<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?>
<rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd">
<channel>
    <title>Fotomenschen - Jacob Riis</title>
    <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/index.html</link>
    <description>Posts tagged &#x27;Jacob Riis&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sat, 09 Oct 2021 15:44:06 GMT</lastBuildDate>
    <atom:link href="https://fotomenschen.kopfstim.me/feeds/jacob-riis.xml" rel="self" type="application/rss+xml" />
        <item>
            <title>Arbeitende Kinder</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/arbeitende-kinder.html</link>
            <guid isPermaLink="true">https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/arbeitende-kinder.html</guid>
            <description>Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten. </p>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="220" height="317" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/220px-Lewis_Hine_selfportrait1.jpg" alt="Porträt eines Mannes mittleren Alters mit heller Frisur, der eine Brille und einen dunklen Anzug trägt."/></figure></div>

<ul><li>Lewis W. Hine (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hine" target="_blank">English</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hine" target="_blank">Deutsch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ellis_Island" target="_blank">Ellis Island</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://artmuseum.princeton.edu/collections/objects/12552" target="_blank">Sadie Pfeifer, 48 inches high</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://news.fotocommunity.de/" target="_blank">LEWIS WICKES HINE: FOTOGRAF DER VERLORENEN KINDHEIT</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/hine-100.html" target="_blank">26.09.1874 &#8211; Geburtstag des Fotografen Lewis W. Hine</a> (WDR Beitrag)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.taschen.com/de/books/photography/43917/lewis-w-hine-america-at-work/" target="_blank">Buch: Lewis W. Hine. America at Work (Hardcover, Taschen, 16€)</a></li><li><a href="https://www.zeit.de/arbeit/2018-11/america-at-work-lewis-w-hine-sozialdokumentation-fs?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Alle haben geraucht&#8220; (Die Zeit)</a></li><li><a href="https://www.stern.de/panorama/wissen/die-bilder-von-lewis-hine-klagen-das-elend-der-kinderarbeit-an-8370578.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dieser Fotograf beendete das Elend der Kinderarbeit in den USA</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="560" height="690" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Brooklyn_Museum_-_Climbing_into_the_Promised_Land_Ellis_Island_-_Lewis_Wickes_Hine1.jpg" alt="Eine Gruppe von Menschen in historischer Kleidung versammelt sich drinnen, wobei einige Körbe und Kisten tragen."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="757" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-Child_laborer1-1024x757.jpg" alt="Ein junges Mädchen steht in einem Gang zwischen zwei langen Reihen von Textilmaschinen in einer Fabrikhalle." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="976" height="689" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Pennsylvania_coal_breakers_Breaker_Boys_19121.jpg" alt="In einer schwach beleuchteten Industriewerkstatt sitzen zahlreiche Arbeiter an langen Tischen und verrichten dort manuelle Tätigkeiten." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="804" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-ChildLabor19101-1024x804.jpg" alt="Eine Frau mit einem hellen Kopftuch trägt einen rechteckigen Kasten auf einem schmalen Weg durch eine offene Landschaft." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="694" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-Midnight_at_the_glassworks2b1-1024x694.jpg" alt="Drei Arbeiter posieren zwischen großen Rohren und industriellen Maschinen in einem dunklen Fabrikinneren." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="720" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Little_Lottie_a_regular_oyster_shucker_in_Alabama_Canning_Co._She_speaks_no_English._Note_the_condition_of_her_shoes..._-_NARA_-_523398-1024x720.jpg" alt="Mehrere Frauen arbeiten in einer Werkstatt und bearbeiten Waren mit kleinen Schalen auf einem Holztisch." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="735" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1024px-Lewis_Hine_Power_house_mechanic_working_on_steam_pump1-735x1024.jpg" alt="Ein Arbeiter kniet und arbeitet mit einem Werkzeug an der großen, verschraubten Flanschplatte einer industriellen Maschine." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="820" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1920px-Old_timer_structural_worker21-1024x820.jpg" alt="Ein Mann steht auf einem Metallgerüst und blickt über eine ausgedehnte Großstadt-Skyline mit vielen Wolkenkratzern." /></figure></li></ul></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/kinderarbeit-fragen-und-antworten/275272" target="_blank">Unicef &#8211; Kinderarbeit weltweit: Die 7 wichtigsten Fragen und Antworten</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/foto-des-jahres/wettbewerb-2019" target="_blank">Unicef Foto des Jahres</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/?pk_source=GoogleAds&amp;pk_campaign=cpc&amp;pk_kwd=kinder%20arbeit" target="_blank">aktiv gegen kinderarbeit</a></li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="ddiOJLuu2mo" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ddiOJLuu2mo.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="pOIvdhmMaOE" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_pOIvdhmMaOE.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="bQYrBniB5FU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_bQYrBniB5FU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="lSuxF1cm94c" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_lSuxF1cm94c.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="ciHVrkfoC-g" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ciHVrkfoC-g.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Tranksript</strong></p>

<p>Als die Industrialisierung in Ländern wie den USA ankam, brauchte sie vor allen Dingen eins: billige Arbeitskräfte. Und die billigsten Arbeitskräfte, das sind die Kinder armer Familien. Sie sind billig, sie sind schnell, sie trauen sich nicht, zu streiken und es gibt viele. Kein Wunder, dass die Land auf, Land ab im Einsatz sind. Sie sind Minenarbeiter, Fabrikarbeiter, helfen bei Ernten, laufen als Botenjunge und Zeitungskinder durch die Straßen.</p>

<p>Und die Menschen, die nicht zu den Armen gehören, schauen sich das an und finden nichts dabei, denn sie wissen ja nichts über die Bedingungen, bei denen diese Kinder arbeiten. Ein Zustand, der sich dank der Fotografien eines bemerkenswerten Mannes ändern sollte: Lewis Wickes Hine.</p>

<p>Ich habe so einige Stunden diese Woche damit zugebracht, mich durch Lewis Hines Bilder zu blättern. Es gibt vom Taschenverlag ein Buch, in dem sein Gesamtwerk abgebildet ist. Geboren wird er im Jahr 1874 in Wisconsin. Als sein Vater stirbt, als er gerade mal 16 war, wird es notwendig, dass er zum Familieneinkommen beiträgt, und so fängt Lewis zu Arbeiten an. Ob da vielleicht sogar schon ein Grundstein für sein späteres Werk gelegt wird, kann man nur spekulieren, aber in jedem Fall weiß man, dass Lewis von Anfang an viel mit der arbeitenden Bevölkerung zu tun hatte, mit Menschen, die nicht immer gut gestellt waren.</p>

