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    <title>Fotomenschen - Portrait</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Portrait&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sun, 30 Jan 2022 16:22:07 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Die Schöne und das Biest?</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/die-schoene-und-das-biest.html</link>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>1981 waren der Fotograf Richard Avedon und die Schauspielerin Nastassja Kinski auf den Höhepunkten ihrer Karrieren und trafen sich zu einem Fotoshooting in dem eine berühmtesten Aufnahme entstand die bis heute immer wieder nachgeahmt wird. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://magazine.artland.com/stories-of-iconic-artworks-nastassja-kinski-the-serpent/" target="_blank">Stories of Iconic Artworks: Nastassja Kinski &amp; the Serpent, Beauty and The Beast</a> (Artland)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Avedon" target="_blank">Richard Avedon</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nastassja_Kinski" target="_blank">Nastassja Kinski</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.independent.co.uk/life-style/interview-nastassja-kinski-still-a-daddy-s-girl-1241160.html" target="_blank">Interview: Nastassja Kinski &#8211; Still a Daddy&#8217;s Girl</a> (Independent)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.welt.de/kultur/kino/article108564873/Seine-Frau-und-ich-schreiben-uns-regelmaessig.html" target="_blank">Kinski über Polanski &#8211; ”Seine Frau und ich schreiben uns regelmäßig”</a> (Welt)</li><li><a href="https://nastassja.kinski.us/nastassja-and-the-serpent/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nastassja and the Serpent</a> (nastassja.kinski.us)</li></ul>

<figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="674" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/s-l1600-1024x674.jpg" alt="Eine Frau liegt mit zwei Schlangen, die über ihren Körper drapiert sind." /></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="OlPCeufl6_I" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_OlPCeufl6_I.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Eigentlich wollte Richard Avedon Poet werden. Zumindest versuchte er das zu studieren an der Columbia University. Geboren und aufgewachsen in New York hatte er durch seine Eltern schon früh Zugang zur Modeindustrie und er war 12 als er zum ersten Mal eine Kamera in die Hand gedrückt bekam. Schriftsteller wollte er eigentlich auch werden, auf jeden Fall etwas mit Kunst. Naja, von all diesen Disziplinen wissen wir ja heute, wurde es letztlich die Fotografie, und zwar speziell die Modefotografie.</p>

<p>Mitte des 20. Jahrhunderts, waren die Bildstrecken in großen Magazinen mit eine der Haupteinnahmequellen für Fotograf/-innen. Entertainment und Mode waren große Geschäftszweige und wer es schaffte sich entweder in Werbefotografie, in Modefotografie oder in dem großen Feld der <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> zu etablieren konnte gutes Geld verdienen.</p>

<p>Richard Avedon entschied sich früh für Mode, Magazine wie Vogue, Harper&#8217;s bazaar oder Life beauftragten ihn und es dauerte nicht lange und er fotografierte Stars und Sternchen. Seine Models waren lebhafter, dynamischer als der damals überwiegende Stil, der in den Magazinen gepflegt wurde.</p>

<p>Er versuchte seinen Models nahezukommen, etwas Wahres, ein Stückchen ihrer Seele zu fotografieren und Richard Avedon war der Überzeugung, dass das geht. Dadurch wurden aus seinen Bildern allerdings Kunstwerke, es ging nicht nur noch um den Verkauf von Mode oder Accessoires oder um das Darstellen von Sternchen, sondern er versuchte einzigartige Motive zu schaffen. Diese Ideen trugen ihn über 5 Jahrzehnte Fotografie hinweg, Richard Avedon hatte Marylin Monroe und Hilary Clinton vor der Kamera. Und es entstanden viele berühmte Fotos. Für die Episode heute geht es mir um ein Foto, dass er 1981 machte. Avedon war von Vogue beauftragt worden, eine der heißesten Starletts der damaligen Zeit zu fotografieren: Nastassja Kinski. Die hatte mit ihren damals gerade mal 21 Jahren schon eine recht illustre Karriere und diverse Skandale hinter sich. Mit nur 13 Jahren hat sie ihre erste große Rolle in einem Film von Wim Wenders und macht Schlagzeilen, denn in diesem Film ist sie, als 13-jährige, oben ohne zu sehen.</p>

<p>Was sie dann zwei Jahre später mit 15 in einem anderen Film durch eine komplette Nacktszene noch übertraf. Es muss auch dieses Jahr gewesen sein als sie Roman Polanski auf einer Party kennenlernt. Der rät ihr sich mit Method Acting zu beschäftigen, einer Schauspieltechnik, bei der man sich komplett in die Rolle fallen lässt und versucht diese auch im Alltag relativ intensiv weiter zu leben. Es kam das Gerücht auf, dass der damals 45 jährige Roman Polanski mit der gerade 15 Jahre alten Nastassja Kinski eine Liebesbeziehung anfing, eine Behauptung, die zu dem, was wir über Roman Polanski zu wissen glauben passt, die aber von beiden immer wieder bestritten wird.</p>

<p>Nastassja Kinski jedenfalls reitet die Welle, sie ist nicht nur ein auftseigender Star in Hollywood und räumt einen Preis nach dem anderen ab, sie ist auch der feuchte Männertraum ihrer Generation. &#8222;Sex sells&#8220; denkt sie sich, &#8222;Sex sells&#8220; denken sich die Männer um sie herum und so wird sie gnadenlos von einer sexualisierten Industrie ausgenutzt, wobei die Grenze zwischen Ausnutzen und einer von ihr aktiv mit voran getriebenen Sexualisierung schwer zu ziehen ist.</p>

<p>Sie ist jedenfalls auf dem Höhepunkt ihrer Modeling, Schauspiel und ihrer Sexsymbol Karriere als sie eben 1981 auf Richard Avedon trifft. Sie hatten zwei Stunden geplant und in diesen zwei Stunden mussten originelle Fotos entstehen und nach allem über diesen Fotoshoot hört und liest muss es erstmal ziemlich öde gewesen sein. Richard Avedon hat natürlich Ressourcen, die andere nicht haben und so gab es anscheinend einen ganzen Zoo von verschiedenen Tieren, die er für diesen Fotoshoot bereitgehalten habe. Sie würde, so die Idee, mit Modeaccessoires und eben diesen verschiedenen Tieren posieren und dabei idealerweise nackt sein.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;We brought in all kinds of animals, like monkeys, two snakes and a papagei and you know theses big birds and all of that.&#8220;</p>

<p>Und keins dieser Bilder schien wirklich so richtig erfolgreich zu sein, irgendwann schlug Nastassja dann vor, dass eine der am Set anwesenden Schlangen, eine Boa constrictor, doch vielleicht das ideale Tier für den Fotoshoot wäre. Und eine Boa constrictor ist eine gewaltige Schlange, bis zu 3,60m wird die lang. Nastassja Kinski legte sich also nackt auf den Betongboden und die Schlange wurde ihr auf den Körper drapiert, außer einem meiner Meinung nach ziemlich hässlichem Armreif hat sie nichts an. Auf dem Bild ist eine brillante Komposition zu sehen, die Schlange schlängelt sich an ihren Beinen über ihren Scharm hinweg bis zu ihrem Ohr und Richard Avedon schaffte es genau die Millisekunde festzuhalten, in der die Schlang in Nastassja Kinskis Ohr zu züngeln scheint.</p>

<p>Sie schaut dabei völlig ruhig in die Kamera.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Did it frighten you to be engolved in the Snake, to be wrapped up &#8211; No, no &#8211; didn&#8217;t frighten you? &#8211; No, I think it was more frightened than I was, she was very afraid of every movement my body did, so as soon as I did a movement she would do a movement and we would keep on moving and we would never, you know, sort of get to each other. &#8222;</p>

<p>Auf die Frage, ob sie Angst gehabt hätte sagt Nastassja Kinski: &#8222;Ne, eigentlich garnicht&#8220;, sie ist der Meinung, die Schlange hatte eigentlich mehr Angst vor ihr als umgekehrt, immer wenn sie sich bewegte oder irgendwas an dem Set sich veränderte, schien die Schlange zu erschrecken und zuckte sich oder bewegte sich, anders als der Bildaufbau es eigentlich nahelegen würde. Und so bastelte man mit dem Tier an dem Set herum, bis es eben genau diesen einen perfekten Augenblick gab und ein Foto schuf, von dem alle, die den Abzug sahen, sofort wussten, das ist ein Winner.</p>

<p>Vogue kaufte das Bild, es wurden Poster gedruckt und das Motiv ging um die Welt, Nastassja Kinski war sowieso schon Sexsymbol, ab jetzt hing sie als nackte Schönheit mit Schlange in den Teenagerzimmern der Welt. Und natürlich kommt hier viel zusammen, da ist einmal ihr wirklich ruhiger und kontrollierter Blick, die Erotik, die dieses Bild ausstrahlt, die Assoziation mit der Schöpfungsgeschichte, mit der Schlange, die Eva verführt, sie züngelt ihr ja ins Ohr. Und dann kommt noch dazu, dass Schlangen, besonders diese, die sich um Frauenkörper winden, ein Jahrtausende altes Fruchtbarkeitssymbol sind.</p>

<p>Das Foto wird jedenfalls so ikonisch, dass es danach immer wieder zitiert und nachgeahmt wird, so ließ sich beispielsweise Jennifer Lawrence von dem Fotografen Patrick Demarchelier mit einer Boa Constrictor liegend, nur mit einem Armband bekleidet fotografieren.</p>

<p>Und mal ganz ehrlich Leute, irgendwie ist es doch bizarr, oder? Ich meine wie stelle ich mir die Planung für so einen Fotoshoot vor: &#8222;Ja also wir dachten wir machen einen künstlerischen Akt, einen Akt der die Unabhängigkeit und die kraftvolle Selbstbestimmung unseres Models betont. Sie wird nackt auf dem Bauch liegen und die Kamera und damit den Betrachter direkt fixieren und für den künstlerischen Ausdruck dachten wir, bringen wir noch eine animalische, erotisierende Komponente ins Bild, wie wäre es, wenn eine Boa constrictor über ihren Körper schlängelt? [ Einspieler Applaus]</p>

<p>Allerdings muss ich zugeben, gerade wenn ich diese beiden Fotos, die ich heute erwähnt habe, also die Aufnahme von Nastassja Kinski und die von Jennifer Lawrence vergleiche, wird schon klar, warum &#8222;Nastassja Kinski and the serpent&#8220; von Richard Avedon die berühmtere Aufnahme ist.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 30 Jan 2022 16:22:07 GMT</pubDate>
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            <title>Der Junge mit der Handgranate</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/der-junge-mit-der-handgranate.html</link>
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            <description>Diane Arbus war eine Ausnahme-Fotografin. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Diane Arbus war eine Ausnahme-<a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a>. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit. So wie ihr berühmtestes Foto &#8222;The boy with the toy grenade&#8220;</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Diane_Arbus" target="_blank">Diane Arbus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Child_with_Toy_Hand_Grenade_in_Central_Park" target="_blank">Child with Toy Hand Grenade in Central Park</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/284712" target="_blank">Child with a toy hand grenade in Central Park, N.Y.C.</a> (The Met)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210707081211/https://dergreif-online.de/artist-blog/where-are-those-precious-mistakes/" target="_blank">Where Are Those Precious Mistakes?</a> (Der Greif)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fatherly.com/love-money/child-toy-hand-grenade-colin-wood-diane-arbus" target="_blank">Colin Wood, Diane Arbus’s ‘Child With A Toy Hand Grenade,’ Looks Back</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240909060715/https://news.artnet.com/market/diane-arbus-birthday-890000" target="_blank">Revisiting Diane Arbus’s Most Famous Photo on Her 94th Birthday</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.thecut.com/2016/07/diane-arbus-c-v-r.html" target="_blank">Was Diane Arbus the Most Radical Photographer of the 20th Century?</a> (The Cut)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.newyorker.com/magazine/2016/06/06/diane-arbus-portrait-of-a-photographer" target="_blank">In the Picture &#8211; A new biography of Diane Arbus</a> (The New Yorker)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.theartstory.org/artist/arbus-diane/" target="_blank">Diane Arbus</a> &#8211; The Artstory</li><li>Howard Schatz &#8211; Kink</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Matt_Groening" target="_blank">Matt Groening</a> (Wikipedia)</li></ul>

<p>Themenpatin: </p>

<ul><li>Petrina Engelke &#8211; @PetrinaEngelke, @moments_ny, Podcast &#8222;Notizen aus Amerika&#8220; &#8211; <a href="https://notizenausamerika.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Webseite</a>, <a href="https://fyyd.de/podcast/notizen-aus-amerika/0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FYYD</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="660" height="811" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image-2.png" alt="Zwei Porträts einer blonden Frau und ein Screenshot eines Profilbereichs, der die Meldung „There are no items to show in this view.“ anzeigt."/></figure></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/2732446009" target="_blank" rel="noopener">Diane Arbus</a></p>

<div><figure class="aligncenter"><img decoding="async" src="https://2.img-dpreview.com/files/p/TS560x560~forums/60923724/4493d58a1411413c80758cbe05750068" alt=""/></figure></div>

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<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Ich finde es immer wieder faszinierend: Kaum jemand kennt <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, aber alle werden von ihren Arbeiten beeinflusst. Mein Beispiel heute ist eine <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> aus den 60ern, die im Wesentlichen Fotonerds kennen. Aber so unterschiedliche Werke wie Stanley Kubricks &#8222;Shining&#8220; oder &#8222;Die Simpsons&#8220; würden ohne ihre Arbeit anders aussehen, ganz egal, ob wir sie nun kennen oder nicht.</p>

<p>Die Fotografin Diane Arbus hat ihre Kindheit während der Weltwirtschaftskrise verbracht und wuchs dann während dem Vietnamkrieg und der sexuellen Revolution in New York auf. Und ihr Start ins Leben war ein privilegierter. Ihre Eltern gehörten der New Yorker Upper Class an und hatten einen Department Store in der privilegierten 5th Avenue in New York. In Privatschulen ausgebildet und aufgezogen von Kindermädchen blieb sie weitgehend von den schweren Folgen der Weltwirtschaftskrise verschont.</p>

<p>Mit 13 lernt sie Allan kennen, einen Mann, fünf Jahre älter als sie, der die Schule hingeschmissen hat und in der Werbeabteilung des Pelzladens ihres Vaters arbeitete. Die Beiden heiraten mit 18 und es dauert nicht lange und sie eröffnen ein gemeinsames Fotostudio, eine Leidenschaft, die Allan in die Beziehung mitbrachte. Er brachte ihr bei, wie man mit einer Kamera umging, wie man Film entwickelt und es dauerte nicht lange und das Paar etablierte sich als Fashionfotografen in New York. Zehn Jahre lang betrieben sie ein Studio zusammen.</p>

<p>Obwohl das Studio erfolgreich war und die beiden auch gut zusammenarbeiteten, war schnell klar, dass Diane etwas anderes wollte, als für immer Studiofotografin zu sein. Wenn sie also nicht gerade damit beschäftigt war, Kleidung an Models zu pinnen, Konzepte für Werbekampagnen auszuarbeiten oder Familien im Studio zu portraitieren, lief sie mit ihrer Nikon Kamera durch die Stadt und fotografierte, was ihr so vor die Linse kam.</p>

<p>Eines Tages kam sie mit einer frisch belichteten Rolle Film nach Hause und bat ihren Mann, den bevorzugt zu entwickeln. Die Negative, die da herauskamen, nummerierte sie mit einem Marker mit der Nummer 1. Hier startet eine Nummerierung, die sie bis zum Ende ihres Lebens durchhalten wird. Sie ist Mitte 30, als sie diesen ersten Film nummeriert. Es ist der Moment, in dem sie beschließt, eine andere Fotografin zu werden, in dem sie beschließt, Künstlerin sein zu wollen und nicht Auftragsfotografin. Es ist der Start von etwas Neuem.</p>

<p>Am Anfang läuft Diane durch die Stadt und fotografiert, was man so in der Stadt sieht. Sie macht die klassischen Streetfotos, die viele von uns machen. Friseure durch die Glasscheibe hindurch, Familienszenen im Park, sie streift mit ihrer Kamera durch die Straßen und alles, was ihr Auge festhält, wird fotografiert. Sie entwickelt sich in eine andere Richtung als ihr Ehemann. Sie wird künstlerischer. Sie wünscht sich mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit.</p>

<p>Es sind die 60er und die Arbus&#8217;s leben sowieso ein sehr offenes Modell der Beziehung und ihr Ehemann Allan unterstützt sie in ihrem Wunsch, unabhängiger zu sein. Er hilft ihr, ein anderes Studio in New York zu finden und hilft ihr beim Umzug. Um die Kinder kümmern sie sich gemeinsam. War die Kindheit von Diane im Wesentlichen von der Distanz zu ihren Eltern geprägt, war es Diane und Allan wichtig, ihren Kindern nah zu sein. Er kam oft vorbei, sie verbrachte viel Zeit mit ihnen und so gingen rund elf Jahre ins Land, bevor das Paar sich auch ganz offiziell, getrieben von einer neuen Partnerin Allans, die nicht ganz so polyamourös gestimmt waren wie die beiden, wirklich scheiden ließen.</p>

<p>Es ist rund um die Zeit, als man eine Veränderung in ihrer Arbeit feststellen kann. Irgendwann entdeckt Diane, dass sie Fremde ansprechen kann, dass sie mit ihnen arbeiten kann, dass er sie posieren kann. Und aus der Schnappschussfotografie, die ihre frühen Arbeiten als unabhängige Fotografin prägt, werden plötzlich Fotos, die, ja, manchmal diesen Schnappschusscharakter haben, in denen aber die Motive ganz eindeutig wissen, dass sie fotografiert werden. Sie sind präsent. Sie schauen oft in die Kamera.</p>

<p>Und Dianes Stil ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja wahrscheinlich sogar schockierend. Sie pfeift auf etablierte gestalterische Regeln. Ihre Fotos sind selten kompositorische Meisterwerke. Rule of Thirds, Layers, Linien, ach was, Hauptsache, das Motiv ist stark genug. Dafür sucht sie gezielt Menschen, die so selten fotografiert werden. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen. Nudisten. Groß- und Kleinwüchsige. Oder Mitglieder der New Yorker Unterwelt. Oder Subkulturen wie zum Beispiel die nach und nach aufkeimende Travestiebewegung. Diane hat keine Scheu vor diesen Menschen und sie fotografiert sie und setzt sie in Szene und ist dabei auch nicht zimperlich. Sie versucht, Fotos zu machen, denen man ansieht, dass sie den Menschen, die sie portraitiert, näher gekommen ist, dass sie etwas über die Menschen weiß, das sie dem Betrachtenden zeigen kann.</p>

<p>Diane ist der Meinung, dass unser Äußeres nicht uns gehört, unser Äußeres spricht eine Sprache, die unsere Umwelt entziffern darf. Und so ist sie auch nicht zimperlich, wenn sie die Leute fotografiert.</p>

<p>Und wenn es nötig ist, um ein Foto zu bekommen, lügt sie auch. &#8222;Nein, nein, das sind nur Kopfportraits, die ich hier mache&#8220;, sagt sie und fotografiert in Wirklichkeit die berühmte Feministin und Philosophin Ti-Grace Atkinson oben ohne. Genauso wenig konnte man sich darauf verlassen, wenn Diane sagte: &#8222;Nein, nein, die Bilder werden nie veröffentlicht werden.&#8220;.</p>

<p>Aus heutiger Sicht ist Diane Arbus ethisch tatsächlich auf sehr glattem Eis unterwegs. Gleichzeitig schafft sie aber auch, mit ihren Fotos, gerade besonders auch den Fotos von benachteiligten Menschen, eine Bildsprache zu etablieren, die es vorher so nicht gab. Sie definiert Schönheit in der Fotografie völlig neu. Ihre Models haben eine Würde und eine Schönheit, die von innen strahlt. Sie selbst sagt: &#8222;Viele von uns verbringen ihre Lebenszeit damit, sich vor Traumas zu schützen. Wir verstecken uns vor Schmerz. Wir laufen weg von dem Unglück.&#8220; Die Menschen, die Diane fotografiert, wurden oft mit ihren Traumas schon geboren. &#8222;Eigentlich&#8220;, sagt sie, &#8222;sind das die wahren Aristokraten; die Menschen, die das schon gemeistert haben, was viele von uns auf Teufel komm raus vermeiden wollen.&#8220;</p>

<p>Diane Arbus hat das Glück, relativ früh in der Kunstszene New Yorks aufzufallen. 1959, im Rahmen einer Ausstellung, lernt sie den Art Director Marvin Israel kennen. Er ist ein Jahr jünger als sie, selber Maler und verheiratet. Die Beiden werden trotzdem ein Paar, eine Beziehung, die bis zu ihrem Tod halten wird. Israels Frau scheint nichts dagegen zu haben. Wie gesagt, es ist die Zeit der sexuellen Revolution. In New Yorker Künstlerkreisen sieht man das nicht mehr so eng.</p>

<p>Über ihren Freund lernt sie unter anderem auch Fotografen wie Richard Avedon kennen und es sind diese Einflüsse, die ihre Arbeit immer einprägsamer werden lassen. Sie arbeitet an verschiedenen Serien und macht in der Zeit mehrere Fotos, die bis heute Wiedererkennungswert haben. Früh fing sie zum Beispiel an, sich besonders für Zwillinge und Drillinge zu interessieren. Und eines ihrer berühmtesten Bilder zeigt zwei Zwillingsmädchen, die Händchen haltend nebeneinander stehen, direkt in die Kamera schauen und trotz dieser symmetrischen Pose und dem ähnlichen Äußeren einfach sehr, sehr unterschiedlich aussehen.</p>

<p>Stanley Kubrick, der Diane Arbus auch persönlich kannte, wird dieses Bild später zitieren, in seinem berühmten Film &#8222;The Shining&#8220;. Der Film spielt in einem verwunschenen Hotel. Ein Familienvater, gespielt von Jack Nicholson, lässt sich mit seiner Familie dort über den Winter als eine Art Hausmeister in Residence einschneien und wie es sich für so ein Horrorhotel gehört, nimmt das Schicksal ab hier seinen Lauf. Der kleine Danny, der Sohn der Familie, fährt mit einem Dreirad durch die Gänge des Hotels und begegnet dort plötzlich zwei Händchen haltenden Mädchen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Hello, Danny. Come and play with us.&#8220;</p>

<p>Und die sehen schon sehr von Arbus’ Bild inspiriert aus.</p>

<p>Ein anderes eher bekanntes Bild von ihr trägt den Titel &#8222;Jewish Giant&#8220;. Eigentlich zeigt es ein Familienfoto. Ein Sohn besucht seine Eltern, nur, dass der Sohn derart riesig ist, dass seine Eltern im Größenvergleich wie Zwerge wirken und er sich nur gebeugt im Wohnzimmer aufhalten kann. Alle stehen in diesem Bild, was es noch dramatischer aussehen lässt. Der Giant in dem Bild heißt Eddie Carmel und leidet an Gigantismus, einer Wachstumsstörung.</p>

<p>Und was an dem Bild ganz besonders auffällig ist und für unsere heutigen Augen gar nicht mehr besonders wirkt, ist, wie verhältnismäßig schlampig das Bild eigentlich gemacht ist. Wir wissen, dass alle in diesem Bild sich der Fotografin im Raum bewusst waren. Vermutlich hatte Diane gefragt und sie hatte wohl die Erlaubnis, ein Foto der Familie zu machen. Und sie blitzt in den Raum. Sie hätte also alle Zeit der Welt gehabt, sich Gedanken über die Komposition zu machen oder das Licht zu planen. Die Tatsache, dass das Foto fast schon schnappschussartig aussieht, eine monströse Vignette im Bild ist und das Foto zum Teil überblitzt ist, muss man dann tatsächlich als Absicht interpretieren. Das war kein kurzer, spontaner Schnappschuss und Diane wusste nach jahrzehntelanger fotografischer Arbeit sehr wohl, was sie tat.</p>

<p>Und so muteten die Bilder, die Diane schoss, der damaligen Gesellschaft nicht nur Fotomotive zu, die so noch nie zu sehen waren, sie markiert auch den Start einer völlig neuen Ästhetik. Und beides sind Effekte, die ab jetzt oft und gerne kopiert werden. Diese absichtliche Schlampigkeit im Bildaufbau, die interpretieren wir heute als Candid, als Schnappschussfotografie. Und ungewöhnliche Models sucht man sich heute auch viel regelmäßiger, als es damals üblich war.</p>

<p>Ich habe mir vor Kurzem einen Bildband mit Auszügen aus dem Lebenswerk des berühmten amerikanischen Fotografen Howard Schatz gekauft und einer seiner langjährigen Fotoserien portraitiert die San Francisco Kink, Gay and Pride Scene, Menschen also, die gerade deswegen, weil sie anders aussehen, eine ganz besondere Faszination ausstrahlen. Und da gibt es durchaus Parallelen zu Diane Arbus&#8216; Werk, die Fotos von Travestiekünstlern und Nudisten gemacht hat.</p>

<p>Aber selbst, wenn Diane einfach &#8222;nur&#8220;, in Anführungsstrichen, Streetfotos gemacht hat, war ihr Auge für die ungewöhnliche Situation oder das ungewöhnliche Motiv wirklich bemerkenswert. Und das bringt uns zu ihrem vielleicht berühmtesten Foto, dem Bild, das alle paar Jahre wieder eine Schlagzeile macht, wenn ein Originaldruck für mal fünfhundert- , mal siebenhundert tausend Dollar weiterverkauft wird. Es zeigt einen Jungen im Central Park in New York, ungefähr sieben Jahre alt. Er schaut uns an, mit weit und leicht irre aufgerissenen Augen und einem zur Grimasse verzogenen Gesicht. Man weiß nicht so genau, macht sich der Junge vielleicht ein bisschen lustig und albert für die Kamera herum oder ist da etwas Irres in dem Blick, vielleicht auch etwas Traurigkeit? Einer seiner Hosenträger ist heruntergerutscht. Vielleicht ist er ja auch herumgelaufen. Seine linke Hand scheint etwas Unsichtbares festzuhalten. Sie ist zu einer offenen Klaue verkrampft. Und in seiner rechten Hand hält er eine Handgranate.</p>

<p>Es ist ein bemerkenswertes und ein verstörendes Foto. In dem Bild gibt es keine erkennbare Symmetrie, man vermutet fast, Diane Arbus hätte das Bild im Vorbeigehen geschossen. Spontan eben. Das Bild jedenfalls ist bemerkenswert und es fällt auf den Boden der gerade tobenden Kontroverse rund um den Vietnamkrieg.</p>

<p>Und es zeigt den New Yorker Jungen Colin Wood. Der wird später erzählen, dass er sich eigentlich nicht mehr daran erinnert, wie Diane Arbus dieses Foto von ihm gemacht hat. Er hat allerdings eindeutig gewusst, dass er fotografiert wird, denn es gibt den kompletten Kontaktabzug, also die Reihe von Fotos, die vor diesem Bild und kurz nach diesem Bild entstanden sind und daran kann man sehen, dass Colin mit Diane Arbus wie ein typischer Siebenjähriger, sagen wir mal, zusammengearbeitet hat. Am Anfang ist er anscheinend noch etwas verlegen. Da kam eine junge Frau auf ihn zu und hat ihn gefragt, ob sie ihn fotografieren darf und er posed so ein bisschen und albert so ein bisschen herum für die Kamera. Er probiert sich aus, läuft herum und Diane positioniert sich in verschiedenen Winkeln zu ihm. Und irgendwann macht er eben dieses goofige Gesicht. Diese Handgranate in der einen Hand, dieser irre Gesichtsausdruck, diese zur Klaue geformte andere Hand ist für einen kleinen Augenblick zu sehen und Diane drückt in diesem Moment ab.</p>

<p>Das Foto wird zu einer Ikone der amerikanischen Antikriegsbewegung. Aber auch die Anarchisten drucken es gerne auf ihre Plakate. In einem 17-jährigen Teenager aus Portland, Oregon, Matt Groening, steckt beides so ein bisschen. Er demonstriert zu der Zeit. Vielleicht hat er auch sogar mal ein Plakat mit dem Jungen und der Spielzeughandgranate herumgetragen, gesehen hat er es auf jeden Fall. Matt jedenfalls wird uns später mit einer Popkulturikone beschenken.</p>

<p>[Einspieler &#8211; das &#8222;The Simpsons&#8220; Intro]</p>

<p>Und die Figur des Bart Simpson, sagt er später, basiert auf dem, was er in dieser Figur, in diesem Jungen mit der Granate gesehen hat. Eine gewisse Aufmüpfigkeit, eine Herkunft, die er da vermutete und so inspiriert der junge Colin Wood, der mit 7 Jahren und einer Spielzeughandgranate von Diane Arbus festgehalten wird, eine der ikonischsten Figuren der modernen Popkultur.</p>

<p>Er erinnert sich, dass seine Kindheit zu der Zeit eher weniger spaßig war. Sein Vater befand sich mal wieder in einer Scheidung und der junge Colin lief einigermaßen unbetreut in New York durch die Gegend. Allerdings jetzt nicht verwahrlost oder so. Sein Vater war ein erfolgreicher Tennisspieler, öfters in den Top Ten in der Weltrangliste. Aber in der Jugend von Colin eben auch mehr mit sich selbst als mit seinem Sohn beschäftigt.</p>

<p>Er war jetzt nicht gerade begeistert davon, dass sein Sohn sich plötzlich auf einem Foto der Antikriegsbewegung wiederfand und Colin erinnert sich auch, dass Schulkameraden das Bild gefunden hatten und es in der Schule aushingen. Alles Ereignisse, auf die er auch gut hätte verzichten können. Trotzdem hat ihn das Foto nicht weiter beeinflusst, sagt er.</p>

<p>Nach der vierten und letzten Scheidung seines Vaters und seinem erfolgreichen Schulabschluss gründen die Beiden gemeinsam ein Unternehmen. Sie bauen Tennisplätze überall auf der Welt. Und sie sind erfolgreich. Nicht ganz so der Lebenslauf, den man sich von einem Jungen erwartet, dessen Foto für eine Weile in einer Ausstellung für unterprivilegierte Amerikaner zu sehen ist und auf Antikriegsdemonstrationen herumgetragen wird.</p>

<p>Aber irgendwie auch nicht ganz ungewöhnlich für ein Foto von Diane Arbus. Sie ließ sich von diesem Moment überraschen. Wen interessiert da schon der Rest? Parallel arbeitet sie weiter an ihrer fotografischen Karriere. Sie landet relativ schnell Aufträge bei großen Magazinen. Die waren zu der Zeit durchaus experimentierfreudig und so darf sie Fotostrecken gestalten, die eher ungewöhnlich sind.</p>

<p>Mit jedem Auftrag öffnen sich dann weitere Türen. Magazine wie &#8222;The Esquire&#8220;, &#8222;Harper&#8217;s BAZAAR&#8220;, aber auch Kunden wie der New York Times, Sports Illustrated, Herold Tribune, Diane Arbus ist schnell gefragt und kommt rum. Schnell hat sie einen Ruf als Fotografin, deren Bilder eher exzentrisch wirken. Selbst, wenn sie bekannte Persönlichkeiten oder Mitglieder der High Society fotografiert, sind ihre Fotos ungewöhnlich. Magazine schießen sich darauf ein und so werden bestimmte Aufträge gar nicht mehr an sie herangetragen. Klassische Politikerfotos? Naja, ist ja nicht wirklich etwas für Diane.</p>

<p>Parallel zu ihren Auftragsarbeiten bemüht sich Diane auch immer um Unterstützung für freie Aufträge. Es gibt verschiedene Institutionen, die Stipendien für besonders interessante Arbeiten herausgeben, so zum Beispiel die Guggenheimstiftung. Von da ergeben sich auch verschiedene Reportageaufträge, die mal privat, mal öffentlich finanziert werden. Als sich die Magazinbranche allerdings im Umbruch befindet, gehen auch ihre Aufträge zurück und sie fängt an, zu lehren und bei Ausstellungen mitzuwirken.</p>

<p>Während dieser ganzen Zeit leidet Diane unter massiven depressiven Schüben. Schon ihre Mutter kämpfte mit Depressionen und Diane hatte besonders nach einer Hepatitiserkrankung 1966 immer wiederkehrende zum Teil heftige Schübe. Sie suchte sich auch Hilfe und war in Behandlung, aber 1971 wurde ihr dann alles zu viel. Sie stellt ihren Terminkalender auf die Treppe, schreibt in ihr Notizbuch &#8222;Letztes Abendmahl&#8220;, bevor sie Schlafmittel nimmt und sich die Pulsadern auftrennt.</p>

<p>Seither wird ihre Arbeit wieder und wieder neu entdeckt. 1972, also ein Jahr nach ihrem Tod, ist sie die erste amerikanische Fotografin überhaupt, die auf der Biennale in Venedig ausgestellt wird. Es geht eine Monografie von ihr um die Welt, das Museum of Modern Art macht eine Diane Arbus Retrospektive und einige ihrer fotografischen Ideen prägen bis heute die Fotografie.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 23 Jan 2022 16:49:57 GMT</pubDate>
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            <title>Zensierter Zensurprotest</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/zensierter-zensurprotest.html</link>
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            <description>Der erfolgreiche Hollywood-Portraitfotograf Whitey Schafer hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, dass sein berühmtestes Foto letztlich eine scherzhaft gemeinte Satireaufnahme sein würde.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Der erfolgreiche Hollywood-Portraitfotograf Whitey Schafer hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, dass sein berühmtestes Foto letztlich eine scherzhaft gemeinte Satireaufnahme sein würde.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Whitey_Schafer" target="_blank">Adolph Whitey Schafer</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20211004045132/https://twitter.com/Ragemus/status/1444887875565375495" target="_blank">Hinweis-Tweet von @Ragemus</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.openculture.com/2019/09/thou-shalt-not.html" target="_blank">“Thou Shalt Not”: A 1940 Photo Satirically Mocks Every Vice &amp; Sin Censored by the Hays Movie Censorship Code</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.moviehousememories.com/motion-picture-production-code-of-1930/" target="_blank">Motion Picture Production Code</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hays_Code" target="_blank">Hays Code</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hollywood" target="_blank">Hollywood</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roscoe_Arbuckle" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Roscoe Arbuckle</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://ladailymirror.com/2013/11/04/mary-mallory-hollywood-heights-mdash-a-l-whitey-schafer-simplifies-portraits/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mary Mallory / Hollywood Heights - A. L. “Whitey” Schafer Simplifies Portraits</a></li></ul>

<figure>
<figure><img loading="lazy" decoding="async" width="227" height="307" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Whitey_Schafer_-_May_1936_-_Motion_Picture_Studio_Insider.jpg" alt="Schwarz-Weiß-Porträt eines Mannes mittleren Alters in Anzug, der leicht zur Seite blickt und lächelt."/></figure>

<figure><img loading="lazy" decoding="async" width="754" height="960" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Thou_Shalt_Not_-_Whitey_Schafer_-_1940.jpg" alt="Eine Frau in einem dunklen Kleid sitzt neben einem kleinen Tisch und hält eine Pistole, während ein Mann auf dem Boden liegt; das Bild enthält außerdem einen Textblock mit englischen Buchstaben."/></figure>
</figure>

<div class="yt-facade" data-yt="HXZGKhpv8eg" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_HXZGKhpv8eg.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="Qt_Ebdzijkw" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_Qt_Ebdzijkw.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Hollywood war nicht immer das Zentrum der Filmindustrie, zwar gab es einige Pioniere des Bewegtfilms in Kalifornien, aber dass ausgerechnet Hollywood irgendwann einmal das Epizentrum der westlichen Kinokultur werden sollte, war längst nicht ausgemacht.</p>

<p>Eigentlich fing das Ganze mit einer Filmcrew an, die 1910 aus New York anreiste, um einen Film in Los Angeles zu drehen. Weil es beim ersten Versuch schon ziemlich gut geklappt hat, blieb man mehrere Monate und stellte gleich mehrere Filme fertig. Und weil auch das so gut funktionierte, wurde gleich das erste Filmstudio Hollywoods gegründet. Schon 1915 wurden dann die Mehrheit aller amerikanischen Filme in Los Angeles und Umgebung produziert. Und es gab nicht nur eins, sondern gleich mehrere Filmstudios.</p>

<p>Es waren die &#8222;Roaring Twenties&#8220;, es ging hoch her. Die Welt befand sich im Aufbruch und Partystimmung herrschte natürlich in Hollywood. Und so wundert es auch gar nicht, dass es relativ schnell zu ziemlich handfesten Skandalen kommt.</p>

<p>Immer mit den wichtigsten Zutaten handfester Hollywoodskandale: Sex, Drogen, Gewalt. 1921 dann ist es endgültig das Maß voll. Der berühmte Stummfilmstar Roscoe Arbuckle wird beschuldigt ein Filmsternchen grausam vergewaltigt und umgebracht zu haben.</p>

<p>Arbuckle kennen nicht mehr viele, aber damals war er auf Augenhöhe mit einem Buster Keaton oder Charlie Chaplin. Ihm wird der Prozess gemacht und er wird freigesprochen, allerdings ist seine Karriere danach beendet und Hollywood gilt endgültig als Sündenpfuhl.</p>

