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    <title>Fotomenschen - Kodak Brownie</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Kodak Brownie&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sun, 07 Mar 2021 14:57:33 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Kodak-Momente</title>
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            <description>Kodak dominierte die Fotoindustrie über 100 Jahre und ihrem Gründer George Eastman fällt der Verdienst zu Fotografie von einem teuren Experten-Handwerk zu einem Massenphänomen gemacht zu haben.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p><a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> dominierte die Fotoindustrie über 100 Jahre und ihrem Gründer George Eastman fällt der Verdienst zu Fotografie von einem teuren Experten-Handwerk zu einem Massenphänomen gemacht zu haben. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Eastman" target="_blank">George Eastman</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://www.eastman.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">George Eastman House - Museum für Film und Fotografie</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://pm20.zbw.eu/folder/pe/004424" target="_blank">Zeitungsartikel über George Eastman</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20090216054701/https://www.library.rochester.edu/index.cfm?PAGE=864" target="_blank">George Eastman archive</a>&nbsp;(University of Rochester)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kodak#Einstieg_in_die_Digitalisierung" target="_blank">Kodak </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kodak_DCS_100" target="_blank">Kodak DSC100</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kodak_Nr._1" target="_blank">Kodak Nr. 1 </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kodak_Instamatic" target="_blank">Kodak Instamatik</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Steven_J._Sasson" target="_blank">Steven Sasson</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fotointern.ch/archiv/2020/03/22/wer-stellt-noch-filme-her/" target="_blank">Wer stellt noch Filme her?</a> (Fotointern.ch)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fotointern.ch/archiv/2020/08/16/was-vom-gelben-riesen-geblieben-ist/" target="_blank">Was vom gelben Riesen geblieben ist</a> (Fotointern.ch)</li></ul>

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<p>Transkript</p>

<p>George Eastman wird 1854 im US-Bundesstaat New York geboren. Die Eastmans waren eigentlich Farmen. Allerdings hatte der Vater außerdem im nahegelegenen Rochester eine Business-School gegründet. Und es schien auch erstmal gut zu laufen. Als er aber gesundheitliche Probleme bekam, gab die Familie die Farm auf und zog komplett nach Rochester. Und da geschah dann, was niemand erwartet hatte. George war gerade einmal acht Jahre also der Vater stirbt. Und die Familie muss feststellen, dass der Vater nicht vorgesorgt hatte. Über Nacht war die Familie Eastman also praktisch einkommenslos. Die Mutter fängt an Zimmer unterzuvermieten, um die Familie durchzubringen und die Kinder nehmen alle möglichen Jobs an. So auch der kleine George Eastman. Er verdingt sich in allen möglichen Handlangerjobs und mit 14 Jahren gibt er endgültig seine Schullaufbahn auf um als Bürobote bei einer Versicherungsfirma anzufangen. Drei Dollar pro Woche sind nicht genug Geld, um seine Familie über die Runden zu bringen. Also fängt er an, sich in Abendkursen fortzubilden und so bleibt er nicht lange Bote für eine Versicherung, sondern schafft es, sich einen Job in einer Bank zu sichern. </p>

<p>Er ist 23 als er in Rochester in ein Fotogeschäft geht, um sich dort eine Kamera zu kaufen. Ihm war aufgefallen, dass viele seiner Kunden in irgendeiner Form mit Immobilien zu tun hatten und er dachte sich: Das wäre vielleicht ein Feld, in dem auch er tätig werden könnte. Er möchte Fotos von Grundstücken und Gebäuden machen können und dafür eine Kamera kaufen. 1877 wird in Rochester und überhaupt in den Vereinigten Staaten überwiegend im Kollodium-Nassplatten-Verfahren fotografiert. Dabei wird eine Glasplatte mit einer Chemikalie bestrichen, sodass sie lichtempfindlich wird und in noch nassem Zustand belichtet. Direkt danach muss diese Platte dann entwickelt werden, wodurch auf dieser Glasplatte ein Negativ sichtbar wird. Dieses Negativ kann man dann benutzen, um Drucke anzufertigen. Wer so fotografiert muss einiges herumschleppen. Die Kameras sind einigermaßen groß und müssen auf hölzernen Stativen angebracht werden. Die Fotografie findet auf den noch nassen Platten statt. Die muss man also vorbereiten können und weil es ja lichtempfindliches Material ist, muss das im Dunklen geschehen. Und deswegen braucht man als Fotograf ein Dunkelzelt, in dem die gesamte Vor- und Nachbereitung stattfindet. Wer also fotografiert, schleppt nicht nur die Kamera und die Glasplatten, sondern auch eine Auswahl an Chemikalien und ein Zelt mit. Hinzukommt, dass der Prozess nicht so ganz trivial ist. Und so stellt auch George Eastman fest, dass er das auf Anhieb erstmal so gar nicht hinbekommt. Er bezahlt einen lokalen Fotografen, ihn im Kollodium-Nassplatten-Verfahren zu unterweisen, aber seine Ergebnisse bleiben durchwachsen. Trotzdem vertieft er sich in sein Hobby.</p>

<p>Er hatte in einem internationalen Fotografie-Magazin von einem alternativen Verfahren gelesen. Es gab die Möglichkeit statt mit Nassplatten mit trockenen Platten zu fotografieren. Bei diesem Verfahren nahm man sozusagen Wachspapier und machte es durch eine spezielle Beschichtung lichtempfindlich. Dieses Papier ließ sich dann wie die Glasplatten einsetzen, nur musste man im Anschluss die belichtete Schicht abziehen und dann wie vorher mit den Glasplatten eben entsprechende Bilder erzeugen. George haut sich die Nächte um die Ohren um dieses Verfahren zu meistern. Es funktioniert für ihn auf jeden Fall schonmal viel besser als das Nassplattenverfahren und hatte natürlich den Vorteil, dass man diese trockenen Platten daheim vorbereiten konnte und kein Zelt und keine Chemikalien mehr mitschleppen musste, wenn man fotografieren wollten. Er experimentiert und verfeinert seine Technik und erkennt, dass es für diese Art von Negativpapier einen Markt geben muss. 1880 gründet er deswegen die Eastman-Dry-Plate-Company. Seine Kunden sind Fotografen, die mobil sein müssen, die es eben leid sind, Zelt und Chemikalien herumzuschleppen. Da hilft es auch, dass im Grunde die Kameras dieselben sind. Man steckt einfach statt der Glasplatte diese Papierplatten ein. Das war es. </p>

