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    <title>Fotomenschen - Piktorialismus</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Piktorialismus&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sat, 20 Aug 2022 13:09:04 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Die menschliche Familie</title>
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            <description>Edward Steichen wird als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Edward Steichen wird als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er war nicht nur durch seine eigene Fotografie stilprägend und erfolgreich sondern besonders als Direktor der fotografischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York richtungsweisend. Er prägte die Karrieren unzählicher Fotograf:innen und kuratierte einige der berühmtesten Ausstellungen seiner Zeit. Eine dieser Ausstellungen, The Family of Man, ist bis heute unerreicht. </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Steichen#Direktor_am_Museum_of_Modern_Art" target="_blank">Edward Steichen</a> (Wikipedia)</li>

<li>The Family of Man (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Family_of_Man#:~:text=Steichen%20himself%20supplied%20five%20photos,original%201955%20MoMA%20checklist)%3A" target="_blank">Englisch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/The_Family_of_Man" target="_blank">Deutsch</a>)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.edwardsteichen.com/" target="_blank">The Estate of Edward Steichen</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotofestival-zwischen-alltag-und-wahnsinn-die-menschheit-a-785803.html" target="_blank">Zwischen Alltag und Wahnsinn: die Menschheit</a> (Spiegel)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://luxembourg.public.lu/de/gesellschaft-und-kultur/kuenstlerisches-schaffen/edward-steichen.html" target="_blank">Steichen Collection Luxembourg</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.thefamilyofman.education/de/historischer-zusammenhang/edward-steichen-vom-mann-seiner-zeit-zum-zeitlosen-kunstler" target="_blank">Edward Steichen, vom Mann seiner Zeit zum zeitlosen Künstler</a></li>

<li><a href="https://steichencollections.lu/de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weltdokumentenerbe UNESCO &#8211; Steichen Collections</a></li>
</ul>

