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    <title>Fotomenschen - Steve McCurry</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Steve McCurry&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Fri, 07 Jan 2022 17:38:52 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Ein Aasgeier, zwei Opfer</title>
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            <description>Seit es technisch möglich wurde unterwegs zu fotografieren gehören Fotos aus Krisengebieten und von Menschen in Not zu den Grundpfeilern der Fotografie und oft wird behauptet diese Bilder hätten die...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Seit es technisch möglich wurde unterwegs zu fotografieren gehören Fotos aus Krisengebieten und von Menschen in Not zu den Grundpfeilern der Fotografie und oft wird behauptet diese Bilder hätten die Macht die Öffentlichkeit aufzurütteln und die Welt zu verändern. Genau davon handelt diese Folge&#8230; </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Pulitzer" target="_blank">Joseph Pulitzer</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pulitzer-Preis" target="_blank">Pulitzer-Preis</a> (Wikipedia)</li>

<li>History of The Pulitzer Prizes</li>

<li><a href="https://web.archive.org/web/20250508140907/https://www.pulitzer.org/prize-winners-by-category/217" target="_blank" rel="noreferrer noopener">List of Pulitzer Winners in the category &#8222;Feature Photography&#8220;</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_Carter" target="_blank">Kevin Carter</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20131228175359/http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,165071,00.html" target="_blank">The Life and Death of Kevin Carter</a> (Time Magazine via Web Archive)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://ny-photography-diary.com/sebastiao-salgado-by-nerris-markogiannis/" target="_blank">Aesthetics and Ideology of Sebastiao Salgado</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2001/07/13/arts/photography-review-can-suffering-be-too-beautiful.html" target="_blank">NYT &#8211; PHOTOGRAPHY REVIEW; Can Suffering Be Too Beautiful?</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.amazon.de/Regarding-Pain-Others-Susan-Sontag/dp/0141012374" target="_blank">Susan Sonntag &#8211; Regarding the Pain of Others</a> (Amazon)</li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.worldpressphoto.org/collection/photo-contest" target="_blank">World Press Photo &#8211; Winners from 1955 on</a></li>

<li><a href="https://www.welthungerhilfe.de/spenden-sudan/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Welthungerhilfe &#8211; Sudan</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/koennen-rechtfertigen-11630320.html" target="_blank">Wie können sie das rechtfertigen?</a> (Frankfurter Rundschau)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunk.de/fotojournalismus-tv-doku-ueber-den-bang-bang-club-100.html" target="_blank">Fotojournalismus &#8211; TV-Doku über den „Bang Bang Club“</a> (Kevin Carter &amp; Freunde)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.rolfnobel.de/essays/2011/06/der-traum-vom-grossen-bild/" target="_blank">DER TRAUM VOM GROSSEN BILD &#8211; WARUM ES JUNGE FOTOGRAFEN IN KRIEGE ZIEHT</a></li>
</ul>

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<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=RFaSa28ahrM" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
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<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wenn man sich für Fotografie interessiert, kommt man um Kriegsfotos nicht herum. Und ein Grund, warum diese Aufnahmen so wirkmächtig zu sein scheinen, liegt in der Psychologie der Menschen begründet. Wir können gar nicht anders. Es gibt zwei Themen, die uns wie nichts Anderes in ihren Bann schlagen, wann immer sie uns begegnen: Nacktheit und die Darstellung von Leiden.</p>

<p>Und so wandeln wahnsinnig viele Kriegsfotografien auf einem schmalen Grat zwischen Aktivismus und Gewaltpornografie. Und wir als Betrachterinnen und Betrachter können uns anscheinend nicht ganz entscheiden, ob wir Menschen, die solche Fotos aus den Kriegsgebieten zujubeln und gratulieren sollen oder sie aufs Übelste dafür kritisieren, dass sie Geld aus den Leiden Andere zu machen scheinen. Während wir also Fotograf/-innen wie Lee Miller, <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> oder <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> als Helden des Genres verehren, wurden Fotografen wie Sebastiao Salgado oder auch Steve McCurry dafür beschimpft und kritisiert, dass ihre Bilder zu schön wären, zu ästhetisch. Salgado antwortete darauf, dass eine ästhetisch schöne ansprechende Darstellung der Menschen in seinen Aufnahmen diesen Menschen ihre Würde gibt. Aber man könnte jetzt auch sagen, dass die Bilder dadurch unter Umständen auch wirklich erst für den Kunstbetrieb interessant wurden. Salgado, der jahrzehntelang in Ländern von Ruanda bis zum Kosovo das Leiden von Menschen fotografiert hat, macht Aufnahmen, die man fast nicht mehr ignorieren kann, sie sind so schön, dass man fast hinschauen muss und das dargestellte Leiden und Elend ist so schmerzhaft, dass es kaum auszuhalten ist. Das wiederum, so würde mancher argumentieren, sorgt dafür, dass wir nicht ignorieren können, welche Missstände irgendwo stattfinden.</p>

<p>Fotografie rüttelt auf, macht aufmerksam, weißt darauf hin, klagt an. Aber dann, ja dann, ändert sich oft gar nichts. Jahrzentelang bereiste Salgado Afrika und dokumentierte Leiden in bürgerkriegsgebeutelten Ländern. Und hat sich etwas geändert?</p>

<p>Steve McCurry fotografierte Flüchtlinge in Afghanistan. Und das berühmte Bild, dass angeblich den Vietnamkrieg zu beenden half, das wurde gemacht, da waren die amerikanischen Truppen eigentlich schon am Abziehen. Aber in dieser ganzen Argumentation steckt natürlich ein Denkfehler, das einzige Bild, das ändert wahrscheinlich nichts, aber in Summe und über Zeit ändert sich natürlich sehr wohl der Blick der Menschen auf ein Thema. Und sich diese Möglichkeit offenzuhalten, das war die große Leidenschaft des Verlegers und Journalisten Joseph Pulitzer.</p>

