7. März 2021

Kodak-Momente

Kodak dominierte die Fotoindustrie über 100 Jahre und ihrem Gründer George Eastman fällt der Verdienst zu Fotografie von einem teuren Experten-Handwerk zu einem Massenphänomen gemacht zu haben.


Transkript

George Eastman wird 1854 im US-Bundesstaat New York geboren. Die Eastmans waren eigentlich Farmen. Allerdings hatte der Vater außerdem im nahegelegenen Rochester eine Business-School gegründet. Und es schien auch erstmal gut zu laufen. Als er aber gesundheitliche Probleme bekam, gab die Familie die Farm auf und zog komplett nach Rochester. Und da geschah dann, was niemand erwartet hatte. George war gerade einmal acht Jahre also der Vater stirbt. Und die Familie muss feststellen, dass der Vater nicht vorgesorgt hatte. Über Nacht war die Familie Eastman also praktisch einkommenslos. Die Mutter fängt an Zimmer unterzuvermieten, um die Familie durchzubringen und die Kinder nehmen alle möglichen Jobs an. So auch der kleine George Eastman. Er verdingt sich in allen möglichen Handlangerjobs und mit 14 Jahren gibt er endgültig seine Schullaufbahn auf um als Bürobote bei einer Versicherungsfirma anzufangen. Drei Dollar pro Woche sind nicht genug Geld, um seine Familie über die Runden zu bringen. Also fängt er an, sich in Abendkursen fortzubilden und so bleibt er nicht lange Bote für eine Versicherung, sondern schafft es, sich einen Job in einer Bank zu sichern.

Er ist 23 als er in Rochester in ein Fotogeschäft geht, um sich dort eine Kamera zu kaufen. Ihm war aufgefallen, dass viele seiner Kunden in irgendeiner Form mit Immobilien zu tun hatten und er dachte sich: Das wäre vielleicht ein Feld, in dem auch er tätig werden könnte. Er möchte Fotos von Grundstücken und Gebäuden machen können und dafür eine Kamera kaufen. 1877 wird in Rochester und überhaupt in den Vereinigten Staaten überwiegend im Kollodium-Nassplatten-Verfahren fotografiert. Dabei wird eine Glasplatte mit einer Chemikalie bestrichen, sodass sie lichtempfindlich wird und in noch nassem Zustand belichtet. Direkt danach muss diese Platte dann entwickelt werden, wodurch auf dieser Glasplatte ein Negativ sichtbar wird. Dieses Negativ kann man dann benutzen, um Drucke anzufertigen. Wer so fotografiert muss einiges herumschleppen. Die Kameras sind einigermaßen groß und müssen auf hölzernen Stativen angebracht werden. Die Fotografie findet auf den noch nassen Platten statt. Die muss man also vorbereiten können und weil es ja lichtempfindliches Material ist, muss das im Dunklen geschehen. Und deswegen braucht man als Fotograf ein Dunkelzelt, in dem die gesamte Vor- und Nachbereitung stattfindet. Wer also fotografiert, schleppt nicht nur die Kamera und die Glasplatten, sondern auch eine Auswahl an Chemikalien und ein Zelt mit. Hinzukommt, dass der Prozess nicht so ganz trivial ist. Und so stellt auch George Eastman fest, dass er das auf Anhieb erstmal so gar nicht hinbekommt. Er bezahlt einen lokalen Fotografen, ihn im Kollodium-Nassplatten-Verfahren zu unterweisen, aber seine Ergebnisse bleiben durchwachsen. Trotzdem vertieft er sich in sein Hobby.

