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    <title>Fotomenschen - New York</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;New York&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sun, 23 Jan 2022 16:49:57 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Der Junge mit der Handgranate</title>
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            <description>Diane Arbus war eine Ausnahme-Fotografin. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Diane Arbus war eine Ausnahme-<a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a>. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit. So wie ihr berühmtestes Foto &#8222;The boy with the toy grenade&#8220;</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Diane_Arbus" target="_blank">Diane Arbus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Child_with_Toy_Hand_Grenade_in_Central_Park" target="_blank">Child with Toy Hand Grenade in Central Park</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/284712" target="_blank">Child with a toy hand grenade in Central Park, N.Y.C.</a> (The Met)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210707081211/https://dergreif-online.de/artist-blog/where-are-those-precious-mistakes/" target="_blank">Where Are Those Precious Mistakes?</a> (Der Greif)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fatherly.com/love-money/child-toy-hand-grenade-colin-wood-diane-arbus" target="_blank">Colin Wood, Diane Arbus’s ‘Child With A Toy Hand Grenade,’ Looks Back</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240909060715/https://news.artnet.com/market/diane-arbus-birthday-890000" target="_blank">Revisiting Diane Arbus’s Most Famous Photo on Her 94th Birthday</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.thecut.com/2016/07/diane-arbus-c-v-r.html" target="_blank">Was Diane Arbus the Most Radical Photographer of the 20th Century?</a> (The Cut)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.newyorker.com/magazine/2016/06/06/diane-arbus-portrait-of-a-photographer" target="_blank">In the Picture &#8211; A new biography of Diane Arbus</a> (The New Yorker)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.theartstory.org/artist/arbus-diane/" target="_blank">Diane Arbus</a> &#8211; The Artstory</li><li>Howard Schatz &#8211; Kink</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Matt_Groening" target="_blank">Matt Groening</a> (Wikipedia)</li></ul>

<p>Themenpatin: </p>

<ul><li>Petrina Engelke &#8211; @PetrinaEngelke, @moments_ny, Podcast &#8222;Notizen aus Amerika&#8220; &#8211; <a href="https://notizenausamerika.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Webseite</a>, <a href="https://fyyd.de/podcast/notizen-aus-amerika/0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FYYD</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="660" height="811" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image-2.png" alt="Zwei Porträts einer blonden Frau und ein Screenshot eines Profilbereichs, der die Meldung „There are no items to show in this view.“ anzeigt."/></figure></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/2732446009" target="_blank" rel="noopener">Diane Arbus</a></p>

<div><figure class="aligncenter"><img decoding="async" src="https://2.img-dpreview.com/files/p/TS560x560~forums/60923724/4493d58a1411413c80758cbe05750068" alt=""/></figure></div>

<div class="yt-facade" data-yt="sbsrJTjV8BI" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_sbsrJTjV8BI.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="Q_0sQI90kYI" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_Q_0sQI90kYI.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="CMbI7DmLCNI" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_CMbI7DmLCNI.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="i7Tw9jgMjEk" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_i7Tw9jgMjEk.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Ich finde es immer wieder faszinierend: Kaum jemand kennt <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, aber alle werden von ihren Arbeiten beeinflusst. Mein Beispiel heute ist eine <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> aus den 60ern, die im Wesentlichen Fotonerds kennen. Aber so unterschiedliche Werke wie Stanley Kubricks &#8222;Shining&#8220; oder &#8222;Die Simpsons&#8220; würden ohne ihre Arbeit anders aussehen, ganz egal, ob wir sie nun kennen oder nicht.</p>

<p>Die Fotografin Diane Arbus hat ihre Kindheit während der Weltwirtschaftskrise verbracht und wuchs dann während dem Vietnamkrieg und der sexuellen Revolution in New York auf. Und ihr Start ins Leben war ein privilegierter. Ihre Eltern gehörten der New Yorker Upper Class an und hatten einen Department Store in der privilegierten 5th Avenue in New York. In Privatschulen ausgebildet und aufgezogen von Kindermädchen blieb sie weitgehend von den schweren Folgen der Weltwirtschaftskrise verschont.</p>

<p>Mit 13 lernt sie Allan kennen, einen Mann, fünf Jahre älter als sie, der die Schule hingeschmissen hat und in der Werbeabteilung des Pelzladens ihres Vaters arbeitete. Die Beiden heiraten mit 18 und es dauert nicht lange und sie eröffnen ein gemeinsames Fotostudio, eine Leidenschaft, die Allan in die Beziehung mitbrachte. Er brachte ihr bei, wie man mit einer Kamera umging, wie man Film entwickelt und es dauerte nicht lange und das Paar etablierte sich als Fashionfotografen in New York. Zehn Jahre lang betrieben sie ein Studio zusammen.</p>

<p>Obwohl das Studio erfolgreich war und die beiden auch gut zusammenarbeiteten, war schnell klar, dass Diane etwas anderes wollte, als für immer Studiofotografin zu sein. Wenn sie also nicht gerade damit beschäftigt war, Kleidung an Models zu pinnen, Konzepte für Werbekampagnen auszuarbeiten oder Familien im Studio zu portraitieren, lief sie mit ihrer Nikon Kamera durch die Stadt und fotografierte, was ihr so vor die Linse kam.</p>

<p>Eines Tages kam sie mit einer frisch belichteten Rolle Film nach Hause und bat ihren Mann, den bevorzugt zu entwickeln. Die Negative, die da herauskamen, nummerierte sie mit einem Marker mit der Nummer 1. Hier startet eine Nummerierung, die sie bis zum Ende ihres Lebens durchhalten wird. Sie ist Mitte 30, als sie diesen ersten Film nummeriert. Es ist der Moment, in dem sie beschließt, eine andere Fotografin zu werden, in dem sie beschließt, Künstlerin sein zu wollen und nicht Auftragsfotografin. Es ist der Start von etwas Neuem.</p>

<p>Am Anfang läuft Diane durch die Stadt und fotografiert, was man so in der Stadt sieht. Sie macht die klassischen Streetfotos, die viele von uns machen. Friseure durch die Glasscheibe hindurch, Familienszenen im Park, sie streift mit ihrer Kamera durch die Straßen und alles, was ihr Auge festhält, wird fotografiert. Sie entwickelt sich in eine andere Richtung als ihr Ehemann. Sie wird künstlerischer. Sie wünscht sich mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit.</p>

<p>Es sind die 60er und die Arbus&#8217;s leben sowieso ein sehr offenes Modell der Beziehung und ihr Ehemann Allan unterstützt sie in ihrem Wunsch, unabhängiger zu sein. Er hilft ihr, ein anderes Studio in New York zu finden und hilft ihr beim Umzug. Um die Kinder kümmern sie sich gemeinsam. War die Kindheit von Diane im Wesentlichen von der Distanz zu ihren Eltern geprägt, war es Diane und Allan wichtig, ihren Kindern nah zu sein. Er kam oft vorbei, sie verbrachte viel Zeit mit ihnen und so gingen rund elf Jahre ins Land, bevor das Paar sich auch ganz offiziell, getrieben von einer neuen Partnerin Allans, die nicht ganz so polyamourös gestimmt waren wie die beiden, wirklich scheiden ließen.</p>

<p>Es ist rund um die Zeit, als man eine Veränderung in ihrer Arbeit feststellen kann. Irgendwann entdeckt Diane, dass sie Fremde ansprechen kann, dass sie mit ihnen arbeiten kann, dass er sie posieren kann. Und aus der Schnappschussfotografie, die ihre frühen Arbeiten als unabhängige Fotografin prägt, werden plötzlich Fotos, die, ja, manchmal diesen Schnappschusscharakter haben, in denen aber die Motive ganz eindeutig wissen, dass sie fotografiert werden. Sie sind präsent. Sie schauen oft in die Kamera.</p>

<p>Und Dianes Stil ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja wahrscheinlich sogar schockierend. Sie pfeift auf etablierte gestalterische Regeln. Ihre Fotos sind selten kompositorische Meisterwerke. Rule of Thirds, Layers, Linien, ach was, Hauptsache, das Motiv ist stark genug. Dafür sucht sie gezielt Menschen, die so selten fotografiert werden. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen. Nudisten. Groß- und Kleinwüchsige. Oder Mitglieder der New Yorker Unterwelt. Oder Subkulturen wie zum Beispiel die nach und nach aufkeimende Travestiebewegung. Diane hat keine Scheu vor diesen Menschen und sie fotografiert sie und setzt sie in Szene und ist dabei auch nicht zimperlich. Sie versucht, Fotos zu machen, denen man ansieht, dass sie den Menschen, die sie portraitiert, näher gekommen ist, dass sie etwas über die Menschen weiß, das sie dem Betrachtenden zeigen kann.</p>

<p>Diane ist der Meinung, dass unser Äußeres nicht uns gehört, unser Äußeres spricht eine Sprache, die unsere Umwelt entziffern darf. Und so ist sie auch nicht zimperlich, wenn sie die Leute fotografiert.</p>

<p>Und wenn es nötig ist, um ein Foto zu bekommen, lügt sie auch. &#8222;Nein, nein, das sind nur Kopfportraits, die ich hier mache&#8220;, sagt sie und fotografiert in Wirklichkeit die berühmte Feministin und Philosophin Ti-Grace Atkinson oben ohne. Genauso wenig konnte man sich darauf verlassen, wenn Diane sagte: &#8222;Nein, nein, die Bilder werden nie veröffentlicht werden.&#8220;.</p>

<p>Aus heutiger Sicht ist Diane Arbus ethisch tatsächlich auf sehr glattem Eis unterwegs. Gleichzeitig schafft sie aber auch, mit ihren Fotos, gerade besonders auch den Fotos von benachteiligten Menschen, eine Bildsprache zu etablieren, die es vorher so nicht gab. Sie definiert Schönheit in der Fotografie völlig neu. Ihre Models haben eine Würde und eine Schönheit, die von innen strahlt. Sie selbst sagt: &#8222;Viele von uns verbringen ihre Lebenszeit damit, sich vor Traumas zu schützen. Wir verstecken uns vor Schmerz. Wir laufen weg von dem Unglück.&#8220; Die Menschen, die Diane fotografiert, wurden oft mit ihren Traumas schon geboren. &#8222;Eigentlich&#8220;, sagt sie, &#8222;sind das die wahren Aristokraten; die Menschen, die das schon gemeistert haben, was viele von uns auf Teufel komm raus vermeiden wollen.&#8220;</p>

