Dokumentarische Fotografie – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Mon, 14 Mar 2022 09:38:32 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Dokumentarische Fotografie – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Fotomenschen meets Herstory: Dorothea Lange, Fotografin der Großen Depression https://fotomenschen.kopfstim.me/fotomenschen-meets-herstory-dorothea-lange-fotografin-der-grossen-depression/ Mon, 14 Mar 2022 09:38:31 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Dorothea Lange hatte bereits eine erfolgreiche Karriere als Studiofotografin als sie anfängt die von den Umwälzungen der Weltwirtschaftskrise betroffenen Menschen zu fotografieren und schließlich im Auftrag der Farm Security Administration die USA bereist und dokumentarisch fotografiert. Ihr Foto „Migrant Mother“ gilt bis heute als das Foto mit dem höchsten Wiedererkennungswert aus der Zeit.

Diese Folge ist ein Crossover mit dem Podcast Herstory: Starke Frauen der Geschichte, alle Abomöglichkeiten zum Beispiel hier.

Buchhinweise:

]]>
Leicht angeschmolzene Negative https://fotomenschen.kopfstim.me/leicht-angeschmolzene-negative/ Sat, 17 Apr 2021 13:45:42 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Robert Capa hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten Kriegsfotograf des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium. In dieser Folge geht es um sein Leben und darum warum die Geschichte seines berühmtesten Fotos so nicht gewesen sein kann.

YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.
YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.
YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.
YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.
YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.

Transkript

Von Anfang an schicken mir meine Hörerinnen und Hörer für den Fotomenschenpodcast Themenvorschläge und manchmal sind das Vorschläge für berühmte Fotografinnen und Fotografen. Und ein Name kam da überdurchschnittlich oft.

[Einspieler]

(Robert Capa wird von mindestens 5 verschiedenen Stimmen gesagt)

Ja, oder eigentlich Endre Friedmann. Und der ist eine schillernde Figur. Ein Mann, der unser Verständnis davon, was Reportagefotografie und Kriegsfotografie sind, wie kaum ein anderer geprägt hat. Und warum das so ist und was auch vielleicht nicht ganz so ist, wie es immer erzählt wird, das will ich mir heute anschauen.

Wenige Fotografen sind so ikonisch wie Robert Capa. Und das hat natürlich eine ganze Reihe von Gründen. Ganz vorne ist da das Genre, das sich Robert gewählt hat. Er wurde bekannt für seine Kriegsfotografie. Das war längst nicht das einzige Genre, in dem Robert Capa unterwegs war, allerdings muss man zugeben: Für seine Reisereportagen oder die Fotostrecken über Kinder interessieren sich einfach wesentlich weniger Leute als für die berühmten Kriegsfotos aus dem Indochinakonflikt, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Spanischen Bürgerkrieg.

Dann kommt noch der Look, den Robert Capas Bilder haben. Er ist nicht der einzige, der diesen Look prägt, aber er ist einer der ersten. Und der Look ist von Technik getrieben. Die kleinen Messsucherkameras von Leica, Contax und anderen haben gerade ihre Blütezeit. Messsucherkameras im Vergleich zu allem, was man vorher hatte, sind klein, kompakt und können schnell und einfach überall hin mitgenommen werden. Und dadurch wird die Fotografie viel weniger geplant. Fotografie passiert jetzt. Im Geschehen. Und anders als mit den Kloppern, die Kameras vorher waren, sind die jetzt in Mode kommenden, kleinen Messsucherkameras so unauffällig, dass die Fotografierten oft gar nicht bemerken, dass sie festgehalten wurden.

Das ganze fällt zusammen mit dem Aufkommen von immer schneller belichtbarem Film. Und der Blütezeit der Fotomagazine. Life, Time, wie sie alle heißen. Diese Magazine spielen eine Rolle, die später das Fernsehen haben wird. Sie sind das Fenster in die Welt für die Menschen. Und so geben Bildmagazine Unsummen aus, um die besten Fotostrecken, die besten Bildessays drucken zu können.

Dritter technischer Baustein sind die verwendeten Objektive. Kleine Kameras verlangen nach kleinen Objektiven. Und deswegen sind die Objektive an Messsucherkameras eher weitwinklig. Und wer weit weg vom Geschehen ist, macht dann weniger eindrucksvolle Bilder. Robert Capa kann man alles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht nah genug herangegangen wäre. Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm, ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.

Und seinen Bildern sieht man diese Philosophie an. Robert Capa trug seine Messsucherkameras in Kriegsgebiete und machte dann Fotos aus der Nähe, mitten in Kriegshandlungen. Das sind Aufnahmen, wie man sie zum Teil damals nie gesehen hatte. Bilder, die intensiv, emotional und dynamisch sind. Die uns aufrütteln. Bis heute. Diese Art der Fotografie ist zu der Zeit Robert Capas Mode und zieht sich quer durch alle Genres. So zieht ein Henri Cartier-Bresson durch Paris und hält mit ganz ähnlichen Methoden die Absurditäten des Alltags fest.

Und dann ist die Berühmtheit Robert Capas natürlich auch noch ein Ergebnis von hervorragender Vermarktung. Und die Vermarktung nahm Robert Capa selbst in die Hand. 1947 gründet er zusammen mit 6 anderen Fotografinnen und Fotografen die ikonische Pressebildargentur Magnum Photos und macht damit einige der talentiertesten Fotografinnen und Fotografen der damaligen Zeit unabhängig von den großen Bildmagazinen. Besagter Henri Cartier-Bresson ist zum Beispiel eines der Gründungsmitglieder und Robert Capa wird später auch Director von Magnum Photos sein und damit alle Hebel in der Hand halten, um sein eigenes Image in der Öffentlichkeit auszugestalten. Ungewöhnlich mutig, außerhalb der Fotografie allerdings wenig diszipliniert, ein bisschen augenzwinkernd, gerne mal einen über den Durst trinkend, spontan draufgängerisch, also genau die Art Mann, die sich spontan und freiwillig zu Kriegseinsätzen meldet, um der Welt Fotos über diese Erfahrung zu schicken.

Über diesen Mythos ist der echte Robert Capa kaum noch wiederzuerkennen. Und das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch alles Biografische, was über Robert Capa bekannt ist, aus seiner eigenen Feder oder von Mitgliedern der von seiner eigenen Familie gegründeten Stiftungen und Unternehmen stammt. Man muss also oft seine Bilder für sich sprechen lassen und das sind dann dynamische Aufnahmen mit großartigem Gespür für Komposition, einem Anspruch für Authentizität und dem Bedürfnis, Menschen darzustellen.

Robert Capa kommt als Endre Friedmann 1918 in Ungarn auf die Welt. Endre ist politisch sensibel und als Aktivist an politischen Protesten in Ungarn beteiligt und muss deswegen im Sommer 1931 das Land verlassen. In Berlin will er Journalismus studieren und bessert sich seine Finanzen bei der Bildagentur Dephot als Assistent auf. Dort lernt er das Handwerk, das er dann als er nochmal, diesmal vor dem Hitlerregime fliehen muss, in Paris zum Einsatz bringt, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Paris ist zu der Zeit ein Schmelztiegel der Intelligenzija. In Europa wird damals aus Sicht der Intellektuellen der Welt ein großer Kampf ausgetragen, Faschismus gegen Freiheit, und so kommen Aktivisten, Journalisten und Künstler von überall her nach Europa. In Paris kennt Endre dann Gerta Pohorylle kennen. Auch sie ist Flüchtling aus Deutschland und versucht, sich in Paris mit Schreibarbeiten und Vermittlungsarbeiten über Wasser zu halten. Die beiden haben einen überlappenden Freundeskreis und durch ihre Arbeit bei einer Bildagentur kann Gerta Endre helfen, Aufträge zu ergattern. Die beiden werden ein Paar und Endre bringt Gerta bei, zu fotografieren.

