierte Grafiken in eine fotografische<br>Szene montieren?<br>Wo lernt man sowas am besten?<br>Klar, auf YouTube.<br>Er schaute Tutorials für Software, die die Filmindustrie oder die Computerspieleindustrie<br>jeden Tag verwenden und experimentierte mit ersten Bildern.<br>Für diese Software gibt es meistens Online-Marktplätze, auf denen man Modelle kaufen kann.<br>Und so kaufte er Modelle für Menschen und verbrachte so einiges an Zeit damit, die anzupassen<br>und zu kleiden.<br>In einem Interview sagt er scherzhaft, er hat sich deutlich mehr Zeit mit der Kleidung<br>seiner Avatare für sein Foto-Projekt beschäftigt, als er jemals in seine eigene Kleidung investiert<br>hat.<br>Als nächstes dann buchte er Flüge nach Veles.<br>Er wollte eine glaubwürdige Fotoreportage über diesen Ort fertigen und deswegen beschloss<br>er, dass die Hintergründe tatsächlich aus Veles sein müssten.<br>Zum ersten Mal in seiner Laufbahn als Fotograf kam es ihm beim Fotografieren eben gerade nicht<br>drauf an, Menschen anzutreffen.<br>Aber er wollte eine Optik erzeugen, die aussah, als hätte er eines seiner typischen Projekte<br>gemacht.<br>Als hätte er einigermaßen ordentlichen Zugang und ein paar Wochen Zeit gehabt und sich wirklich<br>den Menschen vor Ort genähert.<br>Er machte zwei solche Trips, den letzten gerade mal eine Woche, bevor es weltweit zu Lockdowns<br>wegen dem Coronavirus kam.<br>Ja und jetzt, daheim, hat er alle Zeit der Welt, um sein Projekt fertig zu machen.<br>Sein nächster Schritt, aus diesem Fotomaterial wollte er ein Buch fertigen.<br>Und in einem Buch, da muss natürlich auch Text stehen.<br>Und auch hier wählt er einen ungewöhnlichen Weg.<br>Er findet online ein frei trainierbares System zur Generierung von Text.<br>Die Idee solcher Systeme ist, dass man ihnen Trainingsmaterial gibt, das dem angestrebten<br>Zieltext entspricht.<br>Will ich also Produktbeschreibungen haben, müssen Produktbeschreibungen rein.<br>Will ich Gedichte haben, die wie Shakespeare klingen, naja, dann füttern wir doch mal Shakespeare.<br>Jonas Bendixen nimmt jetzt die Artikel, die über Veles weltweit geschrieben worden waren<br>und führt sie diesem Bot zu.<br>Um denen dann einen Text für das Buch über Veles verfassen zu lassen.<br>Auf die Art erzeugt er einen 5000 Worte langen Essay, den er nur aus den Ausgaben dieses<br>Bots zusammen kopiert.<br>Ganz ähnlich geht er vor, um Zitate für die angeblich in seinen Fotos zu sehenden<br>Leute zu erzeugen.<br>Es gab ja eine Menge echter Zitate aus den anderen Artikeln und die wirft er ebenfalls<br>in die AI und lässt sich neue Zitate erzeugen.<br>All das kombiniert er und lässt es aussehen, als wäre es eine authentische Jonas Bendixen<br>Arbeit und produziert ein Buch.<br>Der Titel &#8222;The Book of Veles&#8220;, derselbe Titel, den das angebliche Manuskript trug.<br>Dabei geht er davon aus, dass es garantiert nicht lang dauern wird, bis die Ungereimtheiten<br>in seinen Bildern auftauchen werden.<br>Es ist ja nicht so, dass er nicht genügend Hinweise in seinen Bildern versteckt hätte.<br>Beispielsweise scheint die Stadt Veles eine ungewöhnlich hohe Bärenpopulation zu haben.<br>Und der Bär tauchte da auch nicht von ungefähr auf, denn der Bär war die Lieblingsgestalt<br>des Gottes Veles, des Gottes der Täuschung.<br>Aber selbst wenn einem der Bär entgangen war, gab es noch genügend andere Hinweise,<br>die Jonas zuversichtlich machten, dass dieses Buch den Test der Profis nicht lange würde<br>standhalten können.<br>Für den Fall der Fälle hatte er seinen Verleger auf jeden Fall schon mal informiert und er<br>hat sich selber als Regel gesetzt, die Presse daran zu hindern, seine Arbeiten zu veröffentlichen.<br>Er wartete und wartete, amüsierte sich über Komplimente für den Essay in dem Buch, lehnte<br>Anfragen der Presse ab und beschloss dann, noch einen draufzulegen.<br>Er reichte seine Arbeit bei dem angesehenen <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalismus</a>-Festival Visar pour Limage<br>in Frankreich ein.<br>Und die akzeptierten die Arbeit nicht nur, sondern baten ihn, im Programm einen Vortrag<br>über seine Arbeit zu halten.<br>Als weitere Wochen ins Land zogen, ohne dass irgendjemand seine Arbeit ernsthaft in Frage<br>stellte, beschloss er, selbst an seinem Ruf zu sägen.<br>Aber passend zu dem Projekt konnte er das natürlich nicht einfach selbst veröffentlichen.<br>Er wollte demontiert werden.<br>Und so kaufte er sich einen künstlich gealterten Social Media Avatar.<br>Für ca.<br>40 Dollar, sagt er.<br>Eine junge Dame, die angeblich aus Nordmazedonien stammte, mit dem klangvollen Namen Chloe Miskin.<br>Sie hatte eine Twitter Präsenz, ein Facebook-Profil.<br>Alles was ihr fehlte, waren die richtigen Kontakte.<br>Und an denen begann Jonas jetzt für ein paar Wochen zu arbeiten.<br>Nicht lange und Chloe war mit über 600 Leuten aus der fotojournalistischen Szene befreundet.<br>Der Plan?<br>Chloe sollte ihn demontieren.<br>Der richtige Zeitpunkt?<br>Kurz nach seinem Vortrag auf dem Festival.<br>Er hielt also seinen Vortrag und kurz darauf fing Chloe an, sich über die Qualität seiner<br>Arbeit aufzuregen.<br>Er hätte Leute gekauft, die in den Bildern zu sehen waren, schrieb sie auf Facebook.<br>Jonas ging davon aus, dass wenn jemand erstmal anfängt, öffentlich Zweifel zu äußern,<br>schon irgendjemand die Arbeit genauer unter die Lupe nehmen würde.<br>Umso erstaunlicher, dass Chloe nicht ernst genommen wurde und sich sogar einzelne damit<br>Beschäftigten Chloe zu widersprechen und mit ihr zu streiten.<br>Vielleicht ist Facebook nicht das richtige Social Network, denkt sich Jonas und lässt<br>Chloe auf Twitter los.<br>Und endlich steigt jemand auf den Verdacht ein.<br>Ein Twitter Nutzer bemerkt, dass Kleidung in den Fotos anscheinend mehrfach verwendet<br>wurde.<br>Und diesem ersten Verdacht folgen da natürlich andere und bieten Jonas damit endlich die<br>Möglichkeit, offen über sein Projekt und die wahren Hintergründe zu sprechen.<br>Monate nach Veröffentlichung.<br>Was machen wir jetzt aus dieser ganzen Geschichte?<br>Ich find&#8217;s spannend festzustellen, dass die Menschen zwar einerseits aufgewachsen sind<br>mit dem Wissen darum, dass es <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> gibt und dass Fotos nicht immer das zeigen, was<br>sie vorgeben zu zeigen.<br>Und gleichzeitig wollen wir immer noch auf Teufel komm raus glauben, dass Bilder die<br>Wahrheit und die Realität zeigen.<br>Es ist irgendwie auch tragisch, dass wir in über 180 Jahren Fotogeschichte immer noch<br>nicht gelernt haben, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden.<br>Und dabei sind wir ja jetzt am Anfang einer nicht aufzuhaltenen Entwicklung.<br>Jonas Bendixen hat uns vor Augen geführt, wie einfach es eigentlich ist.<br>Denn er ist weder Computerspezialist noch Computergrafik-Nerd.<br>Er hat sich mit Hilfe von YouTube ein paar frei erhältliche Softwareprodukte erklären<br>lassen und danach Bilder produziert, die die weltweite Community der <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a> für<br>bare Münze genommen hat.<br>Er ließ ein Essay von Künstlicher Intelligenz schreiben und Leser*innen hielten das für<br>authentisch.<br>Was lernen wir daraus?<br>Wir müssen kritischer werden.<br>Wir dürfen Bildern nicht einfach pauschal vertrauen.<br>Und außerdem lerne ich daraus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis wir um uns rum<br>Texte und Medienprodukte haben, die verdammt authentisch aussehen werden.<br>Foto Menschen<br>Ich habe mir eine signierte Fassung dieses Buchs bestellt.<br>Denn ich finde die Geschichte und den Prozess hinter &#8222;The Book of Veles&#8220; durch und durch<br>faszinierend.<br>Außerdem gefallen mir die Fotos, die ich bisher davon gesehen habe.<br>Jonas Bendixen sagt selbst, dass er für diese Fotos im Prinzip neu lernen musste, wie ein<br>typisches Jonas Bendixen-Foto aussieht.<br>Immerhin musste er im Computer Lichtsituationen nachbilden und sich überlegen, wie hätte<br>er denn Menschen fotografiert in Veles, wenn er sie denn angetroffen hätte.<br>Ich glaube, dass es ein Buch, das Geschichte geschrieben hat.<br>Außerdem enthält es schöne Fotografie.<br>Aber das ist vielleicht mal eine Diskussion für einen anderen Tag, warum ich glaube,<br>dass auch solche Montagen durchaus fotografische Werke sind.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Mon, 04 Jul 2022 16:15:27 GMT</pubDate>
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            <title>Kunst und Können</title>
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            <description>Viele der ersten Fotografinnen und Fotografen waren entweder Wissenschaftler oder Künstler und so gehört der Streit ob Fotografie nun dokumentierende Technik oder Kunst ist von Anfang an zu dem...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Viele der ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen waren entweder Wissenschaftler oder Künstler und so gehört der Streit ob Fotografie nun dokumentierende Technik oder Kunst ist von Anfang an zu dem Medium. Der erste Fotograf der diese Frage zum ersten Mal und mit Überzeugung mit &#8222;Kunst!&#8220; beantwortet ist heute kaum noch bekannt, darf aber ohne zu übertreiben als Vater der künstlerischen Fotografie bezeichnet werden&#8230; </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Gustave_Rejlander" target="_blank">Oscar Gustave Rejlander</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Piktorialismus" target="_blank">Piktorialismus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin" target="_blank">Charles Darwin</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kollodium-Nassplatte" target="_blank">Kollodium-Nassplatte</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allegorie" target="_blank">Allegorie</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_(Vereinigtes_K%C3%B6nigreich)" target="_blank">Queen Victoria</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Carroll" target="_blank">Lewis Carroll </a>(Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://journals.openedition.org/etudesphotographiques/3065" target="_blank">Darwin’s Camera: Art and Photography in the Theory of Evolution</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.lensrentals.com/blog/2012/11/six-degrees-of-charles-darwin-and-rejlanders-last-laugh/" target="_blank">Six Degrees of Charles Darwin, and Rejlander’s Last Laugh</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/294822" target="_blank">Two Ways of Life</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://blog.scienceandmediamuseum.org.uk/oscar-gustav-rejlander-pioneered-combination-printing/" target="_blank">Introducing Oscar Gustave Rejlander, The Father of Art Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://www.historywebsite.co.uk/articles/photos/Rejlander/Rejlander3.htm" target="_blank">Oscar Rejlander, Practising Art Photographer</a></li><li>Exhibition: <a rel="noreferrer noopener" href="https://artblart.com/2018/05/13/exhibition-victorian-giants-the-birth-of-art-photography-at-the-national-portrait-gallery-london-part-1/" target="_blank">Victorian Giants &#8211; The Birth of Art Photography</a></li><li>Snappers who could count Queen Victoria among fans</li></ul>