<p>1884 legt George Eastman noch ein weiteres Patent nach. Ihm war die Neuerung eines Erfinders aufgefallen. Der Erfinder William Walker hatte Papierfilm genommen und gerollt. Mithilfe einer entsprechenden Halterung konnte man jetzt ein Magazin konstruieren, indem ein Rollfilm eingelegt wurde und einfach nach jeder Belichtung weitergedreht wurde. Eastman kauft die Rechte an dieser Technik und meldet Rollfilm auf Papierbasis zum Patent an. Nicht nur, dass <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen jetzt kein Dunkelzelt mehr mitschleppen mussten. Sie mussten noch nicht einmal ständig Platten nachlegen. Sie konnten einfach weiterdrehen. Das war natürlich einerseits großartig, andererseits blieb trotzdem der große Erfolg immer noch aus, denn die Bildqualität, die konnte nicht mithalten. Und professionelle Fotografen wussten das. Und deswegen war Eastman zu der Zeit zwar schon ein führender Hersteller von Dry-Plate-Papierfilmen, aber der Markt, den er ansprechen konnte, war überschaubar, denn außer den professionellen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen fotografierte kaum jemand. Amateure gab es, aber nicht in ausreichender Menge. Aber Eastman gibt nicht auf. Jetzt hatte er schon das Dunkelzelt abgeschafft. Er hatte das Medium selbst leichter handhabbar gemacht. Als nächstes war die Kamera dran. </p>

<p>Die Überlegung: Wenn die Kamera leichter zu handhaben und zu transportieren wäre, dann würden unter Umständen auch mehr Fotos unterwegs gemacht und damit gäbe es auch mehr Bedarf an seinen Filmen. Und so stellt Eastman 1886 die erste von seinem Unternehmen selbst konstruierte Kamera, die Eastman-Detective-Camera, vor mit fest integrierten Rollfilmmagazin und kleiner Baugröße, also im Vergleich kleiner Baugröße, sodass man diese Kamera einfach mal so mitnehmen und unterwegs benutzen konnte. Die Brennweite entsprach so ungefähr 33 Millimeter, was ein relativ gutes Sichtfeld für Schnappschüsse und <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>-Fotografie wäre. Und auch sonst musste man an der Kamera praktisch nichts einstellen. Man zog an einem Drahtseil, um den Verschluss aufzuziehen und drückte einen kleinen Knopf um auszulösen. Das war es dann auch schon. Dann drehte man den Film weiter. Dieser Mechanismus des Drehfilms und die Kamera selbst gewann Preise und wurde mit Aufmerksamkeit bedacht, aber kommerziell war sie ein Flop. Sie war zu teuer, die Bildqualität stimmte nicht um professionelle Ansprüche zu befriedigen und die Produktion dauerte zu lange. Aber im Grunde war schon bei dieser Kamera vieles da, was später dann zum Erfolgsrezept werden musste. George Eastman muss ungefähr zu der Zeit erkannt haben, dass er versucht, den falschen Markt zu gewinnen. Statt seine Produkte an professionelle <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen zu verkaufen, musste der Markt größer werden. Was, wenn jede Familie fotografieren könnte? Nein, jeder Mensch fotografieren könnte? </p>

<p>Wir befinden uns im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und Fotografie ist zwar allgemein bekannt, wird aber von Spezialisten betrieben. Man geht zu besonderen Anlässen zum <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a>-Fotograf und Bilder fertigen zu lassen ist nicht nur aufwendig, sondern auch teuer. Wer selbst fotografieren will, braucht teure Ausrüstung, teure Chemikalien, eine Dunkelkammer und das notwendige Wissen. Ganz zu schweigen von dem praktischen Wissensschatz, den man nur durch Erfahrung sammeln kann. Welche Mischung funktioniert besonders gut? Wie bestreiche ich eine Glasplatte gleichmäßig? Und so weiter. Eastman hatte schon einige dieser Probleme gelöst. Trockenplatten machten vieles leichter. Rollfilm und eine einfach Kamerakonstruktion, die wenig Einstellungsmöglichkeiten erforderlich macht, auch. Inzwischen konstruierte Eastman auch Filme, die man auch bei Tageslicht einlegen konnte, weil sie einseitig lichtdicht beschichtet waren. Und er experimentierte mit Rollfilmen in Metallkapseln. Und das ist der Moment, wo ihm ein Licht aufgeht. Um Fotografie universell verfügbar zu machen fehlen zwei Dinge: Erstens, eine bezahlbare Kamera und zweitens, jemand, der die komplette Nachbearbeitung übernimmt. </p>

<p>Wenig später kommt er mit einer neuen Kamera auf den Markt, die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Nummer eins. <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> ist dabei in Kunstwort. Georges Lieblingsbuchstabe ist der Buchstabe K. Ja, George hatte Lieblingsbuchstaben. Und er hat wohl relativ lange herumexperimentiert, um ein Wort zu finden, das einfach auszusprechen und zu merken ist, auch in unterschiedlichen Sprachen ähnlich klingt, noch nicht existiert und als Produktname für seine neue Kamera herhalten kann. Die Kodak Number One ist eine spektakulär einfache Kamera. Es ist eine sogenannte Boxkamera, sieht einfach aus wie eine Hutschachtel oder Schuhschachtel: Vorne mit einer Öffnung für das Objektiv, an der Seite einen Zugmechanismus, um den Verschluss aufzuziehen, ein Auslöser und ein Drehmechanismus um den Rollfilm ein Bild weiterzudrehen. Hundert Bilder sind schon vorgeladen. Hundert Bilder ist ein Vorrat, der reicht für damalige Verhältnisse monatelang. Und der Clou: Es ist keinerlei Spezialwissen notwendig. Hat man die hundert Fotos vollgeknipst, nimmt man die Box, schickt sie an Kodak und bekommt eine frisch geladene Kamera und die Abzüge wieder zurück. Das Ganze dauert je nach Wetterlage in Rochester, dem Firmensitz der Kodak-Company, fünf bis zehn Tage, denn die Filme werden dort mithilfe von Sonnenlicht ausbelichtet und mehr Sonne, schnellere Entwicklungszeiten. Die Kamera ist erfolgreicher als die Eastman-Detective-Camera, aber auch weit von einem kommerziellen Erfolg entfernt. Sie ist immer noch relativ aufwendig zu konstruieren und eigentlich auch immer noch zu teuer um wirklich ein Massengeschäft zu werden. Außerdem ist die Ausbelichtung der Filme immer noch relativ aufwendig. Die belichtete Schicht muss vom Papier abgezogen und auf Glasplatten übertragen werden und dann erst kann man mithilfe des Sonnenlichts die Drucke erzeugen. Aber die technische Entwicklung eilt auch hier Eastman zur Hilfe. </p>

<p>Er hört von Experimenten, Filme auf Basis des durchsichtigen Celluloids zu fertigen. Er kauft die entsprechenden Rechte und fängt an, Celluloid basierende Filme zu produzieren. Prozesse und Kameratechnik werden nach und nach besser. Die Kodak Number two, die Kodak Number three, die Kodak Number four, alle zeigen kleine Entwicklungsschritte hin zu dem, was bis heute als der Moment gilt, indem die Privatfotografie praktisch erfunden wurde: Die Kodak Brownie. Sie kommt zur Jahrhundertwende auf den Markt und ist im Grund dieselbe Art von Kamera, wie ich sie eben schon beschrieben habe. Kodak hat sich auch allgemein inzwischen einen Namen gemacht. You press the Button. We do the Rest, ist der Slogan. Und der wird jetzt kombiniert mit einer Kamera, die unerreicht günstig ist: Ein Dollar. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet sind das 20 Dollar. Und damit kann diese Kamera wirklich jeder Haushalt kaufen. Jedes Kind soll fotografieren können, so der Gedanke. Und diese Kamera erzeugt einen Boom. Innerhalb eines Jahres verkauft Kodak über 150.000 dieser Kameras, mehr als in der zwölfjährigen Firmengeschichte zuvor. Kodaks Marketing bewirbt die Kamera hauptsächlich in den Händen von Kindern, Frauen oder Familienvätern. Und sie wird zum geflügelten Begriff, so wie man heute googelt, statt eine Suchmaschine zu bedienen, hat man damals gekodakt. </p>