Die Pariser der 30er Jahre sind nicht gerade begeistert von so vielen Fremden in der Stadt und Gerta und Endre merken das an den Preisen, die sie erzielen können. Und so hat Gerta eine Idee. Sie schlägt vor, in Zukunft die Fotografie der beiden unter einem Künstlernamen zu vermarkten. Sie würde als Agentin des berühmten amerikanischen Fotografen Robert Capa auftreten. Und die beiden sind hochgradig erfolgreich.

Schon der Anfang Robert Capas Karriere ist also ein einziger Mythos. Eine große Geschichte mit einer großen, tragischen Liebe. In Folge 7 mit dem Titel „Die kleine Blonde“ habe ich diese Geschichte schon mal etwas ausführlicher erzählt. Sie endet leider damit, dass Gerta bei den Kriegshandlungen, die sie dokumentiert, ums Leben kommt. Und wer weiß, welchen Weg Robert eingeschlagen hätte, wenn das nicht passiert wäre.

Aus dieser Zeit, dem Spanischen Bürgerkrieg, gibt es ein Foto, das heute in Rückschau eines der berühmtesten Bilder von Robert Capa ist. Der gefallene Soldat. Es zeigt angeblich einen Soldaten in dem Augenblick, in dem eine Kugel sein Herz trifft. Und schon um dieses Bild dreht sich eine Kontroverse. Es ist nicht klar, ob es überhaupt den Tod eines Soldaten zeigt, ob es nicht bei einer Übung statt in Kampfhandlung aufgenommen wurde und auch der Ort, an dem es angeblich gemacht wurde, wurde immer wieder mal infrage gestellt und obendrein gibt es auch noch Menschen, die Zweifel anmelden, ob dieses Bild nicht eigentlich von jemand anders als Robert gemacht wurde.

Für mich spielt das alles eigentlich gar keine Rolle. Denn die Tatsache bleibt, dass dieses Bild bis heute die Menschen beschäftigt, bis heute die Gemüter erhitzt. Und es einen Krieg vermenschlicht, der bis dahin sehr abstrakt und weit entfernt war.

Am Ende des spanischen Bürgerkriegs ist Robert Capa ein berühmter Kriegsfotograf. Aber Kriege ist nicht das einzige, das er fotografiert. Zwar zieht er erstmal vom spanischen Bürgerkrieg weiter nach China, wo die Japaner gerade damit beschäftigt sind, das Reich zu überfallen, aber er macht auch eine Reportage über Waisenkinder, eine andere über die Tour de France und eine Reihe von Fotoessays über die Arbeiterklasse in Belgien.

Inzwischen hat es ihn nach England verschlagen. Dort arbeitet er als Korrespondent für Life Magazine und für diverse andere große Publikationen. Und da ist er auch, als die Alliierten endgültig in den Zweiten Weltkrieg eintreten. D-Day. Die berühmte Landung an der Normandie. Life Magazine schickt den damals berühmtesten Kriegsfotografen seiner Zeit los, Robert Capa. Vielleicht hat er sich auch freiwillig gemeldet. Sicher ist: Wer da die ersten Fotos liefern kann, hat es geschafft. Der Strand, an dem die Truppen landen würden, trug den Codenamen „Omaha Beach“ und die Deutschen erwarteten diesen Angriff. Sie hatten den gesamten Küstenabschnitt befestigt. Überall waren Bunker, im Wasser waren riesige Stahlungetüme, um zu verhindern, dass man direkt anlanden konnte, das ganze Ding war eine Todesfalle.

Robert Capa hatte mindestens zwei, wahrscheinlich sogar mehr Kameras dabei. Er landete mit den Truppen an. In einem der ganz regulären Truppentransporter. Und für die Geschehnisse, die ich jetzt gleich kurz beschreiben werde, gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: Nämlich einmal Robert Capa selbst, der 1947 eine kurze Biografie namens „Slightly out of focus“ herausgibt und da drin eben genau diesen Tag beschreibt und John Morris, der als Bildeditor bei Life an diesem Tag dafür zuständig ist, die Bilder von Robert Capa entgegenzunehmen, zu entwickeln und von London in die USA zu schicken, damit sie in der nächsten Ausgabe von Life Magazine zusammen mit einer Reportage erscheinen können.

Es ist der 6. Juni 1944. Das Wetter ist nicht ideal, sagen wir mal so. Es herrscht hoher Seegang und macht die Anlandung der Truppen zusätzlich schwer. Wer den Film „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat und dort die Einstiegsszene, der kann sich wahrscheinlich ganz gut vorstellen, wie das gewesen sein muss. Die alliierten Truppen dringen so weit sie können an den Strandabschnitt vor, während im Hinterland ein Luftangriff für Verwirrung sorgen soll. Je nachdem, an welchem Strandabschnitt man da in dieser ersten Welle landet, hat man mit viel oder mit sehr viel Gegenfeuer zu kämpfen. Und die ersten Soldaten, die es nach vorne schaffen, haben einen Auftrag, nämlich die Stahlbarrieren wegzusprengen, die da im Weg liegen.

Robert Capa ist bei dieser allerersten Welle mit dabei. Kurz, bevor sich das Tor zum Strand öffnet, befreit er seine Contax 2 Kameras von ihrem Wasserschutz und fängt an, Fotos zu machen. Das Tor öffnet sich und er fotografiert darauf los. Ein hinter ihm stehender Soldat vermutet in ihm einen Kameraden mit plötzlicher Panikattacke und stößt ihn beherzt ins Wasser. Robert Capa schafft aber, seine Kamera über Wasser zu halten und ans Ufer zu kommen, wobei er immer wieder fotografiert. Zusammen mit einigen anderen nimmt er Deckung. Er knipst von beiden Kameras beide Filme voll. Als er seine Kamera nachladen will, zittern seine Hände so stark, dass er dazu nicht in der Lage ist und er macht sich auf den Weg zu dem Schiff, das ihn wieder zurückbringen soll.

90 Minuten wird er an dem Strand verbracht haben und auf dem Weg zurück entstehen Aufnahmen von Sanitätern, die verwundete Soldaten versorgen.

Wieder in London müssen die Fotos so schnell wie möglich ins Büro von Life Magazine kommen. Capa schickt 4 Rollen Film los an das Büro von Life in London. Der Bildeditor John Morris kaut sich schon die Nägel nach diesen Bildern ab. Die Welt wartet auf die Reportage mit den Fotos von der Landung in der Normandie. Und die Zeit drängte, denn die Bilder konnten nicht in London bleiben, sondern mussten noch in die USA verschickt werden. Der Kurier braucht so ein bisschen und so wird es 6 Uhr abends, bevor die Filme im Labor ankommen.