<p>Diane Arbus hat das Glück, relativ früh in der Kunstszene New Yorks aufzufallen. 1959, im Rahmen einer Ausstellung, lernt sie den Art Director Marvin Israel kennen. Er ist ein Jahr jünger als sie, selber Maler und verheiratet. Die Beiden werden trotzdem ein Paar, eine Beziehung, die bis zu ihrem Tod halten wird. Israels Frau scheint nichts dagegen zu haben. Wie gesagt, es ist die Zeit der sexuellen Revolution. In New Yorker Künstlerkreisen sieht man das nicht mehr so eng.</p>

<p>Über ihren Freund lernt sie unter anderem auch Fotografen wie Richard Avedon kennen und es sind diese Einflüsse, die ihre Arbeit immer einprägsamer werden lassen. Sie arbeitet an verschiedenen Serien und macht in der Zeit mehrere Fotos, die bis heute Wiedererkennungswert haben. Früh fing sie zum Beispiel an, sich besonders für Zwillinge und Drillinge zu interessieren. Und eines ihrer berühmtesten Bilder zeigt zwei Zwillingsmädchen, die Händchen haltend nebeneinander stehen, direkt in die Kamera schauen und trotz dieser symmetrischen Pose und dem ähnlichen Äußeren einfach sehr, sehr unterschiedlich aussehen.</p>

<p>Stanley Kubrick, der Diane Arbus auch persönlich kannte, wird dieses Bild später zitieren, in seinem berühmten Film &#8222;The Shining&#8220;. Der Film spielt in einem verwunschenen Hotel. Ein Familienvater, gespielt von Jack Nicholson, lässt sich mit seiner Familie dort über den Winter als eine Art Hausmeister in Residence einschneien und wie es sich für so ein Horrorhotel gehört, nimmt das Schicksal ab hier seinen Lauf. Der kleine Danny, der Sohn der Familie, fährt mit einem Dreirad durch die Gänge des Hotels und begegnet dort plötzlich zwei Händchen haltenden Mädchen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Hello, Danny. Come and play with us.&#8220;</p>

<p>Und die sehen schon sehr von Arbus’ Bild inspiriert aus.</p>

<p>Ein anderes eher bekanntes Bild von ihr trägt den Titel &#8222;Jewish Giant&#8220;. Eigentlich zeigt es ein Familienfoto. Ein Sohn besucht seine Eltern, nur, dass der Sohn derart riesig ist, dass seine Eltern im Größenvergleich wie Zwerge wirken und er sich nur gebeugt im Wohnzimmer aufhalten kann. Alle stehen in diesem Bild, was es noch dramatischer aussehen lässt. Der Giant in dem Bild heißt Eddie Carmel und leidet an Gigantismus, einer Wachstumsstörung.</p>

<p>Und was an dem Bild ganz besonders auffällig ist und für unsere heutigen Augen gar nicht mehr besonders wirkt, ist, wie verhältnismäßig schlampig das Bild eigentlich gemacht ist. Wir wissen, dass alle in diesem Bild sich der Fotografin im Raum bewusst waren. Vermutlich hatte Diane gefragt und sie hatte wohl die Erlaubnis, ein Foto der Familie zu machen. Und sie blitzt in den Raum. Sie hätte also alle Zeit der Welt gehabt, sich Gedanken über die Komposition zu machen oder das Licht zu planen. Die Tatsache, dass das Foto fast schon schnappschussartig aussieht, eine monströse Vignette im Bild ist und das Foto zum Teil überblitzt ist, muss man dann tatsächlich als Absicht interpretieren. Das war kein kurzer, spontaner Schnappschuss und Diane wusste nach jahrzehntelanger fotografischer Arbeit sehr wohl, was sie tat.</p>

<p>Und so muteten die Bilder, die Diane schoss, der damaligen Gesellschaft nicht nur Fotomotive zu, die so noch nie zu sehen waren, sie markiert auch den Start einer völlig neuen Ästhetik. Und beides sind Effekte, die ab jetzt oft und gerne kopiert werden. Diese absichtliche Schlampigkeit im Bildaufbau, die interpretieren wir heute als Candid, als Schnappschussfotografie. Und ungewöhnliche Models sucht man sich heute auch viel regelmäßiger, als es damals üblich war.</p>

<p>Ich habe mir vor Kurzem einen Bildband mit Auszügen aus dem Lebenswerk des berühmten amerikanischen Fotografen Howard Schatz gekauft und einer seiner langjährigen Fotoserien portraitiert die San Francisco Kink, Gay and Pride Scene, Menschen also, die gerade deswegen, weil sie anders aussehen, eine ganz besondere Faszination ausstrahlen. Und da gibt es durchaus Parallelen zu Diane Arbus&#8216; Werk, die Fotos von Travestiekünstlern und Nudisten gemacht hat.</p>

<p>Aber selbst, wenn Diane einfach &#8222;nur&#8220;, in Anführungsstrichen, Streetfotos gemacht hat, war ihr Auge für die ungewöhnliche Situation oder das ungewöhnliche Motiv wirklich bemerkenswert. Und das bringt uns zu ihrem vielleicht berühmtesten Foto, dem Bild, das alle paar Jahre wieder eine Schlagzeile macht, wenn ein Originaldruck für mal fünfhundert- , mal siebenhundert tausend Dollar weiterverkauft wird. Es zeigt einen Jungen im Central Park in New York, ungefähr sieben Jahre alt. Er schaut uns an, mit weit und leicht irre aufgerissenen Augen und einem zur Grimasse verzogenen Gesicht. Man weiß nicht so genau, macht sich der Junge vielleicht ein bisschen lustig und albert für die Kamera herum oder ist da etwas Irres in dem Blick, vielleicht auch etwas Traurigkeit? Einer seiner Hosenträger ist heruntergerutscht. Vielleicht ist er ja auch herumgelaufen. Seine linke Hand scheint etwas Unsichtbares festzuhalten. Sie ist zu einer offenen Klaue verkrampft. Und in seiner rechten Hand hält er eine Handgranate.</p>

<p>Es ist ein bemerkenswertes und ein verstörendes Foto. In dem Bild gibt es keine erkennbare Symmetrie, man vermutet fast, Diane Arbus hätte das Bild im Vorbeigehen geschossen. Spontan eben. Das Bild jedenfalls ist bemerkenswert und es fällt auf den Boden der gerade tobenden Kontroverse rund um den Vietnamkrieg.</p>

<p>Und es zeigt den New Yorker Jungen Colin Wood. Der wird später erzählen, dass er sich eigentlich nicht mehr daran erinnert, wie Diane Arbus dieses Foto von ihm gemacht hat. Er hat allerdings eindeutig gewusst, dass er fotografiert wird, denn es gibt den kompletten Kontaktabzug, also die Reihe von Fotos, die vor diesem Bild und kurz nach diesem Bild entstanden sind und daran kann man sehen, dass Colin mit Diane Arbus wie ein typischer Siebenjähriger, sagen wir mal, zusammengearbeitet hat. Am Anfang ist er anscheinend noch etwas verlegen. Da kam eine junge Frau auf ihn zu und hat ihn gefragt, ob sie ihn fotografieren darf und er posed so ein bisschen und albert so ein bisschen herum für die Kamera. Er probiert sich aus, läuft herum und Diane positioniert sich in verschiedenen Winkeln zu ihm. Und irgendwann macht er eben dieses goofige Gesicht. Diese Handgranate in der einen Hand, dieser irre Gesichtsausdruck, diese zur Klaue geformte andere Hand ist für einen kleinen Augenblick zu sehen und Diane drückt in diesem Moment ab.</p>

<p>Das Foto wird zu einer Ikone der amerikanischen Antikriegsbewegung. Aber auch die Anarchisten drucken es gerne auf ihre Plakate. In einem 17-jährigen Teenager aus Portland, Oregon, Matt Groening, steckt beides so ein bisschen. Er demonstriert zu der Zeit. Vielleicht hat er auch sogar mal ein Plakat mit dem Jungen und der Spielzeughandgranate herumgetragen, gesehen hat er es auf jeden Fall. Matt jedenfalls wird uns später mit einer Popkulturikone beschenken.</p>

<p>[Einspieler &#8211; das &#8222;The Simpsons&#8220; Intro]</p>

<p>Und die Figur des Bart Simpson, sagt er später, basiert auf dem, was er in dieser Figur, in diesem Jungen mit der Granate gesehen hat. Eine gewisse Aufmüpfigkeit, eine Herkunft, die er da vermutete und so inspiriert der junge Colin Wood, der mit 7 Jahren und einer Spielzeughandgranate von Diane Arbus festgehalten wird, eine der ikonischsten Figuren der modernen Popkultur.</p>

<p>Er erinnert sich, dass seine Kindheit zu der Zeit eher weniger spaßig war. Sein Vater befand sich mal wieder in einer Scheidung und der junge Colin lief einigermaßen unbetreut in New York durch die Gegend. Allerdings jetzt nicht verwahrlost oder so. Sein Vater war ein erfolgreicher Tennisspieler, öfters in den Top Ten in der Weltrangliste. Aber in der Jugend von Colin eben auch mehr mit sich selbst als mit seinem Sohn beschäftigt.</p>

<p>Er war jetzt nicht gerade begeistert davon, dass sein Sohn sich plötzlich auf einem Foto der Antikriegsbewegung wiederfand und Colin erinnert sich auch, dass Schulkameraden das Bild gefunden hatten und es in der Schule aushingen. Alles Ereignisse, auf die er auch gut hätte verzichten können. Trotzdem hat ihn das Foto nicht weiter beeinflusst, sagt er.</p>

<p>Nach der vierten und letzten Scheidung seines Vaters und seinem erfolgreichen Schulabschluss gründen die Beiden gemeinsam ein Unternehmen. Sie bauen Tennisplätze überall auf der Welt. Und sie sind erfolgreich. Nicht ganz so der Lebenslauf, den man sich von einem Jungen erwartet, dessen Foto für eine Weile in einer Ausstellung für unterprivilegierte Amerikaner zu sehen ist und auf Antikriegsdemonstrationen herumgetragen wird.</p>

<p>Aber irgendwie auch nicht ganz ungewöhnlich für ein Foto von Diane Arbus. Sie ließ sich von diesem Moment überraschen. Wen interessiert da schon der Rest? Parallel arbeitet sie weiter an ihrer fotografischen Karriere. Sie landet relativ schnell Aufträge bei großen Magazinen. Die waren zu der Zeit durchaus experimentierfreudig und so darf sie Fotostrecken gestalten, die eher ungewöhnlich sind.</p>