<p>Er war 1847 in Ungarn geboren und mit 17 wollte er eins: aus Ungarn weg. Er bewarb sich bei der österreichischen, der französischen und bei der britischen Armee und keine von denen wollte ihn haben, er wurde jedes Mal als untauglich eingestuft. Aber wie so oft Beharrlichkeit hilft und so schaffte er es 1864 in ein US-Bataillon akzeptiert zu werden und über Boston in die USA einzureisen. Er diente in einem deutschsprachigen Bataillon im amerikanischen Bürgerkrieg. Als der vorbei war, wollte er in den USA Fuß fassen, weil er aber hauptsächlich Deutsch und Französisch sprach und nur sehr wenig Englisch, war das zunächst schwieriger als gedacht. Aber Pulitzer hatte ein Ziel und so paukte er nicht nur Englisch, sondern begann Jura zu studieren. Als er 1867 amerikanischer Staatsbürger wurde, hatte r seinen Abschluss und sprach und schrieb exzellentes Englisch. 1868 kam er nach Missouri und trat dort eine Stelle bei einer deutschsprachigen Zeitung an. 1871 war er schon Herausgeber und Miteigentümer und 1873 zog er weiter. Und so wie diese ersten Jahre als Journalist ging es ab jetzt weiter, es war eine Serie von <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>-Berufen, Redakteurposten, Teilhaben an Zeitungen und Gründungen von Zeitungen. Von Anfang an machte sich Josef Pulitzer einen Namen als ein akribischer Rechercheur. Seine Artikel prangerten Missstände an und gingen dahin, wo es wehtat. Seine Artikel waren sensationell recherchiert und waren vor allen Dingen auch skandalträchtig. Und Pulitzer machte vor niemandem Halt, als er 1909 einen Bestechungsskandal rund um den Panamakanal aufdeckte, wo es unter anderem um die Zahlung von 40Mio. US.Dollar unter dem US-Präsidenten Theodor Roosevelt ging. Wurde er von Roosevelt und <a "/tags/j-p-morgan.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="44" title="J.P. Morgan">J.P. Morgan</a> direkt verklagt. Ein Prozess, der Pulitzer noch berühmter machte als er ohnehin schon war, denn er ging siegreich hervor und wurde damit zu einem Helden der Pressefreiheit.</p>

<p>Diese Art von Journalismus, diesen an der Sensation kratzenden, aber hervorragend recherchierten investigativem Journalismus nennt man ungefähr Yellow Press, ein Begriff, der auch aus der Geschichte Joseph Pulitzers stammt. Als der nämlich 1895, die ersten Zeitungen im Vierfarbdruck verlegte, entschied er sich für das Abdrucken eines Comic-Strips, in dem ein Junge mit einem gelben Shirt die Hauptrolle spielte. Nicht klang und die Zeitungen, die sich von Pulitzers Stil inspirieren ließen, wurden schlicht Yellow Press genannt. Ein Begriff, der bis heute überlebt hat.</p>

<p>Und noch etwas geht auf Joseph Pulitzer zurück, die Gründung der ersten Journalistenschule in den USA. Als erfolgreicher Verleger träumte er davon, den Nachwuchs gezielt ausbilden zu lassen, ethische Standards, professionelle Praktiken, die wollte er vermitteln. Und so versuchte er 1892 mit einer Geldspende in Höhe von 2 Mio. US-Dollar, die Gründung einer Journalistenschule voranzutreiben, weil diese Spende allerdings nicht akzeptiert wurde, schrieb er sie kurzerhand als Stiftung in sein Testament. Nach seinem Tot, so verfügte er, solle eine &#8222;School of Journalism&#8220; gegründet werden und das restliche Geld dann zur Stiftung eines journalistischen Preises verwendet werden. Ein Jahr nach seinem Tod 1912 wird diese Idee Wirklichkeit, die Columbia Universität gründet eine journalistische Fakultät und seit 1917 wird jährlich der Pulitzer-Preis verliehen. Ging es bei dem Preis hauptsächlich um reine journalistische Berichterstattung, wurde bald deutlich, dass es mehrere Kategorien geben müsste. Insgesamt wird der Preis, inzwischen jährlich in 23 Kategorien verliehen, 15 davon sind journalistisch geprägte Kategorien, wie z.B. Audioreportage, Kommentar oder Breaking News Reporting. 7 Kategorien fallen in den Bereich Literatur, Theater und Musik und dann gibt es noch einen Sonderpreis. Alles in allem hat der Pulitzer inzwischen ein Prestige, dass man mit den Oscarverleihungen in der Filmbranche vergleichen kann. Es gehört ein Preisgeld in jede Kategorie und das Prestige, dass mit dem Gewinn eines Pulitzer-Preises einhergeht, sorgt normalerweise für ganz gute Karriereaussichten.</p>

<p>Jetzt war es natürlich so, dass in der Berichterstattung auch damals als Pulitzer seine ersten Schritte als Journalist machte, Fotografie eine wichtige Rolle spielte. Trotzdem dauerte es bis 1968, bevor der Pulitzer-Preis eine eigene Kategorie für Fotografie bekam. Damit ist der Pulitzer 13 Jahre später dran als der &#8222;world press photo award&#8220;, aber lieber spät als nie.</p>

<p>Beide Preise haben auf jeden Fall gemeinsam, dass sie durchzogen sind von Fotografien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Beide haben gemeinsam, dass viele der Preisträger aus den Rängen von Agenturen wie &#8222;associated press&#8220; oder Reuters kommen. Und oft kommen bei den Preisträgerinnen und Preisträgern all die Konflikte, die ich am Anfang beschrieben habe, in einem Moment, in einem Preis, in einer <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>, einem Foto zusammen. So wie 1993, als Kevin Carter ein bis heute oft geteiltes und immer wieder verbreitetes Foto macht.</p>