<p>Es ist das Jahr 1900, als er ein Pädagogikstudium in Chicago beginnt und wenige Jahre später an der Ethical Culture School in New York eine Anstellung als Lehrkraft antritt. Hier findet Lewis Hine auch zur Fotografie, damals noch im Kollodium-Nassplatten-Verfahren, und beginnt irgendwann schließlich auch Fotokurse zu geben.</p>

<p>An seiner Schule sind viele Einwanderer eingeschrieben, hauptsächlich osteuropäischer oder jüdischer Abstammung. Ein Großteil der Einwanderer in der damaligen Zeit kommen durch New York. Und alle mussten Station auf Ellis Island machen, einer kleinen Insel im Hudson River, auf dem die Einwanderungsbehörden der USA sämtliche Formalitäten erledigen. Alle Migranten, die zu der Zeit von der Seite in die USA einreisen, müssen durch diese Insel.</p>

<p>Und Lewis beschließt, daraus ein Fotoprojekt zu machen. Es entstehen die ersten eindrücklichen Aufnahmen von Einwanderern, Menschen, die sich den Formalitäten unterwerfen, die dort Treppen hochsteigen und in Warteräumen sitzen.</p>

<p>Das, was Lewis Hine schon damals macht, hat heute einen Namen, nämlich Sozialreportage, aber zu der Zeit gab es das kaum. Niemand machte sich die Mühe, Menschen dabei zu fotografieren, wie sie ihrem Alltag nachgingen. Und schon gar nicht, wenn diese Menschen im Grunde benachteiligte, oft arme Leute aus anderen Ländern sind. Lewis spricht auch mit seinen Fotomotiven, er macht Notizen. Und so wissen wir oft nicht nur, welche Szene eine Aufnahme zeigt, sondern haben auch Details zu einzelnen der Menschen, die darauf abgebildet sind. Name, Alter, woher sie kommen, was sie machen.</p>

<p>Je mehr Lewis fotografiert, desto mehr beginnt er auch, sich für die theoretische Seite seiner Leidenschaft zu interessieren. Er fängt an, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Das Themenspektrum ist weit: Mal geht es um die Wirkung von Fotografien, mal schreibt er über die pädagogischen Ideen in seiner Arbeit. Und dann wieder äußert er sich zu den sozialen Bedingungen, die er antrifft.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der er auch den Soziologen Paul Kellogg kennenlernt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift namens &#8222;The Survey&#8220; und Lewis Hine wird in den folgenden 30 Jahren Bilder in diesem Magazin veröffentlichen. Zu der Zeit, als die zwei Männer sich kennenlernen, arbeitet Kellogg gerade an einer Studie, in der er sich mit den Zuständen in der aufstrebenden Industriestadt Pittsburgh beschäftigt und Lewis Hine soll die Fotografien zu diesem Projekt beisteuern. Kellogg geht es darum, die wirtschaftlichen Faktoren mit der Politik seiner Zeit durch Reportageelemente zu verbinden und da sind natürlich Fotografien einzigartig mächtig.</p>

<p>Hine fährt also durch die Industrieanlagen Pittsburghs und macht Fotos von den Arbeitern und ihren Familien und wer zu der Zeit in Fabriken fotografiert, konnte gar nicht anders, als auch Kinder beim Arbeiten zu sehen. Und auch die fotografiert Hine.</p>

<p>Jetzt ist es nicht so, dass Hine als erster Kinderarbeit entdeckt hat. Tatsächlich hat zu der Zeit die USA ein immer deutlicher werdendes Kinderarbeitsproblem. Im Jahr 1910 sind über 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren nicht in der Schule, sondern im Beruf. Die Arbeiten sind oft anstrengend und nicht selten auch gefährlich und so kommt es auch immer wieder auch zu bedauerlichen Unfällen. Es gibt kaum eine Gesetzeslage, die die Kinder schützen würde. Und es gibt nur wenige, die für diesen Schutz kämpfen.</p>

<p>Es ist dieses Klima, in dem das National Child Labor Committee gegründet wird, eine Non-Profit-Organisation, die sich für entsprechende Gesetzgebung einsetzen will und die Macht der Bilder erkennt. Hine hat sich zu der Zeit bereits einen Namen mit seinen Fotografien für die Studie und seinem Projekt auf Ellis Island gemacht und so beschließt das NCLC, einen offiziellen Fotografen anzustellen und wendet sich an ihn. Er sagt zu und die nächsten Jahrzehnte wird Hine kreuz und quer durch die USA reisen und Kinder fotografieren. Und diese Bilder werden in &#8222;The Survey&#8220;, in Publikationen der NCLC oder auch in Vorträgen und anderen Publikationen von Lewis Hine selbst veröffentlicht.</p>

<p>Nach und nach greifen auch immer öfter Zeitungen auf Bilder von Lewis Hine zurück. Und als US-Politiker anfangen, erste Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen, sind es die Bilder von Lewis Hine, die letztlich den Ausschlag geben. Er hat ganze Serien von Aufnahmen, wo kleine Kinder, manchmal nur vier oder fünf Jahre alt, an gigantischen Maschinen arbeiten, wo Kinder zwischen sieben und zwölf in Minen arbeiten, Bilder von Kindern, die ihre Hände in Maschinen gebracht haben und seitdem invalide sind, Fotografien von Zeitungsjungen, die von drei Uhr Nachts bis Abends um elf Zeitungen verkaufen und dafür zehn Cent am Tag verdienen.</p>

<p>Und Lewis hat nicht nur diese Bilder, er hat auch immer ein paar Zeilen dazu. Er weiß, wer auf dem Bild ist. Lewis schreibt auf, welches Alter die Kinder angeben und welches Alter er schätzt. Inzwischen weiß er, auf welcher Höhe ungefähr jeder Knopf auf seinem Mantel ist und er kann durch Abzählen der Knöpfe grob schätzen, wie groß die Kinder sind und eine grobe Altersangabe machen.</p>