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<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Edward Steichen gilt als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts.<br>Er hat das meistverkaufte Fotobuch aller Zeiten herausgebracht,<br>einen Ausstellungskatalog der meistbesuchten Ausstellungen aller Zeiten.<br>Er hat einen einzigen Film als Regisseur verantwortet, der dann auch gleich noch einen Oscar gewonnen hat<br>und mehr als nur eine Karriere in der Fotografie hinter sich gebracht.<br>Dabei war Fotografie noch nicht mal das einzige, was er in seinem Leben gemacht hat.<br>Edward Steichen wird am 27. März 1879 in Luxemburg geboren.<br>Da war er allerdings nur kurze Zeit, denn seine Eltern mussten aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen<br>und beschlossen, in die USA zu emigrieren.<br>Er war 15, als er sich seine erste Boxkamera kaufte.<br>Und das erste Foto, das er je geschossen hat, ist eine Aufnahme seiner Schwester.<br>Die Kamera würde ihn sein Leben lang begleiten, aber zunächst dachte er eigentlich,<br>er würde entweder Drucker oder Maler werden.<br>Er macht eine Ausbildung zum Lithografen und beschließt, Kunst in Paris zu studieren.<br>Kurz bevor er aufbricht, hält er sich noch in New York auf<br>und lernt dort den schon erfolgreichen und einflussreichen Fotografen Alfred Stieglitz kennen.<br>Damals wie heute wurde die Frage, ob Fotografie denn eigentlich Kunst sein könnte, heiß diskutiert<br>und es gab eine Bewegung unter Fotografen, Bilder zu schaffen, die wie Gemälde aussahen.<br>Wem das jetzt bekannt vorkommt, ja, das ist nicht das erste Mal, dass der sogenannte Piktorialismus aufkommt.<br>Schon die ersten großen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen versuchten, in ihren Gemälden der Malerei nachzueifern.<br>Stieglitz, Steichen und Zeitgenossen, also die neuen Piktorialisten,<br>sahen sich dabei in Konkurrenz zu einer anderen Schule der Fotografie.<br>Es gab nämlich auch die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die darauf pochten,<br>dass Bilder scharf und adäquate Abbildungen der Realität sein mussten.<br>Während also Fotografen wie Ansel Adams damit beschäftigt waren,<br>möglichst scharf und präzise kalkulierte Bilder zu produzieren,<br>wackelten Piktorialisten gezielt am Stativ, um dem Bild eine gewisse Unschärfe zu geben<br>oder entwickelten eigene Druckverfahren, um dem Bild eine malerische oder zeichnerische Anmutung zu geben.<br>Edward Steichen reiste dann auch tatsächlich nach Europa weiter und tritt sein Studium in Paris an.<br>Er lernt das Who is Who der französischen Kunstszene kennen<br>und schmiedet mehrere einflussreiche, lebenslange Freundschaften.<br>Außerdem wird er so eine Art früher Jet-Setter.<br>Immer wieder besteigt er Dampfschiffe, um den Atlantik zu überqueren<br>und trägt so zum regen Austausch zwischen der europäischen und der amerikanischen Kunstszene bei.<br>1903 stellt ihm die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> Gertrude Käsebier Clara Emma Smith vor,<br>eine junge Sängerin, die er heiratet und mit der er mehrere Kinder hat.<br>Edward Steichen verdient seinen Lebensunterhalt bereits mit Auftragsarbeiten jeglicher Art,<br>sowohl in der Malerei als auch in der Fotografie.<br>Seine Kontakte und frühen Fotografen von berühmten Künstlern in Paris<br>helfen ihm dabei, neue Aufträge an Land zu ziehen.<br>Und er hat sich bereits etabliert als jemand mit einem ungewöhnlichen Blick<br>und ist bekannt dafür, dass er eine ungewöhnliche Bandbreite an fotografischen Fähigkeiten besitzt.<br>So macht er Porträts, Stillleben, Auftragsarbeiten für die Industrie<br>und gilt als einer der frühesten Vertreter der Fashion-Fotografie.<br>Als der Erste Weltkrieg ausbricht, sehen sich die Steichens gezwungen, wieder in die USA zu emigrieren.<br>Er meldet sich freiwillig zum Militärdienst.<br>Als der etablierte Fotograf, der er ist, bekommt er den Auftrag,<br>eine fotografische Abteilung aufzubauen und die technischen Verfahren zu standardisieren.<br>Er entwickelt besonders kleine, leicht aufzubauende Dunkelkammern,<br>standardisiert die Filmformate, die die französischen, britischen und amerikanischen Einheiten verwenden,<br>hilft dabei, die Kameratechnik zu perfektionieren, die für Luftaufnahmen und Aufklärung verwendet wird<br>und legt technologische Grundsteine, die bis heute gelten.<br>Aus dem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> zurückgekehrt und inzwischen geschieden,<br>konzentriert sich Steichen auf seine fotografische Laufbahn.<br>Er heiratet ein zweites Mal.<br>Diese Ehe mit Dana Despero Glover wird 34 Jahre lang bis zu ihrem Tod halten<br>und seine glücklichste Beziehung sein.<br>1926 macht er internationale Schlagzeilen,<br>als er sich mit den amerikanischen Behörden um die Definition eines Kunstwerks streitet.<br>Gegenstand des Streits war eine Skulptur &#8222;Bird in Space&#8220;, die er von einem Freund gekauft hatte.<br>Die Zollbehörden sahen darin eher eine Art Küchenutensil<br>und weigerten sich, den Gegenstand als Kunst anzuerkennen.<br>Eine Diskussion, die sie schließlich vor Gericht mit Edward Steichen fortführen mussten<br>und die Steichen für sich entschied.<br>Der Nebeneffekt dabei war, dass Edward Steichen damit die Definition von Kunst<br>nach amerikanischem Recht grundlegend verändert hatte.<br>Es ging also nicht nur ums Prinzip, sondern auch wieder um die grundlegende Frage,<br>was ist Kunst?<br>Inzwischen hatte Steichen schon mehrere Ausstellungen organisiert.<br>Sowohl Malerei als auch Fotografie war sein Thema und ging ineinander über.<br>Als Teil der Fotovereinigung &#8222;Foto Secession&#8220;,<br>Mitarbeiter bei Stieglitz&#8216; einflussreichen &#8222;Camera Works&#8220; Magazins,<br>als etablierter Kunstsammler und Künstler hatte er inzwischen so einiges an Autorität.<br>Es sind diese Jahre, wo er anfängt, mit der einflussreichen Contenast-Gruppe zusammenzuarbeiten.<br>Auf der einen Seite produziert er Werbefotografie,<br>auf der anderen Seite wird er von Contenast beauftragt, Fashionfotografie zu machen.<br>Und es sind diese Jahre, die ihn zum bestbezahlten Fotografen der Welt aufsteigen lassen.<br>Er prägt und verändert den Stil der damaligen Zeit<br>und inzwischen sind seine Fotos auch immer seltener piktorialistische Fotos<br>und immer öfter abstrakte, aber scharfe und realistisch abgebildete Aufnahmen.<br>Wenn er nicht fotografierte oder malte,<br>war er mit seiner Schwester beschäftigt, neue Pflanzenarten zu züchten.<br>Beide teilten eine Leidenschaft für die Botanik und hatten damit begonnen,<br>insbesondere Rittersporn-Varianten zu züchten, die es bisher so nie gegeben hatte.<br>Edward Steichen und seine Schwester sind aber mehr als Hobbygenetiker.<br>Ihre Pflanzen, so sind sie überzeugt, sind nicht weniger als lebende Kunstwerke.<br>Und so organisiert Edward Steichen 1936 in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art<br>eine Ausstellung rund um den Rittersporn, eine Pflanzenart, die sie besonders oft züchteten.<br>Und diese Ausstellung war ein Erfolgstreffer.<br>Das Museum sah Rekordbesucherzahlen.<br>Menschen waren enthusiastisch. Sowohl Museumsgänger, Züchter oder Hobbygärtner<br>hatten ihre Freude an der sehr ausgefeilten und künstlerischen Präsentation dieser Pflanzen.<br>Tag für Tag wurde LKW-weise Pflanzmaterial zum MoMA angefahren.<br>Und Edward beschäftigte sich nach dem Kuratieren dieser Ausstellung dann außerdem mit der Dokumentation<br>und machte eindrückliche, wunderschöne Aufnahmen dieser Pflanzen.<br>1941 kommt es zum Angriff auf Pearl Harbor. Edward Steichen ist zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt.<br>Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, sich wieder freiwillig für den Militärdienst zu melden.<br>Eigentlich ist er zu alt, aber Edward Steichen hat Kontakte.<br>Und so beauftragt ihn die US Navy, eine fotografische Einheit aufzubauen.<br>Ein Auftrag, den er nur zu gerne annimmt.<br>Er baut diese fotografische Einheit auf und nimmt auch an Kriegshandlungen teil.<br>Gleichzeitig findet er aber die Zeit, zwei Ausstellungen militärischer Aufnahmen zu machen.<br>Antikriegsaufnahmen. Er will die Horror des Krieges zeigen und damit Menschen aufrütteln.<br>Außerdem dreht er noch auf dem Flugzeugträger, dem er zugewiesen wurde, einen Dokumentationsfilm.<br>Den einzigen Film, den er je verantwortet hat.<br>Und diese Dokumentation bekommt auch prompt dann im darauf folgenden Jahr einen Oscar verliehen.<br>Als der <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> vorbei und Edward Steichen wieder zurück in den USA war, war er 67 Jahre.<br>Viele würden in so einem Alter wahrscheinlich an die Rente denken.<br>Für Edward Steichen beginnt jetzt aber eine Zeit, die die erfolgreichste und krönende seines Lebens sein würde.<br>Er bekommt das Amt des Direktors für die fotografische Abteilung im MoMA angetragen.<br>Ein Posten, den vor ihm überhaupt nur eine Person bisher gehabt hatte.<br>In dieser Rolle war man nicht nur verantwortlich für fotografische Ausstellungen, sondern auch Kurator des Museums.<br>Und es ist diese Rolle, in der Edward Steichen einige der berühmtesten Fotografen und Fotografen dieser Zeit mit verewigt.<br>Namen wie Robert Frank, Deanne Arbus, Dorothea Lange, Lee Miller oder Stephen Shore.<br>Er kuratiert 44 Ausstellungen während seiner Amtszeit.<br>Alle für sich genommen Erfolge, aber eine, mit der er sich selbst, der Fotografie,<br>Dutzenden Fotografen und Fotografen und der Menschheit selbst ein Denkmal setzt.<br>Hören wir ihm kurz zu, was er selbst dazu sagt.<br>Ich hatte das Gefühl, oder eher die Hoffnung, dass wenn die Menschen wirklich sahen,<br>was die Kriegssituation in all ihrer Bestialität und Brutalität war,<br>dass das ein Deterrent sein könnte, dass die Menschen aufwachen.<br>Hier bezieht er sich auf seine Anti-Kriegsausstellungen, die er noch während dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatte.<br>Er hatte die Hoffnung gehabt, dass die Menschen von Kriegsbildern abgeschreckt würden,<br>dass sie sehen würden, wie unmenschlich und grausam <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> ist und dadurch davon überzeugt werden würden,<br>dass Krieg mit allen Mitteln verhindert werden müsste.<br>Aber die Leute, so sagt er, kamen zu der Ausstellung, fanden die auch toll, sahen die aufmerksam an.<br>Manchmal sah man jemanden mit Tränen in den Augen.<br>Und dann verließen sie die Ausstellung und vergaßen alles, was sie dort gesehen hatten.<br>Und die Grundlage für das, hat mich plötzlich aufgepragt,<br>war, dass die Idee von einem negativen Standpunkt herangehoben wurde.<br>Und von einem negativen Standpunkt her, tut nichts gut.<br>Also habe ich, als ich darüber nachdenkte, gesagt,<br>jetzt, wechseln wir von dem positiven Standpunkt her,<br>ich muss zeigen, wie wunderbar das Leben ist und wie Menschen weltweit ähnlich sind.<br>Und das hat in der &#8222;Familie von Menschen&#8220;-Exhibition erfolgt.<br>Und als er darüber nachdachte, kam er zu dem Ergebnis,<br>dass das Hauptproblem war, dass Ausstellungen mit Kriegsfotografie das Thema negativ angehen.<br>Und nichts, sagt er, das man negativ angeht, hat jemals was Gutes hervorgebracht.<br>Und so wollte er eine Ausstellung machen, die genau andersherum funktioniert.<br>Er wollte den Menschen zeigen, was allen Menschen gemeinsam ist,<br>wie schön die Menschheit ist, wie wundervoll Leben ist.<br>Und das war der Startgedanke seiner wichtigsten, größten und berühmtesten Ausstellung.<br>Der Titel &#8222;The Family of Man&#8220;.<br>Los übersetzt könnte man sagen &#8222;Die menschliche Familie&#8220;.<br>Aus moderner Sicht hätte man den Titel vielleicht anders gewählt.<br>Aber &#8222;Man&#8220; war damals in den 50ern einfach nur Synonym für Menschheit.<br>Edward Steichen jedenfalls beginnt mit der Arbeit an dieser Ausstellung,<br>indem er zunächst mal mehrere hundert Aufnahmen von verschiedensten Künstlern einkauft.<br>Gleichzeitig bittet er eine Freundin, Dorothea Lange, einen Aufruf in die Welt zu schicken.<br>Es wurde eingeladen, Fotos einzureichen, die in eine von 32 Kategorien passten und zum Thema der Ausstellung.<br>Und der Aufruf wurde überall auf der Welt vernommen und beantwortet.<br>Über zwei Millionen Fotografien wurden eingereicht.<br>In den folgenden drei Jahren wurde diese unglaubliche Menge an Material gesichtet<br>und auf knapp 1000 Aufnahmen runtergedampft und dann in einem zweiten Durchlauf auf 503 Aufnahmen reduziert.<br>503 ist übrigens immer noch für eine fotografische Ausstellung eine gewaltige Zahl.<br>Normalerweise versucht man da deutlich drunter zu bleiben.<br>Die Aufnahmen kamen tatsächlich aus der ganzen Welt.<br>Allerdings war es trotzdem so, dass ein Großteil der 273 Fotografinnen und Fotografen<br>einen eher westlichen Blick auf die Welt gehabt haben dürften.<br>Allein 70 stammten aus Europa und 163 waren aus den USA.<br>Viele waren allerdings weit gereist.<br>Es wurde also wirklich versucht, die gesamte Welt und auch fremde Kulturen abzubilden.<br>Trotzdem kann man bis heute dieser Ausstellung vorwerfen,<br>dass sie einige eher konservative Perspektiven auf die Welt einnahm<br>und den Bias, der in dieser Fotograf:innen-Auswahl schon drinsteckt, natürlich nicht ganz abschütteln kann.<br>Als die Bilder dann erstmal ausgewählt waren, ging es an das Ausstellungsdesign.<br>Und auch das war damals groundbreaking, also noch nie da gewesen.<br>Die Bilder waren in den unterschiedlichsten Größen, manche ganz klein, manche riesengroß gedruckt<br>und konnten an der Decke, hoch an der Wand, niedrig an der Wand oder auch am Boden zu finden sein.<br>Begleitet wurden die Bilder von Ausschnitten aus Zitaten oder kurzen Gedichten.<br>Und die letzte Aufnahme zeigt, nachdem man durch die gesamte Bandbreite der menschlichen Erfahrungen gegangen ist<br>und oft auch sehr schöne Alltags-Szenen gesehen hat, einen Atompilz als abschließende Mahnung,<br>dass die Menschheit es in der Hand hat, die schützenswerte Existenz und Erfahrung des menschlichen Lebens zu zerstören oder zu bewahren.<br>Dadurch wird auch klar, in welcher Zeit diese Ausstellung stattfand.<br>Es war der Kalte Krieg und die ständige Bedrohung eines möglichen nuklearen Konflikts war natürlich allen präsent.<br>Die Ausstellung blieb auch nicht aufs MoMA in New York begrenzt, sondern ging auf Tournee.<br>Sie war schon in MoMA eine Sensation und die Tournee verstärkte das noch.<br>69 Mal wurde in 37 Ländern &#8222;The Family of Man&#8220; ausgestellt<br>und mehrere Ableger-Ausstellungen mit Einzelthemen daraus wurden ebenfalls kuratiert.<br>Bis heute ist es die meistbesuchte und meistbeachteteste Fotoausstellung aller Zeiten.<br>Über 10 Millionen Menschen haben diese Ausstellung gesehen.<br>Wie es für solche Ausstellungen üblich ist, produzierte Edward Steichen natürlich auch den dazugehörigen Ausstellungskatalog.<br>Ein großformatiges Taschenbuch, in dem man die ausgestellten Bilder nachschlagen konnte.<br>Für viele dürfte das das erste Buch gewesen sein, das sie gekauft haben,<br>das sich fast ausschließlich mit Fotografie befasst und kaum Text enthält.<br>Über 4 Millionen Mal ist der Ausstellungskatalog von &#8222;The Family of Man&#8220; inzwischen verkauft worden<br>und damit das meistverkaufte Fotobuch aller Zeiten.<br>Blättert man das Buch durch oder besucht die Ausstellung, wird man auch viele Bilder wiedererkennen.<br>Manche der Fotografinnen und Fotografen, die beitrugen, waren zu dem Zeitpunkt bereits selbst weltberühmt.<br>Aber für viele markiert diese Ausstellung auch den Startpunkt einer fotografischen Karriere.<br>In jedem Fall ist es so, dass man natürlich Namen wie Henri Cartier-Bresson oder Robert Duranon<br>oder <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a>, Dianne Arbus, Lee Miller, Robert Frank, <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a>, Edward Weston,<br>Dorothea Lange, Andreas Feininger, Ansel Adams, Irving Penn, Eve Arnold, Richard Avedon oder Gary Winogrand<br>aus der späteren Fotogeschichte nicht mehr wegdenken kann.<br>Es ist diese Ausstellung jedenfalls, die Edward Steichen endgültig in den Geschichtsbüchern der Fotografie unsterblich macht.<br>Man kann sie übrigens bis heute besichtigen.<br>Nach seinem Tod wurde sie nach Luxemburg überführt, wo sie bis heute in Dauerausstellungen besichtigt werden kann.<br>Und auch den Katalog &#8222;The Family of Man&#8220; kann man nach wie vor bestellen.<br>Ich habe ein Exemplar hier und es lohnt sich absolut.<br>Die Bilder sehen dabei erstaunlich modern aus.<br>Viele haben nichts von ihrer Wirkmächtigkeit verloren.<br>Es sind eben Bilder von überall auf der Welt und allen möglichen Situationen, die wir alle wiederkennen.<br>Freude, Trauer, Liebe, Wut, Momente der Stille, Momente der Ehrfurcht.<br>Wir erkennen die Menschen, wir erkennen die Situationen.<br>Und auch wenn so eine Ausstellung heute wahrscheinlich etwas diverser kuratiert werden würde,<br>erreichen diese Bilder meiner Meinung nach immer noch, was sich Edward Steichen erhofft hatte.<br>Eben daran zu erinnern, dass wir Menschen mehr gemeinsam haben als uns trennt.<br>Und deswegen ist diese Ausstellung auch zu Recht im UNESCO-Weltdokumentenerbe verewigt.<br>1960 und 81-jährig heiratet Edward Steichen die 26-jährige Joanna Taub.<br>Zwei Jahre später setzt es sich endgültig zur Ruhe.<br>Eine Ausstellung über die Great Depression ist seine letzte große fotografische Arbeit.<br>Er zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und beschäftigt sich mit Fotografie, Malerei und seinen Pflanzen.<br>So genießt er seinen Lebensabend und stirbt mit 94 Jahren am 25. März 1973.<br>Edward Steichen war einer dieser Fotografen, der mehr als nur eine Karriere gehabt hat<br>und dabei so viel Einfluss aufs Medium ausgeübt hat, dass man wahrscheinlich gar nicht anders kann,<br>als ihn nicht mehr wahrzunehmen, weil er einfach omnipräsent ist.<br>Er hat mehrere große Moden der Fotografie mitgemacht und mitgestaltet<br>und ließ sich weder auf ein Genre noch auf eine bestimmte Tätigkeit festlegen.<br>Er war Maler, er war Fotograf, er war Kurator, er war Aussteller, er war Sammler, er war Botaniker,<br>Herausgeber, Publizist und hat dabei aber nie aus den Augen verloren, wen er versucht zu erreichen.<br>Und er behielt einen ganz pragmatischen Blick auf seine Kunst.<br>Mit dem Vorwurf konfrontiert, dass der Kommerz in seiner Arbeit ja vielleicht auch die Kunst in den Hintergrund gedrängt hätte,<br>hat er zum Beispiel Folgendes zu sagen.<br>Ich kenne keine Kunst, die nicht oder nicht kommerziell war.<br>Michelangelo sollte auf seinem Todesfelsen schon einmal beschweren,<br>dass er nie die Möglichkeit hatte, das zu tun, was er wollte.<br>Es gab immer Popen und Potentaten, die ihm Anrufe und Verpflichtungen für das, was sie wollte, gegeben haben.<br>Aber er hat eine gute Arbeit gemacht, um dieses Geld zu füllen.<br>Er kennt keine Kunst, die nicht wenigstens in Teilen kommerzialisiert ist, sagt er.<br>Und als Beispiel bringt er Michelangelo, der sich nämlich auf seinem Sterbebett beschwert hat,<br>dass er in seinem ganzen Leben fremdgesteuert worden war.<br>Immer gab es irgendwelche Päpste oder Herrscher, die von ihm irgendwelche Aufträge erfüllt haben wollten.<br>Aber, so sagt Edward Steichen, am Ende hat er das doch wirklich ganz gut gemeistert, Kunst und Kommerz zu verbinden.<br>Ein Fotograf macht nie wirklich Fotos, außer er wird davon bewegt,<br>er wird davon begeistert oder er ist sehr interessiert.<br>Und was die richtige Kunst ausmacht, so sagt er, hat mehr mit der inneren Einstellung zu tun.<br>Ein Fotograf macht kein richtiges Bild, wenn er nicht wirklich interessiert ist an dem Objekt, das er fotografiert.<br>Ein Bildnehmer und ein &#8222;Buttonpusher&#8220;, wie ich ihn auch nennen würde,<br>er schießt einfach an Dinge, die er von anderen gesehen hat.<br>Ein Fotograf establicht eine Beziehung, eine intime Beziehung zwischen sich und dem, was er fotografiert,<br>ob es ein Kern der Beine ist, ein Landschaft oder ein Gras der Garbe.<br>Knipser hingegen, die fotografieren eigentlich nur Dinge, die sie von anderen schon mal gesehen haben.<br>Das ist ihnen eigentlich egal.<br>Aber ein Fotograf, so sagt er, der fotografiert, womit er eine intime Beziehung aufbauen kann.<br>Und dabei ist es ganz egal, ob es eine Dose Bohnen oder ein Star von Weltrang wie Greta Garbo ist.<br>Das war also Episode 85 des Foto-Menschen-Podcasts zu einem der einflussreichsten Fotografen aller Zeiten.<br>Und gleichzeitig einem Mann, den wahrscheinlich nur Foto-Enthusiasten kennen und selbst bei denen nicht alle.<br>Wenn euch der Podcast gefallen hat und ihr das Foto-Menschen-Projekt unterstützen wollt,<br>dann tut mir doch einen Gefallen und erzählt einfach weiter, dass es den Podcast gibt.<br>Ich podcaste nicht kommerziell, ich möchte also kein Geld, ich werde hier auch keine Werbung machen,<br>aber ich freue mich über Rückmeldung und über steigende Hörer:innenzahlen.<br>Rückmeldung ist ein gutes Stichwort.<br>Ihr erreicht mich natürlich auf Social Media.<br>Ich glaube, ich bin ja ganz allgemein relativ einfach zu finden,<br>aber am leichtesten im Zusammenhang mit dem Foto-Menschen-Podcast geht es natürlich auf Twitter oder Mastodon unter dem Handel Foto-Menschen.<br>Die Webseite foto-menschen.net enthält alle Links, Videos, Artikel etc., die ich zur Recherche für diese Folge benutzt habe<br>und viele, viele Episoden inzwischen mit Transkripts, sodass man auch ganz hervorragend durch die vergangenen 84 Folgen stöbern kann.<br>Und wer mag, darf mir da gerne einen Kommentar unter der Episode lassen.<br>Ich freue mich darüber immer ganz besonders.<br>E-Mail gibt es natürlich auch, mail@foto-menschen.net.<br>So viele Wege mich zu erreichen.<br>Und jetzt vielen Dank für eure Zeit, fürs Zuhören.<br>Bleibt gesund und bis zum nächsten Mal.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 20 Aug 2022 13:09:04 GMT</pubDate>
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            <title>Der Einarmige Fotopoet</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/der-einarmige-fotopoet.html</link>
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            <description>Josef Sudek verlor in jungen Jahren als Soldat im ersten Weltkrieg einen Arm.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Josef Sudek verlor in jungen Jahren als Soldat im ersten Weltkrieg einen Arm. Vom Fotografieren hielt ihn das jedoch nicht ab und aus ihm wurde statt einem Buchbinder einer der beeindruckendsten Meister des Lichts der Geschichte. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Sudek" target="_blank">Josef Sudek</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://prager-sezession.de/josef-sudek/" target="_blank">Die Romantik des Lichts</a> (Prager Sezession)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechien" target="_blank">Tschechien </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Veitsdom" target="_blank">Veitsdom </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://archive.org/details/1939-03-22-UfA-Tonwoche-Nr.446" target="_blank">IfA Tonwoche Nr. 446 vom 22.3.1939</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://archive.org/details/josefsudek00jeff" target="_blank">Josef Sudek (2001, Ian Jeffrey)</a> (Buch auf Archive.org)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://archive.org/details/josefsudekpoetof0000sude" target="_blank">Josef Sudek : poet of Prague : a photographer&#8217;s life</a> (Biografie von Anna Farova, Buch auf Archive.org)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.pinterest.com/tedforbes/josef-sudek/" target="_blank">Pinterest Pinboard mit 32 Bildern von Josef Sudek</a></li></ul>