<p>Carter war ein junger Kerl, der sein Leben mehr schlecht als Recht im Griff hatte. Südafrika war zu der Zeit in turbulentes Land, die Apartheid lag in ihren letzten Zügen. Und es war diese turbulente Umgebung, in der sich Kevin Carter und zwei seiner Freunde versuchten durch Reportagen aus dem zum Teil recht gewalttätigen und turbulenten Nachtleben von Städten wie z.B. Johannisburg, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es waren einfach junge Kerle, die dahin gingen, wo die Action war. Selbst dem Nachtleben und den Drogen nicht ganz abgeneigt, kamen sie mehr als einmal selbst auch nur knapp mit dem Leben davon. Allerdings in den Neunzigern achtete die Welt etwas mehr auf die Geschichten, die aus Südafrika kamen, besonders wenn es um den Machtkampf zwischen der herrschenden &#8222;Freedom Party&#8220; und Nelson Mandelas ANC ging.1991 war es dann einer von Kevins Freunden, der für das Foto eines erstochenen Parteiunterstützers einen ersten Pulitzerpreis der Fotografie gewann. Und Carter sah das jetzt als eines seiner Ziele an, den Pulitzer gewinnen, dann würde er es geschafft haben. Und damit war auch klar, dramatische Bilder müssten her. 1993 beschließt er deswegen mit einem Kollegen zusammen in den Sudan zu reisen, um dort die von Rebellentruppen ausgelöste Hungersnot zu dokumentieren. Er muss sich bei seinem regulären Job dafür Urlaub nehmen und reist auf eigene Kasse in das Land. Die Hoffnung: die Fotos würden sich als interessant genug herausstellen, um bei den verschiedenen Nachrichtenagenturen auf Resonanz zu stoßen und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar Pulitzer-Preis Material. Jetzt hatte Carter zwar Erfahrungen darin, wie man auch durchaus gewalttätige Szenerien dokumentiert, aber in ein Bürgerkriegsgebiet und mit einer Hungersnot zu reisen und dort zu fotografieren ist dann doch noch einmal eine völlig andere Hausnummer. Jetzt finden solche journalistischen Fotoreisen nicht vollkommen losgelöst von Infrastruktur ab, es ist also nicht so, dass der heldenhafte Fotograf seinen Rucksack schultert und alleine ins Kriegsgebiet wandert, sondern in aller Regel sind das organisierte Reisen, die zu bestimmten Anlässen stattfinden. Zum Beispiel, wenn die UN Hilfsgüter in ein Land einfliegen oder so. Und selten sind die Fotografen alleine unterwegs, sondern meistens in einer Gruppe mit organisierter An- und Abreise. So auch hier, Kevin Carter und Kollegen werden von einem kleinen Flugzeug zu einer Hilfsmittelverteilstation gebracht. Das Flugzeug landet, alle springen mit Kamera im Anschlag aus der Maschine und Kevin Carter, der sich vieles ausgemalt hatte, aber noch nie vor Ort gesehen hatte, war tief schockiert von den Bildern, die er sah. Routiniert fängt er an zu fotografieren, wie auch seine Kollegen. Allerdings versucht er relativ schnell von den doch relativ hart anzuschauenden Szenen, der vom Hungertod bedrohten Menschen wegzukommen. Auf der Suche nach einfacheren Motiven geht er in Richtung des Busches, als er ein Geräusch hört. Ein leises Wimmern und da macht er das Foto, dass ihm den Pulitzer-Preis einbringen sollte, ein Mädchen war nämlich auf dem Weg zu der Essensverteilung gestolpert und gefallen, es ist so ausgehungert, es hat praktisch keine Kraft mehr sich groß aufzurichten und zu bewegen.</p>

<p>Und die Szene, die Kevin hier festhält, wird Menschen rund um den Erdball entsetzen, denn keine drei Meter von dem Mädchen entfernt, sitzt ein Aasgeier am Boden und beobachtet das Kind. Furchtbar und ohne Kontext schwierig, denn was das Bild natürlich nicht zeigt ist, ob andere Menschen in der Nähe waren, ob denn eine Gefahr für das Mädchen bestand, ob es sich wenig später aufgerichtet hat, ob irgendjemand den Vogel verscheucht hatte. Das Bild selbst zeigt die Szene, wie sie sich in dem Moment für Kevin Carter darstellt, ein kraftloses Kind am Boden und ein Aasgeier, der darauf wartet Beute zu machen. Harter Stoff, Kevin Carter, der sich gerne mit Image des harten Kerls umgibt, hat in Wirklichkeit eine jahrelange Geschichte von depressiven Schüben und Drogenmissbrauch hinter sich, dieser Anblick und diese Szenerie, die er nicht nur in diesem Moment aufgenommen hatte, schlägt bei ihm ein wie eine Bombe. Er selbst beschreibt die Szene so, dass das Mädchen am Boden lag und der Vogel eine Weile dort sitzen blieb. Er hatte direkt ein Foto gemacht, wartete aber noch eine Weile, ob der Vogel vielleicht die Flügel ausbreiten würde. Später, als ihm der Vorwurf gemacht wurde, er hätte an seinen eigenen Vorteil gedacht, statt dem Kind zu helfen, verteidigte er sich damit, dass er sagte, erstens habe er ja später dann den Vogel verscheucht und zweitens wäre das Kind dann ja auch wieder aufgestanden und weitergelaufen. Und überhaupt ist der Beruf eines Kriegsreporters ja nicht unbedingt überall Erste-Hilfe zu leisten, sondern zu dokumentieren, was er sieht, um Menschen davon zu berichten und womöglich dazu zu bringen, den Menschen, die da in Not sind, zu Hilfe zu eilen. Ja, aber trotzdem fanden, die von der Aufnahme schockierten Betrachtenden, dass Carter mehr hätte tun müssen, statt einfach nur ein Foto zu machen.</p>

