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    <title>Fotomenschen - Kriegsfotografie</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Kriegsfotografie&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sat, 20 Aug 2022 13:09:04 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Die menschliche Familie</title>
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            <description>Edward Steichen wird als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Edward Steichen wird als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er war nicht nur durch seine eigene Fotografie stilprägend und erfolgreich sondern besonders als Direktor der fotografischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York richtungsweisend. Er prägte die Karrieren unzählicher Fotograf:innen und kuratierte einige der berühmtesten Ausstellungen seiner Zeit. Eine dieser Ausstellungen, The Family of Man, ist bis heute unerreicht. </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Steichen#Direktor_am_Museum_of_Modern_Art" target="_blank">Edward Steichen</a> (Wikipedia)</li>

<li>The Family of Man (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Family_of_Man#:~:text=Steichen%20himself%20supplied%20five%20photos,original%201955%20MoMA%20checklist)%3A" target="_blank">Englisch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/The_Family_of_Man" target="_blank">Deutsch</a>)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.edwardsteichen.com/" target="_blank">The Estate of Edward Steichen</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotofestival-zwischen-alltag-und-wahnsinn-die-menschheit-a-785803.html" target="_blank">Zwischen Alltag und Wahnsinn: die Menschheit</a> (Spiegel)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://luxembourg.public.lu/de/gesellschaft-und-kultur/kuenstlerisches-schaffen/edward-steichen.html" target="_blank">Steichen Collection Luxembourg</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.thefamilyofman.education/de/historischer-zusammenhang/edward-steichen-vom-mann-seiner-zeit-zum-zeitlosen-kunstler" target="_blank">Edward Steichen, vom Mann seiner Zeit zum zeitlosen Künstler</a></li>

<li><a href="https://steichencollections.lu/de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weltdokumentenerbe UNESCO &#8211; Steichen Collections</a></li>
</ul>

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<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Edward Steichen gilt als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts.<br>Er hat das meistverkaufte Fotobuch aller Zeiten herausgebracht,<br>einen Ausstellungskatalog der meistbesuchten Ausstellungen aller Zeiten.<br>Er hat einen einzigen Film als Regisseur verantwortet, der dann auch gleich noch einen Oscar gewonnen hat<br>und mehr als nur eine Karriere in der Fotografie hinter sich gebracht.<br>Dabei war Fotografie noch nicht mal das einzige, was er in seinem Leben gemacht hat.<br>Edward Steichen wird am 27. März 1879 in Luxemburg geboren.<br>Da war er allerdings nur kurze Zeit, denn seine Eltern mussten aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen<br>und beschlossen, in die USA zu emigrieren.<br>Er war 15, als er sich seine erste Boxkamera kaufte.<br>Und das erste Foto, das er je geschossen hat, ist eine Aufnahme seiner Schwester.<br>Die Kamera würde ihn sein Leben lang begleiten, aber zunächst dachte er eigentlich,<br>er würde entweder Drucker oder Maler werden.<br>Er macht eine Ausbildung zum Lithografen und beschließt, Kunst in Paris zu studieren.<br>Kurz bevor er aufbricht, hält er sich noch in New York auf<br>und lernt dort den schon erfolgreichen und einflussreichen Fotografen Alfred Stieglitz kennen.<br>Damals wie heute wurde die Frage, ob Fotografie denn eigentlich Kunst sein könnte, heiß diskutiert<br>und es gab eine Bewegung unter Fotografen, Bilder zu schaffen, die wie Gemälde aussahen.<br>Wem das jetzt bekannt vorkommt, ja, das ist nicht das erste Mal, dass der sogenannte Piktorialismus aufkommt.<br>Schon die ersten großen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen versuchten, in ihren Gemälden der Malerei nachzueifern.<br>Stieglitz, Steichen und Zeitgenossen, also die neuen Piktorialisten,<br>sahen sich dabei in Konkurrenz zu einer anderen Schule der Fotografie.<br>Es gab nämlich auch die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die darauf pochten,<br>dass Bilder scharf und adäquate Abbildungen der Realität sein mussten.<br>Während also Fotografen wie Ansel Adams damit beschäftigt waren,<br>möglichst scharf und präzise kalkulierte Bilder zu produzieren,<br>wackelten Piktorialisten gezielt am Stativ, um dem Bild eine gewisse Unschärfe zu geben<br>oder entwickelten eigene Druckverfahren, um dem Bild eine malerische oder zeichnerische Anmutung zu geben.<br>Edward Steichen reiste dann auch tatsächlich nach Europa weiter und tritt sein Studium in Paris an.<br>Er lernt das Who is Who der französischen Kunstszene kennen<br>und schmiedet mehrere einflussreiche, lebenslange Freundschaften.<br>Außerdem wird er so eine Art früher Jet-Setter.<br>Immer wieder besteigt er Dampfschiffe, um den Atlantik zu überqueren<br>und trägt so zum regen Austausch zwischen der europäischen und der amerikanischen Kunstszene bei.<br>1903 stellt ihm die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> Gertrude Käsebier Clara Emma Smith vor,<br>eine junge Sängerin, die er heiratet und mit der er mehrere Kinder hat.<br>Edward Steichen verdient seinen Lebensunterhalt bereits mit Auftragsarbeiten jeglicher Art,<br>sowohl in der Malerei als auch in der Fotografie.<br>Seine Kontakte und frühen Fotografen von berühmten Künstlern in Paris<br>helfen ihm dabei, neue Aufträge an Land zu ziehen.<br>Und er hat sich bereits etabliert als jemand mit einem ungewöhnlichen Blick<br>und ist bekannt dafür, dass er eine ungewöhnliche Bandbreite an fotografischen Fähigkeiten besitzt.<br>So macht er Porträts, Stillleben, Auftragsarbeiten für die Industrie<br>und gilt als einer der frühesten Vertreter der Fashion-Fotografie.<br>Als der Erste Weltkrieg ausbricht, sehen sich die Steichens gezwungen, wieder in die USA zu emigrieren.<br>Er meldet sich freiwillig zum Militärdienst.<br>Als der etablierte Fotograf, der er ist, bekommt er den Auftrag,<br>eine fotografische Abteilung aufzubauen und die technischen Verfahren zu standardisieren.<br>Er entwickelt besonders kleine, leicht aufzubauende Dunkelkammern,<br>standardisiert die Filmformate, die die französischen, britischen und amerikanischen Einheiten verwenden,<br>hilft dabei, die Kameratechnik zu perfektionieren, die für Luftaufnahmen und Aufklärung verwendet wird<br>und legt technologische Grundsteine, die bis heute gelten.<br>Aus dem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> zurückgekehrt und inzwischen geschieden,<br>konzentriert sich Steichen auf seine fotografische Laufbahn.<br>Er heiratet ein zweites Mal.<br>Diese Ehe mit Dana Despero Glover wird 34 Jahre lang bis zu ihrem Tod halten<br>und seine glücklichste Beziehung sein.<br>1926 macht er internationale Schlagzeilen,<br>als er sich mit den amerikanischen Behörden um die Definition eines Kunstwerks streitet.<br>Gegenstand des Streits war eine Skulptur &#8222;Bird in Space&#8220;, die er von einem Freund gekauft hatte.<br>Die Zollbehörden sahen darin eher eine Art Küchenutensil<br>und weigerten sich, den Gegenstand als Kunst anzuerkennen.<br>Eine Diskussion, die sie schließlich vor Gericht mit Edward Steichen fortführen mussten<br>und die Steichen für sich entschied.<br>Der Nebeneffekt dabei war, dass Edward Steichen damit die Definition von Kunst<br>nach amerikanischem Recht grundlegend verändert hatte.<br>Es ging also nicht nur ums Prinzip, sondern auch wieder um die grundlegende Frage,<br>was ist Kunst?<br>Inzwischen hatte Steichen schon mehrere Ausstellungen organisiert.<br>Sowohl Malerei als auch Fotografie war sein Thema und ging ineinander über.<br>Als Teil der Fotovereinigung &#8222;Foto Secession&#8220;,<br>Mitarbeiter bei Stieglitz&#8216; einflussreichen &#8222;Camera Works&#8220; Magazins,<br>als etablierter Kunstsammler und Künstler hatte er inzwischen so einiges an Autorität.<br>Es sind diese Jahre, wo er anfängt, mit der einflussreichen Contenast-Gruppe zusammenzuarbeiten.<br>Auf der einen Seite produziert er Werbefotografie,<br>auf der anderen Seite wird er von Contenast beauftragt, Fashionfotografie zu machen.<br>Und es sind diese Jahre, die ihn zum bestbezahlten Fotografen der Welt aufsteigen lassen.<br>Er prägt und verändert den Stil der damaligen Zeit<br>und inzwischen sind seine Fotos auch immer seltener piktorialistische Fotos<br>und immer öfter abstrakte, aber scharfe und realistisch abgebildete Aufnahmen.<br>Wenn er nicht fotografierte oder malte,<br>war er mit seiner Schwester beschäftigt, neue Pflanzenarten zu züchten.<br>Beide teilten eine Leidenschaft für die Botanik und hatten damit begonnen,<br>insbesondere Rittersporn-Varianten zu züchten, die es bisher so nie gegeben hatte.<br>Edward Steichen und seine Schwester sind aber mehr als Hobbygenetiker.<br>Ihre Pflanzen, so sind sie überzeugt, sind nicht weniger als lebende Kunstwerke.<br>Und so organisiert Edward Steichen 1936 in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art<br>eine Ausstellung rund um den Rittersporn, eine Pflanzenart, die sie besonders oft züchteten.<br>Und diese Ausstellung war ein Erfolgstreffer.<br>Das Museum sah Rekordbesucherzahlen.<br>Menschen waren enthusiastisch. Sowohl Museumsgänger, Züchter oder Hobbygärtner<br>hatten ihre Freude an der sehr ausgefeilten und künstlerischen Präsentation dieser Pflanzen.<br>Tag für Tag wurde LKW-weise Pflanzmaterial zum MoMA angefahren.<br>Und Edward beschäftigte sich nach dem Kuratieren dieser Ausstellung dann außerdem mit der Dokumentation<br>und machte eindrückliche, wunderschöne Aufnahmen dieser Pflanzen.<br>1941 kommt es zum Angriff auf Pearl Harbor. Edward Steichen ist zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt.<br>Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, sich wieder freiwillig für den Militärdienst zu melden.<br>Eigentlich ist er zu alt, aber Edward Steichen hat Kontakte.<br>Und so beauftragt ihn die US Navy, eine fotografische Einheit aufzubauen.<br>Ein Auftrag, den er nur zu gerne annimmt.<br>Er baut diese fotografische Einheit auf und nimmt auch an Kriegshandlungen teil.<br>Gleichzeitig findet er aber die Zeit, zwei Ausstellungen militärischer Aufnahmen zu machen.<br>Antikriegsaufnahmen. Er will die Horror des Krieges zeigen und damit Menschen aufrütteln.<br>Außerdem dreht er noch auf dem Flugzeugträger, dem er zugewiesen wurde, einen Dokumentationsfilm.<br>Den einzigen Film, den er je verantwortet hat.<br>Und diese Dokumentation bekommt auch prompt dann im darauf folgenden Jahr einen Oscar verliehen.<br>Als der <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> vorbei und Edward Steichen wieder zurück in den USA war, war er 67 Jahre.<br>Viele würden in so einem Alter wahrscheinlich an die Rente denken.<br>Für Edward Steichen beginnt jetzt aber eine Zeit, die die erfolgreichste und krönende seines Lebens sein würde.<br>Er bekommt das Amt des Direktors für die fotografische Abteilung im MoMA angetragen.<br>Ein Posten, den vor ihm überhaupt nur eine Person bisher gehabt hatte.<br>In dieser Rolle war man nicht nur verantwortlich für fotografische Ausstellungen, sondern auch Kurator des Museums.<br>Und es ist diese Rolle, in der Edward Steichen einige der berühmtesten Fotografen und Fotografen dieser Zeit mit verewigt.<br>Namen wie Robert Frank, Deanne Arbus, Dorothea Lange, Lee Miller oder Stephen Shore.<br>Er kuratiert 44 Ausstellungen während seiner Amtszeit.<br>Alle für sich genommen Erfolge, aber eine, mit der er sich selbst, der Fotografie,<br>Dutzenden Fotografen und Fotografen und der Menschheit selbst ein Denkmal setzt.<br>Hören wir ihm kurz zu, was er selbst dazu sagt.<br>Ich hatte das Gefühl, oder eher die Hoffnung, dass wenn die Menschen wirklich sahen,<br>was die Kriegssituation in all ihrer Bestialität und Brutalität war,<br>dass das ein Deterrent sein könnte, dass die Menschen aufwachen.<br>Hier bezieht er sich auf seine Anti-Kriegsausstellungen, die er noch während dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatte.<br>Er hatte die Hoffnung gehabt, dass die Menschen von Kriegsbildern abgeschreckt würden,<br>dass sie sehen würden, wie unmenschlich und grausam <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> ist und dadurch davon überzeugt werden würden,<br>dass Krieg mit allen Mitteln verhindert werden müsste.<br>Aber die Leute, so sagt er, kamen zu der Ausstellung, fanden die auch toll, sahen die aufmerksam an.<br>Manchmal sah man jemanden mit Tränen in den Augen.<br>Und dann verließen sie die Ausstellung und vergaßen alles, was sie dort gesehen hatten.<br>Und die Grundlage für das, hat mich plötzlich aufgepragt,<br>war, dass die Idee von einem negativen Standpunkt herangehoben wurde.<br>Und von einem negativen Standpunkt her, tut nichts gut.<br>Also habe ich, als ich darüber nachdenkte, gesagt,<br>jetzt, wechseln wir von dem positiven Standpunkt her,<br>ich muss zeigen, wie wunderbar das Leben ist und wie Menschen weltweit ähnlich sind.<br>Und das hat in der &#8222;Familie von Menschen&#8220;-Exhibition erfolgt.<br>Und als er darüber nachdachte, kam er zu dem Ergebnis,<br>dass das Hauptproblem war, dass Ausstellungen mit Kriegsfotografie das Thema negativ angehen.<br>Und nichts, sagt er, das man negativ angeht, hat jemals was Gutes hervorgebracht.<br>Und so wollte er eine Ausstellung machen, die genau andersherum funktioniert.<br>Er wollte den Menschen zeigen, was allen Menschen gemeinsam ist,<br>wie schön die Menschheit ist, wie wundervoll Leben ist.<br>Und das war der Startgedanke seiner wichtigsten, größten und berühmtesten Ausstellung.<br>Der Titel &#8222;The Family of Man&#8220;.<br>Los übersetzt könnte man sagen &#8222;Die menschliche Familie&#8220;.<br>Aus moderner Sicht hätte man den Titel vielleicht anders gewählt.<br>Aber &#8222;Man&#8220; war damals in den 50ern einfach nur Synonym für Menschheit.<br>Edward Steichen jedenfalls beginnt mit der Arbeit an dieser Ausstellung,<br>indem er zunächst mal mehrere hundert Aufnahmen von verschiedensten Künstlern einkauft.<br>Gleichzeitig bittet er eine Freundin, Dorothea Lange, einen Aufruf in die Welt zu schicken.<br>Es wurde eingeladen, Fotos einzureichen, die in eine von 32 Kategorien passten und zum Thema der Ausstellung.<br>Und der Aufruf wurde überall auf der Welt vernommen und beantwortet.<br>Über zwei Millionen Fotografien wurden eingereicht.<br>In den folgenden drei Jahren wurde diese unglaubliche Menge an Material gesichtet<br>und auf knapp 1000 Aufnahmen runtergedampft und dann in einem zweiten Durchlauf auf 503 Aufnahmen reduziert.<br>503 ist übrigens immer noch für eine fotografische Ausstellung eine gewaltige Zahl.<br>Normalerweise versucht man da deutlich drunter zu bleiben.<br>Die Aufnahmen kamen tatsächlich aus der ganzen Welt.<br>Allerdings war es trotzdem so, dass ein Großteil der 273 Fotografinnen und Fotografen<br>einen eher westlichen Blick auf die Welt gehabt haben dürften.<br>Allein 70 stammten aus Europa und 163 waren aus den USA.<br>Viele waren allerdings weit gereist.<br>Es wurde also wirklich versucht, die gesamte Welt und auch fremde Kulturen abzubilden.<br>Trotzdem kann man bis heute dieser Ausstellung vorwerfen,<br>dass sie einige eher konservative Perspektiven auf die Welt einnahm<br>und den Bias, der in dieser Fotograf:innen-Auswahl schon drinsteckt, natürlich nicht ganz abschütteln kann.<br>Als die Bilder dann erstmal ausgewählt waren, ging es an das Ausstellungsdesign.<br>Und auch das war damals groundbreaking, also noch nie da gewesen.<br>Die Bilder waren in den unterschiedlichsten Größen, manche ganz klein, manche riesengroß gedruckt<br>und konnten an der Decke, hoch an der Wand, niedrig an der Wand oder auch am Boden zu finden sein.<br>Begleitet wurden die Bilder von Ausschnitten aus Zitaten oder kurzen Gedichten.<br>Und die letzte Aufnahme zeigt, nachdem man durch die gesamte Bandbreite der menschlichen Erfahrungen gegangen ist<br>und oft auch sehr schöne Alltags-Szenen gesehen hat, einen Atompilz als abschließende Mahnung,<br>dass die Menschheit es in der Hand hat, die schützenswerte Existenz und Erfahrung des menschlichen Lebens zu zerstören oder zu bewahren.<br>Dadurch wird auch klar, in welcher Zeit diese Ausstellung stattfand.<br>Es war der Kalte Krieg und die ständige Bedrohung eines möglichen nuklearen Konflikts war natürlich allen präsent.<br>Die Ausstellung blieb auch nicht aufs MoMA in New York begrenzt, sondern ging auf Tournee.<br>Sie war schon in MoMA eine Sensation und die Tournee verstärkte das noch.<br>69 Mal wurde in 37 Ländern &#8222;The Family of Man&#8220; ausgestellt<br>und mehrere Ableger-Ausstellungen mit Einzelthemen daraus wurden ebenfalls kuratiert.<br>Bis heute ist es die meistbesuchte und meistbeachteteste Fotoausstellung aller Zeiten.<br>Über 10 Millionen Menschen haben diese Ausstellung gesehen.<br>Wie es für solche Ausstellungen üblich ist, produzierte Edward Steichen natürlich auch den dazugehörigen Ausstellungskatalog.<br>Ein großformatiges Taschenbuch, in dem man die ausgestellten Bilder nachschlagen konnte.<br>Für viele dürfte das das erste Buch gewesen sein, das sie gekauft haben,<br>das sich fast ausschließlich mit Fotografie befasst und kaum Text enthält.<br>Über 4 Millionen Mal ist der Ausstellungskatalog von &#8222;The Family of Man&#8220; inzwischen verkauft worden<br>und damit das meistverkaufte Fotobuch aller Zeiten.<br>Blättert man das Buch durch oder besucht die Ausstellung, wird man auch viele Bilder wiedererkennen.<br>Manche der Fotografinnen und Fotografen, die beitrugen, waren zu dem Zeitpunkt bereits selbst weltberühmt.<br>Aber für viele markiert diese Ausstellung auch den Startpunkt einer fotografischen Karriere.<br>In jedem Fall ist es so, dass man natürlich Namen wie Henri Cartier-Bresson oder Robert Duranon<br>oder <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a>, Dianne Arbus, Lee Miller, Robert Frank, <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a>, Edward Weston,<br>Dorothea Lange, Andreas Feininger, Ansel Adams, Irving Penn, Eve Arnold, Richard Avedon oder Gary Winogrand<br>aus der späteren Fotogeschichte nicht mehr wegdenken kann.<br>Es ist diese Ausstellung jedenfalls, die Edward Steichen endgültig in den Geschichtsbüchern der Fotografie unsterblich macht.<br>Man kann sie übrigens bis heute besichtigen.<br>Nach seinem Tod wurde sie nach Luxemburg überführt, wo sie bis heute in Dauerausstellungen besichtigt werden kann.<br>Und auch den Katalog &#8222;The Family of Man&#8220; kann man nach wie vor bestellen.<br>Ich habe ein Exemplar hier und es lohnt sich absolut.<br>Die Bilder sehen dabei erstaunlich modern aus.<br>Viele haben nichts von ihrer Wirkmächtigkeit verloren.<br>Es sind eben Bilder von überall auf der Welt und allen möglichen Situationen, die wir alle wiederkennen.<br>Freude, Trauer, Liebe, Wut, Momente der Stille, Momente der Ehrfurcht.<br>Wir erkennen die Menschen, wir erkennen die Situationen.<br>Und auch wenn so eine Ausstellung heute wahrscheinlich etwas diverser kuratiert werden würde,<br>erreichen diese Bilder meiner Meinung nach immer noch, was sich Edward Steichen erhofft hatte.<br>Eben daran zu erinnern, dass wir Menschen mehr gemeinsam haben als uns trennt.<br>Und deswegen ist diese Ausstellung auch zu Recht im UNESCO-Weltdokumentenerbe verewigt.<br>1960 und 81-jährig heiratet Edward Steichen die 26-jährige Joanna Taub.<br>Zwei Jahre später setzt es sich endgültig zur Ruhe.<br>Eine Ausstellung über die Great Depression ist seine letzte große fotografische Arbeit.<br>Er zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und beschäftigt sich mit Fotografie, Malerei und seinen Pflanzen.<br>So genießt er seinen Lebensabend und stirbt mit 94 Jahren am 25. März 1973.<br>Edward Steichen war einer dieser Fotografen, der mehr als nur eine Karriere gehabt hat<br>und dabei so viel Einfluss aufs Medium ausgeübt hat, dass man wahrscheinlich gar nicht anders kann,<br>als ihn nicht mehr wahrzunehmen, weil er einfach omnipräsent ist.<br>Er hat mehrere große Moden der Fotografie mitgemacht und mitgestaltet<br>und ließ sich weder auf ein Genre noch auf eine bestimmte Tätigkeit festlegen.<br>Er war Maler, er war Fotograf, er war Kurator, er war Aussteller, er war Sammler, er war Botaniker,<br>Herausgeber, Publizist und hat dabei aber nie aus den Augen verloren, wen er versucht zu erreichen.<br>Und er behielt einen ganz pragmatischen Blick auf seine Kunst.<br>Mit dem Vorwurf konfrontiert, dass der Kommerz in seiner Arbeit ja vielleicht auch die Kunst in den Hintergrund gedrängt hätte,<br>hat er zum Beispiel Folgendes zu sagen.<br>Ich kenne keine Kunst, die nicht oder nicht kommerziell war.<br>Michelangelo sollte auf seinem Todesfelsen schon einmal beschweren,<br>dass er nie die Möglichkeit hatte, das zu tun, was er wollte.<br>Es gab immer Popen und Potentaten, die ihm Anrufe und Verpflichtungen für das, was sie wollte, gegeben haben.<br>Aber er hat eine gute Arbeit gemacht, um dieses Geld zu füllen.<br>Er kennt keine Kunst, die nicht wenigstens in Teilen kommerzialisiert ist, sagt er.<br>Und als Beispiel bringt er Michelangelo, der sich nämlich auf seinem Sterbebett beschwert hat,<br>dass er in seinem ganzen Leben fremdgesteuert worden war.<br>Immer gab es irgendwelche Päpste oder Herrscher, die von ihm irgendwelche Aufträge erfüllt haben wollten.<br>Aber, so sagt Edward Steichen, am Ende hat er das doch wirklich ganz gut gemeistert, Kunst und Kommerz zu verbinden.<br>Ein Fotograf macht nie wirklich Fotos, außer er wird davon bewegt,<br>er wird davon begeistert oder er ist sehr interessiert.<br>Und was die richtige Kunst ausmacht, so sagt er, hat mehr mit der inneren Einstellung zu tun.<br>Ein Fotograf macht kein richtiges Bild, wenn er nicht wirklich interessiert ist an dem Objekt, das er fotografiert.<br>Ein Bildnehmer und ein &#8222;Buttonpusher&#8220;, wie ich ihn auch nennen würde,<br>er schießt einfach an Dinge, die er von anderen gesehen hat.<br>Ein Fotograf establicht eine Beziehung, eine intime Beziehung zwischen sich und dem, was er fotografiert,<br>ob es ein Kern der Beine ist, ein Landschaft oder ein Gras der Garbe.<br>Knipser hingegen, die fotografieren eigentlich nur Dinge, die sie von anderen schon mal gesehen haben.<br>Das ist ihnen eigentlich egal.<br>Aber ein Fotograf, so sagt er, der fotografiert, womit er eine intime Beziehung aufbauen kann.<br>Und dabei ist es ganz egal, ob es eine Dose Bohnen oder ein Star von Weltrang wie Greta Garbo ist.<br>Das war also Episode 85 des Foto-Menschen-Podcasts zu einem der einflussreichsten Fotografen aller Zeiten.<br>Und gleichzeitig einem Mann, den wahrscheinlich nur Foto-Enthusiasten kennen und selbst bei denen nicht alle.<br>Wenn euch der Podcast gefallen hat und ihr das Foto-Menschen-Projekt unterstützen wollt,<br>dann tut mir doch einen Gefallen und erzählt einfach weiter, dass es den Podcast gibt.<br>Ich podcaste nicht kommerziell, ich möchte also kein Geld, ich werde hier auch keine Werbung machen,<br>aber ich freue mich über Rückmeldung und über steigende Hörer:innenzahlen.<br>Rückmeldung ist ein gutes Stichwort.<br>Ihr erreicht mich natürlich auf Social Media.<br>Ich glaube, ich bin ja ganz allgemein relativ einfach zu finden,<br>aber am leichtesten im Zusammenhang mit dem Foto-Menschen-Podcast geht es natürlich auf Twitter oder Mastodon unter dem Handel Foto-Menschen.<br>Die Webseite foto-menschen.net enthält alle Links, Videos, Artikel etc., die ich zur Recherche für diese Folge benutzt habe<br>und viele, viele Episoden inzwischen mit Transkripts, sodass man auch ganz hervorragend durch die vergangenen 84 Folgen stöbern kann.<br>Und wer mag, darf mir da gerne einen Kommentar unter der Episode lassen.<br>Ich freue mich darüber immer ganz besonders.<br>E-Mail gibt es natürlich auch, mail@foto-menschen.net.<br>So viele Wege mich zu erreichen.<br>Und jetzt vielen Dank für eure Zeit, fürs Zuhören.<br>Bleibt gesund und bis zum nächsten Mal.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 20 Aug 2022 13:09:04 GMT</pubDate>
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            <title>Lee Miller - Eine Frau, viele Leben</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/lee-miller-eine-frau-viele-leben.html</link>
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            <description>Lee Miller hatte ein Leben das atemlos macht: Befreundet mit dem who is who der Surrealisten-Szene des 20.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Lee Miller hatte ein Leben das atemlos macht: Befreundet mit dem who is who der Surrealisten-Szene des 20. Jahrhunderst, berühmtes Fashionmodel, erfolgreiche Fashionfotografin, Journalistin, Kriegskorrespondentin, Sterneköchin und Weltbürgerin sind nur einige ihrer Rollen. </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lee_Miller" target="_blank">Lee Miller</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pseudo-Solarisation" target="_blank">Pseudo-Solarisation</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/fotostrecke/lee-miller-kriegsberichterstatterin-in-hitlers-badewanne-fotostrecke-126109.html" target="_blank">Kriegsberichterstatterin Lee Miller &#8211; Die Schöne und der Krieg</a> (Spiegel)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/geschichte/lee-miller-model-partyloewin-fotografin-und-kriegskorrespondentin-a-1031017.html" target="_blank">Lee Miller: Model, Partylöwin, Fotografin und Kriegskorrespondentin</a> (Spiegel)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.imdb.com/title/tt12281602/" target="_blank">Lee Miller &#8211; A Life on the Front Line</a> (IMDb)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20220930164210/https://kwerfeldein.de/2013/09/02/blickfang-hitlers-badewanne/" target="_blank">kwerfeldein &#8211; Hitlers Badewanne</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunk.de/lee-miller-ein-supermodel-als-kriegsfotografin-100.html" target="_blank">Ein Supermodel als Kriegsfotografin</a> (Deutschlandfunk)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.welt.de/geschichte/article214733286/Kriegsfotografin-Lee-Miller-Fotos-aus-dem-KZ-Buchenwald.html" target="_blank">Lee Miller &#8211; Fotos aus dem KZ Buchenwald</a> (Welt)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-lee-miller-100.html" target="_blank">WDR Zeitzeichen &#8211; 21.7.1977 &#8211; Kriegsfotografin Lee Miller stirbt in Chiddingly</a></li>
</ul>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B09Q3FGPYJ" target="_blank" rel="noopener">The Lives of Lee Miller (English Edition)</a></p>