<p>Mit jedem Auftrag öffnen sich dann weitere Türen. Magazine wie &#8222;The Esquire&#8220;, &#8222;Harper&#8217;s BAZAAR&#8220;, aber auch Kunden wie der New York Times, Sports Illustrated, Herold Tribune, Diane Arbus ist schnell gefragt und kommt rum. Schnell hat sie einen Ruf als Fotografin, deren Bilder eher exzentrisch wirken. Selbst, wenn sie bekannte Persönlichkeiten oder Mitglieder der High Society fotografiert, sind ihre Fotos ungewöhnlich. Magazine schießen sich darauf ein und so werden bestimmte Aufträge gar nicht mehr an sie herangetragen. Klassische Politikerfotos? Naja, ist ja nicht wirklich etwas für Diane.</p>

<p>Parallel zu ihren Auftragsarbeiten bemüht sich Diane auch immer um Unterstützung für freie Aufträge. Es gibt verschiedene Institutionen, die Stipendien für besonders interessante Arbeiten herausgeben, so zum Beispiel die Guggenheimstiftung. Von da ergeben sich auch verschiedene Reportageaufträge, die mal privat, mal öffentlich finanziert werden. Als sich die Magazinbranche allerdings im Umbruch befindet, gehen auch ihre Aufträge zurück und sie fängt an, zu lehren und bei Ausstellungen mitzuwirken.</p>

<p>Während dieser ganzen Zeit leidet Diane unter massiven depressiven Schüben. Schon ihre Mutter kämpfte mit Depressionen und Diane hatte besonders nach einer Hepatitiserkrankung 1966 immer wiederkehrende zum Teil heftige Schübe. Sie suchte sich auch Hilfe und war in Behandlung, aber 1971 wurde ihr dann alles zu viel. Sie stellt ihren Terminkalender auf die Treppe, schreibt in ihr Notizbuch &#8222;Letztes Abendmahl&#8220;, bevor sie Schlafmittel nimmt und sich die Pulsadern auftrennt.</p>

<p>Seither wird ihre Arbeit wieder und wieder neu entdeckt. 1972, also ein Jahr nach ihrem Tod, ist sie die erste amerikanische Fotografin überhaupt, die auf der Biennale in Venedig ausgestellt wird. Es geht eine Monografie von ihr um die Welt, das Museum of Modern Art macht eine Diane Arbus Retrospektive und einige ihrer fotografischen Ideen prägen bis heute die Fotografie.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 23 Jan 2022 16:49:57 GMT</pubDate>
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            <title>Das Leben der Anderen</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/das-leben-der-anderen.html</link>
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            <description>Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis. Er schreibt gegen das soziale Elend New Yorks an und beginnt irgendwann zur Illustration zu fotografieren&#8230; Herauskam eines der wenigen Fotobücher das wirklich für sich reklamieren kann die Welt verändert zu haben. </p>

<ul><li>Jacon Riis (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_August_Riis" target="_blank">Deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Jacob_Riis" target="_blank">Englisch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://iiif.lib.harvard.edu/manifests/view/drs:4137257$1i" target="_blank">How the Other Half Lives</a> (Digitalisat der Havard Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://iiif.lib.harvard.edu/manifests/view/drs:3197856$1i" target="_blank">Making of an American</a> (Biografie, Digitalisat der Havard Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.icp.org/browse/archive/constituents/jacob-riis?all/all/all/all/0" target="_blank">Jacob Riis</a> (International Center of Photography)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250613000514/https://www.smithsonianmag.com/history/pioneering-social-reformer-jacob-riis-revealed-how-other-half-lives-america-180951546/" target="_blank">Pioneering Social Reformer Jacob Riis Revealed “How The Other Half Lives” in America</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2015/10/23/arts/design/jacob-riis-photographs-still-revealing-new-yorks-other-half.html" target="_blank">Jacob Riis Photographs Still Revealing New York’s Other Half</a> (NYTimes)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/koennen-rechtfertigen-11630320.html" target="_blank">Wie können sie das rechtfertigen?</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="567" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_271_1982_461405_displaysize.jpg" alt="Mehrere Männer sind in einem Innenraum versammelt; ein Mann sitzt im Vordergrund, während die anderen stehend gruppiert sind und rechts liegt ein großer Haufen Stoffe."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="569" height="700" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_266_1982_419580_displaysize.jpg" alt="Menschen liegen auf dem Boden einer engen, städtischen Gasse, die von Gebäuden mit Metalltreppen und Holzstrukturen begrenzt wird."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="563" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_250_1982a_431080_displaysize.jpg" alt="Mehrere Männer ruhen in einem überfüllten Innenraum, der mit Kochgeschirr und Haushaltsgegenständen gefüllt ist."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="557" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_203_1982_447394_displaysize.jpg" alt="Ein älterer Mann mit Hut sitzt in einer schwach beleuchteten, überfüllten Werkstatt, die mit gestapelten Materialien und Behältern gefüllt ist."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="568" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_227_1982_433095_displaysize.jpg" alt="Mehrere Personen sitzen in einem dunklen, rustikalen Lokal an Tischen und einer Theke."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="568" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/riis_jacob_183_1982_419981_displaysize.jpg" alt="Ein Schwarz-Weiß-Foto von dicht gedrängten, alten Holzhäusern mit Satteldächern vor dem Hintergrund moderner Hochhäuser."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="750" height="926" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/jacob-riis-how-the-other-half-lives-3.jpg" alt="Eine enge Gasse mit Gebäuden auf beiden Seiten, an der Wäsche zwischen den Häusern hängt und mehrere Personen zu sehen sind."/></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="JqpQzyK96uk" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_JqpQzyK96uk.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="K3NwFB9zuF8" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_K3NwFB9zuF8.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="giQbA-rTEWo" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_giQbA-rTEWo.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wir glauben ja gerne, dass Fotografie die Welt verändern kann, aber in Wahrheit fällt es dann doch sehr schwer, Beispiele zu finden, wo das wirklich und nachweislich geschehen ist. Heute geht es um so ein Beispiel; um einen Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, in der alles vorkommt: Vollständiger Absturz ins Elend, Aufstieg zu Reichtum und Einfluss, eine Jahrzehnte überdauernde Liebesgeschichte, innovative Fotografie und Bilder, die die Welt verändert haben.</p>

<p>Der Mann, von dem ich heute erzähle, ist einer der Gründerväter der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a> und der sozialen Fotografie. Er war ein Reporter, er selbst hätte sich nicht als Fotograf beschrieben, er hätte gesagt, er ist in erster Linie ein Autor, ein Journalist, ein Beobachter der Menschen. Es dauerte 50 Jahre, bevor man in als das erkannte, was er eigentlich war: Ein Fotograf, dessen Stil ein ganzes Genre geprägt und für grundlegende Veränderung gesorgt hatte.</p>

<p>Dabei dauert es tatsächlich relativ lang, bis er selbst zu seiner Berufung gefunden hatte. Jakob Riis wurde 1848 als drittes Kind von 15 in Dänemark in einen Lehrer- und Journalistenhaushalt geboren. Sein Vater wünschte sich für ihn, dass er eine akademische Laufbahn oder doch wenigstens eine Karriere als Autor anstreben würde, aber der junge Jakob hatte praktischeres im Sinn und wollte Zimmermann werden. Ein lokaler Zimmerer stellte ihn als Lehrling an und so schien die Laufbahn als Handwerker schon mal gesetzt. Seine Familie wusste auch, dass es keinen Sinn machte, ihn umzustimmen zu versuchen. Er war ein recht eigenwilliger junger Mann.</p>

<p>Er war bekannt für ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und ein großes Herz. Es gibt eine überlieferte Anekdote vom damals gerade mal 12 Jahre alten Jakob, dass er einmal sein gesamtes erspartes Geld einer armen Familie angeboten hatte, wenn die im Gegenzug ihr heruntergekommenes Zuhause reinigen und aufbessern würden. Die entschieden sich, das Geschäft anzunehmen und hielten sich an die Abmachung. Als Jakobs Mutter von der Geste erfuhr, machte sie sich spontan auf den Weg und half der Familie bei den Arbeiten.</p>

<p>Aber zurück zu Jakob, den 16-jährigen Zimmereilehrling. Wer weiß, was später passiert wäre, hätte er sich nicht in die damals 12-jährige Tochter seines Meisters verliebt. Sie war der Verbindung eigentlich nicht abgeneigt, aber, wie man sich vorstellen kann, war weder sein Meister noch seine Familie sonderlich begeistert. Um die Situation zu bereinigen, schickt ihn sein Vater für die verbleibenden drei Jahre seiner Ausbildung in das weit entfernte Kopenhagen. Da, so hofft er, wird sich sein Sohn die Flausen aus dem Kopf schlagen und wenn er zurückkommt mit abgeschlossener Ausbildung seinen Weg gehen, wie von ihm erwartet.</p>

<p>Wieder hat man die Rechnung ohne Jakob gemacht, der kommt mit 19 zurück, wilder entschlossen den je, die jetzt 15-jährige Tochter zu heiraten. Sein ehemaliger Meister ist jetzt so wenig begeistert, wie er drei Jahre zuvor begeistert war und lehnt ab.</p>

<p>Und so beschließt Jakob in seinem Kummer und seinem Ärger, das zu tun, was gar nicht wenige junge Männer gemacht haben: nämlich in die neue Welt aufzubrechen. Er ist 21, als er sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht. In seinem Gepäck hat er 40 Dollar, die seine Freunde für ihn gesammelt haben, die Überfahrt hat er aus eigener Tasche bezahlt, das waren ungefähr 50 Dollar. Und als kleines Abschiedsgeschenk steckt ihm die Frau seines ehemaligen Meisters noch etwas ganz Besonderes zu: eine Strähne von seiner großen Liebe Elisabeth. Stellt sich heraus: Nicht nur die Tochter wäre eigentlich zugeneigt gewesen, auch die Mutter hatte eigentlich nichts gegen die Verbindung. Trotzdem ist Jakob jetzt schonmal auf dem Weg und er hat natürlich auch den Anspruch, allen zu zeigen, wozu er imstande ist und sein Glück zu machen in der neuen Welt.</p>

<p>Jakob kommt 1870 in New York an. Es ist eine Welt im Umbruch. Nicht nur sind Millionen Menschen aufgebrochen, um in den USA ihr Glück zu versuchen, der amerikanische Bürgerkrieg hat außerdem noch dafür gesorgt, dass die Menschen vom Land in die Städte gezogen sind. Die Städte sind die Orte, an denen die Industrialisierung für Möglichkeiten und Arbeit sorgen und manche Stadt verachtfacht in dieser Zeit ihre Bevölkerung.</p>