<p>In manchen Fabriken ist er natürlich nicht willkommen. Die Vorarbeiter sehen es nicht gerne, dass ein Fotograf auftaucht. Und so findet er alle möglichen Wege, um sich seine Fotos zu besorgen. Manchmal gibt er sich als Vertreter für Bibeln aus und sagt, er hat eine Kamera dabei, damit er seine Kundinnen und Kunden beim Bibellesen fotografieren kann, besonders Kinder mit Bibeln wären ihm sehr recht. Oder er stellt sich mit seiner Kamera einfach vor die Fabrik und fotografiert die Kinder beim Kommen und Gehen.</p>

<p>Lewis Hine macht tausende solcher Aufnahmen. Aber das berühmteste seiner Bilder zeigt die kleine Sadie Pfeifer. Sie ist eines von vielen kleinen Kindern, die in einer Baumwollspinnerei die Maschinen bedienen.</p>

<p>Was ich sehr interessant fand, war, beim Durchblättern von Lewis Hines Werk, dass er anders als seine Zeitgenossen zu fotografieren schien. Seine Bilder haben meistens einen sehr präzisen Bildaufbau. Ich schätze, daran erkennt man unter anderem auch den Fotolehrer. Aber der Bildaufbau bei Lewis Hine ist im Grunde immer der Gleiche. Je nach Bildmotiv sind zum Beispiel Kinder auf der rechten Seite vor einer an ihm vorbeilaufenden großen Maschine abgebildet, immer ungefähr in derselben Position. Oder kleine Kinder stehen in der Mitte der Aufnahme und schauen direkt in die Kamera, die Kamera ganz offensichtlich leicht unterhalb ihrer Augenlinie, sodass man nach oben schauen muss. Lewis begibt sich grob auf Augenhöhe seiner fotografierten Kinder und dadurch werden die Betrachterinnen und Betrachter dazu gezwungen, sich mit dem Motiv zu identifizieren. Außerdem arbeitet Lewis Hine mit selektiver Schärfe. Die Schärfe liegt präzise auf dem Kind.</p>

<p>Der Hintergrund und der Vordergrund verschwimmen in aller Regel leicht in der Unschärfe. Man sieht eine gewaltige Maschine mit einem Streifen Schärfe dran und ein arbeitendes oder Pause machendes Kind. So lassen sich diese Aufnahmen kombinieren, nebeneinander stellen, es ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Bildern, die den industriellen Komplex in den USA noch mächtiger aussehen lassen.</p>

<p>Und seine Bilder beeindrucken. Es gibt ja ungefähr zu der Zeit noch einen anderen großen sozialen Fotografien, nämlich Jacob Riis. Die beiden Männer kannten sich sogar. Während Jacob sich mit den Lebensbedingungen der Menschen in New York und in den USA allgemein beschäftigte, ging es Lewis in erster Linie um die Arbeitsbedingungen. Und seine Arbeit zeigt Wirkung. Nach und nach werden entsprechende Forderungen aufgestellt und Gesetzesentwürfe veröffentlicht. Riis ist zu der Zeit der Chef der NCLC Ausstellungsabteilung und macht bis zu elf Fotoausstellungen im Jahr. Und die Ausstellungen touren zum Teil bis zu 60 Städte.</p>

<p>Im Jahr 1912 gründet die US-Regierung das US Children&#8217;s Bureau, 1916 bis 1918 werden dann endlich Gesetze verabschiedet, die Kinder schützen sollen. Allerdings greifen diese Gesetze in die Autonomie der US-Bundesstaaten ein und so kommt es schnell zu Klagen, woraufhin das oberste Gericht der USA diese Gesetze zunächst wieder annulliert.</p>

<p>Ultimativ dauert es bis in die 30er, bis die USA ordentliche Kinderschutzgesetze verabschieden. Und der Hintergrund ist damals auch ein zynischer: Die Weltwirtschaftskrise schlägt zu. Und die ersten, die durch die Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit verlieren und nicht mehr gebraucht werden, sind die Kinder der Armen, dicht gefolgt von den Armen selbst. Und in einer Wirtschaft, in der es sowieso nicht genügend Arbeit gibt, um alle zu beschäftigen, ja, da hat sich das mit der Kinderarbeit auch erstmal erledigt. Und dieser Moment wird dann vom Gesetzgeber auch genutzt. Als die Weltwirtschaftskrise vorbei ist, gibt es in den USA ordentliche Kinderschutzgesetze, auch auf Bundesebene.</p>

<p>Und Lewis Hine kann von sich behaupten, einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser gesamten Bewegung gehabt zu haben. Und das galt natürlich insbesondere deswegen, weil Lewis Hine einen fotografischen Stil und ein Thema gewählt hatte, das so noch nie dagewesen war und die Menschen aufrüttelte. Eltern sahen Kindern in die Augen, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten und da war es einfach sehr klar, dass eine Schule ein besserer Ort für ein Kind ist. Die so bebilderten Kampagnen rannten dann offene Türen ein.</p>

<p>Und so blieb es auch bei Lewis Hine nicht bei den Bildern von Kinderarbeitern, nach mehreren Jahren Fotografie mit sozialem Auftrag fand er ein neues Schaffensfeld: Er wurde vom Roten Kreuz angestellt und nach Europa geschickt. Dort fotografierte er die Bemühungen des Roten Kreuzes, also zum Beispiel in Kriegslazaretten. Und auch hier richtet er seine Kamera auf den Alltag und auf die einfachen Leute, Krankenschwestern, Veteranen, die Familien der verletzten Soldaten, die Kriegsweisen.</p>

<p>Und was man hier auch nach und nach sieht, ist, dass Hine seinen Blickwinkel verändert. Aus Fotografien, die auf soziale Missstände hinweisen, werden Bilder der Arbeiterklasse.</p>

<p>Als er dann in die USA zurückkehrt, ist das sein Haupttätigkeitsfeld. Wieder reist er durch die USA und wieder fotografiert er hauptsächlich die einfachen Menschen, aber jetzt die Arbeiter und jetzt auch oft mit einem deutlich positiverem Blick. Seine Bilder werden regelmäßig in Firmenzeitungen abgedruckt oder für Werbekampagnen gekauft. Und irgendwann bekommt er den Auftrag, das im Bau befindliche Empire State Building als offizieller Baustellenfotograf zu begleiten.</p>