<p>Ganz egal wie wir jetzt dazu stehen, Kevin jedenfalls packt seine Kamera, seine Filme, besteigt das Flugzeug und fliegt wieder nach Hause. Diese Fotogelegenheiten dauern dann auch nicht Stunden oder tagelang, die sind dann doch eher überschaubar in ihrem Zeitaufwand. Carter entwickelt die Filme und verkauft die Aufnahmen an entsprechende Agenturen und wie es der Zufall so will, die New York Times beschließt, genau diese Aufnahme für eine Artikelstrecke über den Sudan zu verwenden und kauft die Aufnahme. Und das Foto macht Eindruck, so viel Eindruck, dass eine unüberschaubare Anzahl Zeitungen weltweit genau dieses Bild aufnehmen und ebenfalls abdrucken.</p>

<p>14 Monate nachdem er diesen Moment im Busch dokumentiert hatte, wird sein Traum vom Pulitzer deswegen Wirklichkeit und das muss sich für ihn sehr seltsam angefühlt haben, denn gerade als er die Nachricht erhält, dass er für den Pulitzerpreis nach New York eingeladen wurde, ist der Rest seines Lebens in Trümmern, der Trip in den Sudan hat ihn so heruntergezogen, dass er verstärkt zu Drogen griff, seine Stelle bei einer lokalen Zeitung verlor und kurz vor der Nachricht des Pulitzerpreisgewinns von seiner Freundin verlassen worden war. Er war also praktisch Mittel- und Obdachlos, aber es sah fast so aus als wenn, sozusagen in letzter Sekunde der Pulitzer-Preis zur Rettung gekommen wäre. Er steigt also ins Flugzeug, fliegt nach New York und lässt dort die Sau raus. Er ist ein gutaussehender junger Mann und genießt es im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, der Nimbus des Starfotografen, gepaart mit seinem Auftreten macht ihn zum Star der New Yorker Szene, für ein zwei Wochen. Und dann brach die weltweite Kritik über ihn herein. Es ist ein Ding, ob man so ein Foto veröffentlicht hat und dafür dann Kritik einsteckt, aber kaum, dass er den Pulitzer-Preis gewonnen hat, schaltet die weltweite Empörung in eine neue Stufe. Und als er wieder daheim ist, wird die gesamte Situation irgendwann zu viel für ihn, Freunde versuchen ihn noch dazu zu überreden sich professionelle Hilfe zu holen. Aber Appelle kommen zu spät, es ist nichts Kevins erster Versuch sich das Leben zu nehmen, aber dieses Mal ist er erfolgreich. Zwei Monate nachdem er der Star des New Yorker Journalisten-Nachtlebens war, setzt er seinem Leben ein Ende.</p>

<p>Und uns sollte diese Geschichte sehr, sehr nachdenklich machen, denn wir urteilen schon enorm schnell, auf Basis von Fotos, deren Kontext wir nicht kennen und deren Macherinnen und Macher uns vollkommen unbekannt sind. Und gleichzeitig feiern wir die Menschen, die uns diese Bilder bringen. Im Sudan herrscht immer noch Hungersnot, 13,4 Mio. Menschen sind jetzt während ich hier aufnehme am 7.1.2022 im Sudan auf humanitäre Hilfe angewiesen und es herrscht immer noch Bürgerkrieg. Und deswegen fliegen wieder und wieder Fotografierende und Journalisten ins Land, um uns aufzurütteln, in der Hoffnung, dass Pulitzer und so viele andere nach ihm recht haben und sich die Welt vielleicht doch ein klein bisschen ändern lässt, wenn man Geschichten erzählt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 07 Jan 2022 17:38:52 GMT</pubDate>
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            <title>Afghan Girl</title>
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            <description>1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover. Das Bild erreicht als &#8222;Afghan Girl&#8220; weltweiten Kultstatus und sorgte später nachdem man Sharbat Jahrzehnte später ausfindig gemacht hatte für ihre Sicherheit.</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sharbat_Gula" target="_blank">Sharbat Gula</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Afghan_Girl#:~:text=Afghan%20Girl%20is%20a%201984,1985%20cover%20of%20National%20Geographic" target="_blank">Afghan Girl</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Steve_McCurry" target="_blank">Steve McCurry</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.stevemccurry.com/" target="_blank">Steve McCurry&#8217;s Webseite</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://shows.acast.com/bb90e2e3-2995-416d-840e-44ec3ab41f6a/episodes/d8fceaad-84fb-47e1-9ed2-d617b96e6e5b" target="_blank">Podcast Interview: Unfolding Maps &#8211; A Life of Photography</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.npr.org/2015/07/26/425659961/how-one-photographer-captured-a-piercing-gaze-that-shook-the-world" target="_blank">NPR &#8211; How One Photographer Captured A Piercing Gaze That Shook The World</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://petapixel.com/2016/06/07/eyes-afghan-girl-critical-take-steve-mccurry-scandal/" target="_blank">Eyes of the Afghan Girl: A Critical Take on the ‘Steve McCurry Scandal’</a></li><li>This is the disturbing story behind the iconic “AFGHAN GIRL” photo</li><li><a href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/article/afghan-girl-revealed" target="_blank" rel="noreferrer noopener">National Geographic &#8211; A Life Revealed</a></li></ul>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/panorama/pakistan-afghanisches-maedchen-mit-den-gruenen-augen-in-haft-a-1118338.html" target="_blank">Spiegel: Polizei nimmt &#8222;Mädchen mit den grünen Augen&#8220; fest</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/panorama/afghanistan-das-maedchen-mit-den-gruenen-augen-kehrt-zurueck-a-1119782.html" target="_blank">Spiegel: Das Mädchen mit den grünen Augen kehrt zurück</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20221005022800/https://kwerfeldein.de/2017/08/14/rezension-afghanistan-steve-mccurry/" target="_blank">Kwerfeldein: Rezension: „Afghanistan“ von Steve McCurry</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/reise/steve-mccurry-der-weltberuehmte-fotograf-ueber-reisen-und-kindheit-a-0fd8b3fc-ddaa-4ca2-8cf9-c4908d362804" target="_blank">Spiegel Interview mit Steve McCurry</a></li></ul>