<p>Jakob kommt auch in Zustände, die wir uns heute, glaube ich, gar nicht mehr vorstellen können: 1880 gibt es in New York in der Lower East Side einen Distrikt, in dem 334000 Menschen auf einer Quadratmeile untergebracht sind &#8211; die dichtest besiedelte Meile der Welt. In und um New York bilden sich Slums der übelsten Sorte. Unterkünfte, in denen 10 bis 15 Menschen in einem einzelnen kleinen Zimmer schlafen müssen, sind die Norm. Die Polizei betreibt Armenunterkünfte, Menschen, die auf der Straße eingesammelt werden, werden dorthin zwangseingeliefert, müssen dann da in ähnlich beengten Verhältnissen schlafen und hinterher 5 Cent pro Übernachtung abdrücken. 5 Cent ist für die damals oft mittellosen, armen Menschen ein Heidengeld. Denn hätten die diese 5 Cent, dann hätten die auch noch billiger schlafen können. Es gibt sogenannte 2-Cent-Kneipen, in denen man für 2 Cent einen Teller Suppe und das Recht, die Nacht dort im Sitzen zu schlafen, kaufen kann.</p>

<p>Jakob landet in diesem Viertel an. Er hat 40 Dollar, ist also zunächst mal ordentlich versorgt und er hat ein Empfehlungsschreiben für den dänischen Botschafter in der Tasche, sollte er Hilfe brauchen. Die ersten 20 Dollar sind leicht investiertes Geld, er kauft sich nämlich sofort einen Revolver, um sich gegen menschliche oder tierische Angreifer wehren zu können. Die anderen 20 Dollar sollen ihm über die Zeit helfen, die er braucht, um Arbeit zu finden. Jakob versucht sich als Stahlarbeiter und als Zimmerer, lernt aber schnell, dass es für Immigranten zwar viel harte Arbeit, aber wenig Bezahlung gibt.</p>

<p>Als er davon hört, dass Frankreich Preußen den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> erklärt hätte, versucht er, für Frankreich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> zu ziehen und sich einziehen zu lassen; erfolglos.</p>

<p>Ab hier beginnt eine kleine Odyssee für Jakob: Er versucht sich als Farmhilfe, er arbeitet als Steinmetz für ein lokales Maurerunternehmen und versucht, jede Gelegenheit zu nutzen, doch noch für Frankreich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> ziehen zu dürfen. Irgendwann hört er von Plänen einer Gruppe Freiwilliger von New York aus in den Krieg aufzubrechen und macht sich damit dann auch selbst wieder auf den Weg zurück in die große Stadt. Zu der Zeit schläft er mehr unter freiem Himmel als unter einem Dach. Er ernährt sich von Fallobst, er ist auf Almosen angewiesen und obwohl er versucht zu arbeiten verdient er kaum genug, um sich gelegentlich mal eine Unterkunft leisten zu können. Als er zurück in New York ist, stellt er fest, dass das Gerücht zwar stimmte, er aber zu spät gekommen war. In New York war es auch schwerer, einfach unter freiem Himmel zu schlafen und so schließt Jakob erste Bekanntschaften mit den von der Polizei betriebenen Unterkünften. Er ist so angewidert von den Zuständen, die er vorfindet, dass er sich wenig später wieder auf den Weg macht.</p>

<p>Seine wenigen Besitztümer hatte er sowieso nach und nach verkauft: Die Waffe hat er zum Beispiel schon lange nicht mehr. Und mit dem letzten Seidentaschentuch, das er noch in seiner Tasche fand, kauft er sich eine Fährkarte und macht sich auf den Weg nach Philadelphia. Auf dem Weg dahin nimmt er jede Arbeit, die sich bietet und er schafft es nach Philadelphia, wo er dann mit dem Empfehlungsschreiben, das ihm seine Eltern mitgegeben hatten, vor dem dänischen Konsul vorstellig wird, der ihn aufnimmt und zwei Wochen lang wieder aufpäppelt.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der er dann tatsächlich sowas wie ein ordentliches finanzielles Standbein aufbauen kann. Er arbeitet als Zimmermann und fängt an, so viel Geld zu verdienen, dass er sich es leisten kann, nebenher als Autor zu experimentieren. Er schreibt Artikel, die er bei lokalen Zeitungen und Magazinen einreicht, allerdings mit wenig Erfolg. Seine Themen finden nicht viel Anklang, seine Schreibe ist oft zu polemisch. Er kehrt also zurück nach New York City. Dort versucht er, mit allem möglichen Fuß zu fassen und ist einigermaßen erfolgreich als Vertreter für Bügeleisen.</p>

<p>Die Geschäfte laufen gut. Nicht lange und er hat Angestellte und Vertretungen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten. Er ist der Hauptvertreter einer Bügeleisenmarke im Bundesstaat Illinois und auch in Pennsylvania ist er aktiv. Allerdings ist Jakob auch chronisch gutmütig und gutgläubig und so dauert es auch nicht lange, bis er an die falschen gerät und von Geschäftspartnern komplett über den Tisch gezogen wird.</p>

<p>Außerdem ereilte ihn eine Hiobsbotschaft. Elisabeth, die junge Frau, deren goldene Locke er seither in einer Schachtel immer am Herzen trägt, ist verlobt. Jakob ist am Boden zerstört und macht das, was er da anscheinend immer macht, nämlich nach New York zurückkehren. Wieder ist er ohne Finanzmittel, wieder ist er arbeitslos, wieder ist er in New York.</p>

<p>Allerdings hat er inzwischen Übung in der Kunst des Artikelschreibens und in New York gibt es Bedarf an Menschen, die schreiben können. Er bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung als Redakteur beim Long Island Newspaper und kriegt den Job. Es ist ein relativ hoch dotierter Job und es ist schon fast verdächtig, dass ein Newcomer wie er diesen Job einfach so bekommt. Kaum hat er die Stelle, stellt er fest, warum das so ist: Der Besitzer der Zeitung ist ein derart ausbeuterischer und unehrlicher Geselle, dass alle anderen Kandidaten abgelehnt hatten oder ihm davongelaufen waren. Und so hält es auch Jakob gerade mal zwei Wochen in dieser Stelle.</p>

<p>Jetzt ist er wieder arbeitslos. Äußerlich aussehend wie ein Landstreicher, aber immer noch ganz gut vernetzt, wird ihm zugetragen, dass die New York News Association nach einem Trainee suchen würde. Jakob wäscht sich dürftig in einem Pferdetrog und macht sich auf den Weg zu dem Interview und obwohl er aussieht wie ein Landstreicher, schafft er es, die zuständigen zu überzeugen und bekommt diese Stelle. Das ist tatsächlich ein roter Faden durch die gesamte Biografie von Jakob: Wann immer er die Gelegenheit bekommt, mit Menschen zusammenzutreffen, scheint er sie davon zu überzeugen, dass sie ihr Vertrauen in ihn setzen können. Ganz egal, wie er aussah.</p>

<p>Jakob hatte ein besonderes Talent, zwischen den verschiedenen Schichten hin und her zu wechseln und gleichermaßen über die Reichen wie über die Ärmsten der armen schreiben zu können. Er arbeitet hart und es zahlt sich für ihn aus. Nach und nach baut er sich ein kleines Vermögen auf, kann auch schnell seine Schulden zurückzahlen und gewinnt Routine in der Arbeit eines Journalisten. Die Zeitung, bei der er arbeitet, macht ihn schnell zum Hauptredakteur, allerdings steht sie auch kurz vor dem Bankrott. Und Jakob kämpft dagegen an, wie alle anderen, die bei dieser Zeitung arbeiten.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der sich einerseits nach und nach finanzielle Stabilität für ihn einstellt, andererseits die Firma, bei der er angestellt ist, auf den Bankrott zusteuert, als ihn die Nachricht ereilt, dass daheim in Dänemark zwei seiner älteren Brüder, seine Tante und der Verlobte seiner Elisabeth gestorben waren. Jakob will nach Dänemark zurückkommen, um seine Brüder zu betrauern, aber er sieht natürlich auch die Gelegenheit, Elisabeth endgültig für sich zu gewinnen und macht ihr einen Antrag, schriftlich, per Post.</p>

<p>Und um zu zeigen, dass man ihm vertrauen kann und dass man auf ihm eine Existenz aufbauen kann, beschließt er, mit seinen Ersparnissen die kurz vor dem Bankrott stehende Zeitung zu kaufen und in die schwarzen Zahlen zu führen. Das schafft er zwar nicht, aber seine Zeitung ist so unbequem, dass ihm Lokalpolitiker anbieten, die Zeitung von ihm zurückzukaufen, und zwar für knapp den fünffachen Betrag, den er dafür investiert hatte. Und so war Jakob durch glückliche Fügung praktisch über Nacht zu kleinem Reichtum gekommen, der es ihm erlaubte, sorgenfrei nach Dänemark zu fahren und dort seiner Elisabeth ganz regulär den Hof zu machen. Die beiden heiraten und als das Geld dem Ende zuneigte, zogen sie wieder zurück nach New York, wo Jakob sich auf die Suche nach einer Anstellung bei einer lokalen Zeitung machte.</p>

<p>Es ist der New York Tribune, der ihn schließlich als Polizeireporter einstellt. Sein Büro ist gegenüber der Polizeistation, die für den damals größten Slum der Welt, die Slums von New York City, zuständig war. Jakob begleitet die Polizisten auf ihren Einsätzen und er sieht alles, was man nur an menschlichem Elend, an Gewalt und an Verbrechen zu Gesicht bekommen kann.</p>

<p>Und er schreibt dagegen an. Er selbst war ja oft genug als obdachloser unterwegs und hat deswegen einen persönlicheren Zugang zu vielen der Themen als so mancher seiner Leserinnen und Leser. Und eigentlich macht er sich auch keine Illusionen. Die Menschen, denen es damals gut geht, die interessiert nicht, wie es den ärmeren geht. Sie wissen nichts darüber, sie erfahren kaum etwas darüber und Artikel, die Jakob schreibt, egal, wie blumig die Sprache, egal, wie leidenschaftlich die Worte, dringen nicht durch diesen Panzer.</p>

<p>Anfangs wird er in seinem Schreibstil einfach nur noch melodramatischer und eindringlicher. Als er damit anscheinend nichts bewirken kann, denkt er über Zeichnungen und Skizzen nach, allerdings ist er kein besonders guter Zeichner, deswegen gibt er die Idee besonders schnell wieder auf.</p>

<p>Die fotografische Technik der damaligen Zeit, wir reden von den 1880ern, ist nicht geeignet, um bei schlechten Lichtverhältnissen Straßenszenen festzuhalten. Jakob ist oft nachts oder in der Dämmerung unterwegs und würde sehr gerne fotografieren, aber die Bilder sind meistens vollkommen unbrauchbar. All das ändert sich, als er 1887 von einer Erfindung der Deutschen Adolf Miethe and Johannes Gaedicke liest. Die hatten nämlich sogenanntes Blitzlichtpulver entwickelt. Das war eine Magnesiumpulvermischung, die in Patronen gefüllt wurde und mit einer Vorrichtung, die wie eine Pistole aussah, abgefeuert wurden und einen hellen Lichtblitz produzierten. Damit konnte man endlich auch nachts oder bei Dämmerung fotografieren.</p>