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<pre>Episodenbild: U.S. Army Official Photograph - http://astro.temple.edu/~gurwin/hist.0690syb2005.html, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77888314</pre>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Tänzerin, Model, Werbefotografin, Journalistin, Kriegsreporterin, Sterneköchin.<br>Lee Miller hat eine Biografie, die mich völlig atemlos zurückgelassen hat.<br>Und ihr habt sie mir gleich mehrfach empfohlen.<br>Ich grüße jetzt hier mal stellvertretend Silke, deren E-Mail ich vor kurzem in meiner<br>Inbox fand, und Boris, der mich beide auf das erste Foto, das ich von Lee Miller je<br>gesehen habe, hinwies, das den Titel &#8222;Die Dame in Hitlers Badewanne&#8220; trägt.<br>Lee Miller heißt eigentlich Elizabeth Miller, später dann Lady Elizabeth Penrose, und wird<br>1907 im Bundesstaat New York geboren.<br>Ihr Vater war ein Ingenieur, ihre Mutter eine Krankenschwester und sie hatte zwei Geschwister.<br>Schon die kleine Lee war eher umtriebig und schwer zu bändigen, aber ihr Vater unterstützte<br>das.<br>Und so wurden mit den Geschwistern Seifenkisten gebaut und Rennen gefahren, Dinge erklommen<br>und Gerätschaften ausprobiert.<br>Und wie um die Zeit nicht ganz unüblich, besonders für einen Ingenieurshaushalt, wurde<br>durchaus auch schon fotografiert.<br>Der Vater war begeisterter Amateurfotograf und so konnte die kleine Lee schon sehr früh<br>erste Gehversuche mit damals üblichem Gerät, wie zum Beispiel der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, machen.<br>Der Vater war ambitionierter Fotoamateur und entdeckte seine ungewöhnlich hübsche Tochter<br>früh als Fotomodell.<br>Er fotografiert Porträts und Akte und Lee steht für beides Modell.<br>Schon früh prägt sich bei Lee jedenfalls Interesse für die schönen Künstler heraus<br>und sie überlegt eventuell Tänzerin werden zu wollen.<br>Ihre Schulzeit jedenfalls war mühsam.<br>Sie wird über die Jahre aus praktisch jeder Schule geworfen, in der ihre Eltern sie eintragen.<br>Mit 18 zieht sie nach Paris und studiert Bühnenbildnerei, Kostümdesign und Bühnenbeleuchtung und kehrt<br>1926 nach New York zurück.<br>Diesmal zieht sie nach Manhattan.<br>Hier will sie Malerei und Zeichnung studieren.<br>Als sie eines Tages auf dem Heimweg war und gedankenlos auf die Straße geht, wird sie<br>beinahe von einem LKW überfahren.<br>In letzter Sekunde reißt sie einen Passant, der sie beobachtet hat, auf den Gehweg zurück<br>und Lee, die zu Tode erschrocken ist, sinkt erstmal ohnmächtig in seine Arme.<br>Und diese Anekdote ist wirklich folgenreich, denn der Mann, der sie da vor dem sicheren<br>Tod gerettet hatte, war niemand anderes als Condé Nast, dem Herausgeber von Zeitungen<br>wie Vogue, The New Yorker oder Vanity Fair.<br>Der hält jetzt also plötzlich eine elegant gekleidete, fließend französisch sprechende,<br>wunderschöne junge Dame in den Armen und sieht in ihr das perfekte Gesicht für das<br>nächste Titelblatt der Vogue.<br>Denn zu der Zeit wurde nach dem perfekten, modernen Mädchen gesucht als Titelfigur für<br>Magazine wie Vogue.<br>Und Lee Miller entsprach dieser Idee bis aufs Haar.<br>Und deswegen startet Lee ihre Modelkarriere mit einem Knall, mit einem Titelbild auf der<br>Vogue.<br>Die nächsten zwei Jahre machen sie dann zu einem der meisten gesuchten Models in ganz<br>New York.<br>Und sie arbeitet mit allem, was Rang und Namen hat.<br>Es kommt zu mir klar, als der Fotograf Edward Steichen eine Aufnahme Millers verwendet,<br>um eine Werbekampagne für Damenbinden zu bebildern.<br>Das beendet ihre Karriere als Fashionmodel, allerdings hatte sie darauf inzwischen sowieso<br>immer weniger Lust gehabt und nach Gelegenheiten gesucht, um auf Reisen zu gehen.<br>Die bot sich, als ihr einen Fashiondesigner anbot, in seinem Auftrag nach Paris zu reisen<br>und Designskizzen von Renaissance-Gemälden zu fertigen.<br>Also die Kleidung zu skizzieren, die man dort sieht.<br>In Paris passieren mehrere Dinge.<br>Erstens, Lee Miller war in Sekunden von dieser Aufgabe zu Tode gelangweilt.<br>Schon ihr ganzes Leben lang war sie bekannt dafür, dass sie sich zu nichts hinreißen<br>ließ, wenn es ihr keinen Spaß bereitete.<br>Und Renaissance-Gemälde abmalen gehörte eindeutig in diese Kategorie.<br>Außerdem war Lee Miller ein Partygirl.<br>Innerhalb kürzester Zeit netzwerkt sie sich einmal kreuz und quer durch die künstlerische<br>Szene Paris.<br>Sie war ungebunden, sie war trinkfest, sie war sexuell aufgeschlossen und sah umwerfend<br>aus.<br>Also macht sie das, was ihr als Tochter ihres Vaters als erstes in den Sinn kommt.<br>Sie besorgt sich eine Kamera und statt die Kleidungsstücke abzuzeichnen, macht sie einfach<br>Fotos davon.<br>Und was mit dem Abfotografieren von Gemälden anfängt, hört dann erstmal nicht mehr auf.<br>Sie fotografiert die Menschen um sich herum und experimentiert mit der Fotografie als<br>künstlerischer Ausdruck, als surreales Medium.<br>Wir haben das Jahr 1929.<br>Lee Miller beschließt jetzt, ernsthaft ihr Glück als <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> zu suchen.<br>Alles, was ihr fehlt, ist ein Lehrer, der ihr die Techniken der künstlerischen Fotografie<br>nahe bringen kann.<br>In Paris wird sie auch schnell fündig.<br>Der berühmte Fotograf und Künstler Man Ray wäre der perfekte Lehrmeister.<br>Sie sucht seinen Kontakt und bietet sich ihm als Model an.<br>Er will eigentlich keine Studenten aufnehmen, aber Lee war noch nie gut darin, &#8222;Nein&#8220;<br>als Antwort zu akzeptieren.<br>Der Widerstand kann auch nicht lange angedauert haben, denn sie zieht relativ schnell praktisch<br>bei ihm ein, wird eines seiner häufigsten Models, eine Mitarbeiterin in seiner Dunkelkammer<br>und in seinem Studio allgemein, seine Muse und seine Liebhaberin.<br>Die beiden arbeiten in der Zeit so eng zusammen, dass bei einer Menge Aufnahmen gar nicht ganz<br>klar ist, ob das nun Aufnahmen von Lee Miller oder von Man Ray waren.<br>Die Fotografien, die sie schaffen, sind sehr künstlerisch und surreal.<br>Und das liegt unter anderem auch an der ausgefeilten Verfremdung, die in der Dunkelkammer stattfindet.<br>Es wird mit vielen Techniken experimentiert und eine der wichtigsten, stilprägendsten<br>Techniken, die die beiden perfektionieren, ist die sogenannte Solarisation.<br>Ich werde das jetzt hier nicht detailliert ausführen, aber es ist so eine Art gezielte<br>Überbelichtung.<br>Bilder, die auf die Art entstehen, sehen sehr prägnant und eigentümlich aus, sehr kontrastreich.<br>Und in den 60er Jahren wird es ein sehr weit verbreiteter und beliebter künstlerischer<br>Bildeffekt.<br>Für die Surrealisten, zu denen Lee Miller und Man Ray ja damals gehörten, war an diesem<br>Effekt besonders wichtig, dass er praktisch durch einen Zufall entstand und dass die Ergebnisse<br>nur sehr vage kontrollierbar waren.<br>Über den Freundeskreis von Man Ray und die Partys, die auch dort reichlich stattfanden,<br>lernt Lee Miller jedenfalls das Who is Who der damaligen Künstlerszene kennen.<br>Leute wie Jean Cocteau oder eben auch Pablo Picasso gehen ein und aus und zählen zu ihren<br>Freunden.<br>Über die Jahre fertigt Pablo Picasso sechs Gemälde von Lee Miller an und wird wieder<br>und wieder von ihr fotografiert.<br>So produktiv ihre Zusammenarbeit mit Man Ray auch ist, schnell hat sie das Bedürfnis,<br>ein eigenes Studio aufzubauen und wird in kürzester Zeit zu einer etablierten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a><br>in Paris.<br>Ein Faktor mag hier auch gewesen sein, dass es zwischen Man Ray und Lee Miller auch reichlich<br>und regelmäßig krachte.<br>Denn Man Ray, der eigentlich ja offene Beziehungen und freie Liebe propagierte, hatte so seine<br>Probleme, dass die schöne Lee sich nicht in einer monogamen Beziehung einsperren ließ.<br>Und so zofften die beiden sich regelmäßig, bis es irgendwann einfach auch mal zu viel<br>war.<br>1932 ist ihr die Szene in Paris ganz allgemein zu langweilig geworden.<br>Sie kehrt wieder nach Manhattan zurück und beschließt, den Erfolg des Fotostudios in<br>Paris in New York zu wiederholen.<br>Erfolgreich, innerhalb kürzester Zeit ist sie eine der gefragtesten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> der<br>Stadt.<br>Und nach nur drei Monaten zurück hat sie ihre erste große Ausstellung, in der es nur um<br>ihre Arbeiten geht.<br>Aber auch ihr zweites erfolgreiches Fotostudio hält sie nicht lange.<br>Als sie den Ägypter Aziz Bey kennenlernt und sich in ihn verliebt, beschließt sie<br>kurzerhand, ihr Leben in New York zu beenden und mit ihm nach Ägypten zu ziehen.<br>Die beiden heiraten und für Li beginnt eine Zeit, in der sie offiziell weder als Fotografe<br>noch sonst irgendwie professionell tätig ist.<br>Ihr Alltag besteht aus Reisen und Expeditionen in die Wüste und das Umland Ägyptens oder<br>aus Partys.<br>Nach wie vor ist Li trinkfest.<br>Sie gilt als fantastische Gastgeberin, wenn auch ein bisschen launisch, immer zwischen<br>glücklich und depressiv hin und her schwankend.<br>Die Fotografien, die sie in der Zeit fertig gehören, mit zu ihren künstlerischsten.<br>1937 war sie dann endgültig das Leben in Ägypten leid.<br>Eine Ausstellung brachte sie nach Paris, wo sie den Maler und Kurator Roland Penrose kennenlernte.<br>Was zunächst eine Kollaboration war, wurde schnell eine Affäre und so zog sie mit Billigung<br>ihres Ehemanns nach London in ein gemeinsames Apartment.<br>Und hier ist Li, als die Deutschen damit beginnen, London zu bombardieren.<br>Roland war einer der Freiwilligen, der während den Bombenangriffen der Deutschen die Stadt<br>patrouillierte und nach Brandherden Ausschau hielt und Li begleitete ihn.<br>Und die Lebensgefahr, die andere vielleicht dazu gebracht hätte, sich zu vergriechen,<br>war für sie wie ein Lebenselixier.<br>Ihr war sofort klar, sie wollte dahin, wo die Action war.<br>Die Gefahr nicht meiden, sondern die Gefahr suchen.<br>Freunde und Familie war entsetzt.<br>Aber wie schon bei Man Ray, ließ Li sich nicht von einem einmal gefassten Plan und<br>einer Entscheidung abbringen.<br>Sie begann damit, praktisch täglich bei Vogue anzufragen, ob die nicht Verwendung für eine<br>Kriegskorrespondentin hätten.<br>Und beginnt damit auf eigene Faust die Bombenangriffe während dem sogenannten Blitz zu dokumentieren.<br>Es sind ihre Fotos und ihre Hartnäckigkeit, die er dann letztlich eine Akkreditierung<br>als offizielle <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a> für die Condé Nast Publishing Group einbringt.<br>Es gab einige Frauen, die für die US Army fotografierten, aber es waren nicht viele.<br>Und Action zu sehen war fast ausgeschlossen, denn die US Army hatte ganz grundsätzlich<br>die Regel, dass Frauen nicht in Kriegshandlungen geschickt wurden.<br>Und so fotografiert sie zunächst die Soldaten, die im Einsatz am D-Day gewesen waren und<br>jetzt in einem Übergangslazarett auf ihren Abtransport warteten.<br>Sie lernt den Time-Live-Fotografen David E.<br>Sherman kennen, der auch für eine Weile dann ihr Lebensgefährte werden soll, und beschließt,<br>dass sie dahin will, wo gekämpft wird.<br>Zur Not wird sie hintrampen.<br>Und genau diesen Plan setzen die beiden dann auch in die Tat um.<br>Nicht lange und Lee hat sich einen Ruf bei den Soldaten als mindestens so kampferprobt<br>und kampffest wie ihre Kameraden eingehandelt.<br>Und so wird ihr forsches Vorgehen von der Armee geduldet.<br>Sie und Sherman sind es dann auch, die zum Beispiel den ersten Einsatz von Napaim in<br>Europa dokumentieren.<br>Sie dokumentiert die Befreiung von Paris oder die Einnahme von Adolf Hitlers Berghof auf<br>dem Obersalzberg im Berchtesgaden.<br>Ihre Fotos entwickelt sie selbst in der Badewanne.<br>Und besonders die US-Vogue widmet ihr große Artikelstrecken, deren Bilder sie beisteuert<br>und deren Text sie komplett verfasst.<br>Und jetzt kommen wir zu dem Foto, das ich in der Einleitung erwähnt habe.<br>Es ist der 30.<br>April 1945.<br>Lee Miller und David Sherman sind in München.<br>Die Stadt ist praktisch dem Erdbodengeich gemacht.<br>Aber es gibt ein Haus, in dem noch fließendes, warmes Wasser ist.<br>Und so beschließen die beiden, dort ein Bad zu nehmen.<br>Als sie das Haus betreten, finden sie auch heraus, warum es das einzige Haus weit und<br>breit mit fließendem, warmen Wasser und Strom ist.<br>Denn es handelt sich um ein Privathaus von Adolf Hitler persönlich.<br>Und so beschließen die beiden nicht nur ein Bad zu nehmen, sondern dieses Bad auch fotografisch<br>zu dokumentieren.<br>Die Aufnahme zeigt Lee Miller in der Badewanne sitzend.<br>Es gibt ein analoges zweites Bild, in dem David Sherman auch ein Bad nimmt.<br>Auf den ersten Blick könnte man diese Aufnahme für einen Schnappschuss halten.<br>Aber auf den zweiten Blick wird klar, dass Lee Miller ihre Fotos als die Künstlerin,<br>die sie war, gezielt komponiert hat.<br>Und dieses Bild ist keine Ausnahme.<br>So steht zum Beispiel ein Foto Adolf Hitlers mit an der Badewanne.<br>Das bekannteste Bild des Diktators.<br>Aber noch viel wichtiger, direkt vor der Badewanne hat sie ihre US-Army-Stiefel abgestellt.<br>Und diese Kombi aus dem per Foto anwesenden Führer und den abgestellten US-Boots machen<br>aus diesem Foto eben mehr als nur einen Schnappschuss.<br>Das ist ein Foto, das nur Sieger machen können.<br>Es dokumentiert eine Machtumkehr.<br>Die Aufnahme von David Sherman zeigt außerdem noch den Duschkopf über ihm.<br>Sherman selbst ist Jude und der Duschkopf steht symbolisch für die als Gemeinschaftsduschen<br>getarnten Gaskammern der Nazis.<br>Und die hatte Lee Miller inklusive der Gräuel, die in den KZs zu sehen waren, nur zu Genüge<br>dokumentiert.<br>Sie ist vor Ort, als die KZs Buchenwald und Dachau befreit werden.<br>Während diesen Befreiungsaktionen sind ja einige Fotografinnen und Fotografen mit dabei<br>und dokumentieren.<br>Aber die meisten versuchen sich vor dem Grauen zu schützen und halten Abstand.<br>Lee geht mit ihrer Rolleiflex-Kamera ganz nah ran und macht Fotos, die sich ins Gehirn<br>brennen.<br>Lee macht diese Fotos, um die Deutschen zum Hinschauen zu zwingen und den Amerikanern<br>zu zeigen, dass sie das Richtige getan haben, als sie sich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> eingemischt haben.<br>Als der <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> vorbei ist, kehrt Lee nach England zurück.<br>Ihr Lebensgefährte aus der Anfangszeit des Krieges, Roland Penrose, hatte seinen Wehrdienst<br>überlebt und die beiden nehmen den Faden da auf, wo er durch die Kriegsgeschehnisse<br>abgetrennt worden war.<br>Sie ziehen aufs Land, erst in ein Cottage, dann in eine Farm.<br>Roland Penrose hatte sich immer vorgestellt, wie es denn sein würde, als Farmer unabhängig<br>von anderen zu sein.<br>Hatte allerdings keinerlei Begabung oder Wissen in dem Bereich.<br>Außerdem ist er ja zunächst mal Galerist, Kunstsammler und Kurator und gibt diesen Beruf<br>auch nicht auf.<br>Und so wird aus der Farm weniger ein Agrarbetrieb, als eher eine Art Künstlerkolonie mit Menschen,<br>die außerdem noch wissen, wie man einen Garten anlegt.<br>Die beiden heiraten und 1947 wird der Sohn Anthony geboren.<br>Die zieht sich komplett aus dem <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Bildjournalismus</a> zurück.<br>Sie fotografiert zwar hin und wieder, aber nicht mehr in offizieller Funktion.<br>Überhaupt hatten die Kriegsjahre tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.<br>Sie hatte schon immer eine Tendenz zur Depression und Schwierigkeiten mit Leistungsdruck umzugehen.<br>Beides bekämpfte sie oft mit Alkohol und Partys und in den ersten Jahren nach dem Krieg<br>wird es ein Strudel, der sie zu verschlingen droht.<br>Was hilft, ist ihr Freundeskreis.<br>Inklusive ihrer ehemaligen Liebhaber.<br>Man Ray oder Aziz kommen regelmäßig vorbei.<br>Pablo Picasso geht in dem Haushalt ein und aus.<br>Und immer wenn Besuch da ist oder wenn Lee eine Party schmeißen kann,<br>blüht Lee auf und zeigt ihr charmantes Gewinnendes selbst.<br>Und es ist diese Zeit, in der Lee ein weiteres Mal beschließt, sich neu zu erfinden<br>und eine neue Leidenschaft entdeckt, nämlich das Kochen.<br>Ab jetzt dokumentiert sie mit ihren Reisen keine Kriegshandlungen mehr<br>oder fotografiert mit künstlerischem Anspruch.<br>Ab jetzt sind ihre Reisen dafür da, neue Rezepte zu lernen, neue Zutaten kennenzulernen,<br>Kochbücher zu kaufen, Gerichte zu testen.<br>Sie beschäftigt sich mit ihrem Kräutergarten mit geradezu religiösem Eifer<br>und die vielen Besucherinnen und Besucher freuen sich über regelmäßige Gelage und originelle Speisepläne.<br>Als sie mit ihren eigenen Gerichten anfängt, an Wettbewerben teilzunehmen,<br>ist sie wieder auf Titelseiten zu sehen.<br>Diesmal als Köchin.<br>Und sie gewinnt Preise für ihre Gerichte.<br>Anthony und Lee haben in der Zeit eine komplizierte Beziehung.<br>Aber später schreibt er in der Biografie über seine berühmte Mutter,<br>dass es diese Zeit als Köchin war, die sie vor dem endgültigen Absinken in Alkoholismus und Depression bewahrt hat.<br>Als Erwachsenes selbst heiratet und mit seiner jungen Frau in die Nähe zieht,<br>normalisiert sich die Beziehung der Mutter und des Sohnes.<br>Es wird freundlich respektvoll.<br>Was aber beim Lesen der Biografie wirklich faszinierend ist,<br>er selbst kannte seine Mutter gar nicht als Fotografin.<br>Er kannte seine Mutter als seine Mutter und als Köchin.<br>Und so schreibt er, dass er völlig überrascht davon war, wie viele Leben seine Mutter gelebt hat.<br>Ein Leben als Supermodel, bekannt über die Grenzen New Yorks hinaus.<br>Ein Leben als surreale Künstlerin, die mit Man Ray zusammen,<br>einem der berühmtesten Vertreter des Genres, stilprägend war.<br>Ein Leben als Unternehmerin und Fotografin in der Werbebranche,<br>mit mehreren nacheinander gegründeten erfolgreichen Fotostudios.<br>Ein Leben als Kriegsreporterin und als Journalistin.<br>Eine Frau, die die ganze Welt ausführlich bereist hat und der ein Leben in Ägypten,<br>in Saus und Braus nicht genug war, sondern die dann regelrechte Expeditionen in die Wüste organisiert hat.<br>Eine Frau, die mit Picasso eng befreundet war und sechsmal von ihm gemalt wurde.<br>Eine Frau, die immer ihrem Herz und ihrer Leidenschaft folgte<br>und damit für viele andere, die ihr nachfolgten, auch den Weg freigeräumt hat.<br>Lee stirbt am 21. Juni 1977 an Krebs.<br>Ihre Asche wird über dem Kräutergarten der Farm ausgestreut.<br>Und die Farm existiert bis heute.<br>Ihr Sohn Anthony hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Nachlass zu verwalten.<br>Und die Farm und das Anwesen ist das Kernstück.<br>Sie ist umgeben von einem Skulpturengarten und enthält einige Räume, die im Originalzustand belassen wurden.<br>Hier lagert Lee&#8217;s komplettes Bildarchiv und die beeindruckende Kunstsammlung des Ehepaars.<br>Da gehören natürlich Werke von Picasso dazu, aber auch Bilder von Miró, Man Ray natürlich, Max Ernst und andere.<br>Was bleibt, ist die Geschichte einer faszinierenden Frau.<br>Einer Frau, der es offensichtlich nicht gereicht hat, sich mit nur einem Lebensweg zu begnügen.<br>[Musik]<br>FotoMenschen<br>[Musik]<br>Leute, was für ein Ritt.<br>Ich habe jetzt 17 Minuten lang versucht, den Überblick über Lee Millers Leben zu geben<br>und dabei viele, viele Anekdoten ausgelassen.<br>Ihr Sohn Anthony hat eine ganz großartige Biografie mit vielen Originalzitaten aus Briefen<br>und anderen Dokumenten zusammengestellt.<br>Und ich habe auf YouTube einen einstündigen Vortrag von ihm gefunden, der das zusammenfasst,<br>den ich euch natürlich wie immer verlinken werde.<br>Ihre Fotografie und ihre Texte sind faszinierend.<br>Die Geschichte ihrer Beziehungen, besonders die spektakuläre Beziehung, die sie mit Man Ray zusammen hatte<br>und deren gemeinsames Werk.<br>Jedes einzelne Kapitel dieses Lebens könnte Bücherregale füllen.<br>Und deswegen hier nochmal der Aufruf, surft doch bei FotoMenschen.net vorbei.<br>Ich packe in die Notizen zur Sendung, wie immer, Hinweise auf Startpunkte, also Artikel, Videos, Bücher etc.<br>Wer schon mal da ist, kann ja gerne einen Kommentar hinterlassen.<br>Ich freue mich immer über Rückmeldung.<br>Und wer mir auf Social Media folgen will, wird auf FotoMenschen.net auch da fündig.<br>Da sind die Links zum Twitter-Kanal, zum Mastodon-Kanal, zu meiner Pixel-Fat-Fotosammlung etc. etc.<br>Ich finde übrigens, von all diesen Kanälen ist vermutlich der Mastodon-Kanal der reichhaltigste,<br>aber wählt einfach selbst.<br>Ansonsten, wer jetzt mehr Lust auf Geschichts-Inhalte oder auf Wissenschaftsinhalte hat,<br>da noch in eigener Sache Hinweis auf die zwei Netzwerke, in denen der Foto-Menschen-Podcast auch mitgeht ist,<br>nämlich einmal geschichtspodcast.de und wissenschaftspodcast.de.<br>Da gibt es mehr großartigen Podcast-Content, als ihr hören könnt.<br>Auch diese Links natürlich in der Webseite.<br>Und jetzt bleibt gesund, passt auf euch auf, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Wed, 01 Jun 2022 15:59:44 GMT</pubDate>
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            <title>Ein Aasgeier, zwei Opfer</title>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Seit es technisch möglich wurde unterwegs zu fotografieren gehören Fotos aus Krisengebieten und von Menschen in Not zu den Grundpfeilern der Fotografie und oft wird behauptet diese Bilder hätten die Macht die Öffentlichkeit aufzurütteln und die Welt zu verändern. Genau davon handelt diese Folge&#8230; </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Pulitzer" target="_blank">Joseph Pulitzer</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pulitzer-Preis" target="_blank">Pulitzer-Preis</a> (Wikipedia)</li>