<p>Und hier bringt er alles zusammen, was er in den Jahrzehnten zuvor an Kenntnissen zusammengetragen hatte. Er ist an den Arbeitern interessiert. Im Stil sehen die Bilder sehr vertraut aus. Ich hab ähnliches von <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> gesehen, oder auch Bilder wie &#8222;Lunch atop a Skyscraper&#8220;, wo ein Stahlträger mit darauf sitzenden Arbeitern abgebildet ist, sehen sehr ähnlich aus wie Aufnahmen, die Lewis Hine hinterlassen hat. Männer, die auf Stahlträgern in schwindelnder Höhe balancieren. In diesen Aufnahmen gibt es keine Missstände anzuprangern. Hine nutzt seine Ästhetik, um den einfachen Mann bei der Arbeit zu feiern. Und diesem Thema bleibt er dann auch bis zum Ende seines Lebens treu.</p>

<p>Nach dem Empire State Building gibt es jetzt keine großen Aufträge mehr, aber Hein fotografiert bis zu seinem Lebensende weiter, meistens Portraits. Und weil er nicht besonders geschäftstüchtig ist, geht ihm nach und nach auch das Geld aus. Als seine Frau stirbt, ist er fast mittellos, zieht bei seinen Kindern ein und beschäftigt sich bis zu seinem Tod mit Schreiben und Fotografieren. Und geriet dann erstmal in Vergessenheit.</p>

<p>So richtig berühmt war er sowieso nie geworden. Seine Arbeit war immer im Schatten anderer Frontfiguren gestanden und so dauert es fast bis in die 70er, bis eine groß angelegte Ausstellung sein Werk nochmal der Öffentlichkeit vorstellt und damit sehr deutlich macht, wie viel Einfluss seine Arbeit auf die Bildarbeit der damaligen Zeit hatte. Die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die parallel zu ihm oder kurz nach ihm kamen, kannten seine Fotografien ja sehr wohl. Seine Bilder waren Inspirationsquelle, seine Essays waren gelesen worden und so erkennt man seinen Einfluss bis heute. Und bis heute gibt es auch <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die sich mit denselben Themen beschäftigen. Da gibt es Bildbände, in denen einfache Arbeiter portraitiert werden und es gibt Bücher, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen.</p>

<p>Wir haben jetzt gerade, während ich aufnehme, das Jahr 2021 und laut der UNICEF ist dieses Jahr zum ersten Mal wieder mal ein Jahr, in dem die Kinderarbeit global zugenommen hat. 160 Millionen Kinder unter 14 Jahren arbeiten weltweit unter Bedingungen, unter denen Kinder nicht arbeiten sollten. Und damals wie heute gibt es Menschen, die darauf aufmerksam machen und versuchen, mit Fotografien aufzurütteln. Leider ist unsere Welt viel, viel zynischer geworden und deswegen reicht schon lang keine fotografische Arbeit mehr aus, um Regierungen zum Handeln zu bewegen. Was aber nicht heißt, dass es das nicht weiterhin wert ist. Lewis Hine hätte gesagt, es ist es immer wert, dem Menschen zu zeigen, was sonst viel zu einfach wegzuignorieren ist. Und ich finde: Da hat er Recht.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 09 Oct 2021 15:44:06 GMT</pubDate>
            <enclosure url="https://fotomenschen.kopfstim.me/audio/fm62_lewis_hine.mp3" length="14811429" type="audio/mpeg" />
            <itunes:duration>16:08</itunes:duration>
        </item>
        <item>
            <title>Das Leben der Anderen</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/das-leben-der-anderen.html</link>
            <guid isPermaLink="true">https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/das-leben-der-anderen.html</guid>
            <description>Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis. Er schreibt gegen das soziale Elend New Yorks an und beginnt irgendwann zur Illustration zu fotografieren&#8230; Herauskam eines der wenigen Fotobücher das wirklich für sich reklamieren kann die Welt verändert zu haben. </p>

<ul><li>Jacon Riis (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_August_Riis" target="_blank">Deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Jacob_Riis" target="_blank">Englisch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://iiif.lib.harvard.edu/manifests/view/drs:4137257$1i" target="_blank">How the Other Half Lives</a> (Digitalisat der Havard Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://iiif.lib.harvard.edu/manifests/view/drs:3197856$1i" target="_blank">Making of an American</a> (Biografie, Digitalisat der Havard Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.icp.org/browse/archive/constituents/jacob-riis?all/all/all/all/0" target="_blank">Jacob Riis</a> (International Center of Photography)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250613000514/https://www.smithsonianmag.com/history/pioneering-social-reformer-jacob-riis-revealed-how-other-half-lives-america-180951546/" target="_blank">Pioneering Social Reformer Jacob Riis Revealed “How The Other Half Lives” in America</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2015/10/23/arts/design/jacob-riis-photographs-still-revealing-new-yorks-other-half.html" target="_blank">Jacob Riis Photographs Still Revealing New York’s Other Half</a> (NYTimes)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/koennen-rechtfertigen-11630320.html" target="_blank">Wie können sie das rechtfertigen?</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="567" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_271_1982_461405_displaysize.jpg" alt="Mehrere Männer sind in einem Innenraum versammelt; ein Mann sitzt im Vordergrund, während die anderen stehend gruppiert sind und rechts liegt ein großer Haufen Stoffe."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="569" height="700" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_266_1982_419580_displaysize.jpg" alt="Menschen liegen auf dem Boden einer engen, städtischen Gasse, die von Gebäuden mit Metalltreppen und Holzstrukturen begrenzt wird."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="563" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_250_1982a_431080_displaysize.jpg" alt="Mehrere Männer ruhen in einem überfüllten Innenraum, der mit Kochgeschirr und Haushaltsgegenständen gefüllt ist."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="557" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_203_1982_447394_displaysize.jpg" alt="Ein älterer Mann mit Hut sitzt in einer schwach beleuchteten, überfüllten Werkstatt, die mit gestapelten Materialien und Behältern gefüllt ist."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="568" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_227_1982_433095_displaysize.jpg" alt="Mehrere Personen sitzen in einem dunklen, rustikalen Lokal an Tischen und einer Theke."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="568" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_183_1982_419981_displaysize.jpg" alt="Ein Schwarz-Weiß-Foto von dicht gedrängten, alten Holzhäusern mit Satteldächern vor dem Hintergrund moderner Hochhäuser."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="750" height="926" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/jacob-riis-how-the-other-half-lives-3.jpg" alt="Eine enge Gasse mit Gebäuden auf beiden Seiten, an der Wäsche zwischen den Häusern hängt und mehrere Personen zu sehen sind."/></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="JqpQzyK96uk" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_JqpQzyK96uk.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="K3NwFB9zuF8" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_K3NwFB9zuF8.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="giQbA-rTEWo" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_giQbA-rTEWo.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wir glauben ja gerne, dass Fotografie die Welt verändern kann, aber in Wahrheit fällt es dann doch sehr schwer, Beispiele zu finden, wo das wirklich und nachweislich geschehen ist. Heute geht es um so ein Beispiel; um einen Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, in der alles vorkommt: Vollständiger Absturz ins Elend, Aufstieg zu Reichtum und Einfluss, eine Jahrzehnte überdauernde Liebesgeschichte, innovative Fotografie und Bilder, die die Welt verändert haben.</p>