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<p class="has-small-font-size">Credits: </p>

<ul class="has-small-font-size"><li>Episodenbild: <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/article/afghan-girl-revealed" target="_blank">Steve McCurry for National Geographic</a></li><li>Battle Sound Effects: <a rel="noreferrer noopener" href="https://freesound.org/people/DudeAwesome/sounds/385846/" target="_blank">Freesound.org, DudeAwesome</a> </li></ul>

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<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Unsere heutige Geschichte fängt Anfang der 80er an, irgendwo in Afghanistan. Die kleine Sharbat schaut in den Himmel. Sie hört Helikopter auf ihr Dorf zufliegen. Es sind sowjetische Militärhubschrauber, die direkt mit einem Angriff beginnen, einen Angriff, der das Dorf komplett überrascht. Sharbats Eltern kommen bei dem Angriff ums Leben. Der Rest ihrer Familie befindet sich ab jetzt zusammen mit ihr auf der Flucht.</p>

<p>Zu Fuß über die verschneiten Berge Pakistans schaffen sie es zu einem Flüchtlingscamp an der Pakistanisch-Afghanischen Grenze. Und das ist der Ort, an dem eins der ikonischsten Fotos des 20. Jahrhunderts geschossen werden wird.</p>

<p>Es gibt einen zweiten Menschen, der für unsere Geschichte heute wichtig ist. Und das ist ein berühmter Fotograf, Steve MCCurry, der zu der Zeit, als Sharbat vor den Angriffen der Sowjets fliehen musste, schon über 30 Jahre alt war. Eigentlich wollte Steve ursprünglich mal Filmemacher werden, studierte dann aber darstellende Künste. Durch einen Nebenjob bei einem Zeitungsverlag kam er dann zur Fotografie.</p>

<p>Steve hatte noch nicht viel von der Welt gesehen und er wollte ein bisschen herumkommen und so entschloss er sich zu einer Reise nach Indien. Und da entdeckte er natürlich auch schnell, dass seine Bilder sich durchaus verkaufen ließen. Mal verkaufte er an journalistische Medien wie Zeitungen zum Beispiel, mal ging es eher um die Bebilderung von Reisemagazinen. Er bereiste die ganze Region und so verschlug ihn es auch irgendwann nach Pakistan und in Pakistan hörte er dann zum ersten Mal von dem <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> in Afghanistan.</p>

<p>Er freundete sich mit afghanischen Rebellen an und überzeugte sie davon, ihn als Afghane verkleidet in von Rebellen kontrolliertes Gebiet zu schmuggeln. Im Westen wusste man zu der Zeit wenig über den Konflikt in Afghanistan. Das Geschehen war weit weg, die Menschen hatten kein Gesicht. Steve MCCurry war erschüttert, aber er war als Fotograf gekommen, er hatte Filme und Kameras dabei. Und so beendete er diese erste Reihe mit unzähligen belichteten Filmen, die er, damit er sie außer Landes schmuggeln konnte, in seinen Turban und seine Unterwäsche einnähte.</p>

<p>Und es sind diese Fotos, die seine Karriere erst so richtig ins Rollen brachten. Renommierte Zeitungen wie die New York Times und Time Magazine veröffentlichten Bilder von ihm und er gewann im selben Jahr die Robert-Capa-Goldmedal, einen Preis, der für herausragende Fotoreportage vergeben wird.</p>

<p>Und ganz im Stil dieses ersten Erfolgs geht es für Steve MCCurry weiter. Er bleibt nicht nur in der Region, sondern er begleitet mit seiner Kamera die Menschen in den bewaffneten Konflikten im Mittleren Osten, in Indien, als Iran und Irak im <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> sind, ist Steve MCCurry dabei, der Bürgerkrieg in Kambodscha, der Bürgerkrieg in Libanon, der Golfkrieg oder der Afghanische Bürgerkrieg, Steve MCCurry ist dabei und portraitiert und hält fest.</p>

<p>Sieht man sich sein Werk an, stellt man zwei Sachen fest: Erstens geht es Steve MCCurry nie in erster Linie um die Situation, sondern immer um die Menschen, die er darin festhält. Der Großteil seiner Bilder und alle seine erfolgreichen Bilder sind im Grunde Portraits. Manche davon Gruppenportraits, manche davon mit mehr Kontext, viele davon zeigen natürlich auch die Umgebung, aber es geht immer um die Menschen, die er festhält.</p>

<p>Das nächste, was auffällt, ist, dass Steve MCCurry ein Meister der Farbfotografie ist. Und zwar ein Meister der Reduktion in der Farbfotografie. Steve MCCurry hat nicht nur ein Auge für die besonderen Gesichter, die besonderen Szenen, die herausstechenden Situationen, er geht außerdem mit Farbe so virtuos um, dass seine Bilder einen ganz eigenen Look haben. Bei seinen besten Fotos sieht es fast so aus, als wären in dem Bild eigentlich nur noch zwei bis drei Farben vorhanden.</p>

<p>Steve MCCurry wird auch immer mal wieder vorgeworfen, dass seine Fotografien sehr stereotypische Szenen zeigen. Die Menschen aus Indien in Steve MCCurrys Bildern sehen wirklich so aus, wie sich westliche Menschen Leute in Indien nun mal vorstellen: Sonnengegerbte, dunkle Haut, bunte Turbane, erdfarben. Und trotzdem ist Steve darauf auch nicht begrenzt. Immer wieder mal fotografiert er auch einfach nur Landschaften und Tiere. So wird er 2015 zum Beispiel dafür engagiert, für Microsoft ein ganz offizielles Windows 10 Hintergrundbild zu machen und 2019 kommt ein Buch heraus, das man beim Taschen Verlag kaufen kann, in dem er seine Lieblingstierbilder veröffentlicht hatte.</p>