Er hatte in einem internationalen Fotografie-Magazin von einem alternativen Verfahren gelesen. Es gab die Möglichkeit statt mit Nassplatten mit trockenen Platten zu fotografieren. Bei diesem Verfahren nahm man sozusagen Wachspapier und machte es durch eine spezielle Beschichtung lichtempfindlich. Dieses Papier ließ sich dann wie die Glasplatten einsetzen, nur musste man im Anschluss die belichtete Schicht abziehen und dann wie vorher mit den Glasplatten eben entsprechende Bilder erzeugen. George haut sich die Nächte um die Ohren um dieses Verfahren zu meistern. Es funktioniert für ihn auf jeden Fall schonmal viel besser als das Nassplattenverfahren und hatte natürlich den Vorteil, dass man diese trockenen Platten daheim vorbereiten konnte und kein Zelt und keine Chemikalien mehr mitschleppen musste, wenn man fotografieren wollten. Er experimentiert und verfeinert seine Technik und erkennt, dass es für diese Art von Negativpapier einen Markt geben muss. 1880 gründet er deswegen die Eastman-Dry-Plate-Company. Seine Kunden sind Fotografen, die mobil sein müssen, die es eben leid sind, Zelt und Chemikalien herumzuschleppen. Da hilft es auch, dass im Grunde die Kameras dieselben sind. Man steckt einfach statt der Glasplatte diese Papierplatten ein. Das war es.

1884 legt George Eastman noch ein weiteres Patent nach. Ihm war die Neuerung eines Erfinders aufgefallen. Der Erfinder William Walker hatte Papierfilm genommen und gerollt. Mithilfe einer entsprechenden Halterung konnte man jetzt ein Magazin konstruieren, indem ein Rollfilm eingelegt wurde und einfach nach jeder Belichtung weitergedreht wurde. Eastman kauft die Rechte an dieser Technik und meldet Rollfilm auf Papierbasis zum Patent an. Nicht nur, dass Fotografinnen und Fotografen jetzt kein Dunkelzelt mehr mitschleppen mussten. Sie mussten noch nicht einmal ständig Platten nachlegen. Sie konnten einfach weiterdrehen. Das war natürlich einerseits großartig, andererseits blieb trotzdem der große Erfolg immer noch aus, denn die Bildqualität, die konnte nicht mithalten. Und professionelle Fotografen wussten das. Und deswegen war Eastman zu der Zeit zwar schon ein führender Hersteller von Dry-Plate-Papierfilmen, aber der Markt, den er ansprechen konnte, war überschaubar, denn außer den professionellen Fotografinnen und Fotografen fotografierte kaum jemand. Amateure gab es, aber nicht in ausreichender Menge. Aber Eastman gibt nicht auf. Jetzt hatte er schon das Dunkelzelt abgeschafft. Er hatte das Medium selbst leichter handhabbar gemacht. Als nächstes war die Kamera dran.

Die Überlegung: Wenn die Kamera leichter zu handhaben und zu transportieren wäre, dann würden unter Umständen auch mehr Fotos unterwegs gemacht und damit gäbe es auch mehr Bedarf an seinen Filmen. Und so stellt Eastman 1886 die erste von seinem Unternehmen selbst konstruierte Kamera, die Eastman-Detective-Camera, vor mit fest integrierten Rollfilmmagazin und kleiner Baugröße, also im Vergleich kleiner Baugröße, sodass man diese Kamera einfach mal so mitnehmen und unterwegs benutzen konnte. Die Brennweite entsprach so ungefähr 33 Millimeter, was ein relativ gutes Sichtfeld für Schnappschüsse und Reportage-Fotografie wäre. Und auch sonst musste man an der Kamera praktisch nichts einstellen. Man zog an einem Drahtseil, um den Verschluss aufzuziehen und drückte einen kleinen Knopf um auszulösen. Das war es dann auch schon. Dann drehte man den Film weiter. Dieser Mechanismus des Drehfilms und die Kamera selbst gewann Preise und wurde mit Aufmerksamkeit bedacht, aber kommerziell war sie ein Flop. Sie war zu teuer, die Bildqualität stimmte nicht um professionelle Ansprüche zu befriedigen und die Produktion dauerte zu lange. Aber im Grunde war schon bei dieser Kamera vieles da, was später dann zum Erfolgsrezept werden musste. George Eastman muss ungefähr zu der Zeit erkannt haben, dass er versucht, den falschen Markt zu gewinnen. Statt seine Produkte an professionelle Fotografinnen und Fotografen zu verkaufen, musste der Markt größer werden. Was, wenn jede Familie fotografieren könnte? Nein, jeder Mensch fotografieren könnte?