<ul><li><a href="https://podcasts.apple.com/us/podcast/23-karen-hellman-on-oscar-rejlander/id1395456573?i=1000466948748" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Artword Podcast &#8211; Karen Hellman on Oscar Rejlander</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="375" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/21.jpeg" alt="Drei Porträts zeigen in historischer Kleidung einen Mann und ein Kind vor einem Vorhang."/><figcaption>Oscar Rejlander&#8217;s Lachen /  Weinen.  Zum Vergleich zwischen emotionaler Mimik und Gestik zwischen Erwachsenen und Kindern. Auftragsarbeit für Charles Darwin</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="529" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/13-1024x529.jpg" alt="Das Gemälde zeigt eine große Gruppe von Menschen in klassischen Gewändern, die sich in einem reich verzierten Innenraum mit Vorhängen und Bögen versammelt haben." /><figcaption>The Two Ways of Life</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="526" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/14-1024x526.jpg" alt="Ein großes historisches Gemälde zeigt zahlreiche Figuren, die unter Vorhängen in einer Außenkulisse zusammengekommen sind und verschiedene Posen einnehmen." /><figcaption>The Two Ways of Life, alternative Version</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="654" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/22-1.jpg" alt="Ein großer Mann sitzt auf einer Kiste links, während eine Frau in der Mitte gestikuliert und eine dritte Person im Vordergrund kniet."/></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="629" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/20.jpg" alt="Sepiafarbenes Porträt eines weinenden Babys in einem Studio, mit den Namen O.C. REJLANDER und NO 1 ALBERT MANSIONS VICTORIA STREET S.W. am unteren Rand des Bildes."/></figure></div>

<div class="yt-facade" data-yt="t1JwFEHAOxg" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_t1JwFEHAOxg.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="x7q-UTyELao" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_x7q-UTyELao.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="3tYCIyy2ZWU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_3tYCIyy2ZWU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="gPGLTtINJBU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_gPGLTtINJBU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/1855147068" target="_blank" rel="noopener">Victorian Giants: The Birth of Art Photography: Julia Margaret Cameron, Lewis Carroll, Clementina Hawarden, Oscar Rejlander</a></p>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p><strong>Kunst und Können</strong></p>

<p>Die 1850er Jahre in England sind für die Fotografie eine unglaublich wichtige Zeit. Es formen sich die ersten Kameraclubs, Amateurvereine, in denen Bilder besprochen werden. Und es tobt ein Streit.</p>

<p>Es tauchen nämlich die ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen auf, die sagen, Fotografie ist Kunst. Und das geht ja gar nicht, widersprechen vor allem die Maler. Denn erstens braucht es ja wohl kein Können, um einen Automaten dazu zu bringen, eine Szene festzuhalten, die dann zweitens ja schon existiert, also nicht ausgedacht wurde und drittens so gar nicht idealisiert.</p>

<p>Überhaupt dieser letzte Aspekt, diese gnadenlose Darstellung der wahren Welt, das können wir uns heute überhaupt gar nicht mehr ausmalen, was für ein Paradigmenwechsel das war. Besonders die Malerei, die man in der viktorianischen Zeit gewohnt war, war sehr idealisierend. Es wurden keine Fehler im Gemälde geduldet, außer, sie waren absichtlich oder Zeichen mangelndem Könnens. Eine Fotografie bildet aber die Wirklichkeit ab und besonders die ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen waren ja oft von akademischem und wissenschaftlichem Hintergrund und fotografierten damit auch möglichst naturgetreu.</p>