<ul><li>#HiStorytelling (<a href="https://geschichtspodcasts.de/not-found/404" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://geschichtspodcasts.de</a>) </li></ul>

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<p>Bildquelle: By Miloň Novotný &#8211; Alena Novotná, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48260238</p>

<p>Musik: Public Domain, https://musopen.org/music/25719-ma-vlast-vltava-the-moldau/</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 03 Apr 2022 16:09:59 GMT</pubDate>
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            <title>Schärfe ist nicht alles</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/schaerfe-ist-nicht-alles.html</link>
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            <description>Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste Fotografin des viktorianischen Zeitalters.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> des viktorianischen Zeitalters. Sie war erst im Alter von 48 zur Fotografie gekommen und erlangte innerhalb von 16 Jahren durch ihren einzigartigen Bildstil Berühmtheit. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/essays/julia-margaret-cameron-1815-1879" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (The Met)</li><li><a href="https://www.getty.edu/publications/virtuallibrary/0892366818.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Complete Photographs</a> (PDF, 321MB)</li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-54-41-800x1024.jpg" alt="Sepiafarbenes Porträt eines jungen Mädchens, das mit verschränkten Armen liegt und von großen Engelsflügeln umrahmt wird." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="819" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/The_Kiss_of_Peace_by_Julia_Margaret_Cameron1-819x1024.jpg" alt="Zwei Frauen mit langem Haar sind in einem Sepia-Tonporträt eng zusammengehalten, wobei die Frau rechts leicht aufblickt und die andere Frau sich zu ihr neigt." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-51-24-773x1024.png" alt="Schwarz-Weiß-Porträt einer jungen Frau mit gewelltem Haar, die vor einem dunklen Hintergrund dramatisch beleuchtet ist." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="796" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-50-44-796x1024.png" alt="Porträt eines älteren Mannes mit zerzaustem weißem Haar und dunkler Kleidung, der direkt in die Kamera blickt." /></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="2ya7XWByKks" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_2ya7XWByKks.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="WihqL0NImqc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_WihqL0NImqc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="WUzSDzI-wDw" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_WUzSDzI-wDw.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Oft wird ja mal von den Vätern der Fotografie gesprochen und dabei gerne übersehen, dass von Anfang an Frauen genauso fasziniert von der neuen Technik waren wie ihre männlichen Zeitgenossen. Verstärkt wird das Ganze noch dadurch, dass es überwiegend männliche Fotografen sind, von denen wir auch heute noch wissen. Nicht nur war es für Frauen oft schwerer als für Männer, mit der Fotografie einen Lebensunterhalt zu bestreiten, es war auch deutlich schwerer, in entsprechenden Kreisen Anerkennung zu finden und zum Beispiel Ausstellungen zu organisieren oder gar veröffentlicht zu werden. Trotzdem gibt es natürlich ein paar Namen, die man finden kann. Und in der Liste all dieser großartigen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> sticht eine ganz besonders heraus: Julia Margaret Cameron.&nbsp;</p>