<li>History of The Pulitzer Prizes</li>

<li><a href="https://web.archive.org/web/20250508140907/https://www.pulitzer.org/prize-winners-by-category/217" target="_blank" rel="noreferrer noopener">List of Pulitzer Winners in the category &#8222;Feature Photography&#8220;</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_Carter" target="_blank">Kevin Carter</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20131228175359/http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,165071,00.html" target="_blank">The Life and Death of Kevin Carter</a> (Time Magazine via Web Archive)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://ny-photography-diary.com/sebastiao-salgado-by-nerris-markogiannis/" target="_blank">Aesthetics and Ideology of Sebastiao Salgado</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2001/07/13/arts/photography-review-can-suffering-be-too-beautiful.html" target="_blank">NYT &#8211; PHOTOGRAPHY REVIEW; Can Suffering Be Too Beautiful?</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.amazon.de/Regarding-Pain-Others-Susan-Sontag/dp/0141012374" target="_blank">Susan Sonntag &#8211; Regarding the Pain of Others</a> (Amazon)</li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.worldpressphoto.org/collection/photo-contest" target="_blank">World Press Photo &#8211; Winners from 1955 on</a></li>

<li><a href="https://www.welthungerhilfe.de/spenden-sudan/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Welthungerhilfe &#8211; Sudan</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/koennen-rechtfertigen-11630320.html" target="_blank">Wie können sie das rechtfertigen?</a> (Frankfurter Rundschau)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunk.de/fotojournalismus-tv-doku-ueber-den-bang-bang-club-100.html" target="_blank">Fotojournalismus &#8211; TV-Doku über den „Bang Bang Club“</a> (Kevin Carter &amp; Freunde)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.rolfnobel.de/essays/2011/06/der-traum-vom-grossen-bild/" target="_blank">DER TRAUM VOM GROSSEN BILD &#8211; WARUM ES JUNGE FOTOGRAFEN IN KRIEGE ZIEHT</a></li>
</ul>

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<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=RFaSa28ahrM" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
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<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wenn man sich für Fotografie interessiert, kommt man um Kriegsfotos nicht herum. Und ein Grund, warum diese Aufnahmen so wirkmächtig zu sein scheinen, liegt in der Psychologie der Menschen begründet. Wir können gar nicht anders. Es gibt zwei Themen, die uns wie nichts Anderes in ihren Bann schlagen, wann immer sie uns begegnen: Nacktheit und die Darstellung von Leiden.</p>

<p>Und so wandeln wahnsinnig viele Kriegsfotografien auf einem schmalen Grat zwischen Aktivismus und Gewaltpornografie. Und wir als Betrachterinnen und Betrachter können uns anscheinend nicht ganz entscheiden, ob wir Menschen, die solche Fotos aus den Kriegsgebieten zujubeln und gratulieren sollen oder sie aufs Übelste dafür kritisieren, dass sie Geld aus den Leiden Andere zu machen scheinen. Während wir also Fotograf/-innen wie Lee Miller, <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> oder <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> als Helden des Genres verehren, wurden Fotografen wie Sebastiao Salgado oder auch Steve McCurry dafür beschimpft und kritisiert, dass ihre Bilder zu schön wären, zu ästhetisch. Salgado antwortete darauf, dass eine ästhetisch schöne ansprechende Darstellung der Menschen in seinen Aufnahmen diesen Menschen ihre Würde gibt. Aber man könnte jetzt auch sagen, dass die Bilder dadurch unter Umständen auch wirklich erst für den Kunstbetrieb interessant wurden. Salgado, der jahrzehntelang in Ländern von Ruanda bis zum Kosovo das Leiden von Menschen fotografiert hat, macht Aufnahmen, die man fast nicht mehr ignorieren kann, sie sind so schön, dass man fast hinschauen muss und das dargestellte Leiden und Elend ist so schmerzhaft, dass es kaum auszuhalten ist. Das wiederum, so würde mancher argumentieren, sorgt dafür, dass wir nicht ignorieren können, welche Missstände irgendwo stattfinden.</p>

<p>Fotografie rüttelt auf, macht aufmerksam, weißt darauf hin, klagt an. Aber dann, ja dann, ändert sich oft gar nichts. Jahrzentelang bereiste Salgado Afrika und dokumentierte Leiden in bürgerkriegsgebeutelten Ländern. Und hat sich etwas geändert?</p>

<p>Steve McCurry fotografierte Flüchtlinge in Afghanistan. Und das berühmte Bild, dass angeblich den Vietnamkrieg zu beenden half, das wurde gemacht, da waren die amerikanischen Truppen eigentlich schon am Abziehen. Aber in dieser ganzen Argumentation steckt natürlich ein Denkfehler, das einzige Bild, das ändert wahrscheinlich nichts, aber in Summe und über Zeit ändert sich natürlich sehr wohl der Blick der Menschen auf ein Thema. Und sich diese Möglichkeit offenzuhalten, das war die große Leidenschaft des Verlegers und Journalisten Joseph Pulitzer.</p>

<p>Er war 1847 in Ungarn geboren und mit 17 wollte er eins: aus Ungarn weg. Er bewarb sich bei der österreichischen, der französischen und bei der britischen Armee und keine von denen wollte ihn haben, er wurde jedes Mal als untauglich eingestuft. Aber wie so oft Beharrlichkeit hilft und so schaffte er es 1864 in ein US-Bataillon akzeptiert zu werden und über Boston in die USA einzureisen. Er diente in einem deutschsprachigen Bataillon im amerikanischen Bürgerkrieg. Als der vorbei war, wollte er in den USA Fuß fassen, weil er aber hauptsächlich Deutsch und Französisch sprach und nur sehr wenig Englisch, war das zunächst schwieriger als gedacht. Aber Pulitzer hatte ein Ziel und so paukte er nicht nur Englisch, sondern begann Jura zu studieren. Als er 1867 amerikanischer Staatsbürger wurde, hatte r seinen Abschluss und sprach und schrieb exzellentes Englisch. 1868 kam er nach Missouri und trat dort eine Stelle bei einer deutschsprachigen Zeitung an. 1871 war er schon Herausgeber und Miteigentümer und 1873 zog er weiter. Und so wie diese ersten Jahre als Journalist ging es ab jetzt weiter, es war eine Serie von <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>-Berufen, Redakteurposten, Teilhaben an Zeitungen und Gründungen von Zeitungen. Von Anfang an machte sich Josef Pulitzer einen Namen als ein akribischer Rechercheur. Seine Artikel prangerten Missstände an und gingen dahin, wo es wehtat. Seine Artikel waren sensationell recherchiert und waren vor allen Dingen auch skandalträchtig. Und Pulitzer machte vor niemandem Halt, als er 1909 einen Bestechungsskandal rund um den Panamakanal aufdeckte, wo es unter anderem um die Zahlung von 40Mio. US.Dollar unter dem US-Präsidenten Theodor Roosevelt ging. Wurde er von Roosevelt und <a "/tags/j-p-morgan.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="44" title="J.P. Morgan">J.P. Morgan</a> direkt verklagt. Ein Prozess, der Pulitzer noch berühmter machte als er ohnehin schon war, denn er ging siegreich hervor und wurde damit zu einem Helden der Pressefreiheit.</p>

<p>Diese Art von Journalismus, diesen an der Sensation kratzenden, aber hervorragend recherchierten investigativem Journalismus nennt man ungefähr Yellow Press, ein Begriff, der auch aus der Geschichte Joseph Pulitzers stammt. Als der nämlich 1895, die ersten Zeitungen im Vierfarbdruck verlegte, entschied er sich für das Abdrucken eines Comic-Strips, in dem ein Junge mit einem gelben Shirt die Hauptrolle spielte. Nicht klang und die Zeitungen, die sich von Pulitzers Stil inspirieren ließen, wurden schlicht Yellow Press genannt. Ein Begriff, der bis heute überlebt hat.</p>

<p>Und noch etwas geht auf Joseph Pulitzer zurück, die Gründung der ersten Journalistenschule in den USA. Als erfolgreicher Verleger träumte er davon, den Nachwuchs gezielt ausbilden zu lassen, ethische Standards, professionelle Praktiken, die wollte er vermitteln. Und so versuchte er 1892 mit einer Geldspende in Höhe von 2 Mio. US-Dollar, die Gründung einer Journalistenschule voranzutreiben, weil diese Spende allerdings nicht akzeptiert wurde, schrieb er sie kurzerhand als Stiftung in sein Testament. Nach seinem Tot, so verfügte er, solle eine &#8222;School of Journalism&#8220; gegründet werden und das restliche Geld dann zur Stiftung eines journalistischen Preises verwendet werden. Ein Jahr nach seinem Tod 1912 wird diese Idee Wirklichkeit, die Columbia Universität gründet eine journalistische Fakultät und seit 1917 wird jährlich der Pulitzer-Preis verliehen. Ging es bei dem Preis hauptsächlich um reine journalistische Berichterstattung, wurde bald deutlich, dass es mehrere Kategorien geben müsste. Insgesamt wird der Preis, inzwischen jährlich in 23 Kategorien verliehen, 15 davon sind journalistisch geprägte Kategorien, wie z.B. Audioreportage, Kommentar oder Breaking News Reporting. 7 Kategorien fallen in den Bereich Literatur, Theater und Musik und dann gibt es noch einen Sonderpreis. Alles in allem hat der Pulitzer inzwischen ein Prestige, dass man mit den Oscarverleihungen in der Filmbranche vergleichen kann. Es gehört ein Preisgeld in jede Kategorie und das Prestige, dass mit dem Gewinn eines Pulitzer-Preises einhergeht, sorgt normalerweise für ganz gute Karriereaussichten.</p>

<p>Jetzt war es natürlich so, dass in der Berichterstattung auch damals als Pulitzer seine ersten Schritte als Journalist machte, Fotografie eine wichtige Rolle spielte. Trotzdem dauerte es bis 1968, bevor der Pulitzer-Preis eine eigene Kategorie für Fotografie bekam. Damit ist der Pulitzer 13 Jahre später dran als der &#8222;world press photo award&#8220;, aber lieber spät als nie.</p>

<p>Beide Preise haben auf jeden Fall gemeinsam, dass sie durchzogen sind von Fotografien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Beide haben gemeinsam, dass viele der Preisträger aus den Rängen von Agenturen wie &#8222;associated press&#8220; oder Reuters kommen. Und oft kommen bei den Preisträgerinnen und Preisträgern all die Konflikte, die ich am Anfang beschrieben habe, in einem Moment, in einem Preis, in einer <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>, einem Foto zusammen. So wie 1993, als Kevin Carter ein bis heute oft geteiltes und immer wieder verbreitetes Foto macht.</p>

<p>Carter war ein junger Kerl, der sein Leben mehr schlecht als Recht im Griff hatte. Südafrika war zu der Zeit in turbulentes Land, die Apartheid lag in ihren letzten Zügen. Und es war diese turbulente Umgebung, in der sich Kevin Carter und zwei seiner Freunde versuchten durch Reportagen aus dem zum Teil recht gewalttätigen und turbulenten Nachtleben von Städten wie z.B. Johannisburg, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es waren einfach junge Kerle, die dahin gingen, wo die Action war. Selbst dem Nachtleben und den Drogen nicht ganz abgeneigt, kamen sie mehr als einmal selbst auch nur knapp mit dem Leben davon. Allerdings in den Neunzigern achtete die Welt etwas mehr auf die Geschichten, die aus Südafrika kamen, besonders wenn es um den Machtkampf zwischen der herrschenden &#8222;Freedom Party&#8220; und Nelson Mandelas ANC ging.1991 war es dann einer von Kevins Freunden, der für das Foto eines erstochenen Parteiunterstützers einen ersten Pulitzerpreis der Fotografie gewann. Und Carter sah das jetzt als eines seiner Ziele an, den Pulitzer gewinnen, dann würde er es geschafft haben. Und damit war auch klar, dramatische Bilder müssten her. 1993 beschließt er deswegen mit einem Kollegen zusammen in den Sudan zu reisen, um dort die von Rebellentruppen ausgelöste Hungersnot zu dokumentieren. Er muss sich bei seinem regulären Job dafür Urlaub nehmen und reist auf eigene Kasse in das Land. Die Hoffnung: die Fotos würden sich als interessant genug herausstellen, um bei den verschiedenen Nachrichtenagenturen auf Resonanz zu stoßen und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar Pulitzer-Preis Material. Jetzt hatte Carter zwar Erfahrungen darin, wie man auch durchaus gewalttätige Szenerien dokumentiert, aber in ein Bürgerkriegsgebiet und mit einer Hungersnot zu reisen und dort zu fotografieren ist dann doch noch einmal eine völlig andere Hausnummer. Jetzt finden solche journalistischen Fotoreisen nicht vollkommen losgelöst von Infrastruktur ab, es ist also nicht so, dass der heldenhafte Fotograf seinen Rucksack schultert und alleine ins Kriegsgebiet wandert, sondern in aller Regel sind das organisierte Reisen, die zu bestimmten Anlässen stattfinden. Zum Beispiel, wenn die UN Hilfsgüter in ein Land einfliegen oder so. Und selten sind die Fotografen alleine unterwegs, sondern meistens in einer Gruppe mit organisierter An- und Abreise. So auch hier, Kevin Carter und Kollegen werden von einem kleinen Flugzeug zu einer Hilfsmittelverteilstation gebracht. Das Flugzeug landet, alle springen mit Kamera im Anschlag aus der Maschine und Kevin Carter, der sich vieles ausgemalt hatte, aber noch nie vor Ort gesehen hatte, war tief schockiert von den Bildern, die er sah. Routiniert fängt er an zu fotografieren, wie auch seine Kollegen. Allerdings versucht er relativ schnell von den doch relativ hart anzuschauenden Szenen, der vom Hungertod bedrohten Menschen wegzukommen. Auf der Suche nach einfacheren Motiven geht er in Richtung des Busches, als er ein Geräusch hört. Ein leises Wimmern und da macht er das Foto, dass ihm den Pulitzer-Preis einbringen sollte, ein Mädchen war nämlich auf dem Weg zu der Essensverteilung gestolpert und gefallen, es ist so ausgehungert, es hat praktisch keine Kraft mehr sich groß aufzurichten und zu bewegen.</p>

<p>Und die Szene, die Kevin hier festhält, wird Menschen rund um den Erdball entsetzen, denn keine drei Meter von dem Mädchen entfernt, sitzt ein Aasgeier am Boden und beobachtet das Kind. Furchtbar und ohne Kontext schwierig, denn was das Bild natürlich nicht zeigt ist, ob andere Menschen in der Nähe waren, ob denn eine Gefahr für das Mädchen bestand, ob es sich wenig später aufgerichtet hat, ob irgendjemand den Vogel verscheucht hatte. Das Bild selbst zeigt die Szene, wie sie sich in dem Moment für Kevin Carter darstellt, ein kraftloses Kind am Boden und ein Aasgeier, der darauf wartet Beute zu machen. Harter Stoff, Kevin Carter, der sich gerne mit Image des harten Kerls umgibt, hat in Wirklichkeit eine jahrelange Geschichte von depressiven Schüben und Drogenmissbrauch hinter sich, dieser Anblick und diese Szenerie, die er nicht nur in diesem Moment aufgenommen hatte, schlägt bei ihm ein wie eine Bombe. Er selbst beschreibt die Szene so, dass das Mädchen am Boden lag und der Vogel eine Weile dort sitzen blieb. Er hatte direkt ein Foto gemacht, wartete aber noch eine Weile, ob der Vogel vielleicht die Flügel ausbreiten würde. Später, als ihm der Vorwurf gemacht wurde, er hätte an seinen eigenen Vorteil gedacht, statt dem Kind zu helfen, verteidigte er sich damit, dass er sagte, erstens habe er ja später dann den Vogel verscheucht und zweitens wäre das Kind dann ja auch wieder aufgestanden und weitergelaufen. Und überhaupt ist der Beruf eines Kriegsreporters ja nicht unbedingt überall Erste-Hilfe zu leisten, sondern zu dokumentieren, was er sieht, um Menschen davon zu berichten und womöglich dazu zu bringen, den Menschen, die da in Not sind, zu Hilfe zu eilen. Ja, aber trotzdem fanden, die von der Aufnahme schockierten Betrachtenden, dass Carter mehr hätte tun müssen, statt einfach nur ein Foto zu machen.</p>

<p>Ganz egal wie wir jetzt dazu stehen, Kevin jedenfalls packt seine Kamera, seine Filme, besteigt das Flugzeug und fliegt wieder nach Hause. Diese Fotogelegenheiten dauern dann auch nicht Stunden oder tagelang, die sind dann doch eher überschaubar in ihrem Zeitaufwand. Carter entwickelt die Filme und verkauft die Aufnahmen an entsprechende Agenturen und wie es der Zufall so will, die New York Times beschließt, genau diese Aufnahme für eine Artikelstrecke über den Sudan zu verwenden und kauft die Aufnahme. Und das Foto macht Eindruck, so viel Eindruck, dass eine unüberschaubare Anzahl Zeitungen weltweit genau dieses Bild aufnehmen und ebenfalls abdrucken.</p>

<p>14 Monate nachdem er diesen Moment im Busch dokumentiert hatte, wird sein Traum vom Pulitzer deswegen Wirklichkeit und das muss sich für ihn sehr seltsam angefühlt haben, denn gerade als er die Nachricht erhält, dass er für den Pulitzerpreis nach New York eingeladen wurde, ist der Rest seines Lebens in Trümmern, der Trip in den Sudan hat ihn so heruntergezogen, dass er verstärkt zu Drogen griff, seine Stelle bei einer lokalen Zeitung verlor und kurz vor der Nachricht des Pulitzerpreisgewinns von seiner Freundin verlassen worden war. Er war also praktisch Mittel- und Obdachlos, aber es sah fast so aus als wenn, sozusagen in letzter Sekunde der Pulitzer-Preis zur Rettung gekommen wäre. Er steigt also ins Flugzeug, fliegt nach New York und lässt dort die Sau raus. Er ist ein gutaussehender junger Mann und genießt es im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, der Nimbus des Starfotografen, gepaart mit seinem Auftreten macht ihn zum Star der New Yorker Szene, für ein zwei Wochen. Und dann brach die weltweite Kritik über ihn herein. Es ist ein Ding, ob man so ein Foto veröffentlicht hat und dafür dann Kritik einsteckt, aber kaum, dass er den Pulitzer-Preis gewonnen hat, schaltet die weltweite Empörung in eine neue Stufe. Und als er wieder daheim ist, wird die gesamte Situation irgendwann zu viel für ihn, Freunde versuchen ihn noch dazu zu überreden sich professionelle Hilfe zu holen. Aber Appelle kommen zu spät, es ist nichts Kevins erster Versuch sich das Leben zu nehmen, aber dieses Mal ist er erfolgreich. Zwei Monate nachdem er der Star des New Yorker Journalisten-Nachtlebens war, setzt er seinem Leben ein Ende.</p>

<p>Und uns sollte diese Geschichte sehr, sehr nachdenklich machen, denn wir urteilen schon enorm schnell, auf Basis von Fotos, deren Kontext wir nicht kennen und deren Macherinnen und Macher uns vollkommen unbekannt sind. Und gleichzeitig feiern wir die Menschen, die uns diese Bilder bringen. Im Sudan herrscht immer noch Hungersnot, 13,4 Mio. Menschen sind jetzt während ich hier aufnehme am 7.1.2022 im Sudan auf humanitäre Hilfe angewiesen und es herrscht immer noch Bürgerkrieg. Und deswegen fliegen wieder und wieder Fotografierende und Journalisten ins Land, um uns aufzurütteln, in der Hoffnung, dass Pulitzer und so viele andere nach ihm recht haben und sich die Welt vielleicht doch ein klein bisschen ändern lässt, wenn man Geschichten erzählt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 07 Jan 2022 17:38:52 GMT</pubDate>
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            <title>Afghan Girl</title>
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            <description>1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover. Das Bild erreicht als &#8222;Afghan Girl&#8220; weltweiten Kultstatus und sorgte später nachdem man Sharbat Jahrzehnte später ausfindig gemacht hatte für ihre Sicherheit.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sharbat_Gula" target="_blank">Sharbat Gula</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Afghan_Girl#:~:text=Afghan%20Girl%20is%20a%201984,1985%20cover%20of%20National%20Geographic" target="_blank">Afghan Girl</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Steve_McCurry" target="_blank">Steve McCurry</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.stevemccurry.com/" target="_blank">Steve McCurry&#8217;s Webseite</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://shows.acast.com/bb90e2e3-2995-416d-840e-44ec3ab41f6a/episodes/d8fceaad-84fb-47e1-9ed2-d617b96e6e5b" target="_blank">Podcast Interview: Unfolding Maps &#8211; A Life of Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.npr.org/2015/07/26/425659961/how-one-photographer-captured-a-piercing-gaze-that-shook-the-world" target="_blank">NPR &#8211; How One Photographer Captured A Piercing Gaze That Shook The World</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://petapixel.com/2016/06/07/eyes-afghan-girl-critical-take-steve-mccurry-scandal/" target="_blank">Eyes of the Afghan Girl: A Critical Take on the ‘Steve McCurry Scandal’</a></li><li>This is the disturbing story behind the iconic “AFGHAN GIRL” photo</li><li><a href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/article/afghan-girl-revealed" target="_blank" rel="noreferrer noopener">National Geographic &#8211; A Life Revealed</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/panorama/pakistan-afghanisches-maedchen-mit-den-gruenen-augen-in-haft-a-1118338.html" target="_blank">Spiegel: Polizei nimmt &#8222;Mädchen mit den grünen Augen&#8220; fest</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/panorama/afghanistan-das-maedchen-mit-den-gruenen-augen-kehrt-zurueck-a-1119782.html" target="_blank">Spiegel: Das Mädchen mit den grünen Augen kehrt zurück</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20221005022800/https://kwerfeldein.de/2017/08/14/rezension-afghanistan-steve-mccurry/" target="_blank">Kwerfeldein: Rezension: „Afghanistan“ von Steve McCurry</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/reise/steve-mccurry-der-weltberuehmte-fotograf-ueber-reisen-und-kindheit-a-0fd8b3fc-ddaa-4ca2-8cf9-c4908d362804" target="_blank">Spiegel Interview mit Steve McCurry</a></li></ul>