<p>Es ist die Zeit des Kollodium-Nassplatten-Verfahrens. Und damit waren die Bilder auch tatsächlich relativ scharf und detailreich. Für die Malerinnen und Maler der damaligen Zeit wirkten die Fotografien geradezu ordinär. Sie waren beeindruckend im Ergebnis und sehr nützlich, aber im Grunde eine Art Skizzenmaschine. Die Fotografie hatte also ein gewisses Imageproblem.</p>

<p>Und da half es auch nicht, dass die ersten Fotografien auftauchten, die klassische Gemäldeszenen nachahmten. Menschen, die in opulenten Gewändern vor Wandteppichen posierten und in denen jedes Utensil im Bild eine Bedeutung trug, das fanden viele nicht überzeugend. Das wirkte nachgemacht. Fotos, die versuchten, wie Gemälde auszusehen. Pah! Und überhaupt, Fotografien starten ja mit der existierenden Szene und man kann ja nur Dinge weglassen, während ein Maler oder eine Malerin sich eine Szene vorstellen und dann Schicht für Schicht Dinge hinzufügen kann, bis das Gemälde fertig ist. Das war eins der damals sehr weit verbreiteten Killerargumente bei der Frage &#8218;ist Fotografie Kunst?&#8216;.</p>

<p>Und das ist das Argument, das Oscar Gustave Rejlander hört, als er einem Freund eine seiner ersten Fotografien zeigt. Rejlander kam 1813 als Sohn eines schwedischen Steinmetzes auf die Welt. Er studiert Kunst in Rom und wandert dann später nach England ein. Als mit der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren die Bühne betritt, ist Rejlander immerhin schon 26 Jahre alt und ausgebildeter Maler.</p>

<p>Nicht zuletzt, weil die <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> in Großbritannien Lizenzgebühren kostet, geht hier die Entwicklung einen völlig anderen Weg. Hier wird dann auch das Kollodium-Nassplatten-Verfahren entwickelt, das erste Verfahren, das wirklich frei verfügbar war und bei dem man auf Glasplatten Negative erzeugt, die dann beliebig oft in Drucke umgewandelt werden können.</p>

<p>Rejlander ist fasziniert von der Technik und lässt sie sich von einem damals schon etablierten Fotografen zeigen. Was andere sich in mehreren Wochen Praxis zeigen lassen, lässt er sich in ungefähr 3 Stunden erklären. Er wird später aufschreiben, dass er wünschte, er hätte etwas mehr Energie und Zeit verwendet, das Verfahren wirklich von Grund auf zu lernen. So ist er später gezwungen, seine eigenen Verfahren, Tricks und Kniffe zu lernen, das ist natürlich vielleicht auch der Grund, warum er dann so erfolgreich sein wird, andererseits hat das ihm auch den Ruf eingebracht, nicht immer die Beste der möglichen Qualitätsstufen zu erreichen.</p>

<p>Anfangs sieht Rejlander die Malerei nach wie vor als die überlegene Kunstform. Er ist Portraitmaler, er macht Portraitminiaturen. Und er nutzt die Fotografie, um Skizzen zu fertigen oder Posen und Faltenwurf und Gesichter zu studieren. Besagter Freund bekommt also eine seiner ersten Fotografien zu Gesicht, eine Fotografie, die zwei Personen zeigt. Und als die beiden Männer sich so über das Bild beugen und sich darüber unterhalten, meint er abfällig, dass hier ganz offensichtlich deutlich wird, was der große Unterschied zwischen Malerei und Fotografie wäre. Denn das Bild wäre unperfekt. Zwar zeigt es zwei Personen und die in jedem nur erdenklich möglichem Detailgrad, aber als Maler hätte man für eine ausgewogene Bildkomposition eigentlich noch eine Person in die Mitte gepackt. Und die Fotografie wäre ja jetzt schon fertig. Man könne also nur eine völlig neue Fotografie erzeugen, aber nicht nachträglich eine Person einbauen.</p>

<p>Rejlander ist elektrisiert. Er hat eine Idee. Wenige Tage später verabredet er sich mit demselben Freund und bringt ein Bild mit. Der wirft einen Blick darauf und traut seinen Augen nicht. Rejlander hatte ihm bewiesen, was er für unmöglich gehalten hatte: Es war unzweifelhaft dasselbe Bild, das er wenige Tage vorher gesehen hatte, aber jetzt mit einer dritten Person zwischen den zwei anderen. &#8222;Es geht eben doch&#8220;, sagt Oscar triumphierend. &#8222;Auch Fotografen können Bilder im Kopf entstehen lassen.&#8220; Und auch Fotografen steht völlig frei, wie sie die Technik benutzen, um das fertige Bild zu erzeugen.</p>

<p>Das Medium der Fotografie ist noch ganz jung. Viele Fotografierende versuchen, herauszufinden, in welche Richtung sich alles entwickeln könnte. Und allerorten wird festgelegt, wie denn Dinge zu geschehen haben. Was ist denn gute Fotografie, was ist schlechte? Welche Techniken funktionieren? Es formt sich, aber damals wie heute klingt das natürlich dann von den Leuten, die ihre Ideen verbreiten, so, als wäre es Gesetz. Und Oscar Rejlander war diesen Einflüssen noch nicht ausreichend lange ausgesetzt, sodass ihm das wahrscheinlich im Wesentlichen egal war. Er blickt völlig frei auf das Medium und fragt sich, was er damit anfangen kann.</p>

<p>Und da lohnt es sich auch, ganz kurz darüber nachzudenken, wie Kollodium-Nassplatten-Verfahren funktionieren. Man braucht dazu natürlich zunächst mal eine Kamera, und zwar eine Kamera, die mindestens so groß ist, dass sie das Bild in der gewünschten Zielgröße aufnehmen kann. Stellen wir uns also eine Kiste vor, die hinten ein A4-großes Blatt Papier enthalten kann. Vorne ist ein Objektiv und den ganzen Kasten kann man wie eine Ziehharmonika auseinander- und wieder zusammenschieben. Das ist notwendig, um die Schärfeebene zu kontrollieren, also auf die richtige Stelle im Bild scharfschalten zu können.</p>

<p>Beim Kollodium-Nassplatten-Verfahren legt man allerdings hinten kein Papier ein, sondern man legt eine Glasscheibe ein. Die wird in einer Dunkelkammer zuerst mit Kollodium beschichtet und dann mit einer Silbernitratlösung lichtempfindlich gemacht. Die dann noch feuchte Glasscheibe muss dann in eine Kamera eingelegt werden und wird dann nach erfolgter Belichtung noch feucht fertigentwickelt.</p>

<p>Was man bekommt, ist ein Negativ, auf der Glasplatte ist also ein Bild, in dem alle hellen Teile der Szene schwarz dargestellt werden und alle dunklen Teile der Szene weiß. Weiß auf Glas heißt: An den dunklen Stellen der Szene ist das Negativ durchsichtig. Und das war die erste Idee, die Rejlander dazu brachte, Bildbestandteile miteinander zu kombinieren. Ihm ging nämlich auf, dass an diesen durchsichtigen Stellen natürlich Nahtstellen sind, die man später beim Druck nicht mehr sehen würde.</p>

<p>Der Druck ist nämlich der nächste Arbeitsschritt. Um aus dem Negativ ein Positiv, also ein fertiges Bild zu machen, nimmt man jetzt die Glasplatte, spannt sie mit einem lichtempfindlichen Papier zusammen und setzt beides der Sonne aus. Danach wird das Bild gewaschen und fixiert und fertig ist das Positivbild. Denn alle die Stellen, die im Negativ die Sonne blockieren, sind auf dem fertigen Bild ja dann weiß und alle die Stellen, die die Sonne durchlassen, werden schwarz. Je länger man das Bild in der Sonne lässt, desto dunkler eben.</p>

<p>Im ersten Schritt kommt also Rejlander auf die Idee, die verschiedenen Bildbestandteile einzeln voneinander aufzunehmen, dafür zu sorgen, dass sie von möglichst dunklen Szenenelementen umgeben sind und die dann für den Druck gezielt zusammenzumontieren.</p>