<p>Der Mann, von dem ich heute erzähle, ist einer der Gründerväter der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a> und der sozialen Fotografie. Er war ein Reporter, er selbst hätte sich nicht als Fotograf beschrieben, er hätte gesagt, er ist in erster Linie ein Autor, ein Journalist, ein Beobachter der Menschen. Es dauerte 50 Jahre, bevor man in als das erkannte, was er eigentlich war: Ein Fotograf, dessen Stil ein ganzes Genre geprägt und für grundlegende Veränderung gesorgt hatte.</p>

<p>Dabei dauert es tatsächlich relativ lang, bis er selbst zu seiner Berufung gefunden hatte. Jakob Riis wurde 1848 als drittes Kind von 15 in Dänemark in einen Lehrer- und Journalistenhaushalt geboren. Sein Vater wünschte sich für ihn, dass er eine akademische Laufbahn oder doch wenigstens eine Karriere als Autor anstreben würde, aber der junge Jakob hatte praktischeres im Sinn und wollte Zimmermann werden. Ein lokaler Zimmerer stellte ihn als Lehrling an und so schien die Laufbahn als Handwerker schon mal gesetzt. Seine Familie wusste auch, dass es keinen Sinn machte, ihn umzustimmen zu versuchen. Er war ein recht eigenwilliger junger Mann.</p>

<p>Er war bekannt für ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und ein großes Herz. Es gibt eine überlieferte Anekdote vom damals gerade mal 12 Jahre alten Jakob, dass er einmal sein gesamtes erspartes Geld einer armen Familie angeboten hatte, wenn die im Gegenzug ihr heruntergekommenes Zuhause reinigen und aufbessern würden. Die entschieden sich, das Geschäft anzunehmen und hielten sich an die Abmachung. Als Jakobs Mutter von der Geste erfuhr, machte sie sich spontan auf den Weg und half der Familie bei den Arbeiten.</p>

<p>Aber zurück zu Jakob, den 16-jährigen Zimmereilehrling. Wer weiß, was später passiert wäre, hätte er sich nicht in die damals 12-jährige Tochter seines Meisters verliebt. Sie war der Verbindung eigentlich nicht abgeneigt, aber, wie man sich vorstellen kann, war weder sein Meister noch seine Familie sonderlich begeistert. Um die Situation zu bereinigen, schickt ihn sein Vater für die verbleibenden drei Jahre seiner Ausbildung in das weit entfernte Kopenhagen. Da, so hofft er, wird sich sein Sohn die Flausen aus dem Kopf schlagen und wenn er zurückkommt mit abgeschlossener Ausbildung seinen Weg gehen, wie von ihm erwartet.</p>

<p>Wieder hat man die Rechnung ohne Jakob gemacht, der kommt mit 19 zurück, wilder entschlossen den je, die jetzt 15-jährige Tochter zu heiraten. Sein ehemaliger Meister ist jetzt so wenig begeistert, wie er drei Jahre zuvor begeistert war und lehnt ab.</p>

<p>Und so beschließt Jakob in seinem Kummer und seinem Ärger, das zu tun, was gar nicht wenige junge Männer gemacht haben: nämlich in die neue Welt aufzubrechen. Er ist 21, als er sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht. In seinem Gepäck hat er 40 Dollar, die seine Freunde für ihn gesammelt haben, die Überfahrt hat er aus eigener Tasche bezahlt, das waren ungefähr 50 Dollar. Und als kleines Abschiedsgeschenk steckt ihm die Frau seines ehemaligen Meisters noch etwas ganz Besonderes zu: eine Strähne von seiner großen Liebe Elisabeth. Stellt sich heraus: Nicht nur die Tochter wäre eigentlich zugeneigt gewesen, auch die Mutter hatte eigentlich nichts gegen die Verbindung. Trotzdem ist Jakob jetzt schonmal auf dem Weg und er hat natürlich auch den Anspruch, allen zu zeigen, wozu er imstande ist und sein Glück zu machen in der neuen Welt.</p>

<p>Jakob kommt 1870 in New York an. Es ist eine Welt im Umbruch. Nicht nur sind Millionen Menschen aufgebrochen, um in den USA ihr Glück zu versuchen, der amerikanische Bürgerkrieg hat außerdem noch dafür gesorgt, dass die Menschen vom Land in die Städte gezogen sind. Die Städte sind die Orte, an denen die Industrialisierung für Möglichkeiten und Arbeit sorgen und manche Stadt verachtfacht in dieser Zeit ihre Bevölkerung.</p>

<p>Jakob kommt auch in Zustände, die wir uns heute, glaube ich, gar nicht mehr vorstellen können: 1880 gibt es in New York in der Lower East Side einen Distrikt, in dem 334000 Menschen auf einer Quadratmeile untergebracht sind &#8211; die dichtest besiedelte Meile der Welt. In und um New York bilden sich Slums der übelsten Sorte. Unterkünfte, in denen 10 bis 15 Menschen in einem einzelnen kleinen Zimmer schlafen müssen, sind die Norm. Die Polizei betreibt Armenunterkünfte, Menschen, die auf der Straße eingesammelt werden, werden dorthin zwangseingeliefert, müssen dann da in ähnlich beengten Verhältnissen schlafen und hinterher 5 Cent pro Übernachtung abdrücken. 5 Cent ist für die damals oft mittellosen, armen Menschen ein Heidengeld. Denn hätten die diese 5 Cent, dann hätten die auch noch billiger schlafen können. Es gibt sogenannte 2-Cent-Kneipen, in denen man für 2 Cent einen Teller Suppe und das Recht, die Nacht dort im Sitzen zu schlafen, kaufen kann.</p>