<p>Die Presse bekommt sich gar nicht mehr ein und schreit nach Konsequenzen, Hollywood, so der Tenor, verdirbt unsere Bevölkerung. Die Menschen werden moralisch korrumpiert, indem sie sich Sex, Gewalt und Drogen auf der Leinwand anschauen.</p>

<p>Aber Druck und Kritik kamen nicht nur von den Medien, sondern auch von Kirchen und Behörden. In den Zwanzigern und Dreißigern gab es zum Teil über hundert gleichzeitig laufende Verfahren in verschiedenen Bundesstaaten, alle mit dem Ziel Filme zu zensieren, Lizenzsysteme einzuführen, die Kontrolle über das, was Kinos spielen durften, erlaubten und dergleichen mehr.</p>

<p>Irgendwann wurde das ganze zum Thema für den amerikanischen Kongress und es drohte ein Zensurgesetz. Um das abzuwenden, stimmte man 1922 zu, die &#8222;motion pictures producers and distributors association&#8220; zu gründen. Und sich als Filmindustrie, sozusagen freiwillig, einer gewissen Selbstzensur zu unterwerfen.</p>

<p>Vorsitzender dieser neuen Zensurbehörde wurde ein Mann namens Hays und der nahm nun den Auftrag an, einen moralischen Code für die Filmindustrie zu entwerfen. Das Ergebnis war der sogenannte &#8222;Production Code&#8220; oder wie er umgangssprachlich auch oft genannt wurde: der sogenannte &#8222;Hays Code&#8220;.</p>

<p>Er sollte sicherstellen, dass das Publikum durch einen Film nicht korrumpiert werden würde, also moralisch beeinträchtigt. Und dazu gab es eine ganze Reihe von Vorschriften: z.B. durfte man in Filmen die Polizei nicht nachteilig darstellen oder das Brechen von Gesetzen positiv darstellen, Sex war natürlich auch verboten. Insbesondere Sex zwischen Schwarzen und Weißen, dafür gab es einen eigenen Paragrafen im Hays Code. Ähnliches mit der Sklaverei, die konnte man zwar zeigen, wenn es der Plot denn vorschrieb, aber bitte nur mit &#8222;People of Color&#8220;, white slavery verdiente auch einen eigenen Eintrag.</p>

<p>Überhaupt gab es so einige Gummiparagrafen in dem Ding. So fanden sich Einträge, die Obszönitäten zum Beispiel dem guten Geschmack unterordnen, ähnliches gilt natürlich für Tanz und Kostüme. Es versteht sich von selbst, dass unzüchtige Kleidung natürlich verboten war. Dabei versteht sich von selbst, dass es für Frauen natürlich viel leichter war sich unzüchtig zu kleiden als für Männer.</p>

<p>Auf jeden Fall gab es so einiges an Regeln und die Filmindustrie ordnete sich dem Ganzen bereitwillig unter, denn es war big business.</p>

<p>Und lieber ordnete man sich unter und hatte seine Ruhe, als sich dem Wohl und Wehe auszusetzen. Rechtssicherheit war wichtiger, als die Freiheit der Kunst. Die von Hays geleitete Behörde war von jetzt an zuständig, die Produktionsfirmen an die Einhaltung des Codes zu erinnern und ab 1934 wurde das ganze auch von einem entsprechenden Gesetzeswerk unterlegt. Es gab also Geldstrafen, wenn man gegen den Code verstieß, es gab Fristen und Melderechte und so weiter. Und während sich die Industrie damit arrangierte und in der Zeit tatsächlich auch eine ganze Reihe berühmter Filme entstehen lässt, schütteln natürlich auch viele Kreative der damaligen Zeit, Regisseure, Fotografen, Filmemacher einfach nur angesichts der Absurditäten des Hays Code den Kopf.</p>

<p>Und das bringt uns heute zu einem Mann, auf den mich der Ralph auf Twitter hingewiesen hat. Nämlich der Fotograf Adolph L. &#8222;Whitey&#8220; Schafer, Whitey war sein Spitzname, wegen seinen blonden Haaren und sein Fimmel für Seitenschals war legendär.</p>

<p>365 solle er einen besessen haben, für jeden Tag im Jahr einen. Aber heute geht es nicht um seine Haare und auch nicht um seine Schals. Whitey kam eigentlich aus dem Bundesstaat Utah, war aber in Kalifornien aufgewachsen und begann 1921 als Fotograf für verschiedene Filmstudios zu arbeiten.</p>

<p>Er fotografierte die aufstrebenden Hollywoodsternchen genauso wie die etablierten Stars der Szene. Er produzierte Glamour-Shots und Pin-up Kalender, besonders wenn es darum ging, nicht mehr ganz so züchtige von den attraktiven jungen Frauen Hollywoods zu machen, war Whitey schnell eine gesetzte Größe. Er hatte seine eigenen Tricks und Hausmittelchen, z.B. eine eigens entwickelte Creme, mit der Lichteffekte auf dem Körper seiner Modells malte.</p>

<p>Und angesichts all dieser dann doch nicht mehr ganz so züchtigen Fotoaufträge fand Whitey den Hays Code einfach nur bizarr, unnötig und einen Angriff auf die Meinungsfreiheit. Als &#8222;Director of Photopraphy&#8220; in verschiedensten Produktion und angestellter Fotograf für Studios wie Columbia oder Paramount Pictures, organisierte er auch regelmäßig Bildergalerien, produzierte Ausstellungen und nahm auch selbst regelmäßig an fotografischen Wettbewerben teil. Er war damals eine etablierte Größe der Szene und schrieb Bücher und Artikel über Porträtfotografie. Und natürlich war er auch bei der jährlich stattfindenden Ausstellung der &#8222;academie of Motion pictures, Arts and sciences&#8220;, ja der Akademie, die auch den Oscar verleiht, mit eigenen Werken vertreten. 1941 jedenfalls beschließt er das ganze aufzulockern und ein satirisches Bild einzureichen.</p>

<p>Dampft man nämlich den Hays Code auf das absolut Essenzielle zusammen, dann ergeben sich knapp zehn Kardinalfehler, die es zu vermeiden gilt. Und Whitey beschließt ein Foto zu machen, das gegen all diese zehn Fehler verstößt und es bei der Galerie zur Ausstellung einzureichen. Das Foto trägt den Titel &#8222;thou shalt not&#8220; und zeigt eine blonde Frau, die raucht, in Unterwäsche über einem offensichtlich erschossenen Polizisten steht, mit einem Revolver auf ihn zielt, während am Tisch im Hintergrund Alkohol zu sehen ist, Spielkarten im Vordergrund liegen und ein automatisches Gewehr im Bild ist.</p>

<p>Um dem Betrachter klarzumachen, worum es in dem Bild geht, stehen die Verstöße auch noch in einer Liste zu lesen. Kollegen, Studiofunktionäre, Regisseure, eigentlich finden das Bild alle großartig, außer natürlich den Leuten, wegen denen der Hays Code überhaupt existiert. Und so wird damit gedroht ihn zu verklagen, er soll dieselbe Strafe zahlen müssen, die Filmstudios zahlen müssen, wenn sie in Filmen gegen diese Auflagen verstoßen. Und das Foto soll natürlich nirgends gedruckt werden, denn es verstößt ja gegen die Zensurvorgaben.</p>

<p>Tatsächlich wird das Bild auch aus dem Wettbewerb zurückgezogen, allerdings sind die 18 Drucke, die Whitey für den Wettbewerb eingereicht hat nicht mehr aufzufinden, die haben sich die Juroren und Ausrichter des Wettbewerbs direkt alle unter den Nagel gerissen.</p>

<p>Überhaupt ist dieses Bild so beliebt, dass es an allen möglichen Stellen in Hollywood auftaucht und ab jetzt kennt jeder diese Aufnahmen. Nicht zuletzt auch wegen dem Skandal und Theater, dass darum veranstaltet wurde. Und es ist ein ziemlich cooles Bild, zunächst hatten allerdings die Zensoren Erfolg. Zwar entging Whitey Schafer der Strafe, aber, die Hollywood Studios waren trotzdem gezwungen, das Bild aus dem Verkehr zu ziehen und durften es nicht veröffentlichen. Es sollte mehrere Jahrzehnte dauern, bis das Bild zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde. Inoffiziell hat es da längst die Runde gemacht und viele kannten es natürlich.</p>

<p>Und das finde ich auch irgendwie ganz nett an der Geschichte, dass Whitey Schafer mit einem Bild berühmt wurde, dass er nicht verkaufen durfte und dass sich tierisch gegen Zensur wandte und diese Zensur genau dazu führte, dass das Bild gerade noch ikonischer wurde. Für eine Weile muss er sich trotzdem Sorgen machen, ob seine berufliche Tätigkeit ab jetzt in Gefahr ist, denn dieser ganze Zensurskandal hatte auch viel böses Blut produziert. Seine Arbeit sprach aber für sich und so wurde er auch weiterhin in gut bezahlten Jobs von Hollywood engagiert und hinterließ eine beachtliche Menge hervorragender Porträtaufnahmen. Sein Tod kam plötzlich und unerwartet, er starb mit 48 Jahren bei einer Explosion auf einer Yacht.<br>Und wäre es nicht zu diesem Unfall gekommen, dann hätte er wenig später miterleben dürfen, wie der Hays Code Vergangenheit wurde.</p>

<p>Es war nämlich so, dass sich nur die Amerikaner derart selbst zensierten, die Europäer hatten keinen Hays Code und die hatten auch keine moralischen Bedenken in ihren Filmen zu zeigen, was immer ihnen in den Sinn kam. Und das amerikanische Publikum wiederum freute sich über die Abwechslung. Mit der zunehmenden Öffnung der Märkte wurde es also schwerer, eine Form der Zensur durchzuhalten, die im Grunde die einheimische Industrie benachteiligte. Und so löste man sich von diesem Code. Ja und modernen Produktionen aus Hollywood kann man jetzt nun wirklich nicht vorwerfen, dass sie auf Gewalt, Sex oder die Verunglimpfung des Gesetzes verzichten würden.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 10 Dec 2021 17:17:09 GMT</pubDate>
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            <title>Versteckte Mütter</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/versteckte-muetter.html</link>
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            <description>Babies hassen es von ihren Müttern getrennt zu sein. Darum darf man sich bei fast jedem Baby-Portrait sicher sein: Irgendwo ist die Mama, manchmal vielleicht sogar als Stuhl getarnt...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Babies hassen es von ihren Müttern getrennt zu sein. Darum darf man sich bei fast jedem Baby-<a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> sicher sein: Irgendwo ist die Mama, manchmal vielleicht sogar als Stuhl getarnt&#8230;</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://petapixel.com/2011/12/12/eerie-hidden-mothers-in-vintage-photos/" target="_blank">Eerie Hidden Mothers in Vintage Photos</a> (Petapixel)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.theguardian.com/artanddesign/2013/dec/02/hidden-mothers-victorian-photography" target="_blank">The lady vanishes: Victorian photography&#8217;s hidden mothers</a> (Guardian)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.centredaily.com/entertainment/this-weekend/article42901287.html" target="_blank">Erasing the matron: Palmer Museum’s ‘Hidden Mother’ collection displays haunting edited photographs</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.bbc.com/news/in-pictures-25000664" target="_blank">In pictures: The Hidden Mother</a></li><li><a href="https://www.independent.co.uk/arts-entertainment/art/features/she-s-behind-you-the-hidden-mothers-on-the-late19th-century-equivalent-of-the-selfie-8969908.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">She&#8217;s behind you: The &#8218;hidden mothers&#8216; on the late-19th century equivalent of the selfie</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.domusweb.it/en/art/2013/06/17/the_hidden_mother.html" target="_blank">The Hidden Mother</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250429090516/https://kwerfeldein.de/2014/01/04/kwerfeldein-diskutiert-neugeborenenfotos/" target="_blank">kwerfeldein diskutiert: Neugeborenenfotos</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.annegeddesphotography.com/" target="_blank">Anne Geddes &#8211; offizielle Webseite</a></li><li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Geddes" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anne Geddes</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://kurier.at/leben/anne-geddes-hey-baby-wer-ist-am-suessesten/257.745.761" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anne Geddes: Hey, Baby, wer ist am süßesten?</a></li><li><a href="https://www.t-online.de/gesundheit/kindergesundheit/id_69112276/anne-geddes-zeigt-kinder-die-eine-meningitis-ueberlebten.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bewegende Fotos: Anne Geddes zeigt Kinder, die eine Meningitis überlebten</a></li><li><a href="https://www.stern.de/kultur/buecher/anne-geddes--suesse-babybilder-zum-muttertag-7436382.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Small World&#8220; - süße Babybilder von Anne Geddes</a></li><li><a href="https://web.archive.org/web/20250207154630/https://news.artnet.com/art-world/anne-geddes-profile-1849401" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anne Geddes Was Once the Queen of Baby Photography. Now, She’s Hit Hard Times - and Is Asking for Your Help</a></li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="VsFeQKGWRtw" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_VsFeQKGWRtw.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Seit ich mit diesem Podcast angefangen habe, begegne ich immer wieder Genres, von denen ich nicht gewusst habe, dass sie jemals existierten oder existieren. So zum Beispiel die Hidden Mother Photography.</p>

<p>Als die Menschheit mit der Fotografie begann, war das noch eine zeitaufwändige Prozedur. Manchmal mussten mehrere Minuten Belichtungen ausgehalten werden und deswegen dauerte es auch ein Weilchen, bis die ersten Portraitstudios ernsthaft ihre Dienste anbieten konnten.</p>

<p>Und die waren nach wie vor aufwändig. Ganz am Anfang musste man bei strahlendem Sonnenschein auftauchen und wurde dann unter freiem Himmel fotografiert, oder man befand sich minutenlang unbeweglich eingespannt in einer Halteapparatur in einer Art Glasgewächshaus und schwitzte vor sich hin, auf jeden Fall war das Portraitieren von Menschen am Anfang kein Spaß, vor allem für die portraitierten nicht.</p>

<p>Gleichzeitig fotografierten wir aber auch schon immer, was wir besonders liebten. Und was lieben wir mehr, als unsere Kinder und Kätzchen? Kätzchen und Kinder, besonders die jungen, lassen sich am besten dann fotografieren, wenn sie engelsgleich schlafen. Aber das tun die jetzt nicht immer und vielleicht auch nicht lang genug, insbesondere dann, wenn sie in einer ungewohnten Umgebung sind, mit ungewohnten Geräuschen und Gerüchen und wenn das Schatzelchen denn jetzt nun aufwachte, war es auch gleich nicht mehr fotogen, denn, wenn die Mama nicht irgendwo in der Nähe war, gab es halt Randale.</p>

<p>Eine Lösung musste also her. Wenn man denn nicht sowieso gleich im Familienkreis fotografieren wollte, sondern vielleicht auch nur das Baby aufs Bild bannen, dann musste die Mama irgendwo in der Nähe sein. Konnte man Erwachsene noch einfach in irgendwelche Metallgestänge einspannen, sodass sie bewegungslos blieben, konnte die Mama natürlich unter Umständen ganz anders auf das Kleinchen einwirken. Wollte man aber ein Bild, wo da nur das Kind ist, dann muss die Mama wie der Stuhl aussehen. Oder wie der Vorhang hinter dem Kind.</p>

<p>Und genau das ist die Geburtsstunde des Genres, das man &#8222;Hidden Mother Photography&#8220; nennt, ein Genre, dem wir ohne das Internet eigentlich nie begegnet wären. Denn da kam es im Jahr 2010 zu einem regelrechten Boom. Es hatte schon eine ganze Weile verschiedene Sammler gegeben, die Daguerreotypien von Babys und Kleinkindern mit verdeckten Erwachsenen im Hintergrund gesammelt haben. Als das Internet genügend verbreitet war, fingen die an, ihre Sammlungen zu digitalisieren und online zu stellen. Flickr legte ein Album dafür an und verschiedene Museen wurden darauf aufmerksam und begannen Ausstellungen zu organisieren.</p>

<p>Heute kennen wir einige tausend Daguerreotypien mit Kleinkindern und Babys und mal mehr, mal weniger kunstvoll versteckten Müttern. Und in unserer heutigen Hochgeschwindigkeitsdigitalfotografiewelt amüsieren wir uns auch einigermaßen darüber. Denn das Baby muss ja nicht lange stillhalten, damit wir ein schönes Foto machen können.</p>

<p>Das Genre an sich gibt es also in abgewandelter Form auch heute noch. Zwar muss die Mama sich nicht mehr als Stuhl oder Vorhang tarnen lassen, sondern steht entweder außerhalb des Bildbereichs oder wird nachträglich mit <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> entfernt, aber ganz allgemein gehen wir immer noch erstaunliche Wege, um zu verhindern, dass die Mutter mit im Bild ist.</p>

<p>Jetzt ist ja während ich das aufnehme gerade wieder kurz vor Weihnachten und die Läden sind voll mit Kalendern und Grußkarten. Und je süßer wir werden wollen, desto kindlicher wird das Ganze. Und da begegnen wir einer der berühmtesten und erfolgreichsten Fotokünstlerinnen der Welt. Und einer Persönlichkeit, bei der ich mir ehrlich gesagt gar nicht sicher war, ob ich darüber reden möchte, weil ich diese Fotos so unerträglich kitschig finde, ihr aber damit, wie ich inzwischen weiß, wahrscheinlich einfach mal Unrecht getan habe.</p>

<p>Die Rede ist von Anne Geddes. Ich beklage ja gerne, dass <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen irgendwie nicht zur Allgemeinbildung gehören zu scheinen. Aber ich glaube, mich aus dem Fenster lehnen zu können und zu behaupten, Anne Geddes ist da eine Ausnahme der Regel. Sie ist überdurchschnittlich bekannt. Und wer den Namen nicht kennt, kennt zumindest ihre Fotos. Ein Baby, das als Sonnenblume verkleidet ist, zwei schlafende Zwillinge, die in einem Bastkörbchen auf einer rosa Wolke zu schweben scheinen, es sind tatsächlich Säuglingsbilder, mit denen Anne Geddes berühmt wurde und durch die sie ihren Namen gemacht hat.</p>

<p>Mit der Fotografie hatte die Australierin ungefähr im Alter von 25 Jahren begonnen. Sie hatte sich aus einer Laune heraus die Familienkamera, damals eine Pentax, gegriffen und damit zu fotografieren begonnen. Als sie geheiratet hatte und mit ihrem Mann nach Hongkong gezogen war, wollte sie zum Familieneinkommen beitragen und hatte Freude an der Fotografie gefunden und so beschloss sie, ein Portraitstudio zu eröffnen.</p>

<p>Zehn Jahre lang machte Anne Geddes all das, was man in einem Portraitstudio so macht. Bewerbungsfotos, Familienbilder, Pärchenfotos und immer wieder auch mal Bilder von kleinen Kindern. Und jede Fotosituation und jedes Alter hat natürlich dann seine ganz eigenen Herausforderungen. Schnell hat sie dabei dann auch entdeckt, dass sie eine Faszination für gerade das Neugeborene oder sehr junge Leben hatte. Grenzenloses Potenzial steckt da drin.</p>

<p>Zehn Jahre sind eine lange Zeit und irgendwann wird auch die originellste Portraitfotografin etwas gelangweilt von der täglichen Routine. So ging es auch Anne Geddes und so fing sie an, mindestens einmal im Monat ein Foto nur für ihren eigenen Gebrauch zu machen. Und sie beschloss, einen Kalender zu produzieren. Sie überlegte sich ein Fantasythema und begann, Fotos zu produzieren, die in dieses Thema passen.</p>

<p>Der Kalender war dann schnell produziert und als es dann auf das Jahresende zuging, verkaufte sie ihn in ihrem Studio und hatte einen enormen Erfolg damit. Die Motive, so unglaublich kitschig sie auch waren, schlagen eine emotionale Note an. Viele Menschen lieben Fotos von Neugeborenen, besonders, wenn sie auf so eine interessante Art und Weise dargestellt werden.</p>

<p>Wir haben ja heute das Gefühl, dass das zum Standardrepertoire gehört, also Babys in irgendwelche super kitschigen Accessoires zu stecken. Aber als Anne Geddes damit anfing, war das eine komplett neue, frische Idee. Kleine Feenkostümchen, Flügelchen, Babys als Schmetterling, eieiei. Aber so, wie viele Menschen Bilder von roten Sonnenuntergängen lieben, sind eben Babyfotos auch Evergreens.</p>

<p>Und so kombinierte Anne Geddes etwas, das sie liebte, mit etwas, das offensichtlich kommerziell Erfolg hatte. Und heute, gut 30 Jahre später, ist sie eine der meistverkauften <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> der Welt. Über 18 Millionen Bücher, über 13 Millionen Kalender, eine der wenigen Fotografen, die überhaupt jemals auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet sind, sehr zu ihrer Überraschung, übrigens, eine Kooperation mit Celine Dion und immer öfter stellt sie ihre Kunst inzwischen auch in wohltätige Dienste.</p>

<p>Wer übrigens bei Anne Geddes diese quietschbunten, kitschigen Fotos als Erstes im Kopf hat, möge mal auf ihrer Website vorbeisurfen. Inzwischen sind da eine Menge Schwarzweißbilder zu sehen und allgemein, muss ich zugeben, sind die Bilder geschmackvoller, als ich zunächst aus Erinnerung der ganzen Kalender, die ich über die Jahre wahrgenommen habe, gedacht hätte.</p>

<p>Und all diese Fotos, für die Anne Geddes berühmt geworden ist, sind natürlich ohne Mutter. Hidden Mother Photography, sozusagen. Und wie schon bei anderen Genres ist es ja so, dass wir als, sagen wir mal, Orthonomalfotograf*innen ja auch oft nachahmen, was wir gesehen haben und was uns gefallen hat. Und deswegen gibt es nicht nur die 13 Millionen Kalender, die Anne Geddes höchstselbst herausgegeben hat, mit solchen Motiven, sondern ungezählte privat fotografierte Kalender, die ganz ähnlich oder zumindest davon inspiriert sind. So funktioniert halt Popkultur und gerade bei der Fotografie finde ich das großartig.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Mon, 15 Nov 2021 18:43:32 GMT</pubDate>
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            <title>Afghan Girl</title>
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            <description>1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover. Das Bild erreicht als &#8222;Afghan Girl&#8220; weltweiten Kultstatus und sorgte später nachdem man Sharbat Jahrzehnte später ausfindig gemacht hatte für ihre Sicherheit.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sharbat_Gula" target="_blank">Sharbat Gula</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Afghan_Girl#:~:text=Afghan%20Girl%20is%20a%201984,1985%20cover%20of%20National%20Geographic" target="_blank">Afghan Girl</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Steve_McCurry" target="_blank">Steve McCurry</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.stevemccurry.com/" target="_blank">Steve McCurry&#8217;s Webseite</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://shows.acast.com/bb90e2e3-2995-416d-840e-44ec3ab41f6a/episodes/d8fceaad-84fb-47e1-9ed2-d617b96e6e5b" target="_blank">Podcast Interview: Unfolding Maps &#8211; A Life of Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.npr.org/2015/07/26/425659961/how-one-photographer-captured-a-piercing-gaze-that-shook-the-world" target="_blank">NPR &#8211; How One Photographer Captured A Piercing Gaze That Shook The World</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://petapixel.com/2016/06/07/eyes-afghan-girl-critical-take-steve-mccurry-scandal/" target="_blank">Eyes of the Afghan Girl: A Critical Take on the ‘Steve McCurry Scandal’</a></li><li>This is the disturbing story behind the iconic “AFGHAN GIRL” photo</li><li><a href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/article/afghan-girl-revealed" target="_blank" rel="noreferrer noopener">National Geographic &#8211; A Life Revealed</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/panorama/pakistan-afghanisches-maedchen-mit-den-gruenen-augen-in-haft-a-1118338.html" target="_blank">Spiegel: Polizei nimmt &#8222;Mädchen mit den grünen Augen&#8220; fest</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/panorama/afghanistan-das-maedchen-mit-den-gruenen-augen-kehrt-zurueck-a-1119782.html" target="_blank">Spiegel: Das Mädchen mit den grünen Augen kehrt zurück</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20221005022800/https://kwerfeldein.de/2017/08/14/rezension-afghanistan-steve-mccurry/" target="_blank">Kwerfeldein: Rezension: „Afghanistan“ von Steve McCurry</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/reise/steve-mccurry-der-weltberuehmte-fotograf-ueber-reisen-und-kindheit-a-0fd8b3fc-ddaa-4ca2-8cf9-c4908d362804" target="_blank">Spiegel Interview mit Steve McCurry</a></li></ul>

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<p class="has-small-font-size">Credits: </p>

<ul class="has-small-font-size"><li>Episodenbild: <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/article/afghan-girl-revealed" target="_blank">Steve McCurry for National Geographic</a></li><li>Battle Sound Effects: <a rel="noreferrer noopener" href="https://freesound.org/people/DudeAwesome/sounds/385846/" target="_blank">Freesound.org, DudeAwesome</a> </li></ul>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Unsere heutige Geschichte fängt Anfang der 80er an, irgendwo in Afghanistan. Die kleine Sharbat schaut in den Himmel. Sie hört Helikopter auf ihr Dorf zufliegen. Es sind sowjetische Militärhubschrauber, die direkt mit einem Angriff beginnen, einen Angriff, der das Dorf komplett überrascht. Sharbats Eltern kommen bei dem Angriff ums Leben. Der Rest ihrer Familie befindet sich ab jetzt zusammen mit ihr auf der Flucht.</p>

<p>Zu Fuß über die verschneiten Berge Pakistans schaffen sie es zu einem Flüchtlingscamp an der Pakistanisch-Afghanischen Grenze. Und das ist der Ort, an dem eins der ikonischsten Fotos des 20. Jahrhunderts geschossen werden wird.</p>

<p>Es gibt einen zweiten Menschen, der für unsere Geschichte heute wichtig ist. Und das ist ein berühmter Fotograf, Steve MCCurry, der zu der Zeit, als Sharbat vor den Angriffen der Sowjets fliehen musste, schon über 30 Jahre alt war. Eigentlich wollte Steve ursprünglich mal Filmemacher werden, studierte dann aber darstellende Künste. Durch einen Nebenjob bei einem Zeitungsverlag kam er dann zur Fotografie.</p>

<p>Steve hatte noch nicht viel von der Welt gesehen und er wollte ein bisschen herumkommen und so entschloss er sich zu einer Reise nach Indien. Und da entdeckte er natürlich auch schnell, dass seine Bilder sich durchaus verkaufen ließen. Mal verkaufte er an journalistische Medien wie Zeitungen zum Beispiel, mal ging es eher um die Bebilderung von Reisemagazinen. Er bereiste die ganze Region und so verschlug ihn es auch irgendwann nach Pakistan und in Pakistan hörte er dann zum ersten Mal von dem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> in Afghanistan.</p>

<p>Er freundete sich mit afghanischen Rebellen an und überzeugte sie davon, ihn als Afghane verkleidet in von Rebellen kontrolliertes Gebiet zu schmuggeln. Im Westen wusste man zu der Zeit wenig über den Konflikt in Afghanistan. Das Geschehen war weit weg, die Menschen hatten kein Gesicht. Steve MCCurry war erschüttert, aber er war als Fotograf gekommen, er hatte Filme und Kameras dabei. Und so beendete er diese erste Reihe mit unzähligen belichteten Filmen, die er, damit er sie außer Landes schmuggeln konnte, in seinen Turban und seine Unterwäsche einnähte.</p>

<p>Und es sind diese Fotos, die seine Karriere erst so richtig ins Rollen brachten. Renommierte Zeitungen wie die New York Times und Time Magazine veröffentlichten Bilder von ihm und er gewann im selben Jahr die Robert-Capa-Goldmedal, einen Preis, der für herausragende Fotoreportage vergeben wird.</p>

<p>Und ganz im Stil dieses ersten Erfolgs geht es für Steve MCCurry weiter. Er bleibt nicht nur in der Region, sondern er begleitet mit seiner Kamera die Menschen in den bewaffneten Konflikten im Mittleren Osten, in Indien, als Iran und Irak im <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> sind, ist Steve MCCurry dabei, der Bürgerkrieg in Kambodscha, der Bürgerkrieg in Libanon, der Golfkrieg oder der Afghanische Bürgerkrieg, Steve MCCurry ist dabei und portraitiert und hält fest.</p>

<p>Sieht man sich sein Werk an, stellt man zwei Sachen fest: Erstens geht es Steve MCCurry nie in erster Linie um die Situation, sondern immer um die Menschen, die er darin festhält. Der Großteil seiner Bilder und alle seine erfolgreichen Bilder sind im Grunde Portraits. Manche davon Gruppenportraits, manche davon mit mehr Kontext, viele davon zeigen natürlich auch die Umgebung, aber es geht immer um die Menschen, die er festhält.</p>

<p>Das nächste, was auffällt, ist, dass Steve MCCurry ein Meister der Farbfotografie ist. Und zwar ein Meister der Reduktion in der Farbfotografie. Steve MCCurry hat nicht nur ein Auge für die besonderen Gesichter, die besonderen Szenen, die herausstechenden Situationen, er geht außerdem mit Farbe so virtuos um, dass seine Bilder einen ganz eigenen Look haben. Bei seinen besten Fotos sieht es fast so aus, als wären in dem Bild eigentlich nur noch zwei bis drei Farben vorhanden.</p>

<p>Steve MCCurry wird auch immer mal wieder vorgeworfen, dass seine Fotografien sehr stereotypische Szenen zeigen. Die Menschen aus Indien in Steve MCCurrys Bildern sehen wirklich so aus, wie sich westliche Menschen Leute in Indien nun mal vorstellen: Sonnengegerbte, dunkle Haut, bunte Turbane, erdfarben. Und trotzdem ist Steve darauf auch nicht begrenzt. Immer wieder mal fotografiert er auch einfach nur Landschaften und Tiere. So wird er 2015 zum Beispiel dafür engagiert, für Microsoft ein ganz offizielles Windows 10 Hintergrundbild zu machen und 2019 kommt ein Buch heraus, das man beim Taschen Verlag kaufen kann, in dem er seine Lieblingstierbilder veröffentlicht hatte.</p>

<p>Aber eigentlich sind es die Bilder von Menschen, für die er berühmt ist, und es gibt ein Bild, das ihn wahrscheinlich wie kein anderes in seinem mehrere hunderttausend Fotografien umfassendes Portfolio definiert. Und da sind wir jetzt wieder angekommen bei Sharbat. Irgendwann 1984 begibt es sich nämlich, dass Steve MCCurry im Auftrag von National Geographic Fotos in den Flüchtlingscamps von Pakistan macht. Er läuft durch die Zeltstadt und kommt an einer Schule vorbei. Naja, &#8222;Schule&#8220; ist so ein großes Wort, an einem etwas größerem Zelt, in dem Mädchen unterrichtet werden. Es ist gerade kein Unterricht, die Kinder tollen herum und Steve fällt ein Mädchen sofort wegen seiner durchdringenden Augen auf: Sharbat. Er redet mit der Lehrerin, die selbst eine Kriegsversehrte ist, ihr fehlt ein Bein, sie kann nur mit Krücken laufen. Steve wird von den Menschen, die das Flüchtlingslager betreiben, als eine Chance gesehen, die Weltöffentlichkeit auf die Zustände aufmerksam zu machen und so stimmt die Lehrerin dabei zu, ihm dabei zu helfen, die Mädchen zu fotografieren.</p>

<p>Er hat es eigentlich nur auf dieses eine Kind abgesehen, wegen diesen Augen, aber er möchte natürlich auch, dass das Kind sich wohlfühlt vor seiner Kamera. Es ist ungewöhnlich, als ein westlicher Mann überhaupt in so einer Umgebung unterwegs sein zu dürfen und Mädchen zu fotografieren ist noch viel ungewöhnlicher. Und so hält sich Steve eine Weile lang in dem Zelt auf und fotografiert verschiedene Kinder der Klasse. In einem Interview später sagt er, er wollte auch eine Situation schaffen, in der sich alle Beteiligten wohlfühlen und in der sich das Mädchen, das ihm aufgefallen war, fast schon ausgeschlossen fühlen würde, wenn sie nicht auch fotografiert wird.</p>

<p>Schließlich kommt sie an die Reihe. Sie ist scheu. Sie ist schon in der Pubertät und für Mädchen in der Pubertät geziemt es sich nicht, ihr Gesicht vor Männern zu zeigen, ganz besonders nicht vor westlichen Männern. Und so hält sie ihren Schal vor ihr Gesicht. Steve macht verschiedene Fotos, so um die acht bis zehn, und positioniert sie an unterschiedlichen Stellen in dem Zelt. Die Lehrerin hilft ihm beim Übersetzen und posieren des Mädchens. In den meisten dieser Bilder sieht sie mehr oder weniger unbeholfen aus, unsicher, aber es gibt zwei Aufnahmen, in denen sie plötzlich sehr konzentriert in die Kamera blickt. In einer dieser zwei Aufnahmen hält sie den Schal vor den Mund, in der anderen Aufnahme blickt sie seitlich direkt in die Kamera.</p>

<p>Steve MCCurry reist wieder ab, die Filme werden dem Büro zur Entwicklung übergeben und setzt sich wenige Tage später mit seinem Redakteur bei National Geographic hin, um Bilder auszuwählen. Schnell ist klar, dass dieses Mädchen ein potenzielles Coverbild ist. Wenn man wie Steve on Assignment ist, weiß man nicht, dass man jetzt unter Umständen gerade für ein Cover fotografiert, man macht einfach Fotos. Und die Entscheidung, ob irgendetwas auf dem Cover landet oder nicht, wird dann von der Redaktion und den Bildeditoren getroffen.</p>

<p>Im Falle von Steves Bildern war auf jeden Fall schnell klar, dass eines seiner Fotos von diesem Flüchtlingscamp ein Kandidat für ein Coverbild sein würde, allerdings gibt es zuerst Unsicherheit, ob dieses Bild überhaupt geeignet sein würde. Es ist ein sehr eindrucksvolles Bild, ein sehr durchdringender Blick. Vielleicht, so die Sorge, ist das Bild zu frontal für die Leser von National Geographic. Aber das Bild, wo das Mädchen den Schal vor den Mund hält, das ist doch vielleicht geeignet.</p>

<p>Steve ist überzeugt davon, dass das Bild, wo man das Gesicht komplett sieht, das stärkere Bild ist, und so ertrotzt er sich, dass der Bildeditor beide Fotos vorgelegt bekommen soll. Der wiederum schaut sich die beiden Bilder an und ist sofort sicher: Das Foto, das wir heute als &#8222;Afghan Girl&#8220; kennen, kommt auf das Cover von National Geographic.</p>

<p>Und stellt sich schnell als National Geographics erfolgreichstes Cover heraus. Das Bild wird sofort ikonisch. Reproduktionen dieser Aufnahme gibt es auf der ganzen Welt und es ist das einzige Coverbild, das der National Geographic in seiner Geschichte dreimal als Titelbild verwendet. Es zeigt Sharbat, wie sie vor dem grünen Zelt ihres Schulzelts steht und mit ihren eindringlich grünen Augen ernst in die Kamera schaut.</p>

<p>Viel wurde darüber geschrieben, warum dieses Bild diese Wirkung entfaltet. Es ist auffällig, wie Steve MCCurry hier die Farben reduziert hat. Im Grunde ist dieses gesamte Bild eine Mischung aus Braun- und Grüntönen. Ihr Überwurf ist löchrig, der hat Brandflecken von ihrer Flucht. Der ernste Gesichtsausdruck, die durchdringenden Augen, die tiefgrün, aber mit einem dunklen Rand versehen sind, es ist ein Bild, das man stundenlang anschauen kann.</p>

<p>Ich habe oft gelesen, dass dieses Bild den Menschen die Situation der Flüchtlinge vor Augen geführt haben soll, ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Denn es ist außerdem ein sehr ästhetisches <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a>. Klar, ihr Überwurf hat Löcher, klar, sie ist leicht dreckig im Gesicht, aber nichts an diesem Bild deutet auf das Elend hin, das in diesem Flüchtlingscamp herrschen muss. Ja, sie sieht ernst aus, aber eigentlich ist das zunächst mal eine wirklich schöne Aufnahme, in der man sich verlieren kann.</p>

<p>Die Aufnahme bekommt nochmal Extraschub, als nach den Anschlägen am 11. September die Bush-Administration sich für Rechte von Frauen in Afghanistan stark macht und dieses Bild als eine ikonische Darstellung dieser geknechteten und unterdrückten Frauen herhält. Für Steve MCCurry muss schnell klar gewesen sein, dass dieses Bild dein Ausnahmefoto ist. Regelmäßig wird er dazu interviewt. Immer wieder wird er gefragt, wer ist dieses Mädchen. Hätte er gewusst, welchen Wirbel diese Aufnahme erzeugen würde, er hätte sich Details geben lassen. So aber war er aus dem Flüchtlingscamp abgereist, ohne zu wissen, wie das Mädchen heißt, wie alt es wirklich war, welche Geschichte es hinter sich hatte, außer, dass es eine von den vielen Flüchtlingsmädchen ohne Eltern war.</p>

<p>Und so begann er in den 90ern, nach diesem Mädchen zu suchen. Den Namen herauszufinden. Und das ist wirklich schwierig in einem Land und einer Kultur, in dem Frauen sich normalerweise vollverschleiert zeigen oder gar nicht in die Öffentlichkeit gehen und in einem Milieu, in dem Papiere und Registrierungen nicht unbedingt gerade verbreitet sind. Und deswegen findet er das Mädchen auch nicht.</p>