<p>Ich finde das gar nicht so einfach, mit modernen Augen auf die Bilder von Julia Margaret Cameron zu blicken. Sie gehört der Gruppe der sogenannten &#8222;frühen Piktorialisten&#8220; an, das heißt, ihre Bilder versuchen, einfach nur mehr zu sein als eine Aufzeichnung der Welt. Oft tragen ihre Bilder zusätzliche Bedeutung, arbeiten also mit Allegorien oder Szenen aus Opern, Gedichten oder christlicher Mythologie.&nbsp;</p>

<p>Und ganz allgemein versucht Julia, in ihren Bildern eine gewisse malerische Qualität zum Ausdruck zu bringen. Während viele ihrer Zeitgenossen darauf hin optimieren, möglichst präzise, scharfe Portraits zu machen, gilt für ihre Bilder oft das Gegenteil. Sie ist bekannt dafür, dass sie Bilder absichtlich unscharf macht, den Fokus verstellt, Bewegungsunschärfe zulässt, und so weiter. Ihre Bilder sind also von Anfang an keine wissenschaftliche Dokumentation, sondern als Kunst gemeint. Und ihr wird auch von Anfang an vorgeworfen, was man auch heute noch Menschen vorwirft, die Fotos absichtlich unscharf machen, dass sie ihr Handwerk nämlich nicht verstünde, dass es weniger mit Absicht als mit Unfähigkeit zu tun hätte.&nbsp;</p>

<p>Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass ich verschiedenen Portraits von Julia Margaret Cameron relativ früh begegnet bin. Da beschäftigte ich mich eigentlich noch gar nicht mit der Geschichte der Fotografie. Bilder waren mir begegnet als Beispiele klassischer Fotografie, oder mir war zum Beispiel auch das <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> von Sir John Herschel, einem berühmten Astronomen der damaligen Zeit, schon mehrmals untergekommen. Ihre Bilder sind oft wirklich schön beleuchtet und der Sepiaton, in den die meisten ihrer Drucke getaucht sind, erzeugt sofort dieses nostalgische Gefühl.&nbsp;</p>

<p>Und dann ist da die Unschärfe. Und mit der tu ich persönlich mich wirklich schwer. Es mag ja vielleicht noch sein, dass Julia Margaret Cameron in der Lage gewesen wäre, präzise, scharfe Bilder zu machen, aber beim Blättern durch ihr Gesamtwerk fällt schon auf, dass sie das weit seltener versucht hat, als andere <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen aus der Zeit. Und das will ich jetzt vielleicht einfach mal als Stilmittel akzeptieren, allerdings sorgt das für mich zumindest auch dafür, dass ich viele ihrer Bilder einfach nicht genießen kann. Ich schaue die mir an und wünschte, sie wären schärfer.&nbsp;</p>

<p>Was ich aber rundheraus bewundern kann, ist, dass Julia Margaret Cameron damals eine einzigartige Fotografin war und eine Fotografin, die sich in kürzester Zeit einen Namen gemacht hatte. Egal, ob man ihre Werke jetzt nun furchtbar oder großartig fand, man konnte Julia Margaret Cameron, kaum, dass sie einmal angefangen hatte, zu arbeiten, eigentlich nicht mehr ignorieren, wenn man zu der damals doch schon recht aktiven fotografischen Szene gehörte. Und dabei ist besonders interessant, dass Julia Margaret Cameron eigentlich sehr spät überhaupt erst mit der Fotografie anfing. Nämlich schon 48. Aber kaum, dass sie für dieses Medium Feuer gefangen hatte, brannte die Flamme lichterloh. Über 1200 Negative sind von ihr noch erhalten. In den gerade mal 16 Jahren, die sie fotografiert hat, ist das eine bemerkenswerte Menge.&nbsp;</p>

<p>Geboren wird Julia im Jahr 1815 in Kalkutta. Indien ist damals noch englische Kolonie und Julia wird als eine von zehn Geschwistern geboren. Ihr Vater war Brite, ihre Mutter Französin, die Mutter war allerdings zum Teil auch indischer Abstammung und so hatten alle Kinder der Familie einen verhältnismäßig dunklen Hautton, dunkle Augen und dunkle Haare.&nbsp;</p>

<p>Julias Familie war das, was man privilegiert nennen könnte. Als Angestellter der Regierung kam ihr Vater weit in der Welt rum und manche Reisen waren in der damaligen Zeit tatsächlich einigermaßen üblich, so hatten britische Angestellte in Indien oft unter dem Klima zu leiden und fingen sich allerlei unangenehme Krankheiten ein. Um die dann auszukurieren, zog man auch gerne nach ein paar Jahren Dienst in Indien mit der gesamten Familie nach Südafrika. So auch Julias Familie. Und hier in Südafrika trifft die damals 21-jährige Julia ihren späteren 20 Jahre älteren Ehemann, Charles Hay Cameron. Charles war zu der Zeit schon ein leitender Beamter in der britischen Kolonialverwaltung und so traf man sich nicht nur in Südafrika, sondern auch bei der Rückkehr nach Kalkutta wieder und zwei Jahre später kam es dann auch zu Hochzeit.&nbsp;</p>

<p>Es ist aber nicht nur ihr späterer Ehemann, den Julia zu der Zeit in Südafrika trifft. Sie lernt außerdem den wahrscheinlich berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit, Sir John Herschel kennen und freundet sich mit ihm an. Sie wird ihn später ihren Lehrer und Hohepriester nennen. Und Sir John Herschel ist unter anderem eine der wichtigsten Figuren in der Entwicklung der Fotografie. Er ist fasziniert von den lichtempfindlichen Eigenschaften verschiedenster Chemikalien und forscht an Mitteln und Wegen, wie er die Aufnahmen des Sternenhimmels festhalten könnte. Und so inspiriert Herschel später auch zum Beispiel Henry Fox Talbot und inspiriert <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a>, von der wir auch schon in diesem Podcast erzählt haben, dazu, der Welt erstes fotografisches Buch zu machen.&nbsp;</p>

<p>Überhaupt, finde ich, ist es sehr auffällig, dass die Welt damals fotografisch gesehen recht klein war. Die ersten Pioniere und Pionierinnen dieses noch ganz jungen Mediums schienen sich alle untereinander zu kennen. Als sich die beiden Sir John Herschel und Julia Margaret Cameron kennenlernen, existiert die Fotografie noch gar nicht. In Frankreich forscht Louis <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> an einer Möglichkeit, Bilder permanent zu fixieren und in Großbritannien ist Henry Fox Talbot daran, beide sind aber noch mehrere Jahre vom Durchbruch entfernt.</p>

<p>Julia und ihr Mann jedenfalls ziehen wieder zurück nach Kalkutta und die Dinge stehen hervorragend. Der neu berufene Gouverneur Indiens verzichtet darauf, seine Frau mitzubringen und Julia, die sowieso kein Problem hat, in den gehobenen Gesellschaftsschichten der damaligen britischen Kolonien frei zu navigieren, wird mit gerade mal 30 Jahren zur offiziellen Hostess des Gouverneurs. Fünf Jahre lang wird sie also in seinem Auftrag Feste planen, Besuch empfangen, wichtige Gäste unterhalten und damit eine Unmenge von Persönlichkeiten kennenlernen, die sie auch später noch weiter begleiten werden.&nbsp;</p>

<p>Weil es ihrem Mann Charles allerdings im indischen Klima zunehmend schlechter geht, beschließt das Paar, nach England zurückzukehren. Was in Indien funktioniert hat, funktioniert natürlich auch in London und so dauert es nicht lang, bis Julia Margaret Cameron mit der gebildeten Elite in London nicht nur befreundet ist, sondern sich ständig mit ihnen trifft. Tea parties, offizielle Veranstaltungen, man kennt sich, man begegnet sich.&nbsp;</p>

<p>Der Lebensunterhalt der Camerons kommt damals unter anderem von Rücklagen ihres Mannes Charles, aus der Rente, die er sich erarbeitet hatte und aus einer Kaffeeplantage auf Sri Lanka. Und als Gutsbesitzer auf Sri Lanka muss man natürlich hin und wieder mal seine Ländereien besuchen, dort eventuell anstehenden Verpflichtungen nachkommen und so war Charles relativ oft unterwegs.&nbsp;</p>