<p>Jakob landet in diesem Viertel an. Er hat 40 Dollar, ist also zunächst mal ordentlich versorgt und er hat ein Empfehlungsschreiben für den dänischen Botschafter in der Tasche, sollte er Hilfe brauchen. Die ersten 20 Dollar sind leicht investiertes Geld, er kauft sich nämlich sofort einen Revolver, um sich gegen menschliche oder tierische Angreifer wehren zu können. Die anderen 20 Dollar sollen ihm über die Zeit helfen, die er braucht, um Arbeit zu finden. Jakob versucht sich als Stahlarbeiter und als Zimmerer, lernt aber schnell, dass es für Immigranten zwar viel harte Arbeit, aber wenig Bezahlung gibt.</p>

<p>Als er davon hört, dass Frankreich Preußen den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> erklärt hätte, versucht er, für Frankreich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> zu ziehen und sich einziehen zu lassen; erfolglos.</p>

<p>Ab hier beginnt eine kleine Odyssee für Jakob: Er versucht sich als Farmhilfe, er arbeitet als Steinmetz für ein lokales Maurerunternehmen und versucht, jede Gelegenheit zu nutzen, doch noch für Frankreich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> ziehen zu dürfen. Irgendwann hört er von Plänen einer Gruppe Freiwilliger von New York aus in den Krieg aufzubrechen und macht sich damit dann auch selbst wieder auf den Weg zurück in die große Stadt. Zu der Zeit schläft er mehr unter freiem Himmel als unter einem Dach. Er ernährt sich von Fallobst, er ist auf Almosen angewiesen und obwohl er versucht zu arbeiten verdient er kaum genug, um sich gelegentlich mal eine Unterkunft leisten zu können. Als er zurück in New York ist, stellt er fest, dass das Gerücht zwar stimmte, er aber zu spät gekommen war. In New York war es auch schwerer, einfach unter freiem Himmel zu schlafen und so schließt Jakob erste Bekanntschaften mit den von der Polizei betriebenen Unterkünften. Er ist so angewidert von den Zuständen, die er vorfindet, dass er sich wenig später wieder auf den Weg macht.</p>

<p>Seine wenigen Besitztümer hatte er sowieso nach und nach verkauft: Die Waffe hat er zum Beispiel schon lange nicht mehr. Und mit dem letzten Seidentaschentuch, das er noch in seiner Tasche fand, kauft er sich eine Fährkarte und macht sich auf den Weg nach Philadelphia. Auf dem Weg dahin nimmt er jede Arbeit, die sich bietet und er schafft es nach Philadelphia, wo er dann mit dem Empfehlungsschreiben, das ihm seine Eltern mitgegeben hatten, vor dem dänischen Konsul vorstellig wird, der ihn aufnimmt und zwei Wochen lang wieder aufpäppelt.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der er dann tatsächlich sowas wie ein ordentliches finanzielles Standbein aufbauen kann. Er arbeitet als Zimmermann und fängt an, so viel Geld zu verdienen, dass er sich es leisten kann, nebenher als Autor zu experimentieren. Er schreibt Artikel, die er bei lokalen Zeitungen und Magazinen einreicht, allerdings mit wenig Erfolg. Seine Themen finden nicht viel Anklang, seine Schreibe ist oft zu polemisch. Er kehrt also zurück nach New York City. Dort versucht er, mit allem möglichen Fuß zu fassen und ist einigermaßen erfolgreich als Vertreter für Bügeleisen.</p>

<p>Die Geschäfte laufen gut. Nicht lange und er hat Angestellte und Vertretungen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten. Er ist der Hauptvertreter einer Bügeleisenmarke im Bundesstaat Illinois und auch in Pennsylvania ist er aktiv. Allerdings ist Jakob auch chronisch gutmütig und gutgläubig und so dauert es auch nicht lange, bis er an die falschen gerät und von Geschäftspartnern komplett über den Tisch gezogen wird.</p>

<p>Außerdem ereilte ihn eine Hiobsbotschaft. Elisabeth, die junge Frau, deren goldene Locke er seither in einer Schachtel immer am Herzen trägt, ist verlobt. Jakob ist am Boden zerstört und macht das, was er da anscheinend immer macht, nämlich nach New York zurückkehren. Wieder ist er ohne Finanzmittel, wieder ist er arbeitslos, wieder ist er in New York.</p>

<p>Allerdings hat er inzwischen Übung in der Kunst des Artikelschreibens und in New York gibt es Bedarf an Menschen, die schreiben können. Er bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung als Redakteur beim Long Island Newspaper und kriegt den Job. Es ist ein relativ hoch dotierter Job und es ist schon fast verdächtig, dass ein Newcomer wie er diesen Job einfach so bekommt. Kaum hat er die Stelle, stellt er fest, warum das so ist: Der Besitzer der Zeitung ist ein derart ausbeuterischer und unehrlicher Geselle, dass alle anderen Kandidaten abgelehnt hatten oder ihm davongelaufen waren. Und so hält es auch Jakob gerade mal zwei Wochen in dieser Stelle.</p>

<p>Jetzt ist er wieder arbeitslos. Äußerlich aussehend wie ein Landstreicher, aber immer noch ganz gut vernetzt, wird ihm zugetragen, dass die New York News Association nach einem Trainee suchen würde. Jakob wäscht sich dürftig in einem Pferdetrog und macht sich auf den Weg zu dem Interview und obwohl er aussieht wie ein Landstreicher, schafft er es, die zuständigen zu überzeugen und bekommt diese Stelle. Das ist tatsächlich ein roter Faden durch die gesamte Biografie von Jakob: Wann immer er die Gelegenheit bekommt, mit Menschen zusammenzutreffen, scheint er sie davon zu überzeugen, dass sie ihr Vertrauen in ihn setzen können. Ganz egal, wie er aussah.</p>