<p>Und er bringt mehrere dazu, mit ihm zusammen mit Blitzlichtpulverpatronen und Kamera bewaffnet in die Slums von New York einzudringen und Fotos zu machen. Und das Vorgehen war nicht ganz ungefährlich: Im Allgemeinen lief er durch die Stadt und wann immer er etwas fotografieren wollte, näherte er sich vorsichtig der Szene, löste den Blitz aus und lief dann so schnell er konnte mit seinem ganzen Equipment davon.</p>

<p>Wegen dem Risiko und den nächtlichen Arbeitsstunden blieben seine Freunde nicht lange bei der Stange und so war Jakob gezwungen, selbst zu lernen, mit den fotografischen Gerätschaften umzugehen, besonders, weil sehr, sehr deutlich wurde, dass seine Fotos eine Wirkung entfalteten, die seine Artikel nie gehabt hatten. Die Menschen sahen Bilder von Armut, die ihnen so bisher nie gezeigt worden waren. Mitglieder des Mittelstands oder der gehobenen Klassen gingen nicht in die Slums, sahen sich nicht an, wie Arbeiter lebten. Sie sahen weder den Dreck, noch das Elend, noch die Gewalt und die Brutalität, die in diesen Vierteln ihren Wohlstand mit sicherte.</p>

<p>Und Jakob bleibt nicht nur bei seinen Artikeln. Er verkauft Abzüge seiner Fotografien, er macht Lichtbildschauen, wo er mit einem Projektor auf einer Leinwand unter freiem Himmel Bilder projiziert. Er hält Vorträge, er schreibt Bücher. Es gibt mehrere Dinge, die er ganz konkret geändert sehen möchte. Er will, dass einzelne dieser Slumgebiete abgebaut und umgeformt werden. Er schlägt vor, Unterkünfte für die Armen zu bauen und die Slums zu Parks umzuwandeln. Und ganz besonders sind ihm die von der Polizei betriebenen Unterkünfte ein Dorn im Auge. Die Zustände dort sind fast noch elender als irgendwo in den Slums und eigentlich dienen die nur der Unterdrückung der Armen.</p>

<p>Es ist diese Zeit, als er den gerade frisch ernannten Polizeipräsidenten kennenlernt, ein Mann namens <a "/tags/theodore-roosevelt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="16" title="Theodore Roosevelt">Theodore Roosevelt</a>. Der hatte nämlich das Buch entdeckt, das als ein Meilenstein der sozialen <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> und sozialen Fotografie gilt und vielleicht eines der wenigen Beispiele ist, wo Fotografie tatsächlich zu echten Änderungen beigetragen hat. Das Buch trägt den Titel &#8222;How the Other Half Lives&#8220;. Es ist eine Mischung aus Artikeln von Jakob Riis und Fotografien und Zeichnungen, die auf Fotografien basieren.</p>

<p>Jakob macht sich bei seinen Fotografien nicht viele Gedanken um Komposition, oft sieht er ja gar nicht, was er fotografiert. Eines seiner berühmtesten Bilder wird in einem dieser Zwei-Cent-Lokalen aufgenommen. Dort hat er zwei Cent bezahlt, die ihn zum Schlafen und Suppe essen in einem überfüllten, stickigen Raum berechtigten. Er hat sich dort hingesetzt und als dann alle eingeschlafen waren, richtet er im Dunkeln auf dem Tisch die Kamera aus, öffnet das Objektiv und feuert die Blitzlichtpistole. Man sieht, wie beengt dieser Raum ist. Das Licht wird von der Decke reflektiert, es sieht fast so aus, als würde die Cholera in diesem Raum wabern. Und man sieht die Männer, die außenrum zum Teil verschreckt, zum Teil eben gar nichts mitbekommend auf den Tischen schlafen. Solche und andere Bilder, die ohne erkennbare künstlerische Komposition daherkommen, sind manchmal gerade deswegen besonders eindrücklich.</p>

<p>Roosevelt wurde jedenfalls durch dieses Buch auf ihn aufmerksam, tritt mit ihm in Kontakt und die beiden Männer formen eine Freundschaft, die ihr gesamtes Leben halten wird. Später wird Jakob für Roosevelt eine Kampagnenbiografie schreiben und Roosevelt wird sagen, dass er manche Dinge nie gemacht hätte, hätte er nicht die Bilder von Jakob Riis gesehen. Eine der Maßnahmen, die er noch als Polizeipräsident ergreift, ist, die Polizeischlafunterkünfte schließen zu lassen. Der Bundesstaat New York folgt dem Beispiel der Stadt New York und diesem Beispiel folgt wiederum der Rest des Landes. Und auch sonst nutzt Roosevelt seinen Einfluss, um der Sache, für die Jakob Riis kämpft, zu helfen, und sorgt dafür, dass die wichtigste Forderung von Jakob Riis tatsächlich Wirklichkeit wird. Die elendsten der Elendsviertel werden umgebaut. Die Menschen dort bekommen die Möglichkeit, in günstigere Wohnräume umzuziehen und der Slum wird dem Boden gleich gemacht und durch einen Park ersetzt.</p>

<p>Jakob schreibt mehrere Bücher, einige davon beschäftigen sich ausschließlich mit den sozial benachteiligten Menschen seiner Zeit. &#8222;How the Other Half Lives&#8220; ist das berühmte, aber es gibt auch noch &#8222;Children of the Poor&#8220;, das ist eine Art Fortsetzung mit besonderem Blick auf die Kinder und Familien. Jakob zeugt mit Elisabeth vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, und seine Familie bleibt eine Aktivistenfamilie. Sein jüngster Sohn steigt in seine Fußstapfen, wird auch ein Reporter und Aktivist, ein anderer geht zurück nach Dänemark und wird dort Director of Public Information in Kopenhagen und kämpft während des Ersten Weltkrieges gegen den steigenden Antisemitismus in der Region.</p>

<p>1905 wird seine Frau Elisabeth nach fast 30 Jahren Ehe plötzlich krank und stirbt überraschend. Für Jakob markiert das das Ende seiner Zeit in New York. Er heiratet erneut 1907 und zieht mit seiner neuen Frau nach Massachusetts auf eine Farm in Barre. Dort wird er dann bis zu seinem Tod 1914 bleiben.</p>

<p>Es wird fast 50 Jahre dauern, bis man ihn als den einflussreichen Fotografen anerkennt, der er war. In Rückschau stellt man fest, seine Fotos haben eine Handschrift, auch wenn er selbst sich nie Gedanken um Bildkompositionen gemacht hat, hatte er doch ein Auge für die Fotografie und die Bilder sind eindrücklich, bleiben im Gedächtnis. Und waren prägend fürs Medium: Viele, die nach ihm kamen, eiferten ihm nach. Das zu der Zeit noch junge Medium der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a> nimmt dann einige der ästhetischen Entscheidungen von Jakob auf und deswegen sehen die Bilder auch heute noch einigermaßen modern aus.&nbsp;</p>

<p>Und in später über ihn veröffentlichen Papern wird darüber spekuliert, dass einige der durch seine Fotos inspirierten Sozialreformen in der Region wahrscheinlich tausenden von Menschen das Leben gerettet und für das Einrichten von sanitären Anlagen und besserer Wasserqualität gesorgt haben. Alles Indizien dafür, dass Fotografien eben doch manchmal verändern können, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen.</p>

<p>Jakob Riis schwankte während seines Lebens mehrmals zwischen Obdachlosigkeit und Reichtum hin und her, verlor aber nie seinen moralischen Kompass. In mancherlei Hinsicht ist seine Lebensgeschichte fast schon typisch für die Immigranten der damaligen Zeit, aber gleichzeitig auch etwas sehr Besonderes, weil er eben mehrmals ganz am Boden ankam und dann trotzdem wieder die Energie fand, sich nach oben durchzukämpfen. Und er war ein Mann, dem es nicht darauf ankam, seine Verdienste aufgezählt zu bekommen.&nbsp;</p>

<p>Heute weiß man, dass seine Bilder unter anderem dafür gesorgt haben, dass die Wasserversorgung von New York deutlich hygienischer wurde und damit wahrscheinlich aller Einwohner Leben besserten. Es waren seine Artikel, die Politiker vor sich hertrieben, es waren seine Fotos, die für die notwendige Aufmerksamkeit sorgten und er sorgte für ein Bewusstsein für die weniger privilegierten Menschen der Gesellschaft der damaligen USA, das es vorher so nicht gegeben hatte.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 21 Aug 2021 12:45:34 GMT</pubDate>
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            <title>Queen of Street Art</title>
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            <description>In den 70ern und 80ern war New York das Epizentrum der Jugendkultur und eine neugierige Reportagefotografin begann deren Kunst zu dokumentieren.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>In den 70ern und 80ern war New York das Epizentrum der Jugendkultur und die junge Reportagefotografin Martha Cooper begann deren Kunst zu dokumentieren. 40 Jahre später ist sie immer noch aktives Szenemitglied und ihr Lebenswerk bereiste mit ihr die Welt. </p>

<ul><li>Streetart (Wikipedia <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Streetart">deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Street_art" target="_blank">englisch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martha_Cooper" target="_blank">Martha Cooper</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Chalfant" target="_blank">Henry Chalfant</a> (Wikipedia englisch)</li><li>DONDI (Wikipedia, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dondi_(Graffitik%C3%BCnstler)" target="_blank">deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/DONDI" target="_blank">englisch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.npr.org/2016/11/01/500104506/broken-windows-policing-and-the-origins-of-stop-and-frisk-and-how-it-went-wrong?t=1625925345150" target="_blank">How A Theory Of Crime And Policing Was Born, And Went Terribly Wrong (NPR)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Punk" target="_blank">Punk</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/1UP_(Sprayer)" target="_blank">1UP</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/im-farbrausch-2100223.html" target="_blank">Berliner Sprayer im Farbrausch</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210124221636/https://www.urbanspree.com/shop/en/street-art-graffiti-books/1109-martha-cooper-ninja-k-one-week-with-1up.html" target="_blank">MARTHA COOPER &amp; NINJA K.: ONE WEEK WITH 1UP</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210402041910/https://www.arte.tv/de/videos/095805-000-A/martha-cooper-koenigin-der-street-art/" target="_blank">Arte Doku: Matha Cooper &#8211; Königin der Street Art</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://urban-nation.com/de/artist/martha-cooper/" target="_blank">Urban-Nation Artist Profile </a></li><li>Martha Cooper auf Instagram</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.insidehook.com/new-york/martha-cooper-photographer-nyc-graffiti" target="_blank">Without Martha Cooper, There Would Be No History of New York Graffiti</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2010/10/27/arts/design/27graffiti.html?_r=0" target="_blank">Graffiti of New York’s Past, Revived and Remade</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210613094842/https://learnenglishteens.britishcouncil.org/skills/reading/upper-intermediate-b2-reading/history-graffiti" target="_blank">The history of graffiti</a></li></ul>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=76uJag4Nggg" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<div class="yt-facade" data-yt="20IxPsf8aXw" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_20IxPsf8aXw.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/0500292124" target="_blank" rel="noopener">Subway Art: (reduced format edition) (Street Graphics / Street Art)</a></p>