<p>Es war wieder mal so eine Gelegenheit und gleichzeitig Julias 48er Geburtstag, als eine ihrer Töchter dachte, es wäre doch ganz gut, ihrer Mutter zum Geburtstag ein wenig Ablenkung zu schenken. Es darf angenommen werden, dass diese Idee nicht aus der leeren Luft entstand. Julia hatte sich wohl schon mal von Freunden zeigen lassen, wie diese faszinierende neue Technologie funktionierte. Sie hatte ja mitbekommen, wie die Fotografie erfunden und veröffentlicht wurde. Immerhin war sie schon 24, als <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> seine nach ihm benannte <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> der französischen Akademie der Wissenschaften vorstellte. Und durch Herschel bekam sie natürlich auch die großen Sprünge mit, die Henry Fox Talbot dann machte. Außerdem kannte Julia Margaret Cameron Fotografen wie Oscar Rejlander oder Lewis Carroll und hatte sich vermutlich besonders von Rejlander zeigen lassen, wie man denn Negative richtig druckt.&nbsp;</p>

<p>Aber egal wie, so genau überliefert ist das alles nicht, fest steht nur, ihre Tochter dachte, eine Kamera wäre genau das richtige Hobby für ihre Mutter. Und wir reden da natürlich immer noch von einem Verfahren, wo auf sogenannten &#8222;Wet Plates&#8220; fotografiert wurde, also Glasnegative, die man sich selber anfertigte, indem man eine bestimmte Chemikalie auf Glas strich, um dann das noch nasse Negativ in einer Kamera zu belichten und noch bevor es getrocknet ist, entsprechend zu fixieren und zu bearbeiten.&nbsp;</p>

<p>Und meine Herren, was war die Tochter richtig gelegen. Ihre Mutter war Feuer und Flamme. Ein Glasgewächshaus, das eigentlich als Hühnerstall benutzt wurde, wurde ausgeräumt und wurde Julias offizielles Fotostudio. Und ab hier waren weder Bedienstete, noch Verwandte, noch Freunde vor ihrer Kamera sicher. Julia hatte ein sehr erlesenes Netzwerk und diverse zur Viktorianischen Zeit in Großbritannien berühmten Maler oder Poeten saßen irgendwann mal Modell für sie.&nbsp;</p>

<p>Und sie machte Fotos, die sonst keiner so machte. Die Malerei im Viktorianischen Zeitalter war von den sogenannten Präraffaeliten geprägt. Das war eine Gruppe britischer Maler, die zur damaligen Zeit die Renaissancemalerei Italiens wiederentdeckt hatte. Die Gemälde waren kräftig koloriert, hatten viele Details und vor allen Dingen auch viel Symbolik. Und Julia nahm diesen Stil auf und versuchte, entsprechend zu fotografieren.</p>

<p>Es dauerte nicht lange und sie hatte den Ruf der ungeduldigen Perfektionistin. Besonders oft mussten Teenager und Kinder in ihrer Umgebung darunter leiden, denn Spaß hat es sicher nicht gemacht, mehrere Minuten lang in einer Position auszuhalten, damit die Frau Mama oder die Herrin des Hauses ihr Bild in den Kasten bekommt. In relativ vielen ihrer Bilder sind Teenager oder Kinder zu sehen und ich finde es irgendwie witzig, dass die eigentlich irgendwie immer genervt aussehen. Ich versuche, mir dann auszumalen, wie diese Fotositzungen wohl abgelaufen sein müssen.</p>

<p>Fängt Julia am Anfang noch aus Leidenschaft und als Hobby mit der Fotografie an, reicht ihr das schnell nicht mehr. Sie nutzt ihr Netzwerk, um Ausstellungen zu organisieren und ihre Bilder werden verglichen und diskutiert. Julia Margaret Cameron dürfte die erste Fotografin sein, die das, was wir heute &#8222;Close Ups&#8220; nennen, gemacht hat. Manche ihrer Portraits sind aus nächster Nähe aufgenommen worden, man kann jedes Detail im Bild sehen, also, in den scharfen Teilen des Bildes. Und das ist für die damalige Zeit alleine schon ungewöhnlich genug. Allegorien in Bildern, auch das ist nicht besonders häufig, und absichtliche Unschärfe, ja, das gab es praktisch nie. Und trotzdem stellt Julia aus und trotzdem macht sie sich einen Namen und trotzdem ist sie zur damaligen Zeit in kürzester Zeit eine berühmte und etablierte Fotografin.&nbsp;</p>

<p>Sie nimmt diverse Aufträge an, illustriert Gedichte, aber so richtig kommerziell wird ihre Fotografie nie. Und das, obwohl ihre Familie so ganz allmählich in finanzielle Nöte gerät. Es ist schwer zu sagen, ob sie vielleicht die Hoffnung hatte, mit der Fotografie letztlich irgendwann ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, denn 1875, auf dem Höhepunkt von Julias Karriere, beschließen sie und Charles relativ plötzlich, ihr Zuhause in England zu verlassen und zurück nach Sri Lanka zu reisen. Dort wird sie nur noch sehr, sehr wenig fotografieren und vier Jahre später dann auch sterben.&nbsp;</p>

<p>Es ist das Jahr 1879, als sie stirbt, und angeblich war &#8222;beauty&#8220;, das englische Wort für Schönheit, das letzte Wort, was sie gesagt haben soll. Ein recht passendes letztes Wort für eine Frau, die ihr ganzes Leben versucht hat, Schönheit festzuhalten und mit Fotografie auszudrücken.</p>

<p>Wenn man sich mit der Geschichte der Fotografie beschäftigt, führt um Julia Margaret Cameron einfach kein Weg außen herum. Sie hat nicht nur das &#8222;Close Up&#8220; und die künstlerisch inspirierte Fotografie mit erfunden, einige der berühmtesten Portraits der damaligen Zeit stammen aus ihrer Kamera. Und es war ihre Leidenschaft für Kunst, Schönheit und die Fotografie, die der Fotografie als Kunstform den Weg geebnet hat.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 24 Sep 2021 18:01:24 GMT</pubDate>
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            <title>Kunst und Können</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/kommt-kunst-von-koennen.html</link>
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            <description>Viele der ersten Fotografinnen und Fotografen waren entweder Wissenschaftler oder Künstler und so gehört der Streit ob Fotografie nun dokumentierende Technik oder Kunst ist von Anfang an zu dem...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Viele der ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen waren entweder Wissenschaftler oder Künstler und so gehört der Streit ob Fotografie nun dokumentierende Technik oder Kunst ist von Anfang an zu dem Medium. Der erste Fotograf der diese Frage zum ersten Mal und mit Überzeugung mit &#8222;Kunst!&#8220; beantwortet ist heute kaum noch bekannt, darf aber ohne zu übertreiben als Vater der künstlerischen Fotografie bezeichnet werden&#8230; </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Gustave_Rejlander" target="_blank">Oscar Gustave Rejlander</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Piktorialismus" target="_blank">Piktorialismus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin" target="_blank">Charles Darwin</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kollodium-Nassplatte" target="_blank">Kollodium-Nassplatte</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allegorie" target="_blank">Allegorie</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_(Vereinigtes_K%C3%B6nigreich)" target="_blank">Queen Victoria</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Carroll" target="_blank">Lewis Carroll </a>(Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://journals.openedition.org/etudesphotographiques/3065" target="_blank">Darwin’s Camera: Art and Photography in the Theory of Evolution</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.lensrentals.com/blog/2012/11/six-degrees-of-charles-darwin-and-rejlanders-last-laugh/" target="_blank">Six Degrees of Charles Darwin, and Rejlander’s Last Laugh</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/294822" target="_blank">Two Ways of Life</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://blog.scienceandmediamuseum.org.uk/oscar-gustav-rejlander-pioneered-combination-printing/" target="_blank">Introducing Oscar Gustave Rejlander, The Father of Art Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://www.historywebsite.co.uk/articles/photos/Rejlander/Rejlander3.htm" target="_blank">Oscar Rejlander, Practising Art Photographer</a></li><li>Exhibition: <a rel="noreferrer noopener" href="https://artblart.com/2018/05/13/exhibition-victorian-giants-the-birth-of-art-photography-at-the-national-portrait-gallery-london-part-1/" target="_blank">Victorian Giants &#8211; The Birth of Art Photography</a></li><li>Snappers who could count Queen Victoria among fans</li></ul>

<ul><li><a href="https://podcasts.apple.com/us/podcast/23-karen-hellman-on-oscar-rejlander/id1395456573?i=1000466948748" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Artword Podcast &#8211; Karen Hellman on Oscar Rejlander</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="375" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/21.jpeg" alt="Drei Porträts zeigen in historischer Kleidung einen Mann und ein Kind vor einem Vorhang."/><figcaption>Oscar Rejlander&#8217;s Lachen /  Weinen.  Zum Vergleich zwischen emotionaler Mimik und Gestik zwischen Erwachsenen und Kindern. Auftragsarbeit für Charles Darwin</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="529" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/13-1024x529.jpg" alt="Das Gemälde zeigt eine große Gruppe von Menschen in klassischen Gewändern, die sich in einem reich verzierten Innenraum mit Vorhängen und Bögen versammelt haben." /><figcaption>The Two Ways of Life</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="526" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/14-1024x526.jpg" alt="Ein großes historisches Gemälde zeigt zahlreiche Figuren, die unter Vorhängen in einer Außenkulisse zusammengekommen sind und verschiedene Posen einnehmen." /><figcaption>The Two Ways of Life, alternative Version</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="654" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/22-1.jpg" alt="Ein großer Mann sitzt auf einer Kiste links, während eine Frau in der Mitte gestikuliert und eine dritte Person im Vordergrund kniet."/></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="629" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/20.jpg" alt="Sepiafarbenes Porträt eines weinenden Babys in einem Studio, mit den Namen O.C. REJLANDER und NO 1 ALBERT MANSIONS VICTORIA STREET S.W. am unteren Rand des Bildes."/></figure></div>

<div class="yt-facade" data-yt="t1JwFEHAOxg" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_t1JwFEHAOxg.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="x7q-UTyELao" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_x7q-UTyELao.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="3tYCIyy2ZWU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_3tYCIyy2ZWU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="gPGLTtINJBU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_gPGLTtINJBU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/1855147068" target="_blank" rel="noopener">Victorian Giants: The Birth of Art Photography: Julia Margaret Cameron, Lewis Carroll, Clementina Hawarden, Oscar Rejlander</a></p>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p><strong>Kunst und Können</strong></p>