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<p class="has-small-font-size">Credits: </p>

<ul class="has-small-font-size"><li>Episodenbild: <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/article/afghan-girl-revealed" target="_blank">Steve McCurry for National Geographic</a></li><li>Battle Sound Effects: <a rel="noreferrer noopener" href="https://freesound.org/people/DudeAwesome/sounds/385846/" target="_blank">Freesound.org, DudeAwesome</a> </li></ul>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Unsere heutige Geschichte fängt Anfang der 80er an, irgendwo in Afghanistan. Die kleine Sharbat schaut in den Himmel. Sie hört Helikopter auf ihr Dorf zufliegen. Es sind sowjetische Militärhubschrauber, die direkt mit einem Angriff beginnen, einen Angriff, der das Dorf komplett überrascht. Sharbats Eltern kommen bei dem Angriff ums Leben. Der Rest ihrer Familie befindet sich ab jetzt zusammen mit ihr auf der Flucht.</p>

<p>Zu Fuß über die verschneiten Berge Pakistans schaffen sie es zu einem Flüchtlingscamp an der Pakistanisch-Afghanischen Grenze. Und das ist der Ort, an dem eins der ikonischsten Fotos des 20. Jahrhunderts geschossen werden wird.</p>

<p>Es gibt einen zweiten Menschen, der für unsere Geschichte heute wichtig ist. Und das ist ein berühmter Fotograf, Steve MCCurry, der zu der Zeit, als Sharbat vor den Angriffen der Sowjets fliehen musste, schon über 30 Jahre alt war. Eigentlich wollte Steve ursprünglich mal Filmemacher werden, studierte dann aber darstellende Künste. Durch einen Nebenjob bei einem Zeitungsverlag kam er dann zur Fotografie.</p>

<p>Steve hatte noch nicht viel von der Welt gesehen und er wollte ein bisschen herumkommen und so entschloss er sich zu einer Reise nach Indien. Und da entdeckte er natürlich auch schnell, dass seine Bilder sich durchaus verkaufen ließen. Mal verkaufte er an journalistische Medien wie Zeitungen zum Beispiel, mal ging es eher um die Bebilderung von Reisemagazinen. Er bereiste die ganze Region und so verschlug ihn es auch irgendwann nach Pakistan und in Pakistan hörte er dann zum ersten Mal von dem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> in Afghanistan.</p>

<p>Er freundete sich mit afghanischen Rebellen an und überzeugte sie davon, ihn als Afghane verkleidet in von Rebellen kontrolliertes Gebiet zu schmuggeln. Im Westen wusste man zu der Zeit wenig über den Konflikt in Afghanistan. Das Geschehen war weit weg, die Menschen hatten kein Gesicht. Steve MCCurry war erschüttert, aber er war als Fotograf gekommen, er hatte Filme und Kameras dabei. Und so beendete er diese erste Reihe mit unzähligen belichteten Filmen, die er, damit er sie außer Landes schmuggeln konnte, in seinen Turban und seine Unterwäsche einnähte.</p>

<p>Und es sind diese Fotos, die seine Karriere erst so richtig ins Rollen brachten. Renommierte Zeitungen wie die New York Times und Time Magazine veröffentlichten Bilder von ihm und er gewann im selben Jahr die Robert-Capa-Goldmedal, einen Preis, der für herausragende Fotoreportage vergeben wird.</p>

<p>Und ganz im Stil dieses ersten Erfolgs geht es für Steve MCCurry weiter. Er bleibt nicht nur in der Region, sondern er begleitet mit seiner Kamera die Menschen in den bewaffneten Konflikten im Mittleren Osten, in Indien, als Iran und Irak im <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> sind, ist Steve MCCurry dabei, der Bürgerkrieg in Kambodscha, der Bürgerkrieg in Libanon, der Golfkrieg oder der Afghanische Bürgerkrieg, Steve MCCurry ist dabei und portraitiert und hält fest.</p>

<p>Sieht man sich sein Werk an, stellt man zwei Sachen fest: Erstens geht es Steve MCCurry nie in erster Linie um die Situation, sondern immer um die Menschen, die er darin festhält. Der Großteil seiner Bilder und alle seine erfolgreichen Bilder sind im Grunde Portraits. Manche davon Gruppenportraits, manche davon mit mehr Kontext, viele davon zeigen natürlich auch die Umgebung, aber es geht immer um die Menschen, die er festhält.</p>

<p>Das nächste, was auffällt, ist, dass Steve MCCurry ein Meister der Farbfotografie ist. Und zwar ein Meister der Reduktion in der Farbfotografie. Steve MCCurry hat nicht nur ein Auge für die besonderen Gesichter, die besonderen Szenen, die herausstechenden Situationen, er geht außerdem mit Farbe so virtuos um, dass seine Bilder einen ganz eigenen Look haben. Bei seinen besten Fotos sieht es fast so aus, als wären in dem Bild eigentlich nur noch zwei bis drei Farben vorhanden.</p>

<p>Steve MCCurry wird auch immer mal wieder vorgeworfen, dass seine Fotografien sehr stereotypische Szenen zeigen. Die Menschen aus Indien in Steve MCCurrys Bildern sehen wirklich so aus, wie sich westliche Menschen Leute in Indien nun mal vorstellen: Sonnengegerbte, dunkle Haut, bunte Turbane, erdfarben. Und trotzdem ist Steve darauf auch nicht begrenzt. Immer wieder mal fotografiert er auch einfach nur Landschaften und Tiere. So wird er 2015 zum Beispiel dafür engagiert, für Microsoft ein ganz offizielles Windows 10 Hintergrundbild zu machen und 2019 kommt ein Buch heraus, das man beim Taschen Verlag kaufen kann, in dem er seine Lieblingstierbilder veröffentlicht hatte.</p>

<p>Aber eigentlich sind es die Bilder von Menschen, für die er berühmt ist, und es gibt ein Bild, das ihn wahrscheinlich wie kein anderes in seinem mehrere hunderttausend Fotografien umfassendes Portfolio definiert. Und da sind wir jetzt wieder angekommen bei Sharbat. Irgendwann 1984 begibt es sich nämlich, dass Steve MCCurry im Auftrag von National Geographic Fotos in den Flüchtlingscamps von Pakistan macht. Er läuft durch die Zeltstadt und kommt an einer Schule vorbei. Naja, &#8222;Schule&#8220; ist so ein großes Wort, an einem etwas größerem Zelt, in dem Mädchen unterrichtet werden. Es ist gerade kein Unterricht, die Kinder tollen herum und Steve fällt ein Mädchen sofort wegen seiner durchdringenden Augen auf: Sharbat. Er redet mit der Lehrerin, die selbst eine Kriegsversehrte ist, ihr fehlt ein Bein, sie kann nur mit Krücken laufen. Steve wird von den Menschen, die das Flüchtlingslager betreiben, als eine Chance gesehen, die Weltöffentlichkeit auf die Zustände aufmerksam zu machen und so stimmt die Lehrerin dabei zu, ihm dabei zu helfen, die Mädchen zu fotografieren.</p>

<p>Er hat es eigentlich nur auf dieses eine Kind abgesehen, wegen diesen Augen, aber er möchte natürlich auch, dass das Kind sich wohlfühlt vor seiner Kamera. Es ist ungewöhnlich, als ein westlicher Mann überhaupt in so einer Umgebung unterwegs sein zu dürfen und Mädchen zu fotografieren ist noch viel ungewöhnlicher. Und so hält sich Steve eine Weile lang in dem Zelt auf und fotografiert verschiedene Kinder der Klasse. In einem Interview später sagt er, er wollte auch eine Situation schaffen, in der sich alle Beteiligten wohlfühlen und in der sich das Mädchen, das ihm aufgefallen war, fast schon ausgeschlossen fühlen würde, wenn sie nicht auch fotografiert wird.</p>

<p>Schließlich kommt sie an die Reihe. Sie ist scheu. Sie ist schon in der Pubertät und für Mädchen in der Pubertät geziemt es sich nicht, ihr Gesicht vor Männern zu zeigen, ganz besonders nicht vor westlichen Männern. Und so hält sie ihren Schal vor ihr Gesicht. Steve macht verschiedene Fotos, so um die acht bis zehn, und positioniert sie an unterschiedlichen Stellen in dem Zelt. Die Lehrerin hilft ihm beim Übersetzen und posieren des Mädchens. In den meisten dieser Bilder sieht sie mehr oder weniger unbeholfen aus, unsicher, aber es gibt zwei Aufnahmen, in denen sie plötzlich sehr konzentriert in die Kamera blickt. In einer dieser zwei Aufnahmen hält sie den Schal vor den Mund, in der anderen Aufnahme blickt sie seitlich direkt in die Kamera.</p>

<p>Steve MCCurry reist wieder ab, die Filme werden dem Büro zur Entwicklung übergeben und setzt sich wenige Tage später mit seinem Redakteur bei National Geographic hin, um Bilder auszuwählen. Schnell ist klar, dass dieses Mädchen ein potenzielles Coverbild ist. Wenn man wie Steve on Assignment ist, weiß man nicht, dass man jetzt unter Umständen gerade für ein Cover fotografiert, man macht einfach Fotos. Und die Entscheidung, ob irgendetwas auf dem Cover landet oder nicht, wird dann von der Redaktion und den Bildeditoren getroffen.</p>

<p>Im Falle von Steves Bildern war auf jeden Fall schnell klar, dass eines seiner Fotos von diesem Flüchtlingscamp ein Kandidat für ein Coverbild sein würde, allerdings gibt es zuerst Unsicherheit, ob dieses Bild überhaupt geeignet sein würde. Es ist ein sehr eindrucksvolles Bild, ein sehr durchdringender Blick. Vielleicht, so die Sorge, ist das Bild zu frontal für die Leser von National Geographic. Aber das Bild, wo das Mädchen den Schal vor den Mund hält, das ist doch vielleicht geeignet.</p>

<p>Steve ist überzeugt davon, dass das Bild, wo man das Gesicht komplett sieht, das stärkere Bild ist, und so ertrotzt er sich, dass der Bildeditor beide Fotos vorgelegt bekommen soll. Der wiederum schaut sich die beiden Bilder an und ist sofort sicher: Das Foto, das wir heute als &#8222;Afghan Girl&#8220; kennen, kommt auf das Cover von National Geographic.</p>

<p>Und stellt sich schnell als National Geographics erfolgreichstes Cover heraus. Das Bild wird sofort ikonisch. Reproduktionen dieser Aufnahme gibt es auf der ganzen Welt und es ist das einzige Coverbild, das der National Geographic in seiner Geschichte dreimal als Titelbild verwendet. Es zeigt Sharbat, wie sie vor dem grünen Zelt ihres Schulzelts steht und mit ihren eindringlich grünen Augen ernst in die Kamera schaut.</p>

<p>Viel wurde darüber geschrieben, warum dieses Bild diese Wirkung entfaltet. Es ist auffällig, wie Steve MCCurry hier die Farben reduziert hat. Im Grunde ist dieses gesamte Bild eine Mischung aus Braun- und Grüntönen. Ihr Überwurf ist löchrig, der hat Brandflecken von ihrer Flucht. Der ernste Gesichtsausdruck, die durchdringenden Augen, die tiefgrün, aber mit einem dunklen Rand versehen sind, es ist ein Bild, das man stundenlang anschauen kann.</p>

<p>Ich habe oft gelesen, dass dieses Bild den Menschen die Situation der Flüchtlinge vor Augen geführt haben soll, ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Denn es ist außerdem ein sehr ästhetisches <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a>. Klar, ihr Überwurf hat Löcher, klar, sie ist leicht dreckig im Gesicht, aber nichts an diesem Bild deutet auf das Elend hin, das in diesem Flüchtlingscamp herrschen muss. Ja, sie sieht ernst aus, aber eigentlich ist das zunächst mal eine wirklich schöne Aufnahme, in der man sich verlieren kann.</p>

<p>Die Aufnahme bekommt nochmal Extraschub, als nach den Anschlägen am 11. September die Bush-Administration sich für Rechte von Frauen in Afghanistan stark macht und dieses Bild als eine ikonische Darstellung dieser geknechteten und unterdrückten Frauen herhält. Für Steve MCCurry muss schnell klar gewesen sein, dass dieses Bild dein Ausnahmefoto ist. Regelmäßig wird er dazu interviewt. Immer wieder wird er gefragt, wer ist dieses Mädchen. Hätte er gewusst, welchen Wirbel diese Aufnahme erzeugen würde, er hätte sich Details geben lassen. So aber war er aus dem Flüchtlingscamp abgereist, ohne zu wissen, wie das Mädchen heißt, wie alt es wirklich war, welche Geschichte es hinter sich hatte, außer, dass es eine von den vielen Flüchtlingsmädchen ohne Eltern war.</p>

<p>Und so begann er in den 90ern, nach diesem Mädchen zu suchen. Den Namen herauszufinden. Und das ist wirklich schwierig in einem Land und einer Kultur, in dem Frauen sich normalerweise vollverschleiert zeigen oder gar nicht in die Öffentlichkeit gehen und in einem Milieu, in dem Papiere und Registrierungen nicht unbedingt gerade verbreitet sind. Und deswegen findet er das Mädchen auch nicht.</p>

<p>Man muss dazu auch verstehen, dass diese Aufnahme, so ikonisch sie sein mag, eigentlich nur in unserem Kulturkreis so verbreitet ist. Klar gibt es Menschen in Afghanistan und in Pakistan, die diese Aufnahme auch gesehen haben, aber nur im westlichen Kulturkreis ist die Aufnahme derart berühmt geworden, dass sie buchstäblich jedes Kind kennt. In Afghanistan und Pakistan kann man sein Leben leben, ohne diesem Bild je große Beachtung geschenkt zu haben.</p>

<p>Trotzdem vergeht, so sagt Steve MCCurry in verschiedenen Interviews, keine Woche, ohne, dass jemand nach der Identität dieses Mädchens fragt. Und deswegen erklärt sich National Geographic im Jahr 2002 bereit, eine Expedition auszustatten und nach diesem Mädchen systematisch zu suchen. Das Ganze wird von einem Kamerateam begleitet und soll eine Dokumentation werden.</p>

<p>Und diesmal ist man erfolgreich. Die damals etwas über 30 Jahre alte Sharbat wird erfolgreich aufgespürt und dann zum zweiten Mal in ihrem Leben von Steve MCCurry fotografiert. Oder überhaupt zum zweiten Mal fotografiert. Sie hat immer noch diesen durchdringenden Blick.</p>

<p>Durch diese Begegnung wissen wir jetzt auch etwas mehr über ihre Geschichte. Sie hat wohl irgendwo zwischen ihrem 13. und 16. Lebensjahr geheiratet und kehrte dann 1992 in das Dorf zurück, aus dem sie als kleines Mädchen geflohen war. Ihr Leben war nicht unbedingt gerade einfacher gewesen, nachdem sie das Flüchtlingslager verlassen hatte. Sie bekommt fünf Kinder, eins davon stirbt noch als Baby, und drei davon sind Mädchen und so sagt Sharbat im Interview mit dem National Geographic Team, dass sie wirklich hofft, ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen zu können.</p>

<p>2012 dann stirbt ihr Mann und hinterlässt sie als Witwe. Zu dem Zeitpunkt war sie wieder nach Pakistan zurückgekehrt und hier ist es auch, wo sie dann 2015 und 2016 Probleme mit den dortigen Behörden bekommt. Ihre Dokumente stellen sich als teilweise unecht heraus und so wird sie festgenommen. Und hier ist auch der Moment gekommen, in dem es wirklich praktisch ist, als Afghan Girl durch Steve MCCurry für immer ikonisiert worden zu sein. Amnesty International protestiert medienwirksam und öffentlich und so entscheidet sich der damalige Präsident Afghanistans, Aschraf Ghani, Sharbat nach Kabul einzuladen und dort ganz offiziell nicht nur einzubürgern, sondern zu ehren. Sie bekommt in der Hauptstadt eine 280 m² große Residenz zugeteilt und die Regierung verspricht, sie finanziell zu unterstützen.</p>

<p>Und das ist der letzte Stand, den wir von Sharbat haben. Zum Zeitpunkt der Aufnahme haben ja die Taliban gerade wieder die Regierung übernommen und so weiß man im Moment leider nicht, wie es Sharbat Gula im Augenblick geht. Ist sie immer noch in der Unterkunft, wird sie immer noch vom Staat finanziell unterstützt, das ist im Moment unklar. Ich nehme aber mal an, so wie in der Vergangenheit ist es auch jetzt so, dass Steve MCCurry regelmäßig nach Sharbat Gula gefragt wird und deswegen auch ein Interesse daran haben wird, diesen Kontakt vielleicht immer wieder mal zu halten.</p>

<p>Und auch National Geographic ist, seit sie erfolgreich aufgespürt wurde, immer mit ihr in Kontakt geblieben. Es wurde ein Fund in ihrem Namen aufgelegt, um afghanische Kinder zu unterstützen und man unterstützte sie finanziell, als sie eine Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen wollte, übernahm National Geographic die Kosten, als medizinische Behandlungen notwendig wurden für Familienmitglieder, wurde auch das vom National Geographic bezahlt.</p>

<p>Gleichzeitig reißen allerdings auch kontroverse Diskussionen rund um Steve MCCurry und auch speziell diese Aufnahme anscheinend nicht ab. Wir sind heute sensibler in manchen Situationen als frühere Generationen von <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen es waren. Steve MCCurry war manchmal unterwegs in einem Spannungsfeld zwischen Journalismus und künstlerischer Fotografie. Magazine wie der National Geographic waren sicherlich nicht mit journalistischem Anspruch unterwegs und so war Steve MCCurry unter anderem auch dafür bekannt, dass er Fotos durchaus auch dirigierte. Anders, als es Journalisten erwarten würden, posierte er also auch mal seine Models, so also zum Beispiel das Afghan Girl. Das allein wird schon immer wieder mal angeprangert.</p>

<p>Während seiner Karriere hat Steve MCCurry mehrere hunderttausend Fotos gemacht und da er nicht nur im Auftrag von Zeitungen und Magazinen unterwegs war, sondern sich auch durch die berühmte Pressefotoagentur Magnum vertreten ließ, kam es irgendwann zu Problemen mit Fotos, die nachträglich bearbeitet waren. Steve MCCurry hat eigentlich nie den grundsätzlichen Sinn und die Bildaussage verändert, aber Bilder, die im journalistischen Kontext verwendet werden, dürfen nun mal nicht, um ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, stark bearbeitet worden sein. Und manche von Steve MCCurrys Bildern waren durchaus deutlich bearbeitet worden. Da wurden Bildelemente weggestempelt, Farben verändert, und so kam es in den 2010ern zu einer etwas größeren Kontroverse rund um seine Aufnahmen.</p>

<p>Und wenn man schon mal dabei ist, kann man natürlich auch gleich weitermachen und über die Rolle von westlichen Fotografen, gerne auch weißen, männlichen westlichen Fotografen in Krisengebieten und in Flüchtlingscamps reden. Hatte nicht Steve, so der Vorwurf, hier eine Machtposition ausgenutzt? Das ist eine Frage, der sich alle Krisenfotografinnen und -fotografen heutzutage stellen müssen. Sie reisen in Regionen der Welt, in denen entsetzliches stattfindet, machen da dann Fotos und verkaufen diese Fotos. Und wenn sie dann nicht im Kontext von journalistischer Berichterstattung, sondern zum Beispiel in Bildbänden oder in Ausstellungen erscheinen, kann man argumentieren, dass sie ja auf dem Elend dieser Menschen aufbauend ihren Lebensunterhalt verdienen.</p>

<p>Das Gegenargument freilich ist dann, dass solche Fotos Menschen auch aufmerksam machen auf Zustände, Menschen dazu bringen, Mitgefühl zu haben. Von dem Foto &#8222;Afghan Girl&#8220; wird behauptet, dass es überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass Menschen sich für den Konflikt in Afghanistan interessiert haben.</p>

<p>Aber es ist eine kontroverse Diskussion, unter anderem auch deswegen, weil ja bekannt ist, dass Mädchen sich normalerweise eben nicht unverschleiert einem westlichen oder überhaupt einem fremden Mann zeigen, Steve MCCurry aber dafür gesorgt hat, dass dieses Foto, das ein unverschleiertes Mädchen zeigt, weltberühmt wurde. Er hat da gewissermaßen einen Tabubruch begangen, einen Tabubruch, den wir vielleicht als hinnehmbar empfinden, der aber im dortigen Kulturkreis problematisch ist. Er macht sich einer Anmaßung schuldig.</p>

<p>Obendrein hat Sharbat ja niemand gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Das ist ja ein Thema, das ich auch schon in der Folge zum <a "/posts/das-ultimative-anti-kriegs-bild.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="51" title="Nick Út">Napalm Girl</a> angesprochen habe. Kaum, dass ein Foto nicht nur gemacht und veröffentlicht wurde, sondern von der Weltgemeinschaft als ikonisch wahrgenommen wird, verlieren die Menschen auf den Bildern anscheinend alle Rechte an dieser Aufnahme. Sharbat Gula, also zumindest die 13-jährige Sharbat Gula gehört jetzt irgendwie uns allen, ob es ihr nun passt oder nicht. Und klar hat das auch Vorteile für sie, aber in unserer heutigen Zeit haben wir verändert, wie wir über die Frage der Zustimmung nachdenken. War es vor wenigen Jahrzehnten noch völlig in Ordnung, einfach Wildfremde zu fotografieren und deren Portraits zu veröffentlichen, egal, ob sie wollten, oder nicht, ist das heute an immer engere moralische und ethische Grenzen geknüpft. Wo man persönlich jetzt da die Linie ziehen möchte, bleibt jetzt jedem selbst überlassen.</p>

<p>Steve MCCurry selbst hat sich im Rahmen dessen, was damals üblich war, verantwortungsvoll und freundlich bewegt. Klar hat er Menschen posiert, klar wusste er auch, wie er sich bewegen muss, um die Bilder zu bekommen, die er gerne bekommen wollte, aber er hat uns auch eindrückliche Werke geschenkt und auf verschiedensten Wegen versucht, auch wieder etwas zurückzugeben. Im Falle von Sharbat ist es hoffentlich so, dass ihr Status als Fotoikone sie auch jetzt in der neuen Situation in Afghanistan beschützt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 16 Oct 2021 14:35:36 GMT</pubDate>
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            <title>Das ultimative Anti-Kriegs-Bild</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/das-ultimative-anti-kriegs-bild.html</link>
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            <description>Am 8. Juni 1972 macht Nick Uth die Aufnahme &quot;Terror of War&quot; die ihn zum jüngsten Gewinner des Pulitzerpreises in der Kategorie Pressefoto machen sollte.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Am 8. Juni 1972 macht Nick Út die Aufnahme &#8222;Terror of War&#8220; die ihn zum jüngsten Gewinner des Pulitzerpreises in der Kategorie Pressefoto machen sollte. Wir kennen das Bild unter &#8222;Napalm Girl&#8220; und schreiben ihm zu den Verlauf des Krieges geändert zu haben. Heute erzähle ich die Geschichte des Bilds und gehe der Frage nach ob die Zuschreibung eigentlich stimmt&#8230; </p>

<p>Das Episodenbild ist eine andere Aufnahme aus der Reihe Aufnahmen die an dem Tag entstand. Es zeigt den Moment des Einschlags und macht deutlich dass hier Reporter in militärischer Kleidung in zwei Reihen standen (die Personen die im Bild zu sehen sind waren Mitglieder des Presseteams vor Ort).</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Phan_Th%E1%BB%8B_Kim_Ph%C3%BAc" target="_blank">Phan Thị Kim Phúc</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nick_%C3%9At" target="_blank">Nick Út</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://zeithistorische-forschungen.de/2-2005/4632#pgfId-1033442a" target="_blank">The Terror of War &#8211; Die Geschichte hinter dem Foto (Prof. Gerhard Paul)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.gratitude.org/myth_of_the_girl_in_the_photo.htm" target="_blank">The Myth Of The Girl In The Photo</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://cronkitehhh.jmc.asu.edu/blog/2020/01/napalm-girl-the-photo-that-changed-the-world/" target="_blank">“Napalm Girl”: The Photo that Changed the World</a></li><li><a href="http://www.famouspictures.org/vietnam-napalm-girl/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Famous Pictures Collection &#8211; Vietnam Napalm Girl</a></li></ul>