<p>Medien: </p>

<ul style="font-size:10px"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210917214343/http://dig.ccmixter.org/files/shagrugge/4521" target="_blank">Hip Hop Life(breakin achilles mix)</a> von shagrugge, CC-BY-NC</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210917223028/http://dig.ccmixter.org/files/AlexBeroza/38218" target="_blank">Music Biz Today von Alex</a>, CC-BY-NC</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18632325" target="_blank">Martha Cooper By Mikamote &#8211; Own work, CC BY-SA 3.0</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33858889" target="_blank">Martha Cooper By Boris Niehaus &#8211; Own work, CC BY-SA 3.0</a></li><li><a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75051328" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Henry Chalfant By Onda Fuenlabrada, CC BY 3.0</a></li></ul>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Das Wort Streetart beschreibt das inoffizielle Anbringen von Kunst im öffentlichen Raum. Und wenn man dazu Schriftzüge wie den eigenen Namen zählt, gibt es das wahrscheinlich schon seit &#8211; naja, immer? So hat man zum Beispiel im alten Pompeji Schriftzüge gefunden. Allerdings haben wir etwas ganz bestimmtes vor Augen, wenn wir von <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Street</a> Art reden. Und das nimmt seinen Anfang in New York, so ungefähr in den Sechzigern. Und zu unserem Glück ist das eigentlich ganz gut dokumentiert.</p>

<p>Fotomenschen.</p>

<p>Sieht man in einem Film die New Yorker U-Bahn, und ist die U-Bahn von bis unten mit Graffiti bemalt, dann wissen wir sofort, wir befinden uns in den siebziger, achtziger Jahren. Und das liegt hauptsächlich daran, dass Rudy Giuliani in den neunziger Jahren Bürgermeister wurde. Und er war Anhänger der sogenannten Broken Windows Theorie. Deren Idee war, dass Vandalismus, der nicht entfernt, sondern geduldet wird, dazu führt, dass mehr Vandalismus stattfindet und ultimativ zu mehr Kriminalität und Verwahrlosung führen würde. In New York war das sichtbarste Zeichen von Vandalismus die von oben bis unten bemalte New Yorker U-Bahn. Und so machte man sich daran, U-Bahn-Graffiti bei Entdeckung direkt zu wieder zu entfernen. Inzwischen haben wir farbabweisende Lacke und regelmäßige Wartungsintervalle. Und deswegen sind komplett bemalte Züge inzwischen ziemlich selten geworden. Schade irgendwie, denn die Züge damals waren wirklich sehr bunt. </p>

<p>Aber die Geschmäcker sind natürlich verschieden. Und viele fanden es einfach auch unerträglich vollgeschmiert. Und dann kam das Bild des typischen Sprayers dazu. Die vermutete man nämlich in den ärmeren Vierteln der Stadt. Und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Das waren die Viertel der Stadt, in denen wenige wirtschaftliche Möglichkeiten auf wenige Freizeitbeschäftigungen trafen, und sich die Jugend deswegen hauptsächlich auf der Straße traf und vergnügte. Das ist die Geburtsstunde gleich mehrerer Jugendsubkulturen. </p>

<p>Es wird sich aufgelehnt gegen die zunehmende Kommerzialisierung der Welt. Punks, Hip-Hopper, Graffiti-Künstler, sie alle lehnen sich gegen den Status quo auf. Und obwohl das alles auf der Straße und in der Öffentlichkeit passiert, wird es zunächst kaum weiter beachtet. Es sind also diese siebziger Jahre, in denen die damals Mitte 20 Jahre alte Martha Cooper mit ihrer Kamera durch die Straßen streift und versucht, interessante Themen für ihre Zeitung zu finden. Sie war <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> für die New York Post und unter anderem dafür zuständig, die Füllstorys zu finden. Immer, wenn noch ein bisschen Platz in der Zeitung war, konnte man dort allgemeine Kultur- oder Special Interest Storys unterbringen. </p>

<p>Kleine Anekdoten. Die einzige Bedingung war, es musste Lokalrelevanz haben. Und auf der Suche nach solchen Geschichten lief Martha kreuz und quer durch die Stadt und fotografierte alles mögliche. Als Reportagefotografin interessierten sie die Menschen und wie die miteinander kommunizierten. Sie hatte Kunstgeschichte und Anthropologie studiert. Es ging mir also nicht in erster Linie um die Fotografie, sondern, eigentlich ging es ihr darum, Menschen dabei zu beobachten, wie sie miteinander in Kontakt treten. Auf ihren Streifzügen sieht sie immer wieder die Züge an sich vorbeiziehen, und fotografiert sie munter. Und es war einer dieser Streifzüge, als sie zum ersten Mal Break Dancer sah. Sie war von den Jugendlichen fasziniert, die da an Straßenecken tanzten. </p>

<p>Ihre Fotoeditoren interessierten sich nicht sonderlich für die Geschichte. Noch nicht mal als Füllstoff. Aber sie war fasziniert und begann, diese Jugendkultur zu fotografieren. Kinder und Jugendliche gehörten sowieso zu ihren Lieblingsmotiven. Und es dauert nicht lange, und die Kinder kennen sie. Die Frau mit der Kamera. Manche weisen sie dann auch auf andere Dinge hin, die es zu sehen gibt. Sie haben unter anderem beobachtet, wie sie immer wieder mal die Züge fotografiert. Und eines Tages weist sie eines der Kids, (?Edwin Zerrano), darauf hin, was sie da eigentlich fotografiert. Er zeigt die er nämlich seine Skizzen und erklärte ihr, dass die Schriftzüge, die auf Zügen durch die ganze Stadt gerollt wurden, nichts anderes als Namen und kurze Nachrichten waren. Und er erklärte ja, welche Styles man dort sehen konnte, welche Ideen in der Szene Bewunderung fanden. Und überhaupt, dass es eine ganze Szene von Sprayern gab, die sich nur diesem Thema widmeten. Und Martha geht auf, dass es hier ganz zweifellos um Kunst geht. Dass es eben nicht einfach nur plattes Aufbegehren gegen die Elterngeneration war, was man hier, im öffentlichen Raum beobachten konnte. Und (?Edwin) macht noch mehr. </p>

<p>Er bringt Martha Cooper mit einer damals etablierten und bekannten Sprayergruppe rund um den Graffiti-Künstler Dondi zusammen. Und ab jetzt verbringt Martha jede freie Minute damit, diese Gruppe zu begleiten. Die Kids vertrauen ihr. Sie darf mit zu den illegalen Spraytouren gehen. Sie fotografiert ihren Alltag. Sie porträtiert die Kids und zeigt ihre Kunst. Und das erst mal jahrelang unter dem Eindruck, dass sie die einzige ist, die sich überhaupt für das ganze Thema interessiert, bis ihr jemand erzählt, dass es da anscheinend noch einen Fotografen gibt, der neben ihr unterwegs ist und auch die Züge fotografiert. Sie braucht einige Monate, bis sie ihn tatsächlich ausfindig machen kann. Henry Chalfant. Wie sie, ist er fasziniert von der Streetart, die sich in New York City entwickelt. Anders als sie, interessieren ihn allerdings die Künstler weniger. Die beiden lernen sich jedenfalls kennen und tauschen sich aus. Martha ist von der riesigen Sammlung und den großartigen Aufnahmen, die Henry gemacht hatte, beeindruckt. Und Henry interessiert sich für ihre Porträts und die Szenen, die die Sprayer beim Erzeugen ihrer Kunstwerke zeigen. Für eine Weile haben die beiden so etwas wie freundliche Konkurrenz. </p>

<p>Es geht darum, wer die schönsten Graffiti fotografiert, wer die Tags festhält, die da durch die Stadt fahren. Parallel versucht Martha Artikelstrecken bei großen Magazinen einzureichen. Das ist doch eine Geschichte, die interessant ist, die erzählt werden muss. Aber es interessiert sich einfach niemand für das Thema, oder es wird als zu kontrovers wahrgenommen. Und so kommt die Idee auf, vielleicht ein Buch zu machen. Und sie fragt Henry, ob er nicht mit ihr kollaborieren möchte. Der Arbeitstitel: Art Transit. Sie stellen Beispiele zusammen, machen ein Demobuch und fangen an, die verschiedenen Verleger in der Stadt anzuschreiben. Manche können sich das ganze durchaus als interessantes Projekt vorstellen, scheuen dann aber auf den letzten Metern die Kontroverse. Andere lehnen einfach nur ab. Das Thema wäre doch langweilig und das lässt sich doch gar nicht darstellen. Die Wende kommt, als sie auf der Frankfurter Buchmesse dem britischen Verleger … #00:07:41# Hudson ihr Demobuch vorlegen. Es ist groß und schwer und wertig. Und sie werden sofort unter Vertrag genommen. </p>

<p>Es wird ein Buch in Übergröße, aber nicht, wie die üblichen Coffee Table Books als Hardcover mit großen, schweren Seiten, sondern eher wie eine Art großes Magazin produziert. Die Arbeitstitel Art Transit oder Art in Transit gefallen dem Verleger nicht. Es wird umbenannt in Subway Art. Und einige tausend Exemplare machen sich auf den Weg in die Buchhandlungen der großen Metropolen. Überwiegend sind diese Graffiti nach wie vor ein New Yorker Phänomen. Einzelne fangen an, in anderen Städten aufzutauchen. Aber so richtig ist das Phänomen noch nicht aus seiner Ursprungsstadt rausgewachsen. Henry und Master fotografieren weiter und hoffen darauf, dass das Buch ein Erfolg wird. Allerdings wird das Buch relativ selten verkauft. Und es geht die Anekdote, dass die Hälfte diese Bücher nach und nach aus den Läden gestohlen und gar nicht bezahlt werden. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber zunächst mal sieht es so aus, als wenn dieses Buch ein Projekt wäre, dass, wie schon andere Projekte, die Martha zuvor angestoßen hatte, zwar interessant, aber nicht wirklich lukrativ gewesen war. </p>