<p>Die 1850er Jahre in England sind für die Fotografie eine unglaublich wichtige Zeit. Es formen sich die ersten Kameraclubs, Amateurvereine, in denen Bilder besprochen werden. Und es tobt ein Streit.</p>

<p>Es tauchen nämlich die ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen auf, die sagen, Fotografie ist Kunst. Und das geht ja gar nicht, widersprechen vor allem die Maler. Denn erstens braucht es ja wohl kein Können, um einen Automaten dazu zu bringen, eine Szene festzuhalten, die dann zweitens ja schon existiert, also nicht ausgedacht wurde und drittens so gar nicht idealisiert.</p>

<p>Überhaupt dieser letzte Aspekt, diese gnadenlose Darstellung der wahren Welt, das können wir uns heute überhaupt gar nicht mehr ausmalen, was für ein Paradigmenwechsel das war. Besonders die Malerei, die man in der viktorianischen Zeit gewohnt war, war sehr idealisierend. Es wurden keine Fehler im Gemälde geduldet, außer, sie waren absichtlich oder Zeichen mangelndem Könnens. Eine Fotografie bildet aber die Wirklichkeit ab und besonders die ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen waren ja oft von akademischem und wissenschaftlichem Hintergrund und fotografierten damit auch möglichst naturgetreu.</p>

<p>Es ist die Zeit des Kollodium-Nassplatten-Verfahrens. Und damit waren die Bilder auch tatsächlich relativ scharf und detailreich. Für die Malerinnen und Maler der damaligen Zeit wirkten die Fotografien geradezu ordinär. Sie waren beeindruckend im Ergebnis und sehr nützlich, aber im Grunde eine Art Skizzenmaschine. Die Fotografie hatte also ein gewisses Imageproblem.</p>

<p>Und da half es auch nicht, dass die ersten Fotografien auftauchten, die klassische Gemäldeszenen nachahmten. Menschen, die in opulenten Gewändern vor Wandteppichen posierten und in denen jedes Utensil im Bild eine Bedeutung trug, das fanden viele nicht überzeugend. Das wirkte nachgemacht. Fotos, die versuchten, wie Gemälde auszusehen. Pah! Und überhaupt, Fotografien starten ja mit der existierenden Szene und man kann ja nur Dinge weglassen, während ein Maler oder eine Malerin sich eine Szene vorstellen und dann Schicht für Schicht Dinge hinzufügen kann, bis das Gemälde fertig ist. Das war eins der damals sehr weit verbreiteten Killerargumente bei der Frage &#8218;ist Fotografie Kunst?&#8216;.</p>

<p>Und das ist das Argument, das Oscar Gustave Rejlander hört, als er einem Freund eine seiner ersten Fotografien zeigt. Rejlander kam 1813 als Sohn eines schwedischen Steinmetzes auf die Welt. Er studiert Kunst in Rom und wandert dann später nach England ein. Als mit der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren die Bühne betritt, ist Rejlander immerhin schon 26 Jahre alt und ausgebildeter Maler.</p>

<p>Nicht zuletzt, weil die <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> in Großbritannien Lizenzgebühren kostet, geht hier die Entwicklung einen völlig anderen Weg. Hier wird dann auch das Kollodium-Nassplatten-Verfahren entwickelt, das erste Verfahren, das wirklich frei verfügbar war und bei dem man auf Glasplatten Negative erzeugt, die dann beliebig oft in Drucke umgewandelt werden können.</p>

<p>Rejlander ist fasziniert von der Technik und lässt sie sich von einem damals schon etablierten Fotografen zeigen. Was andere sich in mehreren Wochen Praxis zeigen lassen, lässt er sich in ungefähr 3 Stunden erklären. Er wird später aufschreiben, dass er wünschte, er hätte etwas mehr Energie und Zeit verwendet, das Verfahren wirklich von Grund auf zu lernen. So ist er später gezwungen, seine eigenen Verfahren, Tricks und Kniffe zu lernen, das ist natürlich vielleicht auch der Grund, warum er dann so erfolgreich sein wird, andererseits hat das ihm auch den Ruf eingebracht, nicht immer die Beste der möglichen Qualitätsstufen zu erreichen.</p>

<p>Anfangs sieht Rejlander die Malerei nach wie vor als die überlegene Kunstform. Er ist Portraitmaler, er macht Portraitminiaturen. Und er nutzt die Fotografie, um Skizzen zu fertigen oder Posen und Faltenwurf und Gesichter zu studieren. Besagter Freund bekommt also eine seiner ersten Fotografien zu Gesicht, eine Fotografie, die zwei Personen zeigt. Und als die beiden Männer sich so über das Bild beugen und sich darüber unterhalten, meint er abfällig, dass hier ganz offensichtlich deutlich wird, was der große Unterschied zwischen Malerei und Fotografie wäre. Denn das Bild wäre unperfekt. Zwar zeigt es zwei Personen und die in jedem nur erdenklich möglichem Detailgrad, aber als Maler hätte man für eine ausgewogene Bildkomposition eigentlich noch eine Person in die Mitte gepackt. Und die Fotografie wäre ja jetzt schon fertig. Man könne also nur eine völlig neue Fotografie erzeugen, aber nicht nachträglich eine Person einbauen.</p>

<p>Rejlander ist elektrisiert. Er hat eine Idee. Wenige Tage später verabredet er sich mit demselben Freund und bringt ein Bild mit. Der wirft einen Blick darauf und traut seinen Augen nicht. Rejlander hatte ihm bewiesen, was er für unmöglich gehalten hatte: Es war unzweifelhaft dasselbe Bild, das er wenige Tage vorher gesehen hatte, aber jetzt mit einer dritten Person zwischen den zwei anderen. &#8222;Es geht eben doch&#8220;, sagt Oscar triumphierend. &#8222;Auch Fotografen können Bilder im Kopf entstehen lassen.&#8220; Und auch Fotografen steht völlig frei, wie sie die Technik benutzen, um das fertige Bild zu erzeugen.</p>

<p>Das Medium der Fotografie ist noch ganz jung. Viele Fotografierende versuchen, herauszufinden, in welche Richtung sich alles entwickeln könnte. Und allerorten wird festgelegt, wie denn Dinge zu geschehen haben. Was ist denn gute Fotografie, was ist schlechte? Welche Techniken funktionieren? Es formt sich, aber damals wie heute klingt das natürlich dann von den Leuten, die ihre Ideen verbreiten, so, als wäre es Gesetz. Und Oscar Rejlander war diesen Einflüssen noch nicht ausreichend lange ausgesetzt, sodass ihm das wahrscheinlich im Wesentlichen egal war. Er blickt völlig frei auf das Medium und fragt sich, was er damit anfangen kann.</p>

<p>Und da lohnt es sich auch, ganz kurz darüber nachzudenken, wie Kollodium-Nassplatten-Verfahren funktionieren. Man braucht dazu natürlich zunächst mal eine Kamera, und zwar eine Kamera, die mindestens so groß ist, dass sie das Bild in der gewünschten Zielgröße aufnehmen kann. Stellen wir uns also eine Kiste vor, die hinten ein A4-großes Blatt Papier enthalten kann. Vorne ist ein Objektiv und den ganzen Kasten kann man wie eine Ziehharmonika auseinander- und wieder zusammenschieben. Das ist notwendig, um die Schärfeebene zu kontrollieren, also auf die richtige Stelle im Bild scharfschalten zu können.</p>

<p>Beim Kollodium-Nassplatten-Verfahren legt man allerdings hinten kein Papier ein, sondern man legt eine Glasscheibe ein. Die wird in einer Dunkelkammer zuerst mit Kollodium beschichtet und dann mit einer Silbernitratlösung lichtempfindlich gemacht. Die dann noch feuchte Glasscheibe muss dann in eine Kamera eingelegt werden und wird dann nach erfolgter Belichtung noch feucht fertigentwickelt.</p>

<p>Was man bekommt, ist ein Negativ, auf der Glasplatte ist also ein Bild, in dem alle hellen Teile der Szene schwarz dargestellt werden und alle dunklen Teile der Szene weiß. Weiß auf Glas heißt: An den dunklen Stellen der Szene ist das Negativ durchsichtig. Und das war die erste Idee, die Rejlander dazu brachte, Bildbestandteile miteinander zu kombinieren. Ihm ging nämlich auf, dass an diesen durchsichtigen Stellen natürlich Nahtstellen sind, die man später beim Druck nicht mehr sehen würde.</p>

<p>Der Druck ist nämlich der nächste Arbeitsschritt. Um aus dem Negativ ein Positiv, also ein fertiges Bild zu machen, nimmt man jetzt die Glasplatte, spannt sie mit einem lichtempfindlichen Papier zusammen und setzt beides der Sonne aus. Danach wird das Bild gewaschen und fixiert und fertig ist das Positivbild. Denn alle die Stellen, die im Negativ die Sonne blockieren, sind auf dem fertigen Bild ja dann weiß und alle die Stellen, die die Sonne durchlassen, werden schwarz. Je länger man das Bild in der Sonne lässt, desto dunkler eben.</p>

<p>Im ersten Schritt kommt also Rejlander auf die Idee, die verschiedenen Bildbestandteile einzeln voneinander aufzunehmen, dafür zu sorgen, dass sie von möglichst dunklen Szenenelementen umgeben sind und die dann für den Druck gezielt zusammenzumontieren.</p>

<p>Aber das war nur der Anfang. Er beginnt, mit Vergrößerungen zu experimentieren, also, salopp formuliert, positive nochmal abfotografieren, nur mit entsprechender Vergrößerung. Er deckt Teile der Negative gezielt ab, malt andere rein, spielt mit den verschiedensten Dunkelkammertechniken und montiert die Bilder zusammen, zum Teil mit sehr verblüffenden Ergebnissen.</p>

<p>Immer mit dabei und als Technikerin wahrscheinlich seine wichtigste Mitarbeiterin ist seine Frau Mary. Schon als er noch Maler war, nahm sie ihm eine Menge administrative Aufgaben ab. Jetzt als Fotograf ist sie seine Assistentin in der Dunkelkammer, sein häufigstes Fotomodell, Kundenbetreuerin und Geschäftsführerin im Hintergrund.</p>