John Morris macht Druck. Er muss die Bilder ja auch noch sehen und auswählen, er möchte Kontaktabzuge haben, das Labor soll sich beeilen. Er selbst erzählt das so:

[Einspieler]

„So I told the dark room to rush, rush development so can have contacts for editing.“

Er hat Stress gemacht. Schnell solls gehen.

[Einspieler]

„A few minutes later, an almost hysterical young lad named Dennis Banks came rushing into my office, saying: ‚John, the films are ruined!'“

Wenige Minuten später stürmt ein praktisch hysterischer Laborassistent namens Dennis Banks in John Morris Büro und schreit: „Die Filme sind ruiniert! Sie sind ruiniert!“

[Einspieler]

„I said, ‚what do you mean‘, he said, you were in such a hurry that I put them in the locker to dry, which was normal, but closed the doors and there was too much heat and the emultion ran“

Die Filme wären zum Trocknen in ein Trockengerät gepackt worden, sagt er, und er hatte die Tür geschlossen, versehentlich, und die Hitze war zu hoch eingestellt und daraufhin sind die Filme geschmolzen. Morris stürmt los. Die vielleicht wichtigsten Fotos seiner Karriere ruiniert? Er findet noch eine Rolle mit verwertbaren Fotos. 11 Bilder sind da drauf. Und diese Bilder sind dann die Bilder, die Life Magazine dann später drucken wird. Bilder, die wegen der Hitze etwas verwaschen und körniger aussehen und deswegen, da ist sich irgendwie jeder einig, auch dynamischer wirken.

Es sei ja ein Zettel mit dabei gewesen mit ein paar Notizen für die Aufnahmen und die sind dann die Grundlage für das Life Magazine, entsprechende Bildunterschriften zu drucken. Da ist ein Bild, in dem sich Soldaten vor feindlichem Feuer hinter den Stahlbarrikaden verbarrikadieren. Oder ein anderes Bild, in dem man einen Soldaten ans Ufer schwimmen sieht. Alle sind sich einig, dass Robert Capa unglaublichen Mut bewiesen hat, indem er vor diesen Soldaten geschwommen ist, um dieses Bild zu machen und schnell ist auch der Soldat identifiziert, der da drauf angeblich zu sehen ist.

Und ist das nicht eine großartige Geschichte? Das ist ziemlich genau die Geschichte, wie ich sie bisher immer wieder gehört und gelesen habe. Ich habe mir hier mal den Spaß gegönnt, loszuziehen und alle Bücher zusammenzutragen, in denen Fotos von der Normandie zusammen mit dieser Geschichte abgedruckt sind. Und ich habe inzwischen 6 Versionen von dieser Geschichte hier in meiner kleinen Minibibliothek gefunden. Plus die Variante von Robert Capa selbst in „Slightly out of Focus“, die ich als Hörbuch habe und die Interviews von John Morris. Hammer. Nur sehr wahrscheinlich so nicht ganz richtig.

Über 70 Jahre lang wird diese Geschichte so erzählt. Und nie ist jemandem etwas sehr offensichtliches aufgefallen: Wie viel Hitze eigentlich notwendig ist, um Filme zu schmelzen. Aber bevor wir dazu kommen; fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wie viele Ungereimtheiten tauchen in dieser Geschichte auf, wenn man sie sich genau anschaut?

Der Fotograf, Autor und Journalist A. D. Coleman hat sich vorgenommen, diesen Mythos mal auf Herz und Nieren zu prüfen und hat darüber eine ganze Reihe an Artikeln geschrieben. Es fängt damit an, dass er die Beobachtung aufstellt, dass diese Geschichte ausschließlich von Leuten erzählt wird, die keine Dunkelkammererfahrung haben. Es stellen sich nämlich ein paar Fragen. Das geht schon damit los, dass John Morris behauptet, dass die gesamte Entwicklung- und Trockenaktion wenige Minuten gedauert hätte. Es geht aber dann mit dem angeblichen Unfall gleich weiter. Da sei es ja so gewesen, dass diese Trockenkammer aus Versehen geschlossen worden sei und dann zu heiß wurde, da tauchen mehrere Fragen auf:

Frage Nummer eins: Ja, solche Kammern sind eigentlich immer geschlossen, weil Filme, die feucht sind, Staub anziehen. Und genau das gilt es zu verhindern. Und dann ist es auch so, dass diese Kammern jetzt nicht gerade astronomisch heiß werden, denn es geht ja nur darum, Feuchtigkeit zu trocknen. Da ist keine Herdplatte darin. Ich habe hier übrigens obendrein noch ein kleines Experiment gemacht und Kodakfilm auch eine glühende Herdplatte gelegt und ich kann sagen: Die angeblich so behandelten Filme, die ja dann gar kein Bild mehr gezeigt haben sollen, na ja, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Weil Film schmilzt zwar und verzieht sich auch, aber ich konnte hier auf meinen Negativen nach wie vor Bilder sehen. Und zwar ordentlich. Gut, in den 40er Jahren waren die Filme vielleicht anfälliger, was weiß denn ich, aber ich glaube auch, dass meine Ceranherdplatte etwas heißer ist als das Heizelement, das üblicherweise zum Trocknen von feuchtem Film verwendet wird. Also wie heiß soll das denn bitte da drin gewesen sein, dass in wenigen Minuten 4 Rollen Film ruiniert sind?

An anderer Stelle wird dann auch gesagt, dass die Emulsion sich zusammengezogen hätte und deswegen sieht man an den Negativen, dass die Stanzungen mit in den belichteten Teil hereinragen. Das wäre so ein Beweis für die Hitze, die da gewirkt hat. Stimmt auch nicht. Kontakts 2 Kameras waren dafür bekannt, dass die ausgeleuchtete Kammer etwas in den Rand hineinragte, das heißt, Fotos, die mit diesen Kameras gemacht wurden, sahen eigentlich immer so aus.

Von da ausgehend stellte sich Coleman die Frage, was eigentlich noch seltsam an dieser Geschichte sein könnte. Und da tauchen auch mehrere Dinge auf. Die erste Frage, die einem in den Sinn kommt, ist: Warum genau wurden die Filme eigentlich per Kurier verschickt? Wenn Robert Capa doch nach London zurückkehrte, warum hat er diese Filme nicht selbst zum Entwickeln gebracht? Und wie kann es eigentlich sein, dass es Filme von vor der Landung und nach der Landung gibt, die völlig unproblematisch entwickelt worden waren? Nur die Rollen von der Landung selbst sollen ein Problem gehabt haben?

Und mit diesen Fragen im Kopf hat sich dann Coleman mit den Fotos näher auseinandergesetzt und versucht, den Ort zu identifizieren, an dem Robert Capa an Land gegangen ist. Seiner eigenen Schilderungen nach ist er praktisch mitten im Kampfgeschehen angelandet, gleich um 6:30. Und das kann nach Coleman eigentlich nicht sein. Es gibt mindestens ein Bild, auf dem kann man anhand sichtbarer Erkennungsmarken identifizieren, wer auf dem Foto abgebildet ist. Und die Soldaten, die dort abgebildet sind, sind weder um 6:30 angelandet, noch war es der hart umkämpfte Strandabschnitt, den Robert Capa angeblich besucht haben will. Stattdessen war es ein eher ruhiger Abschnitt. Also, ruhiger, nicht unbedingt ungefährlich, aber doch nicht so hart umkämpft wie die anderen Bereiche. Und die Leute, die angeblich laut Life Magazine Bildunterschrift hinter einem Stahlgerüst in Deckung gehen, sind auch keine Soldaten, die dort in Deckung gehen, sondern Soldaten mit dem Auftrag, diese Stahlgerüste wegzusprengen, das heißt, die sind da absichtlich und bringen Sprengladungen an. Damit ist natürlich auch der einzelne Soldat, den Robert Capa in dem berühmtesten dieser 11 Fotos aufgenommen hat und von dem man glaubte, zu wissen, wer es ist, jemand ganz anderes gewesen.