<p>Ein neues Wort kommt auf: Der Schnappschuss. Denn mit diesen Boxkameras kann man nicht mehr richtig zielen. Die haben keinen Sucher. Man richtet sie grob in die richtige Richtung und drück ab. Interessanterweise sind besonders am Anfang die Bilder dann auch oft rund und nicht rechteckig. Das ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass unsere heutigen Sehgewohnheiten einfach auch nicht mehr sind als das: Gewohnheiten. Die Kamera ist billig. Man muss nichts wissen, um damit fotografieren zu können und so entstehen mit der Kodak Brownie nicht nur neue Genres, sondern auch ein komplett neuer Bildlook. Familien fangen an, Erinnerungsfotos zu schießen und Schnappschüsse ihrer Lieben aufzubewahren. Fotoalben werden gebaut. Und bei Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen wird gewissermaßen <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> fotografiert. Es ist die Geburt der Hochzeitsfotografie. Bis zur Brownie ist man zu einem formellen <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> zum Fotografen gegangen im Studio. Mit der Brownie hat jeder die Möglichkeit, selbst zu fotografieren was wichtig erscheint. Die Menschen beginnen damit, Fotoreportagen ihres Alltags und der großen Ereignisse in ihrem Leben zu machen: Geburt, Tod, Hochzeiten, Geburtstage, Freude und Trauer, Urlaube, Ausflüge und Alltag. </p>

<p>Es ist eine Demokratisierung der Fototechnik und es gibt nichts mehr, das nicht fotografiert werden könnte. You press the Button. We do the Rest. Aber George Eastman ruht sich auf diesem Erfolg nicht aus. Er ist in den folgenden Jahren aggressiv damit beschäftigt, überall auf der Welt Filialen zu gründen, sich die Rechte an der Kodak zu sichern und beschützt auch den Markennamen aggressiv. Schließlich ist es ja so, dass die Grundidee und das Prinzip relativ einfach kopierbar war und so gab es auch bald alternative Angebote am Markt. Was schwer einzuholen war, war die Qualität, die Kodak liefern konnte. Man hatte einfach einen mehrere Jahrzehnte lange Wissensvorsprung rund um Abläufe aber auch technisch. Eastman hatte systematisch Patente und Techniken eingekauft und er nutzte diese rechtliche Situation jetzt um Konkurrenten aus dem Markt zu klaren, wenn notwendig. Besonders bei denen, die versuchten, den Namen Kodak in irgendeinem Zusammenhang zu verwenden, kannte er kein Pardon. Umgekehrt war er allerdings auch nicht immer zimperlich, sich Rechte anderer anzueignen. Kodak hat mit mehreren Rechtsstreitigkeiten zu kämpfen. Mal sind es Patentrechtsverletzungen, mal geht es um Antitrust, also das ausnützen einer Monopolstellung. </p>

<p>Als die Weltwirtschaftskrise zuschlägt, ist es auch für Kodak fast vorbei. Menschen, die Probleme haben, genügend Essen auf den Tisch zu bringen, geben auch weniger Geld für Hobbies wie Fotografie aus. Aber Eastman bringt seine Firma durch diese Krise und wieder hilft die technische Entwicklung. Bewegtfilme sind in den Startlöchern. Der Anfang des Kinos. Und einer der großen Pioniere des Bewegtfilms, Thomas Alva Edison investiert in Systeme auf Celluloidbasis. Und Kodak ist das einzige Unternehmen, das weltweit in der Lage ist, in ausreichender Menge Celluloid basierenden Film zu produzieren. Statt in Einzelaufnahmen wird plötzlich in Kilometern abgerechnet. Kodak wird weltweit zum größten Lieferanten jeglichen Filmmaterials und zum größten Kamerahersteller. Eastman beginnt auch früh damit, sich für <a "/tags/farbfilm.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="28" title="Farbfilm">Farbfilm</a> zu interessieren. Kodak verdient sich den Ruf als eines der innovativsten Unternehmen der Welt. Und seine Forschungsabteilungen arbeiten daran, dem Markt nach Möglichkeit immer einen Schritt voraus zu sein. Das ist auch die Zeit, in der ein später ikonischer Film, der Kodachrome, entwickelt wird und auch die Kameratechnik immer weiter vorangetrieben wird. Eastman ist inzwischen einer der reichsten Männer der Vereinigten Staaten, das klassische amerikanische Ideal vom Paketboten zum Millionär. Und er sieht sich nicht mehr als Unternehmensgründer, sondern kümmert sich um seine Legacy. Kodak wird eines der ersten Unternehmen überhaupt, das seine Mitarbeiter zum Teil in Unternehmensanteilen bezahlt, eine Krankenversicherung und eine Rentenversicherung anbietet und sich auch sonst recht umfänglich um seine Angestellten kümmert. Eastman sieht sich als Philanthrop und er sieht als sein wichtigstes philanthropisches Projekt sein Unternehmen Kodak, aber er wird auch sonst tätig. </p>

<p>Er gründet nicht eine, sondern gleich zwei Universitäten, die sich hauptsächlich der Förderung schwarzer Studenten verpflichten. Unter dem Decknamen Smith investiert er Millionen in das MIT. Er gründet Hospitäler und Zahnarztkliniken in Großbritannien, in Schweden und in den USA. Die meisten dieser Spenden geschehen anonym oder unter einem Decknamen. Er sucht keine Publicity, sondern versucht noch zu Lebzeiten aus seinem immensen Reichtum auch noch Gutes zu schaffen. Er ist so ungefähr Mitte 70, als sich seine Gesundheit rapide verschlechtert. Eine Erkrankung der Wirbelsäule sorgt dafür, dass jede Bewegung Schmerzen verursacht. Eastman war Zeit seines Lebens ein eher scheuer Zeitgenosse und hat nie geheiratet. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er alleine in einem immens großen Anwesen und es zeichnet sich ab, dass er bald auf Hilfe angewiesen sein wird. Soweit wollte er es allerdings nicht kommen lassen. Und deswegen setzt er seinem Leben am 14. März 1932 im Alter vom 77 Jahren durch Schuss in das Herz ein Ende. Auf seinem Nachttisch hinterlässt er eine kurze Nachricht: &#8222;To my friends: my work is done. Why wait?&#8220; </p>