<p>Aber eigentlich sind es die Bilder von Menschen, für die er berühmt ist, und es gibt ein Bild, das ihn wahrscheinlich wie kein anderes in seinem mehrere hunderttausend Fotografien umfassendes Portfolio definiert. Und da sind wir jetzt wieder angekommen bei Sharbat. Irgendwann 1984 begibt es sich nämlich, dass Steve MCCurry im Auftrag von National Geographic Fotos in den Flüchtlingscamps von Pakistan macht. Er läuft durch die Zeltstadt und kommt an einer Schule vorbei. Naja, &#8222;Schule&#8220; ist so ein großes Wort, an einem etwas größerem Zelt, in dem Mädchen unterrichtet werden. Es ist gerade kein Unterricht, die Kinder tollen herum und Steve fällt ein Mädchen sofort wegen seiner durchdringenden Augen auf: Sharbat. Er redet mit der Lehrerin, die selbst eine Kriegsversehrte ist, ihr fehlt ein Bein, sie kann nur mit Krücken laufen. Steve wird von den Menschen, die das Flüchtlingslager betreiben, als eine Chance gesehen, die Weltöffentlichkeit auf die Zustände aufmerksam zu machen und so stimmt die Lehrerin dabei zu, ihm dabei zu helfen, die Mädchen zu fotografieren.</p>

<p>Er hat es eigentlich nur auf dieses eine Kind abgesehen, wegen diesen Augen, aber er möchte natürlich auch, dass das Kind sich wohlfühlt vor seiner Kamera. Es ist ungewöhnlich, als ein westlicher Mann überhaupt in so einer Umgebung unterwegs sein zu dürfen und Mädchen zu fotografieren ist noch viel ungewöhnlicher. Und so hält sich Steve eine Weile lang in dem Zelt auf und fotografiert verschiedene Kinder der Klasse. In einem Interview später sagt er, er wollte auch eine Situation schaffen, in der sich alle Beteiligten wohlfühlen und in der sich das Mädchen, das ihm aufgefallen war, fast schon ausgeschlossen fühlen würde, wenn sie nicht auch fotografiert wird.</p>

<p>Schließlich kommt sie an die Reihe. Sie ist scheu. Sie ist schon in der Pubertät und für Mädchen in der Pubertät geziemt es sich nicht, ihr Gesicht vor Männern zu zeigen, ganz besonders nicht vor westlichen Männern. Und so hält sie ihren Schal vor ihr Gesicht. Steve macht verschiedene Fotos, so um die acht bis zehn, und positioniert sie an unterschiedlichen Stellen in dem Zelt. Die Lehrerin hilft ihm beim Übersetzen und posieren des Mädchens. In den meisten dieser Bilder sieht sie mehr oder weniger unbeholfen aus, unsicher, aber es gibt zwei Aufnahmen, in denen sie plötzlich sehr konzentriert in die Kamera blickt. In einer dieser zwei Aufnahmen hält sie den Schal vor den Mund, in der anderen Aufnahme blickt sie seitlich direkt in die Kamera.</p>

<p>Steve MCCurry reist wieder ab, die Filme werden dem Büro zur Entwicklung übergeben und setzt sich wenige Tage später mit seinem Redakteur bei National Geographic hin, um Bilder auszuwählen. Schnell ist klar, dass dieses Mädchen ein potenzielles Coverbild ist. Wenn man wie Steve on Assignment ist, weiß man nicht, dass man jetzt unter Umständen gerade für ein Cover fotografiert, man macht einfach Fotos. Und die Entscheidung, ob irgendetwas auf dem Cover landet oder nicht, wird dann von der Redaktion und den Bildeditoren getroffen.</p>

<p>Im Falle von Steves Bildern war auf jeden Fall schnell klar, dass eines seiner Fotos von diesem Flüchtlingscamp ein Kandidat für ein Coverbild sein würde, allerdings gibt es zuerst Unsicherheit, ob dieses Bild überhaupt geeignet sein würde. Es ist ein sehr eindrucksvolles Bild, ein sehr durchdringender Blick. Vielleicht, so die Sorge, ist das Bild zu frontal für die Leser von National Geographic. Aber das Bild, wo das Mädchen den Schal vor den Mund hält, das ist doch vielleicht geeignet.</p>

<p>Steve ist überzeugt davon, dass das Bild, wo man das Gesicht komplett sieht, das stärkere Bild ist, und so ertrotzt er sich, dass der Bildeditor beide Fotos vorgelegt bekommen soll. Der wiederum schaut sich die beiden Bilder an und ist sofort sicher: Das Foto, das wir heute als &#8222;Afghan Girl&#8220; kennen, kommt auf das Cover von National Geographic.</p>

<p>Und stellt sich schnell als National Geographics erfolgreichstes Cover heraus. Das Bild wird sofort ikonisch. Reproduktionen dieser Aufnahme gibt es auf der ganzen Welt und es ist das einzige Coverbild, das der National Geographic in seiner Geschichte dreimal als Titelbild verwendet. Es zeigt Sharbat, wie sie vor dem grünen Zelt ihres Schulzelts steht und mit ihren eindringlich grünen Augen ernst in die Kamera schaut.</p>

<p>Viel wurde darüber geschrieben, warum dieses Bild diese Wirkung entfaltet. Es ist auffällig, wie Steve MCCurry hier die Farben reduziert hat. Im Grunde ist dieses gesamte Bild eine Mischung aus Braun- und Grüntönen. Ihr Überwurf ist löchrig, der hat Brandflecken von ihrer Flucht. Der ernste Gesichtsausdruck, die durchdringenden Augen, die tiefgrün, aber mit einem dunklen Rand versehen sind, es ist ein Bild, das man stundenlang anschauen kann.</p>