<p>Aber das war nur der Anfang. Er beginnt, mit Vergrößerungen zu experimentieren, also, salopp formuliert, positive nochmal abfotografieren, nur mit entsprechender Vergrößerung. Er deckt Teile der Negative gezielt ab, malt andere rein, spielt mit den verschiedensten Dunkelkammertechniken und montiert die Bilder zusammen, zum Teil mit sehr verblüffenden Ergebnissen.</p>

<p>Immer mit dabei und als Technikerin wahrscheinlich seine wichtigste Mitarbeiterin ist seine Frau Mary. Schon als er noch Maler war, nahm sie ihm eine Menge administrative Aufgaben ab. Jetzt als Fotograf ist sie seine Assistentin in der Dunkelkammer, sein häufigstes Fotomodell, Kundenbetreuerin und Geschäftsführerin im Hintergrund.</p>

<p>Längst nicht alle seine Fotografien sind Montagen, tatsächlich ist der hauptsächliche Kundenstamm ganz klassisch an Portraits interessiert. Rejlander hat außerdem ein persönliches Interesse an inszenierten Kinderportraits. Das ist ein Genre, das besonders im viktorianischen Zeitalter blüht und gedeiht. Kinder werden in allen möglichen Posen dargestellt und abfotografiert, oft in Gegenwart der Eltern. Und das ist auch der Grund, warum gerade aus der Zeit sehr viele Kinderportraits gerade auch von den großen Fotografinnen und Fotografen erhalten sind. Namen wie Julia Margaret Cameron sind untrennbar mit mal mehr, mal weniger inszenierten Kinder- und Säuglingsportraits verbunden.</p>

<p>Der Mathematiker, Schriftsteller und Fotograf Lewis Carroll (ja, der Lewis Carroll, der Alice im Wunderland geschrieben hat) freundet sich mit Rejlander an und fängt an, seine Kinderportraits zu sammeln. Später wird Lewis Carroll selber Kinderportraits machen und der Stil Rejlanders kommt so stark durch, dass es später manchmal nicht ganz klar sein wird, ob ein noch erhaltenes Bild eigentlich von Lewis Carroll oder von Oscar gemacht worden war. Und auch Julia Margaret Cameron wird mit ganz eindeutig von Oscar Rejlander inspirierten Gemälden berühmt. Sie verkehren in denselben Kreisen, sie kennen dieselben Leute, sie haben zum Teil dieselben Freunde und fotografieren dieselben Berühmtheiten ihrer Zeit.</p>

<p>Aber auch, wenn Oscar Rejlander hauptsächlich Portraits macht, haben manche Portraits Eigenschaften, die es zu der Zeit eigentlich gar nicht geben dürfte. So erregt zum Beispiel das Bild &#8222;The Juggler&#8220;; der Jongleur, Aufsehen, weil dort ein Jongleur zu sehen ist mit Bällen in der Luft. Und das könnte natürlich nur eine optische Illusion sein, denn mit mehreren Sekunden Belichtungszeit lassen sich Bälle in Bewegung nun mal nicht einfangen, aber das Bild sieht täuschend echt aus.</p>

<p>Zu der Zeit traut man Rejlander allerdings inzwischen schon fast alles zu. Heute nennt man Rejlander den Vater der künstlerischen und inszenierten Fotografie. Und der Grund dafür ist ein Bild, das er 1857 macht, das den Titel &#8222;The Two Ways of Life&#8220; trägt. Wenn man dieses Bild zum ersten Mal sieht, kommt es einem wie ein barockes Gemälde vor. Es ist inspiriert, im Aufbau zumindest, von einigen berühmten Malereien, die der junge Rejlander, als er in Rom Malerei studiert hat, wahrscheinlich im Original gesehen hat.</p>

<p>Und bevor ich jetzt erkläre, warum dieses Bild eine kontroverse und einen Skandal ausgelöst hat und was da weiter passiert ist, möchte ich es ganz kurz beschreiben. An der Stelle lohnt sich auch kurz der Blick auf das Handydisplay, mit etwas Glück kannst du das Bild jetzt dort sehen. Das muss von deinem verwendeten Podcatcher unterstützt werden, ansonsten besuche einfach die Website, da werde ich es auch mit einbetten.</p>

<p>Das Bild ist im Panoramaformat &#8211; das war für die damalige Zeit ungewöhnlich groß. Mit über 80 cm Breite wussten Sachkundige sofort, dass dieses Bild aus mehreren Bestandteilen bestehen musste, aber man konnte nicht sehen, aus welchen Bestandteilen.</p>

<p>Es zeigt eine Szene, in der eine Menge los ist. In der Mitte steht ein alter Mann. Er scheint einen Jüngling in die Szene hineinzubegleiten. Den Jüngling sieht man zweimal: einmal zu seiner Linken, einmal zu seiner rechten Seite. Und damit ist die Bildaufteilung auch schon klar. Links im Bild geht der Pogo ab. Diverse Todsünden werden hier bildlich dargestellt und es gibt viel nacktes Fleisch. Rechts geht es wesentlich gesitteter zu; da geht es um die Pflege von Kranken und Gebrechlichen, um die Wissenschaften und damit ist es auch klar, was das Bild darstellt, nämlich die Wahl, die der Jüngling hat, nämlich ein Leben in Tugend oder eines in Laster zu führen. Von oben hängen Theatervorhänge ins Bild. Der Mann mit dem Jüngling hat hinter sich eine Art undurchdringliches Waldstück und die zwei Optionen, das Leben zu führen, scheinen in der Stadt innerhalb von Architektur stattzufinden.</p>

<p>Das Bild strotzt nur so vor Symbolik. Allegorie war ein Riesending bei den Malern der damaligen Zeit und natürlich durfte das in einem Foto, das versuchen wollte, mit Kunst zu konkurrieren, auch nicht fehlen.</p>

<p>Oscar Gustave Rejlander stellt dieses Bild aus und begeistert und entsetzt seine Zeitgenossen. Begeistert deswegen, weil er etwas geschafft hatte, was für unmöglich gehalten worden war. Er hatte Monate an diesem Bild gearbeitet. Über 32 Negative wurden für dieses Bild zusammenmontiert und trotzdem sah es wie eine einzige Aufnahme aus. Dass es das nicht sein konnte, war sehr offensichtlich, wenn man den Jüngling sah, denn der tauchte ja zweimal auf dem Bild auf.</p>

<p>Allein den Druck zu fertigen, kostete mehrere Tage Arbeit, denn die einzelnen Bestandteile mussten zunächst vergrößert, dann zusammenmontiert und dann als ein großes Bild ausbelichtet werden. Rejlander fertigte jeden Druck neu an, das heißt, jedes Exemplar sah ein bisschen anders aus. In manchen war er selbst der alte Mann in der Mitte des Gemäldes, in anderen war es ein Schauspieler. Die Figuren variieren, es sind unterschiedliche Models, die Szenen, die Positionen.. Im Netz fand ich mindestens drei verschiedene Varianten und es macht schon Spaß, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken.</p>

<p>Diese Montage zu sehen war also beeindruckend. Es gibt ja den Satz &#8222;Kunst kommt von Können&#8220; und Können war einer der Aspekte, den man Fotografinnen und Fotografen damals abgesprochen hat. Schließlich hielten sie fest, was die Natur ihnen bot und danach war es doch &#8222;nur&#8220; Technik. Rejlander nun schaffte etwas, was nicht nur für unmöglich gehalten worden war, sondern von dem die Zeitgenossen erstmal nicht wussten, wie sie es nachmachen können. Dann war das Bild zum Bersten gefüllt mit Symbolik, das griff das zweite Argument an. Kunst entstünde nämlich zunächst im Kopf des Künstlers oder der Künstlerin. Sie muss Aussage haben. Ideen vermitteln. Gelesen werden können. Etwas vorher nicht dagewesenes, neu geschaffenes zeigen. All diese Aspekte waren in diesem Bild sehr offensichtlich vorhanden und trotzdem sah es wie eine Fotografie aus.</p>