<p>Beerdigt wird er auf dem Gelände seines Unternehmens. Noch heute kann man dort den Eastman Memorial Park besuchen. Und mit dem Unternehmen ging es weiter bergauf. Kodak ist Markführer und Qualitätsführer in Sachen Film und der weltgrößte Hersteller von Amateurkameras. Außerdem betreibt Kodak die größten Entwicklungslabore der Welt. Eastman hatte immer fest daran geglaubt, Entwicklungsvorreiter zu sein und Kodak bleibt diesem Motto treu. Kodak verdanken wir nicht nur Meilensteine der Filmentwicklung, sondern auch Kameramarken, die bis heute ikonisch sind: Die Starmatic, die Instamatic. Der Kodak-Moment wird zum geflügelten Wort. Wenn etwas besonders erinnerungswürdig ist, dann ist es ein Kodak-Moment. Unser nächster Stopp ist im Jahr 1975, das Jahr in dem der junge Ingenieur Steve Sasson bei Kodak arbeitet und den Auftrag bekommt, eine Kamera zu konstruieren, die nicht auf Film aufnimmt, sondern elektronisch. </p>

<p>Das Ergebnis war die erste Digitalkamera der Welt und die war so beeindruckend, so ein Game-Changer, dass Kodak sie verschwinden ließ. Kodak hatte zu der Zeit über 90 Prozent Marktanteil bei Rollfilmen und die Angst der Manager und Entscheider bei Kodak war, dass eine Kamera, wie die, die sie eben konstruiert hatten, genau diesen Markt kannibalisieren würde. Sie verfolgten die Entwicklung also nicht weiter und so blieb es an ihren Wettbewerbern, diesen Bereich auszubauen. Es sind Sony-, Canon- und Nikon-Kameras, die die ersten Digitalkameras am Markt werden. Und auch, wenn Kodak irgendwann das Kodak-Digital-System entwickelt, 14 Jahre nachdem sie das Patent für die erste Digitalkamera der Welt bekommen hatten, sind sie nicht mehr die Ersten am Markt. Noch nicht einmal die Besten und es ist leider schon jetzt klar, dass sie einer zum Tode verurteilten Industrie angehören. Ein paar wenige Jahre geht es trotzdem noch aufwärts. </p>

<p>1969 erreicht Kodak einen Wert von 31 Milliarden US-Dollar und einen Umsatz von 16 Milliarden mit Rollfilmen. Kodak erkennt zu der Zeit, dass sie einen Fehler gemacht haben und versucht ihn wieder gutzumachen. Sie nutzen ihren Namen, um Digitalkameras zu bauen. Kameras, die durchaus beliebt werden beim Kunden, aber leider sind diese Kameras nicht profitabel. Aber, so überlegt man sich bei Kodak, es gibt ja eine unumstößliche Wahrheit: Fotos müssen irgendwann in Alben geklebt werden oder zumindest in Boxen verschwinden und deswegen wird es immer Ausdrucke brauchen. Wir wissen es heute besser. Damals konnte man sich nicht vorstellen, dass eine Digitalkamera eben mehr ist als einfach nur ein anderes Medium auf das fotografiert wird. Kodak investiert all seine Energie in Drucktechnik. Der schnelle Ausdruck in Kodak-Qualität wird zu einer der großen strategischen Prioritäten. Digitalkameras die man direkt an Drucker ansteckt. Und Kodak hofft damit seinen verlorenen Grund wieder wettzumachen. Wir wissen es heute besser. Myspace, Flickr, Instagram, Facebook: Nur ein verschwindend geringer Buchteil der heutigen Fotografie wird wirklich ausgedruckt und der Absturz lässt sich nicht mehr aufhalten. 2008 ist Kodak nur noch auf Platz sieben der größter Kamerahersteller hinter Kanon, Sony und Nikon. Im Januar 2012 meldet die einst stolze, marktführende Firma, die George Eastman seinerzeit gegründet hatte, offiziell Konkurs an. Heute ist Kodak nur noch ein kleiner Dienstleister für andere Unternehmen. Außerdem gibt es diverse Ableger, so zum Beispiel das Kodak-Alaris-Werk, das immer noch Filme produziert für den immer mal wieder totgesagten, aber durchaus noch aktiven, verbleibenden Filmmarkt da draußen. Es stellt sich heraus: Auch heute werden noch Kinofilme auf Film produziert, zum Teil auch große Produktionen. Tended war ein schönes Beispiel dafür. Und solche und andere Bedürfnisse werden von diesen Ablegerwerken noch gestellt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 07 Mar 2021 14:57:33 GMT</pubDate>
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            <title>Fotograf:innen wider Willen</title>
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            <description>Posthum entdeckte Fotograf:innen scheinen ein Ding zu sein... wie lange noch?</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Posthum entdeckte Fotograf:innen scheinen ein Ding zu sein… wie lange noch?</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20200416235249/https://petapixel.com/2019/12/16/russian-vivian-maier-becomes-a-star-20-years-after-her-death/" target="_blank">‘Russian Vivian Maier’ Becomes a Star 20 Years After Her Death</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://mashaivashintsova.com/" target="_blank">Masha Ivashintsova Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Masha_Ivashintsova" target="_blank">Masha Ivashintsova</a> (Wikipedia)</li><li>Masha Ivashintsova auf Instagram</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.rferl.org/a/leningrad-photographer-never-showed-her-photos-of-soviet-life-to-anyone-years-later-relatives-discovered-her-work/29088470.html" target="_blank">Leningrad&#8217;s Lost Photographer</a></li><li><a href="https://mymodernmet.com/masha-ivashintsova-photography/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview: Woman Discovers Over 30,000 Secret Photos Left Behind by Her Mother</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.jacksharp.co.uk/" target="_blank">Jack Sharp</a></li><li>Jack Sharp auf Instagram</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250525115938/https://www.reddit.com/r/forgottenfilm/" target="_blank">Reddit Community r/forgottenfilm</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Brownie_(camera)" target="_blank">Kodak Brownie Camera</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leica_Camera" target="_blank">Leica Camera AG</a> (Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vivian_Maier" target="_blank">Vivian Maier</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210811184539/https://vivianmaier.com/" target="_blank">Vivian Maier offizielle Webseite</a></li><li>Vivian Maier auf Instagram</li></ul>

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<div class="yt-facade" data-yt="er8-Vq__cRE" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_er8-Vq__cRE.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

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<p>Transkript</p>

<p>Für die heutige Episode habe ich mich mit <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen beschäftigt, deren Arbeit erst nach ihrem Tod bekannt geworden ist. Und die wahrscheinlich zu ihren Lebzeiten nicht zugestimmt hätten, wenn man ihre Arbeiten verbreitet hätte. Das waren keine Künstlertypen. Sie entwickelten nicht selber und hätten selbst ihrem Hobby kaum Bedeutung beigemessen. Heute würden sie wahrscheinlich mit einem IPhone fotografieren und ein Album mit Bildern füllen, das sie vielleicht mit ein paar Freunden teilen. Das war es aber dann schon.</p>

<p>Meine Großelterngeneration ist vermutlich die erste Generation, für die es normal war, mit Babyalltagsfotos aufzuwachsen. Es sind Kameras wie die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Markt kommen, die so einfach zu bedienen sind, dass man nichts von Fotografie verstehen muss, um Fotos damit zu machen.</p>