<p>Ich habe oft gelesen, dass dieses Bild den Menschen die Situation der Flüchtlinge vor Augen geführt haben soll, ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Denn es ist außerdem ein sehr ästhetisches <a "/tags/portrait.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="45" title="Portrait">Portrait</a>. Klar, ihr Überwurf hat Löcher, klar, sie ist leicht dreckig im Gesicht, aber nichts an diesem Bild deutet auf das Elend hin, das in diesem Flüchtlingscamp herrschen muss. Ja, sie sieht ernst aus, aber eigentlich ist das zunächst mal eine wirklich schöne Aufnahme, in der man sich verlieren kann.</p>

<p>Die Aufnahme bekommt nochmal Extraschub, als nach den Anschlägen am 11. September die Bush-Administration sich für Rechte von Frauen in Afghanistan stark macht und dieses Bild als eine ikonische Darstellung dieser geknechteten und unterdrückten Frauen herhält. Für Steve MCCurry muss schnell klar gewesen sein, dass dieses Bild dein Ausnahmefoto ist. Regelmäßig wird er dazu interviewt. Immer wieder wird er gefragt, wer ist dieses Mädchen. Hätte er gewusst, welchen Wirbel diese Aufnahme erzeugen würde, er hätte sich Details geben lassen. So aber war er aus dem Flüchtlingscamp abgereist, ohne zu wissen, wie das Mädchen heißt, wie alt es wirklich war, welche Geschichte es hinter sich hatte, außer, dass es eine von den vielen Flüchtlingsmädchen ohne Eltern war.</p>

<p>Und so begann er in den 90ern, nach diesem Mädchen zu suchen. Den Namen herauszufinden. Und das ist wirklich schwierig in einem Land und einer Kultur, in dem Frauen sich normalerweise vollverschleiert zeigen oder gar nicht in die Öffentlichkeit gehen und in einem Milieu, in dem Papiere und Registrierungen nicht unbedingt gerade verbreitet sind. Und deswegen findet er das Mädchen auch nicht.</p>

<p>Man muss dazu auch verstehen, dass diese Aufnahme, so ikonisch sie sein mag, eigentlich nur in unserem Kulturkreis so verbreitet ist. Klar gibt es Menschen in Afghanistan und in Pakistan, die diese Aufnahme auch gesehen haben, aber nur im westlichen Kulturkreis ist die Aufnahme derart berühmt geworden, dass sie buchstäblich jedes Kind kennt. In Afghanistan und Pakistan kann man sein Leben leben, ohne diesem Bild je große Beachtung geschenkt zu haben.</p>

<p>Trotzdem vergeht, so sagt Steve MCCurry in verschiedenen Interviews, keine Woche, ohne, dass jemand nach der Identität dieses Mädchens fragt. Und deswegen erklärt sich National Geographic im Jahr 2002 bereit, eine Expedition auszustatten und nach diesem Mädchen systematisch zu suchen. Das Ganze wird von einem Kamerateam begleitet und soll eine Dokumentation werden.</p>

<p>Und diesmal ist man erfolgreich. Die damals etwas über 30 Jahre alte Sharbat wird erfolgreich aufgespürt und dann zum zweiten Mal in ihrem Leben von Steve MCCurry fotografiert. Oder überhaupt zum zweiten Mal fotografiert. Sie hat immer noch diesen durchdringenden Blick.</p>

<p>Durch diese Begegnung wissen wir jetzt auch etwas mehr über ihre Geschichte. Sie hat wohl irgendwo zwischen ihrem 13. und 16. Lebensjahr geheiratet und kehrte dann 1992 in das Dorf zurück, aus dem sie als kleines Mädchen geflohen war. Ihr Leben war nicht unbedingt gerade einfacher gewesen, nachdem sie das Flüchtlingslager verlassen hatte. Sie bekommt fünf Kinder, eins davon stirbt noch als Baby, und drei davon sind Mädchen und so sagt Sharbat im Interview mit dem National Geographic Team, dass sie wirklich hofft, ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen zu können.</p>

<p>2012 dann stirbt ihr Mann und hinterlässt sie als Witwe. Zu dem Zeitpunkt war sie wieder nach Pakistan zurückgekehrt und hier ist es auch, wo sie dann 2015 und 2016 Probleme mit den dortigen Behörden bekommt. Ihre Dokumente stellen sich als teilweise unecht heraus und so wird sie festgenommen. Und hier ist auch der Moment gekommen, in dem es wirklich praktisch ist, als Afghan Girl durch Steve MCCurry für immer ikonisiert worden zu sein. Amnesty International protestiert medienwirksam und öffentlich und so entscheidet sich der damalige Präsident Afghanistans, Aschraf Ghani, Sharbat nach Kabul einzuladen und dort ganz offiziell nicht nur einzubürgern, sondern zu ehren. Sie bekommt in der Hauptstadt eine 280 m² große Residenz zugeteilt und die Regierung verspricht, sie finanziell zu unterstützen.</p>

<p>Und das ist der letzte Stand, den wir von Sharbat haben. Zum Zeitpunkt der Aufnahme haben ja die Taliban gerade wieder die Regierung übernommen und so weiß man im Moment leider nicht, wie es Sharbat Gula im Augenblick geht. Ist sie immer noch in der Unterkunft, wird sie immer noch vom Staat finanziell unterstützt, das ist im Moment unklar. Ich nehme aber mal an, so wie in der Vergangenheit ist es auch jetzt so, dass Steve MCCurry regelmäßig nach Sharbat Gula gefragt wird und deswegen auch ein Interesse daran haben wird, diesen Kontakt vielleicht immer wieder mal zu halten.</p>