<p>Man muss dazu auch verstehen, dass diese Aufnahme, so ikonisch sie sein mag, eigentlich nur in unserem Kulturkreis so verbreitet ist. Klar gibt es Menschen in Afghanistan und in Pakistan, die diese Aufnahme auch gesehen haben, aber nur im westlichen Kulturkreis ist die Aufnahme derart berühmt geworden, dass sie buchstäblich jedes Kind kennt. In Afghanistan und Pakistan kann man sein Leben leben, ohne diesem Bild je große Beachtung geschenkt zu haben.</p>

<p>Trotzdem vergeht, so sagt Steve MCCurry in verschiedenen Interviews, keine Woche, ohne, dass jemand nach der Identität dieses Mädchens fragt. Und deswegen erklärt sich National Geographic im Jahr 2002 bereit, eine Expedition auszustatten und nach diesem Mädchen systematisch zu suchen. Das Ganze wird von einem Kamerateam begleitet und soll eine Dokumentation werden.</p>

<p>Und diesmal ist man erfolgreich. Die damals etwas über 30 Jahre alte Sharbat wird erfolgreich aufgespürt und dann zum zweiten Mal in ihrem Leben von Steve MCCurry fotografiert. Oder überhaupt zum zweiten Mal fotografiert. Sie hat immer noch diesen durchdringenden Blick.</p>

<p>Durch diese Begegnung wissen wir jetzt auch etwas mehr über ihre Geschichte. Sie hat wohl irgendwo zwischen ihrem 13. und 16. Lebensjahr geheiratet und kehrte dann 1992 in das Dorf zurück, aus dem sie als kleines Mädchen geflohen war. Ihr Leben war nicht unbedingt gerade einfacher gewesen, nachdem sie das Flüchtlingslager verlassen hatte. Sie bekommt fünf Kinder, eins davon stirbt noch als Baby, und drei davon sind Mädchen und so sagt Sharbat im Interview mit dem National Geographic Team, dass sie wirklich hofft, ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen zu können.</p>

<p>2012 dann stirbt ihr Mann und hinterlässt sie als Witwe. Zu dem Zeitpunkt war sie wieder nach Pakistan zurückgekehrt und hier ist es auch, wo sie dann 2015 und 2016 Probleme mit den dortigen Behörden bekommt. Ihre Dokumente stellen sich als teilweise unecht heraus und so wird sie festgenommen. Und hier ist auch der Moment gekommen, in dem es wirklich praktisch ist, als Afghan Girl durch Steve MCCurry für immer ikonisiert worden zu sein. Amnesty International protestiert medienwirksam und öffentlich und so entscheidet sich der damalige Präsident Afghanistans, Aschraf Ghani, Sharbat nach Kabul einzuladen und dort ganz offiziell nicht nur einzubürgern, sondern zu ehren. Sie bekommt in der Hauptstadt eine 280 m² große Residenz zugeteilt und die Regierung verspricht, sie finanziell zu unterstützen.</p>

<p>Und das ist der letzte Stand, den wir von Sharbat haben. Zum Zeitpunkt der Aufnahme haben ja die Taliban gerade wieder die Regierung übernommen und so weiß man im Moment leider nicht, wie es Sharbat Gula im Augenblick geht. Ist sie immer noch in der Unterkunft, wird sie immer noch vom Staat finanziell unterstützt, das ist im Moment unklar. Ich nehme aber mal an, so wie in der Vergangenheit ist es auch jetzt so, dass Steve MCCurry regelmäßig nach Sharbat Gula gefragt wird und deswegen auch ein Interesse daran haben wird, diesen Kontakt vielleicht immer wieder mal zu halten.</p>

<p>Und auch National Geographic ist, seit sie erfolgreich aufgespürt wurde, immer mit ihr in Kontakt geblieben. Es wurde ein Fund in ihrem Namen aufgelegt, um afghanische Kinder zu unterstützen und man unterstützte sie finanziell, als sie eine Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen wollte, übernahm National Geographic die Kosten, als medizinische Behandlungen notwendig wurden für Familienmitglieder, wurde auch das vom National Geographic bezahlt.</p>

<p>Gleichzeitig reißen allerdings auch kontroverse Diskussionen rund um Steve MCCurry und auch speziell diese Aufnahme anscheinend nicht ab. Wir sind heute sensibler in manchen Situationen als frühere Generationen von <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen es waren. Steve MCCurry war manchmal unterwegs in einem Spannungsfeld zwischen Journalismus und künstlerischer Fotografie. Magazine wie der National Geographic waren sicherlich nicht mit journalistischem Anspruch unterwegs und so war Steve MCCurry unter anderem auch dafür bekannt, dass er Fotos durchaus auch dirigierte. Anders, als es Journalisten erwarten würden, posierte er also auch mal seine Models, so also zum Beispiel das Afghan Girl. Das allein wird schon immer wieder mal angeprangert.</p>

<p>Während seiner Karriere hat Steve MCCurry mehrere hunderttausend Fotos gemacht und da er nicht nur im Auftrag von Zeitungen und Magazinen unterwegs war, sondern sich auch durch die berühmte Pressefotoagentur Magnum vertreten ließ, kam es irgendwann zu Problemen mit Fotos, die nachträglich bearbeitet waren. Steve MCCurry hat eigentlich nie den grundsätzlichen Sinn und die Bildaussage verändert, aber Bilder, die im journalistischen Kontext verwendet werden, dürfen nun mal nicht, um ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, stark bearbeitet worden sein. Und manche von Steve MCCurrys Bildern waren durchaus deutlich bearbeitet worden. Da wurden Bildelemente weggestempelt, Farben verändert, und so kam es in den 2010ern zu einer etwas größeren Kontroverse rund um seine Aufnahmen.</p>

<p>Und wenn man schon mal dabei ist, kann man natürlich auch gleich weitermachen und über die Rolle von westlichen Fotografen, gerne auch weißen, männlichen westlichen Fotografen in Krisengebieten und in Flüchtlingscamps reden. Hatte nicht Steve, so der Vorwurf, hier eine Machtposition ausgenutzt? Das ist eine Frage, der sich alle Krisenfotografinnen und -fotografen heutzutage stellen müssen. Sie reisen in Regionen der Welt, in denen entsetzliches stattfindet, machen da dann Fotos und verkaufen diese Fotos. Und wenn sie dann nicht im Kontext von journalistischer Berichterstattung, sondern zum Beispiel in Bildbänden oder in Ausstellungen erscheinen, kann man argumentieren, dass sie ja auf dem Elend dieser Menschen aufbauend ihren Lebensunterhalt verdienen.</p>

<p>Das Gegenargument freilich ist dann, dass solche Fotos Menschen auch aufmerksam machen auf Zustände, Menschen dazu bringen, Mitgefühl zu haben. Von dem Foto &#8222;Afghan Girl&#8220; wird behauptet, dass es überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass Menschen sich für den Konflikt in Afghanistan interessiert haben.</p>

<p>Aber es ist eine kontroverse Diskussion, unter anderem auch deswegen, weil ja bekannt ist, dass Mädchen sich normalerweise eben nicht unverschleiert einem westlichen oder überhaupt einem fremden Mann zeigen, Steve MCCurry aber dafür gesorgt hat, dass dieses Foto, das ein unverschleiertes Mädchen zeigt, weltberühmt wurde. Er hat da gewissermaßen einen Tabubruch begangen, einen Tabubruch, den wir vielleicht als hinnehmbar empfinden, der aber im dortigen Kulturkreis problematisch ist. Er macht sich einer Anmaßung schuldig.</p>

<p>Obendrein hat Sharbat ja niemand gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Das ist ja ein Thema, das ich auch schon in der Folge zum <a "/posts/das-ultimative-anti-kriegs-bild.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="51" title="Nick Út">Napalm Girl</a> angesprochen habe. Kaum, dass ein Foto nicht nur gemacht und veröffentlicht wurde, sondern von der Weltgemeinschaft als ikonisch wahrgenommen wird, verlieren die Menschen auf den Bildern anscheinend alle Rechte an dieser Aufnahme. Sharbat Gula, also zumindest die 13-jährige Sharbat Gula gehört jetzt irgendwie uns allen, ob es ihr nun passt oder nicht. Und klar hat das auch Vorteile für sie, aber in unserer heutigen Zeit haben wir verändert, wie wir über die Frage der Zustimmung nachdenken. War es vor wenigen Jahrzehnten noch völlig in Ordnung, einfach Wildfremde zu fotografieren und deren Portraits zu veröffentlichen, egal, ob sie wollten, oder nicht, ist das heute an immer engere moralische und ethische Grenzen geknüpft. Wo man persönlich jetzt da die Linie ziehen möchte, bleibt jetzt jedem selbst überlassen.</p>

<p>Steve MCCurry selbst hat sich im Rahmen dessen, was damals üblich war, verantwortungsvoll und freundlich bewegt. Klar hat er Menschen posiert, klar wusste er auch, wie er sich bewegen muss, um die Bilder zu bekommen, die er gerne bekommen wollte, aber er hat uns auch eindrückliche Werke geschenkt und auf verschiedensten Wegen versucht, auch wieder etwas zurückzugeben. Im Falle von Sharbat ist es hoffentlich so, dass ihr Status als Fotoikone sie auch jetzt in der neuen Situation in Afghanistan beschützt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 16 Oct 2021 14:35:36 GMT</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Schärfe ist nicht alles</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/schaerfe-ist-nicht-alles.html</link>
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            <description>Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste Fotografin des viktorianischen Zeitalters.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> des viktorianischen Zeitalters. Sie war erst im Alter von 48 zur Fotografie gekommen und erlangte innerhalb von 16 Jahren durch ihren einzigartigen Bildstil Berühmtheit. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/essays/julia-margaret-cameron-1815-1879" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (The Met)</li><li><a href="https://www.getty.edu/publications/virtuallibrary/0892366818.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Complete Photographs</a> (PDF, 321MB)</li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-54-41-800x1024.jpg" alt="Sepiafarbenes Porträt eines jungen Mädchens, das mit verschränkten Armen liegt und von großen Engelsflügeln umrahmt wird." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="819" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/The_Kiss_of_Peace_by_Julia_Margaret_Cameron1-819x1024.jpg" alt="Zwei Frauen mit langem Haar sind in einem Sepia-Tonporträt eng zusammengehalten, wobei die Frau rechts leicht aufblickt und die andere Frau sich zu ihr neigt." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-51-24-773x1024.png" alt="Schwarz-Weiß-Porträt einer jungen Frau mit gewelltem Haar, die vor einem dunklen Hintergrund dramatisch beleuchtet ist." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="796" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/brave_2021-09-24_19-50-44-796x1024.png" alt="Porträt eines älteren Mannes mit zerzaustem weißem Haar und dunkler Kleidung, der direkt in die Kamera blickt." /></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="2ya7XWByKks" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_2ya7XWByKks.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="WihqL0NImqc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_WihqL0NImqc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="WUzSDzI-wDw" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_WUzSDzI-wDw.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Oft wird ja mal von den Vätern der Fotografie gesprochen und dabei gerne übersehen, dass von Anfang an Frauen genauso fasziniert von der neuen Technik waren wie ihre männlichen Zeitgenossen. Verstärkt wird das Ganze noch dadurch, dass es überwiegend männliche Fotografen sind, von denen wir auch heute noch wissen. Nicht nur war es für Frauen oft schwerer als für Männer, mit der Fotografie einen Lebensunterhalt zu bestreiten, es war auch deutlich schwerer, in entsprechenden Kreisen Anerkennung zu finden und zum Beispiel Ausstellungen zu organisieren oder gar veröffentlicht zu werden. Trotzdem gibt es natürlich ein paar Namen, die man finden kann. Und in der Liste all dieser großartigen <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> sticht eine ganz besonders heraus: Julia Margaret Cameron.&nbsp;</p>

<p>Ich finde das gar nicht so einfach, mit modernen Augen auf die Bilder von Julia Margaret Cameron zu blicken. Sie gehört der Gruppe der sogenannten &#8222;frühen Piktorialisten&#8220; an, das heißt, ihre Bilder versuchen, einfach nur mehr zu sein als eine Aufzeichnung der Welt. Oft tragen ihre Bilder zusätzliche Bedeutung, arbeiten also mit Allegorien oder Szenen aus Opern, Gedichten oder christlicher Mythologie.&nbsp;</p>

<p>Und ganz allgemein versucht Julia, in ihren Bildern eine gewisse malerische Qualität zum Ausdruck zu bringen. Während viele ihrer Zeitgenossen darauf hin optimieren, möglichst präzise, scharfe Portraits zu machen, gilt für ihre Bilder oft das Gegenteil. Sie ist bekannt dafür, dass sie Bilder absichtlich unscharf macht, den Fokus verstellt, Bewegungsunschärfe zulässt, und so weiter. Ihre Bilder sind also von Anfang an keine wissenschaftliche Dokumentation, sondern als Kunst gemeint. Und ihr wird auch von Anfang an vorgeworfen, was man auch heute noch Menschen vorwirft, die Fotos absichtlich unscharf machen, dass sie ihr Handwerk nämlich nicht verstünde, dass es weniger mit Absicht als mit Unfähigkeit zu tun hätte.&nbsp;</p>

<p>Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass ich verschiedenen Portraits von Julia Margaret Cameron relativ früh begegnet bin. Da beschäftigte ich mich eigentlich noch gar nicht mit der Geschichte der Fotografie. Bilder waren mir begegnet als Beispiele klassischer Fotografie, oder mir war zum Beispiel auch das <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> von Sir John Herschel, einem berühmten Astronomen der damaligen Zeit, schon mehrmals untergekommen. Ihre Bilder sind oft wirklich schön beleuchtet und der Sepiaton, in den die meisten ihrer Drucke getaucht sind, erzeugt sofort dieses nostalgische Gefühl.&nbsp;</p>

<p>Und dann ist da die Unschärfe. Und mit der tu ich persönlich mich wirklich schwer. Es mag ja vielleicht noch sein, dass Julia Margaret Cameron in der Lage gewesen wäre, präzise, scharfe Bilder zu machen, aber beim Blättern durch ihr Gesamtwerk fällt schon auf, dass sie das weit seltener versucht hat, als andere <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen aus der Zeit. Und das will ich jetzt vielleicht einfach mal als Stilmittel akzeptieren, allerdings sorgt das für mich zumindest auch dafür, dass ich viele ihrer Bilder einfach nicht genießen kann. Ich schaue die mir an und wünschte, sie wären schärfer.&nbsp;</p>

<p>Was ich aber rundheraus bewundern kann, ist, dass Julia Margaret Cameron damals eine einzigartige Fotografin war und eine Fotografin, die sich in kürzester Zeit einen Namen gemacht hatte. Egal, ob man ihre Werke jetzt nun furchtbar oder großartig fand, man konnte Julia Margaret Cameron, kaum, dass sie einmal angefangen hatte, zu arbeiten, eigentlich nicht mehr ignorieren, wenn man zu der damals doch schon recht aktiven fotografischen Szene gehörte. Und dabei ist besonders interessant, dass Julia Margaret Cameron eigentlich sehr spät überhaupt erst mit der Fotografie anfing. Nämlich schon 48. Aber kaum, dass sie für dieses Medium Feuer gefangen hatte, brannte die Flamme lichterloh. Über 1200 Negative sind von ihr noch erhalten. In den gerade mal 16 Jahren, die sie fotografiert hat, ist das eine bemerkenswerte Menge.&nbsp;</p>

<p>Geboren wird Julia im Jahr 1815 in Kalkutta. Indien ist damals noch englische Kolonie und Julia wird als eine von zehn Geschwistern geboren. Ihr Vater war Brite, ihre Mutter Französin, die Mutter war allerdings zum Teil auch indischer Abstammung und so hatten alle Kinder der Familie einen verhältnismäßig dunklen Hautton, dunkle Augen und dunkle Haare.&nbsp;</p>

<p>Julias Familie war das, was man privilegiert nennen könnte. Als Angestellter der Regierung kam ihr Vater weit in der Welt rum und manche Reisen waren in der damaligen Zeit tatsächlich einigermaßen üblich, so hatten britische Angestellte in Indien oft unter dem Klima zu leiden und fingen sich allerlei unangenehme Krankheiten ein. Um die dann auszukurieren, zog man auch gerne nach ein paar Jahren Dienst in Indien mit der gesamten Familie nach Südafrika. So auch Julias Familie. Und hier in Südafrika trifft die damals 21-jährige Julia ihren späteren 20 Jahre älteren Ehemann, Charles Hay Cameron. Charles war zu der Zeit schon ein leitender Beamter in der britischen Kolonialverwaltung und so traf man sich nicht nur in Südafrika, sondern auch bei der Rückkehr nach Kalkutta wieder und zwei Jahre später kam es dann auch zu Hochzeit.&nbsp;</p>

<p>Es ist aber nicht nur ihr späterer Ehemann, den Julia zu der Zeit in Südafrika trifft. Sie lernt außerdem den wahrscheinlich berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit, Sir John Herschel kennen und freundet sich mit ihm an. Sie wird ihn später ihren Lehrer und Hohepriester nennen. Und Sir John Herschel ist unter anderem eine der wichtigsten Figuren in der Entwicklung der Fotografie. Er ist fasziniert von den lichtempfindlichen Eigenschaften verschiedenster Chemikalien und forscht an Mitteln und Wegen, wie er die Aufnahmen des Sternenhimmels festhalten könnte. Und so inspiriert Herschel später auch zum Beispiel Henry Fox Talbot und inspiriert <a "/tags/anna-atkins.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="3" title="Anna Atkins">Anna Atkins</a>, von der wir auch schon in diesem Podcast erzählt haben, dazu, der Welt erstes fotografisches Buch zu machen.&nbsp;</p>

<p>Überhaupt, finde ich, ist es sehr auffällig, dass die Welt damals fotografisch gesehen recht klein war. Die ersten Pioniere und Pionierinnen dieses noch ganz jungen Mediums schienen sich alle untereinander zu kennen. Als sich die beiden Sir John Herschel und Julia Margaret Cameron kennenlernen, existiert die Fotografie noch gar nicht. In Frankreich forscht Louis <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> an einer Möglichkeit, Bilder permanent zu fixieren und in Großbritannien ist Henry Fox Talbot daran, beide sind aber noch mehrere Jahre vom Durchbruch entfernt.</p>

<p>Julia und ihr Mann jedenfalls ziehen wieder zurück nach Kalkutta und die Dinge stehen hervorragend. Der neu berufene Gouverneur Indiens verzichtet darauf, seine Frau mitzubringen und Julia, die sowieso kein Problem hat, in den gehobenen Gesellschaftsschichten der damaligen britischen Kolonien frei zu navigieren, wird mit gerade mal 30 Jahren zur offiziellen Hostess des Gouverneurs. Fünf Jahre lang wird sie also in seinem Auftrag Feste planen, Besuch empfangen, wichtige Gäste unterhalten und damit eine Unmenge von Persönlichkeiten kennenlernen, die sie auch später noch weiter begleiten werden.&nbsp;</p>

<p>Weil es ihrem Mann Charles allerdings im indischen Klima zunehmend schlechter geht, beschließt das Paar, nach England zurückzukehren. Was in Indien funktioniert hat, funktioniert natürlich auch in London und so dauert es nicht lang, bis Julia Margaret Cameron mit der gebildeten Elite in London nicht nur befreundet ist, sondern sich ständig mit ihnen trifft. Tea parties, offizielle Veranstaltungen, man kennt sich, man begegnet sich.&nbsp;</p>

<p>Der Lebensunterhalt der Camerons kommt damals unter anderem von Rücklagen ihres Mannes Charles, aus der Rente, die er sich erarbeitet hatte und aus einer Kaffeeplantage auf Sri Lanka. Und als Gutsbesitzer auf Sri Lanka muss man natürlich hin und wieder mal seine Ländereien besuchen, dort eventuell anstehenden Verpflichtungen nachkommen und so war Charles relativ oft unterwegs.&nbsp;</p>

<p>Es war wieder mal so eine Gelegenheit und gleichzeitig Julias 48er Geburtstag, als eine ihrer Töchter dachte, es wäre doch ganz gut, ihrer Mutter zum Geburtstag ein wenig Ablenkung zu schenken. Es darf angenommen werden, dass diese Idee nicht aus der leeren Luft entstand. Julia hatte sich wohl schon mal von Freunden zeigen lassen, wie diese faszinierende neue Technologie funktionierte. Sie hatte ja mitbekommen, wie die Fotografie erfunden und veröffentlicht wurde. Immerhin war sie schon 24, als <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> seine nach ihm benannte <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> der französischen Akademie der Wissenschaften vorstellte. Und durch Herschel bekam sie natürlich auch die großen Sprünge mit, die Henry Fox Talbot dann machte. Außerdem kannte Julia Margaret Cameron Fotografen wie Oscar Rejlander oder Lewis Carroll und hatte sich vermutlich besonders von Rejlander zeigen lassen, wie man denn Negative richtig druckt.&nbsp;</p>

<p>Aber egal wie, so genau überliefert ist das alles nicht, fest steht nur, ihre Tochter dachte, eine Kamera wäre genau das richtige Hobby für ihre Mutter. Und wir reden da natürlich immer noch von einem Verfahren, wo auf sogenannten &#8222;Wet Plates&#8220; fotografiert wurde, also Glasnegative, die man sich selber anfertigte, indem man eine bestimmte Chemikalie auf Glas strich, um dann das noch nasse Negativ in einer Kamera zu belichten und noch bevor es getrocknet ist, entsprechend zu fixieren und zu bearbeiten.&nbsp;</p>

<p>Und meine Herren, was war die Tochter richtig gelegen. Ihre Mutter war Feuer und Flamme. Ein Glasgewächshaus, das eigentlich als Hühnerstall benutzt wurde, wurde ausgeräumt und wurde Julias offizielles Fotostudio. Und ab hier waren weder Bedienstete, noch Verwandte, noch Freunde vor ihrer Kamera sicher. Julia hatte ein sehr erlesenes Netzwerk und diverse zur Viktorianischen Zeit in Großbritannien berühmten Maler oder Poeten saßen irgendwann mal Modell für sie.&nbsp;</p>

<p>Und sie machte Fotos, die sonst keiner so machte. Die Malerei im Viktorianischen Zeitalter war von den sogenannten Präraffaeliten geprägt. Das war eine Gruppe britischer Maler, die zur damaligen Zeit die Renaissancemalerei Italiens wiederentdeckt hatte. Die Gemälde waren kräftig koloriert, hatten viele Details und vor allen Dingen auch viel Symbolik. Und Julia nahm diesen Stil auf und versuchte, entsprechend zu fotografieren.</p>

<p>Es dauerte nicht lange und sie hatte den Ruf der ungeduldigen Perfektionistin. Besonders oft mussten Teenager und Kinder in ihrer Umgebung darunter leiden, denn Spaß hat es sicher nicht gemacht, mehrere Minuten lang in einer Position auszuhalten, damit die Frau Mama oder die Herrin des Hauses ihr Bild in den Kasten bekommt. In relativ vielen ihrer Bilder sind Teenager oder Kinder zu sehen und ich finde es irgendwie witzig, dass die eigentlich irgendwie immer genervt aussehen. Ich versuche, mir dann auszumalen, wie diese Fotositzungen wohl abgelaufen sein müssen.</p>

<p>Fängt Julia am Anfang noch aus Leidenschaft und als Hobby mit der Fotografie an, reicht ihr das schnell nicht mehr. Sie nutzt ihr Netzwerk, um Ausstellungen zu organisieren und ihre Bilder werden verglichen und diskutiert. Julia Margaret Cameron dürfte die erste Fotografin sein, die das, was wir heute &#8222;Close Ups&#8220; nennen, gemacht hat. Manche ihrer Portraits sind aus nächster Nähe aufgenommen worden, man kann jedes Detail im Bild sehen, also, in den scharfen Teilen des Bildes. Und das ist für die damalige Zeit alleine schon ungewöhnlich genug. Allegorien in Bildern, auch das ist nicht besonders häufig, und absichtliche Unschärfe, ja, das gab es praktisch nie. Und trotzdem stellt Julia aus und trotzdem macht sie sich einen Namen und trotzdem ist sie zur damaligen Zeit in kürzester Zeit eine berühmte und etablierte Fotografin.&nbsp;</p>

<p>Sie nimmt diverse Aufträge an, illustriert Gedichte, aber so richtig kommerziell wird ihre Fotografie nie. Und das, obwohl ihre Familie so ganz allmählich in finanzielle Nöte gerät. Es ist schwer zu sagen, ob sie vielleicht die Hoffnung hatte, mit der Fotografie letztlich irgendwann ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, denn 1875, auf dem Höhepunkt von Julias Karriere, beschließen sie und Charles relativ plötzlich, ihr Zuhause in England zu verlassen und zurück nach Sri Lanka zu reisen. Dort wird sie nur noch sehr, sehr wenig fotografieren und vier Jahre später dann auch sterben.&nbsp;</p>

<p>Es ist das Jahr 1879, als sie stirbt, und angeblich war &#8222;beauty&#8220;, das englische Wort für Schönheit, das letzte Wort, was sie gesagt haben soll. Ein recht passendes letztes Wort für eine Frau, die ihr ganzes Leben versucht hat, Schönheit festzuhalten und mit Fotografie auszudrücken.</p>

<p>Wenn man sich mit der Geschichte der Fotografie beschäftigt, führt um Julia Margaret Cameron einfach kein Weg außen herum. Sie hat nicht nur das &#8222;Close Up&#8220; und die künstlerisch inspirierte Fotografie mit erfunden, einige der berühmtesten Portraits der damaligen Zeit stammen aus ihrer Kamera. Und es war ihre Leidenschaft für Kunst, Schönheit und die Fotografie, die der Fotografie als Kunstform den Weg geebnet hat.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 24 Sep 2021 18:01:24 GMT</pubDate>
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            <title>Teufel und Dickpic</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/teufel-und-dickpic.html</link>
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            <description>Wer sich portraitieren lässt tut gut daran die Fotograf:in gut auszuwählen und dann freundlich zu sein sonst kann das auch nach hinten losgehen...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Wer sich portraitieren lässt tut gut daran die Fotograf:in gut auszuwählen und dann freundlich zu sein sonst kann das auch nach hinten losgehen&#8230; </p>

<ul><li>Samuel Corum&#8217;s Tweet</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.bandt.com.au/its-an-insult-to-satan-people-are-calling-this-the-best-press-photo-of-trump-ever/" target="_blank">“It’s An Insult To Satan!” People Are Calling This The Best Press Photo Of Trump Ever!</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://www.jakewalters.com/" target="_blank">Samuel Corum&#8217;s Webpage</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://lensmagazine.net/samuel-corum-an-exclusive-interview/" target="_blank">Lensmagazine &#8211; Samuel Corum in an exclusive interview</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://time.com/time-person-of-the-year-2016-donald-trump-choice/?xid=homepage&amp;pcd=hp-magmod" target="_blank">Time Magazine on choosing Donald Trump as person of the year 2016</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240508103945/https://www.diyphotography.net/trump-trolled-time-photographic-deconstruction-man-year-2016-cover/" target="_blank">Trump trolled by Time Magazine &#8211; DYIPhotography</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://www.jakewalters.com/" target="_blank">Jake Walters Webpage</a></li><li>Jake Walters&#8216; Tweet</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.huffingtonpost.co.uk/entry/jake-walters-philip-green-arcadia-prick_uk_5fca2733c5b6636e09248d28" target="_blank">Huffpost &#8211; Photographer Gets Revenge On ‘Rude’ Philip Green By Making Him Look ‘Like A Prick’</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Philip_Green_(Unternehmer)" target="_blank">Philip Green (Wikipedia)</a></li><li>Jake Walters on Instagram</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://arnoldnewman.com/" target="_blank">Arnold Newman&#8217;s Webpage</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Newman" target="_blank">Arnold Newman (Wikipedia)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfried_Krupp_von_Bohlen_und_Halbach" target="_blank">Alfried Krupp von Bohlen und Halbach</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.latimes.com/entertainment/arts/la-et-cm-arnold-newman-photographer-20190613-story.html" target="_blank">LA Times &#8211; Arnold Newman, father of the environmental portrait, is back in focus on 100th birthday</a></li><li><a href="https://www.nytimes.com/2018/11/26/lens/examining-arnold-newmans-environmental-portraits.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Examining Arnold Newman&#8217;s Environmental Portraits</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="596" height="959" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image-1.png" alt="Die Bewertung zeigt fünf Sterne, das Datum 09.11.2020, den Titel „Grandios“ und einen ausführlichen Text in deutscher Sprache mit einem Smiley-Emoji am Ende."/></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="564" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image-564x1024.png" alt="Ein Mann in einem dunklen Anzug steht mit verschränkten Armen und wird von großen grünen Hecken im unteren Bildbereich eingerahmt." /></figure></div>

<div class="yt-facade" data-yt="vo88vlS3BtU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_vo88vlS3BtU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="4WoJOAj9r6w" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_4WoJOAj9r6w.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="9_EdCBhmBzc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_9_EdCBhmBzc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Every Photograph is a Self-<a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">portrait</a>. Jede Fotografie ist ein Selbstportrait. Das ist ein Zitat des Fotografen Ralph Steiner. Und es gibt ähnliche Zitate von einer Menge berühmter Fotografien, dass wir diejenigen sind, die den Auslöser drücken, den Ausschnitt wählen, das Motiv festlegen und deswegen mehr von uns in unseren Bildern steckt, als uns vielleicht lieb sein mag.</p>

<p>Fotomenschen.</p>

<p>Und nicht nur das. In manchen Bildern kann man sogar erkennen, was die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> oder der Fotograf im Moment des Auslösens gedacht haben mag. Und um das zu demonstrieren, habe ich heute drei Beispiele mitgebracht. Das erste Beispiel ist von Samuel (?Corum). Er war Militärfotograf, bevor er Foto Journalist wurde. Und am 9. Juli 2020 ist er im Auftrag der New York Times in Washington. Donald J. Trump, 45. Präsident der vereinigten Staaten hat angekündigt, den Dialog mit den Hinspanios im Land suchen zu wollen und zu einem Round Table Event geladen. Die Presse ist vor Ort und soll das Ganze festhalten.</p>

<p>“We appreciate being here, we are with our great Hispanic Leader from all over the country. And (?we’re doing) really well with Hispanics. We like them, they like me. And we helped them a lot with the Jobs. Whether it’s Jobs, Education, or some of the other things.”</p>

<p>Trump wird danach in den Rolls Garden gehen, um ein Abkommen zu unterzeichnen und eine weitere Pressekonferenz zu geben. Aber es gibt die Gelegenheit, am Ende des Round Tables ein paar Fotos zu machen. Und Samuel macht ein Porträt von Trump, das wie kein anderes zeigt, was er von diesem Präsidenten hält. Trump sitzt zwischen zwei Fahnen und hat über sich eine Lampe. Samuel macht zwei Dinge. Einmal geht er in die Knie und wartet, bis Trump den Kopf leicht gehoben hat. Wir als Betrachter haben so das Gefühl, dass die porträtierte Person uns von oben herab fast schon abwertend anschaut. Das könnte nur eine Millisekunde lang so gewesen sein, und trotzdem meinen wir, Arroganz in diesem Bild zu erkennen. Gleichzeitig fällt in dem Bild, das Samuel macht, das Licht relativ dramatisch. </p>

<p>Die Augen von Trump wirken eingefallen. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen. All das macht einen harten Gesichtsausdruck und sorgt für eine geradezu düstere Stimmung. Und jetzt aber der Coup. Direkt über Trump an der Wand ist eine Lampe, wie ich sie normalerweise von Baumärkten wie dem Obi kenne. Eine dieser circa 30 Zentimeter durchmessenden, runden Milchglaslampen, die, wenn man sie einschaltet, wieso leuchtende Bälle an der Wand hängen, mit so einem Messingring außen rum. Dadurch, dass Samuel in die Knie gegangen ist, sieht man nur den unteren Teil des Messingrings. Und Trumps Kopf fragt durch die Position, die er eingenommen hat, in die Lampe hinein. Und deswegen sieht das fertige Bild aus, als hätte Samuel den Teufel persönlich im Bild festgehalten. </p>

<p>Er postet das Bild auf seinem Twitter-Kanal. Und auch, wenn einige wenige einen Heiligenschein zu erkennen glauben, ist die Reaktion eindeutig. Und der Tweet geht viral. Auch wenn die New York Times selbst dieses Bild nicht benutzt hat, wird dieser Tweet einmal quer durch das Netz gereicht und ist an vielen, vielen Stellen zu sehen. Das Bild drückt aus, was viele zu der Zeit von Trump denken. Ich reihe mich da mit ein. Und es zeigt ganz eindeutig, was Samuel (?Corum), der Fotograf mit dem Auftrag, dieses Round Table Event zu dokumentieren, zumindest für diese eine Aufnahme sagen wollte. Es ist übrigens auch so, dass Samuel nicht der einzige war, der Trump Teufelshörner aufgesetzt hat. 2016 wird Trump vom Time Magazin zur Person oft he Year ernannt. Dafür bekommen die eine Menge (?Flak). Allerdings, das Argument, dass sie machen, ist durchaus treffend. </p>

<p>Sie sagen nämlich, dass Magazin zeichnet die Leute nicht danach aus, ob sie von vielen gemacht werden, sondern, es geht darum, wer denn in einem gegebenen Jahr die einflussreichste Person gewesen wäre. Und Trump war ziemlich einflussreich. Jedenfalls kommt zu dem Anlass Trumps Porträt auf das Cover. Und der Layouter entscheidet sich dafür, seinen Kopf genau unter das M zu setzen, womit das M von manchen als Teufelshörner gewertet wird. Ich finde, da kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich fand Samuels Bild wesentlich eindeutiger. Ziemlich eindeutig ist auch unser nächstes Beispiel. Fotografiert hat diesmal der Londoner Fotograf Jake Walters. Sein Hauptsujet sind Celebrities und mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik. </p>

<p>Auftraggeber sind Magazine wie GQ und Vanity Fair. Und im vorliegenden Beispiel hatte er den Auftrag, für The Guardian den bekannten Unternehmer Sir Philip Green zu fotografieren. Green ist Multimilliardär, betreibt mehrere Textilketten und Einzelhandelsunternehmen und pflegt einen wirklich ausufernden Lebensstil. Es gibt diverse Skandale um ihn, und inzwischen auch diverse Firmenpleiten. Und unter anderem pflegt er wohl einen eher raueren Umgangston. Als Jake mit seinem Assistenten bei dem Unternehmer auftaucht, hat er eigentlich vor, ein professionelles Shooting zu organisieren. Er macht den Job seit 20 Jahren. Er weiß, was notwendig ist. Allerdings, so sagt er, hat er es selten mit einem derart unfreundlichen und arroganten Klienten zu tun. Oder wie er es als Brite formuliert: „He was objectionable to me and my Assistant from the very start. So I decided right then, if I get a Chance, I’m going to do you.” Green (?fährt) sich also Jakes sauer. Und Jake beschließt, wenn es eine Möglichkeit gibt, ihm das heimzuzahlen, wird er das tun. Und die Möglichkeit ergibt sich. Ein Blick aus dem Fenster zeigt auf der Terrasse große, runde, grüne Büsche. Und er bittet Sir Green sich dort doch bitte hinzustellen. </p>

<p>Sein Assistent versteht sofort, was er vorhat und wispert ihm zu, er wird doch nicht, das geht doch nicht, das werden sie merken. Green trägt Glatze, ist aber ansonsten schon durchaus von stämmiger Statur. Er soll sich aufrecht hinstellen und die Arme verschränken, weist Jake ihn an. Auch Jake, wie zuvor Samuel, geht in die Knie und fotografiert Green von unten herauf. Das würde ihn mächtig erscheinen lassen, sagt er. Sir Green steht also mit verschränkten Armen, stolz geschwellter Brust, einer in der Sonne glänzenden Glatze, zwischen zwei großen, runden Büschen. Es ist unklar, ob sie damit davonkommen. Aber Jake macht die Fotos trotzdem. Sein Kommentar, als er das Bild später auf Instagram veröffentlicht, ist: „If it’s okay for you to act like a (?prig), it must be okay for me, to make you look like one. So I did.” Prig ist ein Slangwort für Pimmel. </p>

<p>Und tatsächlich sieht Sir Phillip Green auf dem Bild wie ein Penis aus. Das lässt sich, glaube ich, nicht anders beschreiben. Und am lustigsten finde ich ja eigentlich, dass Jake die Bilder freigeben lassen musste und der Pressestelle von Sir Phillip Green schickte. Die merkten an, dass der Anzug ja schon so ein bisschen geknittert sei und baten ihn, das entsprechend zu retuschieren. Ein Schelm, wer Absicht hinter sowas vermutet. Halten wir also fest, wer sich einen Fototermin bucht, sollte den Fotografen oder die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> auch nett behandeln. Denn die können einen gut oder eben weniger gut aussehen lassen. Und damit kommen wir zum Dritten und mit Abstand berühmtesten Beispiel in der heutigen Folge. Arnold Newman ist einer der ganz großen. </p>