<p>Und es mangelte ja nie an der Fotobegeisterung. Schon bei der Vorstellung der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> waren Tags danach dutzende von begeisterten Wissenschaftlern damit beschäftigt, ihre eigenen Daguerreotypien aus ihren eigenen Dachfenstern zu schießen. Die Idee, Bilder festhalten zu können, war von Anfang an magisch, aber nicht jedermann und jederfrau hatte Lust (oder die Fähigkeiten), sich eigene Kameras zu bauen, eigene Linsen zu besorgen oder die Chemie zu meistern, die notwendig war, um zum Beispiel im Kollodium-Nassplattenverfahren zu fotografieren.</p>

<p>Und deswegen war die Fotografie am Anfang oder in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz eine Beschäftigung für Menschen mit Zeit, Geld, technischem Sachverstand oder dem Beruf Fotograf. Bilder zu machen war also möglich, aber es war einigermaßen aufwändig, weswegen zwar jede Familie vermutlich Familienbilder hatte, aber die eben dann gezielt vom Fotografen anfertigen ließ.</p>

<p>Mit der Erfindung des Rollfilms und einfacher Kameras wie der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie änderte sich das. Man konnte daheim fotografieren. Man konnte den ganzen Kram in ein spezialisiertes Geschäft schicken und fertige Bilder zurückbekommen. Und damit wurde der Alltag zum Fotoobjekt.</p>

<p>Und wenn ich das alles so erzähle, dann wird dadurch hoffentlich eins klar: Warum fotografiert wird, hängt immer auch von den technischen Möglichkeiten ab. Am Anfang wurde viel aus wissenschaftlichem Antrieb und zu Dokumentationszwecken fotografiert. Oft ging es den <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen auch darum, herauszufinden, wie Dinge denn aussahen, wenn man sie mit einem fotografischen Verfahren auf Papier oder Glasplatte bannte.</p>

<p>Und relativ früh gab es auch einen Zwiestreit zwischen der Malerei und der Fotografie. Maler rümpften die Nase, denn es war in ihren Augen ja völlig aufwandsbefreit, ein Foto zu machen, während sie sich ja Stunden, manchmal Tage mit ihren Gemälden beschäftigten. Für Maler waren Fotografien oft nichts anderes als Hilfsmittel um bessere Gemälde malen zu können.</p>

<p>Fotografen wiederum versuchten, das Gegenteil zu beweisen. Sie versuchten, zu zeigen, dass es mehr brauchte als einfach nur die Beherrschung der Technik, um sinnvolle, gehaltvolle Fotografien zu erzeugen. Und ganz zu Anfang sprechen wir auch von einer Zeit, in der die Bilder, die Menschen schon mal gesehen hatten, oft gemalte Bilder waren. Und entsprechend sahen dann auch künstlerische Fotografien ein bisschen so aus, als würden sie versuchen, wie Gemälde auszusehen.</p>

<p>Mit Rollfilm und Kameras wie der Brownie kam die Fotografie in die Hände von jederfrau und jedermann. Und damit änderte sich dramatisch, wie die Bilder aussahen. Bilder, die gestellt waren und an die Malerei der damaligen Zeit erinnerten wurden verdrängt von Alltagsschnappschüssen, von Perspektiven, die keiner absichtlich so geplant hätte.</p>

<p>Und mit diesen Aufnahmen änderten sich unsere Sehgewohnheiten. Und der Grund, warum Menschen fotografierten. Mehr und mehr wurden Fotos zu einer Art visuellem Tagebuch. Fotos wurden jetzt nicht nur zu wichtigen Anlässen gemacht, sondern zum Beispiel auch, um den Urlaub zu dokumentieren. Und auch hier sehen wir die Entwicklung in der Technik, gespiegelt von der Entwicklung in unseren Sehgewohnheiten und den Fotografiegewohnheiten.</p>

<p>1914 wird die Firma Leica gegründet. 1920 die Firma Rollei. Und beide Firmen sind berühmt für ihre Kameras. Besonders die Leica begründet das, was wir heute &#8222;Kleinbildformat&#8220; nennen. Kleine, kompakte Kameras, Präzisionsgeräte, die es zum ersten Mal möglich machten, Reportagen zu fotografieren, die Kamera immer dabei zu haben und auf kleine Rollen Film Alltagsszenen festzuhalten. Unauffällig.</p>

<p>Tausende Fotografien entstehen in der damaligen Zeit. Und Magazine beginnen, Fotoessays abzudrucken. Unsere Urgroßeltern sehen diese Bilder. Die sind praktisch omnipräsent. Jedes wichtige Ereignis wird über solche Bilder kommuniziert. Und natürlich fangen dann die Hobbyfotografinnen und Fotografen an, einen ähnlichen Stil an den Tag zu legen. Die Kameras von Leica und anderen konkurrierenden Herstellern werden zu Verkaufsschlagern. Noch nie war es so einfach, Bilder zu erzeugen, noch nie war es so einfach, so ein Ding immer dabei zu haben, und so werden die Menschen zu <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a>. Zu <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a>, die Reportagen ihrer eigenen Lebensgeschichte festhalten. Und es beginnt die Blütezeit eines Fotogenres, das bis Heute zu einem der wichtigsten Bereiche der Fotografie zählt: der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Street Photography</a>, der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a>.</p>

<p>Der Fotografie nämlich, in der man mit einer Kamera (oder heute mit dem Smartphone) Alltagsszenen festhält. Da ist es dann von den fotografischen Vorlieben abhängig, was genau festgehalten wird. Manche Fotograf*innen sind darauf spezialisiert, skurriles und lustiges festzuhalten. Andere fotografieren besonders dramatische Ereignisse gerne. Wieder andere gehen auf die Suche nach besonderen oder originellen Szenen in der Menge. Es gibt das Subgenre der Straßenportraits, es gibt Szenen, in denen es eigentlich nur auf die Geometrie oder das Spiel mit Licht und Schatten ankommt.</p>

<p>Egal wie, es fängt damit an, dass Kameras so handlich, schnell und günstig zu haben sind, dass man sie wirklich immer dabei haben kann und nicht nur Spezialpersonal mit diesen Kameras herumläuft, sondern eben auch, in Anführungsstrichen, &#8222;ganz normale Menschen&#8220;.</p>

<p>Hinzu kommt, dass es einen enormen Spaß macht, mit den Kameras der damaligen Zeit zu fotografieren. Ich habe hier mehrere alte Kameras. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste den Film, den ich gerade vollfotografiert habe, nicht mal unbedingt entwickeln lassen, um Spaß an dem Hobby zu haben.</p>

<p>Und so geht es tausenden. Die Welt wird geflutet mit Bildern. Das ist ein Trend, der bis heute anhält. Schon in meiner Jugend hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Bilder im Haus habe, als ich jemals bei klarem Verstand anschauen wollen würde und auch nur anschauen könnte.</p>