<p>Und auch National Geographic ist, seit sie erfolgreich aufgespürt wurde, immer mit ihr in Kontakt geblieben. Es wurde ein Fund in ihrem Namen aufgelegt, um afghanische Kinder zu unterstützen und man unterstützte sie finanziell, als sie eine Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen wollte, übernahm National Geographic die Kosten, als medizinische Behandlungen notwendig wurden für Familienmitglieder, wurde auch das vom National Geographic bezahlt.</p>

<p>Gleichzeitig reißen allerdings auch kontroverse Diskussionen rund um Steve MCCurry und auch speziell diese Aufnahme anscheinend nicht ab. Wir sind heute sensibler in manchen Situationen als frühere Generationen von <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen es waren. Steve MCCurry war manchmal unterwegs in einem Spannungsfeld zwischen Journalismus und künstlerischer Fotografie. Magazine wie der National Geographic waren sicherlich nicht mit journalistischem Anspruch unterwegs und so war Steve MCCurry unter anderem auch dafür bekannt, dass er Fotos durchaus auch dirigierte. Anders, als es Journalisten erwarten würden, posierte er also auch mal seine Models, so also zum Beispiel das Afghan Girl. Das allein wird schon immer wieder mal angeprangert.</p>

<p>Während seiner Karriere hat Steve MCCurry mehrere hunderttausend Fotos gemacht und da er nicht nur im Auftrag von Zeitungen und Magazinen unterwegs war, sondern sich auch durch die berühmte Pressefotoagentur Magnum vertreten ließ, kam es irgendwann zu Problemen mit Fotos, die nachträglich bearbeitet waren. Steve MCCurry hat eigentlich nie den grundsätzlichen Sinn und die Bildaussage verändert, aber Bilder, die im journalistischen Kontext verwendet werden, dürfen nun mal nicht, um ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, stark bearbeitet worden sein. Und manche von Steve MCCurrys Bildern waren durchaus deutlich bearbeitet worden. Da wurden Bildelemente weggestempelt, Farben verändert, und so kam es in den 2010ern zu einer etwas größeren Kontroverse rund um seine Aufnahmen.</p>

<p>Und wenn man schon mal dabei ist, kann man natürlich auch gleich weitermachen und über die Rolle von westlichen Fotografen, gerne auch weißen, männlichen westlichen Fotografen in Krisengebieten und in Flüchtlingscamps reden. Hatte nicht Steve, so der Vorwurf, hier eine Machtposition ausgenutzt? Das ist eine Frage, der sich alle Krisenfotografinnen und -fotografen heutzutage stellen müssen. Sie reisen in Regionen der Welt, in denen entsetzliches stattfindet, machen da dann Fotos und verkaufen diese Fotos. Und wenn sie dann nicht im Kontext von journalistischer Berichterstattung, sondern zum Beispiel in Bildbänden oder in Ausstellungen erscheinen, kann man argumentieren, dass sie ja auf dem Elend dieser Menschen aufbauend ihren Lebensunterhalt verdienen.</p>

<p>Das Gegenargument freilich ist dann, dass solche Fotos Menschen auch aufmerksam machen auf Zustände, Menschen dazu bringen, Mitgefühl zu haben. Von dem Foto &#8222;Afghan Girl&#8220; wird behauptet, dass es überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass Menschen sich für den Konflikt in Afghanistan interessiert haben.</p>

<p>Aber es ist eine kontroverse Diskussion, unter anderem auch deswegen, weil ja bekannt ist, dass Mädchen sich normalerweise eben nicht unverschleiert einem westlichen oder überhaupt einem fremden Mann zeigen, Steve MCCurry aber dafür gesorgt hat, dass dieses Foto, das ein unverschleiertes Mädchen zeigt, weltberühmt wurde. Er hat da gewissermaßen einen Tabubruch begangen, einen Tabubruch, den wir vielleicht als hinnehmbar empfinden, der aber im dortigen Kulturkreis problematisch ist. Er macht sich einer Anmaßung schuldig.</p>

<p>Obendrein hat Sharbat ja niemand gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Das ist ja ein Thema, das ich auch schon in der Folge zum <a "/posts/das-ultimative-anti-kriegs-bild.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="51" title="Nick Út">Napalm Girl</a> angesprochen habe. Kaum, dass ein Foto nicht nur gemacht und veröffentlicht wurde, sondern von der Weltgemeinschaft als ikonisch wahrgenommen wird, verlieren die Menschen auf den Bildern anscheinend alle Rechte an dieser Aufnahme. Sharbat Gula, also zumindest die 13-jährige Sharbat Gula gehört jetzt irgendwie uns allen, ob es ihr nun passt oder nicht. Und klar hat das auch Vorteile für sie, aber in unserer heutigen Zeit haben wir verändert, wie wir über die Frage der Zustimmung nachdenken. War es vor wenigen Jahrzehnten noch völlig in Ordnung, einfach Wildfremde zu fotografieren und deren Portraits zu veröffentlichen, egal, ob sie wollten, oder nicht, ist das heute an immer engere moralische und ethische Grenzen geknüpft. Wo man persönlich jetzt da die Linie ziehen möchte, bleibt jetzt jedem selbst überlassen.</p>

<p>Steve MCCurry selbst hat sich im Rahmen dessen, was damals üblich war, verantwortungsvoll und freundlich bewegt. Klar hat er Menschen posiert, klar wusste er auch, wie er sich bewegen muss, um die Bilder zu bekommen, die er gerne bekommen wollte, aber er hat uns auch eindrückliche Werke geschenkt und auf verschiedensten Wegen versucht, auch wieder etwas zurückzugeben. Im Falle von Sharbat ist es hoffentlich so, dass ihr Status als Fotoikone sie auch jetzt in der neuen Situation in Afghanistan beschützt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 16 Oct 2021 14:35:36 GMT</pubDate>
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