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<hr/>

<h2>Transkript </h2>

<p>Je länger ich mich mit der Geschichte der Fotografie beschäftige, desto öfter kommt die Frage auf, ob Bilder die Welt verändern können. Erzählt ein Bild wirklich mehr, als 1000 Worte, wie das Sprichwort uns glauben machen will? Gilt das nicht mindestens für die berühmte Aufnahme, die Nick Ut am 08. Juni 1972 gemacht hat, die als Napalm Girl in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist?&nbsp;</p>

<p>Eigentlich heißt das Bild Terror of War. Es ist Bild Nummer sieben auf einer von mehreren Filmrollen, die Nick Ut an dem Tag vollgeschossen hat. Nick Ut war vietnamesischer Reporter für associated Press. Sein Handwerk hatte ihm sein Bruder beigebracht, der siebte in seiner Familie. Deswegen glaubt Nick Ut bis heute, dass es ein letzter Gruß seines Bruders war. Der war wenig vorher im Einsatz ums Leben gekommen. Weil Nick die Fotografie von ihm gelernt hatte und durch ihn bei associated Press arbeitete, bat die Familie den damaligen Bildredakteur, Nick auf diese Stelle zu setzen.&nbsp;</p>

<p>So wurde aus Nick ein Kriegsreporter, der im Einatz fotografierte. Das Bild zeigt eine Szene aus einem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a>, von dem wir vermutlich ganz allgemein sehr verzerrte und sehr wenige Vorstellungen haben. Die Amerikaner hatten irgendwas damit zu tun. Es gab auch die Friedensbewegung, die dagegen war, dass Amerikanische Soldaten irgendwo in Asien Babys und Frauen mit Napalm töteten. So oder ähnlich ist es vermutlich im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben. Zurück von unserer kollektiven Erinnerung zu diesem Bild.&nbsp;</p>

<p>Die Aufnahme, die von Nick Ut The Terror of War genannt wurde, kennen die meisten als Napalm Girl. Ich bin mir sicher, die meisten Hörer wissen sofort, welche Aufnahme gemeint ist. Es ist ein oft ikonisch genanntes Bild, da es so berühmt ist, dass es fast jede und jeder kennt und da ihm Macht zugesprochen wird. Es wird angenommen, dieses Bild habe die Welt verändert, den Verlauf des Vietnam Kriegs vielleicht beeinflusst.&nbsp;</p>

<p>Die Aufnahme zeigt insgesamt neun Menschen, wovon fünf Kinder sind. im Zentrum sieht man besonders eindrücklich ein Mädchen, das sich komplett die Kleidung vom Leib gerissen hat und schreiend auf den Kameramann zuläuft. Es ist das damals neunjährige Mädchen Phan Thị Kim Phúc. Es hat sich die Kleidung vom Leib gerissen, da es durch den Napalm Angriff getroffen worden war und ihre Kleidung in Flammen stand. 65 Prozent ihrer Haut war verbrannt. Das sehen wir auf dem Bild nicht. Wir wissen nur, dass es Napalm Girl ist und können uns eins und eins zusammenrechnen.&nbsp;</p>

<p>Durch den Rauch im Hintergrund, die vier männlichen Gestalten in militärischer Kleidung können wir uns erschließen, dass diese Szene in einem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> aufgenommen wurde. Der Junge vorne links im Bild schreit noch viel eindrücklicher, als das Mädchen. Als ich die Aufnahme letztlich anlässlich des Jubiläums durch Social Media laufen sah, habe ich im ersten Moment sofort an den Schrei von Munch gedacht. Man sieht im Gesicht existenzielle Angst und Schmerz und davon viel. Wir schauen uns diese Kinder an und können gar nicht anders, als mit ihnen mitzufühlen. Wir sehen diese Angst und den Schmerz und wollen helfen.&nbsp;</p>

<p>Als Nick Ut diese Bilder nach erfolgter Entwicklung sieht, weiß er sofort, dass Bild sieben a auf seiner Rolle ein absoluter Treffer ist. Das ist die Aufnahme, die für diesen Angriff stehen wird und die auch sein Bildredakteur in Saigon sofort an die Firmenzentrale von associated Press schicken lässt. Es ist nicht genau die Aufnahme, sondern eine leicht zugeschnittene Fassung. Die Reporter, die an der Seite mit den Kindern mitlaufen sowie die Großmutter, die einen sterbenden Säugling auf dem Arm hält, lenken nur vom Hauptmotiv des Mädchens in der Mitte ab.&nbsp;</p>

<p>Die Komposition ist wie sie im Endeffekt in den Medien landet viel mächtiger. Das Bild ist so wirkmächtig, dass fast alle führenden großen Zeitungen und Magazine dieses Bild für die Berichterstattung über den Stand im Vietnam <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> benutzen. Interessanterweise müssen, je nachdem in welchen Ländern sie sind, manche davon dafür Sondergenehmigungen beantragen. Es ist ja ein nackter Mensch darauf abgebildet. Kurz wird ein bisschen daran herumretuschiert. Es gab einen Schatten, den man mit Schamhaar hätte verwechseln können. Der wurde aus dem Bild rausgebleicht. Mein Gott. Bomben, Tote, Gewalt sind gar kein Problem. Ih, da ist ein Schamhaar, wie unangemessen. Das Bild gibt dem Krieg ein Gesicht und entsetzt die Menschen.&nbsp;</p>

<p>In diesem Jahr gewinnt Nick Ut für dieses Foto den Pulitzer Preis. Es ist das Pressefoto des Jahres. Wir wissen, wenn wir mit uns ehrlich sind auch, warum. Das Bild zeigt Kinder unter Schmerzen und Angst. Diejenigen von uns, die selber Kinder haben, schauen sich dieses Bild an und stellen sich vor, wie es so ihren eigenen Kindern furchtbarerweise gehen könnte. Das Mädchen ist nackt und sieht vollkommen hilflos aus, was durch ihre Nacktheit verstärkt wird. In der Fotografie gibt es zwei Sachen, auf die wir Menschen vorhersagbar anspringen. Das eine ist Nacktheit. Das andere ist Menschen in Gefahr oder unter Schmerzen. Dieses Foto kombiniert beides.&nbsp;</p>

<p>Nick macht mehrere Aufnahmen von dem Mädchen, kümmert sich aber relativ schnell um sie. Er gibt ihr Wasser, kühlt ihren Körper, hilft den Kindern in einen Lieferwagen von associated Press und begleitet das Mädchen ins Krankenhaus. Dort soll er seinen Status als Reporter von associated Press klargemacht haben. Das Mädchen wäre so gut wie berühmt, da die Bilder um die Welt gehen werden. So wäre es im Interesse der Ärzte und Schwestern, sich ganz besonders gut um die Kleine zu kümmern. Am nächsten Tag landet das Bild ja auch in der Weltpresse. Man wusste damals sehr wohl, was gerade der Stand im Vietnam Krieg ist. Das wissen wir heute nicht mehr, weshalb man es fast verzeihen kann, dass die meisten Menschen glauben, dieses Bild zeige einen Angriff der Amerikaner auf Vietnamesen.&nbsp;</p>

<p>Viele glauben, dieses Bild hätte für das Aufflammen der Friedensbewegung und das Ende des Vietnamkriegs gesorgt oder dazu beigetragen. Beides stimmt so nicht. Fangen wir mit dem ersten Mythos an. Wer hat da eigentlich gegen wen gekämpft? Also 1972 die Aufnahme in Südvietnam entsteht, sind die Amerikaner längst auf dem Rückzug aus Vietnam. Aus dem Vietnam Krieg, in dem die Amerikaner Kriegspartei sind, wird ein Krieg, in dem Südvietnamesen gegen Nordvietnamesen kämpfen. Genauso einen Angriff sehen wir auf diesem Bild. Es war dem Piloten auch nicht um das Dorf gegangen. Sie hatten eine außerhalb des Dorfes gelegene Befestigungsmauer angegriffen. Die Familie des Mädchens und die Kinder hatten aber beschlossen, von dem Dorf aus die Straße runter zu laufen und sie waren sozusagen zwischen die Angriffe geraten. Diese Angriffe waren der Grund, weshalb zwölf Reporter auf dieser Straße standen.&nbsp;</p>

<p>Diese Erkenntnis kommt mir in letzter Zeit immer wieder. Obwohl Kriegsreporter öfters im Rudel arbeiten und eine Art organisierte Reise an die Front unternehmen, sehen wir sie in den Bildern doch sehr selten. Kriegsreporter sind gut darin, ihre Kollegen aus den Ausschnitten rauszunehmen. So ist es auch hier der Fall. So ein Bild erzählt ganz schnell eine andere Geschichte, wenn in diesem Pulk plötzlich lauter Männer mit Kameras rumlaufen, statt den Betroffenen zu helfen. Da werde zumindest ich ganz schnell zynisch. Es gibt einen kompletten Film aus dieser Szenerie. Jemand war mit einer Filmkamera da gestanden und hat einfach draufgehalten, während Menschen eigentlich Hilfe gebraucht hätten, alles im Dienste des Journalismus und der Berichterstattung. Ein Bild sagt mehr, als 1000 Worte. Fotografen versuchen aber trotz allem immer noch auszuwählen, welche Worte das sind. Wir sind da mit zwölf Presseleuten gestanden und haben Elend fotografiert gehört nicht zu den gerne ausgedrückten Worten.&nbsp;</p>

<p>Der Mythos, das Bild zeige einen amerikanischen Angriff hält sich übrigens gerade in den USA sehr hartnäckig. Es geht so weit, dass es in den 90ern zu einer tränenreichen Entschuldigung eines Angriffspiloten im Vietnamkrieg vor laufender Kamera kam, der sich genau daran erinnern konnte, wie er diesen Angriff geflogen war und vor lauter Schuldgefühlen zum Glauben gefunden hat und jetzt als Missionar unterwegs ist und auf Gottes Gnade hofft. Wir wissen es heute wie gesagt besser. Die Amerikaner waren schon auf dem Rückzug. Das Bild hat nicht für den Rückzug und das Ende des Krieges gesorgt.&nbsp;</p>

<p>Wenn überhaupt, war dieses Bild erstmal ein Propaganda Erfolg für die kommunistischen Nordvietnamesen. Die sahen es als Beweis für die Unmenschlichkeit der Südvietnamesen. Sie hatten sogar ihre eigenen Kinder und Frauen angegriffen, nur um eine verhältnismäßig unwichtige Stellung der Nordvietnamesen zu bombardieren. In den USA war dieses Bild erstmal Wasser auf die Mühlen einer sowieso schon laufenden Maschinerie. Die Amerikaner waren ein Jahr später aus diesem Krieg verschwunden. Der Krieg ging aber mit voller Kraft weiter. wenn überhaupt trug das Bild dazu bei, dass sich die Amerikaner weigerten, den Südvietnamesen auch nur die kleinste Hilfestellung zu geben. Das Bild hatte eindeutig Eindruck gemacht und vielleicht Entscheidungen, die für den Krieg von Bedeutung waren beeinflusst. Ob es aber immer gute Entscheidungen waren und ob es die waren, die wir heute diesem Bild zuschreiben, ist schwer zu beurteilen. Im Übrigen wusste das Mädchen erstmal gar nichts von der Aufnahme. Als sie 14 Monate später das Bild von ihrem Vater gezeigt bekommt, findet sie es furchtbar.</p>

<p><strong>B:</strong> I totally avoid to look at my picture alone.</p>

<p><strong>I:</strong> Bis heute vermeidet sie es, dieses Bild anzusehen, wenn sie allein ist.</p>

<p><strong>B:</strong> My mouth, my eyes, my body. It is the worst moment of human being.</p>

<p><strong>I:</strong> Es ist der schlimmste Moment ihres Lebens. Es ist der schlimmste Moment, den Menschen durchleben können, der auf diesem Bild festgehalten ist.</p>

<p><strong>B:</strong> As a little girl I felt so embarrassed. Why was I naked and my brothers und cousin had clothes on?</p>

<p><strong>I:</strong> Besonders als junges Mädchen war es ihr unangenehm, dass sie nackt war, während ihr Bruder und Cousins Kleidung anhatten.&nbsp;</p>

<p><strong>B:</strong> I just (?cry) there. I turned my head and saw four bombs landing like that. Fire was everywhere and the fire actually burned my clothes off. I was nine. I remember that I thought: Oh my goodness. I got burned, so I will be ugly and people will see me in a different way. Of course the moment on the picture on that day changed my life forever.</p>

<p><strong>I:</strong> Sie erinnert sich, dass diese vier Bomben runterkamen, das Feuer ihr die Kleidung vom Leib gebrannt hatte. Sie machte sich als das kleine Mädchen, das sie damals war, Sorgen, ob sie jetzt nicht für ihr Leben lang hässlich sein würde. Man könnte das in dem Bild ja auch noch sehen. Mit erwachsenen Augen sieht sie das Bild inzwischen natürlich auch für seine Vorteile und die Macht, die es hat.</p>

<p><strong>B:</strong> Now I know, I have a picture, which I am not embarrassed of like before. But it is not much to me.</p>

<p><strong>I</strong>Inzwischen hat sie geheiratet und ist nach Kanada ausgewandert. Nick Ut lebt übrigens in den USA. Die beiden haben sich seither auch viele Male getroffen. Sie weiß natürlich, dass ihr dieses Bild Aufmerksamkeit gibt und dass sie eine Antikriegsikone ist und es für den Willen steht, sowas nicht zu dulden. Es gibt trotzdem diverse Interviews mit ihr, wo sie sagt, sie habe sich mehr als nur einmal gewünscht, Nick Ut hätte dieses Bild nie gemacht und es wäre nie in unser aller Gedächtnis eingegangen. Sie weiß um die Möglichkeiten und nutzt die durch das Bild kommende Berühmtheit.&nbsp;</p>

<p>Sie ist aber auch für ihr Leben definiert. Wir lassen ihr keine Wahl. Dieses Bild gehört inzwischen irgendwie uns. Die Frage stellte ich meiner Twitter Community, als zum Anlass des Jahrestags das Bild auf Twitter geteilt wurde. Das Bild gefühlt überall immer ohne die dazugehörige Geschichte zu sehen. An die erinnern wir uns, so glauben wir, ja schließlich. So maßen wir uns an, zu entscheiden, ob wir dieses Bild weiter teilen dürfen und wieviel Kontext wir dran hängen und wieviel Energie wir aufwenden, um uns selbst zu informieren. Irgendwie ist es ja Zeitgeschichte.&nbsp;</p>

<p>So teilen wir Kriegsbilder, von denen wir nicht wissen, was sie zeigen, wer da drauf ist, in welchem Jahr es war. Wir schreiben ihm eine Macht zu, die es nicht einmal hatte, als die Ereignisse ganz frisch in aller Gedächtnis waren. Da lande ich immer. Ich will so gerne glauben, dass solche Fotos mächtig sind, kriege verhindern können, Menschen zur Vernunft bringen. Wenn ich dieses Bild sehe oder ähnlich wirkmächtige Bilder aus jüngerer Vergangenheit sehe, bleibt immer der fade Beigeschmack, dass sich die Ereignisse trotzdem kaum ändern. Es ist nur ein zusätzliches Foto in der Welt, von dem wir uns rausnehmen, es einfach zu teilen, egal ob die abgebildeten Menschen jemals zugestimmt haben. (Musik) Fotomenschen.&nbsp;</p>

<p>Phan Thị Kim Phúc und Nick Ut sind beide Ikonen der Friedensbewegung und kämpfen für eine friedlichere Welt. Vielleicht ist schon das der Wert, den das Bild liefert. Es ist eine Ikone für den Frieden, ein Mahnmal, eine Erinnerung daran, dass Krieg immer auch die falschen trifft, falls es überhaupt richtige gibt. Ich lerne aus solchen Bildern, skeptisch zu bleiben, nicht mehr anzunehmen zu wissen, was mir eine Aufnahme zeigt und die Frage zu stellen, ob ich wirklich verstanden habe, wo dieses Bild entstanden ist, was es genau zeigt und was es mir warum versucht zu sagen und warum nichts anders.&nbsp;</p>

<p>Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte,. Wir vergessen immer wieder, dass wir als Betrachter die 1000 Worte auswählen, die wir hören wollen.&nbsp;</p>

<p>Wer jetzt mehr über die Ereignisse erfahren möchte, findet in der Notizen zur Folge Links zu Interviews mit allen wichtigen Beteiligten, auf meine Quellen und unter anderem zu einem Artikel von Professor Gerhard Paul, der sich sehr ausführlich mit dem Bild sowie der Geschichte und der Art und Weise der Aufnahme des Bildes beschäftigt hat. Ich hätte den Artikel nicht ohne den Hinweis von Cornelia Stenschke gefunden. Vielen Dank auch dafür. Ich weise darauf hin, wer den Verdacht hat, in den Notizen zur Sendung im eigenen Podcatcher nicht alles zu sehen, findet auf Fotomenschen.net auf jeden Fall den ganzen Rest sowie komplette Transkripte vergangener Episoden. Wer mag, kann dort gerne einen Kommentar im Blog hinterlassen oder eine Rezension auf iTunes schreiben oder mit Auf Fotomenschen auf Twitter eine Nachricht schicken. Ich freue mich über jede Rückmeldung, Themenvorschläge, andere Hinweise oder nur einen lieben Gruß. Lieben Dank wieder fürs Zuhören. Bis bald.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 13 Jun 2021 17:52:31 GMT</pubDate>
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            <title>Leicht angeschmolzene Negative</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/leicht-angeschmolzene-negative.html</link>
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            <description>Robert Capa hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten Kriegsfotograf des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p><a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotograf</a> des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium. In dieser Folge geht es um sein Leben und darum warum die Geschichte seines berühmtesten Fotos so nicht gewesen sein kann.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Capa" target="_blank">Robert Capa</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gerda_Taro" target="_blank">Gerda Taro</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Neptune" target="_blank">D-Day</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Magnificent_Eleven" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Magnificent Eleven</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210620190512/https://petapixel.com/2019/02/16/debunking-the-myths-of-robert-capa-on-d-day/" target="_blank">Debunking the Myths of Robert Capa on D-Day</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Soldat_James_Ryan" target="_blank">Der Soldat James Ryan</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" "/posts/die-kleine-blonde.html" target="_blank">Fotomenschen #7 &#8211; Dirk kleine Blonde</a> (Podcast)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://herstorypod.de/podcast/gerda-taro-die-erste-kriegsreporterin/" target="_blank">HerStory &#8211; Gerda Taro</a> (Podcast)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/geschichte/kriegsfotograf-robert-capa-berlin-in-der-stunde-null-a-b086849b-3d5c-4c9d-bbb6-fd53be455736" target="_blank">Kriegsfotograf Robert Capa</a> (Spiegel)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/geschichte/last-man-to-die-raetsel-um-kriegsfotografie-von-robert-capa-a-951037.html" target="_blank">Das Rätsel des unbekannten Soldaten</a> (Spiegel)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210603162820/http://100photos.time.com/photos/robert-capa-falling-soldier" target="_blank">The falling soldier</a> (Time &#8211; 100 Fotos)</li></ul>

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<p>Transkript</p>

<p>Von Anfang an schicken mir meine Hörerinnen und Hörer für den Fotomenschenpodcast Themenvorschläge und manchmal sind das Vorschläge für berühmte <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen. Und ein Name kam da überdurchschnittlich oft.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>(<a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> wird von mindestens 5 verschiedenen Stimmen gesagt)</p>

<p>Ja, oder eigentlich Endre Friedmann. Und der ist eine schillernde Figur. Ein Mann, der unser Verständnis davon, was <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportagefotografie</a> und <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografie</a> sind, wie kaum ein anderer geprägt hat. Und warum das so ist und was auch vielleicht nicht ganz so ist, wie es immer erzählt wird, das will ich mir heute anschauen.</p>

<p>Wenige Fotografen sind so ikonisch wie <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a>. Und das hat natürlich eine ganze Reihe von Gründen. Ganz vorne ist da das Genre, das sich Robert gewählt hat. Er wurde bekannt für seine <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografie</a>. Das war längst nicht das einzige Genre, in dem Robert Capa unterwegs war, allerdings muss man zugeben: Für seine Reisereportagen oder die Fotostrecken über Kinder interessieren sich einfach wesentlich weniger Leute als für die berühmten Kriegsfotos aus dem Indochinakonflikt, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Spanischen Bürgerkrieg.</p>

<p>Dann kommt noch der Look, den Robert Capas Bilder haben. Er ist nicht der einzige, der diesen Look prägt, aber er ist einer der ersten. Und der Look ist von Technik getrieben. Die kleinen Messsucherkameras von Leica, Contax und anderen haben gerade ihre Blütezeit. Messsucherkameras im Vergleich zu allem, was man vorher hatte, sind klein, kompakt und können schnell und einfach überall hin mitgenommen werden. Und dadurch wird die Fotografie viel weniger geplant. Fotografie passiert jetzt. Im Geschehen. Und anders als mit den Kloppern, die Kameras vorher waren, sind die jetzt in Mode kommenden, kleinen Messsucherkameras so unauffällig, dass die Fotografierten oft gar nicht bemerken, dass sie festgehalten wurden.</p>

<p>Das ganze fällt zusammen mit dem Aufkommen von immer schneller belichtbarem Film. Und der Blütezeit der Fotomagazine. Life, Time, wie sie alle heißen. Diese Magazine spielen eine Rolle, die später das Fernsehen haben wird. Sie sind das Fenster in die Welt für die Menschen. Und so geben Bildmagazine Unsummen aus, um die besten Fotostrecken, die besten Bildessays drucken zu können.</p>

<p>Dritter technischer Baustein sind die verwendeten Objektive. Kleine Kameras verlangen nach kleinen Objektiven. Und deswegen sind die Objektive an Messsucherkameras eher weitwinklig. Und wer weit weg vom Geschehen ist, macht dann weniger eindrucksvolle Bilder. Robert Capa kann man alles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht nah genug herangegangen wäre. Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm, ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.</p>

<p>Und seinen Bildern sieht man diese Philosophie an. Robert Capa trug seine Messsucherkameras in Kriegsgebiete und machte dann Fotos aus der Nähe, mitten in Kriegshandlungen. Das sind Aufnahmen, wie man sie zum Teil damals nie gesehen hatte. Bilder, die intensiv, emotional und dynamisch sind. Die uns aufrütteln. Bis heute. Diese Art der Fotografie ist zu der Zeit Robert Capas Mode und zieht sich quer durch alle Genres. So zieht ein Henri Cartier-Bresson durch Paris und hält mit ganz ähnlichen Methoden die Absurditäten des Alltags fest.</p>

<p>Und dann ist die Berühmtheit Robert Capas natürlich auch noch ein Ergebnis von hervorragender Vermarktung. Und die Vermarktung nahm Robert Capa selbst in die Hand. 1947 gründet er zusammen mit 6 anderen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen die ikonische Pressebildargentur Magnum Photos und macht damit einige der talentiertesten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen der damaligen Zeit unabhängig von den großen Bildmagazinen. Besagter Henri Cartier-Bresson ist zum Beispiel eines der Gründungsmitglieder und Robert Capa wird später auch Director von Magnum Photos sein und damit alle Hebel in der Hand halten, um sein eigenes Image in der Öffentlichkeit auszugestalten. Ungewöhnlich mutig, außerhalb der Fotografie allerdings wenig diszipliniert, ein bisschen augenzwinkernd, gerne mal einen über den Durst trinkend, spontan draufgängerisch, also genau die Art Mann, die sich spontan und freiwillig zu Kriegseinsätzen meldet, um der Welt Fotos über diese Erfahrung zu schicken.</p>

<p>Über diesen Mythos ist der echte Robert Capa kaum noch wiederzuerkennen. Und das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch alles Biografische, was über Robert Capa bekannt ist, aus seiner eigenen Feder oder von Mitgliedern der von seiner eigenen Familie gegründeten Stiftungen und Unternehmen stammt. Man muss also oft seine Bilder für sich sprechen lassen und das sind dann dynamische Aufnahmen mit großartigem Gespür für Komposition, einem Anspruch für Authentizität und dem Bedürfnis, Menschen darzustellen.</p>

<p>Robert Capa kommt als Endre Friedmann 1918 in Ungarn auf die Welt. Endre ist politisch sensibel und als Aktivist an politischen Protesten in Ungarn beteiligt und muss deswegen im Sommer 1931 das Land verlassen. In Berlin will er Journalismus studieren und bessert sich seine Finanzen bei der Bildagentur Dephot als Assistent auf. Dort lernt er das Handwerk, das er dann als er nochmal, diesmal vor dem Hitlerregime fliehen muss, in Paris zum Einsatz bringt, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.</p>