<p>Dieser vorhin schon erwähnte schockierende Detailreichtum kam natürlich besonders auf der Hälfte des Bildes zum Tragen, wo es um die Sünden und Laster ging. Und da sind wir beim Skandal. Zwar hatte man in der viktorianischen Zeit kein Problem mit Nacktheit, Gemälde konnten gerne Frauen barbusig in allen möglichen Posen auch mal lüstern darstellen, aber die dann, sozusagen, &#8222;in the flash&#8220; zu sehen und zu wissen, dass der Fotograf die im Studio gehabt hatte, produzierte einen unerhörten Skandal. Dazu kam noch, dass alle, die dieses Bild sahen, bewusst war, dass keine Frau von Tugend sich freiwillig vor einer Kamera nackt ausziehen würde. Die Frauen im Gemälde waren also ganz offensichtlich prostituierte.</p>

<p>Es ging also hoch her. In den Fotoclubs, in den Kunstzirkeln der damaligen Zeit wurde heiß diskutiert und viele waren sich einig, dass Oscar Rejlander eigentlich fast schon zur Persona non grata erklärt werden müsste. Nur eine Person sah das damals spontan anders, eine Person, die von Anfang an begeisterte Fotografin war und deren Urteil nicht ignoriert werden konnte: Queen Victoria.</p>

<p>Sie hatte schon ab der Einführung der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> Interesse an der Fotografie gehabt und galt als eine erfahrene Hobbyfotografin. Sie und ihr Ehemann hatten beide eine ausgebaute Dunkelkammer, beschäftigten mehrere Fotografen als Hoffotografen und gingen dem Hobby in ihrer Freizeit auch selbst mit Begeisterung nach. Außerdem traten sie als Mäzene auf und kauften Werke, die sie bemerkenswert fanden und genau das passierte mit Rejlanders schockierenden &#8222;Two Ways of Life&#8220;. Queen Victoria erfuhr davon, sah es, war begeistert und beschloss, einen Druck dieses Werkes für ihren Mann zu kaufen, als Geburtstagsgeschenk. Der war so begeistert davon, dass er es in seine private study aufhing, wo es bis zu seinem Tod blieb. Und ja, was gut genug für Queen Victoria ist, kann natürlich für alle anderen Fotografierenden nicht schlecht sein. Sie hatte sich freilich nicht dazu geäußert, ob das Werk denn jetzt Kunst wäre oder nicht, aber &#8222;Schund&#8220; konnte es natürlich jetzt auch nicht mehr sein.</p>

<p>Spannend finde ich, dass die Fragen, die damals mit so viel Hitze diskutiert und debattiert wurden, dieselben Fragen sind, die wir heute immer noch finden. Ich meine, Rejlander brauchte immerhin mehrere Tage, oder im Falle von &#8222;The Two Ways of Life&#8220; mehrere Wochen und trotzdem fragten sich Leute, ob etwas Kunst sein konnte, was eigentlich nur einen Moment festhält. Damals wie heute gibt es diese Liebe zum Vergangenen.</p>

<p>Rejlander markiert den Anfang einer Periode, die in der Fotografiegeschichte Pictorialism genannt wird, einen Trend, in dem versucht wurde, Bilder zu schaffen, die möglichst wie gemaltes aussehen oder wenigstens die Themen von Gemälden nachahmen sollten. Im einfachsten Fall waren das inszenierte Fotografien wie &#8222;The Two Ways of Life&#8220;, aber später dann wurden ausgefeilte Techniken angewandt, um die Drucke wirklich aussehen zu lassen, als wären sie Kohlezeichnungen. Da wurde auf dem Material herumgekratzt, es wurde Sepia eingefärbt, es wurden Stellen gezielt scharf oder unscharf gemacht, um den Eindruck von Pinselstrichen zu vermitteln und das Medium versuchte, nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft zu schauen. Und sei es, indem man einfach so abstrakt wurde, dass man nicht mehr genau wusste, was das Bild zeigt.</p>

<p>Und was machen wir heute? Im einfachsten Fall versuchen wir, nostalgisch so auszusehen wie die Fotografien der letzten 30 Jahre, indem wir Korn reindrehen und Filmsimulation einschalten. Andere wiederum nehmen die Mittel der Software zu Hilfe und lassen komplette Gemäldesimulationen fertigen. Da wird die Fotografie zum Ölgemälde, das Fotoobjekt zum stilisierten Pinselstrich. Oder wir nehmen <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> und montieren wie die Wilden.</p>

<p>Und zeitgleich entdecken in jeder Generation Fotografinnen und Fotografen die Leute wieder aufs Neue, dass es einen Streit darum gibt, ob das, was sie da machen nun Kunst oder Handwerk ist. Wurde die Linie damals zwischen Malerei und Fotografie gezogen, zieht man sie heute zwischen Digital Artist und Content Creator. Ich glaube, Oscar Rejlander wäre stolz auf uns.</p>

<p>&#8222;The Two Ways of Life&#8220; war sein beeindruckendstes und in Rückschau sicherlich berühmtestes Bild, aber das kommerziell erfolgreichste war es nicht. Dafür war es einfach zu aufwendig und irgendwann stellte er auch die Produktion von Drucken für dieses Bild ein. Immer mehrere Tage in der Dunkelkammer herumzumontieren war dann einfach nicht mehr wirklich praktikabel.</p>

<p>Außerdem war er zu neuen Ufern aufgebrochen. Der berühmte Forscher Charles Darwin hatte sich bei ihm gemeldet. Charles Darwin untersuchte zu der Zeit die Emotionen von Tieren und Menschen. Es kam ihm darauf an zu dokumentieren, wie wir uns ausdrücken. Welche Gesten und Grimassen ziehen wir je nach Befindlichkeit, das wollte er festhalten. Und dafür brauchte er einen Fotografen, der in der Lage war, die verschiedensten Mimiken einzufangen. Er gab Rejlander praktisch eine Shotlist vor: wütend, traurig, fröhlich, und so weiter.</p>

<p>Emotionen hatten auch andere berühmte Zeitgenossen damals schon einzufangen versucht, aber mit dem <a "/tags/kollodium-nassplatte.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="10" title="Kollodium Nassplatte">Kollodiumnassplattenverfahren</a> mit mehreren Sekunden Belichtungszeit war das natürlich schwer, besonders, wenn man das einigermaßen spontan aussehen lassen wollte. Und Rejlander galt als jemand, der unvergleichlich gut darin war, genau diese spontanen Eindrücke festzuhalten. Nicht, weil die Bilder so spontan gewesen waren, sondern, weil er anscheinend wirklich gut darin war, mit seinen Models zu arbeiten. Er war bekannt als jemand, der lustig und charmant sein konnte und viele seiner Aufnahmen drücken einen für die Aufnahmen damaliger Zeit ungewöhnlichen Humor aus. Es gibt Bilder, wo er mit seiner Frau Mary ganz offensichtlich herumalbert und er war bekannt dafür, dass er Kinder natürlich posieren und fotografieren konnte, gut gelaunt. Das ist ja gerade bei kleinen Kindern nicht unbedingt leicht, insbesondere dann nicht, wenn man ihnen beibringen muss, dass sie dann auch noch mehrere Sekunden in einer bestimmten Position verharren müssen. Die Fotografien von Julia Margaret Cameron zeigen ja auch oft Kinder und die meisten Bilder, die ich bisher so gesehen habe, zeigen ziemlich genervte Kinder. Ich versuche, mir dann immer auszumalen, wie wohl diese Fotosessions abliefen.</p>