<p>35mm Rollfilm war damals das hauptsächliche Medium der Wahl. 36 Aufnahmen pro Rolle konnte man machen und 2003 war Peak Rollfilm. Da wurden weltweit 930 Millionen Rollen Film verkauft. Fotografiert wurde da fast alles. Was es allerdings eher seltener gab, war, dass Leute ihr Essen fotografierten. Das kam schon mal vor, aber ich erinnere mich sehr gut daran, dass meine Eltern eigentlich nur dann Essen fotografiert haben, wenn es einen besonderen Anlass gab. Zum Beispiel ein Buffet zum Anlass eines 60. Geburtstags. Oder das Weihnachtsessen. Ich kann mir immer noch verwackelte Fotos von Gänsepastete anschauen, wenn ich das will, ich muss nur ein altes Fotoalbum aus dem Schrank nehmen. Aber es war die Ausnahme. Heute gibt es Leute, die machen praktisch nichts anderes, als jeden Tag ihre Mahlzeiten auf Instagram hochzuschießen.</p>

<p>Und wo wir schon beim Thema sind: Wir leben in einer Welt, in der es diverse soziale Netzwerke gibt und fast alle haben gemeinsam, dass sie eine besondere Betonung auf das Tauschen von Bildern legen. Allerdings gibt es den Fotokönig unter den sozialen Netzwerken: Instagram. Instagram sieht pro Sekunde 995 neue hochgeladene Bilder. Und das sind, ich erspar dir die Rechnerei, aufs Jahr gesehen in etwa genauso viele Fotos wie die Menschheit 2003 insgesamt auf Rollfilm gepackt hat. Nur, dass Instagram eine von mehreren Plattformen ist. Und nur, dass bei den meisten Kanälen für jedes hochgeladene Foto es wahrscheinlich 20 andere in den Galerien und Fotoalben ihrer Besitzer auf den Smartphones fliegen.</p>

<p>Und wieder folgen unsere Fotografiegewohnheiten der Technik. Meine Eltern hätten ihre Fotos niemals fremden Menschen gezeigt. Die waren der Familie vorbehalten. Sicherlich, Familie musste dann auch mal durch einen Diasabend durch oder sich mit einem Fotoalbum auf die Couch setzen und erzählen lassen, was so besonders an dem speziellen, verwackelten Berg Panorama war, das man dort eingeklebt hatte, aber es wäre niemandem auch nur im Entferntesten in den Sinn gekommen, beliebigen Leuten Bilder unter die Nase zu halten, in der Erwartung, dass die Begeisterung zeigen.</p>

<p>Das ist aber die Welt, in der wir heute Leben. Immer weniger Menschen fotografieren nur für sich selbst. Sie fotografieren auch für ein Publikum. Klar sind das dann oft Freunde und Bekannte, aber speziell auf Medien wie Instagram zeigen wir die Bilder dann auch wildfremden. Und wer in den letzten 20 Jahren geboren wurde, hat einen praktisch lückenlosen Schatz an Fotos auf der Festplatte, vom Babyalter bis zum letzten Frühstück.</p>

<p>Und das bringt mich wieder zurück zur Eingangsfrage: &#8222;Warum fotografieren wir?&#8220;. Immer öfter wird fotografiert, um das Leben zu dokumentieren. Um sich an Alltag zu erinnern. Um vielleicht auch festzuhalten, wie wir uns über die Jahre verändern, mit wem wir welche Erlebnisse geteilt haben.</p>

<p>Das ist allerdings auch eine Art der Fotografie, die endet mit uns. Ich habe vor kurzem Mal einen Artikel über digitale Amnesie gelesen. Da wurde darauf hingewiesen, dass unmengen persönlicher Bilder regelmäßig verloren gehen, weil Menschen nicht mehr wissen, wo sie sie abgespeichert haben. Da gibt es Bilder, die nur auf Handys liegen und bei Verlust des Handys verloren gehen. Da gibt es Bilder, die auf Cloudaccounts synchronisiert sind und wenn der Fotograf oder die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> sterben mit ausbleiben von Zahlungen vollautomatisch gelöscht werden. Oder passwortgeschützte Bildsammlungen, an die niemand mehr rankommt. Oder Bildersammlungen, die auf Computerfestplatten liegen, die irgendwann ausgemustert werden. Wir produzieren so viele Bilder, dass sie fast schon ihren Wert verloren haben.</p>

<p>Und die Welt teilt sich plötzlich in zwei Lager: Die nämlich, die versuchen, mit ihren Fotografien Publikum zu erreichen und unter Umständen Geld zu verdienen und die, die einen Berg an Fotografien erzeugen, die uns kollektiv egal sind. Natürlich gab es auch in den letzten Jahrzehnten immer schon Berge von Fotos, die uns kollektiv egal waren. Was interessieren auch die Bilder von Oma und Opa beim Skifahren? Oder besagtes Buffet vom 60järigen Geburtstag des Großonkels?</p>

<p>Aber eigentlich erstreckte sich das früher nur auf die Alltagsfotografie. Aber da gab es ja auch noch diese Anderen. Diese Fotografinnen und Fotografen, die Fotografie als Hobby betrieben. Die eben nicht nur ihren Alltag, sondern auch die Menschen um sich herum, die Szenen, die sie sahen, fotografierten und festhielten. Manchmal nur des Fotgrafierens willens.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;You know these moments on antique&#8217;s rows shows when someone discovers that the painting they bought at a flea market is worth 100000 dollars? Well, this next story is kind of like that. Except, the chicago man who found this unexpected treasure also found himself with a huge responsibility because he may have discovered one of the finest street photographers of the mid 20th century. A chicago nanny by the name of Vivian Maier.&#8220;</p>

<p>Wenn man einfach mal beliebige Leute fragt, ob sie berühmte Fotografen benennen können, dann gibt es wenige Namen, die da immer wieder aufkommen. Da wäre einmal Helmut Newton, es gibt ja in heutigen Buchhandlungen kaum noch Fotobildbände, aber Helmut Newton mit seinen Nacktfotos ist da garantiert vertreten, das könnte vielleicht einer der Gründe dafür sein, warum ihn auch noch viele kennen, oder an Sam Adams, der tatsächlich durch seine Schwarz-Weiß-Landschaftsfotografien absoluten Kult- und Berühmtheitsstatus erreicht hat. Aber schon der verblasst nach und nach. Die heutige Generation hat den Namen vermutlich schon nicht mehr gehört.</p>

<p>Und dann gibts da noch Vivian Maier. Und die hauptsächlich aus zwei Gründen: Ein Mal fasziniert uns die Geschichte. Vivian Maier war nämlich schon längst tot, als ihre Bilder entdeckt wurden und sie war eine Nanny, also ein Kindermädchen, die in ihrer Freizeit fotografiert hatte, und nie auch nur ein Bild veröffentlicht hatte. Das Ganze war ein Zufallsfund und die Bilder stellten sich heraus als spektakulär gut. Aber spektakulär gute Fotos werden täglich irgendwo gefunden, ohne dass wir uns dafür interessieren. Im Fall von Vivian Maier kam noch dazu, dass die Medien fasziniert waren von der Geschichte. Es gab also ausreichend Berichte und sogar ein Dokumentarfilm wurde gedreht.</p>