Fassen wir also zusammen: Es sieht so aus, als wäre Robert Capa später als angegeben und an einer anderen Stelle als behauptet zur action an Omaha Beach zugestoßen. Da war die erste Welle schon vorbei. Da waren die größten Kampfhandlungen wahrscheinlich schon erledigt. Und obendrein war es ein Stück vom Strand, an dem weniger Gegenfeuer zu erwarten war. Den Dunkelkammerunfall hat es womöglich so nie gegeben.

Stellt sich nur die Frage, warum John Morris das denn behauptet, da hilft es, zu wissen, dass John Morris selber eigentlich keine Ahnung hat, was so ein Fotolabor alles macht. Also entweder ist irgendein Unfall passiert und er gibt es falsch wieder, oder womöglich hat Robert Capa nie 4 Rollen Film produziert, sondern einfach nur 10 Mal abgedrückt und danach in Panik das Schiff zurückgenommen und deswegen hat John Morris einen Mythos erfunden. Vielleicht war es auch ganz anders. Die Unternehmen aber, die an dem Mythos, dem Ruhm und natürlich auch dem finanziellen Wert des Mythos Robert Capa arbeite, also Magnum Photos oder auch das international Center of Photography oder die Capa Stiftung, die haben alle kein Interesse daran, dabei zu helfen, diese Fragen abschließend aufzuklären. Denn dieser Mythos wird jedes Mal, wenn D-Day in ein rundes Jubiläum geht, aufs neue wieder und wieder erzählt.

Und diese Bilder sind eindrücklich. Und ähnlich wie vorhin bei dem Bild des gefallenen spanischen Soldaten denke ich mir auch hier: Es ist eigentlich egal. Klar, mit journalistischer oder dokumentarischer Ethik hat diese Anekdote wahrscheinlich nicht viel zu tun. Aber die Wahrheit ist: Diese Soldaten, die in diesen Aufnahmen gezeigt werden, haben ihr Leben an Omaha Beach riskiert. Capa hat sein Leben dort riskiert, auch wenn er es vielleicht nicht ganz so sehr riskiert hat, wie der Mythos uns glauben machen will.

Die Bilder sind eindrücklich, auch heute noch. Sie sind übrigens auch unscharf. Nehmt das, ihr Schärfefanatiker da draußen! Und ob die Unschärfe nun, wie er selbst in seiner Biografie schreibt, durch seine zitternden Hände zustande gekommen ist oder durch einen Laborunfall, ist doch eigentlich auch völlig egal.

Was bleibt, ist allerdings trotzdem die Feststellung: An Robert Capa ist praktisch nichts echt. Der Name ist erfunden, der Spanische Soldat kommt mit einer Menge Fragezeichen daher, die D-Day Fotos sind anders entstanden, als uns erzählt wird und für mich werfen sich damit Fragen auf, wie wer war Robert Capa eigentlich wirklich und wie oft schauen wir uns Bilder an, von denen wir glauben, zu wissen, was sie zeigen, die mit der Wirklichkeit nicht ganz so viel zu tun haben, oder anders formuliert: Was schauen wir uns beim Blick auf die Fotos vom D-Day an? Unsere eigenen Überzeugungen, Robert Capas Bildgestaltung oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Robert Capas Werk ist sehr real. Es sind großartige Aufnahmen aus den verschiedensten Kontexten und er ist für mich ein gutes Beispiel, wie Fotografinnen und Fotografen manchmal auf ein oder zwei Dinge reduziert werden.

Nach dem Krieg wird Robert Capa amerikanischer Staatsbürger. 1947 kommen seine Kriegsmemoiren „Slightly out of focus“, eine Anspielung auf die zitternden Hände, die seiner Aussage nach für die Unschärfe in den D-Day Fotos verantwortlich war, auf den Markt und wird ein Bestseller. Er gründet Magnum Photos und lässt es erstmal etwas ruhiger angehen. Reisebücher, Sozialreportagen und dazwischen immer wieder wichtige Fotoessays. Er besucht Israel, wo er die dortige Unabhängigkeitsbewegung und dann die Flüchtlingsströme dokumentiert.

Er ist in Japan, um dort eine Reportage über Kinder zu machen, als ihm von Life Magazine ein Auftrag angetragen wird: Er soll einspringen. Ein Fotograf war ausgefallen, der in Indochina den dort herrschenden Krieg dokumentieren sollte und Capa wurde gefragt, ob er nicht dafür verfügbar wäre. Es ist sein letztes Assignment. Bei dem Versuch, eine Gruppe Soldaten beim Vormarsch zu fotografieren, tritt er auf eine Landmine.

Das war nun also meine Folge zu den D-Day Fotos von Robert Capa. Und in vielerlei Hinsicht ist diese Episode eine Art Fortsetzung von Folge 7, „Die kleine Blonde“, in der ich die Geschichte von Gerda Taro erzählt habe, ohne die uns der Name Robert Capa nie untergekommen wäre. Der Mann ist ein Mythos und die Figur, die wir mit Robert Capa verbinden, existiert so nicht. Und die Geschichten, die an seinen Bildern hängen, zum Teil auch nicht. 

Was bleibt, ist ein Bildstil, den Robert Capa geprägt hat. Eine Branche, die er nicht zuletzt durch die Gründung von Magnum Photos uneinholbar verändert hat. Politische Bewegungen, die er zum Teil mit seinen fantastischen Fotografien ausgelöst hat. Und ein Talent für Fotos, die uns bis heute berühren können. „Ist es nicht gut genug, bist du nicht nah genug dran“. Das ist das berühmte Zitat von ihm. An ihn selbst kommt man allerdings nur sehr sehr schwer. 

]]>
Der Schattenfänger https://fotomenschen.kopfstim.me/der-schattenfaenger/ Sat, 10 Apr 2021 18:50:38 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

„Shadow Catcher“ nannten die amerikanischen Ureinwohner den Mann der 30 Jahre in das ambitionierteste Fotoprojekt seiner Zeit, vielleicht aller Zeiten investierte und versuchte die Kultur und Bräuche sämtlicher noch erreichbarer Stämme zu dokumentieren. Seine Lebensgeschichte ist turbulent und brachte ihn mit den Großen seiner Zeit zusammen.

YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.
YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.
YouTube Video
Dieses Video auf YouTube ansehen.