<p>Die ist schon nah dran, die ganze Sache einfach abzuhaken, als ihr bei einem neuen Graffiti-Künstler, den sie kennengelernt hat und anfängt zu fotografieren, eine Kopie ihres Buches in die Hände fällt. Also wirklich eine Kopie, mit einem Fotokopierer angefertigt. Manche der Tags sind mit Stiften ausgemalt, manche mit Notizen versehen. Das Buch war ganz offensichtlich wieder und wieder und wieder durchgearbeitet. Daneben waren eigene Skizzenseiten mit abgemalten Tags. Und er erzählt ihr, dass dieses Buch inzwischen Kultstatus hätte. Es stellt sich raus, das Buch Subway Art wurde zu einer Art inoffiziellen Style Bible und hatte inzwischen seinen Weg rund um den Globus gemacht. Graffiti-Künstler überall auf der Welt kopierten das Buch weiter und verteilten es. Sie lernten aus diesen fotografieren aus New York die verschiedenen Styles. Sie malten die Graffitis aus, wandeltes sie ab, erweiterten um eigene Stile. Kopierten das Ganze und reichten es weiter. Und ohne es zu merken hatte Martha etwas geschafft, was sie gar nicht angestrebt hatte. Sie hatte Kultstatus in der Szene erlangt. Künstler begannen sich, an sie zu wenden und nachzufragen, ob sie sie nicht auch mal fotografieren könnte. Streetart-Gruppen luden sie ein, mit ihr auf Tour zu gehen. </p>

<p>Waren diese Graffiti am Anfang überwiegend Schriftzeichen, kamen bald auch eine ausgefeilte Bildsprache dazu. Ganze Gemälde wurden auf Wände und Züge und Autos gesprayt. Und es gab neue Techniken. Von wiederauffüllbaren Spühflaschen bis hin zu besonders flüssigen Farben, die sich in eigens dafür umfunktionierten Feuerlöschern versprühen lassen, gab es die wildesten Konstruktionen. Und parallel wurden die ersten <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Street</a> Art-Künstler entdeckt und konnten auf Kommission, also im Auftrag arbeiten. Wie es halt immer so ist. Kunstformen, die zuerst als Kritik am Kommerz anfangen, werden nach und nach ganz unweigerlich auch kommerzialisiert. Punk, Hip-Hop, Streetart. Mit den ersten, offiziell anerkannten <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Street</a> Artists kamen dann auch die Messen und Ausstellungen. Und Martha Cooper konnte sich vor Einladungen nicht mehr retten. Und Martha ist ganz in ihrem Element. Ihr ganzes Leben lang beschäftigt sie sich mit Dokumentationsfotografie. </p>

<p>Sie fotografiert nach wie vor Kinder und Jugendliche am liebsten. Und immer wieder dazwischen die Subkulturen, die sie findet. Und ganz besonders gerne Künstler, die sich mit Streetart auseinandersetzen. Das Buch Subway Art ist inzwischen ganz offiziell eins der erfolgreichsten Fotobücher aller Zeiten. Über eine halbe Million Ausgaben sind davon inzwischen verkauft worden. Und es ist in der Szene immer noch die Bibel schlechthin. Und die Kunstform ist um die Welt gereist. Überall findet Graffiti. Und ich persönlich finde es auch schön, in einer Stadt zu wohnen, der es eine aktive Graffiti-Szene gibt. Wenn man sich hier in Frankfurt in der Stadt umsieht, erkennt man verschiedene Künstler, die im gesamten Stadtgebiet aktiv waren. Da gibt es die ganz offiziellen, großen Murals. Also die Wandgemälde, die zum Teil mehrgeschossige Häuserfassaden schmücken, die beauftragt und bezahlt wurden. Genauso wie Tags auf Zügen und Brückenpfeilern oder kleinen Aufkleberaktionen. Manchmal minikleine Tipp-Ex-Gemälde oder große, durchdachte Kunstaktionen. Wenn man durch seine Stadt läuft, stellt man auf jeden Fall irgendwann fest, dass es eine Art eigenen Fingerabdruck gibt. Die Mischung aus Künstlern, die man dort immer wieder antrifft. Dann gibt es die Ecken der Stadt, wo sich die Neulinge treffen und ihre Kunstfertigkeit dort lernen. Und es gibt die Brennpunkte, wo trotz allgegenwärtiger Kameraüberwachung immer wieder neue Kunstwerke auftauchen und man den Schaffern anscheinend nicht auf die Spur kommen kann. Dazwischen sind immer wieder die internationalen Größen, die sichtbar werden. Auch wir in Frankfurt haben unseren Banksy. Und auch wir in Frankfurt wurden schon mehr als nur einmal von One United Power, 1UP abgekürzt, besucht. 1UP ist dann auch eine Gruppe, die 2018 von Martha Cooper mit einem eigenen Bildband bedacht wird. Eine Woche durfte sie inkognito mit dieser Sprayergang unterwegs sein. Die Berliner nahmen sie mit, als wäre sie eine von ihnen. Und es gibt inzwischen sogar einen Dokumentarfilm dazu. Und der lohnt sich wirklich. Und wenn es nur zu dem Zweck ist, ein bisschen besser zu verstehen, warum Graffiti viel mehr als „nur“ Vandalismus ist.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 10 Jul 2021 16:42:30 GMT</pubDate>
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            <title>Lebe Deinen Traum...</title>
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            <description>Mark Reay ist Model, Schauspieler und Fotograf in New York und lebt ein überraschendes Doppelleben.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Mark Reay ist Model, Schauspieler und Fotograf in New York und lebt ein überraschendes Doppelleben.</p>

<p>Notizen zur Sendung: </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.welt.de/vermischtes/article145026868/Das-geheime-Doppelleben-des-obdachlosen-Models.html" target="_blank">Das geheime Doppelleben des obdachlosen Models</a> (Welt)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.imdb.com/title/tt4164462/" target="_blank">Homme Less Documentary</a> (IMDB)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.theguardian.com/fashion/2015/aug/06/homeless-model-mark-reay-odd-double-life-never-been-lonely" target="_blank">The fashion photographer who was homeless for six years</a> (The Guardian)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20201022211931/http://www.markreay.net/index.html" target="_blank">Mark&#8217;s Webseite</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.imdb.com/name/nm4788482/" target="_blank">Mark auf IMDB</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://vimeo.com/ondemand/hommeless" target="_blank">&#8222;Homme Less&#8220; komplett auf Vimeo on Demand</a></li></ul>

<p>(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach <a "/">https://fotomenschen.net</a>)</p>

<p><a href="https://player.vimeo.com/video/96111593?dnt=1&amp;app_id=122963" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf Vimeo ansehen</a></p>

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<ul><li>Weitere Hörempfehlung &#8211; &#8222;<a href="https://fyyd.de/podcast/unter-freiem-himmel-obdachlos-in-berlin/0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Unter freiem Himmel</a>&#8222;:</li></ul>

<p class="has-text-align-center">
            <script>
                podcastData1N = {"title":"Unter freiem Himmel","subtitle":"Obdachlos in Berlin","description":"","cover":"https:\/\/images.podigee.com\/1400x,s6FkCdfU1I_TRwslfkQSl_RXrtrpWF2OqDcZggMInSqQ=\/https:\/\/cdn.podigee.com\/uploads\/u6755\/8f4a7f94-c182-4af4-b18b-2031fe2233a9.jpg","feeds":[{"type":"audio","format":"mp3","url":"https:\/\/unterfreiemhimmel.podigee.io\/feed\/aac","variant":"high","directory-url-itunes":"https:\/\/itunes.apple.com\/podcast\/id1494688746"}]}
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        </p>

<p class="has-small-font-size">Episodenbild: <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.homme-less.com" target="_blank">homme-less.com </a></p>

<p class="has-large-font-size"><strong>Transkript</strong></p>

<p>Vor einigen Monaten hab ich einen Podcast entdeckt, der auch eine absolute Hörempfehlung ist, namens unter freiem Himmel. Dort erzählt ein ehemals Obdachloser, wie leicht es auch in Deutschland ist, die Obdachlosigkeit zu geraten. Da spricht er freilich von Obdachlosen, wie wir sie alle kennen. Menschen, denen man schon von weitem ansieht, dass sie Probleme haben. Was aber, wenn es noch eine weitere Art von Obdachlosigkeit gäbe? Was, wenn jemand oberflächlich gesehen alles im Griff zu haben scheint, Beruf, teure Elektronik, einen gepflegten Anzug trägt, aber nachts dann unter freiem Himmel schlafen muss?</p>

<p>Der österreichische Dokumentarfilmer Thomas Wirthensohn hat 2014 mit dem Film “Homme less” eine Dokumentation veröffentlicht, die genauso einen Fall beschreibt; er folgt zwei Jahre lang Mark Reay, einem Mann, der aussieht wie George Clooney und in New York versucht, mit Schauspielerei, Modelling und Fotografie durchzukommen.</p>

<p>Nun ganz im Ernst: Man sieht Mark Reay nicht an, dass er auf der Straße lebt. Das ist ihm auch wichtig. Von dem wenigen Geld, was er im Monat zur Verfügung hat, investiert er 120 Dollar Monat für Monat für seine Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Das sichert ihm nicht nur einen Platz im Spind, wo er seine Habseligkeiten unterbringen kann, es sorgt auch dafür, dass er sich regelmäßig im Warmen körperlich betätigen kann. Das hält ihn gesund und außerdem gibt es im Fitnessstudio natürlich Duschen und die Möglichkeit, Sachen zu waschen, sodass Mark auch tagsüber immer aussieht, wie aus dem Ei gepellt.</p>

<p>Und Mark ist ein gutes Beispiel für die Art von Geschichten, die wir uns gerne gegenseitig erzählen. Wäre er erfolgreich, wäre er das klassische Beispiel für eine inspirierende Stargeschichte. Der Mann, der schon früh wusste, dass er Fotograf und Schauspieler werden wollte. Den nichts aufhielt. Der dranblieb. Der früh dann schon aufbrach, um Europa als Backpacker zu bereisen, dort dann erste Modeljobs annahm und fotografieren begann und dann den großen Durchbruch erlebte und jetzt als Millionär in Kalifornien lebt.</p>

<p>Naja, dieser letzte Teil, der hat halt nie stattgefunden. Mark modelte zum Beispiel für Brands wie Versace, aber wer nicht als Kampagnengesicht gebucht wird, der verdient tatsächlich in der Branche wenig mehr als die Spesen. Dafür hat er dann einen relativ teuren Lifestyle mit Menschen, die wesentlich mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen.</p>