Wir befinden uns im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und Fotografie ist zwar allgemein bekannt, wird aber von Spezialisten betrieben. Man geht zu besonderen Anlässen zum Portrait-Fotograf und Bilder fertigen zu lassen ist nicht nur aufwendig, sondern auch teuer. Wer selbst fotografieren will, braucht teure Ausrüstung, teure Chemikalien, eine Dunkelkammer und das notwendige Wissen. Ganz zu schweigen von dem praktischen Wissensschatz, den man nur durch Erfahrung sammeln kann. Welche Mischung funktioniert besonders gut? Wie bestreiche ich eine Glasplatte gleichmäßig? Und so weiter. Eastman hatte schon einige dieser Probleme gelöst. Trockenplatten machten vieles leichter. Rollfilm und eine einfach Kamerakonstruktion, die wenig Einstellungsmöglichkeiten erforderlich macht, auch. Inzwischen konstruierte Eastman auch Filme, die man auch bei Tageslicht einlegen konnte, weil sie einseitig lichtdicht beschichtet waren. Und er experimentierte mit Rollfilmen in Metallkapseln. Und das ist der Moment, wo ihm ein Licht aufgeht. Um Fotografie universell verfügbar zu machen fehlen zwei Dinge: Erstens, eine bezahlbare Kamera und zweitens, jemand, der die komplette Nachbearbeitung übernimmt.

Wenig später kommt er mit einer neuen Kamera auf den Markt, die Kodak Nummer eins. Kodak ist dabei in Kunstwort. Georges Lieblingsbuchstabe ist der Buchstabe K. Ja, George hatte Lieblingsbuchstaben. Und er hat wohl relativ lange herumexperimentiert, um ein Wort zu finden, das einfach auszusprechen und zu merken ist, auch in unterschiedlichen Sprachen ähnlich klingt, noch nicht existiert und als Produktname für seine neue Kamera herhalten kann. Die Kodak Number One ist eine spektakulär einfache Kamera. Es ist eine sogenannte Boxkamera, sieht einfach aus wie eine Hutschachtel oder Schuhschachtel: Vorne mit einer Öffnung für das Objektiv, an der Seite einen Zugmechanismus, um den Verschluss aufzuziehen, ein Auslöser und ein Drehmechanismus um den Rollfilm ein Bild weiterzudrehen. Hundert Bilder sind schon vorgeladen. Hundert Bilder ist ein Vorrat, der reicht für damalige Verhältnisse monatelang. Und der Clou: Es ist keinerlei Spezialwissen notwendig. Hat man die hundert Fotos vollgeknipst, nimmt man die Box, schickt sie an Kodak und bekommt eine frisch geladene Kamera und die Abzüge wieder zurück. Das Ganze dauert je nach Wetterlage in Rochester, dem Firmensitz der Kodak-Company, fünf bis zehn Tage, denn die Filme werden dort mithilfe von Sonnenlicht ausbelichtet und mehr Sonne, schnellere Entwicklungszeiten. Die Kamera ist erfolgreicher als die Eastman-Detective-Camera, aber auch weit von einem kommerziellen Erfolg entfernt. Sie ist immer noch relativ aufwendig zu konstruieren und eigentlich auch immer noch zu teuer um wirklich ein Massengeschäft zu werden. Außerdem ist die Ausbelichtung der Filme immer noch relativ aufwendig. Die belichtete Schicht muss vom Papier abgezogen und auf Glasplatten übertragen werden und dann erst kann man mithilfe des Sonnenlichts die Drucke erzeugen. Aber die technische Entwicklung eilt auch hier Eastman zur Hilfe.