<p>Er verbrachte seine gesamte Karriere damit, Porträts zu fotografieren. Und er war der erste, der bei Porträts eben nicht nur den Menschen ins Bild nahm, sondern auch die Umgebung. Und zwar die nicht nur als Deko, sondern als essenzieller Bestandteil der Bildkomposition. Newman hat einige weltberühmte Porträts geschaffen. Und er war nicht nur radikal und kreativ in seiner Komposition, sondern auch ein Meister der Bildbearbeitung, ein Meister der Beleuchtung und von unglaublicher Kreativität. Seine Spezialität waren eigentlich Künstlerporträts. Aber natürlich wurde er auch immer wieder für Porträts von berühmten Persönlichkeiten gebucht. Und so kam es 1963, dass Arnold Newman beauftragt wird, den deutschen industriellen Alfred Krupp zu fotografieren. </p>

<p>Die Krupp-Familie ist ein großes und schwieriges Thema. Aber man kann es ganz kurz zusammenfassen: ein Stück weit hat die Krupp-Familie den militärisch-industriellen Komplex erfunden. Sie haben ein Vermögen mit Stahl und Waffenproduktion gemacht. Der erste Weltkrieg, der zweite Weltkrieg war ohne die Waffen von Krupp nicht denkbar. Und das Ganze war ein Familienunternehmen. Die ganze Familie Krupp war aktiv beteiligt. Zur Zeit Hitlers leitete Friedrich Krupp das Unternehmen Krupp. Und das hieß, grausamste Ausbeutung von Kriegsgefangenen, Quellen und zu Tode schuften von Juden oder anderen von den Nazis als unwürdig erachteten Menschen. Kurz gesagt: Sklavenarbeit der übelsten Sorte. </p>

<p>Weil Vater Friedrich während der Nürnberger Prozesse aus gesundheitlichen Gründen nicht angeklagt werden konnte, wurden die Verbrechen der Familie Krupp später separat in den sogenannten Krupp-Prozessen verhandelt. Und Alfred wurde genauso wie sein Vater der Sklaverei und Plünderer schuldig befunden und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Amerikaner begnadigten ihn nach drei Jahren und ließen ihn aus dem Gefängnis. Aber ich glaube, man kann einfach mal in den Raum stellen, der Mann war ein Naziverbrecher. Kaum war er aus dem Gefängnis draußen, übernahm er wieder die Leitung der Krupp-Werke. Und es dauerte nicht lange und er war auch wieder einer der wichtigsten und vermögenden Unternehmer Deutschlands. Newsweek wollte ihn jedenfalls porträtiert haben, von Arnold Newman. Und der? Der hat keine Lust.</p>

<p>“(?I said) no. I said, why not, I think, he was a devil. He is a … #00:09:49#.”</p>

<p>Arnold will ablehnen. Und als er gefragt wird, warum, sagt er: „Der Mann ist der Teufel.“ Arnold selbst ist jüdischer Abstammung. Er weiß sehr genau, was die Familie Krupp für Schuld auf sich geladen hat. Und er sagt außerdem in einem Interview, dass auffällig ist, wie nett der Mann wirkt, wenn man ihn kennenlernt. Dass man da fast vergessen könnte, wie seine Familie mit Menschen umgegangen ist. Newsweek verspricht ihm freie Hand bei der Bildauswahl, wenn er sich dazu bereiterklären würde, ihn zu fotografieren. Porträts, in denen man die Umgebung sieht, sind eine Spezialität Newmans. Und so beschließt er, Alfred Krupp in Essen in seinem Hauptwerk, in einer Fabrikhalle fotografieren zu wollen. Ein Podest und die dazugehörige Beleuchtung wird aufgebaut. Alfred wird vor einer Kulisse aus Zugrädern, Schienen und Zugwaggons sitzen. Man sieht die Betonpfeiler der Fabrikhalle. Und Arnold fängt an, mit ihm systematisch an den Bildern zu arbeiten. </p>

<p>Arnold Newman fotografierte im Großformat. Das heißt, die Kamera, die er verwendete, muss man sich als einen großen Kasten vorstellen, mit einem Objektiv vorne dran, und einer Decke, die er sich über den Kopf ziehen musste, damit er das Bild komponieren konnte. Arnold war auch bekannt dafür, dass er seine Bilder extrem detailliert ausarbeitete. Er war Perfektionist. Jedes Detail in Arnold Newmans Bildern hat einen Zweck. Er beleuchtet Krupp von zwei Seiten. Links und rechts steht ein Blitz. Und wie es halt so ist, das sind ja keine Digitalkameras, man sieht das fertige Bild nicht. Krupp weiß nicht, wie seine Aufnahme aussehen wird. Arnold Newman fordert ihn auf, sich etwas nach vorne zu lehnen, noch ein Stück, noch ein Stück. Den Kopf auf die verschränkten Hände legen. Ja, genau. Auf die Ellenbogen stützen. Noch ein Stück nach vorne. Er weiß genau, was er will.</p>

<p>„I didn’t do the … #00:11:40#, let him from the … #00:11:42# a little too obvious. I just had on two sides-, just working, I said, … #00:11:48#, to do kindly, just lean forward. And he went like this. And suddenly the lights worked.”</p>

<p>In dem Moment, in dem Krupp sich gerade so weit genug nach vorne beugte, wusste Arnold Newman, er hatte das Bild, dass er machen wollte. Er sagt im Interview, die Haare wären ihm zu Berge gestanden. Das, was er da vor sich hatte, drückte aus, was er beim Gedanken an Naziverbrecher empfand. Er hatte den Teufel fotografiert.</p>

<p>„I pulled the Polaroid-.“</p>

<p>Ja, er hat da eben Polaroid gesagt. Und Polaroid verbinden wir ja mit diesen kleinen Plastikkameras, die, sobald man auslöst, direkt ein Bild auswerfen, das dann auch sofort entwickelt wird. Aber Polaroid gab es nicht nur in so kleinen Formaten für Plastikkameras. Sondern, Polaroid konnte man auch für Großformatkameras verwenden. Und die großen Polaroids hatten nicht nur den Vorteil, sofort fertig zu sein, sondern waren eben auch von herausragender Qualität. Das hieß aber auch, Arnold Newman wusste sofort, dass er getroffen hatte, was er haben wollte. Anders als Krupp.</p>

<p>„Then I took several pics, black and white and color. And … #00:12:56# we would black and white (?mad).”</p>

<p>Und um ganz sicher zu gehen, machte er mehrere Auslösungen. Damals hat man sowieso verschiedene Einstellungen durchprobiert und lieber ein paar Auslösungen zu viel gehabt, als zu wenig.</p>

<p>„And it turned out to be one of my best photographs. It was my impression of a Nazi, who managed to survive. He had killed millions of people. Not all … #00:13:20#. There were doctors, there were … #00:13:24# offensive to the Nazis. And I consider that one of my more important pictures.”</p>

<p>Er betrachte dieses Bild als eines seiner wichtigsten Werke. Und es ist definitiv eins seiner eindrücklichen. Jetzt war Arnold Newman wirklich ein sehr vielseitiger Fotograf. Und sein Werk ist groß. Mit vielen, vielen bedeutenden Aufnahmen. Aber diese Aufnahme sticht raus. Das Interessante an Arnold Newman ist, dass er sich öfters darüber geäußert hat, wie er fotografiert, was er fotografiert. Warum er so fotografiert, wie er fotografiert. Und dass er eigentlich im Wesentlichen immer nur für sich selbst fotografiert und seine eigenen Gedanken festhalten möchte. Und nirgends kommt das so deutlich raus, wie in dieser gänsehautauslösenden Aufnahme eines der großen Verbrecher des letzten Jahrhunderts.</p>

<p>Fotomenschen.</p>

<p>Every Photograph is a Self-<a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">portrait</a>. Das war das Zitat, mit dem ich eingeleitet habe. Jetzt sind wir uns natürlich einig, dass Arnold Newman nicht sich selbst als Teufel darstellen wollte. Genauso wenig, wie Jake sich als der Dick sieht, als den er Sir Phillip Green fotografiert hat. Und trotzdem, wenn man sich diese drei Aufnahmen ansieht, weiß man mehr über den Fotografen hinter der Kamera, als über die Person, die dargestellt wird. Der Bildstil, die Komposition, all diese Dinge sind einzigartige Eigenschaften der Fotografin oder des Fotografen. Und wenn <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen ihr Medium richtig gut beherrschen, dann sieht man in den Bildern nicht nur ihr Spiegelbild, sondern ein kleines bisschen in ihren Kopf und in ihr Herz. Und manchmal entstehen dann Fotos, die fast schon nicht mehr falsch zu verstehen sind. Wer neugierig ist und mehr über die Fotografen erfahren möchte oder die Bilder noch mal in hochauflösend sehen, den lade ich ein, die Website zur Folge auf Fotomenschen.net zu besuchen. Da gibt es weiterführende Links, eingebettete Videos und natürlich auch Links zu den Bildern, über die ich gesprochen habe. Wer außerdem diesen Podcast über einen anderen Client als Spotify hört, konnte wahrscheinlich die Bilder auch direkt in der Software sehen. Ich habe sie zumindest eingebunden. Clients, die das unterstützen, können das dann auch direkt anzeigen. Und jetzt lieben Dank für das Zuhören. Wer das Projekt unterstützen möchte, empfiehlt es weiter. Podcasts leben von Mund-zu-Mund-Propaganda, ganz besonders natürlich auch auf Social Media. Insbesondere natürlich da auf den Kanälen, auf denen ich selbst nicht aktiv bin. Facebook ist da so ein Beispiel. Da wäre ich für unabhängige Mundpropaganda wirklich sehr, sehr dankbar. Bis bald.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 23 Jul 2021 14:14:00 GMT</pubDate>
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            <title>Kunst und Können</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/kommt-kunst-von-koennen.html</link>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Viele der ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen waren entweder Wissenschaftler oder Künstler und so gehört der Streit ob Fotografie nun dokumentierende Technik oder Kunst ist von Anfang an zu dem Medium. Der erste Fotograf der diese Frage zum ersten Mal und mit Überzeugung mit &#8222;Kunst!&#8220; beantwortet ist heute kaum noch bekannt, darf aber ohne zu übertreiben als Vater der künstlerischen Fotografie bezeichnet werden&#8230; </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Gustave_Rejlander" target="_blank">Oscar Gustave Rejlander</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Piktorialismus" target="_blank">Piktorialismus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Margaret_Cameron" target="_blank">Julia Margaret Cameron</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin" target="_blank">Charles Darwin</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kollodium-Nassplatte" target="_blank">Kollodium-Nassplatte</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allegorie" target="_blank">Allegorie</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_(Vereinigtes_K%C3%B6nigreich)" target="_blank">Queen Victoria</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Carroll" target="_blank">Lewis Carroll </a>(Wikipedia)</li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://journals.openedition.org/etudesphotographiques/3065" target="_blank">Darwin’s Camera: Art and Photography in the Theory of Evolution</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.lensrentals.com/blog/2012/11/six-degrees-of-charles-darwin-and-rejlanders-last-laugh/" target="_blank">Six Degrees of Charles Darwin, and Rejlander’s Last Laugh</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/294822" target="_blank">Two Ways of Life</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://blog.scienceandmediamuseum.org.uk/oscar-gustav-rejlander-pioneered-combination-printing/" target="_blank">Introducing Oscar Gustave Rejlander, The Father of Art Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://www.historywebsite.co.uk/articles/photos/Rejlander/Rejlander3.htm" target="_blank">Oscar Rejlander, Practising Art Photographer</a></li><li>Exhibition: <a rel="noreferrer noopener" href="https://artblart.com/2018/05/13/exhibition-victorian-giants-the-birth-of-art-photography-at-the-national-portrait-gallery-london-part-1/" target="_blank">Victorian Giants &#8211; The Birth of Art Photography</a></li><li>Snappers who could count Queen Victoria among fans</li></ul>

<ul><li><a href="https://podcasts.apple.com/us/podcast/23-karen-hellman-on-oscar-rejlander/id1395456573?i=1000466948748" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Artword Podcast &#8211; Karen Hellman on Oscar Rejlander</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="375" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/21.jpeg" alt="Drei Porträts zeigen in historischer Kleidung einen Mann und ein Kind vor einem Vorhang."/><figcaption>Oscar Rejlander&#8217;s Lachen /  Weinen.  Zum Vergleich zwischen emotionaler Mimik und Gestik zwischen Erwachsenen und Kindern. Auftragsarbeit für Charles Darwin</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="529" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/13-1024x529.jpg" alt="Das Gemälde zeigt eine große Gruppe von Menschen in klassischen Gewändern, die sich in einem reich verzierten Innenraum mit Vorhängen und Bögen versammelt haben." /><figcaption>The Two Ways of Life</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="526" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/14-1024x526.jpg" alt="Ein großes historisches Gemälde zeigt zahlreiche Figuren, die unter Vorhängen in einer Außenkulisse zusammengekommen sind und verschiedene Posen einnehmen." /><figcaption>The Two Ways of Life, alternative Version</figcaption></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="500" height="654" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/22-1.jpg" alt="Ein großer Mann sitzt auf einer Kiste links, während eine Frau in der Mitte gestikuliert und eine dritte Person im Vordergrund kniet."/></figure></div>

<div><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="629" height="1024" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/20.jpg" alt="Sepiafarbenes Porträt eines weinenden Babys in einem Studio, mit den Namen O.C. REJLANDER und NO 1 ALBERT MANSIONS VICTORIA STREET S.W. am unteren Rand des Bildes."/></figure></div>

<div class="yt-facade" data-yt="t1JwFEHAOxg" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_t1JwFEHAOxg.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="x7q-UTyELao" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_x7q-UTyELao.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="3tYCIyy2ZWU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_3tYCIyy2ZWU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="gPGLTtINJBU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_gPGLTtINJBU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/1855147068" target="_blank" rel="noopener">Victorian Giants: The Birth of Art Photography: Julia Margaret Cameron, Lewis Carroll, Clementina Hawarden, Oscar Rejlander</a></p>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p><strong>Kunst und Können</strong></p>

<p>Die 1850er Jahre in England sind für die Fotografie eine unglaublich wichtige Zeit. Es formen sich die ersten Kameraclubs, Amateurvereine, in denen Bilder besprochen werden. Und es tobt ein Streit.</p>

<p>Es tauchen nämlich die ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen auf, die sagen, Fotografie ist Kunst. Und das geht ja gar nicht, widersprechen vor allem die Maler. Denn erstens braucht es ja wohl kein Können, um einen Automaten dazu zu bringen, eine Szene festzuhalten, die dann zweitens ja schon existiert, also nicht ausgedacht wurde und drittens so gar nicht idealisiert.</p>

<p>Überhaupt dieser letzte Aspekt, diese gnadenlose Darstellung der wahren Welt, das können wir uns heute überhaupt gar nicht mehr ausmalen, was für ein Paradigmenwechsel das war. Besonders die Malerei, die man in der viktorianischen Zeit gewohnt war, war sehr idealisierend. Es wurden keine Fehler im Gemälde geduldet, außer, sie waren absichtlich oder Zeichen mangelndem Könnens. Eine Fotografie bildet aber die Wirklichkeit ab und besonders die ersten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen waren ja oft von akademischem und wissenschaftlichem Hintergrund und fotografierten damit auch möglichst naturgetreu.</p>

<p>Es ist die Zeit des Kollodium-Nassplatten-Verfahrens. Und damit waren die Bilder auch tatsächlich relativ scharf und detailreich. Für die Malerinnen und Maler der damaligen Zeit wirkten die Fotografien geradezu ordinär. Sie waren beeindruckend im Ergebnis und sehr nützlich, aber im Grunde eine Art Skizzenmaschine. Die Fotografie hatte also ein gewisses Imageproblem.</p>

<p>Und da half es auch nicht, dass die ersten Fotografien auftauchten, die klassische Gemäldeszenen nachahmten. Menschen, die in opulenten Gewändern vor Wandteppichen posierten und in denen jedes Utensil im Bild eine Bedeutung trug, das fanden viele nicht überzeugend. Das wirkte nachgemacht. Fotos, die versuchten, wie Gemälde auszusehen. Pah! Und überhaupt, Fotografien starten ja mit der existierenden Szene und man kann ja nur Dinge weglassen, während ein Maler oder eine Malerin sich eine Szene vorstellen und dann Schicht für Schicht Dinge hinzufügen kann, bis das Gemälde fertig ist. Das war eins der damals sehr weit verbreiteten Killerargumente bei der Frage &#8218;ist Fotografie Kunst?&#8216;.</p>

<p>Und das ist das Argument, das Oscar Gustave Rejlander hört, als er einem Freund eine seiner ersten Fotografien zeigt. Rejlander kam 1813 als Sohn eines schwedischen Steinmetzes auf die Welt. Er studiert Kunst in Rom und wandert dann später nach England ein. Als mit der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren die Bühne betritt, ist Rejlander immerhin schon 26 Jahre alt und ausgebildeter Maler.</p>

<p>Nicht zuletzt, weil die <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> in Großbritannien Lizenzgebühren kostet, geht hier die Entwicklung einen völlig anderen Weg. Hier wird dann auch das Kollodium-Nassplatten-Verfahren entwickelt, das erste Verfahren, das wirklich frei verfügbar war und bei dem man auf Glasplatten Negative erzeugt, die dann beliebig oft in Drucke umgewandelt werden können.</p>

<p>Rejlander ist fasziniert von der Technik und lässt sie sich von einem damals schon etablierten Fotografen zeigen. Was andere sich in mehreren Wochen Praxis zeigen lassen, lässt er sich in ungefähr 3 Stunden erklären. Er wird später aufschreiben, dass er wünschte, er hätte etwas mehr Energie und Zeit verwendet, das Verfahren wirklich von Grund auf zu lernen. So ist er später gezwungen, seine eigenen Verfahren, Tricks und Kniffe zu lernen, das ist natürlich vielleicht auch der Grund, warum er dann so erfolgreich sein wird, andererseits hat das ihm auch den Ruf eingebracht, nicht immer die Beste der möglichen Qualitätsstufen zu erreichen.</p>

<p>Anfangs sieht Rejlander die Malerei nach wie vor als die überlegene Kunstform. Er ist Portraitmaler, er macht Portraitminiaturen. Und er nutzt die Fotografie, um Skizzen zu fertigen oder Posen und Faltenwurf und Gesichter zu studieren. Besagter Freund bekommt also eine seiner ersten Fotografien zu Gesicht, eine Fotografie, die zwei Personen zeigt. Und als die beiden Männer sich so über das Bild beugen und sich darüber unterhalten, meint er abfällig, dass hier ganz offensichtlich deutlich wird, was der große Unterschied zwischen Malerei und Fotografie wäre. Denn das Bild wäre unperfekt. Zwar zeigt es zwei Personen und die in jedem nur erdenklich möglichem Detailgrad, aber als Maler hätte man für eine ausgewogene Bildkomposition eigentlich noch eine Person in die Mitte gepackt. Und die Fotografie wäre ja jetzt schon fertig. Man könne also nur eine völlig neue Fotografie erzeugen, aber nicht nachträglich eine Person einbauen.</p>

<p>Rejlander ist elektrisiert. Er hat eine Idee. Wenige Tage später verabredet er sich mit demselben Freund und bringt ein Bild mit. Der wirft einen Blick darauf und traut seinen Augen nicht. Rejlander hatte ihm bewiesen, was er für unmöglich gehalten hatte: Es war unzweifelhaft dasselbe Bild, das er wenige Tage vorher gesehen hatte, aber jetzt mit einer dritten Person zwischen den zwei anderen. &#8222;Es geht eben doch&#8220;, sagt Oscar triumphierend. &#8222;Auch Fotografen können Bilder im Kopf entstehen lassen.&#8220; Und auch Fotografen steht völlig frei, wie sie die Technik benutzen, um das fertige Bild zu erzeugen.</p>

<p>Das Medium der Fotografie ist noch ganz jung. Viele Fotografierende versuchen, herauszufinden, in welche Richtung sich alles entwickeln könnte. Und allerorten wird festgelegt, wie denn Dinge zu geschehen haben. Was ist denn gute Fotografie, was ist schlechte? Welche Techniken funktionieren? Es formt sich, aber damals wie heute klingt das natürlich dann von den Leuten, die ihre Ideen verbreiten, so, als wäre es Gesetz. Und Oscar Rejlander war diesen Einflüssen noch nicht ausreichend lange ausgesetzt, sodass ihm das wahrscheinlich im Wesentlichen egal war. Er blickt völlig frei auf das Medium und fragt sich, was er damit anfangen kann.</p>

<p>Und da lohnt es sich auch, ganz kurz darüber nachzudenken, wie Kollodium-Nassplatten-Verfahren funktionieren. Man braucht dazu natürlich zunächst mal eine Kamera, und zwar eine Kamera, die mindestens so groß ist, dass sie das Bild in der gewünschten Zielgröße aufnehmen kann. Stellen wir uns also eine Kiste vor, die hinten ein A4-großes Blatt Papier enthalten kann. Vorne ist ein Objektiv und den ganzen Kasten kann man wie eine Ziehharmonika auseinander- und wieder zusammenschieben. Das ist notwendig, um die Schärfeebene zu kontrollieren, also auf die richtige Stelle im Bild scharfschalten zu können.</p>

<p>Beim Kollodium-Nassplatten-Verfahren legt man allerdings hinten kein Papier ein, sondern man legt eine Glasscheibe ein. Die wird in einer Dunkelkammer zuerst mit Kollodium beschichtet und dann mit einer Silbernitratlösung lichtempfindlich gemacht. Die dann noch feuchte Glasscheibe muss dann in eine Kamera eingelegt werden und wird dann nach erfolgter Belichtung noch feucht fertigentwickelt.</p>

<p>Was man bekommt, ist ein Negativ, auf der Glasplatte ist also ein Bild, in dem alle hellen Teile der Szene schwarz dargestellt werden und alle dunklen Teile der Szene weiß. Weiß auf Glas heißt: An den dunklen Stellen der Szene ist das Negativ durchsichtig. Und das war die erste Idee, die Rejlander dazu brachte, Bildbestandteile miteinander zu kombinieren. Ihm ging nämlich auf, dass an diesen durchsichtigen Stellen natürlich Nahtstellen sind, die man später beim Druck nicht mehr sehen würde.</p>

<p>Der Druck ist nämlich der nächste Arbeitsschritt. Um aus dem Negativ ein Positiv, also ein fertiges Bild zu machen, nimmt man jetzt die Glasplatte, spannt sie mit einem lichtempfindlichen Papier zusammen und setzt beides der Sonne aus. Danach wird das Bild gewaschen und fixiert und fertig ist das Positivbild. Denn alle die Stellen, die im Negativ die Sonne blockieren, sind auf dem fertigen Bild ja dann weiß und alle die Stellen, die die Sonne durchlassen, werden schwarz. Je länger man das Bild in der Sonne lässt, desto dunkler eben.</p>

<p>Im ersten Schritt kommt also Rejlander auf die Idee, die verschiedenen Bildbestandteile einzeln voneinander aufzunehmen, dafür zu sorgen, dass sie von möglichst dunklen Szenenelementen umgeben sind und die dann für den Druck gezielt zusammenzumontieren.</p>

<p>Aber das war nur der Anfang. Er beginnt, mit Vergrößerungen zu experimentieren, also, salopp formuliert, positive nochmal abfotografieren, nur mit entsprechender Vergrößerung. Er deckt Teile der Negative gezielt ab, malt andere rein, spielt mit den verschiedensten Dunkelkammertechniken und montiert die Bilder zusammen, zum Teil mit sehr verblüffenden Ergebnissen.</p>

<p>Immer mit dabei und als Technikerin wahrscheinlich seine wichtigste Mitarbeiterin ist seine Frau Mary. Schon als er noch Maler war, nahm sie ihm eine Menge administrative Aufgaben ab. Jetzt als Fotograf ist sie seine Assistentin in der Dunkelkammer, sein häufigstes Fotomodell, Kundenbetreuerin und Geschäftsführerin im Hintergrund.</p>

<p>Längst nicht alle seine Fotografien sind Montagen, tatsächlich ist der hauptsächliche Kundenstamm ganz klassisch an Portraits interessiert. Rejlander hat außerdem ein persönliches Interesse an inszenierten Kinderportraits. Das ist ein Genre, das besonders im viktorianischen Zeitalter blüht und gedeiht. Kinder werden in allen möglichen Posen dargestellt und abfotografiert, oft in Gegenwart der Eltern. Und das ist auch der Grund, warum gerade aus der Zeit sehr viele Kinderportraits gerade auch von den großen Fotografinnen und Fotografen erhalten sind. Namen wie Julia Margaret Cameron sind untrennbar mit mal mehr, mal weniger inszenierten Kinder- und Säuglingsportraits verbunden.</p>

<p>Der Mathematiker, Schriftsteller und Fotograf Lewis Carroll (ja, der Lewis Carroll, der Alice im Wunderland geschrieben hat) freundet sich mit Rejlander an und fängt an, seine Kinderportraits zu sammeln. Später wird Lewis Carroll selber Kinderportraits machen und der Stil Rejlanders kommt so stark durch, dass es später manchmal nicht ganz klar sein wird, ob ein noch erhaltenes Bild eigentlich von Lewis Carroll oder von Oscar gemacht worden war. Und auch Julia Margaret Cameron wird mit ganz eindeutig von Oscar Rejlander inspirierten Gemälden berühmt. Sie verkehren in denselben Kreisen, sie kennen dieselben Leute, sie haben zum Teil dieselben Freunde und fotografieren dieselben Berühmtheiten ihrer Zeit.</p>

<p>Aber auch, wenn Oscar Rejlander hauptsächlich Portraits macht, haben manche Portraits Eigenschaften, die es zu der Zeit eigentlich gar nicht geben dürfte. So erregt zum Beispiel das Bild &#8222;The Juggler&#8220;; der Jongleur, Aufsehen, weil dort ein Jongleur zu sehen ist mit Bällen in der Luft. Und das könnte natürlich nur eine optische Illusion sein, denn mit mehreren Sekunden Belichtungszeit lassen sich Bälle in Bewegung nun mal nicht einfangen, aber das Bild sieht täuschend echt aus.</p>

<p>Zu der Zeit traut man Rejlander allerdings inzwischen schon fast alles zu. Heute nennt man Rejlander den Vater der künstlerischen und inszenierten Fotografie. Und der Grund dafür ist ein Bild, das er 1857 macht, das den Titel &#8222;The Two Ways of Life&#8220; trägt. Wenn man dieses Bild zum ersten Mal sieht, kommt es einem wie ein barockes Gemälde vor. Es ist inspiriert, im Aufbau zumindest, von einigen berühmten Malereien, die der junge Rejlander, als er in Rom Malerei studiert hat, wahrscheinlich im Original gesehen hat.</p>

<p>Und bevor ich jetzt erkläre, warum dieses Bild eine kontroverse und einen Skandal ausgelöst hat und was da weiter passiert ist, möchte ich es ganz kurz beschreiben. An der Stelle lohnt sich auch kurz der Blick auf das Handydisplay, mit etwas Glück kannst du das Bild jetzt dort sehen. Das muss von deinem verwendeten Podcatcher unterstützt werden, ansonsten besuche einfach die Website, da werde ich es auch mit einbetten.</p>

<p>Das Bild ist im Panoramaformat &#8211; das war für die damalige Zeit ungewöhnlich groß. Mit über 80 cm Breite wussten Sachkundige sofort, dass dieses Bild aus mehreren Bestandteilen bestehen musste, aber man konnte nicht sehen, aus welchen Bestandteilen.</p>

<p>Es zeigt eine Szene, in der eine Menge los ist. In der Mitte steht ein alter Mann. Er scheint einen Jüngling in die Szene hineinzubegleiten. Den Jüngling sieht man zweimal: einmal zu seiner Linken, einmal zu seiner rechten Seite. Und damit ist die Bildaufteilung auch schon klar. Links im Bild geht der Pogo ab. Diverse Todsünden werden hier bildlich dargestellt und es gibt viel nacktes Fleisch. Rechts geht es wesentlich gesitteter zu; da geht es um die Pflege von Kranken und Gebrechlichen, um die Wissenschaften und damit ist es auch klar, was das Bild darstellt, nämlich die Wahl, die der Jüngling hat, nämlich ein Leben in Tugend oder eines in Laster zu führen. Von oben hängen Theatervorhänge ins Bild. Der Mann mit dem Jüngling hat hinter sich eine Art undurchdringliches Waldstück und die zwei Optionen, das Leben zu führen, scheinen in der Stadt innerhalb von Architektur stattzufinden.</p>

<p>Das Bild strotzt nur so vor Symbolik. Allegorie war ein Riesending bei den Malern der damaligen Zeit und natürlich durfte das in einem Foto, das versuchen wollte, mit Kunst zu konkurrieren, auch nicht fehlen.</p>

<p>Oscar Gustave Rejlander stellt dieses Bild aus und begeistert und entsetzt seine Zeitgenossen. Begeistert deswegen, weil er etwas geschafft hatte, was für unmöglich gehalten worden war. Er hatte Monate an diesem Bild gearbeitet. Über 32 Negative wurden für dieses Bild zusammenmontiert und trotzdem sah es wie eine einzige Aufnahme aus. Dass es das nicht sein konnte, war sehr offensichtlich, wenn man den Jüngling sah, denn der tauchte ja zweimal auf dem Bild auf.</p>

<p>Allein den Druck zu fertigen, kostete mehrere Tage Arbeit, denn die einzelnen Bestandteile mussten zunächst vergrößert, dann zusammenmontiert und dann als ein großes Bild ausbelichtet werden. Rejlander fertigte jeden Druck neu an, das heißt, jedes Exemplar sah ein bisschen anders aus. In manchen war er selbst der alte Mann in der Mitte des Gemäldes, in anderen war es ein Schauspieler. Die Figuren variieren, es sind unterschiedliche Models, die Szenen, die Positionen.. Im Netz fand ich mindestens drei verschiedene Varianten und es macht schon Spaß, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken.</p>

<p>Diese Montage zu sehen war also beeindruckend. Es gibt ja den Satz &#8222;Kunst kommt von Können&#8220; und Können war einer der Aspekte, den man Fotografinnen und Fotografen damals abgesprochen hat. Schließlich hielten sie fest, was die Natur ihnen bot und danach war es doch &#8222;nur&#8220; Technik. Rejlander nun schaffte etwas, was nicht nur für unmöglich gehalten worden war, sondern von dem die Zeitgenossen erstmal nicht wussten, wie sie es nachmachen können. Dann war das Bild zum Bersten gefüllt mit Symbolik, das griff das zweite Argument an. Kunst entstünde nämlich zunächst im Kopf des Künstlers oder der Künstlerin. Sie muss Aussage haben. Ideen vermitteln. Gelesen werden können. Etwas vorher nicht dagewesenes, neu geschaffenes zeigen. All diese Aspekte waren in diesem Bild sehr offensichtlich vorhanden und trotzdem sah es wie eine Fotografie aus.</p>

<p>Dieser vorhin schon erwähnte schockierende Detailreichtum kam natürlich besonders auf der Hälfte des Bildes zum Tragen, wo es um die Sünden und Laster ging. Und da sind wir beim Skandal. Zwar hatte man in der viktorianischen Zeit kein Problem mit Nacktheit, Gemälde konnten gerne Frauen barbusig in allen möglichen Posen auch mal lüstern darstellen, aber die dann, sozusagen, &#8222;in the flash&#8220; zu sehen und zu wissen, dass der Fotograf die im Studio gehabt hatte, produzierte einen unerhörten Skandal. Dazu kam noch, dass alle, die dieses Bild sahen, bewusst war, dass keine Frau von Tugend sich freiwillig vor einer Kamera nackt ausziehen würde. Die Frauen im Gemälde waren also ganz offensichtlich prostituierte.</p>

<p>Es ging also hoch her. In den Fotoclubs, in den Kunstzirkeln der damaligen Zeit wurde heiß diskutiert und viele waren sich einig, dass Oscar Rejlander eigentlich fast schon zur Persona non grata erklärt werden müsste. Nur eine Person sah das damals spontan anders, eine Person, die von Anfang an begeisterte Fotografin war und deren Urteil nicht ignoriert werden konnte: Queen Victoria.</p>

<p>Sie hatte schon ab der Einführung der <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> Interesse an der Fotografie gehabt und galt als eine erfahrene Hobbyfotografin. Sie und ihr Ehemann hatten beide eine ausgebaute Dunkelkammer, beschäftigten mehrere Fotografen als Hoffotografen und gingen dem Hobby in ihrer Freizeit auch selbst mit Begeisterung nach. Außerdem traten sie als Mäzene auf und kauften Werke, die sie bemerkenswert fanden und genau das passierte mit Rejlanders schockierenden &#8222;Two Ways of Life&#8220;. Queen Victoria erfuhr davon, sah es, war begeistert und beschloss, einen Druck dieses Werkes für ihren Mann zu kaufen, als Geburtstagsgeschenk. Der war so begeistert davon, dass er es in seine private study aufhing, wo es bis zu seinem Tod blieb. Und ja, was gut genug für Queen Victoria ist, kann natürlich für alle anderen Fotografierenden nicht schlecht sein. Sie hatte sich freilich nicht dazu geäußert, ob das Werk denn jetzt Kunst wäre oder nicht, aber &#8222;Schund&#8220; konnte es natürlich jetzt auch nicht mehr sein.</p>

<p>Spannend finde ich, dass die Fragen, die damals mit so viel Hitze diskutiert und debattiert wurden, dieselben Fragen sind, die wir heute immer noch finden. Ich meine, Rejlander brauchte immerhin mehrere Tage, oder im Falle von &#8222;The Two Ways of Life&#8220; mehrere Wochen und trotzdem fragten sich Leute, ob etwas Kunst sein konnte, was eigentlich nur einen Moment festhält. Damals wie heute gibt es diese Liebe zum Vergangenen.</p>

<p>Rejlander markiert den Anfang einer Periode, die in der Fotografiegeschichte Pictorialism genannt wird, einen Trend, in dem versucht wurde, Bilder zu schaffen, die möglichst wie gemaltes aussehen oder wenigstens die Themen von Gemälden nachahmen sollten. Im einfachsten Fall waren das inszenierte Fotografien wie &#8222;The Two Ways of Life&#8220;, aber später dann wurden ausgefeilte Techniken angewandt, um die Drucke wirklich aussehen zu lassen, als wären sie Kohlezeichnungen. Da wurde auf dem Material herumgekratzt, es wurde Sepia eingefärbt, es wurden Stellen gezielt scharf oder unscharf gemacht, um den Eindruck von Pinselstrichen zu vermitteln und das Medium versuchte, nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft zu schauen. Und sei es, indem man einfach so abstrakt wurde, dass man nicht mehr genau wusste, was das Bild zeigt.</p>

<p>Und was machen wir heute? Im einfachsten Fall versuchen wir, nostalgisch so auszusehen wie die Fotografien der letzten 30 Jahre, indem wir Korn reindrehen und Filmsimulation einschalten. Andere wiederum nehmen die Mittel der Software zu Hilfe und lassen komplette Gemäldesimulationen fertigen. Da wird die Fotografie zum Ölgemälde, das Fotoobjekt zum stilisierten Pinselstrich. Oder wir nehmen <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> und montieren wie die Wilden.</p>

<p>Und zeitgleich entdecken in jeder Generation Fotografinnen und Fotografen die Leute wieder aufs Neue, dass es einen Streit darum gibt, ob das, was sie da machen nun Kunst oder Handwerk ist. Wurde die Linie damals zwischen Malerei und Fotografie gezogen, zieht man sie heute zwischen Digital Artist und Content Creator. Ich glaube, Oscar Rejlander wäre stolz auf uns.</p>

<p>&#8222;The Two Ways of Life&#8220; war sein beeindruckendstes und in Rückschau sicherlich berühmtestes Bild, aber das kommerziell erfolgreichste war es nicht. Dafür war es einfach zu aufwendig und irgendwann stellte er auch die Produktion von Drucken für dieses Bild ein. Immer mehrere Tage in der Dunkelkammer herumzumontieren war dann einfach nicht mehr wirklich praktikabel.</p>

<p>Außerdem war er zu neuen Ufern aufgebrochen. Der berühmte Forscher Charles Darwin hatte sich bei ihm gemeldet. Charles Darwin untersuchte zu der Zeit die Emotionen von Tieren und Menschen. Es kam ihm darauf an zu dokumentieren, wie wir uns ausdrücken. Welche Gesten und Grimassen ziehen wir je nach Befindlichkeit, das wollte er festhalten. Und dafür brauchte er einen Fotografen, der in der Lage war, die verschiedensten Mimiken einzufangen. Er gab Rejlander praktisch eine Shotlist vor: wütend, traurig, fröhlich, und so weiter.</p>