<p>Jakob hatte ein besonderes Talent, zwischen den verschiedenen Schichten hin und her zu wechseln und gleichermaßen über die Reichen wie über die Ärmsten der armen schreiben zu können. Er arbeitet hart und es zahlt sich für ihn aus. Nach und nach baut er sich ein kleines Vermögen auf, kann auch schnell seine Schulden zurückzahlen und gewinnt Routine in der Arbeit eines Journalisten. Die Zeitung, bei der er arbeitet, macht ihn schnell zum Hauptredakteur, allerdings steht sie auch kurz vor dem Bankrott. Und Jakob kämpft dagegen an, wie alle anderen, die bei dieser Zeitung arbeiten.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der sich einerseits nach und nach finanzielle Stabilität für ihn einstellt, andererseits die Firma, bei der er angestellt ist, auf den Bankrott zusteuert, als ihn die Nachricht ereilt, dass daheim in Dänemark zwei seiner älteren Brüder, seine Tante und der Verlobte seiner Elisabeth gestorben waren. Jakob will nach Dänemark zurückkommen, um seine Brüder zu betrauern, aber er sieht natürlich auch die Gelegenheit, Elisabeth endgültig für sich zu gewinnen und macht ihr einen Antrag, schriftlich, per Post.</p>

<p>Und um zu zeigen, dass man ihm vertrauen kann und dass man auf ihm eine Existenz aufbauen kann, beschließt er, mit seinen Ersparnissen die kurz vor dem Bankrott stehende Zeitung zu kaufen und in die schwarzen Zahlen zu führen. Das schafft er zwar nicht, aber seine Zeitung ist so unbequem, dass ihm Lokalpolitiker anbieten, die Zeitung von ihm zurückzukaufen, und zwar für knapp den fünffachen Betrag, den er dafür investiert hatte. Und so war Jakob durch glückliche Fügung praktisch über Nacht zu kleinem Reichtum gekommen, der es ihm erlaubte, sorgenfrei nach Dänemark zu fahren und dort seiner Elisabeth ganz regulär den Hof zu machen. Die beiden heiraten und als das Geld dem Ende zuneigte, zogen sie wieder zurück nach New York, wo Jakob sich auf die Suche nach einer Anstellung bei einer lokalen Zeitung machte.</p>

<p>Es ist der New York Tribune, der ihn schließlich als Polizeireporter einstellt. Sein Büro ist gegenüber der Polizeistation, die für den damals größten Slum der Welt, die Slums von New York City, zuständig war. Jakob begleitet die Polizisten auf ihren Einsätzen und er sieht alles, was man nur an menschlichem Elend, an Gewalt und an Verbrechen zu Gesicht bekommen kann.</p>

<p>Und er schreibt dagegen an. Er selbst war ja oft genug als obdachloser unterwegs und hat deswegen einen persönlicheren Zugang zu vielen der Themen als so mancher seiner Leserinnen und Leser. Und eigentlich macht er sich auch keine Illusionen. Die Menschen, denen es damals gut geht, die interessiert nicht, wie es den ärmeren geht. Sie wissen nichts darüber, sie erfahren kaum etwas darüber und Artikel, die Jakob schreibt, egal, wie blumig die Sprache, egal, wie leidenschaftlich die Worte, dringen nicht durch diesen Panzer.</p>

<p>Anfangs wird er in seinem Schreibstil einfach nur noch melodramatischer und eindringlicher. Als er damit anscheinend nichts bewirken kann, denkt er über Zeichnungen und Skizzen nach, allerdings ist er kein besonders guter Zeichner, deswegen gibt er die Idee besonders schnell wieder auf.</p>

<p>Die fotografische Technik der damaligen Zeit, wir reden von den 1880ern, ist nicht geeignet, um bei schlechten Lichtverhältnissen Straßenszenen festzuhalten. Jakob ist oft nachts oder in der Dämmerung unterwegs und würde sehr gerne fotografieren, aber die Bilder sind meistens vollkommen unbrauchbar. All das ändert sich, als er 1887 von einer Erfindung der Deutschen Adolf Miethe and Johannes Gaedicke liest. Die hatten nämlich sogenanntes Blitzlichtpulver entwickelt. Das war eine Magnesiumpulvermischung, die in Patronen gefüllt wurde und mit einer Vorrichtung, die wie eine Pistole aussah, abgefeuert wurden und einen hellen Lichtblitz produzierten. Damit konnte man endlich auch nachts oder bei Dämmerung fotografieren.</p>

<p>Und er bringt mehrere dazu, mit ihm zusammen mit Blitzlichtpulverpatronen und Kamera bewaffnet in die Slums von New York einzudringen und Fotos zu machen. Und das Vorgehen war nicht ganz ungefährlich: Im Allgemeinen lief er durch die Stadt und wann immer er etwas fotografieren wollte, näherte er sich vorsichtig der Szene, löste den Blitz aus und lief dann so schnell er konnte mit seinem ganzen Equipment davon.</p>

<p>Wegen dem Risiko und den nächtlichen Arbeitsstunden blieben seine Freunde nicht lange bei der Stange und so war Jakob gezwungen, selbst zu lernen, mit den fotografischen Gerätschaften umzugehen, besonders, weil sehr, sehr deutlich wurde, dass seine Fotos eine Wirkung entfalteten, die seine Artikel nie gehabt hatten. Die Menschen sahen Bilder von Armut, die ihnen so bisher nie gezeigt worden waren. Mitglieder des Mittelstands oder der gehobenen Klassen gingen nicht in die Slums, sahen sich nicht an, wie Arbeiter lebten. Sie sahen weder den Dreck, noch das Elend, noch die Gewalt und die Brutalität, die in diesen Vierteln ihren Wohlstand mit sicherte.</p>

<p>Und Jakob bleibt nicht nur bei seinen Artikeln. Er verkauft Abzüge seiner Fotografien, er macht Lichtbildschauen, wo er mit einem Projektor auf einer Leinwand unter freiem Himmel Bilder projiziert. Er hält Vorträge, er schreibt Bücher. Es gibt mehrere Dinge, die er ganz konkret geändert sehen möchte. Er will, dass einzelne dieser Slumgebiete abgebaut und umgeformt werden. Er schlägt vor, Unterkünfte für die Armen zu bauen und die Slums zu Parks umzuwandeln. Und ganz besonders sind ihm die von der Polizei betriebenen Unterkünfte ein Dorn im Auge. Die Zustände dort sind fast noch elender als irgendwo in den Slums und eigentlich dienen die nur der Unterdrückung der Armen.</p>