<p>Aber besonders am Anfang ging das schon. Er kam immer so bei plus minus null raus. Das war auch die Zeit, in der Mark anfing, die Schauspielschule zu besuchen, in seine Karriere zu investieren, erste Rollen als Extra bei irgendwelchen Produktionen annehmen konnte und anfing zu fotografieren. Das war eigentlich in erster Linie ein Hobby. Zwar hatte er Zugriff auch Models und war natürlich auch immer wieder Mal auf Veranstaltungen, auf denen es interessant ist, zu fotografieren, aber im Wesentlichen hatte er Spaß an der Kamera, bis er irgendwann mal auf die Idee kam, und das scheint eine sehr amerikanische Idee sein; damit muss man doch auch irgendwie Geld verdienen können.</p>

<p>Mark überlegte sich einige coole Fotoprojekte: Dinge, von denen er glaubte, damit könnte der große Durchbruch in Reichweite kommen, und eine der Ideen, die er hatte, war, nach Südfrankreich zu reisen, dorthin, wo die reichen und Superreichen Urlaub machen und seine Dienste als privater Fotograf anzubieten. Die Idee wäre sozusagen, die Superreichen nehmen ihn mit auf einen ihrer Urlaubstrips und er würde für die Urlaubserinnerungen sorgen.</p>

<p>Klingt großartig, muss ich sagen. Praktisch Luxusurlaub und gleichzeitig dem Hobby Fotografie nachgehen, was könnte da nur schiefgehen. Naja, so ziemlich alles.</p>

<p>Als Mark seine Ersparnisse endgültig verbraucht hatte, war dann in der Nähe von Saint-Tropez das Ende seiner Finanzen erreicht und da schlief er dann zum ersten Mal unter freiem Himmel.</p>

<p>Damals hat er auch entdeckt, dass das Äußere einen riesen Unterschied macht: solange er darauf achtet, dass er ordentlich aussieht, konnte immer noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Manchmal kaufte er sich billigen Roséwein im Supermarkt, schlich sich dann mit dem Wein in der Tasche in eine der fancy Bars in Saint-Tropez, klaute sich ein Glas vom Tresen, setzte sich einfach an irgendeinen Tisch und trank dann Wein mit den Reichen und Superreichen, ohne dass irgendjemand jemals auf die Idee gekommen wäre, er gehörte da irgendwie nicht hin.</p>

<p>Und das ist natürlich auch ein Rezept dem er in New York folgt: Sein Äußeres ist schon wichtig. Und sieht ja einem Anzug niemand an, dass er auf der öffentlichen Herrentoilette gewaschen wurde.</p>

<p>Lassen wir es uns doch mal kurz von ihm selbst erzählen:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Mark: “Like, I’m really in touch with the… Kinda the basics of life and uh… I mean but I also like the finer things. I mean, these shoes, I think they’re really beautiful and they look like money, but I got them for just under 200 bucks. But at least I give the impression like I’m doing okay, I’m well off and uh.. You know… I am doing okay, I’m physically fit and most of the time I’m happy, uh…&nbsp; (sighs)&nbsp; Most of the time.“</p>

<p>Das Absurde ist ja, wenn man sich diese Dokumentation ansieht; Mark hat ja durchaus Einkommen. Er fotografiert für ein Magazin als Staff Photographer auf Veranstaltungen wie der Fashion Week, er wird eingeladen zu allen möglichen sozialen Ereignissen, manchmal als Fotograf, manchmal als Teilnehmer, weil man ihn halt kennt, er fotografiert Models auf der Straße, er fotografiert für Stock Agencies, er selbst hat immer wieder Engagements als Schauspieler und modelt auch durchaus selber noch. Aber die 30000 $, die da im Jahr so grob für ihn zusammenkommen, reichen nun mal nicht, um sich in New York tatsächlich auch ein Dach überm Kopf zu gönnen und es ist anscheinend diese Karriere, die in da dann festhält.</p>

<p>Vermutlich hat er das Gefühl, er kann einfach nichts anderes oder er will einfach nichts anderes, er will einen Lebensstil pflegen können, der ihn in der Stadt bleiben lässt und er möchte fotografieren, schauspielern und modeln. Das ist irgendwie auch eine sehr, sehr amerikanische Idee, dieses pursue your dreams. Da kommt er dann später auch mal selber darauf.</p>

<p>Wenn er dann müde genug ist, vom Bilder editieren bei Starbucks, fotografieren auf der Straße oder bei den verschiedenen Terminen, die er einzuhalten hat, ja, dann versucht er, sich zu seinem Schlafplatz durchzuschlagen. Ein Freund gab ihm mal einen Wohnungsschlüssel, um, während er im Urlaub war, seine Wohnung zu benutzen und diesen Schlüssel hat er noch. Und diesen Schlüssel benutzt er nicht, um bei dem Freund in der Wohnung zu schlafen, sondern, in dem Mietshaus aufs Dach zu kommen. Dort hat er sich eine Ecke zurechtgelegt, in der er unter einer Plane Nacht für Nacht schläft.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Mark: “So I’m a little nervous right now because I’m about to enter my friend’s building.” (he quietly walks into the building. He waits for a little while and listens.) (whispers) “I don’t hear any footsteps so that’s good. So the thing is I have a key to this building because it’s my friend’s place and he gave me a key to use to get into his apartment when he’s away on long trips to… “ (he opens a door) “Here comes the money” (he walks faster and opens the door to the rooftop) “I hate when that happens, when I’m on the fourth floor and I hear someone leaving, then I have to run down all these steps and then I have to climb back up again.. “</p>

<p>Über sechs Jahre hat er da oben gelebt, bevor dieser Dokumentarfilm in die Kinos kam. Und dieses Leben, ich weiß gar nicht, ich würde ihn so viel fragen wollen.</p>

<p>Eine Frage, die ich ihm stellen wollen würde, ist, ob ihn Optimismus, also der unverbesserliche Glaube, dass es irgendwann mal funktionieren muss, bei diesem Leben gehalten hat, oder Verzweiflung. Also konnte er nicht anders oder hatte das Gefühl nicht anders zu können oder wollte er nicht anders. Ich meine im Film kommt er manchmal tatsächlich auch recht depressiv rüber, wobei da auch viel Zweckoptimismus mitschwingt.</p>

<p>Wir werden einfach auch von unserer Umgebung dahin gedrängt, selber Verantwortung für uns zu übernehmen. Wir sind die Schmiede unseres Glücks. Wenn alles super funktioniert, dann haben wir natürlich dafür gesorgt, dass es funktioniert. Wenn es schiefgeht, ja, dann haben wir es auch irgendwie selbst versaut. Folge deinen Träumen. Bleib einfach dran. Zusammen mit dieser unerschütterlichen Annahme, es muss immer alles irgendwie auch in Geld verwandelbar sein.</p>

<p>Ich bin ja leidenschaftlicher Podcaster und leidenschaftlicher Fotograf und bei beiden wurde ich immer wieder mal gefragt, ob ich damit nicht auch Geld verdiene oder wenn ich schon nicht Geld verdiene irgendwann mal Geld verdienen will. Nein will ich nicht, aber ich habe natürlich auch eine Luxussituation. Ich habe ein geregeltes Einkommen. Ich verdiene Geld. Ich kann es mir leisten, als Liebhaberei in Mikrofone zu sprechen und meine Kameras spazieren zu tragen.</p>

<p>Für Mark ist es sicherlich nicht so einfach. Da ist sein ehemaliges Hobby die vielleicht einzige Möglichkeit, hin und wieder mal ein bisschen Geld zu verdienen oder zu versuchen, seinen Traum wahr werden zu lassen.</p>

<p>Hier noch ein letztes Mal Mark im Originalton. Vielleicht eine der Stellen, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Mark: “You know, Joseph Campbell I’m a big fan of and he talks about [Unterständlich]<strong> </strong>and how to live your life better and his mantra for living well is ‘follow your bliss and when you do that, if you’re on the right path, unseen hands will open closed doors for you’. So, I follow my bliss, several, you know, professions and those unseen hands have yet to open the lucrative doors. And being a little cynical, I am, I kind of amended his phrase. ‘Follow your bliss but be prepared to live your nightmare’.”</p>

<p>Ja. Joseph Campbells Originalzitat war geringfügig anders. Ich glaube die Idee ist ähnlich, Joseph Campbell sagte nämlich &#8222;Wenn du auf den richtigen Weg bist, werden dir unsichtbare Hände zu Hilfe kommen”.</p>

<p>Und das ist natürlich 1A Survival Bias. Wir interessieren uns nicht für die Leute, die es nicht schaffen, wir konzentrieren uns auf die, die es schaffen. Und natürlich hat ein Joseph Campbell immer das Gefühl gehabt, auf dem richtigen Weg zu sein und für ihn haben sich durch unsichtbare Hilfe Türen geöffnet.</p>

<p>Und das bezieht sich auf alle Aspekte im Leben. Für jeden weltbekannten Musiker gibt es tausende und abertausende, die vielleicht sogar bessere Musiker wären aber nicht bekannt geworden sind, denen des Leben irgendwelche Steine in den Weg gelegt hat.</p>

<p>Dieser Spruch stimmt vielleicht einfach gar nicht. Vielleicht stimmt dieser Spruch nur für die, die es durch irgendwelche absurden Zufälle nach oben geschafft haben und dann in Rückschau das Gefühl haben, alles lief wie am Schnürchen.</p>

<p>Mark hat nicht sehr viel online über sich. Ich habe nach der Dokumentation mal geguckt, was ich noch alles finden kann, ich habe ein paar Interviews gefunden, die jetzt allerdings im jüngsten Fall schon mehr als drei Jahre alt sind, aber zumindest damals schien Mark von dem Dach runter zu sein. Der Film hat seiner Geschichte natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit gegeben und ich glaube, dass das wahrscheinlich endlich auch mal eine dieser unsichtbaren Hände waren, die ihm geholfen haben.</p>

<p>Und mich lässt das ganze eben mit einer Frage zurück: sind solche Geschichten amerikanische Geschichten oder gibt es das bei uns vielleicht auch? Kann man eventuell auf der Straße Menschen begegnen, die ganz normal und vielleicht sogar fröhlich aussehen, deren Leben aber unter freiem Himmel stattfindet, weil sie sich kein Dach über dem Kopf leisten können? Und dann noch diese andere Frage: warum glauben wir eigentlich, es müsste alles immer irgendwie auch zu Geld machbar sein?</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Mon, 24 Aug 2020 08:57:39 GMT</pubDate>
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