<p>Längst nicht alle seine Fotografien sind Montagen, tatsächlich ist der hauptsächliche Kundenstamm ganz klassisch an Portraits interessiert. Rejlander hat außerdem ein persönliches Interesse an inszenierten Kinderportraits. Das ist ein Genre, das besonders im viktorianischen Zeitalter blüht und gedeiht. Kinder werden in allen möglichen Posen dargestellt und abfotografiert, oft in Gegenwart der Eltern. Und das ist auch der Grund, warum gerade aus der Zeit sehr viele Kinderportraits gerade auch von den großen Fotografinnen und Fotografen erhalten sind. Namen wie Julia Margaret Cameron sind untrennbar mit mal mehr, mal weniger inszenierten Kinder- und Säuglingsportraits verbunden.</p>

<p>Der Mathematiker, Schriftsteller und Fotograf Lewis Carroll (ja, der Lewis Carroll, der Alice im Wunderland geschrieben hat) freundet sich mit Rejlander an und fängt an, seine Kinderportraits zu sammeln. Später wird Lewis Carroll selber Kinderportraits machen und der Stil Rejlanders kommt so stark durch, dass es später manchmal nicht ganz klar sein wird, ob ein noch erhaltenes Bild eigentlich von Lewis Carroll oder von Oscar gemacht worden war. Und auch Julia Margaret Cameron wird mit ganz eindeutig von Oscar Rejlander inspirierten Gemälden berühmt. Sie verkehren in denselben Kreisen, sie kennen dieselben Leute, sie haben zum Teil dieselben Freunde und fotografieren dieselben Berühmtheiten ihrer Zeit.</p>

<p>Aber auch, wenn Oscar Rejlander hauptsächlich Portraits macht, haben manche Portraits Eigenschaften, die es zu der Zeit eigentlich gar nicht geben dürfte. So erregt zum Beispiel das Bild &#8222;The Juggler&#8220;; der Jongleur, Aufsehen, weil dort ein Jongleur zu sehen ist mit Bällen in der Luft. Und das könnte natürlich nur eine optische Illusion sein, denn mit mehreren Sekunden Belichtungszeit lassen sich Bälle in Bewegung nun mal nicht einfangen, aber das Bild sieht täuschend echt aus.</p>

<p>Zu der Zeit traut man Rejlander allerdings inzwischen schon fast alles zu. Heute nennt man Rejlander den Vater der künstlerischen und inszenierten Fotografie. Und der Grund dafür ist ein Bild, das er 1857 macht, das den Titel &#8222;The Two Ways of Life&#8220; trägt. Wenn man dieses Bild zum ersten Mal sieht, kommt es einem wie ein barockes Gemälde vor. Es ist inspiriert, im Aufbau zumindest, von einigen berühmten Malereien, die der junge Rejlander, als er in Rom Malerei studiert hat, wahrscheinlich im Original gesehen hat.</p>

<p>Und bevor ich jetzt erkläre, warum dieses Bild eine kontroverse und einen Skandal ausgelöst hat und was da weiter passiert ist, möchte ich es ganz kurz beschreiben. An der Stelle lohnt sich auch kurz der Blick auf das Handydisplay, mit etwas Glück kannst du das Bild jetzt dort sehen. Das muss von deinem verwendeten Podcatcher unterstützt werden, ansonsten besuche einfach die Website, da werde ich es auch mit einbetten.</p>

<p>Das Bild ist im Panoramaformat &#8211; das war für die damalige Zeit ungewöhnlich groß. Mit über 80 cm Breite wussten Sachkundige sofort, dass dieses Bild aus mehreren Bestandteilen bestehen musste, aber man konnte nicht sehen, aus welchen Bestandteilen.</p>

<p>Es zeigt eine Szene, in der eine Menge los ist. In der Mitte steht ein alter Mann. Er scheint einen Jüngling in die Szene hineinzubegleiten. Den Jüngling sieht man zweimal: einmal zu seiner Linken, einmal zu seiner rechten Seite. Und damit ist die Bildaufteilung auch schon klar. Links im Bild geht der Pogo ab. Diverse Todsünden werden hier bildlich dargestellt und es gibt viel nacktes Fleisch. Rechts geht es wesentlich gesitteter zu; da geht es um die Pflege von Kranken und Gebrechlichen, um die Wissenschaften und damit ist es auch klar, was das Bild darstellt, nämlich die Wahl, die der Jüngling hat, nämlich ein Leben in Tugend oder eines in Laster zu führen. Von oben hängen Theatervorhänge ins Bild. Der Mann mit dem Jüngling hat hinter sich eine Art undurchdringliches Waldstück und die zwei Optionen, das Leben zu führen, scheinen in der Stadt innerhalb von Architektur stattzufinden.</p>

<p>Das Bild strotzt nur so vor Symbolik. Allegorie war ein Riesending bei den Malern der damaligen Zeit und natürlich durfte das in einem Foto, das versuchen wollte, mit Kunst zu konkurrieren, auch nicht fehlen.</p>

<p>Oscar Gustave Rejlander stellt dieses Bild aus und begeistert und entsetzt seine Zeitgenossen. Begeistert deswegen, weil er etwas geschafft hatte, was für unmöglich gehalten worden war. Er hatte Monate an diesem Bild gearbeitet. Über 32 Negative wurden für dieses Bild zusammenmontiert und trotzdem sah es wie eine einzige Aufnahme aus. Dass es das nicht sein konnte, war sehr offensichtlich, wenn man den Jüngling sah, denn der tauchte ja zweimal auf dem Bild auf.</p>

<p>Allein den Druck zu fertigen, kostete mehrere Tage Arbeit, denn die einzelnen Bestandteile mussten zunächst vergrößert, dann zusammenmontiert und dann als ein großes Bild ausbelichtet werden. Rejlander fertigte jeden Druck neu an, das heißt, jedes Exemplar sah ein bisschen anders aus. In manchen war er selbst der alte Mann in der Mitte des Gemäldes, in anderen war es ein Schauspieler. Die Figuren variieren, es sind unterschiedliche Models, die Szenen, die Positionen.. Im Netz fand ich mindestens drei verschiedene Varianten und es macht schon Spaß, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken.</p>

<p>Diese Montage zu sehen war also beeindruckend. Es gibt ja den Satz &#8222;Kunst kommt von Können&#8220; und Können war einer der Aspekte, den man Fotografinnen und Fotografen damals abgesprochen hat. Schließlich hielten sie fest, was die Natur ihnen bot und danach war es doch &#8222;nur&#8220; Technik. Rejlander nun schaffte etwas, was nicht nur für unmöglich gehalten worden war, sondern von dem die Zeitgenossen erstmal nicht wussten, wie sie es nachmachen können. Dann war das Bild zum Bersten gefüllt mit Symbolik, das griff das zweite Argument an. Kunst entstünde nämlich zunächst im Kopf des Künstlers oder der Künstlerin. Sie muss Aussage haben. Ideen vermitteln. Gelesen werden können. Etwas vorher nicht dagewesenes, neu geschaffenes zeigen. All diese Aspekte waren in diesem Bild sehr offensichtlich vorhanden und trotzdem sah es wie eine Fotografie aus.</p>

<p>Dieser vorhin schon erwähnte schockierende Detailreichtum kam natürlich besonders auf der Hälfte des Bildes zum Tragen, wo es um die Sünden und Laster ging. Und da sind wir beim Skandal. Zwar hatte man in der viktorianischen Zeit kein Problem mit Nacktheit, Gemälde konnten gerne Frauen barbusig in allen möglichen Posen auch mal lüstern darstellen, aber die dann, sozusagen, &#8222;in the flash&#8220; zu sehen und zu wissen, dass der Fotograf die im Studio gehabt hatte, produzierte einen unerhörten Skandal. Dazu kam noch, dass alle, die dieses Bild sahen, bewusst war, dass keine Frau von Tugend sich freiwillig vor einer Kamera nackt ausziehen würde. Die Frauen im Gemälde waren also ganz offensichtlich prostituierte.</p>

<p>Es ging also hoch her. In den Fotoclubs, in den Kunstzirkeln der damaligen Zeit wurde heiß diskutiert und viele waren sich einig, dass Oscar Rejlander eigentlich fast schon zur Persona non grata erklärt werden müsste. Nur eine Person sah das damals spontan anders, eine Person, die von Anfang an begeisterte Fotografin war und deren Urteil nicht ignoriert werden konnte: Queen Victoria.</p>

<p>Sie hatte schon ab der Einführung der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> Interesse an der Fotografie gehabt und galt als eine erfahrene Hobbyfotografin. Sie und ihr Ehemann hatten beide eine ausgebaute Dunkelkammer, beschäftigten mehrere Fotografen als Hoffotografen und gingen dem Hobby in ihrer Freizeit auch selbst mit Begeisterung nach. Außerdem traten sie als Mäzene auf und kauften Werke, die sie bemerkenswert fanden und genau das passierte mit Rejlanders schockierenden &#8222;Two Ways of Life&#8220;. Queen Victoria erfuhr davon, sah es, war begeistert und beschloss, einen Druck dieses Werkes für ihren Mann zu kaufen, als Geburtstagsgeschenk. Der war so begeistert davon, dass er es in seine private study aufhing, wo es bis zu seinem Tod blieb. Und ja, was gut genug für Queen Victoria ist, kann natürlich für alle anderen Fotografierenden nicht schlecht sein. Sie hatte sich freilich nicht dazu geäußert, ob das Werk denn jetzt Kunst wäre oder nicht, aber &#8222;Schund&#8220; konnte es natürlich jetzt auch nicht mehr sein.</p>