<p>Jedenfalls galt Rejlander als jemand, der das wie kein anderer beherrschte. Und trotzdem muss er geschluckt habe, als er in der Shotlist, die ihm Darwin überreichte, unter anderem ein weinendes Kleinkind fand. Er sollte ein Kleinkind fotografieren, das die Welt gerade geschmeidig zum Kotzen findet. Und die haben jetzt nicht unbedingt gerade Verständnis dafür, wenn sie sich ruhig halten sollen. Überhaupt vielleicht noch bei schmerzverzerrt aufgerissenem Mund.</p>

<p>Und das ist dann auch tatsächlich das berühmteste Bild, das Rejlander in seiner Karriere produziert hat. Es zeigt ein sitzendes, inbrünstig heulendes Kleinkind. Und nach einem zu der Zeit populären satirischen Roman heißt es &#8222;Ginx&#8217;s Baby&#8220;. Und es kombiniert alles, was Rejlander zu der Zeit an Fähigkeiten angesammelt hatte. Wie er das Baby zum Weinen gebracht hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er zu einer ganzen Reihe Tricks griff, um diese Aufnahme überhaupt möglich zu machen. Und dass er dann in der Dunkelkammer seine malerischen Fähigkeiten herauskramte, um die doch sehr unzureichende Vergrößerung dieses weinenden Babys zu einer glaubwürdigen, großen Aufnahme zu machen. Wieder hatte er ein Bild gemacht, von dem die damaligen Kollegen dachten, es wäre so eigentlich nicht möglich und Charles Darwin hatte seine vollständige Palette an Mimikfotos, die für sich übrigens auch schon sehenswert sind, zeigen sie doch Rejlander und seine Frau Mary in den unterschiedlichsten Grimassen, von Lachen über ärgerlich bis verzweifelt bis wütend, alles dabei.</p>

<p>Während seiner 24 Jahre dauernden Karriere als Fotograf schreibt Rejlander diverse Texte, unter anderem verteidigt er eben die Fotografie und ihren Anspruch als &#8222;fine art&#8220;. Er gilt als der Vater der künstlerischen Fotografie, nicht nur, weil er als einer der ersten Aufnahmen inszenierte, die opulent waren, die originell waren, die allegorisch waren, die Gedanken transportierten, die er zunächst in seinem Kopf und seinen Skizzenbüchern formierte, bevor er sie als Fotograf festhielt, sondern auch, weil er weiterdachte und die verschiedenen Medien, die er kannte auf bis dahin ungewöhnliche Art und Weise kombinierte.</p>

<p>Er ist einer der ganz frühen Piktorialisten und berühmte Namen wie Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll sind so unzweifelhaft von ihm beeinflusst, dass bis heute Aufnahmen mit seinen verwechselt werden. Und trotz all des Wirbels war es auch damals schon schwierig, als Fotograf kommerziell erfolgreich zu sein. Einerseits verkauft Rejlander ja einen Druck an Queen Victoria und produziert mehrere Aufnahmen, die zu seinen Lebzeiten berühmt wurden, aber reich wird er damit nicht.</p>

<p>Als er 1875 im Alter von 62 Jahren stirbt, übernimmt seine Witwe Schulden und einen Laden, der nicht läuft. Der Fotoclub, in dem Rejlander hauptsächlich Mitglied war, die Royal Photographic Society of London fühlt sich seiner Witwe und seinem Nachlass verpflichtet und kauft einige seiner Negative. Damit gehen viele seiner Werke auch verloren oder in verschiedenen Sammlungen auf und obwohl kaum ein Fotograf so einflussreich in dieser Zeit gewesen sein dürfte wie er, verschwindet er zunächst in der Bedeutungslosigkeit. Und bis heute ist es so, dass bei seinem Namen die Leute zunächst auf Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll stoßen. Und das, obwohl Julia Margaret Cameron wahrscheinlich ihre Dunkelkammerfähigkeiten zum Teil mit Negativen von Rejlander geübt und gelernt hat und Lewis Carroll seinen Bildstil von seinen Bildern abgeleitet hat.</p>

<p>Was ist Kunst, was nicht, ab wann ist es Kunst, wann nicht, kommt Kunst von Können, kommt Kunst von Absicht, kommt Kunst vom Zufall, ist man Künstler, weil man sich so nennt, oder weil andere die Werke bereit sind, zu kaufen, welche Rolle spielt das Nachahmen von vorangegangenen? Bei der Produktion von diesem Podcast entdecke ich immer wieder aufs neue, dass wir seit Anbeginn der Fotografie dieselben Fragen diskutieren und eigentlich immer wieder bei denselben Positionen ankommen.</p>

<p>Rejlander jedenfalls war ein ungewöhnlich kreativer Kopf. Er war ein sehr humorvoller Mensch und er hat Dinge geschaffen, die bis heute nachwirken, ohne, dass sein Name den Ruhm erreicht hätte, den er eigentlich verdient hätte. Wir werden ihm noch öfter begegnen. Wir werden noch über Julia Margaret Cameron und über Lewis Carroll, über Clementina Hawarden oder über Queen Victoria sprechen, oder über John Herschel. Und bei keinem dieser Namen können wir es lassen, auch mal kurz über Oscar Gustave Rejlander zu sprechen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 03 Jul 2021 17:00:13 GMT</pubDate>
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            <title>Fabelhafte Feen-Fotos</title>
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            <description>In dieser Episode geht es um Beweisfotos der besonderen Art und um eine Kontroverse, die 60 Jahre anhielt.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Es gibt Menschen, die glauben Feen und andere Naturgeister existieren wirklich und so wundert man sich nicht, dass irgendwann auch Beweisfotos auftauchten, die ihre Existenz belegten&#8230; Aber was hat das mit Sherlock Holmes zu tun?</p>

<figure><img decoding="async" src="https://the-public-domain-review.imgix.net/essays/sir-arthur-and-the-fairies/8970056301_fc37167f90_o.jpg?fit=max&amp;w=1200&amp;h=850" alt=""/></figure>

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<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cottingley_Fairies" target="_blank">Die Feen von Cottingley</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theosophie" target="_blank">Theosophie </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fee" target="_blank">Fee</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://praxistipps.focus.de/naturgeister-unterschied-elfen-und-feen-erklaert_108298" target="_blank">Naturgeister: Unterschied Elfen und Feen erklärt</a> (Focus)</li><li><a href="https://www.psygrenz.de/schiebeler/elfen/elfen.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elfen, Feen, Zwerge gibt es die in unserer Welt?</a> (psygrenz.de)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Cottingley_Fairies" target="_blank">The Cottingley Fairies</a> (Wikipedia, englisch)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://hoaxes.org/photo_database/image/the_cottingley_fairies/" target="_blank">The full story of the Cottingley fairy hoax</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://qz.com/911990/the-cottingley-fairy-hoax-of-1917-is-a-case-study-in-how-smart-people-lose-control-of-the-truth" target="_blank">The Cottingley fairy hoax of 1917 is a case study in how smart people lose control of the truth</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250117114046/https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/people/ap28805/griffiths-frances" target="_blank">Short biography of Frances Griffiths</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://publicdomainreview.org/essay/sir-arthur-and-the-fairies" target="_blank">Sir Arthur and the Fairies</a> (Public Domain Review)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://archive.org/details/cu31924028957599" target="_blank">Sir Arthur Conan Doyle &#8222;The Coming of the Fairies&#8220;</a> (archive.org, enthält alle Bilder)</li></ul>

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<p class="has-small-font-size">Bildquelle: <a rel="noreferrer noopener" href="https://archive.org/details/cu31924028957599" target="_blank">archive.org</a><br>Sound:<a rel="noreferrer noopener" href="https://freesound.org/people/owly-bee/sounds/415363/" target="_blank"> &#8222;Eh surprised&#8220; by owly-bee</a></p>