<p>Emotionen hatten auch andere berühmte Zeitgenossen damals schon einzufangen versucht, aber mit dem <a "/tags/kollodium-nassplatte.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="10" title="Kollodium Nassplatte">Kollodiumnassplattenverfahren</a> mit mehreren Sekunden Belichtungszeit war das natürlich schwer, besonders, wenn man das einigermaßen spontan aussehen lassen wollte. Und Rejlander galt als jemand, der unvergleichlich gut darin war, genau diese spontanen Eindrücke festzuhalten. Nicht, weil die Bilder so spontan gewesen waren, sondern, weil er anscheinend wirklich gut darin war, mit seinen Models zu arbeiten. Er war bekannt als jemand, der lustig und charmant sein konnte und viele seiner Aufnahmen drücken einen für die Aufnahmen damaliger Zeit ungewöhnlichen Humor aus. Es gibt Bilder, wo er mit seiner Frau Mary ganz offensichtlich herumalbert und er war bekannt dafür, dass er Kinder natürlich posieren und fotografieren konnte, gut gelaunt. Das ist ja gerade bei kleinen Kindern nicht unbedingt leicht, insbesondere dann nicht, wenn man ihnen beibringen muss, dass sie dann auch noch mehrere Sekunden in einer bestimmten Position verharren müssen. Die Fotografien von Julia Margaret Cameron zeigen ja auch oft Kinder und die meisten Bilder, die ich bisher so gesehen habe, zeigen ziemlich genervte Kinder. Ich versuche, mir dann immer auszumalen, wie wohl diese Fotosessions abliefen.</p>

<p>Jedenfalls galt Rejlander als jemand, der das wie kein anderer beherrschte. Und trotzdem muss er geschluckt habe, als er in der Shotlist, die ihm Darwin überreichte, unter anderem ein weinendes Kleinkind fand. Er sollte ein Kleinkind fotografieren, das die Welt gerade geschmeidig zum Kotzen findet. Und die haben jetzt nicht unbedingt gerade Verständnis dafür, wenn sie sich ruhig halten sollen. Überhaupt vielleicht noch bei schmerzverzerrt aufgerissenem Mund.</p>

<p>Und das ist dann auch tatsächlich das berühmteste Bild, das Rejlander in seiner Karriere produziert hat. Es zeigt ein sitzendes, inbrünstig heulendes Kleinkind. Und nach einem zu der Zeit populären satirischen Roman heißt es &#8222;Ginx&#8217;s Baby&#8220;. Und es kombiniert alles, was Rejlander zu der Zeit an Fähigkeiten angesammelt hatte. Wie er das Baby zum Weinen gebracht hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er zu einer ganzen Reihe Tricks griff, um diese Aufnahme überhaupt möglich zu machen. Und dass er dann in der Dunkelkammer seine malerischen Fähigkeiten herauskramte, um die doch sehr unzureichende Vergrößerung dieses weinenden Babys zu einer glaubwürdigen, großen Aufnahme zu machen. Wieder hatte er ein Bild gemacht, von dem die damaligen Kollegen dachten, es wäre so eigentlich nicht möglich und Charles Darwin hatte seine vollständige Palette an Mimikfotos, die für sich übrigens auch schon sehenswert sind, zeigen sie doch Rejlander und seine Frau Mary in den unterschiedlichsten Grimassen, von Lachen über ärgerlich bis verzweifelt bis wütend, alles dabei.</p>

<p>Während seiner 24 Jahre dauernden Karriere als Fotograf schreibt Rejlander diverse Texte, unter anderem verteidigt er eben die Fotografie und ihren Anspruch als &#8222;fine art&#8220;. Er gilt als der Vater der künstlerischen Fotografie, nicht nur, weil er als einer der ersten Aufnahmen inszenierte, die opulent waren, die originell waren, die allegorisch waren, die Gedanken transportierten, die er zunächst in seinem Kopf und seinen Skizzenbüchern formierte, bevor er sie als Fotograf festhielt, sondern auch, weil er weiterdachte und die verschiedenen Medien, die er kannte auf bis dahin ungewöhnliche Art und Weise kombinierte.</p>

<p>Er ist einer der ganz frühen Piktorialisten und berühmte Namen wie Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll sind so unzweifelhaft von ihm beeinflusst, dass bis heute Aufnahmen mit seinen verwechselt werden. Und trotz all des Wirbels war es auch damals schon schwierig, als Fotograf kommerziell erfolgreich zu sein. Einerseits verkauft Rejlander ja einen Druck an Queen Victoria und produziert mehrere Aufnahmen, die zu seinen Lebzeiten berühmt wurden, aber reich wird er damit nicht.</p>

<p>Als er 1875 im Alter von 62 Jahren stirbt, übernimmt seine Witwe Schulden und einen Laden, der nicht läuft. Der Fotoclub, in dem Rejlander hauptsächlich Mitglied war, die Royal Photographic Society of London fühlt sich seiner Witwe und seinem Nachlass verpflichtet und kauft einige seiner Negative. Damit gehen viele seiner Werke auch verloren oder in verschiedenen Sammlungen auf und obwohl kaum ein Fotograf so einflussreich in dieser Zeit gewesen sein dürfte wie er, verschwindet er zunächst in der Bedeutungslosigkeit. Und bis heute ist es so, dass bei seinem Namen die Leute zunächst auf Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll stoßen. Und das, obwohl Julia Margaret Cameron wahrscheinlich ihre Dunkelkammerfähigkeiten zum Teil mit Negativen von Rejlander geübt und gelernt hat und Lewis Carroll seinen Bildstil von seinen Bildern abgeleitet hat.</p>

<p>Was ist Kunst, was nicht, ab wann ist es Kunst, wann nicht, kommt Kunst von Können, kommt Kunst von Absicht, kommt Kunst vom Zufall, ist man Künstler, weil man sich so nennt, oder weil andere die Werke bereit sind, zu kaufen, welche Rolle spielt das Nachahmen von vorangegangenen? Bei der Produktion von diesem Podcast entdecke ich immer wieder aufs neue, dass wir seit Anbeginn der Fotografie dieselben Fragen diskutieren und eigentlich immer wieder bei denselben Positionen ankommen.</p>

<p>Rejlander jedenfalls war ein ungewöhnlich kreativer Kopf. Er war ein sehr humorvoller Mensch und er hat Dinge geschaffen, die bis heute nachwirken, ohne, dass sein Name den Ruhm erreicht hätte, den er eigentlich verdient hätte. Wir werden ihm noch öfter begegnen. Wir werden noch über Julia Margaret Cameron und über Lewis Carroll, über Clementina Hawarden oder über Queen Victoria sprechen, oder über John Herschel. Und bei keinem dieser Namen können wir es lassen, auch mal kurz über Oscar Gustave Rejlander zu sprechen.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 03 Jul 2021 17:00:13 GMT</pubDate>
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            <title>Pflaumen, Käse, Papageienpopel</title>
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            <description>Früher forderten Fotograf:innen ihre Kundschaft auf &quot;Prunes!&quot; (Pflaume) zu sagen damit die für die Aufnahme den Mund schlossen.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Früher forderten Fotograf:innen ihre Kundschaft auf &#8222;Prunes!&#8220; (Pflaume) zu sagen damit die für die Aufnahme den Mund schlossen. Wann und warum tauchte dann die Erwartung auf in die Kamera zu lächeln und &#8222;Cheese!&#8220; zu sagen?</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://diff.wikimedia.org/2015/09/18/first-smile-photobomb-wales/#:~:text=Willy%20is%20looking%20at%20something,1853%2C%20when%20he%20was%2018" target="_blank">The first smile and photobomb ever photographed</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Dillwyn" target="_blank">Mary Dillwyn</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Duckface" target="_blank">Duckface </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://sites.uni.edu/fabos/seminar/readings/cheese.pdf" target="_blank">Why We Say &#8222;Cheese&#8220;: Producing the Smile in Snapshot Photography</a> (Critical Studies in Media Communication)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://time.com/4568032/smile-serious-old-photos/" target="_blank">Now You Know: Why Do People Always Look So Serious in Old Photos?</a> (Time)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250427221210/https://www.smithsonianmag.com/smart-news/yearbook-photos-show-how-smiles-have-widened-over-decades-180957437/" target="_blank">Yearbook Photos Show How Smiles Have Widened Over the Decades</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20211205205723/https://petapixel.com/2020/06/04/a-rare-photo-of-someone-smiling-in-the-19th-century/" target="_blank">A Rare Photo of Someone Smiling in the 19th Century</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210820184246/https://petapixel.com/2012/11/04/say-prunes-not-cheese-the-history-of-smiling-in-photographs/" target="_blank">Say ‘Prunes’, Not ‘Cheese’: The History of Smiling in Photographs</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="492" height="600" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/492px-Sally_and_Mrs_Reed_40950656771.jpg" alt="Zwei Frauen in historischer Kleidung sitzen zusammen für ein Porträtfoto."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="750" height="588" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/The_Snowman_No._2_40958252261.jpg" alt="Ein verblasstes Foto zeigt einen Schlitten und zwei Figuren im Schnee."/><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">MDL00  010</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="621" height="800" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/19thcenturysmile-621x8001-1.jpg" alt="Ein Porträt einer indigenen Frau in traditioneller Kleidung mit Perlenstickerei und Fransen, die ein drapiertes Tuch über dem Arm hält."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="372" height="544" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/Willy_smiling._Mary_Dillwyn_Col._18531.jpg" alt="Porträt eines jungen Mannes in dunkler Kleidung auf einem sepiafarbenen Fotoalbum, unter dem der Name „Willy“ zu sehen ist."/><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">MDL00  030</figcaption></figure></li></ul></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" "/posts/kodak-momente.html" target="_blank">Fotomenschen #31: Kodak-Momente (Die Geschichte von Kodak und George Eastman)</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20211201161441/https://fotopodcast.de/fpc255-lichtblicke-der-blues-und-ein-workshop/" target="_blank">Fotopodcast #225: Lichtblicke, der Blues und ein Workshop</a> (oder <a href="https://web.archive.org/web/20210612120945/https://fotopodcast.de/fpc255-lichtblicke-der-blues-und-ein-workshop/?t=1%3A33%3A20" target="_blank" rel="noreferrer noopener">hier direkt zu der Stelle</a> an der Ulrike über Fotomenschen spricht 🙂 )</li></ul>

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<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Schaut man sich Fotos des 19. Jahrhunderts an, wird schnell auffällig, dass es offensichtlich damals nichts zu lachen gab, denn die Leute schauen immer bierernst in die Kamera. Oder hat das vielleicht andere Gründe?</p>

<p>Um gleich mal eins aus der Welt zu räumen: Auch im 19. Jahrhundert hatten die Menschen Spaß und wussten, wie man lacht. Betrachtet man hingegen Fotos aus der Zeit, fällt auf, wie selten das vorzukommen scheint.</p>

<p>Das älteste Bild eines lächelnden jungen Mannes, das wir kennen, ist von 1853. Es zeigt den zum Zeitpunkt der Aufnahme 18-jährigen Willy Dillwyn. Die Dillwyns waren Fotopioniere aus Wales. Sie waren durch Heirat mit Henry Fox Talbot verwandt, dem britischen Vater der Fotografie und Willys Vater John Dillwyn Llewelyn war ein Botaniker und hat sehr früh angefangen, seine Arbeit mit fotografischen Verfahren zu dokumentieren. Fotografiert hatte allerdings Willy nicht sein Vater John, sondern seine Tante Mary.</p>

<p>Und auf Marys Konto gehen so einige erste Aufnahmen. Sie ist zum Beispiel diejenige, die den ersten Schneemann überhaupt fotografiert. Und die erste Fotobombe. Ein Gruppenfoto, wo im Hintergrund ein Mädchen neugierig um die Ecke lugt.</p>

<p>1853, als Willy eben vor der Kamera lächelte, war die Fotografie bereits seit 14 Jahren in der Welt. Waren die allerersten Aufnahmen noch Aufnahmen, die manchmal Stunden Belichtungszeit brauchten, konnte man inzwischen in Sekunden belichten. Zumindest, wenn man draußen bei Tageslicht fotografierte. Im Studio sah das noch ein bisschen anders aus. Da musste man sich doch noch einigermaßen ruhig halten, um eine ordentliche Aufnahme zu machen.</p>

<p>Und das ist auch gleich die erste Erklärung dafür, warum gerade auf alten Aufnahmen die Menschen so ernsthaft zu schauen scheinen: Ein natürliches, natürliches Lächeln wird halt schnell zur seltsamen Grimasse, wenn man es 30 Sekunden lang halten soll. Im Internet findet man dann zusätzlich noch Skizzen von Halteapparaten, die Kopfpositionen für den Fotografen fixierten und wenn man in so einen Schraubstock eingespannt ist, fällt das Lächeln vielleicht nochmal extra schwer. Ist eine naheliegende Begründung.</p>

<p>Allerdings reicht die nicht, denn ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war eben Technik verfügbar, mit der man viel, viel schneller belichten konnte und trotzdem schauen die meisten Menschen ziemlich ernst in die Linse.</p>

<p>Der Grund ist also ein anderer. Und den finden wir, wenn wir uns die Umstände, unter denen die meisten Aufnahmen damals entstehen, genauer anschauen. Vor der Entwicklung der Fotografie war ja die Portraitmalerei das Mittel der Wahl, um Menschen für die Ewigkeit zu dokumentieren. Und auf diesen Bildern wollte man eben nicht dümmlich lächelnd dargestellt werden, sondern gebildet, ernsthaft, machtvoll wirken. Die Fotografie nun orientierte sich an diesen Sehgewohnheiten.</p>

<p>Und Fotografie passierte ja auch nicht zwischendurch, sondern war geplant. Es war ein Ereignis, zum Portraitfotografen zu gehen. Das kostete viel Geld und man machte es zu besonderen Anlässen. Und dann grinste man eben auch nicht in die Kamera, sondern versuchte, dabei ernsthaft und dem Anlass angemessen feierlich zu schauen. Hätte man in die Kamera gegrinst, wäre der Verdacht nahegelegen, dass man entweder dement oder besoffen oder sonst irgendwie seltsam wäre.</p>

<p>Damals wie heute verstehen professionelle <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen ihre Aufgabe darin, dem Model den richtigen Weg zu weisen, sie also in eine Pose und zu einem Gesichtsausdruck zu leiten, der ihnen dann später gefallen wird. Und so, wie man heute die Leute auffordert, &#8222;cheese&#8220; zu sagen, hat man damals &#8222;prunes&#8220; gesagt, damit die Leute ihren Mund eben schließen.</p>

<p>Ja, und wo wir schon bei geschlossenen Mündern sind: Das ist dann auch noch die nächste Begründung, warum Menschen ganz allgemein kein Interesse daran hatten, auf Bildern für die Ewigkeit ihr Speisezimmer zur Schau zu stellen. Denn schief gewachsene, faulige oder ausgefallene Zähne waren auch beim Adel gar nicht selten. Ein breites Karieslächeln war damals also unter Umständen auch aus ästhetischen Gründen gar nicht erstrebenswert.</p>

<p>Wir haben also eine Mischung aus Sehgewohnheiten, kulturellen Befindlichkeiten und technischen Möglichkeiten, die dafür sorgen, dass zumindest mal im 19. Jahrhundert das Lächeln auf Fotos sehr selten ist. Menschen, die fotografiert werden, kommt einfach nicht in den Sinn, zu lächeln und <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die Portraits aufnehmen, kommt nicht in den Sinn, die Leute dazu aufzufordern, zu lächeln. Und bis heute gibt es messbare Unterschiede darin, wie unterschiedliche Kulturen auf die Fotosituation reagieren. Nicht jede Nationalität neigt dazu, gleich mal loszugrinsen.</p>

<p>Um das Aufkommen des Fotolächelns zu studieren, bietet es sich an, einige der üblichen Standardfotosituationen genauer unter die Lupe zu nehmen. Zum Beispiel existiert in den meisten westlichen Ländern die Tradition des Schuljahrbuchs. Und dann gibt es natürlich auch noch Hochzeitsfotos, Portraits zum 18. Geburtstag und dergleichen mehr. Speziell Jahrbuchtraditon kommt in angloamerikanischen Ländern um das Jahr 1900 auf.</p>

<p>Ein Team der University of Berkley nahm sich 38000 dieser Fotos vor und stellte fest, dass erst so ungefähr 1920 die ersten zaghaften Lächelaufnahmen auftauchen. Das Grinsen wird Jahr für Jahr breiter, wobei die Frauen einen leichten Lächelvorsprung haben, bis wir dann irgendwann anfangen, Zähne zu sehen. Und heute grinsen Studierende breiter als jemals zuvor.</p>

<p>Warum ist das so? Wer hat diese Gewohnheit geprägt? Wie kommt es, dass wir als Gesellschaft genau wissen, dass in bestimmten Situationen eine auf uns gerichtete Kamera mit der Erwartungshaltung verbunden ist, dass wir versuchen, freundlich und lächelnd zu schauen?</p>

<p>Verschiedene Studien zeigen, dass diese Erwartung zuerst in den USA aufkommt und Hand in Hand geht mit der Entwicklung der Werbung im öffentlichen Raum. Eine Firma ist da ganz besonders prägend. Eine Firma, über die wir hier auch schon mehrmals gesprochen haben. Nämlich die Firma <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a>.</p>

<p><a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> sah es als seine Aufgabe an, die Fotografie für die Massen verfügbar zu machen. Von Anfang an wurden Kameras für Kinder und Familien vermarktet. &#8222;You press the button, we do the rest&#8220; ist der berühmte Slogan der Firma <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a>. Die Idee ist, dass die Technik so einfach geworden ist, dass sogar Kinder damit spielen können. Und so günstig, dass man das jederzeit tun kann. Es kommt die Privatfotografie auf und die Familie ist der Ort, an dem auch mal herumgealbert wird. An dem es Gelegenheiten gibt, zu denen die Menschen Freude zeigen. Und die Fotos sind ja privat, das heißt, sie bleiben in der Familie und zeigen deswegen bereitwillig das Lächeln der glücklichen Familienmitglieder. Eastman Kodak befeuert das noch weiter.</p>

<p>Es ist nicht nur Kodak, sondern die gesamte Werbewelt befindet sich gerade im Umbruch. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hat Werbung in erster Linie den Kunden Angst gemacht. Ihnen wurde gesagt, was ihnen droht, wenn sie ein Produkt nicht kaufen. Beispielsweise ein Mundwasser ist die dringend notwendige Gegenmaßnahme gegen drohende soziale Verelendung.</p>

<p>Zum Ende des 19. Jahrhunderts aber dreht sich diese Perspektive. Nicht mehr Angst wird verkaufsfördernd eingesetzt, sondern es geht um die Aussicht auf Vergnügen, auf Freude. Das schlägt sich ganz besonders auch in den Werbekampagnen von Kodak nieder. Deren Kampagnen zeigen oft die sogenannten &#8222;Kodakgirls&#8220; und Situationen im Familienkreis und relativ schnell ist da auch viel Lächeln zu sehen.</p>

<p>Kodak veröffentlicht vor allen Dingen eine ganze Reihe von Büchern und regelmäßig erscheinenden Magazinen, in denen sie den Amateurfotografen wie dem Profi Tipps für Posing, gute Situationen und dergleichen gibt. &#8222;Kodakery&#8220; ist eines dieser Magazine und recht schnell wird da drin eben auch deutlich gemacht, dass glückliche Situationen, freudige Situationen, gerne auch mal Schnappschüsse im Urlaub oder zu irgendwelchen Familienfesten der ideale Platz für die Kodak sind.</p>

<p>Außerdem veranstaltet Kodak Wettbewerbe. Kodakfotografinnen und Fotografen können ihre Bilder einschicken und die Gewinner werden wiederum als Werbekampagnenmotive weiterverbreitet. Millionen sehen die Aufnahmen glücklicher Kodakmomente. Und je mehr die im öffentlichen Raum auftauchen, desto mehr Menschen gewöhnen sich an diesen Anblick und erfüllen auch diese Erwartungshaltung. Wird eine Kamera auf uns gerichtet, versuchen wir eben, glücklich auszusehen. Und schon ist es da, das Lächeln.</p>

<p>Es ist also Werbung und Marketing, das unsere Foto- und Sehgewohnheiten prägt. Und die entwickeln sich in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich schnell. Im Deutschland der 20er Jahre ist Leica das große fotografische Unternehmen. Und Leica revolutioniert die Welt der Fotografie der damaligen Zeit.</p>

<p>Die Kampagnen von Leica allerdings, die bleiben ernsthaft. Von den ersten 150 Werbekampagnen, mit denen Leica ihre Fotosparte bewirbt, zeigen nur 14 ein Lächeln. Die Deutschen sind also verhältnismäßig ernsthaft in ihren Aufnahmen. Und das sieht man auch bei Familienbildern aus der damaligen Zeit. Während in den USA schon breit gegrinst wird, schaut man bei uns noch einigermaßen seriös in die Kamera. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bricht aber auch hierzulande endgültig der Damm und auch hier wird breit gegrinst.</p>

<p>Spannend auch, dass wir kein deutsches Äquivalent für &#8222;cheese&#8220; haben, sondern das einfach auch sagen. Oder diverse lustige Alternativen finden. Wir haben zum Beispiel unsere Kids immer dazu aufgefordert, &#8222;Papageienpopel&#8220; zu sagen. Bis zum &#8222;l&#8220; sind die meistens gar nicht gekommen.</p>

<p>Spannend ist auch, dass diese Entwicklung, also, was man so macht, wenn man fotografiert oder fotografiert wird, noch nicht abgeschlossen ist. Mit dem Aufkommen der Selfiekultur sind auch neue Grimassen und neue Rituale aufgekommen. Da wird dann plötzlich statt einem Lächeln ein Duckface in die Kamera gemacht, also eine Schnute gezogen, die wohl am Anfang so ein bisschen wie ein sexy Kussmund aussehen sollte, aber zum Teil wirklich, wirklich seltsame Ausmaße annimmt. Und die Menge an Bildern, bei denen Frauen von unten nach oben schauen, nimmt zu. Auch hier wahrscheinlich das Bedürfnis, irgendwie sexy zu wirken, aber ganz eindeutig ein Trend in der Fotografie, den es vor 20 Jahren so nur in ganz bestimmten Genres gegeben hatte.</p>

<p>Interessant auch, sich die eigene Erwartungshaltung bewusst zu machen. Wir erwarten, auf alten Aufnahmen ein ernstes Gesicht zu sehen und sind dann immer so ein bisschen in unseren Sehgewohnheiten irritiert, wenn das nicht der Fall ist. Eine Aufnahme, die 2019 für 43750 Dollar verkauft wurde zeigt ein amerikanisches Indianermädchen, das breit in die Kamera lächelt. Und diese Aufnahme war so ungewöhnlich, dass Artikel darüber geschrieben wurden und das Ganze viral durch das Netz rauschte.</p>

<p>Wir erkennen also moderne Fotos auch an den Gesichtsausdrücken. Und an den Posen. Und immer, wenn dieser Stil gebrochen wird, sind wir irritiert. Und das alleine, finde ich, ist ja schon eine spannende Beobachtung.</p>

<p>Meine Kinder haben ja einen siebten Sinn und bemerken unfehlbar, wenn ich versuche, eine Kamera auf sie zu richten, um ein Foto von ihnen zu machen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Grimassen, die ich da manchmal geerntet habe, nicht auch irgendwann mal zum Trend werden.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 09 May 2021 14:05:35 GMT</pubDate>
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            <title>Skandalös schwanger</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/skandaloes-schwanger.html</link>
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            <description>Will McBride fotografiert in seinem Leben Staatsmänner, Musiker:innen, Schauspieler:innen und ganz besonders oft Jugendliche.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Will McBride fotografiert in seinem Leben Staatsmänner, Musiker:innen, Schauspieler:innen und ganz besonders oft Jugendliche. Sein berühmtestes Bild ist jedoch eine Aufnahme seiner schwangeren Frau Barbara mit dem er einen Deutschlandweiten Skandal auslöst.</p>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="416" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/image1.jpg" alt="Eine Frau posiert für ein Magazin-Cover und hält die Arme über den Bauch gekreuzt, während große englische Schriftzüge im Hintergrund sichtbar sind."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="315" height="470" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/will-mcbride-barbara-mcbride-pregnant-with-shawn1.jpg" alt="Eine Frau mit dunklem Haar steht vor einer schlichten Wand und hält ihren rechten Arm über die Taille."/></figure></li></ul></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Will_McBride" target="_blank">Will McBride</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Twen_(Zeitschrift)" target="_blank">Twen</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://sz-magazin.sueddeutsche.de/mode-and-accessoires/in-den-sechziger-jahren-war-ich-meistens-schwanger-77059" target="_blank">&#8222;In den sechziger Jahren war ich meistens schwanger&#8220;</a> (SZ Magazin)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.sueddeutsche.de/leben/barbara-siebeck-ueber-maenner-1.4547883?reduced=true" target="_blank">Süddeutsche Zeitung &#8211; Barbara Siebeck über Männer</a> (hinter Paywall)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.welt.de/kultur/article136927287/Der-Mann-der-das-wilde-Berlin-entdeckte-ist-tot.html" target="_blank">Der Mann, der das wilde Berlin entdeckte, ist tot</a> (WELT)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20220327081711/https://www.willmcbride-archive.com/" target="_blank">Will McBride Archiv</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.vanityfair.com/style/2018/04/demi-moore-cover-story-august-1991" target="_blank">Demi&#8217;s Big Moment &#8211; Cover Story Vanity Fair August 1991</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210923083252/https://www.her.ie/celeb/natalie-portman-recreated-iconic-demi-moore-pregnancy-photo-330161" target="_blank">Natalie Portman has recreated THAT iconic Demi Moore pregnancy photo</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.kqed.org/pop/88718/serena-williams-pregnancy-shoot-may-never-have-happened-without-demi-moores-trailblazing" target="_blank">Serena Williams&#8216; Pregnancy Shoot May Never Have Happened Without Demi Moore&#8217;s Trailblazing</a></li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="ud50s61mU6E" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ud50s61mU6E.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

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<p>Transkript</p>

<p>Für das heutige Thema habe ich mich gefragt, was eigentlich passieren müsste, damit ich mich über ein Bild so richtig aufrege, damit ich es skandalös finde, denn das Beispiel, das ich mitgebracht habe, wäre heute wahrscheinlich nichts Besonderes mehr. Oder?</p>

<p>Als Will McBride für seinen Wehrdienst nach Deutschland kam, lag das Ende des 2. Weltkrieges gerade mal 8 Jahre zurück und er hatte das Ende als Teenager erlebt, es war ihm also geschmeidig egal gewesen, oder zumindest so egal, wie einem das von Chicago aus sein konnte. Er hatte englische Literatur, Kunstgeschichte und Malerei studiert, mit knapp über 20 wollte er dann ein bisschen was sehen von der Welt. Und das Militär war da eine gute Gelegenheit. Wehrdienst also. Und Deutschland.<br>Würzburg ist ein wirklich schöner Standort und als 1955 sein Wehrdienst endet, will er nicht so recht zurück. Also fängt er an, sich seinen Lebensunterhalt als Fotograf für Magazine zu verdienen, derer gibt es inzwischen mehrere, und so ist er unterwegs, um Reportagen und Fotostrecken zu bringen. Italien, Frankreich, Schweiz: Er kommt rum in Europa. Er fängt nochmal ein Studium in Berlin an und zieht letztlich nach München.</p>

<p>Seine Fotos, im Reportagestil aufgenommen, zeigen eine Jugend im Aufbruch. Als er in den 60ern ein Studio in München eröffnet und anfängt, für Magazine wie &#8222;Quick&#8220; oder &#8222;Twen&#8220; zu arbeiten, feiert und rebelliert eine Teenagergeneration, die den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> vielleicht noch erlebt hat, sich aber nicht mehr wirklich an ihn erinnern kann.<br>Es ist ein Magazin, das ganz besonders zu seinem Stil passt: das junge Bildmagazin &#8222;Twen&#8220;. Er war schon bei Gründung 1959 mit an Board als Fotoredakteur und Bildlieferant. Und &#8222;Twen&#8220; war ein modernes Magazin. Inhaltlich ging es um die Themen, um die es in Jugendmagazinen nun mal geht. Lifestylethemen wie Mode, Musik und Urlaub waren ganz vorne, dann ging es natürlich um Sexualität und Partnerschaft und wir befinden uns am Anfang der sexuellen Revolution, das heißt, vorehelicher Sex, Homosexualität, all diese Themen waren zwar tabu, aber man konnte schon über sie reden und schreiben. Und Will MCBride passte in die Zielgruppe hinein. Er war ein Anfang Zwanziger, er fotografierte gerne Anfang Zwanziger und so passte das perfekt.</p>

<p>Ende der 50er hatte er seine Frau Barbara kennengelernt. Und wie es bei Reportagefotografen so ist, sie war eins seiner Lieblingsbildmotive. Als sie mit seinem ersten Kind schwanger wird, macht er eine Bildstrecke für das Magazin &#8222;Twen&#8220;. Es wird eine <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>, in der ihre Schwangerschaft und die Geburt seines Sohnes Shawn dokumentieren wird.<br>Die Bilder sind gefühlvoll und liebevoll, es ist auch eine Geschichte, die bezeichnend ist. Hier ist ein Amerikaner, Vertreter eines Volkes also, das noch 15 Jahre zuvor mit den Deutschen im <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> war und Barbara, eine Deutsche, die gemeinsam ihre Liebe feiern und in einer Jugendzeitschrift dokumentieren, wie sie miteinander in die Zukunft gehen.</p>

<p>Die wichtigste Aufnahme der <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> zeigt Barbara im 7. Monat schwanger mit einer ihrer Lieblingshosen, die sie wegen dem Babybauch nicht zumachen kann. Sie ist komplett bekleidet und schaut selbstbewusst direkt in die Kamera. Und es ist diese Aufnahme einer schwangeren Frau, die Deutschlandweit für einen Skandal sorgt.<br>Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften schreitet ein und prüft, ob das Jugendmagazin &#8222;Twen&#8220; nicht seine Ausgaben zurückziehen muss. Erboste Briefe werden geschrieben, Kolumnen werden verfasst.<br>Der Aufreger ist übrigens nicht, dass hier eine nackte Frau gezeigt wird. Sie ist nämlich komplett angezogen. Der Aufreger ist eigentlich auch nicht der Babybauch, der Aufreger und das, was als &#8222;obszön&#8220; bezeichnet wird, ist die komplett offenstehende Jeans. Mein Gott, war man prüde damals.</p>

<p>Es wird ermittelt und natürlich gibt es auch die Gegenseite, es gibt auch Briefe der Zielgruppe, also von Zwanzigjährigen. Alle regen sich munter auf. Und beschließt am Ende, dieses Bild so stehenzulassen.<br>Es ist ein Aufreger, mit dem Will MCBride nicht gerechnet hatte, der allerdings wahrscheinlich nicht ganz unwillkommen als Marketingmaßnahme für &#8222;Twen&#8220; dastehen kann und zeigte, dass sich die Welt wirklich verändert hatte. Die moralischen Grundsätze der Vorkriegszeit galten nicht mehr. Die Jugend hatte einen anderen Blick auf die Themen. Und eine junge, schwangere, selbstbewusste Frau zu zeigen war eben nichts mehr, wogegen die Behörden einschreiten konnten.</p>

<p>Will MCBride testete die Limits der Toleranz seiner Mitmenschen allerdings noch mehrere Male: Hatte sich sein erstes Bildband noch um Adenauer gedreht und diverse politische Prominenz der damaligen Zeit gezeigt, war das nächste Buch, was ja nach dem Skandal rund um Barbaras Schwangerschaftsfoto produzierte, ein Aufklärungsbuch. &#8222;Zeig mal&#8220;, hieß es. Und ja, es ging um Kinder, die ihre Sexualität entdecken. Und weil man dort auch entsprechend junge Menschen dabei sehen kann, wie sie miteinander zärtlich umgehen, wurde ihm vorgeworfen, dass es ein Buch für Pädophile gewesen wäre.<br>Der nächste Skandal war dann, als sich Barbara und Will trennten, weil Will seine Homosexualität gestanden hatte und die jetzt auch ausleben wollte. Barbara heiratet einen Starkoch und Gourmetkritiker und Will zieht in die Toskana, wo er dann in Zukunft hauptsächlich malen, aber auch immer wieder mal fotografieren wird.</p>

<p>Fast forward. 31 Jahre später, im August 1991, starrt die Welt mit großen Augen auf das Titelblatt des US-Magazins &#8222;Vanity Fair&#8220;. Es zeigt die hochschwangere und sehr nackte Demi Moore, damals die Frau von Bruce Willis, die von einer berühmten <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> Annie Leibovitz fotografiert worden war.<br>Eigentlich, so sagt Demi später im Interview, waren die Fotos ein privater Fotoshoot. Sie hatte das für sich und Bruce gemacht. Annie war eine Freundin der Familie und immer wieder mal zu Besuch gewesen und hatte ihre Kamera einfach immer dabei und so ergab sich einfach die Gelegenheit. Als sie gemeinsam die belichteten Fotos sichten, soll die Idee entstanden sein, die Bilder doch dem Vanity Fair Magazin anzubieten. Wäre es nicht großartig, wenn das das neue Titelblatt würde? Vanity Fair lässt sich darauf ein und man weiß schon, dass dieses Bild Kritik einfangen wird. Aber auch hier, wie schon damals bei dem Foto von Barbara, es lässt sich einfach nicht leugnen, es sind ästhetische Aufnahmen.</p>

<p>Hin und wieder kann man die Behauptung lesen, dass Annie Leibovitz hier eigentlich das Bild von Will MCBride, also &#8222;Barbara pregnant with Shawn&#8220;, zitiert hätte. Ah, ich weiß nicht. Für mich ist das ein ganz normaler Schwangerschaftsshot. Aber natürlich sind sich die Bilder wegen dem Aufschrei, den sie produziert haben, ähnlich. Wegen dem Tabubruch. Wegen den Nachahmerinnen und Nachahmern, die sich dann rausnahmen, was diese Bilder vorgemacht haben.<br>Denn nach Demi Moore gibt es kein Halten mehr. Die Kardashians, Mariah Carey, Beyoncé, Britney Spears, im Babybauch auf einem Cover zu posieren war plötzlich etwas Mögliches und, ich will nicht sagen selbstverständliches, aber doch auch nicht mehr überraschendes. In beiden Fällen war eine Tür aufgestoßen worden.<br>Ein Tabu wurde gebrochen, das eigentlich gar nicht hätte da sein sollen. Denn eine schwangere Frau ist nun wirklich nichts Besonderes, aber aus irgendeinem Grund war bis dahin selbstverständlich, dass Schwangerschaft nur für den privaten Gebrauch fotografiert wurde. Und die Frage, was ist privat, was ist öffentlich, was ist tabu, was darf gezeigt werden, wird in unserer Kultur regelmäßig verhandelt. Und da ist es auch eine Illusion, anzunehmen, dass es immer nach vorne geht; manchmal geht es auch rückwärts. Und so stellt sich die Frage, ob nicht doch irgendwann das Foto einer schwangeren Frau ein Skandal auslösen kann.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 24 Apr 2021 17:50:17 GMT</pubDate>
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            <title>Der Schattenfänger</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/der-schattenfaenger.html</link>
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            <description>&quot;Shadow Catcher&quot; nannten die amerikanischen Ureinwohner den Mann der 30 Jahre in das ambitionierteste Fotoprojekt seiner Zeit, vielleicht aller Zeiten investierte und versuchte die Kultur und Bräuche...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>&#8222;Shadow Catcher&#8220; nannten die amerikanischen Ureinwohner den Mann der 30 Jahre in das ambitionierteste Fotoprojekt seiner Zeit, vielleicht aller Zeiten investierte und versuchte die Kultur und Bräuche sämtlicher noch erreichbarer Stämme zu dokumentieren. Seine Lebensgeschichte ist turbulent und brachte ihn mit den Großen seiner Zeit zusammen.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240316004849/https://mdpi.iu.edu/collections/edward-s-curtis.php" target="_blank">Wax cylinder recordings of Native American musical traditions</a> (Indiana University)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kikisoblu" target="_blank">Kikisoblu [Prinzessin Angeline]</a> (Wikipedia)</li><li><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Curtis" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Edward S. Curtis</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20070311041200/http://www.washington.historylink.org/essays/output.cfm?file_id=2493" target="_blank">Princess Angeline or Kikisoblu, daughter of Chief Seattle, dies on May 31, 1896</a>. (HistoryLink)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Seattle" target="_blank">Seattle </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://indianz.com/News/2019/12/24/yes-magazine-recordings-help-bring-nativ.asp" target="_blank">YES! Magazine: Recordings help bring Native songs to life</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.faz.net/aktuell/wissen/archaeologie-altertum/die-indianerbilder-des-edward-curtis-17031382.html" target="_blank">Die Indianerbilder des Edward Curtis</a> (FAZ)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/ga/2004/curtis/html/einleitung.htm" target="_blank">~ The North American Indian ~</a> (Edward S. Curtis, Fotografien aus der Pierpont Morgan Stiftung)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.historylink.org/File/1683" target="_blank">Railroad Development in the Seattle/Puget Sound Region, 1872-1906</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.sos.wa.gov/legacy/images/publications/sl_venenannals/sl_venenannals.pdf" target="_blank">Annals of old Angeline</a> (Washington State Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://pitt.libguides.com/edwardcurtis-allabouttheland/snakedancer" target="_blank">Edward S. Curtis and The North American Indian, Spring-Summer 2018: Snake Dancer</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://robc224.wordpress.com/2020/08/07/edward-s-curtis/" target="_blank">Edward S. Curtis: Enduring Legacy</a> (THE GALLERY OF PHOTOGRAPHIC HISTORY)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.curtislegacyfoundation.org/the-north-american-indian" target="_blank">THE NORTH AMERICAN INDIAN</a> (Curtis Legacy Foundation)</li></ul>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=czjvrXSoSaU" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<div class="yt-facade" data-yt="LQJW2petnG4" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_LQJW2petnG4.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