<p>Ja, und deswegen kennen den Namen auch noch so ein paar.</p>

<p>Vivian Maier heißt eigentlich Vivian Dorothy Maier und wird am ersten Februar 1926 in New York geboren. Und man weiß verdammt wenig über sie. Ihr deutsch klingender Name kommt daher, dass ihr Vater aus Österreich eingewandert war. Ihre Mutter war aus Frankreich und ihre Eltern hatten sich in New York kennengelernt. Der Vater verlässt die Familie als Vivian 4 ist. Vivians Mutter arbeitet als Haushaltshilfe und Kindermädchen für die wohlhabenden Familien New Yorks. Dadurch haben Vivian und ihre Familie regelmäßigen Umgang mit gebildeten und reichen Kreisen, sind sich aber jederzeit bewusst, dass sie dort nicht dazugehören.</p>

<p>Dieser Lebensstil, dieses &#8222;sich um die Kinder anderer kümmern&#8220; wird dann später Vivians Leben bestimmen. Das ist ihr Beruf. Sie wird eine Nanny werden. 1949 bringt sie der Tod ihrer Großmutter nach Frankreich, wo sie sich ein Mal um die Nachlassformalitäten kümmern muss und dort ihre Liebe zur Fotografie entdeckt. Sie wird nie wieder aufhören zu fotografieren. Über 100000 Bilder wird sie innerhalb von 40 Jahren machen.</p>

<p>Vivian Maier heiratet nicht, zieht aber diverse Male um. Der Großteil ihrer Fotografien wird in Chicago und New York gemacht. Aber allgemein gehört Fotografie zu ihrem Alltag. Jeder freie Tag ist mit Fotografie gefüllt. Anfangs hauptsächlich mit einer Rolleiflex, einer Kamera, die für die damaligen Verhältnisse unglaublich leicht und leistungsfähig war und auf Rollfilm belichtete. Ihre Bilder werden meistens nicht belichtet, sie bleiben unbelichtet, sie sammelt sie in Kartons.</p>

<p>Überhaupt sammelt Vivian so einiges in Kartons. Von ihr ist bekannt, dass sie obsessiv Zeitungen behält und sie in ihrer Wohnung stapelt und ihr Leben in Kartons verpackt. Man würde vermutlich heute von jemandem mit Messisyndrom sprechen. Sie hat nie besonders viel Geld gemacht und war auch nie verheiratet, immer alleinstehend, kinderlos. Über ihre Familie weiß man nicht viel, ihr Bruder ist verschollen, es wird vermutet, dass er nach einer Drogenkarriere vermutlich obdachlos war und irgendwo unerkannt verstorben war.</p>

<p>Zwischen Ende der 90er und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends war Vivian Maier dann auch selbst einige Jahre obdachlos. Drei ehemalige Schützlinge beschließen, ihr unter die Arme zu greifen und sich um sie zu kümmern. Sie stellen ihr ein Appartement zur Verfügung und bezahlen ihre Rechnungen. 2008 rutscht Vivian Maier auf Glatteis aus und zieht sich eine Kopfverletzung zu, von der sie sich nicht mehr erholt. Im Frühjahr 2009 stirbt sie dann praktisch mittellos und ohne familiären Beistand mit 83 Jahren in einem Pflegeheim.</p>

<p>Würde die Geschichte jetzt hier enden, hätten wir nie von Vivian Maier gehört und nie von ihr erfahren. Aber wer vorhin beim Einspieler aufgepasst hat, weiß ganz grob, wie es weitergeht. Als sich abzeichnete, dass Vivian kein Geld mehr hatte, um sich eine Wohnung zu leisten, lagerte sie große Teile ihrer Fotografien und ihres Hausstands überhaupt ein. Und diese Bilder, die waren noch eingelagert, als Vivian starb. Solche Dienstleister lagern ein, solange Rechnungen bezahlt werden. Und sobald die Zahlungen ausbleiben, werden die Hausstände versteigert. Und der Nachlass landet in den Händen verschiedener Männer:</p>

<p>Ron Slattery ersteigert für 250 US-Dollar eine eigentlich eher kleine Position von ungefähr 1.200 unentwickelten Filmen. Er fängt an, die Aufnahmen zu entwickeln und macht einige der Bilder von Vivian Maier in einem Internetblog zugänglich.</p>

<p>Und dann ist da der Makler John Maloof, Vorsetzender des Jefferson Park historical society clubs in Chicago, der als Hobbyhistoriker an einem Buch über die Gegend arbeitet und auf der Suche nach geeignetem historischen Bildmaterial ist. Er gibt knapp 400 Dollar aus und hat 30.000 Abzüge und Negative. Stellte sich heraus, dass er die Bilder für sein Buchprojekt nicht verwenden konnte, und deswegen begann er, nach und nach einzelne dieser Bilder auf EBay zu versteigern. Das war wenig lukrativ und irgendwann wurde er mal von jemandem mit Fotosachverstand darauf hingewiesen, auf was für einem Schatz er da eigentlich saß.</p>

<p>Maloof fing also an, den Bestand von Vivian Maier nach und nach aufzukaufen. Es dauerte nicht lang und er bekam Kontakt zu einem dritten Mann. Jeffrey Goldstein, der insgesamt über 17.500 Negative und 2.000 Abzüge und eine ganze Reihe von Filmen aus dem Nachlass gekauft hatte.</p>

<p>Nicht lange und Maloof sah sich als eine Art &#8222;Nachlassverwalter&#8220; von Vivian Maier. Er nahm es sich zur Aufgabe, diese Fotografin der Welt bekannt zu machen. Er fängt an, Teile des Nachlasses aufzukaufen, bei Auktionen mitzubieten, beginnt ein Internetprojekt, beginnt ein Filmprojekt, das unter anderem zu der Dokumentation &#8222;Vivian Maier &#8211; A photographer found&#8220; führt.</p>

<p>Mit der Bekanntheit von Vivian Maier und dem plötzlichen Erfolg und der Sichtbarkeit wird auch schnell klar, dass da wirklich Geld zu holen ist und so fangen dann diverse Parteien auch an, sich munter untereinander zu streiten, wer denn nun die Urheberrechte hätte, und so läuft seit 2014 ein in den USA ein Rechtsstreit darüber, wer denn jetzt nun die Rechte an dem Nachlass haben soll.</p>

<p>Und ich finde, das ganze Thema wirft eine ganze Reihe spannender Fragen auf:</p>

<p>Erstens: Wem gehören eigentlich die Fotos von Vivian Maier? Man kann jetzt natürlich sagen: Maloof hat uns eine Fotografin geschenkt. Die Bilder sind großartig. Ich habe hier ein Bildband mit Aufnahmen aus ihrem Nachlass und die sind spektakulär gut. Sie ist genau dem Hobby nachgegangen, das ich eingangs umschrieben habe. Mit einer kleinen, kompakten Kamera hat sie das Leben in ihrer Umgebung fotografisch festgehalten. Sie war Hobbystreetphotographer und sie hat ein unglaubliches Auge für Szenen auf der Straße gehabt. Wunderschöne Portraits, liebevoll gestaltete Szenen und ihre Bilder wecken eine Zeit zum Leben, die unglaublich ikonisch ist.</p>

<p>Gleichzeitig hat sie selbst diese Bilder aber nie veröffentlicht und wäre sie noch am Leben könnte man vermuten, dass sie eventuell einer Veröffentlichung nicht zugestimmt hätte. Freilich könnte sie vielleicht berühmt und reich sein aber das schien irgendwie nie ihr Antrieb.</p>