<p>Spannend finde ich, dass die Fragen, die damals mit so viel Hitze diskutiert und debattiert wurden, dieselben Fragen sind, die wir heute immer noch finden. Ich meine, Rejlander brauchte immerhin mehrere Tage, oder im Falle von &#8222;The Two Ways of Life&#8220; mehrere Wochen und trotzdem fragten sich Leute, ob etwas Kunst sein konnte, was eigentlich nur einen Moment festhält. Damals wie heute gibt es diese Liebe zum Vergangenen.</p>

<p>Rejlander markiert den Anfang einer Periode, die in der Fotografiegeschichte Pictorialism genannt wird, einen Trend, in dem versucht wurde, Bilder zu schaffen, die möglichst wie gemaltes aussehen oder wenigstens die Themen von Gemälden nachahmen sollten. Im einfachsten Fall waren das inszenierte Fotografien wie &#8222;The Two Ways of Life&#8220;, aber später dann wurden ausgefeilte Techniken angewandt, um die Drucke wirklich aussehen zu lassen, als wären sie Kohlezeichnungen. Da wurde auf dem Material herumgekratzt, es wurde Sepia eingefärbt, es wurden Stellen gezielt scharf oder unscharf gemacht, um den Eindruck von Pinselstrichen zu vermitteln und das Medium versuchte, nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft zu schauen. Und sei es, indem man einfach so abstrakt wurde, dass man nicht mehr genau wusste, was das Bild zeigt.</p>

<p>Und was machen wir heute? Im einfachsten Fall versuchen wir, nostalgisch so auszusehen wie die Fotografien der letzten 30 Jahre, indem wir Korn reindrehen und Filmsimulation einschalten. Andere wiederum nehmen die Mittel der Software zu Hilfe und lassen komplette Gemäldesimulationen fertigen. Da wird die Fotografie zum Ölgemälde, das Fotoobjekt zum stilisierten Pinselstrich. Oder wir nehmen <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> und montieren wie die Wilden.</p>

<p>Und zeitgleich entdecken in jeder Generation Fotografinnen und Fotografen die Leute wieder aufs Neue, dass es einen Streit darum gibt, ob das, was sie da machen nun Kunst oder Handwerk ist. Wurde die Linie damals zwischen Malerei und Fotografie gezogen, zieht man sie heute zwischen Digital Artist und Content Creator. Ich glaube, Oscar Rejlander wäre stolz auf uns.</p>

<p>&#8222;The Two Ways of Life&#8220; war sein beeindruckendstes und in Rückschau sicherlich berühmtestes Bild, aber das kommerziell erfolgreichste war es nicht. Dafür war es einfach zu aufwendig und irgendwann stellte er auch die Produktion von Drucken für dieses Bild ein. Immer mehrere Tage in der Dunkelkammer herumzumontieren war dann einfach nicht mehr wirklich praktikabel.</p>

<p>Außerdem war er zu neuen Ufern aufgebrochen. Der berühmte Forscher Charles Darwin hatte sich bei ihm gemeldet. Charles Darwin untersuchte zu der Zeit die Emotionen von Tieren und Menschen. Es kam ihm darauf an zu dokumentieren, wie wir uns ausdrücken. Welche Gesten und Grimassen ziehen wir je nach Befindlichkeit, das wollte er festhalten. Und dafür brauchte er einen Fotografen, der in der Lage war, die verschiedensten Mimiken einzufangen. Er gab Rejlander praktisch eine Shotlist vor: wütend, traurig, fröhlich, und so weiter.</p>

<p>Emotionen hatten auch andere berühmte Zeitgenossen damals schon einzufangen versucht, aber mit dem <a "/tags/kollodium-nassplatte.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="10" title="Kollodium Nassplatte">Kollodiumnassplattenverfahren</a> mit mehreren Sekunden Belichtungszeit war das natürlich schwer, besonders, wenn man das einigermaßen spontan aussehen lassen wollte. Und Rejlander galt als jemand, der unvergleichlich gut darin war, genau diese spontanen Eindrücke festzuhalten. Nicht, weil die Bilder so spontan gewesen waren, sondern, weil er anscheinend wirklich gut darin war, mit seinen Models zu arbeiten. Er war bekannt als jemand, der lustig und charmant sein konnte und viele seiner Aufnahmen drücken einen für die Aufnahmen damaliger Zeit ungewöhnlichen Humor aus. Es gibt Bilder, wo er mit seiner Frau Mary ganz offensichtlich herumalbert und er war bekannt dafür, dass er Kinder natürlich posieren und fotografieren konnte, gut gelaunt. Das ist ja gerade bei kleinen Kindern nicht unbedingt leicht, insbesondere dann nicht, wenn man ihnen beibringen muss, dass sie dann auch noch mehrere Sekunden in einer bestimmten Position verharren müssen. Die Fotografien von Julia Margaret Cameron zeigen ja auch oft Kinder und die meisten Bilder, die ich bisher so gesehen habe, zeigen ziemlich genervte Kinder. Ich versuche, mir dann immer auszumalen, wie wohl diese Fotosessions abliefen.</p>

<p>Jedenfalls galt Rejlander als jemand, der das wie kein anderer beherrschte. Und trotzdem muss er geschluckt habe, als er in der Shotlist, die ihm Darwin überreichte, unter anderem ein weinendes Kleinkind fand. Er sollte ein Kleinkind fotografieren, das die Welt gerade geschmeidig zum Kotzen findet. Und die haben jetzt nicht unbedingt gerade Verständnis dafür, wenn sie sich ruhig halten sollen. Überhaupt vielleicht noch bei schmerzverzerrt aufgerissenem Mund.</p>

<p>Und das ist dann auch tatsächlich das berühmteste Bild, das Rejlander in seiner Karriere produziert hat. Es zeigt ein sitzendes, inbrünstig heulendes Kleinkind. Und nach einem zu der Zeit populären satirischen Roman heißt es &#8222;Ginx&#8217;s Baby&#8220;. Und es kombiniert alles, was Rejlander zu der Zeit an Fähigkeiten angesammelt hatte. Wie er das Baby zum Weinen gebracht hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er zu einer ganzen Reihe Tricks griff, um diese Aufnahme überhaupt möglich zu machen. Und dass er dann in der Dunkelkammer seine malerischen Fähigkeiten herauskramte, um die doch sehr unzureichende Vergrößerung dieses weinenden Babys zu einer glaubwürdigen, großen Aufnahme zu machen. Wieder hatte er ein Bild gemacht, von dem die damaligen Kollegen dachten, es wäre so eigentlich nicht möglich und Charles Darwin hatte seine vollständige Palette an Mimikfotos, die für sich übrigens auch schon sehenswert sind, zeigen sie doch Rejlander und seine Frau Mary in den unterschiedlichsten Grimassen, von Lachen über ärgerlich bis verzweifelt bis wütend, alles dabei.</p>

<p>Während seiner 24 Jahre dauernden Karriere als Fotograf schreibt Rejlander diverse Texte, unter anderem verteidigt er eben die Fotografie und ihren Anspruch als &#8222;fine art&#8220;. Er gilt als der Vater der künstlerischen Fotografie, nicht nur, weil er als einer der ersten Aufnahmen inszenierte, die opulent waren, die originell waren, die allegorisch waren, die Gedanken transportierten, die er zunächst in seinem Kopf und seinen Skizzenbüchern formierte, bevor er sie als Fotograf festhielt, sondern auch, weil er weiterdachte und die verschiedenen Medien, die er kannte auf bis dahin ungewöhnliche Art und Weise kombinierte.</p>

<p>Er ist einer der ganz frühen Piktorialisten und berühmte Namen wie Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll sind so unzweifelhaft von ihm beeinflusst, dass bis heute Aufnahmen mit seinen verwechselt werden. Und trotz all des Wirbels war es auch damals schon schwierig, als Fotograf kommerziell erfolgreich zu sein. Einerseits verkauft Rejlander ja einen Druck an Queen Victoria und produziert mehrere Aufnahmen, die zu seinen Lebzeiten berühmt wurden, aber reich wird er damit nicht.</p>

<p>Als er 1875 im Alter von 62 Jahren stirbt, übernimmt seine Witwe Schulden und einen Laden, der nicht läuft. Der Fotoclub, in dem Rejlander hauptsächlich Mitglied war, die Royal Photographic Society of London fühlt sich seiner Witwe und seinem Nachlass verpflichtet und kauft einige seiner Negative. Damit gehen viele seiner Werke auch verloren oder in verschiedenen Sammlungen auf und obwohl kaum ein Fotograf so einflussreich in dieser Zeit gewesen sein dürfte wie er, verschwindet er zunächst in der Bedeutungslosigkeit. Und bis heute ist es so, dass bei seinem Namen die Leute zunächst auf Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll stoßen. Und das, obwohl Julia Margaret Cameron wahrscheinlich ihre Dunkelkammerfähigkeiten zum Teil mit Negativen von Rejlander geübt und gelernt hat und Lewis Carroll seinen Bildstil von seinen Bildern abgeleitet hat.</p>

<p>Was ist Kunst, was nicht, ab wann ist es Kunst, wann nicht, kommt Kunst von Können, kommt Kunst von Absicht, kommt Kunst vom Zufall, ist man Künstler, weil man sich so nennt, oder weil andere die Werke bereit sind, zu kaufen, welche Rolle spielt das Nachahmen von vorangegangenen? Bei der Produktion von diesem Podcast entdecke ich immer wieder aufs neue, dass wir seit Anbeginn der Fotografie dieselben Fragen diskutieren und eigentlich immer wieder bei denselben Positionen ankommen.</p>

<p>Rejlander jedenfalls war ein ungewöhnlich kreativer Kopf. Er war ein sehr humorvoller Mensch und er hat Dinge geschaffen, die bis heute nachwirken, ohne, dass sein Name den Ruhm erreicht hätte, den er eigentlich verdient hätte. Wir werden ihm noch öfter begegnen. Wir werden noch über Julia Margaret Cameron und über Lewis Carroll, über Clementina Hawarden oder über Queen Victoria sprechen, oder über John Herschel. Und bei keinem dieser Namen können wir es lassen, auch mal kurz über Oscar Gustave Rejlander zu sprechen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 03 Jul 2021 17:00:13 GMT</pubDate>
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