Transkript

Wir befinden uns an der Westküste der USA. Die Stadt Seattle war nach einem Indianerhäuptling benannt worden. Beziehungsweise von dem Namen eines Indianerhäuptlings inspiriert benannt worden. Denn der eigentliche indianische Name war den meisten zu schwer auszusprechen. Seattle war da deutlich einfacher. Die Pazifikküste war erst vor kurzen an das amerikanische Eisenbahnnetz angeschlossen worden. Und damit hatten sich die Tore geöffnet. Weiße Einwanderer und Siedler konnten endgültig auch den bis dahin wilden und ungezähmten pazifischen Nordwesten erobern. Wobei, ganz so ungezähmt war der Nordwesten nicht. Da hatte es ja schon Ureinwohner gegeben. Und die gab es immer noch. Wir sind allerdings in einer Zeit, in der der Rote Mannn sich nach und nach der Übermacht des Weißen Mannes gebeugt hatte. Eine ganze Reihe von Verträgen waren abgeschlossen worden. Man hatte den ursprünglichen Einwohnern des Landes Gebiete zugewisen, in die sie sich zurückzuziehen hatten. Nicht notwendiger Weise immer die besten Gebiete möchte man hinzufügen.

Es ist jedenfalls diese Eisenbahnverbindung, bei der unsere Geschichte anfängt. Denn sie ist es, die den jungen Edward Curtis damals 17 Jahre alt vom fernen Wisconsin nach Seattle bringt. Sein Vater war Bürgerkriegsveteran mit nicht mehr allzu guter Gesundheit und ein evangelikaler Prediger. Man könnte also die Curtis Familie als bettelarm bezeichnen. Und deshalb stand auch nach der sechsten Klasse für den jungen Edward nicht mehr Schulbildung auf dem Programm, sondern die Aufgabe der Familie dabei zu helfen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Umzug nach Seattle war mit der Hoffnung verbunden hier vielleicht sein Glück machen zu können. Hier gab es noch unzugewiesenes Land. Man konnte sich ein Grundstück zuweisen lassen. Und wenn man Glück hatte, war das genug für einen Neustart. Edward war schon in sehr jungen Jahren immer mit seinem Vater unterwegs gewesen, um die verschiedenen Gläubigen in seiner Gemeinde zu besuchen. Und hatte so gelernt, wie man unter freiem Himmel und mit nichts als dem, was die Natur einem bot, über die Runden kam. Die Familie Curtis hatte also nicht viele Gegenstände umzuziehen. Aber einer der Gegenstände, die sie umzog, war das Objektiv, das der Vater aus dem Krieg mitgebracht hatte. Edwards Vater selber war kein Fotograf. Und das Objektiv-? Wer weiß schon, wo dieses Objektiv aufgesammelt worden war? Aber Edward war schon als Teenager fasziniert von der Möglichkeit vielleicht Bilder aufzeichnen zu können. Und hatte sich mithilfe eines Buches „Wilson‘s Photographics“ eine eigene Kamera gebaut. Die funktionierte allerdings mehr schlecht als recht. So blieb das Hobby nicht hängen. Damals, als er als 14-Jähriger die Schule verlassen hatte und in Wisconsin bei der lokalen Eisenbahngesellschaft anheuerte, um Schienen zu verlegen, hatte er dann sowieso erstmal anderes im Sinn. Aber in Seattle da ging ihm dieses Objektiv und das, was er aus dem Buch gelernt hatte nicht mehr aus dem Kopf. Seattle war eine Stadt im Aufschwung. Neuer Reichtum durch die Eisenbahnverbindungen und den Goldrausch brachte die moderne Technik und den Fortschritt in die Stadt. Eine der großen Dinge der Zeit war die Fotografie. Am anderen Ende des Kontinents schickte sich zum Beispiel ein junger George Eastman gerade an mit Kodak eines der einflussreichsten Unternehmen der Menschheitsgeschichte zu gründen. Für Edward stand allerdings anderes in den Karten. Sein Vater hatte immer davon geträumt eine Ziegelbrennerei zu eröffnen. Und Edward ernährte die Familie hauptsächlich durch Fischerei. 15 Kilo konnte ein Lachs aus der Region werden. Damit konnte man eine Weile lang essen. Wenn er nicht fischte, übernahm er Hilfsarbeiten oder sammelte Beeren.

Sein Vater war seit zwei Jahren tot, aber Edward arbeitet sich Stück für Stück nach oben. Und seine Familie mit ihm. Es war ein schwerer Unfall, der diesen Plan zum Halten brachte. Ein Sturz verletzte ihn an der Wirbelsäule. Und über ein Jahr war der 22-Jährige energiegeladene gut aussehende Edward Curtis plötzlich an das Bett gefesselt. Für seine Familie war das eine Katastrophe. Aber die Siedler damals hielten zusammen. Die Einwohner in der Region kannten sich untereinander. Und so passieren in diesem Jahr zwei Dinge. Erstens Edward lernt seine zukünftige Frau kennen. Clara Phillips. Die 16-Jährige kommt ihn regelmäßig besuchen und hilft der Familie aus. Clara kommt von einer weitgereisten Familie. Sie war in Kanada, in Pennsylvania und war belesen. Edward war fasziniert. Er teilt seine Ideen mit ihr. Sie hört ihm zu. Bald geht sie in der Curtis-Familie ein und aus. Es ist einer dieser Besuche, bei denen sie in das Haus kommt und Edward vor einen seltsam aussehenden Kasten vorfindet. Sie lässt sich zeigen, was für ein Gerät das ist. Ein Mann auf der Durchreise Richtung Goldrausch Country hatte die Kamera aus Geldnot heraus verkauft. Und Edward hatte einem spontanen Impuls folgend die Ersparnisse der Familie auf den Kopf geschlagen. Als Edward dann kurz darauf über eine Anzeige in der Zeitung davon erfährt, dass ein Porträtfotograf in der Stadt in Seattle einen Partner sucht, beschließt er einen Kredit aufzunehmen und in diese Partnerschaft zu investieren. Er würde also umziehen. Und mit kaum Ahnung von der Fotografie alles auf diese Karte setzen. Seine Familie muss begeistert gewesen sein. Und dann gab es noch einen kleinen Skandal. Denn Clara erklärte ihrer Familie sie würde mit Edward in die Stadt ziehen. Und sie würden heiraten und dort zusammen wohnen. Das alles sozusagen in einem großen Rutsch.

Für Edward begann jetzt eine prägende Zeit. Er lernte das Fotografieren von der Pike auf. Es gab viele Menschen mit Geld in der Stadt. Und er war einer derjenigen, der wusste, wie man Menschen mit Geld in Porträts gut aussehen lassen konnte. Es dauerte nicht lang und aus dem partnerschaftlichen Porträtstudio wurde ein von ihm allein geführtes Porträtstudio. Er war eine Größe in der Stadt. Man kannte ihn. Und er hatte eine erste Karriere als Porträtfotograf. Bald wurde ein erstes, bald ein zweites Kind geboren. Die Rechnung war aufgegangen. Das Geld begann zu fließen.