Er hört von Experimenten, Filme auf Basis des durchsichtigen Celluloids zu fertigen. Er kauft die entsprechenden Rechte und fängt an, Celluloid basierende Filme zu produzieren. Prozesse und Kameratechnik werden nach und nach besser. Die Kodak Number two, die Kodak Number three, die Kodak Number four, alle zeigen kleine Entwicklungsschritte hin zu dem, was bis heute als der Moment gilt, indem die Privatfotografie praktisch erfunden wurde: Die Kodak Brownie. Sie kommt zur Jahrhundertwende auf den Markt und ist im Grund dieselbe Art von Kamera, wie ich sie eben schon beschrieben habe. Kodak hat sich auch allgemein inzwischen einen Namen gemacht. You press the Button. We do the Rest, ist der Slogan. Und der wird jetzt kombiniert mit einer Kamera, die unerreicht günstig ist: Ein Dollar. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet sind das 20 Dollar. Und damit kann diese Kamera wirklich jeder Haushalt kaufen. Jedes Kind soll fotografieren können, so der Gedanke. Und diese Kamera erzeugt einen Boom. Innerhalb eines Jahres verkauft Kodak über 150.000 dieser Kameras, mehr als in der zwölfjährigen Firmengeschichte zuvor. Kodaks Marketing bewirbt die Kamera hauptsächlich in den Händen von Kindern, Frauen oder Familienvätern. Und sie wird zum geflügelten Begriff, so wie man heute googelt, statt eine Suchmaschine zu bedienen, hat man damals gekodakt.

Ein neues Wort kommt auf: Der Schnappschuss. Denn mit diesen Boxkameras kann man nicht mehr richtig zielen. Die haben keinen Sucher. Man richtet sie grob in die richtige Richtung und drück ab. Interessanterweise sind besonders am Anfang die Bilder dann auch oft rund und nicht rechteckig. Das ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass unsere heutigen Sehgewohnheiten einfach auch nicht mehr sind als das: Gewohnheiten. Die Kamera ist billig. Man muss nichts wissen, um damit fotografieren zu können und so entstehen mit der Kodak Brownie nicht nur neue Genres, sondern auch ein komplett neuer Bildlook. Familien fangen an, Erinnerungsfotos zu schießen und Schnappschüsse ihrer Lieben aufzubewahren. Fotoalben werden gebaut. Und bei Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen wird gewissermaßen Reportage fotografiert. Es ist die Geburt der Hochzeitsfotografie. Bis zur Brownie ist man zu einem formellen Portrait zum Fotografen gegangen im Studio. Mit der Brownie hat jeder die Möglichkeit, selbst zu fotografieren was wichtig erscheint. Die Menschen beginnen damit, Fotoreportagen ihres Alltags und der großen Ereignisse in ihrem Leben zu machen: Geburt, Tod, Hochzeiten, Geburtstage, Freude und Trauer, Urlaube, Ausflüge und Alltag.

Es ist eine Demokratisierung der Fototechnik und es gibt nichts mehr, das nicht fotografiert werden könnte. You press the Button. We do the Rest. Aber George Eastman ruht sich auf diesem Erfolg nicht aus. Er ist in den folgenden Jahren aggressiv damit beschäftigt, überall auf der Welt Filialen zu gründen, sich die Rechte an der Kodak zu sichern und beschützt auch den Markennamen aggressiv. Schließlich ist es ja so, dass die Grundidee und das Prinzip relativ einfach kopierbar war und so gab es auch bald alternative Angebote am Markt. Was schwer einzuholen war, war die Qualität, die Kodak liefern konnte. Man hatte einfach einen mehrere Jahrzehnte lange Wissensvorsprung rund um Abläufe aber auch technisch. Eastman hatte systematisch Patente und Techniken eingekauft und er nutzte diese rechtliche Situation jetzt um Konkurrenten aus dem Markt zu klaren, wenn notwendig. Besonders bei denen, die versuchten, den Namen Kodak in irgendeinem Zusammenhang zu verwenden, kannte er kein Pardon. Umgekehrt war er allerdings auch nicht immer zimperlich, sich Rechte anderer anzueignen. Kodak hat mit mehreren Rechtsstreitigkeiten zu kämpfen. Mal sind es Patentrechtsverletzungen, mal geht es um Antitrust, also das ausnützen einer Monopolstellung.