<p>Paris ist zu der Zeit ein Schmelztiegel der Intelligenzija. In Europa wird damals aus Sicht der Intellektuellen der Welt ein großer Kampf ausgetragen, Faschismus gegen Freiheit, und so kommen Aktivisten, Journalisten und Künstler von überall her nach Europa. In Paris kennt Endre dann Gerta Pohorylle kennen. Auch sie ist Flüchtling aus Deutschland und versucht, sich in Paris mit Schreibarbeiten und Vermittlungsarbeiten über Wasser zu halten. Die beiden haben einen überlappenden Freundeskreis und durch ihre Arbeit bei einer Bildagentur kann Gerta Endre helfen, Aufträge zu ergattern. Die beiden werden ein Paar und Endre bringt Gerta bei, zu fotografieren.</p>

<p>Die Pariser der 30er Jahre sind nicht gerade begeistert von so vielen Fremden in der Stadt und Gerta und Endre merken das an den Preisen, die sie erzielen können. Und so hat Gerta eine Idee. Sie schlägt vor, in Zukunft die Fotografie der beiden unter einem Künstlernamen zu vermarkten. Sie würde als Agentin des berühmten amerikanischen Fotografen Robert Capa auftreten. Und die beiden sind hochgradig erfolgreich.</p>

<p>Schon der Anfang Robert Capas Karriere ist also ein einziger Mythos. Eine große Geschichte mit einer großen, tragischen Liebe. In Folge 7 mit dem Titel &#8222;Die kleine Blonde&#8220; habe ich diese Geschichte schon mal etwas ausführlicher erzählt. Sie endet leider damit, dass Gerta bei den Kriegshandlungen, die sie dokumentiert, ums Leben kommt. Und wer weiß, welchen Weg Robert eingeschlagen hätte, wenn das nicht passiert wäre.</p>

<p>Aus dieser Zeit, dem Spanischen Bürgerkrieg, gibt es ein Foto, das heute in Rückschau eines der berühmtesten Bilder von Robert Capa ist. Der gefallene Soldat. Es zeigt angeblich einen Soldaten in dem Augenblick, in dem eine Kugel sein Herz trifft. Und schon um dieses Bild dreht sich eine Kontroverse. Es ist nicht klar, ob es überhaupt den Tod eines Soldaten zeigt, ob es nicht bei einer Übung statt in Kampfhandlung aufgenommen wurde und auch der Ort, an dem es angeblich gemacht wurde, wurde immer wieder mal infrage gestellt und obendrein gibt es auch noch Menschen, die Zweifel anmelden, ob dieses Bild nicht eigentlich von jemand anders als Robert gemacht wurde.</p>

<p>Für mich spielt das alles eigentlich gar keine Rolle. Denn die Tatsache bleibt, dass dieses Bild bis heute die Menschen beschäftigt, bis heute die Gemüter erhitzt. Und es einen Krieg vermenschlicht, der bis dahin sehr abstrakt und weit entfernt war.</p>

<p>Am Ende des spanischen Bürgerkriegs ist Robert Capa ein berühmter Kriegsfotograf. Aber Kriege ist nicht das einzige, das er fotografiert. Zwar zieht er erstmal vom spanischen Bürgerkrieg weiter nach China, wo die Japaner gerade damit beschäftigt sind, das Reich zu überfallen, aber er macht auch eine <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> über Waisenkinder, eine andere über die Tour de France und eine Reihe von Fotoessays über die Arbeiterklasse in Belgien.</p>

<p>Inzwischen hat es ihn nach England verschlagen. Dort arbeitet er als Korrespondent für Life Magazine und für diverse andere große Publikationen. Und da ist er auch, als die Alliierten endgültig in den Zweiten Weltkrieg eintreten. D-Day. Die berühmte Landung an der Normandie. Life Magazine schickt den damals berühmtesten Kriegsfotografen seiner Zeit los, Robert Capa. Vielleicht hat er sich auch freiwillig gemeldet. Sicher ist: Wer da die ersten Fotos liefern kann, hat es geschafft. Der Strand, an dem die Truppen landen würden, trug den Codenamen &#8222;Omaha Beach&#8220; und die Deutschen erwarteten diesen Angriff. Sie hatten den gesamten Küstenabschnitt befestigt. Überall waren Bunker, im Wasser waren riesige Stahlungetüme, um zu verhindern, dass man direkt anlanden konnte, das ganze Ding war eine Todesfalle.</p>

<p>Robert Capa hatte mindestens zwei, wahrscheinlich sogar mehr Kameras dabei. Er landete mit den Truppen an. In einem der ganz regulären Truppentransporter. Und für die Geschehnisse, die ich jetzt gleich kurz beschreiben werde, gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: Nämlich einmal Robert Capa selbst, der 1947 eine kurze Biografie namens &#8222;Slightly out of focus&#8220; herausgibt und da drin eben genau diesen Tag beschreibt und John Morris, der als Bildeditor bei Life an diesem Tag dafür zuständig ist, die Bilder von Robert Capa entgegenzunehmen, zu entwickeln und von London in die USA zu schicken, damit sie in der nächsten Ausgabe von Life Magazine zusammen mit einer <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> erscheinen können.</p>

<p>Es ist der 6. Juni 1944. Das Wetter ist nicht ideal, sagen wir mal so. Es herrscht hoher Seegang und macht die Anlandung der Truppen zusätzlich schwer. Wer den Film &#8222;Der Soldat James Ryan&#8220; gesehen hat und dort die Einstiegsszene, der kann sich wahrscheinlich ganz gut vorstellen, wie das gewesen sein muss. Die alliierten Truppen dringen so weit sie können an den Strandabschnitt vor, während im Hinterland ein Luftangriff für Verwirrung sorgen soll. Je nachdem, an welchem Strandabschnitt man da in dieser ersten Welle landet, hat man mit viel oder mit sehr viel Gegenfeuer zu kämpfen. Und die ersten Soldaten, die es nach vorne schaffen, haben einen Auftrag, nämlich die Stahlbarrieren wegzusprengen, die da im Weg liegen.</p>

<p>Robert Capa ist bei dieser allerersten Welle mit dabei. Kurz, bevor sich das Tor zum Strand öffnet, befreit er seine Contax 2 Kameras von ihrem Wasserschutz und fängt an, Fotos zu machen. Das Tor öffnet sich und er fotografiert darauf los. Ein hinter ihm stehender Soldat vermutet in ihm einen Kameraden mit plötzlicher Panikattacke und stößt ihn beherzt ins Wasser. Robert Capa schafft aber, seine Kamera über Wasser zu halten und ans Ufer zu kommen, wobei er immer wieder fotografiert. Zusammen mit einigen anderen nimmt er Deckung. Er knipst von beiden Kameras beide Filme voll. Als er seine Kamera nachladen will, zittern seine Hände so stark, dass er dazu nicht in der Lage ist und er macht sich auf den Weg zu dem Schiff, das ihn wieder zurückbringen soll.</p>

<p>90 Minuten wird er an dem Strand verbracht haben und auf dem Weg zurück entstehen Aufnahmen von Sanitätern, die verwundete Soldaten versorgen.</p>

<p>Wieder in London müssen die Fotos so schnell wie möglich ins Büro von Life Magazine kommen. Capa schickt 4 Rollen Film los an das Büro von Life in London. Der Bildeditor John Morris kaut sich schon die Nägel nach diesen Bildern ab. Die Welt wartet auf die Reportage mit den Fotos von der Landung in der Normandie. Und die Zeit drängte, denn die Bilder konnten nicht in London bleiben, sondern mussten noch in die USA verschickt werden. Der Kurier braucht so ein bisschen und so wird es 6 Uhr abends, bevor die Filme im Labor ankommen.</p>

<p>John Morris macht Druck. Er muss die Bilder ja auch noch sehen und auswählen, er möchte Kontaktabzuge haben, das Labor soll sich beeilen. Er selbst erzählt das so:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;So I told the dark room to rush, rush development so can have contacts for editing.&#8220;</p>

<p>Er hat Stress gemacht. Schnell solls gehen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;A few minutes later, an almost hysterical young lad named Dennis Banks came rushing into my office, saying: &#8218;John, the films are ruined!'&#8220;</p>

<p>Wenige Minuten später stürmt ein praktisch hysterischer Laborassistent namens Dennis Banks in John Morris Büro und schreit: &#8222;Die Filme sind ruiniert! Sie sind ruiniert!&#8220;</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;I said, &#8218;what do you mean&#8216;, he said, you were in such a hurry that I put them in the locker to dry, which was normal, but closed the doors and there was too much heat and the emultion ran&#8220;</p>

<p>Die Filme wären zum Trocknen in ein Trockengerät gepackt worden, sagt er, und er hatte die Tür geschlossen, versehentlich, und die Hitze war zu hoch eingestellt und daraufhin sind die Filme geschmolzen. Morris stürmt los. Die vielleicht wichtigsten Fotos seiner Karriere ruiniert? Er findet noch eine Rolle mit verwertbaren Fotos. 11 Bilder sind da drauf. Und diese Bilder sind dann die Bilder, die Life Magazine dann später drucken wird. Bilder, die wegen der Hitze etwas verwaschen und körniger aussehen und deswegen, da ist sich irgendwie jeder einig, auch dynamischer wirken.</p>

<p>Es sei ja ein Zettel mit dabei gewesen mit ein paar Notizen für die Aufnahmen und die sind dann die Grundlage für das Life Magazine, entsprechende Bildunterschriften zu drucken. Da ist ein Bild, in dem sich Soldaten vor feindlichem Feuer hinter den Stahlbarrikaden verbarrikadieren. Oder ein anderes Bild, in dem man einen Soldaten ans Ufer schwimmen sieht. Alle sind sich einig, dass Robert Capa unglaublichen Mut bewiesen hat, indem er vor diesen Soldaten geschwommen ist, um dieses Bild zu machen und schnell ist auch der Soldat identifiziert, der da drauf angeblich zu sehen ist.</p>

<p>Und ist das nicht eine großartige Geschichte? Das ist ziemlich genau die Geschichte, wie ich sie bisher immer wieder gehört und gelesen habe. Ich habe mir hier mal den Spaß gegönnt, loszuziehen und alle Bücher zusammenzutragen, in denen Fotos von der Normandie zusammen mit dieser Geschichte abgedruckt sind. Und ich habe inzwischen 6 Versionen von dieser Geschichte hier in meiner kleinen Minibibliothek gefunden. Plus die Variante von Robert Capa selbst in &#8222;Slightly out of Focus&#8220;, die ich als Hörbuch habe und die Interviews von John Morris. Hammer. Nur sehr wahrscheinlich so nicht ganz richtig.</p>

<p>Über 70 Jahre lang wird diese Geschichte so erzählt. Und nie ist jemandem etwas sehr offensichtliches aufgefallen: Wie viel Hitze eigentlich notwendig ist, um Filme zu schmelzen. Aber bevor wir dazu kommen; fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wie viele Ungereimtheiten tauchen in dieser Geschichte auf, wenn man sie sich genau anschaut?</p>

<p>Der Fotograf, Autor und Journalist A. D. Coleman hat sich vorgenommen, diesen Mythos mal auf Herz und Nieren zu prüfen und hat darüber eine ganze Reihe an Artikeln geschrieben. Es fängt damit an, dass er die Beobachtung aufstellt, dass diese Geschichte ausschließlich von Leuten erzählt wird, die keine Dunkelkammererfahrung haben. Es stellen sich nämlich ein paar Fragen. Das geht schon damit los, dass John Morris behauptet, dass die gesamte Entwicklung- und Trockenaktion wenige Minuten gedauert hätte. Es geht aber dann mit dem angeblichen Unfall gleich weiter. Da sei es ja so gewesen, dass diese Trockenkammer aus Versehen geschlossen worden sei und dann zu heiß wurde, da tauchen mehrere Fragen auf:</p>

<p>Frage Nummer eins: Ja, solche Kammern sind eigentlich immer geschlossen, weil Filme, die feucht sind, Staub anziehen. Und genau das gilt es zu verhindern. Und dann ist es auch so, dass diese Kammern jetzt nicht gerade astronomisch heiß werden, denn es geht ja nur darum, Feuchtigkeit zu trocknen. Da ist keine Herdplatte darin. Ich habe hier übrigens obendrein noch ein kleines Experiment gemacht und Kodakfilm auch eine glühende Herdplatte gelegt und ich kann sagen: Die angeblich so behandelten Filme, die ja dann gar kein Bild mehr gezeigt haben sollen, na ja, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Weil Film schmilzt zwar und verzieht sich auch, aber ich konnte hier auf meinen Negativen nach wie vor Bilder sehen. Und zwar ordentlich. Gut, in den 40er Jahren waren die Filme vielleicht anfälliger, was weiß denn ich, aber ich glaube auch, dass meine Ceranherdplatte etwas heißer ist als das Heizelement, das üblicherweise zum Trocknen von feuchtem Film verwendet wird. Also wie heiß soll das denn bitte da drin gewesen sein, dass in wenigen Minuten 4 Rollen Film ruiniert sind?</p>

<p>An anderer Stelle wird dann auch gesagt, dass die Emulsion sich zusammengezogen hätte und deswegen sieht man an den Negativen, dass die Stanzungen mit in den belichteten Teil hereinragen. Das wäre so ein Beweis für die Hitze, die da gewirkt hat. Stimmt auch nicht. Kontakts 2 Kameras waren dafür bekannt, dass die ausgeleuchtete Kammer etwas in den Rand hineinragte, das heißt, Fotos, die mit diesen Kameras gemacht wurden, sahen eigentlich immer so aus.</p>

<p>Von da ausgehend stellte sich Coleman die Frage, was eigentlich noch seltsam an dieser Geschichte sein könnte. Und da tauchen auch mehrere Dinge auf. Die erste Frage, die einem in den Sinn kommt, ist: Warum genau wurden die Filme eigentlich per Kurier verschickt? Wenn Robert Capa doch nach London zurückkehrte, warum hat er diese Filme nicht selbst zum Entwickeln gebracht? Und wie kann es eigentlich sein, dass es Filme von vor der Landung und nach der Landung gibt, die völlig unproblematisch entwickelt worden waren? Nur die Rollen von der Landung selbst sollen ein Problem gehabt haben?</p>

<p>Und mit diesen Fragen im Kopf hat sich dann Coleman mit den Fotos näher auseinandergesetzt und versucht, den Ort zu identifizieren, an dem Robert Capa an Land gegangen ist. Seiner eigenen Schilderungen nach ist er praktisch mitten im Kampfgeschehen angelandet, gleich um 6:30. Und das kann nach Coleman eigentlich nicht sein. Es gibt mindestens ein Bild, auf dem kann man anhand sichtbarer Erkennungsmarken identifizieren, wer auf dem Foto abgebildet ist. Und die Soldaten, die dort abgebildet sind, sind weder um 6:30 angelandet, noch war es der hart umkämpfte Strandabschnitt, den Robert Capa angeblich besucht haben will. Stattdessen war es ein eher ruhiger Abschnitt. Also, ruhiger, nicht unbedingt ungefährlich, aber doch nicht so hart umkämpft wie die anderen Bereiche. Und die Leute, die angeblich laut Life Magazine Bildunterschrift hinter einem Stahlgerüst in Deckung gehen, sind auch keine Soldaten, die dort in Deckung gehen, sondern Soldaten mit dem Auftrag, diese Stahlgerüste wegzusprengen, das heißt, die sind da absichtlich und bringen Sprengladungen an. Damit ist natürlich auch der einzelne Soldat, den Robert Capa in dem berühmtesten dieser 11 Fotos aufgenommen hat und von dem man glaubte, zu wissen, wer es ist, jemand ganz anderes gewesen.</p>

<p>Fassen wir also zusammen: Es sieht so aus, als wäre Robert Capa später als angegeben und an einer anderen Stelle als behauptet zur action an Omaha Beach zugestoßen. Da war die erste Welle schon vorbei. Da waren die größten Kampfhandlungen wahrscheinlich schon erledigt. Und obendrein war es ein Stück vom Strand, an dem weniger Gegenfeuer zu erwarten war. Den Dunkelkammerunfall hat es womöglich so nie gegeben.</p>

<p>Stellt sich nur die Frage, warum John Morris das denn behauptet, da hilft es, zu wissen, dass John Morris selber eigentlich keine Ahnung hat, was so ein Fotolabor alles macht. Also entweder ist irgendein Unfall passiert und er gibt es falsch wieder, oder womöglich hat Robert Capa nie 4 Rollen Film produziert, sondern einfach nur 10 Mal abgedrückt und danach in Panik das Schiff zurückgenommen und deswegen hat John Morris einen Mythos erfunden. Vielleicht war es auch ganz anders. Die Unternehmen aber, die an dem Mythos, dem Ruhm und natürlich auch dem finanziellen Wert des Mythos Robert Capa arbeite, also Magnum Photos oder auch das international Center of Photography oder die Capa Stiftung, die haben alle kein Interesse daran, dabei zu helfen, diese Fragen abschließend aufzuklären. Denn dieser Mythos wird jedes Mal, wenn D-Day in ein rundes Jubiläum geht, aufs neue wieder und wieder erzählt.</p>

<p>Und diese Bilder sind eindrücklich. Und ähnlich wie vorhin bei dem Bild des gefallenen spanischen Soldaten denke ich mir auch hier: Es ist eigentlich egal. Klar, mit journalistischer oder dokumentarischer Ethik hat diese Anekdote wahrscheinlich nicht viel zu tun. Aber die Wahrheit ist: Diese Soldaten, die in diesen Aufnahmen gezeigt werden, haben ihr Leben an Omaha Beach riskiert. Capa hat sein Leben dort riskiert, auch wenn er es vielleicht nicht ganz so sehr riskiert hat, wie der Mythos uns glauben machen will.</p>

<p>Die Bilder sind eindrücklich, auch heute noch. Sie sind übrigens auch unscharf. Nehmt das, ihr Schärfefanatiker da draußen! Und ob die Unschärfe nun, wie er selbst in seiner Biografie schreibt, durch seine zitternden Hände zustande gekommen ist oder durch einen Laborunfall, ist doch eigentlich auch völlig egal.</p>

<p>Was bleibt, ist allerdings trotzdem die Feststellung: An Robert Capa ist praktisch nichts echt. Der Name ist erfunden, der Spanische Soldat kommt mit einer Menge Fragezeichen daher, die D-Day Fotos sind anders entstanden, als uns erzählt wird und für mich werfen sich damit Fragen auf, wie wer war Robert Capa eigentlich wirklich und wie oft schauen wir uns Bilder an, von denen wir glauben, zu wissen, was sie zeigen, die mit der Wirklichkeit nicht ganz so viel zu tun haben, oder anders formuliert: Was schauen wir uns beim Blick auf die Fotos vom D-Day an? Unsere eigenen Überzeugungen, Robert Capas Bildgestaltung oder ein Abbild der Wirklichkeit?</p>

<p>Robert Capas Werk ist sehr real. Es sind großartige Aufnahmen aus den verschiedensten Kontexten und er ist für mich ein gutes Beispiel, wie Fotografinnen und Fotografen manchmal auf ein oder zwei Dinge reduziert werden.</p>

<p>Nach dem Krieg wird Robert Capa amerikanischer Staatsbürger. 1947 kommen seine Kriegsmemoiren &#8222;Slightly out of focus&#8220;, eine Anspielung auf die zitternden Hände, die seiner Aussage nach für die Unschärfe in den D-Day Fotos verantwortlich war, auf den Markt und wird ein Bestseller. Er gründet Magnum Photos und lässt es erstmal etwas ruhiger angehen. Reisebücher, Sozialreportagen und dazwischen immer wieder wichtige Fotoessays. Er besucht Israel, wo er die dortige Unabhängigkeitsbewegung und dann die Flüchtlingsströme dokumentiert.</p>

<p>Er ist in Japan, um dort eine Reportage über Kinder zu machen, als ihm von Life Magazine ein Auftrag angetragen wird: Er soll einspringen. Ein Fotograf war ausgefallen, der in Indochina den dort herrschenden Krieg dokumentieren sollte und Capa wurde gefragt, ob er nicht dafür verfügbar wäre. Es ist sein letztes Assignment. Bei dem Versuch, eine Gruppe Soldaten beim Vormarsch zu fotografieren, tritt er auf eine Landmine.</p>

<p>Das war nun also meine Folge zu den D-Day Fotos von Robert Capa. Und in vielerlei Hinsicht ist diese Episode eine Art Fortsetzung von Folge 7, &#8222;Die kleine Blonde&#8220;, in der ich die Geschichte von <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> erzählt habe, ohne die uns der Name Robert Capa nie untergekommen wäre. Der Mann ist ein Mythos und die Figur, die wir mit Robert Capa verbinden, existiert so nicht. Und die Geschichten, die an seinen Bildern hängen, zum Teil auch nicht.&nbsp;</p>

<p>Was bleibt, ist ein Bildstil, den Robert Capa geprägt hat. Eine Branche, die er nicht zuletzt durch die Gründung von Magnum Photos uneinholbar verändert hat. Politische Bewegungen, die er zum Teil mit seinen fantastischen Fotografien ausgelöst hat. Und ein Talent für Fotos, die uns bis heute berühren können. &#8222;Ist es nicht gut genug, bist du nicht nah genug dran&#8220;. Das ist das berühmte Zitat von ihm. An ihn selbst kommt man allerdings nur sehr sehr schwer.&nbsp;</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 17 Apr 2021 13:45:42 GMT</pubDate>
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            <title>Die beste Fotografin der Welt</title>
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            <description>Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer Fotografin mit Celebrity-Status und Vorbild.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> mit Celebrity-Status. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Bourke-White" target="_blank">Margaret Bourke-White (Wikipedia)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/geschichte/us-kriegsberichterstatterin-bourke-white-die-frau-die-auf-den-mond-wollte-a-951014.html" target="_blank">Frau unter Feuer (Spiegel)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/margaret-bourke-white-in-berlin-in-schwindelnder-hoehe-vor-grausigem-abgrund-12034877.html" target="_blank">In schwindelnder Höhe, vor grausigem Abgrund (FAZ)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20111008102721/http://persephonemagazine.com/2011/02/badass-ladies-of-history-margaret-bourke-white/" target="_blank">Badass Ladies of History: Margaret Bourke-White</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="717" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/original-1024x717.jpg" alt="Ein Mann steht auf einer geschwungenen, metallischen Dachstruktur mit Blick auf eine nebelverhangene Großstadt." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="559" height="559" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/1dced44560a0db80255f34ba63247049.jpg" alt="Eine Frau in Uniform sitzt im Freien mit einer Vintage-Kamera vor sich auf einem Tisch und ist von mehreren Gepäckstücken umgeben." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="416" height="594" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/bourke-white_six_stacks_otis-steel-cle.jpg" alt="Eine lange Reihe industrieller Schornsteine steht unter einem bewölkten Himmel und verjüngt sich nach hinten, wobei kleine Figuren am basischen Rauch sichtbar sind."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="882" height="680" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Ghadi.jpg" alt="Ein glatzköpfiger Mann sitzt auf einem Bett und arbeitet an Papieren, neben ihm steht eine große Speichenradkonstruktion." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="372" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/margaret-bourke-white-moscow-bombing-july-1941.jpg" alt="Mehrere Feuerwerke explodieren am Nachthimmel über einer dunklen Stadtsilhouette."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="338" height="450" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/bourke_foundry-molten-metal1.jpg" alt="Wasser fließt aus einem vertikalen Rohr in ein Becken und bildet einen Schleier aus herabstürzendem Wasser und Dampf."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="400" height="322" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/114514.jpg" alt="Eine Gruppenaufnahme zeigt viele Männer in formeller Kleidung, die nebeneinander posieren."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="1000" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/ALABAMA-CHANIN-WOMEN-WHO-INSPIRE-MARGARET-BOURKE-WHITE-PHOTO-CREDIT-TIME-MAGAZINE-1.jpg" alt="Ein junger Mensch in Uniform und Mütze blickt durch eine große Kamera, die er auf einem Geländer hält." /></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="TbLytLCZroc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_TbLytLCZroc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

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<div class="yt-facade" data-yt="EdiFfTFCesI" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_EdiFfTFCesI.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01KUGU72O" target="_blank" rel="noopener">Portrait of Myself (English Edition)</a></p>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>1942, eine junge, gutaussehende Frau schleppt mehrere große, schwere Kisten vollgestopft mit Kameraequipment an Board eines Militärschiffs. In ihrer Tasche: Die hochoffizielle Genehmigung, dass sie im Auftrag des Life Magazine an der hochgeheimen Invasion in Nordafrika teilnehmen darf. Als [?] journalist. Als <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> will sie die Landung der Truppen festhalten.</p>

<p>Diese Genehmigung überhaupt zu bekommen, hat sie Monate hartnäckiger Arbeit gekostet und es ist ein absolutes Novum. Noch nie wurde offiziell eine weibliche Fotografin in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> geschickt. Es gibt sowieso kaum weibliche <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a>. Geschweige denn weibliche <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalistinnen</a>.</p>