<hr/>

<p class="has-large-font-size">Transkript</p>

<p>Es gab mal eine Zeit vor <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> da war es ganz klar, dass alles, was ich fotografieren lässt auch wirklich existiert. Das fängt bei Urlaubsfotos an und hört bei kriminalistischen Beweisbildern auf. Und manchmal zeigen Fotografien neben schier unglaubliches. Zum Beispiel Feen.</p>

<p>Feen sind Naturgeister. Kleine, meistens weibliche Figuren, die oft als wunderschön beschrieben werden, magische Kräfte haben, sich sichtbar und unsichtbar machen können und in der einen oder anderen Form fast überall auf der Welt in Sagen vorkommen.</p>

<p>Name und Grundidee leitet sich wohl schon von den römischen Schicksalsgöttinnen ab aber das, was wir heute unter Feen verstehen ist wahrscheinlich im Wesentlichen aus keltischen Volkssagen entstanden. Und wie das oft so ist, der Übergang zwischen Sage und Literatur und angenommener Wirklichkeit ist manchmal fließend.</p>

<p>So gibt es auf Island ein staatlich anerkanntes Feenmedium, eine Frau, die sich damit beschäftigt z. B. bei Straßen sicherzustellen, dass man nicht aus Versehen die neue Autobahntrasse quer durch ein Feenwohngebiet zieht. Und natürlich sind auch die einschlägigen spirituellen Regalmeter in der Buchhandlung unseres Vertrauens, gefüllt mit Literaturen nicht nur zu Feen, sondern auch Einhörnern, Engeln und was sonst noch alles gibt. Und da sind natürlich auch oft mal Bilder darin zu sehen, die angebliches oder tatsächliches zeigen.</p>

<p>Freilich sind wir uns heute alle bewusst, dass mit <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> jeder noch so absurde Bildeindruck erzeugt werden kann. Wir glauben solchen Fotos also nur begrenzt.</p>

<p>Anders war das im Jahr 1917. Zu der Zeit war Deutschland noch ein Kaiserreich und in Großbritannien herrschte King Edward the seventh über ein Viertel der Welt. Die Fotografie war zu der Zeit schon 100 Jahre alt und jeder Haushalt, der so ein bisschen was auf sich hielt, hatte sehr wahrscheinlich eine Kamera im Haus. Ja und was immer diese Kamera festhielt, war natürlich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“Das Jahr 1917. Zwei Mädchen in England fotografieren sich gegenseitig. Das Ergebnis: eine Sensation. Die Bilder gehen um die Welt, denn sie zeigen fabelhafte Wesen.”</p>

<p>Die beiden Mädchen sind die 16-jährige Elsie Wright und die damals gerade mal 9-jährige Frances Griffiths, die bei Elsie zu Besuch war. Die beiden Mädchen spielen viel gemeinsam und meistens halten sich bei einem nahegelegenen, kleinen Bach auf. Als die Eltern fragen, was denn an dem Bach so faszinierend wäre, geben die Mädchen zur Antwort, dass da Feen wohnen. Der Vater glaubt das jetzt nicht so ganz aber er willigt ein, ihnen seine Kamera zu leihen, damit sie Fotos machen können.</p>

<p>Ja und die beiden kommen tatsächlich mit Aufnahmen von Feen wieder also Bilder, auf denen sie zu sehen sind und kleine Wesen mit Flügelchen. Der Vater denkt sich nicht viel dabei, hält das ganze für einen geschickten Trick und damit ist das Thema auch erstmal durch.</p>

<p>Zwei Jahre lang ist das Thema dann erst mal durch. Solange nämlich bis Elsies Mutter anfängt, zu regelmäßigen Treffen der lokalen theosophischen Gesellschaft zu gehen.&nbsp;</p>

<p>Solche Gruppen waren damals relativ weit verbreitet. Die Menschen waren damals auf der Suche nach allerlei spirituellen Wahrheiten. Indische Spiritualität mischte sich mit was man aus heutiger Sicht einfach nur Okkultismus nennen kann und nicht alles, was damals als Lehrmeinung vertreten wurde, war notwendigerweise wissenschaftlich begründet.&nbsp;</p>

<p>Das war ja auch eine Zeit, in der ständig Wunder wahr zu werden schienen. Man konnte mit Menschen reden, die nicht da waren, riesige Maschinen wurden konstruiert, Naturgewalten, die als unbeherrschbar galten, wurden nach und nach eingehegt und man hat nicht mal eine Augenbraue hochgezogen, wenn anerkannte Denker wie z. B. CG Jung sich offen mit Tarot und anderen okkultistischen Praktiken auseinandersetzen.Einfach unter der Annahme, es könnt ja was dran sein.&nbsp;</p>

<p>Philosophen jedenfalls sahen die Welt als eine Vielgötter- und Vielgeisterwelt an und da fiel natürlich Elsies Mutter dieser Fotoscherz wieder ein, den sie immer irgendwie auch für möglicherweise echt gehalten hatte. Sie geht also heim, sucht die Fotos raus, geht zum nächsten Treffen und legt dem Gruppenleiter die Bilder vor. Und fragt, ob das vielleicht ein Beweis für die Existenz von Naturgeistern sein könnte.&nbsp;</p>

<p>Der ist sich nicht sicher und holt sich deswegen Rat bei einem Fotografen. Ja, und der schaut doch darauf und sagt: &#8222;Ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich so ein Foto künstlich herstellen sollte. Das müssen echte kleine Wesen mit Flügelchen sein.&#8220; Wer sich die Fotos anschaut, wird mir wahrscheinlich zustimmen, dass das kein besonders kompetenter Fotograf gewesen sein kann.&nbsp;</p>

<p>Aber für die Mitglieder dieses Schwurbelzirkels war das natürlich eine absolute Sensation. Ab jetzt wurden Vorträge gehalten, in denen diese Bilder als Beweise gezeigt wurden.</p>

<p>Ein solcher Vortrag wird es wohl auch gewesen sein, den damals Sir <a "/tags/arthur-conan-doyle.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="4" title="Arthur Conan Doyle">Arthur Conan Doyle</a>, der Mann, der Sherlock Holmes erfunden hat, auf dieses Feenphänomen aufmerksam machte. Freilich könnte man sagen, Sir <a "/tags/arthur-conan-doyle.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="4" title="Arthur Conan Doyle">Arthur Conan Doyle</a> wollte eigentlich, dass das Ganze die Wahrheit zeigt. Aber er wollte natürlich auch den Anschein vermeiden, dass er sich sehr, sehr leicht überzeugen lässt. Deswegen gab er die Bilder einen Gutachter der Firma <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a>.&nbsp;</p>

<p><a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> war damals schon einen riesen Name. Die hatten die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie erfunden, die erste Schnappschusskamera, die praktisch in jedem Haushalt zu finden war, kann man mal so sagen, mit Rollfilm und Knipsmechanismus, mit dem wirklich auch jedes Kind umzugehen wusste, das heißt, wenn die es nicht wussten, wer dann.&nbsp;</p>

<p>Und das Gutachten fiel durchwachsen aus. Also im Endeffekt wussten die jetzt spontan auch nicht, wie diese Aufnahmen entstanden sein könnten, aber schlossen aus, dass es echt ist, mit der Begründung; wenn es keine Feen gibt dann müssen diese Aufnahmen ja wohl auch fake sein. Ja, und Sir <a "/tags/arthur-conan-doyle.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="4" title="Arthur Conan Doyle">Arthur Conan Doyle</a> dachte sich dann:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“Once you’ve eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.”</p>

<p>Und er wollte mehr Fotos von Feen. Er stattete die Kinder mit Kameraequipment aus und besuchte sie regelmäßig, bis die dann endlich noch ein Bild produzierten.</p>

<p>Übrigens war die Fotografie von Feen nicht das einzige Fotoprojekt, mit dem sich Sir Arthur Conan Doyle beschäftigte. Es sind z. B. auch Spiritfotografien, also Geistfotografien von ihm erhalten, die er von einem damals anerkannten Medium machen ließ.</p>