<p>Es ist diese Zeit, als er den gerade frisch ernannten Polizeipräsidenten kennenlernt, ein Mann namens <a "/tags/theodore-roosevelt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="16" title="Theodore Roosevelt">Theodore Roosevelt</a>. Der hatte nämlich das Buch entdeckt, das als ein Meilenstein der sozialen <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> und sozialen Fotografie gilt und vielleicht eines der wenigen Beispiele ist, wo Fotografie tatsächlich zu echten Änderungen beigetragen hat. Das Buch trägt den Titel &#8222;How the Other Half Lives&#8220;. Es ist eine Mischung aus Artikeln von Jakob Riis und Fotografien und Zeichnungen, die auf Fotografien basieren.</p>

<p>Jakob macht sich bei seinen Fotografien nicht viele Gedanken um Komposition, oft sieht er ja gar nicht, was er fotografiert. Eines seiner berühmtesten Bilder wird in einem dieser Zwei-Cent-Lokalen aufgenommen. Dort hat er zwei Cent bezahlt, die ihn zum Schlafen und Suppe essen in einem überfüllten, stickigen Raum berechtigten. Er hat sich dort hingesetzt und als dann alle eingeschlafen waren, richtet er im Dunkeln auf dem Tisch die Kamera aus, öffnet das Objektiv und feuert die Blitzlichtpistole. Man sieht, wie beengt dieser Raum ist. Das Licht wird von der Decke reflektiert, es sieht fast so aus, als würde die Cholera in diesem Raum wabern. Und man sieht die Männer, die außenrum zum Teil verschreckt, zum Teil eben gar nichts mitbekommend auf den Tischen schlafen. Solche und andere Bilder, die ohne erkennbare künstlerische Komposition daherkommen, sind manchmal gerade deswegen besonders eindrücklich.</p>

<p>Roosevelt wurde jedenfalls durch dieses Buch auf ihn aufmerksam, tritt mit ihm in Kontakt und die beiden Männer formen eine Freundschaft, die ihr gesamtes Leben halten wird. Später wird Jakob für Roosevelt eine Kampagnenbiografie schreiben und Roosevelt wird sagen, dass er manche Dinge nie gemacht hätte, hätte er nicht die Bilder von Jakob Riis gesehen. Eine der Maßnahmen, die er noch als Polizeipräsident ergreift, ist, die Polizeischlafunterkünfte schließen zu lassen. Der Bundesstaat New York folgt dem Beispiel der Stadt New York und diesem Beispiel folgt wiederum der Rest des Landes. Und auch sonst nutzt Roosevelt seinen Einfluss, um der Sache, für die Jakob Riis kämpft, zu helfen, und sorgt dafür, dass die wichtigste Forderung von Jakob Riis tatsächlich Wirklichkeit wird. Die elendsten der Elendsviertel werden umgebaut. Die Menschen dort bekommen die Möglichkeit, in günstigere Wohnräume umzuziehen und der Slum wird dem Boden gleich gemacht und durch einen Park ersetzt.</p>

<p>Jakob schreibt mehrere Bücher, einige davon beschäftigen sich ausschließlich mit den sozial benachteiligten Menschen seiner Zeit. &#8222;How the Other Half Lives&#8220; ist das berühmte, aber es gibt auch noch &#8222;Children of the Poor&#8220;, das ist eine Art Fortsetzung mit besonderem Blick auf die Kinder und Familien. Jakob zeugt mit Elisabeth vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, und seine Familie bleibt eine Aktivistenfamilie. Sein jüngster Sohn steigt in seine Fußstapfen, wird auch ein Reporter und Aktivist, ein anderer geht zurück nach Dänemark und wird dort Director of Public Information in Kopenhagen und kämpft während des Ersten Weltkrieges gegen den steigenden Antisemitismus in der Region.</p>

<p>1905 wird seine Frau Elisabeth nach fast 30 Jahren Ehe plötzlich krank und stirbt überraschend. Für Jakob markiert das das Ende seiner Zeit in New York. Er heiratet erneut 1907 und zieht mit seiner neuen Frau nach Massachusetts auf eine Farm in Barre. Dort wird er dann bis zu seinem Tod 1914 bleiben.</p>

<p>Es wird fast 50 Jahre dauern, bis man ihn als den einflussreichen Fotografen anerkennt, der er war. In Rückschau stellt man fest, seine Fotos haben eine Handschrift, auch wenn er selbst sich nie Gedanken um Bildkompositionen gemacht hat, hatte er doch ein Auge für die Fotografie und die Bilder sind eindrücklich, bleiben im Gedächtnis. Und waren prägend fürs Medium: Viele, die nach ihm kamen, eiferten ihm nach. Das zu der Zeit noch junge Medium der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a> nimmt dann einige der ästhetischen Entscheidungen von Jakob auf und deswegen sehen die Bilder auch heute noch einigermaßen modern aus.&nbsp;</p>

<p>Und in später über ihn veröffentlichen Papern wird darüber spekuliert, dass einige der durch seine Fotos inspirierten Sozialreformen in der Region wahrscheinlich tausenden von Menschen das Leben gerettet und für das Einrichten von sanitären Anlagen und besserer Wasserqualität gesorgt haben. Alles Indizien dafür, dass Fotografien eben doch manchmal verändern können, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen.</p>

<p>Jakob Riis schwankte während seines Lebens mehrmals zwischen Obdachlosigkeit und Reichtum hin und her, verlor aber nie seinen moralischen Kompass. In mancherlei Hinsicht ist seine Lebensgeschichte fast schon typisch für die Immigranten der damaligen Zeit, aber gleichzeitig auch etwas sehr Besonderes, weil er eben mehrmals ganz am Boden ankam und dann trotzdem wieder die Energie fand, sich nach oben durchzukämpfen. Und er war ein Mann, dem es nicht darauf ankam, seine Verdienste aufgezählt zu bekommen.&nbsp;</p>

<p>Heute weiß man, dass seine Bilder unter anderem dafür gesorgt haben, dass die Wasserversorgung von New York deutlich hygienischer wurde und damit wahrscheinlich aller Einwohner Leben besserten. Es waren seine Artikel, die Politiker vor sich hertrieben, es waren seine Fotos, die für die notwendige Aufmerksamkeit sorgten und er sorgte für ein Bewusstsein für die weniger privilegierten Menschen der Gesellschaft der damaligen USA, das es vorher so nicht gegeben hatte.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 21 Aug 2021 12:45:34 GMT</pubDate>
            <enclosure url="https://fotomenschen.kopfstim.me/audio/fm55_jacob_riis.mp3" length="20427691" type="audio/mpeg" />
            <itunes:duration>22:49</itunes:duration>
        </item>
</channel>
</rss>