Als die Weltwirtschaftskrise zuschlägt, ist es auch für Kodak fast vorbei. Menschen, die Probleme haben, genügend Essen auf den Tisch zu bringen, geben auch weniger Geld für Hobbies wie Fotografie aus. Aber Eastman bringt seine Firma durch diese Krise und wieder hilft die technische Entwicklung. Bewegtfilme sind in den Startlöchern. Der Anfang des Kinos. Und einer der großen Pioniere des Bewegtfilms, Thomas Alva Edison investiert in Systeme auf Celluloidbasis. Und Kodak ist das einzige Unternehmen, das weltweit in der Lage ist, in ausreichender Menge Celluloid basierenden Film zu produzieren. Statt in Einzelaufnahmen wird plötzlich in Kilometern abgerechnet. Kodak wird weltweit zum größten Lieferanten jeglichen Filmmaterials und zum größten Kamerahersteller. Eastman beginnt auch früh damit, sich für Farbfilm zu interessieren. Kodak verdient sich den Ruf als eines der innovativsten Unternehmen der Welt. Und seine Forschungsabteilungen arbeiten daran, dem Markt nach Möglichkeit immer einen Schritt voraus zu sein. Das ist auch die Zeit, in der ein später ikonischer Film, der Kodachrome, entwickelt wird und auch die Kameratechnik immer weiter vorangetrieben wird. Eastman ist inzwischen einer der reichsten Männer der Vereinigten Staaten, das klassische amerikanische Ideal vom Paketboten zum Millionär. Und er sieht sich nicht mehr als Unternehmensgründer, sondern kümmert sich um seine Legacy. Kodak wird eines der ersten Unternehmen überhaupt, das seine Mitarbeiter zum Teil in Unternehmensanteilen bezahlt, eine Krankenversicherung und eine Rentenversicherung anbietet und sich auch sonst recht umfänglich um seine Angestellten kümmert. Eastman sieht sich als Philanthrop und er sieht als sein wichtigstes philanthropisches Projekt sein Unternehmen Kodak, aber er wird auch sonst tätig.

Er gründet nicht eine, sondern gleich zwei Universitäten, die sich hauptsächlich der Förderung schwarzer Studenten verpflichten. Unter dem Decknamen Smith investiert er Millionen in das MIT. Er gründet Hospitäler und Zahnarztkliniken in Großbritannien, in Schweden und in den USA. Die meisten dieser Spenden geschehen anonym oder unter einem Decknamen. Er sucht keine Publicity, sondern versucht noch zu Lebzeiten aus seinem immensen Reichtum auch noch Gutes zu schaffen. Er ist so ungefähr Mitte 70, als sich seine Gesundheit rapide verschlechtert. Eine Erkrankung der Wirbelsäule sorgt dafür, dass jede Bewegung Schmerzen verursacht. Eastman war Zeit seines Lebens ein eher scheuer Zeitgenosse und hat nie geheiratet. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er alleine in einem immens großen Anwesen und es zeichnet sich ab, dass er bald auf Hilfe angewiesen sein wird. Soweit wollte er es allerdings nicht kommen lassen. Und deswegen setzt er seinem Leben am 14. März 1932 im Alter vom 77 Jahren durch Schuss in das Herz ein Ende. Auf seinem Nachttisch hinterlässt er eine kurze Nachricht: „To my friends: my work is done. Why wait?“

Beerdigt wird er auf dem Gelände seines Unternehmens. Noch heute kann man dort den Eastman Memorial Park besuchen. Und mit dem Unternehmen ging es weiter bergauf. Kodak ist Markführer und Qualitätsführer in Sachen Film und der weltgrößte Hersteller von Amateurkameras. Außerdem betreibt Kodak die größten Entwicklungslabore der Welt. Eastman hatte immer fest daran geglaubt, Entwicklungsvorreiter zu sein und Kodak bleibt diesem Motto treu. Kodak verdanken wir nicht nur Meilensteine der Filmentwicklung, sondern auch Kameramarken, die bis heute ikonisch sind: Die Starmatic, die Instamatic. Der Kodak-Moment wird zum geflügelten Wort. Wenn etwas besonders erinnerungswürdig ist, dann ist es ein Kodak-Moment. Unser nächster Stopp ist im Jahr 1975, das Jahr in dem der junge Ingenieur Steve Sasson bei Kodak arbeitet und den Auftrag bekommt, eine Kamera zu konstruieren, die nicht auf Film aufnimmt, sondern elektronisch.