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<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3836550539" target="_blank" rel="noopener">Die Indianer Nordamerikas. Die kompletten Portfolios</a></p>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/0544102762" target="_blank" rel="noopener">Short Nights of the Shadow Catcher: The Epic Life and Immortal Photographs of Edward Curtis</a></p>

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<p>Transkript</p>

<p>Wir befinden uns an der Westküste der USA. Die Stadt Seattle war nach einem Indianerhäuptling benannt worden. Beziehungsweise von dem Namen eines Indianerhäuptlings inspiriert benannt worden. Denn der eigentliche indianische Name war den meisten zu schwer auszusprechen. Seattle war da deutlich einfacher. Die Pazifikküste war erst vor kurzen an das amerikanische Eisenbahnnetz angeschlossen worden. Und damit hatten sich die Tore geöffnet. Weiße Einwanderer und Siedler konnten endgültig auch den bis dahin wilden und ungezähmten pazifischen Nordwesten erobern. Wobei, ganz so ungezähmt war der Nordwesten nicht. Da hatte es ja schon Ureinwohner gegeben. Und die gab es immer noch. Wir sind allerdings in einer Zeit, in der der Rote Mannn sich nach und nach der Übermacht des Weißen Mannes gebeugt hatte. Eine ganze Reihe von Verträgen waren abgeschlossen worden. Man hatte den ursprünglichen Einwohnern des Landes Gebiete zugewisen, in die sie sich zurückzuziehen hatten. Nicht notwendiger Weise immer die besten Gebiete möchte man hinzufügen.</p>

<p>Es ist jedenfalls diese Eisenbahnverbindung, bei der unsere Geschichte anfängt. Denn sie ist es, die den jungen Edward Curtis damals 17 Jahre alt vom fernen Wisconsin nach Seattle bringt. Sein Vater war Bürgerkriegsveteran mit nicht mehr allzu guter Gesundheit und ein evangelikaler Prediger. Man könnte also die Curtis Familie als bettelarm bezeichnen. Und deshalb stand auch nach der sechsten Klasse für den jungen Edward nicht mehr Schulbildung auf dem Programm, sondern die Aufgabe der Familie dabei zu helfen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Umzug nach Seattle war mit der Hoffnung verbunden hier vielleicht sein Glück machen zu können. Hier gab es noch unzugewiesenes Land. Man konnte sich ein Grundstück zuweisen lassen. Und wenn man Glück hatte, war das genug für einen Neustart. Edward war schon in sehr jungen Jahren immer mit seinem Vater unterwegs gewesen, um die verschiedenen Gläubigen in seiner Gemeinde zu besuchen. Und hatte so gelernt, wie man unter freiem Himmel und mit nichts als dem, was die Natur einem bot, über die Runden kam. Die Familie Curtis hatte also nicht viele Gegenstände umzuziehen. Aber einer der Gegenstände, die sie umzog, war das Objektiv, das der Vater aus dem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> mitgebracht hatte. Edwards Vater selber war kein Fotograf. Und das Objektiv-? Wer weiß schon, wo dieses Objektiv aufgesammelt worden war? Aber Edward war schon als Teenager fasziniert von der Möglichkeit vielleicht Bilder aufzeichnen zu können. Und hatte sich mithilfe eines Buches „<a "/posts/das-u-boot-von-loch-ness.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="30" title="Das U-Boot von Loch Ness">Wilson</a>‘s Photographics“ eine eigene Kamera gebaut. Die funktionierte allerdings mehr schlecht als recht. So blieb das Hobby nicht hängen. Damals, als er als 14-Jähriger die Schule verlassen hatte und in Wisconsin bei der lokalen Eisenbahngesellschaft anheuerte, um Schienen zu verlegen, hatte er dann sowieso erstmal anderes im Sinn. Aber in Seattle da ging ihm dieses Objektiv und das, was er aus dem Buch gelernt hatte nicht mehr aus dem Kopf. Seattle war eine Stadt im Aufschwung. Neuer Reichtum durch die Eisenbahnverbindungen und den Goldrausch brachte die moderne Technik und den Fortschritt in die Stadt. Eine der großen Dinge der Zeit war die Fotografie. Am anderen Ende des Kontinents schickte sich zum Beispiel ein junger <a "/posts/kodak-momente.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="27" title="Kodak-Momente">George Eastman</a> gerade an mit <a "/tags/kodak.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="25" title="Kodak">Kodak</a> eines der einflussreichsten Unternehmen der Menschheitsgeschichte zu gründen. Für Edward stand allerdings anderes in den Karten. Sein Vater hatte immer davon geträumt eine Ziegelbrennerei zu eröffnen. Und Edward ernährte die Familie hauptsächlich durch Fischerei. 15 Kilo konnte ein Lachs aus der Region werden. Damit konnte man eine Weile lang essen. Wenn er nicht fischte, übernahm er Hilfsarbeiten oder sammelte Beeren.</p>

<p>Sein Vater war seit zwei Jahren tot, aber Edward arbeitet sich Stück für Stück nach oben. Und seine Familie mit ihm. Es war ein schwerer Unfall, der diesen Plan zum Halten brachte. Ein Sturz verletzte ihn an der Wirbelsäule. Und über ein Jahr war der 22-Jährige energiegeladene gut aussehende Edward Curtis plötzlich an das Bett gefesselt. Für seine Familie war das eine Katastrophe. Aber die Siedler damals hielten zusammen. Die Einwohner in der Region kannten sich untereinander. Und so passieren in diesem Jahr zwei Dinge. Erstens Edward lernt seine zukünftige Frau kennen. Clara Phillips. Die 16-Jährige kommt ihn regelmäßig besuchen und hilft der Familie aus. Clara kommt von einer weitgereisten Familie. Sie war in Kanada, in Pennsylvania und war belesen. Edward war fasziniert. Er teilt seine Ideen mit ihr. Sie hört ihm zu. Bald geht sie in der Curtis-Familie ein und aus. Es ist einer dieser Besuche, bei denen sie in das Haus kommt und Edward vor einen seltsam aussehenden Kasten vorfindet. Sie lässt sich zeigen, was für ein Gerät das ist. Ein Mann auf der Durchreise Richtung Goldrausch Country hatte die Kamera aus Geldnot heraus verkauft. Und Edward hatte einem spontanen Impuls folgend die Ersparnisse der Familie auf den Kopf geschlagen. Als Edward dann kurz darauf über eine Anzeige in der Zeitung davon erfährt, dass ein Porträtfotograf in der Stadt in Seattle einen Partner sucht, beschließt er einen Kredit aufzunehmen und in diese Partnerschaft zu investieren. Er würde also umziehen. Und mit kaum Ahnung von der Fotografie alles auf diese Karte setzen. Seine Familie muss begeistert gewesen sein. Und dann gab es noch einen kleinen Skandal. Denn Clara erklärte ihrer Familie sie würde mit Edward in die Stadt ziehen. Und sie würden heiraten und dort zusammen wohnen. Das alles sozusagen in einem großen Rutsch.</p>

<p>Für Edward begann jetzt eine prägende Zeit. Er lernte das Fotografieren von der Pike auf. Es gab viele Menschen mit Geld in der Stadt. Und er war einer derjenigen, der wusste, wie man Menschen mit Geld in Porträts gut aussehen lassen konnte. Es dauerte nicht lang und aus dem partnerschaftlichen Porträtstudio wurde ein von ihm allein geführtes Porträtstudio. Er war eine Größe in der Stadt. Man kannte ihn. Und er hatte eine erste Karriere als Porträtfotograf. Bald wurde ein erstes, bald ein zweites Kind geboren. Die Rechnung war aufgegangen. Das Geld begann zu fließen.</p>

<p>Wer schon mal Fotos von Seattle gesehen hat oder vielleicht sogar dort schonmal zu Besuch gewesen war, der weiß vielleicht, dass im Umland von Seattle mehrere große aktive Vulkane stehen. Riesige Berge. Bilderbuchlandschaften. Mit Seen in denen sich eisbedeckte Gipfel spiegeln. Mit riesigen Wäldern. Mit Landschaften, die einfach zu schön sind um wahr zu sein. Es ist diese Umgebung, der die Liebe von Edward und Clara gehören. Der Gipfel, den man von Seattle aus sieht, gehört zu dem Vulkan Mt. Rainier. Auch heute noch ein atemberaubend schöner Nationalpark. Und Edward wandert dort so viel, dass er als professioneller Wanderguide tätig werden kann und Leute zum Gipfel und über die Gletscher führen kann. Wenn er nicht wandert fotografiert er. Porträts. Edward gehört einer Tradition an, die sich Pictorialism nennt. Das heißt, seine Porträts versuchen mit einem leicht verträumten Look künstlerisch auszusehen. Viele werden noch im Nassplattenverfahren gemacht. Aber es ist auch die Zeit der Dryplates. Also, fotografische Verfahren, wo man mit fertigen Medien anfangen kann. Und nicht erst immer alles vorbereiten und sofort entwickeln&nbsp; muss. Fotografen der damaligen Zeit waren nicht nur Auftragsarbeiter. Sondern meistens auch damit beschäftigt Kunstwerke zu schaffen oder Postkarten zu drucken. Alles, was ein Bild haben konnte, war im Prinzip mögliche Geldquelle. Und das war wahrscheinlich auch die hauptsächliche Motivation, die Curtis dazu brachte sich mit einem Seattler Original zu beschäftigen. Denn es gab innerhalb der Stadtgrenzen eine Frau, die da eigentlich gar nicht sein durfte. Gesetze hatten es verboten, Indianern Anwesen im Stadtgebiet zu verkaufen. Oder sie auch nur unter dem eigenen Dach übernachten zu lassen. Wer anreisen wollte, brauchte eine Genehmigung das Reservat zu verlassen. Und sich in der Stadt aufzuhalten, brauchte ebenfalls entsprechende Zustimmung. Allerdings gab es Ausnahmen. Wenige, aber akzeptierte Ausnahmen. Und eine solche Ausnahme galt für die Tochter von <a "/tags/chief-seattle.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="38" title="Chief Seattle">Chief Seattle</a> höchst selbst. Sie war bekannt als Princess Angeline. Einen Namen, den ihr eine weiße Frau einmal gegeben hatte. Und der den Einheimischen leichter von der Zunge ging als ihr eigentlicher Name. Aufgewachsen als Tochter eines Fürsten, war die zur Zeit Edwards 90-Jährige geduldet und bettelarm. Sie lebte in einem Holzverschlag und verkaufte Muscheln an Touristen oder Einheimische, die sie selbst aus dem Schlamm ausgrub. Kinder machten Umwege nur um sie zu foppen und mit Steinen zu bewerfen. Wobei von Angeline überliefert wurde, dass sie dann ohne Weiteres auch mit Steinen zurückwarf und oft treffsicherer war als die Jungs. Touristen kamen in den Hafen nur, um auch mal einen Blick auf die Tochter des berühmten Indianerhäuptlings zu werfen. Und verschiedene Fotografen hatten Sie für Postkarten verewigt. Und das war auch das, was Curtis ursprünglich im Sinn hatte. Er ging an den Hafen und wollte sie fotografieren und bat sie für ihn Porträt zu sitzen. Einen Dollar würde er ihr dafür zahlen. Das war ein Tageslohn. Das war schon ordentliches Geld. So entstehen mehrere eindrucksvolle PortrÄts, die er auch in die Auslage hängt und für gutes Geld verkaufen kann. Er produziert außerdem besagte Postkarten. Aber irgendwie ist er unzufrieden. Er möchte mehr. Er möchte Angeline so zeigen, wie sie wirklich lebt. Und so fotografiert er sie auch noch beim Muschel-ausgraben und in verschiedenen anderen Situationen. Es sind seine ersten Fotos von amerikanischen Ureinwohnern. Und es werden nicht die letzten sein. Der Besuch eines Häuptlings in der Stadt zum Anlass eines Fußballspiels gibt ihm eine weitere Gelegenheit. Hier kommt noch dazu, dass Curtis sich mit dem Mann unterhält. Und damit erkennt, dass die offizielle Geschichtsschreibung, besonders in Bezug auf verschiedene Indianerstämme, nicht stimmen kann. Seine Porträts machen Wirbel. Er bekommt viel Anerkennung für die Qualität der Aufnahmen. Aber für die Geschichte, die ihm da begegnet, interessiert sich niemand. Es ist die Zeit, mit der Karl May jemand erfolgreiche Geschichten über <a "/tags/indianer.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="43" title="Indianer">amerikanische Ureinwohner</a> veröffentlicht, der selber noch nie auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, geschweige denn Amerikaner getroffen hatte. Und es ist dieses Bild, des romantischen Wilden, das man auch in Edwards Bildern wieder erkennt und mit dem er erfolgreiche Verkäufe tätigt. Aber je mehr er diese Menschen fotografiert. Je mehr Geschichten er hört. Desto nachdenklicher wird er. Er trägt seine Gedanken wieder und wieder Mt. Rainier hinauf. Während er sich nach und nach einen Namen als Fotograf nicht nur der großen Persönlichkeiten, sondern auch der Ureinwohner Amerikas machte. Er gewinnt Preise. In Seattle ist man stolz auf den Sohn der Stadt. Und dieser Ruf ist natürlich gut für das Geschäft.</p>

<p>1896 markiert dann das Jahr, in dem der Name Edward Curtis nicht nur in Seattle und Umgebung, sondern US weit bekannt wird. Und zwar nicht durch seine Fotografien. Sondern, weil er den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Expedition am Mt Rainier begegnet und ihnen aus einer Notlage hilft. Mitglied sind drei der berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit. Unter anderem ein bekannter Ethnologe. Und damit starten Freundschaften, die den ganzen weiteren Lebensweg von Edward Curtis bestimmen werden. Als Dank für seine Hilfe, laden sie ihn nämlich ein, der offizielle Fotograf einer Alaska-Expedition zu werden. Und das ist diese Expedition, bei der Edward Curtis seinen großen Plan fasst. Er erkennt nämlich, dass die verschiedenen Völker der Ureinwohner Amerikas am Sterben sind. Jedes Jahr, das verstreicht lässt weniger Stämme zurück. Und er erkennt, dass er ein Talent hat, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Über 80 Stämme sind in Nordamerika bekannt. Manche nur noch wenige 100 Mitglieder stark. Andere haben mehrere 10000. Manche sind wohlbekannt in Indianerreservaten untergebracht. Andere muss man aufwändig finden. Es gibt nomadisch lebende Stämme und Völker, die seit Jahrtausenden im Gebirge in Steinhäusern wohnen. Aber zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Ihre Geschichtsschreibung existiert kaum. Die meisten Geschichten werden mündlich weiter gegeben. Und sie sterben aus.</p>

<p>Edward fasst einen Plan. Er will diese Stämme dokumentieren. Er will sie alle besuchen. Er will sich mit ihren Ältesten hinsetzen. Er will ihre Geschichte hören. Er will ihre Lieder aufzeichnen, ihre Rituale beobachten. Er will ihre Lebensweise porträtieren und die typischen Mitglieder ihrer Gesellschaften. Er will ihnen ein Denkmal setzen. Und er will viel weiter gehen, als in Anführungsstrichen nur zu porträtieren. Während seiner Expedition nach Alaska hat er ein nagelneues Gerät zur Aufzeichnung von Tönen kennengelernt. Eine Wachsrolle wird verwendet, um Aufnahmen zu machen. Außerdem steckt der Bewegt Film in den Kinderschuhen. Und auch damit beschäftigt sich Edward. Er stellt Assistenten an und hält seine Erlebnisse und Erkenntnisse schriftlich fest. Clara ist nicht eben begeistert. Edward ist zum Teil sechs bis acht Monate am Stück unterwegs und lässt den Betrieb des Studios in Seattle und die Verkäufe in den Händen seines Cousins und Claras. Für die Kinder ist er fast schon ein Fremder. Und seine Zeit daheim in Seattle verbringt er damit seine nächsten Touren zu planen. Schnell wird auch klar, dass er sich das nicht wird leisten können. Sämtliche Einnahmen und Ersparnisse gehen drauf für seine Privatexkursionen. Und so schreibt Edward an das Smithsonian Institute. Die Institution in den USA in denen die Ethnologie zu Hause ist. Der Ort, an dem, wenn überhaupt, offizielle Gelder zur Unterstützung fließen können. Er hat keinen Erfolg. Er hat keine akademischen Titel. Er kann keine Schulbildung vorweisen. Und so wird er praktisch aus den Büros gelacht. Man findet seine Porträts durchaus schön und bemerkenswert. Aber merkt an, dass sie ja doch sehr romantisierend wären. Und manche dieser Porträts auch ganz eindeutig gestellt währen. Außerdem ist sich Edward nicht zu schade auch mal Elemente, die nicht ins Bild passen, heraus zu retuschieren. Zum Beispiel eine Uhr, die mit in einem traditionellen Tipi steht oder Ähnliches. All das sorgt dafür, dass man ihn nicht ernst nimmt. Seine Freunde von der Mt. Rainier Expedition vermitteln ihn an einen anderen einflussreichen Unterstützer. An <a "/tags/theodore-roosevelt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="16" title="Theodore Roosevelt">Theodore Roosevelt</a>. Präsident der Vereinigten Staaten. Damals in der ersten Amtszeit. Teddy Roosevelt war nicht gerade bekannt als Freund der amerikanischen Ureinwohner. Allerdings hatte ihn das Amt des amerikanischen Präsidenten auch zum Präsident dieser Menschen gemacht. Und er nahm seine Verantwortung ernst. Und so bekommt Edward eine Einladung in das Winter White House des amerikanischen Präsidenten. Er soll seine Familie fotografieren. Und ein paar Tage da bleiben. Und als inzwischen anerkannter Experte für die amerikanischen Ureinwohner Völker wollte sich <a "/tags/theodore-roosevelt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="16" title="Theodore Roosevelt">Theodore Roosevelt</a> mit ihm über genau diese Menschen und wie man ihnen helfen könnte unterhalten. Es entstehen schöne PortrÄts. Die Gespräche sind inspirierend und anregend. Und am Ende des Aufenthalts schick ihn Theodore Roosevelt mit einem glühenden Empfehlungsschreiben los. Es ist unklar, ob das überhaupt hilfreich war. Denn was Edward eigentlich brauchte, war Geld. Und Geld gab es von reichen Mäzenen. Und die waren nicht gerade eben gut auf Theodore Roosevelt zu sprechen. Aber es öffnete andere Türen. Edward nutzte seine freie Zeit, um auf Tournee zu gehen. Er hält Vorträge im ganzen Land. Er dreht den ersten Dokumentationsfilm über amerikanische Ureinwohner und präsentiert die in Lichtbildschauen. Er sammelt dabei Unterstützer-Gelder ein und verkauft Bilder. Es ist aber schnell klar, dass nichts davon ausreichen wird, um ihn vom Bankrott zu schützen oder sein Projekt weiterzubetreiben. Er brauch einen reichen Geldgeber. Und der damals reichste Geldgeber, an den man sich wenden konnte war niemand anderes als J. P. Morgan.</p>

<p>Die Vereinigten Staaten hatten es damals innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Agrarwirtschaft zur führenden Industrienation der Erde geschafft. Und das alles ohne eine Zentralbank. Die brauchten sie nämlich nicht, denn es gab eine Privatbank, die in ihrer Macht und Reichweite ähnlich groß war. Und das war die Bank von J. P. Morgan. Der hatte einen Großteil seines Vermögens durch das Eisenbahnmonopol gemacht. Und war auch sonst für die Gründung und Zusammenlegung einiger großer amerikanischer Namen verantwortlich. Zum Beispiel General Electric. Er war der reichste und einflussreichste Mann in seiner Zeit. Und zur Zeit Edward Curtis‘ war er damit beschäftigt das Schöne und Teure zu sammeln. Kunst und Frauen waren die zwei Dinge in die er neben dem Business noch investierte. Mehrmals hintereinander machte J. P. Morgan Schlagzeilen, weil er absolute Rekordpreise für Kunst hinlegte. Und besonders hatten es ihm da Bücher und Gemälde angetan. Und so landet Eward Curtis irgendwann in seiner Verzweiflung bei J. P. Morgan. Er hat ausgerechnet, dass er ungefähr 75000 Dollar brauchen würde und das ohne ein eigenes Gehalt zu beziehen, um seine Pläne umsetzen. Und J. P. Morgan war vermutlich der einzige, der diese Art von Finanzmitteln in so ein Projekt stecken wollen würde. Es kommt zu einem Treffen. Und zunächst ist J. P. Morgan wenig begeistert. Viele wollen von ihm Geld. Und es klingt auch nicht besonders interessant für ihn. Er hat keine besonders hohe Meinung von den amerikanischen Ureinwohnern. Und im Grunde kann er ja auch jeder Zeit Gemälde und Bilder von ihnen kaufen. Aber Edward lässt sich nicht beirren. Und er gewinnt ihn mit zwei Argumenten. Das eine Argument ist, die Schönheit der Bilder. Er zeigt ihm mehrere Bilder. Und es ist die Aufnahme eines jungen Mädchens, das J. P. Morgan dann überzeugt haben soll. Und das zweite ist der Gedanke, dass Edward Curtis J. P. Morgan ein Denkmal setzen wird. Indem er ihm ein 20-Bändiges Lexikon hochwertigster Machart Produzieren wird. Niemand wird J. P. Morgan Rassismus oder Benachteiligung amerikanischer Ureinwohner unterstellen können. Wenn er gleichzeitig so ein Vorgehen finanzieren würde, sagt Curtis. Und wenn er als Mäzen auftritt, wird das nicht nur ein Denkmal für den amerikanischen Ureinwohner, sondern auch gleichzeitig ein Denkmal für J. P. Morgan werden. Morgan stimmt schließlich zu. Aber unter mehreren Bedingungen denen Edward Curtis allesamt zustimmt. J. P. Morgan wird noch mehrmals Geld nachlegen müssen. 75000 Dollar waren hochgradig optimistisch. Aber in diesem einen Moment sah es zumindest so aus, als hätte Edward sein Ziel erreicht. Er stellt zum Teil bis zu 17 Leute an. Tourguides, Übersetzer, Assistenten. Und natürlich bezahlt er auch die Ureinwohner, die für ihn Modell sitzen. Und er rennt gegen die Zeit. 16 bis 18 Stunden Tage. Bei Regen, Wind und Wetter unter freiem Himmel. Waren die Stämme am Anfang noch skeptisch, was dieser weiße Fotograf von ihnen wollte, ist es bald so, dass die sich untereinander diesem Fotografen weiterempfehlen. Und so wird er von Ritual zu Ritual zu Anlass zu Anlass gereicht. An manchen Zeremonien ist er nicht nur als Fotograf, sondern auch als Teilnehmer zugegen. Daran ist besonders interessant, dass es auch zum Teil gegen das Gesetz verstößt, was Curtis hier macht. Denn in den USA des 19. Jahrhunderts ist den Ureinwohnern zum Teil per Gesetz verboten, ihre ureigenen religiösen Rituale durchzuführen. Das gehört zu den vielen Maßnahmen, die damals ergriffen wurden, um den Roten Mann zu zähmen.</p>

<p>Irgendwann hat Clara genug von dem ganzen Zirkus. Es ist wieder einmal eine dieser Phasen, in denen fast kein Geld mehr übrig ist. Und Curtis auf Tournee geht, um Menschen davon zu überzeugen, sein Projekt zu unterstützen. Als Clara die Scheidung einreicht. Wegen Vernachlässigung. Es kommt zu einem Rosenkrieg in dem sich die ganze Familie aufsplittet. Eines der Kinder Hält zu Clara. Das andere zu Edward. Das Gericht spricht Clara, die ja die ganze Zeit die Geschäfte in Seattle geleitet hatte, die Rechte an den dort gelagerten Negativen und die Einrichtung zu. Edward stürmt daraufhin zusammen mit seiner Tochter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Räumlichkeiten und zerschlägt alle Glasnegative, um seine Frau daran zu hindern, damit weiter Geld zu verdienen. Curtis fängt an Bücher zu schreiben. Keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern populärwissenschaftliche Bücher mit deren Verkäufen er hofft sein Projekt weiter zu finanzieren. Er versenkt über 75000 Dollar in einen Dokumentarfilm. Einen der ersten Dokumentarfilme überhaupt. Für den sich aber kaum Jemand interessiert. Und der deswegen zum finanziellen Totalschaden wird. Tief verschuldet und von seiner Frau getrennt zieht er nach LA und wird dort Kameramann für den Regisseur Cecil B. DeMille, der unte randerem Filme wie „Die Zehn Gebote“ gedreht hat. Auch muss er immer wieder an Filmen mitarbeiten, in denen die Stämme, die er studierte wahlweise als Wilde oder als romantisierte Edle dargestellt werden. Das muss sich unerträglich für den Mann angefühlt haben. Immer wenn er genug Geld beisammen hat, um wieder an seinem Projekt arbeiten zu können, macht er das. Ab 1921 ist er wieder unterwegs. Und stellt 1930 den letzten seiner 20-Bändigen Lexikon Reihe fertig. Das markiert das Ende eines über 30 Jahre dauernden Fotoprojekts. Über 280 Mal ist er quer durch die USA gereist. Legte dabei rund 400000 Meilen zurück. Machte über 40000 Aufnahmen. Studierte dabei mehr als 80 Stämme in den USA, Kanada und Alaska. Schrieb 350 Mythen und Legenden und die Grundlagen von 75 verschiedenen Sprachen auf. Von den zirka 10000 Musikstücken und Gesängen, die er aufgezeichet hat, weiß man heute noch von ungefähr 270, wo sie sich befinden. Das gesamte Projekt kostete über eineinhalb Millionen Dollar. Und er konnte mit den Verkäufen des Lexikons beginnen. Durch die Auflagen J. P. Morgans waren die Lexika fast 5000 Dollar teuer und damit ein absolutes Nischenprodukt. Und so wundert es auch nicht weiter, dass er weniger als 300 Exemplare davon verkaufen konnte. Außerdem hatte er die Rechte komplett an <a "/tags/j-p-morgan.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="44" title="J.P. Morgan">J.P. Morgan</a> abgetreten. Das heißt, er übergab sämtlich Negative, alle Unterlagen und die fertigen Bücher J. P. Morgan zur weiteren Verwendung. Der lagerte den ganzen Kram ein. Und irgendwann mal verkaufte er alles für läppische 1000 Dollar an einen Buchhändler, der die Sachen dann seinerseits auch in einen Keller einlagerte.</p>

<p>1970 wurde dann dieser Keller ausgeräumt und man fand die ganzen Unterlagen. Und seit dem ist der Name Edward Curtis wieder ein Begriff. Manche seiner Aufzeichnungen widersprechen zum Teil noch heute geltende Lehrmeinungen. Und es ist ein schier grenzenloser Schatz an Erkenntnissen über Kulturen, die es heute nicht mehr gibt. Und die ohne Curtis‘ Arbeit einfach komplett verschwunden wären. Und er kombiniert in seiner Arbeit zwei sehr verschiedene Welten. Einerseits hat er sehr wohl fast schon wissenschaftlichen Anspruch. Er will exakt sein. Er will komplett beschreiben. Andererseits geht er besonders die Fotografie mit den Augen eines Künstlers an. Und ihm ist egal, welchen Status der Mensch vor seiner Kamera hat. Berühmtheiten wie der Apachen-Führer <a "/tags/geronimo.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="42" title="Geronimo">Geronimo</a> oder Theodore Roosevelt sind genau so vor seiner Kamera festgehalten worden. Einfache Hirten, Medizinmänner, Frauen beim Wasserholen oder die Landschaften in denen die Stämme ihren Alltag verbrachten. Man kann viele seiner Fotos sehen, wenn man 20 Euro in ein Buch namens „The Nordamerican Indian“ vom Taschenbuchverlag investiert. Und manche der Bilder, die ich dort fand, waren mir so vertraut, dass ich hätte schwören können, dass ich sie schonmal irgendwo gesehen hatte. Und die Art und Weise, wie er gearbeitet hat, findet sich an anderen Stellen wieder. Edward Curtis war ein Pionier des <a "/tags/fotojournalismus.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="13" title="Fotojournalismus">Fotojournalismus</a>, ein Pionier der ethnografischen Fotografie, ein Pionier der Porträtfotografie und hat 30 Jahre lang einzigartige Aufnahmen einer heute komplett verschwundenen Welt gemacht.</p>

<p>Nachdem er „The Northamerican Indian“ herausgebracht hat, kehrt er nach Los Angeles zurück. Er beteiligt sich auch jetzt wieder an einigen Hollywood Filmen und fasst den Plan noch ein weiteres dokumentarisches Projekt, nämlich eine Fotoserie über den Goldrausch, anzufangen. Hat aber weder die dazu notwendigen Mittel noch die Gesundheit, um das ernsthaft anzugehen. Am 19. Oktober 1952 stirbt er an einer Herzattacke. Dieselbe Todesursache, die &nbsp;Clara 20 Jahre zuvor das Leben gekostet hatte.</p>

<p>Edward Curtis war ein getriebener. In panischer Angst er könnte zu spät kommen, und weil er oft auch zu spät kam, reiste er kreuz und quer durch die USA und investierte sein gesamtes Vermögen und sein Privatleben in ein 30 Jahre dauerndes Projekt. Ich will es gar nicht Fotografieprojekt nennen. Auch, wenn die Fotografien das Eindrücklichste Ergebnis dieser Arbeit waren. In den 80 Jahren seines Lebens schlief er mehr unter freiem Himmel und in widrigen Wetterverhältnissen, als unter dem Dach eines Hauses. Er begann seine Reise in einem Amerika, das gerade mal bis an die Westküste vorgedrungen war. Und in dem die Erinnerungen an den Bürgerkrieg und an die Kriege mit den amerikanischen Ureinwohnern noch ganz frisch waren. Er stellte die wichtigsten Weichen seines Lebens in einer Zeit, da war Amerika gerade zur führenden Industrienation der Welt aufgestiegen. Und er beendete sein Projekt im Amerika der Moderne. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Er gewann die Unterstützung und zum Teil Freundschaft von Männern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Theodore Roosevelt auf der einen, J. P. Morgan auf der anderen Seite. Er war einer der Pioniere des Dokumentarfilmes. Ohne es darauf anzulegen. Und seine Arbeit prägte, wie wir bis heute amerikanisch Ureinwohner sehen und was wir über sie wissen. Seine Arbeit sieht bis heute modern aus. Selbst, wenn sie mit der Technologie des letzten Jahrhunderts gemacht wurde.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 10 Apr 2021 18:50:38 GMT</pubDate>
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            <title>Fliegende Katzen im Wasserschwall</title>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Philippe Halsman schaffte es 101 mal mit seinen Fotografien auf das Titelblatt des Time Magazines und wurde berühmt durch Portraits springender Prominenter, surreale Fotografien und seine Kollaboration mit dem Surrealisten Salvador Dali. </p>

<figure><img decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/8b/Salvador_Dali_A_%28Dali_Atomicus%29_09633u.jpg/1920px-Salvador_Dali_A_%28Dali_Atomicus%29_09633u.jpg" alt="Ein Mann spritzt Wasser in eine Gruppe von Katzen, die im Spritzwasser springen, während verschiedene Stühle und ein Tisch im Hintergrund sichtbar sind."/></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_Halsman" target="_blank">Philippe Halsman</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Leda_Atomica" target="_blank">Leda Atomica</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.wikiart.org/en/philippe-halsman/voluptas-mors-1951" target="_blank">In Voluptas Mors</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.huffpost.com/entry/dali-in-voluptas-mors_n_4373479?guccounter=1" target="_blank">Behind the scenes of In Voluptas Mors</a> (Huff. Post)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20230730014356/https://verbicidemagazine.com/2013/11/10/silence-of-the-lambs-skull-film-dali-photo/" target="_blank">Silence of the lamps and In Voluptas Mors</a></li><li><a href="https://photofocus.com/inspiration/on-photography-philippe-halsman-jumpology/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Philippe Halsman&#8217;s Jumpology</a></li></ul>

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<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Ein Eimer Wasser, ein Stuhl, drei Katzen und ein springender Maler sind die Zutaten für eins meiner absoluten Lieblingsbilder. Und ein guter Grund, um über das Werk eines Fotografen zu sprechen, dessen Arbeit sich anschauen sollte, wer wirklich originelle Portraits machen möchte.</p>

<p>Philippe Halsman wurde am 2. Mai 1906 als Sohn einer Rektorin und eines Zahnarztes in Riga in Litauen geboren. Wie es sich für eine wohlhabende jüdische Familie gehört, genießt er eine umfassende Ausbildung, zu der mehrere Sprachen, Verständnis für Kunst und Reisen ins europäische Nachbarland gehören. Er hat gute Noten und freie Auswahl, welche Uni er denn nun besuchen möchte und er entscheidet sich für ein Elektroingenieursstudium an der TU Dresden. Als er da 1924 sein Studium aufnimmt, hat er schon solide Kenntnisse in der Fotografie. Er begann 1921, mit der Kamera seines Vaters Freunde und Familie zu fotografieren. Und während er in Dresden studiert, verdient er sich als Fotograf ein kleines Zubrot.</p>

<p>Es ist das Jahr 1928, als sein Leben eine dramatische Wendung nimmt: Bei einer gemeinsamen Wanderung in den Alpen kommt sein Vater tragisch ums Leben und Philippe wird dafür vor Gericht gestellt und mit einer Teilschuld zwei Jahre in das Gefängnis gesteckt. Das ist eine Geschichte, in der zum ersten Mal deutlich wird, welchen illustren Bekanntenkreis die Familie Halsman und Philippe Halsman speziell zu der Zeit schon hatte: Das sind Leute wie <a "/tags/albert-einstein.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="2" title="Einstein">Albert Einstein</a> und Thomas Mann, die sich für seine Freilassung stark machen und erreichen, dass er 1931 nach Paris zu seiner Familie reisen kann.</p>

<p>Paris ist es auch, wo er dann sein erstes, wirklich ernsthaft betriebenes Fotostudio eröffnet, 1932 in Montparnasse. Und es war von Anfang an die <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portraitfotografie</a>, die es ihm angetan hatte. Dabei ging es ihm nicht nur darum, Menschen abzulichten, er strebte an, etwas über die Psychologie, über das innerste des Portraitierten darzustellen. Dafür sei es wichtig, schreibt er später, dass das Bild absolut technisch einwandfrei ist. Es muss scharf bis ins Detail sein und so kamen die kleinen Reportagekameras, die damals zunehmend in Mode kamen, nie für ihn infrage.</p>

<p>Er fotografierte im Groß- und Mittelformat. Er ging sogar so weit, dass er seine eigene Kamera konzeptionierte und sich eigens anfertigen ließ. Das ist übrigens etwas, das liest man hauptsächlich von den Fotografen des 19. Jahrhunderts, denn damals hat mancher sich eine Kamera selbst gebaut, weil es die nun Mal nicht von der Stange zu kaufen gab. Die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die das im 20. Jahrhundert noch machen, tun das nicht, weil es grundsätzlich nicht genügend Auswahl am Markt gäbe, sondern, weil sie Anforderungen haben, die mit dieser Auswahl nicht abgedeckt werden können.</p>

<p>Philippe Halsman wird über seine Karriere hinweg mehrere Kameras konstruieren und die sind selbstverständlich heute teure Sammlerstücke.</p>

<p>Aber zurück zu seinen Fotografien: Er erarbeitet sich schnell den Ruf, einer der besten Portraitfotografen Frankreichs zu sein und Magazine wie die Vogue beauftragen ihn, damit Titelbilder und Fotostrecken zu produzieren. Seine Bilder unterscheiden sich deutlich von dem, was damals fotografisch üblich war. Zum Beispiel war die Mode damals ein leicht weicher Fokus auf dem Bild und das Spiel mit Unschärfe, während Philipe Halsmans Bilder von Vorne bis Hinten detailreich und knackscharf fotografiert waren.</p>

<p>Als Hitler seinen Vormarsch in Europa begann, bemühte sich Philippe Halsman um Visa für sich und seine Familie und bekam die zunächst auch für seine Frau und seine Kinder. Als Hitler Frankreich überfiel, stand seins noch aus und so floh er in den Süden von Paris und tauchte zunächst unter. Wieder sind es seine Freunde; Thomas Mann, <a "/tags/albert-einstein.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="2" title="Einstein">Albert Einstein</a> und First Lady Eleanor Roosevelt, die ihm ein Notfallvisum beschaffen und die Ausreise in die USA ermöglichen.</p>

<p>Dort setzt er seine fotografische Arbeit fort, was ihm ultimativ einen Auftrag für das Live Magazine einbringt. Das Live Magazine wird ihn Zeit seines Lebens begleiten. Er wird 1979 als Rekordhalter sterben: 101 Mal Titelblatt des Time Magazines.</p>

<p>Und darunter sind Bilder, die wir vermutlich alle wiedererkennen. Und das liegt unter anderem daran, dass seine Portraits in der Regel überraschen. Da haben die Portraitierten Posen, die wir so noch nie gesehen haben oder Accessoires wurden fotografiert, die wir nicht in einem <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> erwarten würden, oder Philippe Halsman spielt mit Technik.</p>