<p>Der Großteil der Truppen kommt mit dem Flugzeug als Truppentransporter. Margaret Bourke-White wollte eigentlich auch in so einem Flugzeug sitzen, wurde aber in letzter Minute von einem diensthabenden Offizier davon abgehalten. &#8222;Unsere Flugzeuge haben keinen Platz für eine Frau! Nehmen Sie das Schiff.&#8220;</p>

<p>Ja, scheiße. Damit war es das wohl gewesen mit dem Auftrag, die Landung der Truppen zu dokumentieren, denn das Schiff braucht natürlich deutlich länger. Ihre männlichen Kollegen haben dieses Problem nicht, die fliegen selbstverständlich mit den Truppen mit. Aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie wird halt mit dem arbeiten, was sie vorfindet.</p>

<p>Die Tage auf See ziehen sich endlos. 2 Tage noch, dann wird sie auch endlich da sein, so wie ihre Kollegen. [Dumpfes Knallgeräusch]</p>

<p>Das Torpedo ist ein Volltreffer. Margaret greift in Panik noch schnell ihre Schwimmweste, versucht noch, eine Kamera mitzunehmen, aber die Dinger sind groß und schwer und so lässt sie sie zurück. Sie rennt zu dem ihr zugeteilten Rettungsboot und sieht dann, zusammen mit den anderen 16 Insassen zu, wie sich das Kriegsschiff, das sie an die Küste bringen sollte, langsam neigt und in den Fluten versinkt. Sie wird später in ihre Biografie schreiben, dass sie nie mehr Angst hatte, als in diesem Moment und außerdem grenzenlos bereute, keine kleineren Kameras mitgenommen zu haben. Was für großartige Bilder hätte sie machen können? Was für eine Killerreportage wäre das geworden? Jetzt, mit Rettung ungewiss und deutlicher Verspätung, wer weiß, ob da überhaupt noch etwas daraus wird? Solche oder ähnliche Gedanken müssen ihr durch den Kopf gegangen sein, als britische Kampfflugzeuge die Schiffbrüchigen aufspürten und die Rettung veranlassten.</p>

<p>Und dass da nicht nur Soldaten, sondern auch eine Frau mit an Board gewesen war, eine Fotoreporterin noch dazu, war sofort eine Sensation. Als Margaret Bourke-White dann endlich an ihrem Ziel ankam, war die Geschichte schon auf dem Weg um die Welt und sie eine Berühmtheit. Die furchtlose amerikanische Kriegsreporterin, die einen Torpedoangriff überlebte, um davon berichten zu können. Das war eine Nachricht, die allen anderen die Schau stahl. Eine ihrer männlichen Kollegen begrüßt sie grimmig: &#8222;Ich sitze hier stundenlang rum und warte darauf, dass ich endlich mal zur Action darf und dann kommt da diese Tussi daher und hat auch noch das Glück, einen Torpedoangriff zu überleben.&#8220;</p>

<p>Aber nicht nur das, eigentlich wollte Margaret Bourke-White ja sowieso da hin, wo die Action ist. Es ging ja um die US Airforce. Also musste man ihrer Meinung nach mindestens ein Mal auch bei einem Angriff mitgeflogen sein. Bisher hatte man ja dafür die Genehmigung verweigert. Aber nach dem überstandenen Torpedoangriff hat der Befehlshaber ein Einsehen:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Maggy, do you still want to go on a bombing mission?&#8220;</p>

<p>Er fragt sie, ob sie immer noch an einem Einsatz teilnehmen will.</p>

<p>[Einspieler geht weiter]</p>

<p>&#8222;I do, but I don&#8217;t want to make a pest of myself, begging.&#8220;</p>

<p>Aber sie will nicht immer betteln, sagt sie.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Well, if you&#8217;ve been torpedoed, you might as well go through everything. And he reached for the telephone and called the 97 bomb group. They were stationed then in the garden of [unverständlich] in the middle of the Sahara desert. And he told them I had permission.&#8220;</p>

<p>&#8222;Jetzt hast du ein Torpedo überlebt, jetzt kannst du den Rest auch sehen&#8220;, sagt er und greift zum Telefon und erteilt die notwendigen Genehmigungen. Und so geht Margaret Bourke-White aus dieser Anekdote mit der Genehmigung heraus, einen Bombenangriff begleiten zu dürfen. Mit Kamera. Für Life Magazine.</p>

<p>Und als ob sie zu dem Zeitpunkt nicht schon berühmt genug wäre, gilt sie jetzt als Sensation. Die erste amerikanische, akkreditierte Kriegsreporterin überhaupt. Die erste Frau, die bei einem Bombenangriff teilnehmen darf. Und die erste Fotografin, die einen Torpedoangriff überlebt. Und wie sie da hingekommen ist und was sie dann ab da noch alles gemacht hat, das erzähle ich gleich.</p>

<p>Wem die Geschichte in ihren Grundzügen bekannt vorkam, der ist vielleicht Filmfan. Alfred Hitchcock drehte nämlich den Film &#8222;Lifeboat&#8220; mit einer Geschichte, die ganz eindeutig von dieser Anekdote inspiriert war. Und ich glaub, wer sich mit der Geschichte Margaret Bourke-Whites beschäftigt, der kann wahrscheinlich gar nicht anders, als einen Film drehen zu wollen, da gibt es so viel zu entdecken, so viele firsts, so viele Stationen, die ungewöhnlich sind.</p>

<p>Geboren wird sie 1904 in der Bronx in New York. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder und erbt von ihrem Vater die Leidenschaft für Technologie, speziell Großtechnologie hat es ihr angetan, aber der Vater ist auch Hobbyfotograf und hat diverses Equipment daheim. Ihre Eltern verbindet eine Leidenschaft für die Natur und der unerschütterliche Glaube, dass man alles erreichen kann und vor nichts Angst haben sollte.</p>

<p>Von ihrem Vater übernimmt sie das Interesse an Technologie und die absolute Disziplin. Von ihrer Mutter, so schreibt sie später selber, lernte sie, sich nicht mit dem einfachen Ergebnis zufriedenzugeben. Außerdem haben die Eltern den Ehrgeiz, ihren Kindern jegliche Ängste zu nehmen und so wächst Margaret mit Reptilien und Klettereien in großer Höhe auf.</p>

<p>Zunächst sieht es so aus, als ob die Reptilien ihre Zukunft werden würden. Sie will Reptilienkunde studieren und schreibt sich in der Columbia University ein. Der Vater stirbt, kaum dass sie ein Jahr lang studiert hatte und sorgt dafür, dass die Familie deutlich weniger Finanzmittel zur Verfügung hat. Für sie ist das der Beginn einer kleinen Odyssee durch verschiedene Universitäten und nebenbei der Beginn ihrer Fotokarriere, denn sie beginnt, kleinere Aufträge entgegenzunehmen und damit ihr Einkommen aufzubessern.</p>

<p>Nach 7 verschiedenen Universitäten und diversen Kursen erwirbt sie an der Cornell University den Bachelor of Arts und zieht letztlich nach Cleveland, Ohio, wo sie dann auch ihr erstes offizielles Fotostudio eröffnet. Architektur und große Industrieanlagen haben es ihr angetan. Das war eine Liebe, die sie von ihrem Vater übernommen hatte.</p>

<p>Industrieanlagen fotografieren kann unglaublich öde sein, aber Margaret hat ein Händchen für die perfekte Perspektive. Sie findet Wiederholungen und Muster. Sie schafft es, ungewöhnliche Positionen einzunehmen und vor allem hat sie ein ungewöhnliches Talent, mit den doch in Industrieanlagen sehr schwierigen Lichtverhältnissen umzugehen.</p>

<p>Als einer ihrer ersten Klienten gewinnt sie die Otis Steel Company. Sie überzeugt den Chef, ihr die Genehmigung zu erteilen, in seinen Werken fotografieren zu dürfen. Der rechnete wahrscheinlich damit, dass sie als Fotografin zwei, drei Mal auftauchen würde und Aufnahmen machen und dann irgendwann mit einem Portfolio bei ihm auftauchte, mit der Hoffnung, er wird es ihr abkaufen. Er erteilt ihr also die Genehmigung und geht auf eine Europareise.</p>

<p>Womit er wahrscheinlich nicht gerechnet hatte, war, dass Margaret Bourke-White besessen von dem perfekten Foto war und in dem halben Jahr, in dem er auf Reisen war, praktisch jeden Tag in seine Fabriken fuhr, um dort Aufnahmen zu machen. Hier beschreibt einer ihrer Assistenten, wie sie typischerweise vorging:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;She would take a picture over and over and over again, to the point of absolute boredom. Especially with me, working with her. But also the people who had to sit still for it.&#8220;</p>

<p>Sie war Perfektionistin und irgendwann war ja auch klar, dass gerade in Stahlwerken die Lichtverhältnisse so anspruchsvoll waren, dass sie spezielles Filmmaterial und künstliche Beleuchtung brauchte. Und so fing sie an, Magnesiumfackeln mit in die Fabriken zu bringen, um zu beleuchten. Hatten die Stahlarbeiter anfangs Angst, eine Frau würde vielleicht in Ohnmacht fallen, wenn sie der Hitze ausgesetzt war oder sich in Gefahr bringen, wurde schnell klar, dass Margaret Bourke-White mit einer schlafwandlerischen Sicherheit in diesen Werken herumkletterte und für das richtige Bild vor genau gar nichts Angst hatte.</p>

<p>Es entstehen fantastische Aufnahmen. Aufnahmen, die auch heute noch modern aussehen. Und sie wird diese Aufnahmen nicht nur verkaufen, sondern es sind diese Aufnahmen, die ihr dann die ersten Türen öffnen.</p>

<p>Und ihre Arbeit ist auf vielen Ebenen vollkommen ungewöhnlich. Einmal ist es so, dass in den 1930er Jahren Frauen sowieso kaum mit Kameras unterwegs waren. Es ist die Zeit der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie, die <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Brownie wird speziell für Frauen beworben und zeichnet sich dadurch aus, dass man nichts einstellen muss, nichts wissen muss, &#8222;You press the button, we do the rest&#8220; war der Slogan der <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> Company.</p>

<p>Und hier kommt Margaret Bourke-White, eine attraktive, junge, kleine Person und hantiert nicht nur mit Maschinen, um Fotos zu machen, sondern fotografiert auch noch bevorzugt riesige Industrieanlagen. Stahlwerke. Häfen. Schlachthöfe. Und sie ist energiegeladen und furchtlos. Und zielstrebig. Sie nötigt den Männern, die mit ihr zu tun haben, absoluten Respekt ab. Sie nimmt sich Dinge heraus und sie will erfolgreich sein. Ihre Aufnahmen sind jedenfalls außergewöhnlich genug, dass nicht nur die Otis Steel Company ihre Bilder kauft, sondern sie Ausstellungen damit bestreitet und weit über die Grenzen ihres Heimatbundesstaates bekannt wird.</p>

<p>Sie geht zurück nach New York, um dort ein Studium zu eröffnen und bekommt dort den Auftrag, das gerade im Bau befindliche Chrysler Building zu fotografieren. Auch diese Arbeiten sind ein absoluter Erfolg. Sie macht Aufnahmen, die von den Perspektiven her absolut ungewöhnlich sind; Sie klettert draußen am Dach herum und liebt die Architektur des Gebäudes. Besonders die 4 gigantischen Gargoyles, die am Dach angebracht sind, haben es ihr angetan.</p>

<p>Sie beschließt: Sie will eine der wenigen Mieterinnen in diesem Gebäude werden. Mindestens ihr Studium möchte sie im Chrysler Building haben, wenn möglich dort auch wohnen. Sie setzt sich das so sehr in den Kopf, dass sie sich als Hausmeisterin für das Gebäude bewirbt. Das ist allerdings eine Stelle, die jemandem anders zugeschlagen wird. Überhaupt sieht es eine Weile danach aus, als wenn sie noch nicht mal ihr Studio dort mieten darf, denn die Vermieter sind skeptisch: Sie ist eine junge, hochgradig attraktive, bekannte Frau. Da wird es doch mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht irgendwann mal heiratet, Kinder kriegt und plötzlich keinen Job mehr hat und dann auch die Miete nicht mehr bestreiten kann.</p>

<p>Zumindest dieses Problem hatte sich allerdings erledigt, als Margaret Bourke-White das Angebot erhält, das neu gegründete Fortune Magazine als Fotografin zu begleiten. Sie war die einzige Frau in der gesamten Belegschaft und Fortune würde als neu gegründetes Bildmagazin die Geschichte der jungen, aufstrebenden Industriekultur in Amerika und weltweit begleiten. Ein Job wie für sie geschaffen.</p>

<p>Sie bekommt also ihr Studio mit Blick auf die Gargoyles und eine Terrasse, auf der sie eigentlich nichts zu suchen hat, auf der sie aber praktisch Besuche empfängt und in einem abgetrennten Bereich zwei kleine Alligatoren hält. Es gab ja mal eine Zeit, da wollte sie Expertin für Reptilien werden. Diese Liebe hat sie nie so richtig abgelegt.</p>

<p>Es gibt diverse Anekdoten, wo Margaret auf Geschäftsreisen nicht nur ihre Kamera, sondern auch noch Reptilieneier, die zum Schlüpfen bereit waren, von irgendwelchen Eidechsen oder anderen Tieren, dabei hatte.</p>

<p>Schlafen darf sie nicht in diesem Studio. Aber sie ist besessen von ihrer Arbeit und so verbringt sie jede freie Minute und oft Tag und Nacht mit Blick über New York City. Und sie fotografiert auch viele Male diesen Blick. Es gibt ein sehr bekanntes Foto von ihr, wo sie raus auf die Terrasse und einen der Gargoyles geklettert war, um eine Aufnahme von Manhattan zu machen, die man sonst nirgendswo so machen konnte. Ihr Assistent, in der Sicherheit des Studios, hält die Kamera auf sie und hält damit ein ikonisches Bild von ihr fest. Und dieses Bild zeigt sie in ihrem Element. Furchtlos und bereit, alles für das richtige Bild zu tun.</p>

<p>Als Mitherausgeberin, Fotografin und Autorin des Fortune Magazins reist Margaret Bourke-White jetzt um die Welt. Sie besucht Deutschland und fotografiert da die IG Farben und in Hamburg den Hafen. Und sie ist die erste westliche Fotografin, die die Genehmigung erhält, in der Sowjetunion die dort neu gebauten Industrieanlagen zu fotografieren.</p>

<p>Die Sowjetunion sah sich im Wettlauf mit den USA und hatte einen mehrere Jahrzehnte andauernden Vorsprung aufzuholen. Margaret fotografiert Großbaustellen, Dämme, Kraftwerke, gigantische Industrieanlagen und zunehmend auch die Arbeiterinnen und Arbeiter.</p>

<p>Inzwischen ist die Mitte-30-jährige eine weltweite Celebrity. Man kennt sie. Sie ist regelmäßig im Radio, um Interviews zu geben und bekannt für ihren extravaganten Lebenswandel. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, weiß sie, wie man sich das Leben angenehm macht. Und sie wird zu einem Vorbild für Mädchen und junge Frauen. Nicht lange und sie steht für die moderne amerikanische Frau. Die weiß, was sie will, die alles erreichen kann. So wird zumindest behauptet.</p>

<p>1936 ist auch das Jahr, in dem ein weiteres ikonisches Magazin gestartet wird: das Life Magazine. Margaret Bourke-White schreibt die erste Titelgeschichte und macht das erste Titelbild des Life Magazines.</p>

<p>1936 ist in der Mitte der Great Depression, also der Weltwirtschaftskrise. Die Not ist unter der arbeitenden Bevölkerung groß in den USA. Und Margaret sieht das. On assignment for fortune and life kommt sie im gesamten Land herum und ihre Fotografie wandelt sich: Die berühmte Industriefotografin wird zu einer gefeierten <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalistin</a>.</p>

<p>1941 reist sie im Auftrag des Life Magazine nach Moskau. Sie ist die einzige westliche Reporterin in der Stadt, als die Deutschen ihren Luftangriff auf Moskau beginnen. Als die Sirenen losheulen und sich alle in Sicherheit bringen, greift sie sich ihr Stativ und ihre Kamera und rennt auf das Dach der Botschaft, von wo aus sie einen hervorragenden Blick auf den Kreml hat. Sie vermutete, das würde das Hauptangriffsziel der deutschen Streitkräfte sein. Und sie würde fotografieren, was immer fotografierenswertes zu sehen war.</p>

<p>Heraus kommen einzigartige Kriegsaufnahmen. Und Margaret fotografiert nicht nur in der Nacht, sondern auch am nächsten Tag. Die Spuren der Zerstörung. Und ist die einzige Reporterin, die diese Aufnahmen machen konnte und in die westliche Welt zurückbrachte.</p>

<p>Als Amerika sich dazu entschließt, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, ist es für Margaret der Startschuss, um eine Akkreditierung als <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalistin</a> anzustreben. Und die amerikanischen Behörden stellen sich erst mal quer. Es ist schon ungewöhnlich genug, dass eine Frau eine bekannte Fotojournalistin ist. Und auch, wenn akzeptiert ist, dass Margaret Bourke-White weiß, mit Risiko umzugehen, ist es dann trotzdem noch ein Riesenschritt, sie offiziell als <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a> anzuerkennen. Fotografie als Männerdomäne. Krieg als Männerdomäne. <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografie</a> als Machomännerdomäne.</p>

<p>Margaret ist zwar nicht die einzige Frau, die im Krieg fotografiert, aber sie ist die einzige Amerikanerin und sie ist die einzige, die es schließlich schafft, offiziell als Fotojournalistin mit den Truppen mitgesendet zu werden.</p>

<p>Das ist der Punkt, an dem sie sich aufmacht, um die Invasion in Nordafrika zu begleiten, einen Torpedoangriff überlebt und die Genehmigung bekommt, bei einem Bombenangriff mitzufliegen. Und auch von dieser Reise wieder einzigartige Aufnahmen mitzubringen.</p>

<p>1945 verliert Deutschland den Krieg. Und Margaret ist wieder unterwegs. Im Gefolge von General George S. Patton reist sie durch Deutschland und ist bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeiterlagers Leipzig-Thekla dabei. Sie macht mehrere berühmte Fotos zu diesen Gelegenheiten. Ihr Bild &#8222;Die lebendigen Toten von Buchenwald&#8220; von 1945 ist eine der berühmtesten und beeindruckendsten Fotografien des 20. Jahrhunderts.</p>

<p>In ihrer Biografie beschreibt sie ausführlich, wie es sich angefühlt hat, das von den Nazis angerichtete Leid zu sehen und diese Menschen zu fotografieren und die Leichenberge. Sie ist dankbar für die Kamera. Sie hält sie nicht nur beschäftigt, sondern ist wie ein Schild, das sie vor sich halten kann, um das Bild, das sich ihr bietet, aushalten zu können.</p>

<p>Auch nach dem Sieg der Alliierten fotografiert Bourke-White weiterhin für die Truppen. Im Herbst 45 erhält sie den Auftrag, die Zerstörung deutscher Städte mit Luftbildern zu dokumentieren.</p>

<p>Zu dem Zeitpunkt gilt Margaret bereits in mehreren Disziplinen als eine der besten Fotografinnen, wenn nicht die beste Fotografin der Welt. Moderne Architekturfotografie, Industriefotografie, Kriegsfotografie, <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportagefotografie</a>, zwischendurch Werbefotografie und Portraits berühmter Persönlichkeiten gehören zu ihrem Portfolio. Berühmte Menschen ihrer Zeit wie Franklin D. Roosevelt, Stalin, Winston Churchill oder Marlon Brando wurden von ihr portraitiert.</p>

<p>1946 reist sie im Auftrag des Life Magazines nach Indien. Das Land ist in politischer Aufruhr. Sie hat den Auftrag, Gandhi zu fotografieren und zu interviewen. Gandhi hat wenig Lust, sich von ihr interviewen zu lassen, so lässt es ihr ausrichten, er würde sie nur als Fotografin zulassen, wenn sie lernen würde, ein Spinnrad zu bedienen. Also lernt Margaret Bourke-White, wie man ein Spinnrad bedient. Sie macht eines der bekanntesten Fotos ihrer Karriere, wenige Stunden vor der Ermordung Mahatma Gandhis fotografiert sie ihn, wie er schweigend vor einem Spinnrad sitzt.</p>

<p>Spätere Reportagereisen wird Margaret dazu nutzen, um zum Beispiel die Teilung Indiens zu dokumentieren. Sie bereist auch Südafrika während der Apartheid und nimmt am Koreakrieg als Korrespondentin teil. Korea ist auch das Land, wo ihr zum ersten Mal auffällt, dass ihre Gelenke, Arme und Beine steif sind.</p>

<p>Daheim lässt sie sich untersuchen und bei ihr wird Parkinson diagnostiziert. Es ist diese Krankheit, die sie dann Mitte der 60er dazu zwingt, ihren Beruf aufzugeben und sich zurückzuziehen. 1963 erscheint ihre Autobiografie und ist über Wochen hinweg auf den Bestsellerlisten der New York Times.</p>

<p>Sie stirbt 1971 im Alter von 67 Jahren. Sie war zwar einmal kurz verheiratet, aber Familie hatte sie nie gegründet und deswegen hinterließ sie auch keine Kinder und keinen trauernden Ehemann. Sie war Wegbereiterin für eine ganze Generation junger Reporterinnen und Fotografinnen.</p>

<p>Ihre Fotografie prägte mehrere Genres, nicht nur eines. Die meisten Fotografen versuchen, ein Genre wirklich gut zu beherrschen. Margaret Bourke-White schien zu meistern, was immer sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte eine Gabe, Menschen zu sehen und sie im Bild festzuhalten, wie kaum eine andere und ihre Karriere in einer der turbulentesten Zeiten der Menschheitsgeschichte bot ihr wieder und wieder die Gelegenheit, ikonische Aufnahmen zu machen. Und sie ergriff jede einzelne davon.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 30 Jan 2021 22:33:05 GMT</pubDate>
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            <title>Weihnachtsfrieden im 1. Weltkrieg</title>
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            <description>Der spontane Weihnachtsfrieden an der Westfront des 1. Weltkriegs ist eine (leider) einmalige und ikonische Begebenheit aus dem 1.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Der spontane Weihnachtsfrieden an der Westfront des 1. Weltkriegs ist eine (leider) einmalige und ikonische Begebenheit aus dem 1. Weltkrieg die wir dank der aufkommenden Kompaktkameras überliefert bekommen haben&#8230; </p>

<figure><img loading="lazy" decoding="async" width="470" height="251" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/20111223095103Andrew-and-Grigg-new-years-truce-world-war-i-1.jpg" alt="Eine Gruppe von Männern in dunkler Kleidung posiert zusammen für ein Porträtfoto."/></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsfrieden_(Erster_Weltkrieg)" target="_blank">Weihnachtsfrieden </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_und_leben_lassen_(Erster_Weltkrieg)" target="_blank">Leben und Leben lassen</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg" target="_blank">Erster Weltkrieg</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250612192000/https://www.smithsonianmag.com/history/the-story-of-the-wwi-christmas-truce-11972213/" target="_blank">The Story of the WWI Christmas Truce</a> (Smithonian Mag)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.dw.com/de/der-weihnachtsfrieden-von-1914/a-17307989" target="_blank">Der Weihnachtsfrieden von 1914</a> (DW)</li><li><a href="https://www.deutschlandfunk.de/erster-weltkrieg-das-weihnachtswunder-von-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Weihnachtswunder von 1914</a> (Deutschlandfunk)</li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="VdGxPq7eN1I" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_VdGxPq7eN1I.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p class="has-small-font-size">Musik: <br><em>Silent Night (Holy Night) by Alexander Nakarada |<a href=" https://www.serpentsoundstudios.com"> https://www.serpentsoundstudios.com</a><br>Music promoted by <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.free-stock-music.com" target="_blank">https://www.free-stock-music.com</a><br>Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)<br><a rel="noreferrer noopener" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_blank">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</a></em></p>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Es ist Weihnachten. Und auch die heutige Folge wird von Weihnachten handeln. Von einem Ereignis nämlich, von dem wir durch ein Foto und einen Brief wissen und das man als einzigartig bezeichnen kann.</p>

<p>Wir haben alle davon in der Schule gelernt. Es ist der 28. Juli 1914, als ein folgenschweres Ereignis die Weltgeschichte veränderte. Das Attentat von Sarajewo, bei dem der österreich-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau ums leben kommen, löst einen Monat später die Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien aus und ist damit der Beginn des Ersten Weltkriegs.</p>

<p>Was als Regionalkonflikt beginnt, wird sehr schnell ein kontinentaler und schließlich ein Weltkrieg mit Russland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland als Kriegsparteien. Aber besonders am Anfang scheint das Ganze relativ schnell voranzuschreiten. Noch im August verspricht Kaiser Wilhelm der II. seinen Soldaten, dass sie schon im Herbst wieder daheim sein würden. Die marschieren zügig voran, bis sie dann in Belgien von britischen Soldaten gestoppt werden. Es werden Gräben ausgehoben und der Stellungskrieg, von dem wir alle in der Schule gelernt haben, beginnt.</p>