Wer schon mal Fotos von Seattle gesehen hat oder vielleicht sogar dort schonmal zu Besuch gewesen war, der weiß vielleicht, dass im Umland von Seattle mehrere große aktive Vulkane stehen. Riesige Berge. Bilderbuchlandschaften. Mit Seen in denen sich eisbedeckte Gipfel spiegeln. Mit riesigen Wäldern. Mit Landschaften, die einfach zu schön sind um wahr zu sein. Es ist diese Umgebung, der die Liebe von Edward und Clara gehören. Der Gipfel, den man von Seattle aus sieht, gehört zu dem Vulkan Mt. Rainier. Auch heute noch ein atemberaubend schöner Nationalpark. Und Edward wandert dort so viel, dass er als professioneller Wanderguide tätig werden kann und Leute zum Gipfel und über die Gletscher führen kann. Wenn er nicht wandert fotografiert er. Porträts. Edward gehört einer Tradition an, die sich Pictorialism nennt. Das heißt, seine Porträts versuchen mit einem leicht verträumten Look künstlerisch auszusehen. Viele werden noch im Nassplattenverfahren gemacht. Aber es ist auch die Zeit der Dryplates. Also, fotografische Verfahren, wo man mit fertigen Medien anfangen kann. Und nicht erst immer alles vorbereiten und sofort entwickeln  muss. Fotografen der damaligen Zeit waren nicht nur Auftragsarbeiter. Sondern meistens auch damit beschäftigt Kunstwerke zu schaffen oder Postkarten zu drucken. Alles, was ein Bild haben konnte, war im Prinzip mögliche Geldquelle. Und das war wahrscheinlich auch die hauptsächliche Motivation, die Curtis dazu brachte sich mit einem Seattler Original zu beschäftigen. Denn es gab innerhalb der Stadtgrenzen eine Frau, die da eigentlich gar nicht sein durfte. Gesetze hatten es verboten, Indianern Anwesen im Stadtgebiet zu verkaufen. Oder sie auch nur unter dem eigenen Dach übernachten zu lassen. Wer anreisen wollte, brauchte eine Genehmigung das Reservat zu verlassen. Und sich in der Stadt aufzuhalten, brauchte ebenfalls entsprechende Zustimmung. Allerdings gab es Ausnahmen. Wenige, aber akzeptierte Ausnahmen. Und eine solche Ausnahme galt für die Tochter von Chief Seattle höchst selbst. Sie war bekannt als Princess Angeline. Einen Namen, den ihr eine weiße Frau einmal gegeben hatte. Und der den Einheimischen leichter von der Zunge ging als ihr eigentlicher Name. Aufgewachsen als Tochter eines Fürsten, war die zur Zeit Edwards 90-Jährige geduldet und bettelarm. Sie lebte in einem Holzverschlag und verkaufte Muscheln an Touristen oder Einheimische, die sie selbst aus dem Schlamm ausgrub. Kinder machten Umwege nur um sie zu foppen und mit Steinen zu bewerfen. Wobei von Angeline überliefert wurde, dass sie dann ohne Weiteres auch mit Steinen zurückwarf und oft treffsicherer war als die Jungs. Touristen kamen in den Hafen nur, um auch mal einen Blick auf die Tochter des berühmten Indianerhäuptlings zu werfen. Und verschiedene Fotografen hatten Sie für Postkarten verewigt. Und das war auch das, was Curtis ursprünglich im Sinn hatte. Er ging an den Hafen und wollte sie fotografieren und bat sie für ihn Porträt zu sitzen. Einen Dollar würde er ihr dafür zahlen. Das war ein Tageslohn. Das war schon ordentliches Geld. So entstehen mehrere eindrucksvolle PortrÄts, die er auch in die Auslage hängt und für gutes Geld verkaufen kann. Er produziert außerdem besagte Postkarten. Aber irgendwie ist er unzufrieden. Er möchte mehr. Er möchte Angeline so zeigen, wie sie wirklich lebt. Und so fotografiert er sie auch noch beim Muschel-ausgraben und in verschiedenen anderen Situationen. Es sind seine ersten Fotos von amerikanischen Ureinwohnern. Und es werden nicht die letzten sein. Der Besuch eines Häuptlings in der Stadt zum Anlass eines Fußballspiels gibt ihm eine weitere Gelegenheit. Hier kommt noch dazu, dass Curtis sich mit dem Mann unterhält. Und damit erkennt, dass die offizielle Geschichtsschreibung, besonders in Bezug auf verschiedene Indianerstämme, nicht stimmen kann. Seine Porträts machen Wirbel. Er bekommt viel Anerkennung für die Qualität der Aufnahmen. Aber für die Geschichte, die ihm da begegnet, interessiert sich niemand. Es ist die Zeit, mit der Karl May jemand erfolgreiche Geschichten über amerikanische Ureinwohner veröffentlicht, der selber noch nie auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, geschweige denn Amerikaner getroffen hatte. Und es ist dieses Bild, des romantischen Wilden, das man auch in Edwards Bildern wieder erkennt und mit dem er erfolgreiche Verkäufe tätigt. Aber je mehr er diese Menschen fotografiert. Je mehr Geschichten er hört. Desto nachdenklicher wird er. Er trägt seine Gedanken wieder und wieder Mt. Rainier hinauf. Während er sich nach und nach einen Namen als Fotograf nicht nur der großen Persönlichkeiten, sondern auch der Ureinwohner Amerikas machte. Er gewinnt Preise. In Seattle ist man stolz auf den Sohn der Stadt. Und dieser Ruf ist natürlich gut für das Geschäft.

1896 markiert dann das Jahr, in dem der Name Edward Curtis nicht nur in Seattle und Umgebung, sondern US weit bekannt wird. Und zwar nicht durch seine Fotografien. Sondern, weil er den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Expedition am Mt Rainier begegnet und ihnen aus einer Notlage hilft. Mitglied sind drei der berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit. Unter anderem ein bekannter Ethnologe. Und damit starten Freundschaften, die den ganzen weiteren Lebensweg von Edward Curtis bestimmen werden. Als Dank für seine Hilfe, laden sie ihn nämlich ein, der offizielle Fotograf einer Alaska-Expedition zu werden. Und das ist diese Expedition, bei der Edward Curtis seinen großen Plan fasst. Er erkennt nämlich, dass die verschiedenen Völker der Ureinwohner Amerikas am Sterben sind. Jedes Jahr, das verstreicht lässt weniger Stämme zurück. Und er erkennt, dass er ein Talent hat, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Über 80 Stämme sind in Nordamerika bekannt. Manche nur noch wenige 100 Mitglieder stark. Andere haben mehrere 10000. Manche sind wohlbekannt in Indianerreservaten untergebracht. Andere muss man aufwändig finden. Es gibt nomadisch lebende Stämme und Völker, die seit Jahrtausenden im Gebirge in Steinhäusern wohnen. Aber zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Ihre Geschichtsschreibung existiert kaum. Die meisten Geschichten werden mündlich weiter gegeben. Und sie sterben aus.