<p>Er war ein Meister der Beleuchtung und der Trickfotografie. In einer Zeit, in der es kein <a "/posts/die-geschichte-der-bildmanipulation.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="55" title="Photoshop">Photoshop</a> gab, in der die meisten Tricks in Kamera stattfinden mussten.</p>

<p>Und jetzt zu dem Bild mit den Katzen und dem Wasser und dem Maler. Die Rede ist von einem Bild, das den Titel &#8222;Dalí Atomicus&#8220; trägt und das vielleicht berühmteste <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> des Malers Salvador Dalí ist.</p>

<p>Dalí und Halsman verbindet zu dem Zeitpunkt, als dieses Foto gemacht wird, schon eine jahrelange Freundschaft. Dalí ist Maler, Halsman ist Fotograf. Dalí interessiert sich nicht fürs Fotografieren und Halsman hat kein Interesse daran, Maler zu sein. Aber beide zusammen werden über Jahre hinweg eine produktive Kollaboration pflegen, die zu mehreren Büchern und herausragenden Fotografien führt.</p>

<p>Die Bildidee stammt aus einem Gemälde von Salvador Dalí, &#8222;Leda Atomica&#8220;. Leda ist die mythologische Königin von Sparta und das Bild zeigt sie mit einem Schwan auf einem Podest, das in der Luft schwebt. Die Gegenstände, die man in der Luft sieht, schweben alle. Und das war die Kernidee, mit der Philippe und Salvador spielten, als sie dann das Gemälde &#8222;Dalí Atomicus&#8220; planten. Wer das Bild nicht kennt: Ich packe eine Kopie davon in die Notizen zur Sendung. Und es ist wirklich wert, sich das kurz anzuschauen.</p>

<p>Ich versuche, es trotzdem mal zu beschreiben: In dem Bild sieht man mehrere schwebende Gegenstände, drei fliegende Katzen, einen frei in der Luft stehenden Schwall Wasser und einen schwebenden Salvador Dalí, der an einer schwebenden Leinwand malt. Das einzige, was sich berührt, sind die Katzen und das Wasser.</p>

<p>Und das Bild entstand in über acht Stunden und in mehr als 26 Aufnahmen. Seine Tochter beschreibt das Ganze so:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;My father took invisible wires and hung the aisle, the little stool and the picture of Leda Atomica&#8217;s and my mother held the chair.&#8220;</p>

<p>Ja, wir befinden uns in einem Studio in New York. Und nicht nur war Dalí und drei Assistenten, sondern die ganze Familie damit beschäftigt, dieses Bild zu erzeugen. Verschiedene Möbelstücke waren mit dünnen Drähten, also &#8222;invisible wire&#8220;, so aufgehangen, dass sie in der Fotografie so aussehen würden, als ob sie frei schwebten. Von der Seite her war ein Stuhl, der ins Bild ragte und dann war die Idee, dass von Links her ein Schwall Wasser durchs Bild geht, während von Rechts drei Katzen ins Bild fliegen und Salvador Dalí musste natürlich springen,</p>

<p>[Einspieler geht weiter]</p>

<p>&#8222;Philippe would count to four: &#8218;one, two, three&#8216; and the assistants threw the cats and the water and on &#8218;four&#8216; Dalí jumped.&#8220;</p>

<p>Die Assistenten waren für das Werfen der Katzen und das Wasser zuständig. Halsman würde zählen: &#8222;Eins, zwei, drei&#8220;, Wasser und Katzen wurden geworfen und auf &#8222;vier&#8220; sprang Dalí in die Höhe.</p>

<p>[Einspieler geht weiter]</p>

<p>&#8222;My job at the time was to catch the cats and take to the bathroom and dry them off with a big towel. My father would run upstairs, where the dark room was, developed the film, printed, run downstairs, and he said: not good, bad composition, this was wrong, that was wrong, it took 26 tries to do this.&#8220;</p>

<p>Halsman drückte ab und während seine Assistenten und seine Familie sich damit beschäftigten, die garantiert nicht begeisterten Katzen zu fangen und wieder zu trocknen und den Boden zu reinigen, rannte Philippe schnell in die Dunkelkammer, entwickelte das Bild, betrachtete das Ergebnis und kam zurück, mit weiteren Instruktionen.</p>

<p>Es gibt ein ganz fantastisches Buch, das heißt Magnum Contact Sheets, in dem man die komplette Serie, die von Philippe Halsman für dieses Bild gemacht wurde, abgebildet ist, mit den Notizen. Und da sieht man mal den Stuhl, der leider das Gesicht von Salvador Dalí verdeckt. Oder die Katzen, die den Wasserstrahl verfehlen. Oder der Wasserstrahl, der leider Dalí und nicht die Katzen trifft, und so weiter.</p>

<p>Mindestens 26, vielleicht auch 28 Versuche waren notwendig, bis das finale Bild, das berühmt werden sollte, im Kasten war. &#8222;Dalí Atomicus&#8220;. Die armen Katzen.</p>

<p>Philippe und Salvador Dalí haben nicht nur dieses originelle Portrait von ihm gemacht, sondern es gibt eine ganze Bandbreite von Salvador-Dalí-Portraits aus Philippes Kamera. In einer Fotoreihe, die er &#8222;Dalí&#8217;s Mustache&#8220; nannte und für die er auch einen Bildband herausgab, fotografiert er 36 Mal Portraits von Salvador Dalís Bart. Und jedes sieht ganz grundsätzlich anders aus. Und ja, auch wenn man immer Salvador Dalí sieht, geht es ganz eindeutig um diesen Bart.</p>

<p>Dann gab es auch noch ein Bild, das einen handfesten Skandal auslöste und nicht weniger ikonisch ist. Das Bild ist lateinisch &#8222;Voluptas Mors&#8220; betitelt und das übersetzt sich grob in das Wort &#8222;Todesvergnügen&#8220; oder &#8222;Vergnügen des Todes&#8220;. Und es zeigt einen in Frack und Zylinder posierenden Salvador Dalí im Vordergrund und einen aus nackten Frauen geformten Totenschädel im Hintergrund. Speziell dieser Totenschädel ist so ikonisch, dass er auch diverse Male kopiert wurde oder weitere Verwendung gefunden hat. Zum Beispiel in dem Filmposter vom &#8222;Schweigen der Lämmer&#8220;. Wer sich die Totenkopfmotte dort ansieht, wird feststellen, dass die Designer als Totenkopf genau diese 7 nackten Frauen aus &#8222;Voluptas Mors&#8220; genommen haben.</p>

<p>Philippe Halsman war auf jeden Fall ein origineller Fotograf. Seine Bilder überraschen unter anderem auch deswegen, weil er oft Menschen fotografierte, die schon viele tausende Male fotografiert worden waren. Er tourt während seiner Karriere um die Welt und fotografiert das Who&#8217;s who der damaligen Gesellschaft. Es gibt berühmte Portraits von <a "/tags/albert-einstein.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="2" title="Einstein">Albert Einstein</a>, von Thomas Mann, von Churchill, der Windsource und die meisten seiner Aufnahmen haben das gewisse Etwas.</p>

<p>In seinen Portraitsitzungen hatte er außerdem ein kleines Ritual: Wenn die Arbeit nämlich getan war, bat er seine Models, kurz nochmal für ihn in die Luft zu springen. Halsmans &#8222;jumping portraits&#8220; begründen nicht nur einen Trend, der sich bis heute fortsetzt, sie sind auch eine Bildreihe, die immer noch sehenswert ist. Oder wer hat schonmal den Duke und die Duchess von Windsor in die Höhe springen sehen? Und auch ein weiteres ikonisches Portrait stammt aus dieser Reihe, nämlich Marylin Monroe, die mit Enthusiasmus und Begeisterung im vollen Schwung in die Höhe springt.</p>

<p>Diese Portraits sind faszinierend und ja, sie sind anders. Und Philippe Halsman erklärt das so, dass man beim Springen nicht mehr daran denken kann, wie man für die Kamera aussehen möchte. Man ist mit Springen beschäftigt. Und da kommt dann eben ein kleines Stück vom wahren Selbst zum Vorschein, das man in dem Augenblick fotografieren kann. So behauptet Philippe. Und wir? Wir glauben ihm das jetzt einfach so.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 08 Jan 2021 16:24:41 GMT</pubDate>
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        <item>
            <title>Silhouetten und Scherenschnitte</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/silhouetten-und-scherenschnitte.html</link>
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            <description>Kurz bevor wir Menschen fotografisch festhalten konnten kamen massentaugliche Portraittechniken auf die als Vorläufer gelten können.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Kurz bevor wir Menschen fotografisch festhalten konnten kamen massentaugliche Portraittechniken auf die als Vorläufer gelten können. Eine davon ist die nach einem französischen Beamten benannte Silhouette.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne_de_Silhouette" target="_blank">Étienne de Silhouette</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schattenriss" target="_blank">Schattenriss </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Physionotrace" target="_blank">Physionotrace </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Martha_Ann_Honeywell" target="_blank">Martha Ann Honeywell</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="http://behindthescenes.nyhistory.org/done-without-hands-meet-martha-ann-honeywell-silhouette-artist-captivated-19th-century-america/" target="_blank">“Done Without Hands”: Meet Martha Ann Honeywell, the Silhouette Artist Who Captivated 19th-Century America</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://dishist.org/wp-content/uploads/2018/12/Edited-Conversation-with-Laurel3.mp3" target="_blank">Podcast zu Martha Ann Honeywell</a></li></ul>

<div class="yt-facade" data-yt="juLiMYU5v7I" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_juLiMYU5v7I.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Ein französischer Adeliger, eine Künstlerin ohne Arme und eine Fototechnik, mit der wir alle aufgewachsen sind, für die es inzwischen eigene Apps gibt. Das ist der Bogen, den ich heute spannen möchte.</p>

<p>Wenn ich als Teenager die Kamera von meiner Familie in die Hand gedrückt bekommen habe, gab es meistens eine ganze Reihe guter Ratschläge, die da mitkamen. Füße nicht abschneiden, das Motiv nach Möglichkeit nicht genau in der Mitte platzieren und, ganz besonders wichtig, nie gegen die Sonne fotografieren. Wenn man nämlich gegen die Sonne fotografiert, riskiert man, dass die hellen Teile sehr sehr hell und die dunklen Teile sehr sehr dunkel sind. Man hat also unter Umständen anstatt das Gesicht eines Familienmitglieds nur noch eine Silhouette auf dem Bild.</p>

<p>Und dieser Effekt war erstmal nicht intuitiv. Wenn wir durch die Welt laufen und uns umschauen sehen wir ja keine Silhouetten, zumindest nicht bewusst, sondern unsere Augen justieren sich je nach Lichtsituation und worauf wir schauen passend, sodass wir eigentlich immer Details wahrnehmen. Die Silhouetten in den Fotos waren also ein Zeichen der Überforderung unserer Filme mit der Lichtsituation. Der Film konnte schlicht den Unterschied zwischen den hellsten und den dunkelsten Teilen des Bildes nicht korrekt abbilden. Wir als <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen mussten uns durch die Einstellungen an er Kamera, die Wahl des richtigen Films und die Richtung, in die wir fotografierten, entscheiden, ob wir den Effekt nun haben wollten oder nicht. Ja, für Familienschnappschüsse wollte man den Effekt im Allgemeinen nicht haben und eigentlich wussten wir auch alle nicht, was wir hätten tun müssen, um den Effekt absichtlich zu vermeiden, also hat man einfach nicht in die Sonne, sondern mit der Sonne im Rücken fotografiert und gut war.</p>

<p>Ja, und was damals total ungewollt war, versuchte ich dann Jahre später mühsam zu lernen. Ich lief mit einer modernen digitalen Kamera durch die Stadt und versuchte, Passanten gegen das Sonnenlicht zu fotografieren. Ich wollte harte Schatten und ich wollte Silhouetten und ich verfluchte meine Kamera, deren Automatik entweder die korrekte Belichtung für mein Fotoobjekt einstellte oder einfach manchmal zu gut war. Da waren dann die dunklen Stellen immer noch nicht ganz dunkel. Ich hatte also nicht genug unterbelichtet.</p>

<p>Irgendwann hatte ich das Prinzip aber verstanden und wusste, wie ich Silhouetten erzeuge. Das ist was, das mach ich bis heute gern. Als jemand, der gerne auf der Straße und in Deutschland fotografiert, empfiehlt es sich sowieso meistens, dass Menschen auf Fotos nicht erkannt werden können, Silhouetten sind da ein sehr praktikables Mittel und sie sehen gut aus.</p>

<p>Silhouetten kann man nicht nur fotografisch erzeugen. Das deutsche Synonym für Silhouette ist nicht umsonst Scherenschnitt. Hier in Frankfurt kann man manchmal in der Zeil, also unserer lokalen Einkaufspassage mobile Künstler sehen, die mit einer Schere und Papier durch die Straßen laufen und Passanten für wenig Geld einen Scherenschnitt ihres Profils anbieten. Und das Ergebnis fasziniert hauptsächlich deswegen, weil wir sofort denselben Effekt erkennen, den wir von Fotos gewohnt sind. Diese Profile sehen erstaunlich akkurat aus.</p>

<p>Die Technik selbst kommt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Rund um 1750 entstand sie als eine günstige Alternative zur Portraitmalerei. Zu der Zeit gab es große gesellschaftliche Umbrüche. Diese total irre Idee, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte, sein persönliches Glück zu suchen, selbst dann, wenn man nicht einem privilegierten Stand angehört, die war gerade neu in der Welt und es formte sich eine Art Mittelstand, also eine Schicht der Bevölkerung, die sich nach und nach Wohlstand erarbeitete und auch eine gewisse Stellung anmaßte, aber keine Adeligen waren.</p>

<p>Und ganz, wie wir heute versuchen, den schönen und reichen nachzueifern, eiferte man damals den Adeligen nach. Und was machten Adelige unter anderem? Sie ließen Bilder von sich malen. Denn wer so richtig wichtig ist, muss natürlich auch dokumentiert werden.</p>

<p>Der Spaß war aber ganz schön teuer und deswegen sprießten allerlei Alternativen zur Portraitgemäldemalerei aus dem Boden. Je genauer die Person auf dem Bild zu erkennen war, desto besser und je weniger Aufwand in so einem Bild steckte, desto billiger. Und so kamen Schattenmalereien auf.</p>

<p>Es wurden sogar eigene Gerätschaften konstruiert. Man setzte sich in eine Art Stuhl mit einer Trennwand zwischen sich und dem Künstler und einer Lichtquelle auf der anderen Seite. So wurde es möglich, innerhalb von wenigen Minuten einen Schattenriss abzuzeichnen. Wem selbst dafür die Mittel fehlten, der griff dann auf die genauso in der Zeit aufkommenden Scherenschneider zurück.</p>

<p>Frankreich ist damals die Hochburg dieser Technik. Im ganzen Land sind Portraitkünstler unterwegs, die mit der Technik des Schattenrisszeichnens oder dem Scherenschnitt Portraits anfertigen. Aber es gibt auch viele, die die Technik als Hobby für sich entdeckt haben. Und da kommen wir jetzt bei dem Franzosen Étienne de Silhouette an.</p>

<p>Er war ein sehr gebildeter Mann, der in privilegierte Verhältnisse geboren war. Relativ früh bereist er Europa, besonders Großbritannien und studiert die dortige Wirtschaft und das britische Finanzsystem. Und er übersetzt staatsphilosophische Schriften aus dem Englischen und dem Spanischen, immer besonders auch mit Fokus auf deren Finanzsysteme. Dadurch wird er relativ früh zu einem parlamentarischen Berater und der Herzog von Orleans ernennt ihn zu seinem Sekretär.</p>

<p>Von da aus geht die Karriere steil weiter: Die Finanzangelegenheiten der französisch-britischen Kooperation in Kanada oder rund um die Kolonie am Mississippi führen schließlich dazu, dass er am 4. März 1759 auf Empfehlung des Marquise de Pompadour unter König Ludwig den XV. zu einer Art Finanzminister ernannt wird. Und das ist kein leichter Job, denn Frankreich hat gerade den Siebenjährigen <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> hinter sich und die Finanzen sind, naja, prekär.</p>

<p>Étienne muss also Geld einsparen und er setzt den Rotstift an und führt Steuern ein. Stellt sich raus: Adelige von der Zeit waren von der Steuer befreit, die Kirche übrigens auch, Beamte bekamen üppige Pensionen und es gab noch die ein oder andere Gold- und Silberreserve. Er strich also die Steuerprivilegien, kürzte die Bezüge der Beamten und fing an, die Reserven einzuschmelzen. Man kann sich vorstellen, wie viele Freunde er sich damit gemacht haben muss.</p>

<p>Er wurde also ausführlich kritisiert, gerne auch in Form von Karikaturen. Und weil man von ihm wusste, dass er als Hobby Scherenschnitte hatte und Scherenschnitte als eine Art billiger Abklatsch professioneller Portraits galten, wurde er auch gerne mal als Scherenschnitt dargestellt. Und es dauerte gar nicht lange und die Phrase à la Silhouette wurde als Synonym für Billigware ein geflügeltes Wort.</p>

<p>Wie umstritten und verhasst der Mann war, zeigt sich auch in der Geschwindigkeit, in der er sein Amt wieder los war. Gerade mal 8 Monate später warf man ihn wieder aus seinem Amt. Étienne de Silhouette zog sich auf das Schloss seiner Familie zurück und widmete sich seinen Schriften. Er verschwand aus der Geschichte und starb 8 Jahre später. Sein Name blieb trotzdem ein geflügeltes Wort. Jetzt, weil er ja eine Schattenexistenz führte.</p>

<p>Über die Jahre schliff sich dann der Bezug zur Person ab und nach und nach nannte man Scherenschnitte einfach nur noch Silhouetten.</p>

<p>Die Methode wurde auch weiter perfektioniert: Mithilfe der vorhin schon erwähnten spezialisierten Apparaturen wurden Silhouetten fast schon halbautomatisch gefertigt. In Minutenschnelle war da ein Umriss gezeichnet. Und wer etwas mehr Geduld mitbrachte, konnte diesen Umriss auch noch weiter ausschmücken lassen. Bis in die 1850er Jahre die <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerreotypie</a> schnell genug geworden war, um Portraits zu erlauben, war die Silhouette die schnellste Form, ein präzises Bild einer Person zu fertigen.</p>

<p>Beides wurde damals auf sehr ähnliche Art und Weise angeboten, sowohl in Europa als auch in Nordamerika reisen Fotografen und Silhouettenkünstler durch die Lande. Sie zogen schlicht von Stadt zu Stadt, schlugen dort immer für eine begrenzte Zeit ihr Lager auf, bewarben ihre Dienstleistungen dann in den lokalen Nachrichten und Anschlagstafeln und zogen weiter, sobald die Nachfrage zurückging.</p>

<p>Eine der berühmtesten Silhouettekünstlerinnen ist Martha Ann Honeywell. Fast 60 Jahre lang reist sie kreuz und quer durch die USA und kommt bis nach Europa. Regelmäßig wird über sie in Zeitungen berichtet. Ihre Auftritte kosten Eintritt und sind trotzdem immer ausverkauft. Das liegt allerdings nicht nur an ihrer zweifellos atemberaubenden Kunstfertigkeit, sondern in erster Linie wahrscheinlich an ihrem Aussehen. Martha Ann Honeywell ist nämlich schwerbehindert auf die Welt gekommen. Ihr fehlen beide Hände und Unterarme und sie hat nur einen Fuß mit drei Zehen.</p>

<p>Ihre Geschichte beginnt in entweder New Hampshire oder New York, so genau weiß man das nicht mehr, als ihre Eltern bemerken, dass die Nachbarschaft zum Teil nur deswegen in ihren Laden zum Einkaufen kommen, um ihre Tochter zu sehen. Daraus konnte sich, so die Überlegung, eine Möglichkeit ergeben, wie ihre ansonsten doch sehr abhängige Tochter später, nach ihrem Tod, einen Lebensunterhalt verdienen könnte.</p>

<p>Und so wird berichtet, dass Martha im Alter von 12/13 Jahren zum ersten Mal vor Publikum Kunsthandwerk durchführt. Zu dem Repertoire gehören Zeichnungen, Stickereien und eben Scherenschnittarbeiten. Die Kalkulation ihrer Eltern geht auf. Die Leute rennen Martha die Bude ein, um ihre Scherenschnitte und Stickereien kaufen und, vor allen Dingen, deren Entstehung beobachten zu dürfen. Und als sie auf Tour geht, taucht fast immer auch Presse auf, sie ist immer auch ein Medienereignis.</p>

<p>Wenige Sekunden, so wird berichtet, braucht Martha, um eine akkurate Silhouette auszuschneiden. Und einer ihrer Hauptacts ist eine Art symmetrisches cutout, in dessen Mitte sie das Vater Unser schreibt.</p>

<p>Über ihre 60 Jahre dauernde Karriere hinweg muss sie tausende solcher 1Silhouetten und Dekostücke gemacht haben. Darum vermutet man auch, dass mehrere hundert davon eigentlich noch erhalten sein müssten. Aber wirklich dokumentiert sind zurzeit gerade mal ein paar dutzend. Denen sieht man aber eine atemberaubende Kunstfertigkeit an. Eine Kunstfertigkeit, die schon beeindruckend wäre, wenn man sie mit Händen an den Tag legt. Wenn man aber weiß, dass mit Mund geschnitten und mit einzelnen Zehen balanciert wurde, kann man nur noch staunen.</p>

<p>Die Geschichte von Étienne de Silhouette oder Martha Ann Honeywell sind eine Art Vorgeplänkel. Menschen haben sich schon immer selbst dargestellt, aber es ist ihre Zeit, in denen das ein Massenphänomen wird. Jede und jeder, die sich es leisten können, wollen ihre Silhouetten ausgeschnitten, ihre Portraits gezeichnet oder gemalt haben. Und als die Fotografie so richtig abhebt werden Gemälde und Silhouetten die Vorlagen, an denen sich Portraitfotografen orientieren.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 01 Jan 2021 16:55:28 GMT</pubDate>
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        <item>
            <title>The British Bulldog</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/the-british-bulldog.html</link>
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            <description>Ikonische Fotografien werden manchmal durch spontane Eingebung und einzigartige Persönlichkeiten geboren. Als am 30.</description>
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<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Ikonische Fotografien werden manchmal durch spontane Eingebung und einzigartige Persönlichkeiten geboren. Als am 30. Dezember 1941 der Kriegs-Premierminister Sir Winston Churchill auf den damals noch unbekannten jungen Fotografen Yousuf Karsh traf war genau so ein Moment. Für Churchill wurde diese Aufnahme zur definierenden Charakterstudie und für Karsh war sie der Beginn einer jahrzehntelangen Karriere. </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://karsh.org/" target="_blank">Yousuf Karsh Webseite</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yousuf_Karsh" target="_blank">Yousuf Karsh</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Who%E2%80%99s_Who" target="_blank">Who&#8217;s Who</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Winston_Churchill" target="_blank">Winston Churchill</a> (Wikipedia)</li><li>Yousuf Karsh Portraits at the National <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a> Gallery</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://winstonchurchill.org/publications/churchill-bulletin/bulletin-043-jan-2012/winston-churchill-70-years-ago-some-chicken-some-neck/" target="_blank">Winston Churchill 70 years ago: ‘Some chicken! Some neck!’</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.goodreads.com/author/quotes/14033.Winston_S_Churchill" target="_blank">Winston Churchill Quotes</a></li></ul>

<p>(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach <a "/">https://fotomenschen.net</a>)</p>

<div class="yt-facade" data-yt="ZQaIPxuhWMc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_ZQaIPxuhWMc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="y6JxSHmVB5g" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_y6JxSHmVB5g.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="8Z1l7DYnaho" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_8Z1l7DYnaho.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="R0bANcJeySU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_R0bANcJeySU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p class="has-small-font-size">Bild: Von digitalisiert von: BiblioArchives / LibraryArchives &#8211; Flickr: Sir Winston Churchill, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41991931</p>

<hr/>

<p>Transkript</p>

<p>Man nannte ihn den &#8222;Lion of the West&#8220; oder den &#8222;Bulldog of the West&#8220;. Er war wahrscheinlich damals der Leader of the free World. Sir Winston Churchill, der britische Premierminister, der Großbritannien und in einem gewissem Sinne eigentlich die Alliierten durch den Zweiten Weltkrieg führte. Und dieses Image hat eine Menge mit einer ganz bestimmten berühmten Fotografie zu tun, dem Foto von Churchill nämlich, das ganz oben steht, wenn man bei der Google-Bildersuche nach Winston Churchill sucht.</p>

<p>Winston Churchill ist einer dieser gigantischen Persönlichkeiten, der ich unmöglich gerecht werden kann. Zu dem Zeitpunkt, zu dem unsere heutige Episode stattfinden wird, war Winston Churchill gerade ein Jahr Premierminister, und er hatte sich hervorgetan als unnachgiebig gegenüber dem Hitlerregime. Er hatte sich jeglichen Verhandlungen rundheraus verweigert und hatte stattdessen eine Anti-Deutschland-Allianz zwischen der Sowjetunion, den USA und Großbritannien geschmiedet.&nbsp;</p>

<p>Zu dem Zeitpunkt bereits 67 Jahre alt, hatte er eine politische Karriere mit allen Höhen und Tiefen, eine Offizierskarriere und eine Karriere als Autor verschiedener Werke hinter sich. Viel später, im Jahr 1953, würde Sir Winston Churchill übrigens den Nobelpreis für Literatur bekommen. Er war also wortgewaltig. Das zeichnet sich auch ab, wenn man sich mit ihm beschäftigt und diese unendliche Menge an Churchillzitaten durchblättert.&nbsp;</p>

<p>Im Dezember 1941 befindet Churchill sich auf Nordamerikareise. Kanada ist seit 1939 mit Deutschland im <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a>. Die USA waren erst kürzlich eingetreten und Churchill bespricht Pläne und trommelt die Unterstützer zusammen. Und am 30. Dezember macht er Halt im kanadischen Ottawa.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Members of the Canadian Parliament! Hear Mr.Churchill&#8217;s Speech during which he pays Tribute to canadian soldiers on active service.&#8220; &#8222;In two months, when the invasion season returns, the canadian army may be engaged in one of the most prideful battles the world has ever seen. We&#8217;ll not ask if the rules of the game should me modified, if any, we shall never descend to the german and japanese level. But if anybody likes to play rough we can play rough, too.&#8220;</p>

<p>Die Rede war ein voller Erfolg, immer wieder unterbrochen von tosendem Applaus und Gelächter. Winston Churchill wusste genau, wie man ein Publikum abholt. Er bereitete seine Reden ausführlich und detailliert vor. Und so hat er nicht nur eine oder zwei, sondern wahrscheinlich dutzende historischer Reden gehalten. Und immer wieder mal wird gesagt, dass Churchills Reden signifikant dazu beigetragen hatten, dass während den harten Kriegsjahren die Alliierten und natürlich ganz besonders die Briten immer wieder zu ihrem Durchhaltewillen zurückfanden.&nbsp;</p>

<p>Diese Rede in Ottawa jedenfalls, am 30. Dezember 1942, lief großartig. Churchill war mit sich zufrieden. Er trat von dem Rednerpult ab und entspannte sich mit einer Zigarre und einem Glas Johnnie Walker, beides Vorlieben, für die er bekannt und berühmt war. Es gibt kaum ein Foto von Churchill, wo er nicht eine Zigarre oder ein Whiskyglas oder beides in der Hand hält. Das wusste auch der junge kanadische Fotograf Yousuf Karsh, der beauftragt worden war, ein Foto von Churchill zu machen.&nbsp;</p>

<p>Yousuf Karsh hatte sich zu dem Zeitpunkt in Kanada bereits einen Namen als Porträtfotograf gemacht. Er war als Jugendlicher als Flüchtling aus Syrien nach Kanada ausgewandert und hatte dort dann das Fotografenhandwerk im Fotostudio seines Onkels gelernt.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;I came from Armenia after the massacre of the Armenians by the Turks. I came to Canada with the hope that an Uncle of mine, Nakash, would help to facilitate my being as a physician but I end up being a photographer and I&#8217;m very happy about it.&#8220;</p>

<p>Ja, eigentlich wollte er also Arzt werden, aber hat sich dann spontan in die Fotografie verliebt und blieb dabei. Karsh war besonders gut darin, Porträts von Menschen zu machen, die gleichzeitig kleine Geschichten erzählten. Man sah mehr als einfach nur ein Foto eines berühmten Menschen. Seine Porträts zeigten immer auch die Persönlichkeit, den Menschen, die Umstände, in denen das Bild entstand.&nbsp;</p>

<p>Zu dem Zeitpunkt dieser Churchillrede in Ottawa war Karsh eben schon bekannt für seine Porträts und hatte verschiedenste Celebrities vor der Kamera gehabt. Deswegen dauerte der technische Aufbau auch gar nicht lang. In einem Nebenraum hatte er Belichtung und Kamera bereits stehen und wartete darauf, dass jemand Churchill vorbeibringen würde. Der wusste nichts von dem Ganzen. Er war zwar gut gelaunt, aber im Grunde ließe sich auch ungern fotografieren. Und deswegen war das auch keine willkommene Überraschung, als man ihm im Nebenraum mitteilte, dass er noch für ein Porträt posieren sollte.</p>

<p>&#8222;Meinetwegen, wenn&#8217;s sein muss. Der Fotograf hat fünf Minuten.&#8220;, soll er gesagt haben. Er kommt also in den Raum, mit seiner Zigarre in der Hand, stellt sich vor die Kamera und schaut den Fotografen an. Der versucht es erst höflich, sagt &#8222;Sir, we prepared an ash tray for you.&#8220;, denn er wusste, dass er nicht schon wieder ein Foto mit Winston Churchill mit Zigarre in der Hand machen wollte. Winston Churchill ignoriert das, und es ist der Moment, für den Yousuf K. später berühmt wird.&nbsp;</p>

<p>Er nimmt nämlich sein Belichtungsmesser und geht vor zu Winston Churchill, misst kurz nochmal das Licht nach, nimmt ihm dann die Zigarre aus dem Mund, geht zurück zur Kamera und drückt ab. Und der Blick, den Churchill in diesem Bild hat, ist unbezahlbar. Und Yousuf Karsh hatte bekommen, was er fotografieren wollte. Ein Porträt von Churchill, wo Churchill unnachgiebig, grimmig, willens, das Notwendige zu tun aussieht und eben nicht das typische Churchillporträt, wo er mittelmäßig gut gelaunt mit Zigarre in der Hand in die Kamera schaut. Er ging dann nicht auf den Fotografen los, übrigens, sondern verstand durchaus, was der Sinn der Aktion gewesen war. Er wollte das aber auch nicht so stehen lassen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;And after this defined image he gave me he straightened up, he said: &#8222;You can take another one.&#8220;</p>

<p>Es gibt also noch ein zweites, deutlich freundlicheres Porträt aus demselben Fotoshooting. Berühmt wurde Yousuf allerdings für das erste.&nbsp;</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;What is extraordinary about this photograph, it was a symbol of the determination and the British Bulldog. And one of your former commentator colleges, when he saw the saw this <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">portrait</a> of Churchill, he said: &#8222;Ah. He is the man who marshalled the english language and sent it into battle when we had little else.&#8220;&#8220;</p>

<p>Es gibt eine Art Standardwerk, das berühmte Persönlichkeiten listet, das &#8222;Who is Who&#8220;. Und das &#8222;Who is Who&#8220; des 20.Jahrhunderts listet 100 berühmte Persönlichkeiten. Als Yousuf Karsh 2002 stirbt, hat er mehr als die Hälfte dieser Persönlichkeiten porträtiert und ist selbst der einzige Fotograf, der auf dieser Liste geführt wird. Hemingway, der Papst, die britische Königsfamilie oder eben Winston Churchill. Seine Portraits zeigen nicht nur Berühmtheiten, sondern geben uns das Gefühl, den wahren Menschen in der Aufnahme erkennen zu können. Und selbst wenn das natürlich manchmal nur eine Illusion ist, gibt es doch nur sehr wenige, die diese Kunst bei Porträts so virtuos beherrschten wie Yousuf Karsh. So gesehen schon ganz gut, dass in der British Bulldog nicht gleich an Ort und Stelle verschlungen hat.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 28 Nov 2020 16:00:01 GMT</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Revolutionär, Minister, Popikone?</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/revolutionaer-minister-popikone.html</link>
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            <description>Das berühmteste Bild des 20. Jahrhunderts ist das Portraits eines kubanischen Revolutionärs... Das sagt eigentlich alles über diese Zeit.</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Che Guevara ist ein Held der Linken und gilt vielen als das Sinnbild der Entschlossenheit. Er war im Laufe seines Lebens ein Taugenichts, wurde dann Revolutionär, später dann wichtigster Minister in der Regierung Kubas, schließlich wieder Revolutionär und war unter anderem für seinen Versuch bekannt den dritten Weltkrieg anzuzetteln um dadurch eine sozialistische Weltrevolution zu ermöglichen&#8230; Kein einfacher Mensch und ein Bild, das inzwischen ein Eigenleben entwickelt hat.</p>

<ul><li>Guerrillero Heroico (Wikipedia &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Guerrillero_Heroico" target="_blank">in deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Guerrillero_Heroico" target="_blank">in englisch</a>)</li><li>Alberto Korda (<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alberto_Korda" target="_blank">Wikipedia</a>)</li><li>Che Guevara (Wikipedia &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Che_Guevara" target="_blank">in deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Che_Guevara" target="_blank">in englisch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kubanische_Revolution" target="_blank">Kubanische Revolution</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20090406013036/http://www.tagesschau.de/ausland/cheguevara32.html" target="_blank">&#8222;Ein Schnappschuss für die Ewigkeit&#8220;</a> (Tagesschau)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/68er-Bewegung" target="_blank">Die 68er Bewegung</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fokustheorie" target="_blank">Fokustheorie </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.koenau.de/2018/10/breshnew-che-und-honecker-die-rolex.html" target="_blank">&#8222;Breshnew, Che und Honecker: Die Rolex-Revolutionäre&#8220;</a> (koenau.de)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://parasolphotography.wordpress.com/2012/04/19/che-guevara-the-photographer/" target="_blank">Che Guevara the&nbsp;photographer</a></li></ul>

<p>(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach <a "/">https://fotomenschen.net</a>)</p>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=46ILtqpGHkU" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=d8tkBwnhyZQ" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=mzmOHy6Ine0" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
<div class="yt-facade" data-yt="es2Z-vT2Ikg" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_es2Z-vT2Ikg.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://salford-repository.worktribe.com/#page=303" target="_blank">The Retrospective Iconicity of ‘Guerrillero Heroico’</a><br>In Che Guevara: Revolutionary and Icon, Hannah Charlton makes this observation:<br>Walk through any major metropolis around the globe and it is likely that you will come across an image of Che Guevara…this single image of a face may be the most reproduced image in the history of photography. It has been endlessly mutated, transformed and morphed- and as such tells the history of the last forty years of visual, popular culture (qtd in Ziff, 2006:1)</li></ul>

<p>Bild: Von Alberto Korda &#8211; Museo Che Guevara, Havana Cuba, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6816940</p>

<hr/>

<p class="has-large-font-size">Transkript</p>

<p>“Natürlich ist es immer Glück”, sagte Henri Cartier-Bresson, einer der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts, bekannt für seine spontanen Schnappschüsse im öffentlichen Straßenleben von Paris, New York oder wo immer er sich gerade aufhielt. Er glaubte an den sogenannten decisive Moment, den Augenblick, in dem alles zusammentrifft und der Fotograf nur noch festhalten muss, was sich ihm und seiner Kamera bietet. Und genau so schoss auch Alberto Díaz Gutiérrez am 5. März 1960 das berühmteste Foto des 20.Jahrhunderts.</p>

<p>Orientieren wir uns erst einmal. 1960, was war das für eine Zeit? Wir befinden uns mitten im Vietnamkrieg. Der dauerte nämlich von 1955 bis 75. Das heißt, es war absolut noch kein Ende in Sicht. Und dieses andere berühmte Bild, das von Nick Ut, dem Mädchen, das vor einem Napalmangriff davonläuft, von dem immer wieder mal behauptet wird, es hätte zum Ende des Vietnamkriegs beigetragen, ja, dieses Bild wurde noch gar nicht geschossen. In den USA ist Dwight D. Eisenhower Präsident und Richard Nixon sein Vize. Ja, und Deutschland wird von Konrad Adenauer regiert. Wir befinden uns in der Nachkriegszeit und der große Konflikt, der die Ängste der Menschen dominiert, ist der Kalte <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a>.&nbsp;</p>

<p>Und wir leben in revolutionären Zeiten. Im Jahr 1959 hatte die kubanische Revolution erfolgreich das Regime von Batista niedergeschlagen und es gab den Verdacht, dass es sich eigentlich um eine marxistische Revolution gehandelt haben könnte. Und wenn es eine Bedrohung gab, vor der die Amerikaner zu der Zeit wirklich, wirklich Angst hatten, dann war es der Vormarsch der Sowjetunion. Die USA hatten ein Waffenembargo über Kuba verhängt und die CIA Zentrale in Miami war mit praktisch nichts anderem mehr beschäftigt als Agenten nach Kuba einzuschleusen und dort Anschläge zu verüben. Und es ist genau diese Gemengelage, die zu den folgenden Ereignissen führen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>4. März 1960. La Cubre, ein französischer Frachter, explodiert im Hafen von Havanna.</p>