<p>Es ist die Westfront, an der erbittert gekämpft wird. Und die Gräben, in denen die Soldaten sich aufhalten, haben noch nicht den &#8222;Standard&#8220; (in Anführungsstrichen), den wir dann später im Ersten Weltkrieg sehen werden. Noch rechnet niemand damit, lange aufgehalten zu werden. Der November zieht vorbei, es wird Dezember. Es wird nass in Flandern. Und die Situation für die Soldaten wird sehr schnell sehr unangenehm. Im Prinzip schläft man in Schlammlöchern, die ständig nachgegraben werden müssen. Das Grundwasser liegt in der Region sehr nah an der Oberfläche, das bedeutet, die Gräben sind zum Teil knietief mit Wasser gefüllt. Auf beiden Seiten.</p>

<p>Die Deutschen und die Briten sind sich zum Teil nur wenige Meter gegenüber. Und an den Gräben zu arbeiten bedeutet eigentlich immer, sich dem gegnerischen Feuer auszusetzen. Weil man aber auf beiden Seiten weiß, wie aussichtslos die Lage tatsächlich ist, lässt man sich hin und wieder &#8222;gewähren&#8220;. Leben und leben lassen. Wenn zum Beispiel mittags Feuer gemacht wird, um Essen zu garen, wird nicht mit Granatenbeschuss auf die Rauchsäulen reagiert, sondern die Soldaten erlauben sich gegenseitig eine kurze Verschnaufpause. Wenn man Gräben nachbessern muss, kann man irgendwann tatsächlich sogar den Kopf über den Graben heben, ohne Angst haben zu müssen, von der gegnerischen Seite erschossen zu werden.</p>

<p>Ja, und es ist Dezember, es wird also irgendwann Weihnachten. Von Zuhause werden Päckchen an die Front geschickt: kleine Geschenke, um das Leben in den Gräben erträglicher zu machen. Es wird Heiligabend und was wäre Heiligabend ohne einen Christbaum?</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Soon after dusk on the 24th, the germans put up lanterns on the top of their trenches and started singing. Firing seized on both sides and both, german and english, ventured out on top of their trenches. Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trafen sich kleine Gruppen von beiden Seiten im Niemandsland zwischen den feindlichen Linien.&#8220;</p>

<p>Das sind die Worte des Soldaten Grigg. Er und ein Kamerad namens Turner hatten von dem spontanen Waffenstillstand gehört und waren den Deutschen entgegengegangen. Turner hatte eine Kamera dabei und machte ein paar Schnappschüsse. Und einer davon lag dem Brief bei. 9 Männer schauen ernst in die Kamera. Einer davon mit Pickelhaube und einer Zigarette im Mund. Und dieser eine Mann mit Pickelhaube, dessen Identität unklar ist, ist, was dieses Bild so ikonisch macht, denn durch die Pickelhaube wird klar: Das ist ein deutscher Soldat, die anderen sind Briten. Keiner der Männer lächelt. Keiner berührt den anderen. Aber sie stehen relativ nah beieinander.</p>

<p>Das sind Männer, die noch wenige Stunden vorher erbittert aufeinander geschossen haben und jetzt spontan ihre Waffen niedergelegt haben. In gebrochenem Deutsch und gebrochenem Englisch unterhalten sie sich über ihre Bräuche. Sie singen zusammen, sie tauschen kleine Geschenke aus und sie essen gemeinsam.</p>

<p>Solche spontanen Waffenruhen gibt es verschiedene an der gesamten Front. Nicht die ganze Front versinkt in Waffenruhe, es gibt immer wieder Stellen, an denen weitergekämpft wird. Aber es gibt mehrere spontane Waffenruhen, von denen wir wissen. Es gibt mindestens ein Fußballspiel, das spontan am 26. zwischen britischen und deutschen Soldaten stattfindet. Wer jetzt nun gewonnen hat, ist nicht überliefert und wahrscheinlich auch nicht wichtig. Es werden Knöpfe und Mützen ausgetauscht, als Souvenirs, als Andenken, als Tauschwährung.</p>

<p>Und das Ganze ist so bemerkenswert, dass es zu einer weltweiten Sensation wird. Speziell die britische Presse berichtet ausführlich darüber. Und ich finde, es zeigt auch, wie idiotisch Kriege sind.</p>

<p>Den Befehlshabern bleiben diese Ereignisse freilich nicht verborgen. Zwar lässt man die Soldaten über die Weihnachtsfeiertage gewähren, trifft dann aber trotzdem Maßnahmen, um zukünftige spontane Waffenruhen zu verhindern und tauscht die jeweiligen Befehlshaber auf beiden Seiten aus.</p>

<p>Heute wissen wir, wie erbittert und jahrelang dieser <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> weiter toben wird. Mit seinen knapp 25 Millionen toten spottet dieser Konflikt jeder Beschreibung und im Grunde kennt der Erste Weltkrieg am Ende nur Verlierer.</p>

<p>Aber diese Geschichte vom spontanen Weihnachtsfrieden und die Bilder, die von diesem Ereignis erhalten geblieben sind, sind absolut bemerkenswert. Und bleiben leider auch einzigartig. Derartiges hat sich, soweit wir das wissen, später dann nicht mehr wiederholt.</p>

<p>Seit Kameras klein genug sind, sind sie überall, wo Menschen sind. Deswegen zeichnen Kameras auch die schönsten, aber eben auch die grausamsten Momente unserer Geschichte auf. Von der Geschichte heute wissen wir nur, weil Soldaten heim geschrieben und Bilder mitgeschickt haben. Und diese Bilder zeigen, wie kompliziert wir Menschen manchmal sind. Da verbrüdern sich Todfeinde für wenige Stunden und nutzen die Gelegenheit, ein gemeinsames Erinnerungsfoto zu schießen. Menschheit in a Nutshell.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 25 Dec 2020 15:02:47 GMT</pubDate>
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            <title>Die kleine Blonde</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/die-kleine-blonde.html</link>
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            <description>Die spanischen Soldaten nannten sie &quot;die kleine Blonde&quot; und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,5m große Gerda Taro lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben...</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Die spanischen Soldaten nannten sie &#8222;die kleine Blonde&#8220; und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,50m große <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben ihnen her in der unerschütterlichen Überzeugung mit ihrer Kamera die Welt verändern zu können. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gerda_Taro" target="_blank">Gerda Taro</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/2014/05/gerda-taro-kriegsfotografin" target="_blank">Das Auge der Freiheit</a> (Die Zeit)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://utheses.univie.ac.at/detail/24430" target="_blank">Diplomarbeit Universität Wien, &#8222;Pressefotografie im Spanischen Bürgerkrieg&#8220;</a> (PDF)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nzz.ch/augenzeuge_des_krieges-ld.520202" target="_blank">&#8222;Augenzeuge des Krieges&#8220; &#8211; Robert Capa &amp; der mexikanische Koffer</a> (NZZ)</li><li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spanischer_B%C3%BCrgerkrieg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Spanische Bürgerkrieg</a> (Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.magnumphotos.com/newsroom/politics/gerda-taro-first-woman-war-photographer-to-die-in-the-field/" target="_blank">Gerda Taro, first woman war photographer to die in the field</a> (Magnum)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.newsweek.com/who-gerda-taro-facts-and-quotes-about-war-photographer-celebrated-google-1051114" target="_blank">Who Is Gerda Taro? Facts and Quotes About the War Photographer Celebrated in a Google Doodle</a> (Newsweek)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20201109032403/https://petapixel.com/2018/01/19/man-finds-deathbed-photo-war-photographer-gerda-taro/" target="_blank">Man finds deathbed photo of war photographer Gerda Taro</a> (Petapixel)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20220419133731/https://www.icp.org/exhibitions/the-mexican-suitcase-traveling-exhibition" target="_blank">International Center of Photography &#8211; The Mexican Suitcase</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter"><img decoding="async" src="https://i1.wp.com/www.die-anstifter.de/wp-content/uploads/2020/07/Taro-100.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1" alt="Image result for gerda taro"/></figure></div>

<p>Videos (falls im Podcatcher nicht sichtbar, auf <a "/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fotomenschen.net</a>): </p>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=R8_CQsr7ydU" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
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<div class="yt-facade" data-yt="KympSgVknO4" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_KympSgVknO4.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="JL5IDvlFLOQ" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_JL5IDvlFLOQ.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="Yxv6an_Lx6k" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_Yxv6an_Lx6k.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p>Bücher:</p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3827013984" target="_blank" rel="noopener">Das Mädchen mit der Leica: Roman</a></p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3894454660" target="_blank" rel="noopener">Gerda Taro, Fotoreporterin: Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie</a></p>

<p>Dokumentation:</p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B0716M58FF" target="_blank" rel="noopener">The Mexican Suitcase</a></p>

<p>Episodenbild: Von Anonym &#8211; icp.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4236537</p>

<hr/>

<p class="has-large-font-size">Transkript</p>

<p>Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 39 war eine Art Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg. Es war der erste Großkonflikt, bei dem auch Fotografen mit tragbaren Kleinbildkameras teilnahmen. Diese Kameras waren ein relativ neues Phänomen. 1914 bringt Leica die erste Kamera dieser Art auf den Markt und die neue Möglichkeit, gleichzeitig am Geschehen teilhaben zu können und es trotzdem festzuhalten, revolutioniert buchstäblich die Fotografie. Neugegründete Nachrichtenmagazine wies Time-Magazin sorgen außerdem dafür, dass die von <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalisten</a> geschossenen Fotos Essays ein Millionenpublikum finden. Es ist auch die Zeit, in der der Faschismus sich überall in Europa ausbreitet und besonders natürlich auch durch das Wirken der Nazis in eine Menge Menschen, insbesondere jene jüdischer Abstammung innerhalb Europas auf der Flucht. Und besonders Intellektuelle und Künstler zieht es natürlich in Europas Hauptstädte und da zuallererst Paris. Es ist dieses Paris, indem man zu der Zeit Picasso, Ernest Hemingway, Willy Brandt und so manchen anderen damals oder heute großen Namen antreffen kann. In Paris findet man zu der Zeit auch eine Menge Schriftsteller, Journalisten und Fotografen.</p>

<p>Oder anders formuliert: Es gibt eine Unmenge an Menschen, die versuchen, mit einer Schreibmaschine oder einer Kamera irgendwie über Wasser zu bleiben.</p>

<p>Eine von ihnen war die 23 jährige Gerta Pohorylle, die war wie viele deutsche Juden vor den Nazis auf der Flucht, hatte sie doch in Leipzig Flugblätter gegen die Partei Hitlers verteilt und war dort mit den Behörden in Konflikt geraten. Und bevor man sie dann endgültig festsetzte, hatte sie sich nach Frankreich abgesetzt. Die blonde Gerda sah so ein bisschen aus wie Natalie Portman, sprach drei Sprachen fließend und war gleichzeitig Charmebolzen und Energiebündel. Sie erledigte Schreibarbeiten für französische Medienhäuser und Fotoagentur und lernte über diese Arbeit und den damit kommenden Bekanntenkreis den Fotografen Endre Ernő Friedmann kennen. Wie Gerta war er wegen den Nazis aus Deutschland weggegangen. Wie sie war er ein mit20er und auch ihm sagt man ein gewinnendes Wesen und unglaublich viel Charme nach. Gerda und Endre teilen bald Tisch und Bett miteinander und versuchen ihr Glück gemeinsam. Er als Pressefotograf, sie als seine Agentin. Das Problem nur Auch wenn die Franzosen nicht so radikal wie die Deutschen zu der Zeit waren, waren sie trotzdem der vielen Migranten und Flüchtlinge einigermaßen überdrüssig. Und wenn man versuchte, ohne Aufenthaltsgenehmigung mit einem fremdartig klingenden Namen gute Aufträge zu ergattern oder ordentliche Preise zu erzielen, da hatte man es schwer. Und so hatte Gerda damals zwei großartige Ideen. Der erste Gedanke Zwei Fotografen produzieren mehr Bilder als einer. Endre hatte ihr inzwischen beigebracht, mit seiner Leica zu fotografieren. Und Gerda war Feuer und Flamme. Sie hatte die Fotografie schon immer gemocht. Selber zu fotografieren hieß damals übrigens nicht nur Fotos zu machen, sondern besonders für die mit wenig Geld. Hieß das auch im eigenen Labor zu entwickeln. Oder besser gesagt im eigenen Badezimmer. Der zweite Gedanke hatte mit den niedrigen Honoraren zu tun. Damals gab es nämlich eine Zweiklassengesellschaft. Die Fotografen, deren Namen man kannte, machten weit mehr Geld als die namenlose Heerscharen Pressefotografen, die irgendwie versuchten, von der Hand im Mund zu leben. Und zur letzteren gehörte Gerda Andres. Es war einfach auch sehr offensichtlich, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als Fotos für niedrige Preise zu verkaufen. Ein wohlklingender Name musste also her. Und so beschloss Gerda, dass sie sich als Agentin für den amerikanischen Star Fotograf <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> ausgeben würde.</p>

<p>[Einspieler:]</p>

<p>“Friedmann klingt zu jüdisch, also wird aus Endré Friedmann, <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> in Anlehnung an den Hollywood-Regisseur Frank Capra. Und aus Gerta Pohorylle wird <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a>, eine Verneigung vor Greta Garbo. Die beiden glauben fest, dass ihre neuen Namen der Schlüssel zur Verwirklichung ihrer Träume sind. Gerda weiß mittlerweile genau, was die Fotoagenturen wollen. Sie ist bereit, alles für ihren Geliebten zu tun.”</p>

<p>Dieser Teil der Geschichte wird übrigens gerne mal falsch erzählt. Da wird behauptet, Gerda hätte praktisch Endres umgestaltet zu <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> Das mag später mal dann so der Fall gewesen sein, aber am Anfang war die Idee tatsächlich die, dass beide Fotos schießen und dann als angebliches Werk von Robert Capa vermarktet würden. Und die Rechnung ging auf schon die Honorare der ersten Aufträge für Robert Capa waren dreimal so hoch wie alles, was Endres und Gerd vorher einfahren konnten. Das ging auch eine ganze Weile gut aber natürlich passierte dann, was passieren musste. Der ganze Schwindel flog auf. Und das war auch der Moment, in dem Endre endgültig zu Robert Capa wurde. Gerta und Endre waren talentierte Fotografen und deswegen hatte sich Robert Capa inzwischen einen ordentlichen Namen gemacht. Die Aufträge kamen also auch weiterhin rein. Inzwischen war das Jahr 1933 und die Welt hielt den Atem an. Als der spanische General Franco beschloss, die demokratisch gewählte Regierung in Spanien mit einem Militärputsch abzusetzen. Und es war damals weit mehr als einfach nur eine Regierung, die zu kippen drohte. Der Spanische Bürgerkrieg wurde gesehen als der Vormarsch des Faschismus. Die intellektuelle Elite in Europa ging davon aus, dass, wenn Franco erfolgreich sein würde, nichts mehr den Faschismus aufhalten könnte. Und viele von ihnen beschlossen deswegen nach Spanien zu reisen, einmal um das spanische Volk zu unterstützen. Es war ja tatsächlich so, dass die Bürger Spaniens sich gegen den Faschismus zur Wehr setzten oder wenigstens doch zu dokumentieren. Und auch Gerda und Robert machten sich auf den Weg. Wir machen uns da heute glaube ich, gar keine Vorstellung mehr, von wie mächtig damals Fotografie gewesen sein muss. Foto Magazine wie das Time Magazine waren gerade erst gegründet worden. Die Menschen waren noch nicht von endlosen Fotos und Videos abgestumpft. Vom <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> hatte man gelesen und gehört. Ganz selten mal was davon gesehen.</p>

<p>Gleichzeitig fand in Spanien Unglaubliches statt. Hitlers Luftwaffe bombardierte Städte, um Franco zu unterstützen und es wurde auf das Verbissenste gekämpft. Im Ersten Weltkrieg gab es Millionen Opfer, aber das waren alles Soldaten. Im Spanischen Bürgerkrieg gab es über eine halbe Million Tote und die meisten davon Zivilisten. Und zwischen ihnen: Journalisten, Künstler, Intellektuelle und eben auch Fotografen. Es ist diese Zeit, wo sich Gerda und Robert einen Ruf wie Donnerhall erarbeiten. Sie gehen dahin, wo der Kampf wirklich tobt, an die Front. Sie laufen mit den Soldaten über die Schlachtfelder. Sie fotografieren nicht nur aus der Ferne das Geschehen, sondern von mittendrin. Von Robert Capa ist ein Zitat überliefert: “If you pictures and good enough,, you aren’t close enough.”- Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.&nbsp;</p>

<p>Und damit meint er nicht nur physikalisch nah genug, sondern auch emotional nah genug. Und Gerta ist fast noch besser in dieser Disziplin als Robert. Ein blondes, ein Meter fünfzig großes Persönchen, dem spanische Soldaten Respekt zollen für ihren Mut. Auch hier fotografieren sie beide unter dem Namen Robert Capa. Die Bilder werden gemeinsam vermarktet. Ihr Ziel ist es, mit den Fotos die Öffentlichkeit aufzurütteln. Das Schicksal der Spanier bekannt zu machen und unter Umständen den Verlauf des Krieges zu beeinflussen. Sie machen Fotos, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Es gibt mindestens drei große Kunstwerke, die man auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückführen kann. Ernest Hemingway schreibt nach den Eindrücken des Spanischen Bürgerkriegs den Roman “Wem die Stunde schlägt”. Picasso, geprägt von der Bombardierung der Stadt Guernica, erschafft ein Gemälde, das schon bei der ersten Ausstellung ein Millionenpublikum anzieht und als eine der großen Anti-Kriegsikonen der Menschheit beschrieben wird. Und Robert Capa hält einen spanischen Milizionär in der Sekunde, in der er erschossen wird, fest und wird mit diesem Bild weltberühmt.</p>

<p>Um dieses Bild sollte später noch viel gestritten werden. Und ich glaube, das verdient mal eine eigene Episode. Tatsache aber ist auch hier fotografierten Endre und Gerta gemeinsam. Und beide fotografieren längst nicht mehr, um damit Geld zu verdienen, sondern sind eigentlich Aktivisten in diesem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a>. Gerda sagt einmal:” Wenn du mal daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein.” Ihre Bilder Strecken sind gefragt und unter dem Namen Robert Capa wird ein Fotoessay nach dem anderen veröffentlicht. Und auch Gerda kennt man zu der Zeit durchaus. Sie ist nicht nur eine von wenigen Krieg&#8217;s Fotografen. Sie ist die einzige <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Kriegsfotografin</a>. Und mit ihren zu dem Zeitpunkt gerade mal knapp 27 Jahren nötigt ihr Mut jedem Respekt ab. Sie war auch längst nicht immer mit Robert gemeinsam unterwegs. Manche Einsätze bestritten die beiden auch getrennt voneinander allein. So auch im Juli 1937.</p>

<p>[Einspieler:]</p>

<p>“The News tells that Franco is preparing a major offensive and he intends it to be his decisive blow. He believes his attack will end this savage spanish war.”</p>

<p>Sie waren an die brunete Front geeilt, wo eine Offensive der republikanischen Armee gegen die Nationalisten tobte. Sie fotografierte diese Offensive, unter anderem auch die verheerenden Luftangriffe der deutschen Legion Condor. Wie immer ist sie ganz vorne mit dabei. Als die Situation brenzlig wird, beschließt sie, mit einem Rotkreuz Fahrzeug aus der Gefahrenzone zu fahren. Sie darf sich hinten auf ein Trittbrett stellen und zusammen mit einem Kollegen versucht sie, in Sicherheit zu kommen. Es ist dieser Moment, in dem sich ein weiterer Luftangriff von Legion Condor ankündigt. Der LKW kommt ins Schlingern. Gerda fällt von dem Trittbrett und wird von einem republikanischen Panzer überrollt. Sie kommt schwerverletzt ins Krankenhaus, wird dort noch notoperiert und stirbt aber in der Nacht. Ihre letzten Worte sind überliefert, als “wo sie meine Kameras”. Die waren freilich tatsächlich verschollen. Aber die Fotos, die sie an den Tagen und an diesem Tag geschossen hatte, die wurden tatsächlich wenige Tage später veröffentlicht. Und so war <a "/tags/gerda-taro.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="50" title="Gerda Taro">Gerda Taro</a> nicht nur die erste Kriegsfotografin überhaupt, sondern auch gleichzeitig die erste <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a>, die im Krieg im Einsatz ums Leben kam. Gerade drei Jahre vorher hatte Endre Friedmann ihr das Fotografieren und Entwickeln von Bildern beigebracht und ihr damit das Werkzeug in die Hand gedrückt, mit dem sie die Kriegsfotografie und <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalismus</a> für immer verändern sollte. Robert Capa erfuhr von ihrem Tod im Wartezimmer eines Zahnarztes aus der Zeitung. Und so wie ihr Tod Nachrichtenwert hatte, war auch ihre Beerdigung alles andere als gewöhnlich.</p>

<p>[Einspieler:]</p>

<p>“Gerda wird nach Paris überführt und an ihrem Geburtstag auf dem Pierre Lachaise beigesetzt. Sie ist 27 Jahre alt geworden. Der Trauerzug wird zu einer gigantischen Demonstration gegen den Faschismus.”</p>

<p>Robert Capa sollte ab da nicht mehr aufhören, Kriege zu fotografieren. Den spanischen Bürgerkrieg fotografierte er bis zu seinem Ende. Und später sollte er uns die berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs überhaupt, die verwaschenen, verwackelten Bilder von der Landung in der Normandie bescheren. Fotos übrigens, für die er beinahe gestorben wäre. Aber auch die Geschichte, will ich zu einem anderen Anlass erzählen. Wir bleiben noch ein bisschen länger bei Gerda. Die hatte nämlich zusammen mit Robert und zusammen mit einem Fotografen, den wir als Jim kennen, nämlich David Seymour, tausende von Fotos im Spanischen Bürgerkrieg geschossen. Und als Robert und Jim zum Ende des Kriegs hin überstürzt das Land verlassen mussten, packten die diese negative ,4500 an der Zahl, in drei Boxen und gaben sie in die Hände eines befreundeten Generals zur Aufbewahrung. Und wie das mit Kriegen so ist, schließlich fing ja dann auch der Zweite Weltkrieg an. Sie sorgen für Verwirrungen und Dinge gehen verloren. Und so waren auch diese drei Boxen komplett verschollen. Unter ihnen Aufnahmen wie die von dem Tag, an dem der gefallene Soldat fotografiert wurde und unzählige andere Ereignisse. Mexiko hatte damals großzügig Spanier auf der Flucht aufgenommen und ihnen die Möglichkeit gegeben, komplett überzusiedeln. Und das war ein Angebot, das viele Spanier angenommen hatten. Heute ist es so, dass praktisch jeder Spanier und eine große Zahl Mexikaner Familiengeschichte mit dem Spanischen Bürgerkrieg verbindet. Wie wir jedenfalls heute wissen traten auch diese drei Boxen, die zur Aufbewahrung abgegeben worden waren, eine Reise nach Mexiko an und waren dann dort einfach weiter verschollen, lagen auf einem Dachboden, bis sie 2007 endlich wieder auftauchten. Robert Capas Bruder hatte das International Center for Photography gegründet, dass sich unter anderem damit beschäftigt, das Erbe von Gerda Taro und Robert Capa zu verwalten. Freilich kennt Gerda kaum jemand, jeder hingegen kennt Robert Capa. Taros Biografin sagt, das hat im wesentlichen drei Gründe, Erstens sie ist eine Frau, Zweitens sie war Jüdin, Drittens sie starb und die Bilder die sie mit Robert gemeinsam veröffentlicht hatte ließen sich nichtmehr unbedingt zweifelsfrei zuordnen.</p>

<p>Das kam damals sowieso öfter vor. Insbesondere natürlich auch, wenn Negative zusammengeworfen werden oder verschütt gehen. Das Mexican Suitcase, wie man die drei Boxen, die 2007 auftauchten, inzwischen nennt, hat da allerdings wirklich Licht ins Dunkel gebracht. Denn viele von den Negativen lassen sich nun Gerda oder Robert Capa zuordnen. Die beiden haben auch relativ oft dieselben Szenen fotografiert und so ist es nochmal ein zusätzlicher Informationsgewinn. Die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beobachten zu können. Das International Center Photography hat sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die Fotos in dem Mexican Suitcase regelmäßig auszustellen. Und natürlich sind da dann Gerdas Bilder, soweit man sie zuordnen kann, eindeutig gekennzeichnet. Über 80 Jahre nach ihrem Tod, für Robert Capa war Gerda Taro die Liebe seines Lebens. Gerda Taro sollte die einzige längere Beziehung, die er eingehen würde, bleiben. Und auch er sollte Jahrzehnte später im Einsatz sterben. In Indochina fotografierte er den Vietnamkrieg und stirbt durch eine Antipersonenmine, als er versucht, mit seiner Kamera in der Hand näher an die Szene, die er fotografieren wollte, zu kommen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 20 Sep 2020 18:59:00 GMT</pubDate>
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