Edward fasst einen Plan. Er will diese Stämme dokumentieren. Er will sie alle besuchen. Er will sich mit ihren Ältesten hinsetzen. Er will ihre Geschichte hören. Er will ihre Lieder aufzeichnen, ihre Rituale beobachten. Er will ihre Lebensweise porträtieren und die typischen Mitglieder ihrer Gesellschaften. Er will ihnen ein Denkmal setzen. Und er will viel weiter gehen, als in Anführungsstrichen nur zu porträtieren. Während seiner Expedition nach Alaska hat er ein nagelneues Gerät zur Aufzeichnung von Tönen kennengelernt. Eine Wachsrolle wird verwendet, um Aufnahmen zu machen. Außerdem steckt der Bewegt Film in den Kinderschuhen. Und auch damit beschäftigt sich Edward. Er stellt Assistenten an und hält seine Erlebnisse und Erkenntnisse schriftlich fest. Clara ist nicht eben begeistert. Edward ist zum Teil sechs bis acht Monate am Stück unterwegs und lässt den Betrieb des Studios in Seattle und die Verkäufe in den Händen seines Cousins und Claras. Für die Kinder ist er fast schon ein Fremder. Und seine Zeit daheim in Seattle verbringt er damit seine nächsten Touren zu planen. Schnell wird auch klar, dass er sich das nicht wird leisten können. Sämtliche Einnahmen und Ersparnisse gehen drauf für seine Privatexkursionen. Und so schreibt Edward an das Smithsonian Institute. Die Institution in den USA in denen die Ethnologie zu Hause ist. Der Ort, an dem, wenn überhaupt, offizielle Gelder zur Unterstützung fließen können. Er hat keinen Erfolg. Er hat keine akademischen Titel. Er kann keine Schulbildung vorweisen. Und so wird er praktisch aus den Büros gelacht. Man findet seine Porträts durchaus schön und bemerkenswert. Aber merkt an, dass sie ja doch sehr romantisierend wären. Und manche dieser Porträts auch ganz eindeutig gestellt währen. Außerdem ist sich Edward nicht zu schade auch mal Elemente, die nicht ins Bild passen, heraus zu retuschieren. Zum Beispiel eine Uhr, die mit in einem traditionellen Tipi steht oder Ähnliches. All das sorgt dafür, dass man ihn nicht ernst nimmt. Seine Freunde von der Mt. Rainier Expedition vermitteln ihn an einen anderen einflussreichen Unterstützer. An Theodore Roosevelt. Präsident der Vereinigten Staaten. Damals in der ersten Amtszeit. Teddy Roosevelt war nicht gerade bekannt als Freund der amerikanischen Ureinwohner. Allerdings hatte ihn das Amt des amerikanischen Präsidenten auch zum Präsident dieser Menschen gemacht. Und er nahm seine Verantwortung ernst. Und so bekommt Edward eine Einladung in das Winter White House des amerikanischen Präsidenten. Er soll seine Familie fotografieren. Und ein paar Tage da bleiben. Und als inzwischen anerkannter Experte für die amerikanischen Ureinwohner Völker wollte sich Theodore Roosevelt mit ihm über genau diese Menschen und wie man ihnen helfen könnte unterhalten. Es entstehen schöne PortrÄts. Die Gespräche sind inspirierend und anregend. Und am Ende des Aufenthalts schick ihn Theodore Roosevelt mit einem glühenden Empfehlungsschreiben los. Es ist unklar, ob das überhaupt hilfreich war. Denn was Edward eigentlich brauchte, war Geld. Und Geld gab es von reichen Mäzenen. Und die waren nicht gerade eben gut auf Theodore Roosevelt zu sprechen. Aber es öffnete andere Türen. Edward nutzte seine freie Zeit, um auf Tournee zu gehen. Er hält Vorträge im ganzen Land. Er dreht den ersten Dokumentationsfilm über amerikanische Ureinwohner und präsentiert die in Lichtbildschauen. Er sammelt dabei Unterstützer-Gelder ein und verkauft Bilder. Es ist aber schnell klar, dass nichts davon ausreichen wird, um ihn vom Bankrott zu schützen oder sein Projekt weiterzubetreiben. Er brauch einen reichen Geldgeber. Und der damals reichste Geldgeber, an den man sich wenden konnte war niemand anderes als J. P. Morgan.

Die Vereinigten Staaten hatten es damals innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Agrarwirtschaft zur führenden Industrienation der Erde geschafft. Und das alles ohne eine Zentralbank. Die brauchten sie nämlich nicht, denn es gab eine Privatbank, die in ihrer Macht und Reichweite ähnlich groß war. Und das war die Bank von J. P. Morgan. Der hatte einen Großteil seines Vermögens durch das Eisenbahnmonopol gemacht. Und war auch sonst für die Gründung und Zusammenlegung einiger großer amerikanischer Namen verantwortlich. Zum Beispiel General Electric. Er war der reichste und einflussreichste Mann in seiner Zeit. Und zur Zeit Edward Curtis‘ war er damit beschäftigt das Schöne und Teure zu sammeln. Kunst und Frauen waren die zwei Dinge in die er neben dem Business noch investierte. Mehrmals hintereinander machte J. P. Morgan Schlagzeilen, weil er absolute Rekordpreise für Kunst hinlegte. Und besonders hatten es ihm da Bücher und Gemälde angetan. Und so landet Eward Curtis irgendwann in seiner Verzweiflung bei J. P. Morgan. Er hat ausgerechnet, dass er ungefähr 75000 Dollar brauchen würde und das ohne ein eigenes Gehalt zu beziehen, um seine Pläne umsetzen. Und J. P. Morgan war vermutlich der einzige, der diese Art von Finanzmitteln in so ein Projekt stecken wollen würde. Es kommt zu einem Treffen. Und zunächst ist J. P. Morgan wenig begeistert. Viele wollen von ihm Geld. Und es klingt auch nicht besonders interessant für ihn. Er hat keine besonders hohe Meinung von den amerikanischen Ureinwohnern. Und im Grunde kann er ja auch jeder Zeit Gemälde und Bilder von ihnen kaufen. Aber Edward lässt sich nicht beirren. Und er gewinnt ihn mit zwei Argumenten. Das eine Argument ist, die Schönheit der Bilder. Er zeigt ihm mehrere Bilder. Und es ist die Aufnahme eines jungen Mädchens, das J. P. Morgan dann überzeugt haben soll. Und das zweite ist der Gedanke, dass Edward Curtis J. P. Morgan ein Denkmal setzen wird. Indem er ihm ein 20-Bändiges Lexikon hochwertigster Machart Produzieren wird. Niemand wird J. P. Morgan Rassismus oder Benachteiligung amerikanischer Ureinwohner unterstellen können. Wenn er gleichzeitig so ein Vorgehen finanzieren würde, sagt Curtis. Und wenn er als Mäzen auftritt, wird das nicht nur ein Denkmal für den amerikanischen Ureinwohner, sondern auch gleichzeitig ein Denkmal für J. P. Morgan werden. Morgan stimmt schließlich zu. Aber unter mehreren Bedingungen denen Edward Curtis allesamt zustimmt. J. P. Morgan wird noch mehrmals Geld nachlegen müssen. 75000 Dollar waren hochgradig optimistisch. Aber in diesem einen Moment sah es zumindest so aus, als hätte Edward sein Ziel erreicht. Er stellt zum Teil bis zu 17 Leute an. Tourguides, Übersetzer, Assistenten. Und natürlich bezahlt er auch die Ureinwohner, die für ihn Modell sitzen. Und er rennt gegen die Zeit. 16 bis 18 Stunden Tage. Bei Regen, Wind und Wetter unter freiem Himmel. Waren die Stämme am Anfang noch skeptisch, was dieser weiße Fotograf von ihnen wollte, ist es bald so, dass die sich untereinander diesem Fotografen weiterempfehlen. Und so wird er von Ritual zu Ritual zu Anlass zu Anlass gereicht. An manchen Zeremonien ist er nicht nur als Fotograf, sondern auch als Teilnehmer zugegen. Daran ist besonders interessant, dass es auch zum Teil gegen das Gesetz verstößt, was Curtis hier macht. Denn in den USA des 19. Jahrhunderts ist den Ureinwohnern zum Teil per Gesetz verboten, ihre ureigenen religiösen Rituale durchzuführen. Das gehört zu den vielen Maßnahmen, die damals ergriffen wurden, um den Roten Mann zu zähmen.