<p>Würde Vivian Maier heute leben, würde sie wahrscheinlich nicht mit einer Rolleiflex auf Film fotografieren, sondern schlicht und ergreifend hobbymäßig mit ihrem Telefon ihr Leben festhalten. Und damit wäre nach ihrem Tod auch schlicht und ergreifend ihr Cloudaccount und ihr Telefonaccount geschlossen worden und die Bilder wären weg.</p>

<p>Und das bringt mich zu einer zweiten Beobachtung: Ausgehend von Vivian Maier habe ich nämlich recherchiert und habe mir die Frage gestellt: Gibt es das eigentlich öfter? Und die Antwort ist: Jawoll. Das gibt es öfter. Man könnte sogar sagen, fast regelmäßig.</p>

<p>Da gibt es ein Mal den großen Bereich der professionellen Fotografie. Stirbt jemand, dessen Beruf Fotografie war, geht meistens sein Werk an seine Erben über und waren diese Bilder ausreichend bekannt oder der Fotograf ausreichend prominent wird da meistens dann auch Geld daraus gemacht, das heißt, das Werk wird noch weiter kuratiert, noch weiter veröffentlicht.</p>

<p>Aber die meine ich gar nicht, sondern ich meine eine andere Art der nachträglichen Entdeckung. Menschen nämlich, die als Hobby Fotografie haben aber eigentlich von ihrer Umwelt nicht als Fotografen gesehen werden und nach ihrem Tod dann entdeckt werden, meistens durch ihre Erben. Und das gibt es regelmäßig.</p>

<p>Ich folge auf Instagram zum Beispiel jemandem, der die Negativsammlung seines Großvaters geerbt hat und die jetzt nach und nach auf Instagram veröffentlicht, eine Stiftung gegründet hat, vorhat, Bücher zu produzieren und behauptet, dass die Bilder von der Qualität eines Henri Cartier-Bresson oder einer Vivian Maier seien. Und ja, die Bilder sind schön. Sie sind faszinierend. Sie zeigen jemanden, der eine reichhaltiges Leben mit vielen Reisen hatte und der seine Reportagekamera genutzt hat, um sein Leben zu dokumentieren. Der Mann war Physiker, hat beim MIT gearbeitet, war dann in der Schweiz, um beim Zern zu arbeiten und hatte ein interessantes Leben mit vielen interessanten Fotos.</p>

<p>Oder wie wäre es mit der russischen Vivian Maier, Masha Ivashintsova? Masha lebte in St.Petersburg oder damals, wie es noch hieß, Leningrad und dokumentierte ihr Leben, das Leben auf der Straße und das Leben ihrer berühmten Freunde. Sie selbst sah sich nicht selbst als Fotografin, sie sah sich als jemand, der Fotografie als tägliches Hobby betrieb. Für sie war Fotografie wie Tagebuch schreiben. Sie hatte ihre Kamera praktisch permanent und ständig in der Hand und fotografierte ihre Umgebung. Der Gedanke, ihre Bilder zu veröffentlichen, kam Masha nie, denn sie war von berühmten Fotografen, Poeten und erfolgreichen Männern umgeben und hielt ihr eigenes Talent im Vergleich für so gering, dass eine Veröffentlichung sich gar nicht lohnen würde.</p>

<p>Geboren im Jahr 42 lebt sie durch eine durchaus turbulente und aufregende Zeit hindurch. Sie war ursprünglich in eine adelige Familie geboren worden, die aber während der bolschewistischen Revolution alles verloren hatten. In Leningrad lernt sie Künstler und Dichter kennen und landet im künstlerischen Untergrund. Sie arbeitet als Theaterkritikerin, als Buchhändlerin und nimmt Jobs im Sicherheitsdienst oder als Aufzugsmechanikerin an. Sie malt, dichtet, fotografiert, aber immer nur für sich selbst. Wegen ihrem unangepassten Lebenswandel wird sie von der UDSSR irgendwann in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen, um sie für die Gesellschaft gefügiger zu machen. Diese Zeit prägt und bricht sie fast.</p>

<p>Als sie im Jahr 2000 im Alter von 58 Jahren stirbt, hinterlässt sie als Familie nur ihre Tochter, die sich um ihren Nachlass kümmert. Beim Renovieren ihrer Wohnung findet sie auf dem Dachboden einen Karton mit 30000 Rollen unentwickelten Films. Sie selbst kümmert sich nicht ums Entwickeln, das ist eine Arbeit, die ihr Mann übernimmt. Der weist sie dann auch irgendwann darauf hin, welche Schätze er in diesen Aufnahmen gefunden hat. Nach und nach sichten sie die Aufnahmen und als klar wird, welche Qualität diese Bilder haben, gründen sie ein Internetprojekt und eine Stiftung.</p>

<p>An einer Dokumentation über das Leben von Masha wird zurzeit gearbeitet. Und ich freue mich schon darauf. Denn im Vergleich klingt Mashas Leben fast noch interessanter als Vivians. Aber auch hier stellt sich natürlich die Frage: Gäbe es solche Bilder, hätte Masha im Zeitalter des Internets und von Instagram fotografiert? Vermutlich nicht. Vielleicht hätten wir die Bilder aber auch schon längst wahrgenommen, wir hätten sie gesehen, weil in Instagram im Hier und Jetzt fotografiert wird und natürlich Bilder auch sofort auftauchen können. Auf der anderen Seite haben viele dieser Aufnahmen ihre Relevanz ja erst in Rückschau: Dadurch, dass auf die Zeit, in der Masha fotografiert hat (oder auch Vivian) aus dem Jahr 2020 heraus ganz anders blicken.</p>

<p>Ich glaube ja, wir erleben jetzt die letzten so entdeckten Fotografinnen und Fotografen. Das wird jetzt aufhören. Denn keiner fotografiert mehr auf Film. Niemand wird mehr auf dem Dachboden 30000 Rollen unentwickelten Film finden. Und wenn, werden wir die nicht mehr entwickeln können. Und so wird nach und nach dieses Genre des unbekannten Starfotografens aufhören. Die Faszination für alte Fotos wird bleiben, aber wir werden nur noch kuvertierte Bilder sehen, keine Zufallsfunde mehr. Nur Bilder, die mal jemand ausgesucht hat. Entweder, weil die dann im Internet veröffentlicht wurden und irgendjemand Kopien gemacht hat oder weil die Fotografinnen und Fotografen sowieso schon bekannt waren und es geschafft haben, zu Lebzeiten ein Publikum aufzubauen.</p>

<p>Die elektronische Welt wird kurzlebiger. Menschen schreiben keine Briefe mehr, handgeschriebene Tagebücher werden seltener, Fotografie auf Film wird in 10 bis 20 Jahren auch ausgestorben sein und mit dem Verschwinden von solchen physikalischen Spuren werden auch Zufallsfunde wie Vivian oder Masha nach und nach der Vergangenheit angehören.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 19 Dec 2020 16:25:16 GMT</pubDate>
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