<p>Es war also durchaus so einiges an Fotogeschwurbel unterwegs, das einfach dadurch auch in der Welt blieb, weil die Menschen zu der Zeit kein Verständnis dafür hatten, wie Fotografien tatsächlich entstanden und welche Möglichkeiten der Manipulation es auch gab.</p>

<p>Schließlich veröffentlicht Conan Doyle einen Artikel in seinem Hausmagazin, dem Magazin, das auch Sherlock Holmes seinerzeit begründete, The Strand Magazine. “Epochales Ereignis! Feen fotografiert!”, stand da zu lesen.</p>

<p>Und das war der Startpunkt einer Kontroverse. Die Welt teilt sich auf in Leute, die das für eine Sensation und Leute, die das für absoluten Humbug hielten.</p>

<p>Conan Doyle ließ sich jedenfalls nicht beirren und irgendwann, nach mehreren Artikeln, schrieb er sogar ein Buch über den Fall. 1922 erschienen es in den Läden. “the coming of the fairies”. Sir Arthur Conan Doyle blieb bis zu seinem Tod von dieser Geschichte überzeugt. Er starb in dem sicheren Wissen, es gab Feen und die waren damals fotografiert worden.</p>

<p>Es gab auch immer wieder mal Wellen, in denen diese Bilder als Beweis und Diskussionsmaterial herhielten. 1940, in den Fünfzigern, in den Sechzigern, immer wieder gingen diese Bilder durch die Medien. Es wurden mehrere Bücher veröffentlicht und die beiden Mädels bestanden auch lange Zeit darauf, dass diese Fotografien authentisch und echt seien.</p>

<p>Heute wissen wir das besser. Und zwar aus ganz vielen Gründen. Aber wirklich überraschend ist, dass es bis 1978 gedauert hat, bis jemand sich ernsthaft damit beschäftigt hat, den Beweis zu führen, dass diese Bilder nicht echt sein können.</p>

<p>Und dieser Beweis hatte mehrere Bausteine. Einmal hat sich z. B. der Bühnenmagier und Skeptiker James Randi damit beschäftigt und gezeigt, woran man sehen kann, dass diese Bilder nicht echt sein können. Beispielsweise sieht man auf den Fotos den Bach, an dem die Mädchen gespielt haben. Und dieser Bach ist, weil das ganze ja eine Langzeitbelichtung war, verwischt. Gleichzeitig sind aber die Feen erstaunlich scharf zu sehen. Für kleine Wesen, die die ganze Zeit rumflattern und nicht auf der Stelle bleiben ist es schon erstaunlich.</p>

<p>Der finale Nagel in den Sarg der Geschichte war aber, als man 1978 die Vorlagen für die Feen fand, in einem Kinderbuch namens “princess Mary&#8217;s Gift Book”. Da waren sie abgedruckt und von dort hatten die Mädchen die Feen auch ausgeschnitten, um kleine Feenfigürchen vor der Kamera rumwedeln zu lassen. Über all die Jahre jedenfalls kochte die Diskussion immer wieder hoch und über all die Jahre wurden immer wieder auch die zwei Cousinen dazu befragt, ob das nun Fake sei, wie sie es denn gemacht hätten und als dann irgendwann mal auch feststand, dass es tatsächlich keine echten Aufnahmen sein können, mussten sich die beiden natürlich beschimpfen lassen, dass das ganze ja Betrug gewesen sei und ob sich nicht schämen würden.</p>

<p>Hier zum Beispiel ein Originalton von Elsie, ausgestrahlt in der BBC:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“It was very embarrassing, because, I mean, two village kids and a brilliant man like Conan Doyle, we could only just keep quiet.”</p>

<p>Was sie da sagt, kann ich mir gut vorstellen. Wenn jemand wie Conan Doyle so massiv Wirbel macht, ja, dann gehst du als so ein Mädel vielleicht eher vorsichtig ran und widersprichst ihm auch nicht so richtig frontal. Die beiden sind ja nicht herumgelaufen und haben das Ganze beworben, sie haben es nur nie abgestritten.</p>

<p>Wobei, das stimmt auch nur zum Teil. Elsie hat irgendwann offen zugegeben, dass das Ganze eigentlich gestellt war. Francis hingegen, die jüngere der Beiden, damals 9 Jahre alt, war absolut überzeugt davon, dass sie mindestens mal einen Gnom, vielleicht aber auch die Feen gesehen hat. Sie gab zu, dass die Bilder der Feen zum Teil, also, getürkt waren, aber das hieß ja jetzt nicht, dass alle Bilder gefaket waren und das hieß auch nicht, dass es gar keine Feen gäbe, sondern nur, dass es eben diese Bilder waren.</p>

<p>Hinzu kommt, dass die Leute eigentlich an diese Feen glauben wollten. Hier nochmal Elsie:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“The people keep insulting me, don’t you feel ashamed that you’ve made all these poor people look fooled, they believed in you. But I don’t because I wanted to believe.”</p>

<p>Ja. Sie sagt, sie schämt sich nicht dafür, dass die Leute ihr geglaubt haben, denn die Leute ließen ihr gar keine andere Chance, sie wollten es ja glauben. Und sie belegt das ganz anschaulich mit einem der fünf berühmten Bilder.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“Look at this photograph. … .That leg doesn’t belong to that fairy. And somebody pointed it out in the newspaper.”</p>

<p>Ja, man sieht eigentlich sofort, dass mit dieser speziellen Fee irgendwas nicht stimmt. Der Fuß ist falsch. Und damals hat das jemand auch dann angemerkt. In einem Artikel zu den Feen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“And one of the dear believers said: “Well fairies aren’t like humans, they haven’t got bodies like we have, like, the skeleton, the arms and legs, they sort of put it together with swords and sometimes it doesn’t come out right.”</p>

<p>Ja, und dann ist dann sofort jemand herbeigesprungen und hat erklärt, ja, Feen sind nunmal nicht so wie Menschen, die haben keine Knochen und so, die Gestalt ist sozusagen aus Gedanken materialisiert und manchmal stimmt das dann halt einfach nicht. Eine sehr bequeme Erklärung für so einen anatomischen Fehler.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“We didn’t have to tell a lie about it at all because always someone came out and justified.”</p>

<p>Ja, da hat sie sicherlich recht. Die Menschen wollen so etwas glauben und das ist auch heute noch so. Immer wieder tauchen Fotos auf, die als Beweis für Bigfoot, <a "/posts/das-u-boot-von-loch-ness.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="30" title="Das U-Boot von Loch Ness">Nessie</a> oder auch ganz banale Dinge wie welche Menschen zu welcher Zeit an welchem Ort angeblich gewesen sein sollten herhalten müssen. Es gibt Fotos von Außerirdischen und es gibt Fotos von Geistern. Und für jedes Bild gibt es auch eine Gruppe an Menschen, die das unbedingt glauben wollen. Aber über Feen. Über Feen sind wir doch jetzt drüber, oder?</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>“The Fairymania they inspired seems like another age. However, a hundred years on, belief has not disappeared. A professor of arts, John Hyatt, took these pictures of, what he thought, were insects. When he displayed them people from around the world were convinced; he’d photographed fairies.”</p>

<p>Richtig gehört. Es gibt einen Kunstprofessor da draußen, der hat Fotos von Feen gemacht. Und der stellt die nicht nur aus, sondern von überall in der Welt schicken Menschen ihre eigenen Feenfotos ein. Die sehen jetzt freilich irgendwie anders aus als die Cottingley fairies damals: Ein bisschen kunstvoller, verwischt, Bewegungsunschärfe, sie sind kleiner aber irgendwie, irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass das zwar moderner, aber eigentlich immer noch genau das Gleiche ist.</p>

<p>Und wie damals, wie in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, finden sich auch heute Menschen, die da unbedingt dran glauben wollen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 04 Sep 2020 10:34:03 GMT</pubDate>
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