<p>Das Schiff war in einem der Docks im alten Havanna vertäut worden, direkt hinter der Altstadt in der Bucht. Und es flog in die Luft. Es gab zwei Explosionen. Über 100 Leute wurden getötet. Niemand wusste wirklich, wie viele. Sie waren unkenntlich verbrannt.</p>

<p>Die kubanische Regierung war sich sofort sicher. Das war ein Anschlag der Amerikaner. Das ist ein Vorwurf, der bis heute zwar immer noch plausibel erscheint, aber tatsächlich nie bewiesen wurde.&nbsp;</p>

<p>Die Explosion hat in der Nähe der Stützpunkte der revolutionären Medienanstalten stattgefunden. Es gab also sofort eine direkte Übertragung in alle Welt und das prominente Personal der kubanischen Revolution war natürlich auch sofort vor Ort. Wobei damals außerhalb Kubas tatsächlich eigentlich nur Fidel Castro so richtig bekannt war.&nbsp;</p>

<p>Und der ließ sofort Staatstrauer anordnen, noch gleich am 5. März und eine große Kundgebung ansetzen. Eingeleitet von einem Trauermarsch, einer Bestattungszeremonie und dann einer Rede mitten in Havanna, die in alle Welt übertragen werden sollte. Fidel Castro war schon damals berühmt für seine Reden und auch berühmt dafür, dass die unglaublich lang waren. Zwischen Kuba und den USA tobte er Medienkrieg und natürlich war das auch eine der ganz großen Gelegenheiten, um diesen Medienkrieg weiter voranzutreiben. Fotografen, Kameraleute, Pressemenschen aus aller Welt waren vor Ort.&nbsp;</p>

<p>Und Prominenz war anwesend. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren zufällig in der Stadt auf Einladung der Regierung und waren damit natürlich auch prominente Teilnehmer dieser Kundgebung.&nbsp;</p>

<p>Unter all diesem Medienrummel gab es einen Fotografen, der war besonders, der genoss das Vertrauen und die Freundschaft Fidel Castros. Er arbeitete für eine revolutionäre Tageszeitung in Kuba, aber im Grunde war er so etwas wie der Privatfotograf von Fidel. Wo immer Castro war, war auch dieser Fotograf. Sein Name, Alberto Díaz Gutiérrez oder wie er eigentlich bekannt geworden war, Korda. Und Korda hatte praktisch freien Zugang. Ihn kannte jeder, eigentlich als Fashionfotograf gestartet war Korda sozusagen der Starfotograf der kubanischen Revolution.&nbsp;</p>

<p>Er selbst hat es in einem Interview mal so formuliert: Er hätte mit der Fotografie begonnen, um schöne Frauen kennenzulernen und hat dann eine wunderschöne Revolution gefunden. Und die hatte nun mal ihre Stars, auch wenn man außerhalb von Kuba eigentlich nur Fidel wirklich kannte.&nbsp;</p>

<p>Aber es gab natürlich auch die lokalen Stars, die Revolutionsführer, die Kommandanten, die auch die Regierung stellten und allen voran mit am bekanntesten auf Kuba war Ernesto Che Guevara.</p>

<p>Am nächsten Tag marschierten Che Fidel, Raúl Sartre und Simone de Beauvoir, die gerade in Havanna waren und auch teilnahmen, die Straße an den Docks entlang, hielten sich an den Händen und wurden dabei fotografiert.</p>

<p>Che war nicht nur einer der bekanntesten Mitglieder der Regierung, sondern auch eins der mächtigsten. Er führte das Industrieministerium und die Landesbank und war schlicht und ergreifend damit betraut, die kubanische Wirtschaft zu verstaatlichen.&nbsp;</p>

<p>Und dann gab es diesen Moment, als sie an einer Bühne stoppten und zur Menschenmenge sprachen, die sich versammelt hatte.</p>

<p>Korda war ein fantastischer Fotograf, der aus der Welt der Werbefotografie kam. Er schoss einige Fotos von der Bühne, als er ganz plötzlich fühlte, das waren seine eigenen Worte, er fühlte, dass er ganz unerwartet das Bild von Che vor seiner Linse hatte. In der reflexartigen Reaktion eines Fotografen drückte er unverzüglich ab und schoss das Foto.</p>

<p>Ihn durchfuhr eine Art Schauer und er erstarrte. Das Bild, das er aufgenommen hatte, ist dieses unglaublich berühmte Bild von Che, auf dem er aussieht, als würde er in die Geschichte selbst schauen. Mit diesem Blick des unbeirrbar Revolutionären, der über die Gegenwart hinaus sieht. Es wirkt wie das Bild eines Heiligen. Man sieht Macht, Energie, Entschlossenheit und zur gleichen Zeit große physische Schönheit wie bei einer prophetischen Verkündigung.&nbsp;</p>

<p>Da war sie nun, die Aufnahme, die später weltberühmt werden sollte. Zu dem Zeitpunkt freilich war sie das noch nicht. Das Bild war einigermaßen unscharf und es gab prominentere Fotografierte, die bei derselben Kundgebung eben auch anwesend gewesen waren. Das Bild wird freilich trotzdem in der lokalen Presse verwendet. Der Siegeszug um die Welt, den die Aufnahme später antreten sollte, der war nicht einmal im Ansatz absehbar. Guerillero Heroico, wie Korda sein Bild genannt hatte, zeigte zu der Zeit schlicht und ergreifend einfach nur einen Minister auf Kuba, der zugegebenermaßen charismatischer als viele andere war und vielleicht auch einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf vorweisen konnte, aber so spannend zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich auch noch nicht war.&nbsp;</p>

<p>Und das ist jetzt, glaube ich, ein ganz guter Moment, um einfach mal ganz kurz zu beschreiben, wer Che eigentlich war. Che ist eigentlich nur ein Spitzname. Sein eigentlicher Name war Ernesto Guevara und er war ein Argentinier. Dort hatte er als Sohn einer bürgerlichen, gut gestellten Familie Medizin studiert, dieses Studium auch abgeschlossen, und hatte sich relativ früh der kubanischen Revolution unter der Leitung Fidel Castros angeschlossen.&nbsp;</p>

<p>Wofür er wirklich bekannt war waren mehrere Eigenschaften. Einmal war Che Guevara jemand, der sehr meinungsstark war. Er hatte eine Vision, er hatte eine konkrete Vorstellung davon, wie Dinge zu sein haben, und er verfolgte sie mit aller Energie, die ihm zur Verfügung stand. Es wird ihm nachgesagt, dass er als Anführer der Revolutionäre unglaublich charismatisch gewesen sei. Die Leute wären an seinen Lippen gehangen und ihm praktisch blind gefolgt. Da mag es auch eine Rolle gespielt haben, dass sehr, sehr viele der Soldaten in seinen Kampfgruppen wohl unglaublich jung gewesen sein sollen. Junge Teenager, oder wenn man es mal so formulieren will, Kindersoldaten.&nbsp;</p>

<p>Che war jedenfalls bekannt dafür, dass er mit einem an Selbstmord grenzenden Mut immer ganz nach vorne rannte und in erster Reihe mitkämpfte. Genauso war er allerdings auch bekannt dafür, dass er launisch sein konnte und gnadenlos war. Liest man Beschreibungen seines Lebens von Fans durch, dann erkennt man, dass er praktisch schon mit zehn schwere Literatur gelesen hat und brillant war.&nbsp;</p>

<p>Liest man dieselben Beschreibungen von Menschen, die ihn kritischer sehen, dann tauchen Anekdoten auf, wie z.B. dass er dafür bekannt war, nur einmal in der Woche seine Kleidung zu wechseln und sich nur sehr, sehr selten zu waschen. Und wenn man seine Taten während der Revolution und danach ansieht, dann kann man eigentlich gar nicht anders, als festzustellen, dass Che Guevara viel, viel Blut an den Händen hatte. Während der Revolution exekutierte er Verräter zum Teil selbst. Nach der Revolution war er dafür zuständig, die Prozesse, die oft auch in Todesurteile mündeten, von Handlangern des Battistaregimes zu überblicken. Und da dann eben auch die Exekution anzuordnen.&nbsp;</p>

<p>Und in seinen Schriften kann man nachlesen, dass er fest davon überzeugt war, dass ein dritter Weltkrieg notwendig war, um die sozialistische Revolution weltweit voranzutreiben. So Kleinigkeiten wie dass er Russland besuchte und da ein Blumenkranz am Grab Stalins niederlegte, unterstreichen dieses Bild tatsächlich einfach nur noch.</p>

<p>Gleichzeitig sei Che Guevara aber ein durch und durch ethischer Mensch gewesen und er war eben wild entschlossen zu tun, was notwendig war. Er hatte die Theorie, dass es nur sehr wenige Menschen brauchte, um ein Land in eine erfolgreiche (was immer da erfolgreich heißt) Revolution zu stürzen.&nbsp;</p>

<p>Und so legte er irgendwann alle seine Ämter auf Kuba nieder und setzte sich ab, um im Kongo genau diese Sache voranzutreiben. Richtig verstanden, im Kongo.&nbsp;</p>

<p>Das Problem freilich war, dass Che Guevara zu dem Zeitpunkt dann schon allmählich bekannt wie ein bunter Hund war und in die Geheimdienste der Welt auf Schritt und Tritt folgten. Deswegen konnte er im Kongo viel weniger an vorderster Front kämpfen, wie er sich das vielleicht ausgemalt haben könnte, sondern musste sich im Hintergrund halten. Und da war dann wohl eher so eine Art Revolutionsconsultant.&nbsp;</p>

<p>Überhaupt war im Kongo die Revolution noch viel unorganisierter, als die auf Kuba schon gewesen war. Und in seinen Tagebüchern notiert er deswegen auch das ein oder andere an Beobachtungen, was man heute vielleicht mal als rassistisch oder zumindest doch sehr abfällig bezeichnen könnte.&nbsp;</p>

<p>Der Kongo war aber nicht der einzige Stopp für Che Guevara. Später dann versuchte er, genau das Gleiche auch nochmal in Bolivien zu erreichen.&nbsp;</p>

<p>Auch dort ging es ihm darum, eine Revolution in Bolivien auszulösen. Und sowohl im Kongo als auch in Bolivien war die größere Idee, dass sobald diese Länder erst erstmal in der Revolution untergegangen wären, der Kampf sich auf die benachbarten Länder und schließlich auf den ganzen Kontinent ausdehnen würde. Von ihm ist der Satz überliefert, dass er nicht nur ein Vietnam, sondern zwei, drei, fünf, viele Vietnams anzetteln möchte, sodass zum Schluss sozusagen die sozialistische Weltrevolution als Dritter Weltkrieg daherkäme.&nbsp;</p>

<p>Es ist auch bekannt, dass er die Stationierung von Atomwaffen auf Kuba sehr begrüßte und hoffte, mit Hilfe dieser Atomwaffen den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> in die USA tragen zu können. Er soll rasend gewesen sein, als sich diese Pläne letztlich zerschlagen haben.&nbsp;</p>

<p>Bolivien jedenfalls sollte Sheets letzter Revolutionsversuch bleiben. Er wird gefasst und im Land hingerichtet. Kleines, süffisantes Detail: an seinem Arm trug er eine Rolex.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Am 9. Oktober 1967, einen Tag nach seiner Festnahme, wird er erschossen. Sein Leichnam wird zur Schau gestellt. Die Presse verewigt ihn Christus gleich. Um Fingerabdrücke zu erstellen, werden Che Guevara die Hände amputiert und eingewickelt in die Tageszeitung an die CIA verschickt. Wie eine Siegestrophäe.&nbsp;</p>

<p>Wait. What?</p>

<p>[Einspieler geht weiter]</p>

<p>Wahrer Sieger aber ist der Mythos.&nbsp;</p>

<p>Er wurde zum Symbol des revolutionären Kampfes weltweit, und das war absolut wahr. In den USA. In Frankreich. Das war überall wahr.</p>

<p>Und jetzt kommen zwei Ereignisse zusammen. Einmal war es so, dass ein findiger Geschäftsmann, nämlich der kommunistische italienische Verleger Giacomo Feltrinelli, auf der Suche nach einem guten Bild von Che Guevara war, in Erwartung, dass mit dem Ende der Revolution in Bolivien unter Umständen eine schöne Gelegenheit auftauchen könnte, Geld mit so einem Bild zu verdienen.&nbsp;</p>

<p>Er wollte also ein Symbolbild. Ja, und er stößt auf Korda, dessen Aufnahme, und lässt sich von Korda die Aufnahme übergeben. Korda hat damals keinen Vertrag oder Ähnliches mit ihm abgeschlossen, hat ihm einfach das Bild gegeben. Und Feltrinelli reist mit diesem Bild im Gepäck ab.&nbsp;</p>

<p>Und kaum dass bekannt war, dass Che Guevara hingerichtet worden war, nutzt er dieses Bild, um Geld damit zu verdienen. Ein anderer Mann, der versucht, die Ereignisse für sich zu nutzen, ist Fidel Castro. Der sucht nach einer Möglichkeit, seinen Mitstreiter zu ehren, aber auch die mediale Schlacht damit weiter voranzutreiben und stößt auf dieselbe Aufnahme.&nbsp;</p>

<p>Zu der Zeit war Che schon ein globales Symbol für den Widerstand. Die Jugend sah ihn als einen Guerillakämpfer, der als ihr Idol herhalten kann. Jemand unangepasstes mit festen Überzeugungen bereit, zum Äußersten zu gehen, um für diese Überzeugungen zu kämpfen. Dieses Bild von Che Guevara plus die Ereignisse, die zu seinem Tod führen, sind die perfekte Mischung.</p>

<p>Und so sieht man kurz nach seinem Tod die Aufnahme, die Korda berühmt machen sollte. Überall. Auf Demonstrationen, auf T-Shirts, auf Magazinen, auf Plakatwänden, als Graffiti, schlicht allgegenwärtig.&nbsp;</p>

<p>Feltrinelli wurde reich mit diesem Bild. Korda hatte keinen Vertrag und hat keinen Cent an Lizenzgebühren eingenommen und nimmt das allerdings mit sozialistischer Gelassenheit. Allein die Tatsache, dass Che vor allerlei kommerzielle Karren gespannt wurde, gefiel ihm nicht immer. So behauptete Daimler Benz, revolutionäre Technik einzusetzen und machte Che Guevara zu einem Kampagnengesicht.&nbsp;</p>

<p>Ich selbst weiß sogar, wann ich Che zum ersten Mal gesehen habe. Also genau dieses Bild, Guerillero Heroico. Das prangte nämlich als Aufkleber auf meinem allerersten Auto. Das hatte da nicht ich hingeklebt, sondern das war schon so, als ich das Auto gebraucht kaufte. Und ich fand es nett, sah gut aus und ließ es da ohne wirklich zu wissen, wen ich denn da als Konterfei durch die Gegend fuhr und auch heute hab ich ein Chebildnis hier im Haus.</p>

<p>Naja, nicht ganz Che, sondern John Bellucci, genauso dargestellt wie das berühmte Bild des berühmten Revolutionsführers und ich amüsiere mich über die Ironie, die da drinsteckt.</p>

<p>Jedenfalls ist dieses Bild tatsächlich unsterblich. Selbst wenn die Leute, die das Konterfei von Ernesto Che Guevara durch die Gegend tragen, längst nicht mehr wissen, wofür dieser Mann kämpfte und wofür er stand und welche Ideen er vertrat. Ich habe Artikel gefunden von 2019, wo es ein Skandal gab, dass der Fanclub der Eintracht Frankfurt Che Guevara Flaggen im Stadion geschwenkt hat. Man kann in keine moderne Stadt laufen ohne nicht irgendwo ein Graffiti von Che zu sehen und es gibt kaum eine Demonstration linksorientierter Aktivisten, bei denen Che Guevara nicht als Frontfigur herhalten muss.</p>

<p>Wer sich aber mit dem man näher beschäftigt, stellt fest, die Wahrheit ist kompliziert. Mir fiel auf jeden Fall auf, dass auf den allermeisten Aufnahmen ein lächelnder Che zu sehen ist. Auch bei den TV-Auftritten wirkt er immer latent amüsiert. Es könnte sowieso nichts erschüttern. Und als hätte er alles schon mal irgendwie gehört. Und irgendwie strotzt die Geschichte von Che und die Geschichte von Korda und die Geschichte diese Aufnahme nur so vor Ironie.&nbsp;</p>

<p>Korda, der 2001 an Herzschlag in Paris stirbt, laut seiner Tochter mit einer 22 jährigen Prostituierten im Zimmer, der hätte sich nicht denken können, damals, bei dieser Kundgebung, dass er das berühmteste Foto des 20. Jahrhunderts geschossen hatte. Und Che würde sich sicher sehr, sehr wundern, wenn er noch am Leben wäre. Dass sein Bild, ausgerechnet sein Bild, nicht nur das Logo der Linken und Revolutionäre geworden ist oder ganz Kuba pflastert, sondern gleichzeitig eine Ikone des kapitalistischen Westens, mit dem sich jeder vom Punk bis zum Nazi schmückt, aber trotzdem keines der Ziele, für die Che gekämpft hat und zum Schluss auch starb, näher an die Umsetzung gekommen ist. Speziell das heutige Kuba würde Che glaube ich sehr sehr verwundern.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 13 Sep 2020 16:47:03 GMT</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Einmal Selfie und zurück.</title>
            <link>https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/fotomenschen-eine-einfuehrung.html</link>
            <guid isPermaLink="true">https://fotomenschen.kopfstim.me/posts/fotomenschen-eine-einfuehrung.html</guid>
            <description>Das Selfie ist eine Kulturtechnik unserer Zeit und trotzdem schon mehrere Jahrhunderte alt...</description>
            <content:encoded><![CDATA[

<p>
====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Angeblich posten rund 60% aller Nutzerinnen und Nutzer von Instagram regelmäßig Fotos von sich selbst, sogenannte Selfies. </p>

<p>Die bildliche Selbstdarstellung wurde natürlich nicht erst durch Social Media populär, tatsächlich haben schon die Maler des Mittelalters und der Renaissance gerne ihr eigenes Antlitz in ihre Arbeiten geschmuggelt und dann war es bald nur noch eine Frage der Zeit bis die ersten gezielten Selbstportraits gemalt wurden. </p>

<p>So wage ich in der heutigen Folge eine Reise von A wie Albrecht Dürer bis K wie Kardashian 🙂 </p>

<p>Weitere Informationen: </p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Cornelius" target="_blank">Robert Cornelius</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Daguerreotypie" target="_blank">Daguerrotypie </a>(Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Nic%C3%A9phore_Ni%C3%A9pce" target="_blank">Joseph Nicéphore Niépce</a> (Wikipedia)</li><li>Das 2. Selfie kam von <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hippolyte_Bayard" target="_blank">Hippolyte Bayard</a> (Wikipedia)</li><li>Reader&#8217;s Digest &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240807132439/https://www.rd.com/list/selfie-facts/" target="_blank">14 mind-blowing facts about selfies</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.dw.com/de/das-ich-als-kunstwerk-vom-selbstportr%C3%A4t-zum-selfie/a-18812939" target="_blank">Das Ich als Kunstwerk: vom Selbstporträt zum Selfie</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Camera_obscura" target="_blank">Camera Obscura</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210302085636/https://www.rochester.edu/news/photos/daguerreotype.html" target="_blank">Daguerrotypes mit über 140,000 Megapixel</a> (!)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/australiaandthepacific/australia/10459115/Australian-man-invented-the-selfie-after-drunken-night-out.html#:~:text=Australia%20has%20proudly%20laid%20claim,at%20a%2021st%20birthday%20party." target="_blank">Australian man &#8218;invented the selfie&#8216;</a></li></ul>

<p>(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach <a "/">https://fotomenschen.net</a>)</p>

<div class="yt-facade" data-yt="J2bMMMZ6pLU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_J2bMMMZ6pLU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="5xRxPpC9sjc" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_5xRxPpC9sjc.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="mzMERmRKtwU" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.kopfstim.me/assets/yt_mzMERmRKtwU.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p class="has-large-font-size"><br>Transkript der Episode: </p>

<p>“Picture &#8211; or it didn’t happen”. Das ist ein Spruch, der Freunde dazu auffordern soll, einen Schnappschuss zu teilen. Wir leben in durch und durch visuellen Zeiten; Niemand wird bestreiten, dass es noch nie so wichtig war wie dieser Tage, eine Kamera in Griffweite zu haben. Zumindest scheinen wir das so wahrzunehmen. Wir fotografieren alles und jeden, und auch gerne Mal uns selbst. Das sogenannte “Selfie”, ja manch einer ruft sogar eine “Selfie Culture” aus, millionen und abermillionen Selfies werden regelmäßig auf den großen Social Media Kanälen veröffentlicht.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Hi, I’m Kim Kardashian West and I’m gonna give you a little tutorial on how to take the perfect selfie. If you don’t have a mirror in front of you to really figure out your pose and your angle, make sure that your lighting is amazing, because you wanna blow out everything you don’t wanna see and highlight all the good things that you do.</p>

<p>Moderne Smartphones haben sogar mehr als eine Kamera, eine extra zu dem Zweck um Selfies aufnehmen zu können. Die “front-facing-Camera”.&nbsp;</p>

<p>Das Wort “Selfie” wurde angeblich von einem Australier erfunden, der hat sich bei der Geburtstagsparty eines Freundes die Lichter ausgeschossen und anschließend aufs Gesicht gelegt. Das Internet, freilich, gab’s zu der Zeit schon und so machte er ein Foto, bei dem man die Lippe nicht scharf, dankenswerterweise aber im Hintergrund die Steckdose supergut erkennen kann, und schrieb dazu, dass es ihm leid täte, dass der Fokus falsch sitzt, es wäre ja nur ein Selfie. Und damit war das Wort in der Welt.</p>

<p>Damit stellt sich jetzt natürlich die Frage, was ist denn nun ein Selfie?</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Hi, ich bins wieder, eure Jayjay, und ganz viele haben mich gefragt ob ich sagen kann was “Selfie” is, und weil ihr das alle nicht wisst sag ich euch das jetzt.</p>

<p>Äh ja. Jetzt mal wirklich:</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>Selfies sind Selbstportraits, die du mit einem Smartphone in deiner eigenen Hand aufnimmst, daher auch der Name “Selfie”, das kommt vom englischen “self <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">portrait</a>”.</p>

<p>Also ein Bild, dass ich selbst von mir anfertige. Und wenn wir es so generisch halten, dann ist natürlich das Selfie schon hunderte von Jahren alt. Schon in Mittelalter hatten Maler damit begonnen, ihre eigenen Gesichter gelegentlich in ihre Gemälde zu schmuggeln, da saß dann unter den Jüngern Jesu plötzlich mit der Maler am Tisch. Ab dem 15. Jahrhundert werden zunehmend auch Gemälde von Malern bekannt und es gibt mehrere, die sind berühmt geworden, dafür, dass sich die jeweiligen Künstler besonders treffend selbst dargestellt haben.&nbsp;</p>

<p>Und damit könnte man sagen: Die Renaissance-Maler sind die Urgroßväter moderner Selfies. Daran sollte man auf jeden Fall denken, wenn Man das nächste Mal mit der Frontkamera auf sich selbst abdrückt.&nbsp;</p>

<p>Wir können aber auch auf jeden Fall festhalten, dass die Definition “Selbstportrait” vielleicht nicht so ganz tragfähig ist, wenn wir über Selfies reden, wir reden ja schon über eine ganz bestimmte Art des Selbstportraits, nämlich fotografisch festgehaltene Selbstportraits, die dürfen auch zunehmend immer mehr verfremdet sein, im Zeitalter von Snapchat-Filtern kann man sich da künstliche Hüte aufsetzen, die Augen vergrößern, die Haut verjüngen, was immer uns einfällt, das heißt es muss auch noch nicht mal mehr fotografisch authentisch sein, aber wir reden ja schon von einem fotografischen Prozess. Niemand greift zu Pinsel und Leinwand, um sein Selfie zu malen und dann zu veröffentlichen, wir snappen es.</p>

<p>Und damit sind wir bei der Geschichte der Fotografie angekommen. Eine Geschichte, die eigentlich ziemlich kurz ist. 200 Jahre. Grob. 1820 &#8211; 1840 war die Geburtsstunde der modernen Fotografie.&nbsp;</p>

<p>Dieser große Zeitraum ist mit Absicht gewählt, weil es tatsächlich ein bisschen Definitionsfrage ist, was man denn nun als den Startpunkt der modernen Fotografie ansieht. Manches Prinzip, das auch heute immer noch Kameras verwenden, kannte man schon seit der Antike. Die sogenannte “Camera obscura”, also die “versteckte Kammer”, von der eben auch unsere heutige Kamera ihren Namen hat, war ein Raum oder zumindest eine Holzkiste, in die ausschließlich durch ein kleines Löchlein Licht drang. Und es war eben auch schon wirklich lange bekannt, dass sich durch dieses Loch Bilder projizieren auf die Rückwand besagter Kammer oder Kiste ließen. Allein dieses Bild war vorübergehend. Nur so lange wie genügend Licht und genügend Szenerie existierte, konnte man dieses Bild bewundern und bestaunen. Es gab solche Kameras auch begehbar. Manche wurden als Apparatur verwendet, um Pläne zu zeichnen oder die Perspektive von Gebäuden korrekt abzubilden, es war also ein Werkzeug im Künstlerbedarf.</p>

<p>Man hatte schon erkannt, dass es Chemikalien und Stoffe gab, die lichtempfindlich waren, und so musste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht irgendwie einen Weg finden könnte, ein Bild das in der Camera obscura sichtbar wird irgendwie auf einem dieser Stoffe festzuhalten.</p>

<p>In die Geschichte eingehen sollte dann der Franzose Joseph Niépce. 1826 gelang ihm das, was auch heute noch als die erste jemals durchgeführte und auch nach wie vor erhaltene Fotografie gilt. Acht Stunden lang belichtete er in einem Verfahren, dass er Heliographie nannte, eine lichtempfindliche Asphaltschicht, die hinterher mit Lavendelöl entwickelt wurde. Nicht nur wegen der langen Belichtungszeit war dieses Verfahren noch nicht so richtig praxistauglich, auch das Ergebnis muss man schon mit modernen Mitteln fassen, um wirklich zu erkennen, was man auf dem Bild festgehalten hatte. Trotzdem: Ein Anfang war gemacht.</p>

<p>Zu der Zeit stand Joseph Niépce mit einem Maler namens Louis <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> in Kontakt und tauschte sich über die Möglichkeiten, die Entwicklung eventuell kommerziell nutzbar zu machen aus. <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> übernahm die Methoden von Niépce und stellte eigene Forschungen an. Niépce starb 1833 und hat damit nie den späteren Durchbruch von <a "/tags/daguerrotypie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="6" title="Daguerrotypie">Daguerre</a> miterlebt.&nbsp;</p>

<p>Der entwickelte nämlich ein Verfahren, dass er dann ganz bescheiden “Daguerreotypie” nannte, und mit dem es möglich wurde, in wenigen Minuten hochdetailauflösende Bilder auf Silberplatten zu belichten. 1839 veröffentlichte er dieses Verfahren und die Rechte wurden auf die Initiative eines Physikers von der französischen Regierung erworben. Sie zahlten ab dann eine lebenslange Rente an Daguerre und an den Sohn von Niépce. Allerdings war es natürlich so, dass mit dem Namen Daguerreotypie Daguerre derjenige war, der als Urvater der Fotografie in die Geschichte einging. Und die hob jetzt so richtig ab.</p>

<p>Das Verfahren war für damalige Verhältnisse absolut revolutionär. Die Menschen konnten nicht glauben, was sie auf diesen Plättchen sehen konnten. Es war auch für heutige Verhältnisse hochauflösend, was damals abgeliefert wurde. Ordentliche Linsen vorausgesetzt konnte man Bilder erzeugen in diesem Verfahren, die mehrere hundert Megapixel groß wären, würde man sie heute scannen.</p>

<p>Wenige Jahre später wurden jedes Jahr mehrere millionen Daguerreotypien angefertigt und unter das Volk gebracht. Es begann eine Zeit, in der ein moderner Haushalt ohne Daguerreotypien nicht denkbar war. Die gabs auch in 3D. Es gab Leute, die Daguerreotypien in entsprechend verschobenen Ansichten fotografieren, sodass man die mit einer entsprechenden Vorrichtung dreidimensional betrachten konnte, natürlich, wie sollte es anders sein, auch gerne mal für pornografische Darstellungen benutzt.</p>

<p>Auch das, eine Technologie, die jetzt mit VR Brillen wieder zurück zu uns findet, war halt eben doch alles schon mal irgendwie da.</p>

<p>Die Daguerreotypie wurde jedenfalls ein Massenverfahren, und jetzt, jetzt ist es wieder an der Zeit, dass wir wieder zu unserem Selfie zurückkommen, denn, was es natürlich damit auch gab, war Fotografen, die das Verfahren perfektionierten und berühmt damit wurden.</p>

<p>Und damit sind wir bei einem weiteren Pionier der frühen Fotografie. Robert Cornelius. Er war der Sohn niederländischer Immigranten in die USA. Geboren 1809 in Philadelphia und besuchte eine private Schule. Besonders interessierte ihn damals die Chemie. 1831 begann er dann, für seinen Vater zu arbeiten und beschäftigte sich mit Versilberungen und dem Polieren von Metall und das machte er so gut, dass er kurz darauf von einem anderen Fotografiepionier, Joseph Saxton, beauftragt wurde, eine silberne Platte herzustellen, für eine Daguerreotypie, die die damalige central high school in Philadelphia in Auftrag gegeben hatte.&nbsp;</p>

<p>Und Robert Cornelius war hooked. Die Daguerreotypie bediente alles, wofür er sich begeistern konnte. Metallurgie, Chemie, und so beschloss er, seine Talente dafür einzusetzen, die Daguerreotypie zu perfektionieren und er eröffnete zwei der ersten Fotostudios überhaupt, um damit dann auch Bilder anzufertigen. Und natürlich konnte man super Landschaften und Gebäude fotografieren, aber wie viel schöner wäre es denn, wenn man Menschen fotografieren könnte.</p>

<p>Und so begann er, damit zu experimentieren, die Entwicklungs- und Belichtungszeit zu drücken und Apparaturen zusammenzustellen, mit denen man reproduzierbar Menschen fotografieren konnte. Damals waren die verschiedenen Materialien noch nicht so lichtempfindlich wie heute, das heißt, man brauchte entsprechend viel Beleuchtung, Portraits wurden also auch gerne mal draußen gemacht. Und so war das auch mit dem Bild, das er dann 1839 fotografierte.&nbsp;</p>

<p>Wer schon mal mit einer Großformatkamera hantiert hat, hat vermutlich auch eine ganz gute Vorstellung davon, wie das wohl ausgesehen haben muss. Robert Cornelius hat zunächst&nbsp; in seinem Heimstudio die Silberplatte vorbereitet, in einer Dunkelkammer, die musste nämlich behandelt und lichtempfindlich gemacht werden und dann lichtdicht in einem Magazin verstaut werden. Dann trug er die Camera obscura ins Freie, positionierte einen Stuhl davor und ließ vermutlich jemanden darauf sitzen, um in aller Ruhe die Szene komponieren zu können, also, die Kamera richtig auszurichten. Nun wurde das Magazin, das er vorbereitet hatte, in die Kamera eingelegt, also eingeschoben, und ab jetzt war alles aufnahmebereit. Aufnahmedauer wahrscheinlich c.a. 5-8 Minuten, das heißt Robert Cornelius konnte ganz gemütlich von der Kamera vorne den Deckel abnehmen, zu dem Stuhl gehen, sich hinsetzen, und musste dann für mehrere Minuten bewegungslos ausharren, bevor er wieder aufstand, zurückging und den Deckel wieder vor die Öffnung der Camera obscura anbrachte.</p>

<p>Und da war es nun. Der welterste Selfie. Ein junger Mann mit zerzaustem Haar, der unsicher und vielleicht ein bisschen neugierig in die Kamera blickt. <a "/posts/pflaumen-kaese-papageienpopel.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="57" title="Lächeln">Lächeln</a> hat man auf damaligen Bildern nach Möglichkeit vermieden, denn wer kann schon ein <a "/posts/pflaumen-kaese-papageienpopel.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="57" title="Lächeln">Lächeln</a> mehrere Minuten lang halten, ohne dass es irgendwann wie eine Grimasse aussieht, und so lächelt auch Robert nicht in diesem Bild.</p>

<p>Ich finds ja grad schon so ein bisschen passend, dass das erste Selfie der Geschichte ausgerechnet von einem Amerikaner geschossen sein soll. Ab da gab es dann jedenfalls kein Halten mehr. Portraits waren natürlich eine der Hauptanwendungen der neu perfektionierten Technologie und Robert Cornelius betrieb mehrere Jahre lang mehrere Fotostudios, bevor er sich wieder dem Geschäft seiner Familie, dem Verkaufen und Entwickeln von Gas- und Beleuchtungsmitteln eben, zuwandte. Wahrscheinlich, weil man damit dann doch noch ein bisschen mehr Geld verdienen konnte.</p>

<p>Es gibt übrigens noch einen anderen Selfie-Kandidat, der kurz danach einen, nennens wir mal, “Protestselfie” erstellt hat. Es war nämlich jemand, der von sich auch behauptete, die Technologie perfektioniert zu haben, Daguerreotypien herzustellen, der Franzose Hippolyte Bayard. Der hatte dann seine Verfahren der französischen Akademie der Wissenschaften angeboten und war abgelehnt worden, was er als derart große Schmach ansah, dass er ein Protestselfie aufnahm, ein Selfie, auf dem er sich als Ertrunkenen darstellte, und dieses Selfie dann mit einem Protest-Text versah und einschickte.</p>

<p>Naja, ein bisschen melodramatisch, der Mann, damit schlägt sich auch der Bogen zu den modernen Selfies. Die gehen ja auch von völlig banal bis zu überdramatisiert. Von alltäglich zu künstlerisch. Die alltäglichen Selfies, die wir alle machen, vielleicht manchmal noch in Kombination mit den Selfies, die Celebrities machen, von denen mehrere absoluten Kult- und Berühmtheitsstatus erreicht haben. Kim Kardashian hat so viele Selfies von sich angefertigt, dass sie irgendwann sogar ein Buch anfertigte, statt einer Biografie nur mit ihren Selfies ausgekleidet, und damit die Bestsellerliste der New York Times eroberte.</p>

<p>Aber es gibt natürlich auch ernsthafte Selfie-Kandidaten. Andy Warhol hat eine ganze Menge Selfies gemacht. Der Künstler IYY hat Selfies von sich veröffentlicht. Und die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> Cindy Sherman erkundet mithilfe des Selfies nicht nur alternative Identitäten, sondern auch ihr persönlichstes Innerstes. Überhaupt gibt es Künstler, die behaupten, das Selfie wäre sozusagen die hohe Kunst der <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portraitfotografie</a>, denn anders als bei der herkömmlichen <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portraitfotografie</a> hat der Fotograf beim Selfie ja wirklich intimes Wissen, intimstes Wissen über das Model.</p>

<p>Und trotzdem sind Selfies nicht jedermanns Sache. Es gibt zwar eine riesige Zahl Menschen, die sich gerne selbst fotografieren, aber längst nicht jeder mag den Selfie-Trend. Und auch wenn es uns nicht so vorkommen mag, nicht jedes Bild da draußen ist ein Selfie. Insgesamt sind tatsächlich nur 4 % der auf Instagram veröffentlichten Bilder Selfies. Der Rest teilt sich dann auf Gebäude, Urlaubsszenen, irgendwelche Gruppenfotos, Essen und was sonst noch an sujet existiert auf, jedenfalls sind wir dann doch nicht so egozentrisch, wie man meinen möchte, wenn man Kim Kardashian und co. als Maßstab annimmt.</p>

<p>Und wenig überraschend ist es dann auch noch so, dass es Unterschiede zwischen den Generationen und den Kulturen gibt. Eine interessante Statistik, die ich gefunden habe, stammt von der Zeitschrift “Time”, die 2014 den Hashtag #Selfie auf Instagram analysierte, und eine Rangliste erarbeitete, in welchen Städten denn die meisten Selfies geschossen würden. Kenngröße war Selfies pro 100.000 Einwohner. Was ich ganz interessant fand war, dass Makati City und New York die zwei Städte mit den meisten Selfies waren, aber in den Top 100 keine einzige deutsche Stadt vorkam. Und schon die Italiener und Franzosen musste man in der Liste echt suchen.</p>

<p>Egal wie, wir stehen auf den Schultern von Giganten. Das nächste Mal, wenn wir unser Handy hochreißen, um ein Selfie von uns zu fotografieren, einfach kurz innehalten und daran denken, dass wir in einer Linie zu Albrecht Dürer stehen. Oder zu Kim Kardashian. Je nachdem, wie man die Sache nun auslegen möchte.</p>

<p style="font-size:10px">Bild: By Robert Cornelius &#8211; This image is available from the United States Library of Congress&#8217;s Prints and Photographs divisionunder the digital ID cph.3f04912.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6350177</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 16 Aug 2020 19:27:08 GMT</pubDate>
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