Irgendwann hat Clara genug von dem ganzen Zirkus. Es ist wieder einmal eine dieser Phasen, in denen fast kein Geld mehr übrig ist. Und Curtis auf Tournee geht, um Menschen davon zu überzeugen, sein Projekt zu unterstützen. Als Clara die Scheidung einreicht. Wegen Vernachlässigung. Es kommt zu einem Rosenkrieg in dem sich die ganze Familie aufsplittet. Eines der Kinder Hält zu Clara. Das andere zu Edward. Das Gericht spricht Clara, die ja die ganze Zeit die Geschäfte in Seattle geleitet hatte, die Rechte an den dort gelagerten Negativen und die Einrichtung zu. Edward stürmt daraufhin zusammen mit seiner Tochter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Räumlichkeiten und zerschlägt alle Glasnegative, um seine Frau daran zu hindern, damit weiter Geld zu verdienen. Curtis fängt an Bücher zu schreiben. Keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern populärwissenschaftliche Bücher mit deren Verkäufen er hofft sein Projekt weiter zu finanzieren. Er versenkt über 75000 Dollar in einen Dokumentarfilm. Einen der ersten Dokumentarfilme überhaupt. Für den sich aber kaum Jemand interessiert. Und der deswegen zum finanziellen Totalschaden wird. Tief verschuldet und von seiner Frau getrennt zieht er nach LA und wird dort Kameramann für den Regisseur Cecil B. DeMille, der unte randerem Filme wie „Die Zehn Gebote“ gedreht hat. Auch muss er immer wieder an Filmen mitarbeiten, in denen die Stämme, die er studierte wahlweise als Wilde oder als romantisierte Edle dargestellt werden. Das muss sich unerträglich für den Mann angefühlt haben. Immer wenn er genug Geld beisammen hat, um wieder an seinem Projekt arbeiten zu können, macht er das. Ab 1921 ist er wieder unterwegs. Und stellt 1930 den letzten seiner 20-Bändigen Lexikon Reihe fertig. Das markiert das Ende eines über 30 Jahre dauernden Fotoprojekts. Über 280 Mal ist er quer durch die USA gereist. Legte dabei rund 400000 Meilen zurück. Machte über 40000 Aufnahmen. Studierte dabei mehr als 80 Stämme in den USA, Kanada und Alaska. Schrieb 350 Mythen und Legenden und die Grundlagen von 75 verschiedenen Sprachen auf. Von den zirka 10000 Musikstücken und Gesängen, die er aufgezeichet hat, weiß man heute noch von ungefähr 270, wo sie sich befinden. Das gesamte Projekt kostete über eineinhalb Millionen Dollar. Und er konnte mit den Verkäufen des Lexikons beginnen. Durch die Auflagen J. P. Morgans waren die Lexika fast 5000 Dollar teuer und damit ein absolutes Nischenprodukt. Und so wundert es auch nicht weiter, dass er weniger als 300 Exemplare davon verkaufen konnte. Außerdem hatte er die Rechte komplett an J.P. Morgan abgetreten. Das heißt, er übergab sämtlich Negative, alle Unterlagen und die fertigen Bücher J. P. Morgan zur weiteren Verwendung. Der lagerte den ganzen Kram ein. Und irgendwann mal verkaufte er alles für läppische 1000 Dollar an einen Buchhändler, der die Sachen dann seinerseits auch in einen Keller einlagerte.

1970 wurde dann dieser Keller ausgeräumt und man fand die ganzen Unterlagen. Und seit dem ist der Name Edward Curtis wieder ein Begriff. Manche seiner Aufzeichnungen widersprechen zum Teil noch heute geltende Lehrmeinungen. Und es ist ein schier grenzenloser Schatz an Erkenntnissen über Kulturen, die es heute nicht mehr gibt. Und die ohne Curtis‘ Arbeit einfach komplett verschwunden wären. Und er kombiniert in seiner Arbeit zwei sehr verschiedene Welten. Einerseits hat er sehr wohl fast schon wissenschaftlichen Anspruch. Er will exakt sein. Er will komplett beschreiben. Andererseits geht er besonders die Fotografie mit den Augen eines Künstlers an. Und ihm ist egal, welchen Status der Mensch vor seiner Kamera hat. Berühmtheiten wie der Apachen-Führer Geronimo oder Theodore Roosevelt sind genau so vor seiner Kamera festgehalten worden. Einfache Hirten, Medizinmänner, Frauen beim Wasserholen oder die Landschaften in denen die Stämme ihren Alltag verbrachten. Man kann viele seiner Fotos sehen, wenn man 20 Euro in ein Buch namens „The Nordamerican Indian“ vom Taschenbuchverlag investiert. Und manche der Bilder, die ich dort fand, waren mir so vertraut, dass ich hätte schwören können, dass ich sie schonmal irgendwo gesehen hatte. Und die Art und Weise, wie er gearbeitet hat, findet sich an anderen Stellen wieder. Edward Curtis war ein Pionier des Fotojournalismus, ein Pionier der ethnografischen Fotografie, ein Pionier der Porträtfotografie und hat 30 Jahre lang einzigartige Aufnahmen einer heute komplett verschwundenen Welt gemacht.

Nachdem er „The Northamerican Indian“ herausgebracht hat, kehrt er nach Los Angeles zurück. Er beteiligt sich auch jetzt wieder an einigen Hollywood Filmen und fasst den Plan noch ein weiteres dokumentarisches Projekt, nämlich eine Fotoserie über den Goldrausch, anzufangen. Hat aber weder die dazu notwendigen Mittel noch die Gesundheit, um das ernsthaft anzugehen. Am 19. Oktober 1952 stirbt er an einer Herzattacke. Dieselbe Todesursache, die  Clara 20 Jahre zuvor das Leben gekostet hatte.

Edward Curtis war ein getriebener. In panischer Angst er könnte zu spät kommen, und weil er oft auch zu spät kam, reiste er kreuz und quer durch die USA und investierte sein gesamtes Vermögen und sein Privatleben in ein 30 Jahre dauerndes Projekt. Ich will es gar nicht Fotografieprojekt nennen. Auch, wenn die Fotografien das Eindrücklichste Ergebnis dieser Arbeit waren. In den 80 Jahren seines Lebens schlief er mehr unter freiem Himmel und in widrigen Wetterverhältnissen, als unter dem Dach eines Hauses. Er begann seine Reise in einem Amerika, das gerade mal bis an die Westküste vorgedrungen war. Und in dem die Erinnerungen an den Bürgerkrieg und an die Kriege mit den amerikanischen Ureinwohnern noch ganz frisch waren. Er stellte die wichtigsten Weichen seines Lebens in einer Zeit, da war Amerika gerade zur führenden Industrienation der Welt aufgestiegen. Und er beendete sein Projekt im Amerika der Moderne. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Er gewann die Unterstützung und zum Teil Freundschaft von Männern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Theodore Roosevelt auf der einen, J. P. Morgan auf der anderen Seite. Er war einer der Pioniere des Dokumentarfilmes. Ohne es darauf anzulegen. Und seine Arbeit prägte, wie wir bis heute amerikanisch Ureinwohner sehen und was wir über sie wissen. Seine Arbeit sieht bis heute modern aus. Selbst, wenn sie mit der Technologie des letzten Jahrhunderts gemacht wurde.

]]>