Das Ergebnis war die erste Digitalkamera der Welt und die war so beeindruckend, so ein Game-Changer, dass Kodak sie verschwinden ließ. Kodak hatte zu der Zeit über 90 Prozent Marktanteil bei Rollfilmen und die Angst der Manager und Entscheider bei Kodak war, dass eine Kamera, wie die, die sie eben konstruiert hatten, genau diesen Markt kannibalisieren würde. Sie verfolgten die Entwicklung also nicht weiter und so blieb es an ihren Wettbewerbern, diesen Bereich auszubauen. Es sind Sony-, Canon- und Nikon-Kameras, die die ersten Digitalkameras am Markt werden. Und auch, wenn Kodak irgendwann das Kodak-Digital-System entwickelt, 14 Jahre nachdem sie das Patent für die erste Digitalkamera der Welt bekommen hatten, sind sie nicht mehr die Ersten am Markt. Noch nicht einmal die Besten und es ist leider schon jetzt klar, dass sie einer zum Tode verurteilten Industrie angehören. Ein paar wenige Jahre geht es trotzdem noch aufwärts.

1969 erreicht Kodak einen Wert von 31 Milliarden US-Dollar und einen Umsatz von 16 Milliarden mit Rollfilmen. Kodak erkennt zu der Zeit, dass sie einen Fehler gemacht haben und versucht ihn wieder gutzumachen. Sie nutzen ihren Namen, um Digitalkameras zu bauen. Kameras, die durchaus beliebt werden beim Kunden, aber leider sind diese Kameras nicht profitabel. Aber, so überlegt man sich bei Kodak, es gibt ja eine unumstößliche Wahrheit: Fotos müssen irgendwann in Alben geklebt werden oder zumindest in Boxen verschwinden und deswegen wird es immer Ausdrucke brauchen. Wir wissen es heute besser. Damals konnte man sich nicht vorstellen, dass eine Digitalkamera eben mehr ist als einfach nur ein anderes Medium auf das fotografiert wird. Kodak investiert all seine Energie in Drucktechnik. Der schnelle Ausdruck in Kodak-Qualität wird zu einer der großen strategischen Prioritäten. Digitalkameras die man direkt an Drucker ansteckt. Und Kodak hofft damit seinen verlorenen Grund wieder wettzumachen. Wir wissen es heute besser. Myspace, Flickr, Instagram, Facebook: Nur ein verschwindend geringer Buchteil der heutigen Fotografie wird wirklich ausgedruckt und der Absturz lässt sich nicht mehr aufhalten. 2008 ist Kodak nur noch auf Platz sieben der größter Kamerahersteller hinter Kanon, Sony und Nikon. Im Januar 2012 meldet die einst stolze, marktführende Firma, die George Eastman seinerzeit gegründet hatte, offiziell Konkurs an. Heute ist Kodak nur noch ein kleiner Dienstleister für andere Unternehmen. Außerdem gibt es diverse Ableger, so zum Beispiel das Kodak-Alaris-Werk, das immer noch Filme produziert für den immer mal wieder totgesagten, aber durchaus noch aktiven, verbleibenden Filmmarkt da draußen. Es stellt sich heraus: Auch heute werden noch Kinofilme auf Film produziert, zum Teil auch große Produktionen. Tended war ein schönes Beispiel dafür. Und solche und andere Bedürfnisse werden von diesen Ablegerwerken noch gestellt.

2 Responses

  1. Henrik sagt:

    Zu dieser Folge mal stellvertretend für die anderen die ich schon gehört habe ein großes „Dankeschön“ für deinen Podcast. Die Spannbreite deiner Themen bildet das großartige und facettenreiche Themenfeld Fotografie sehr gut ab, wie ich finde: Meilensteine in Technik und Bildsprache, Historisches und Kurioses, Innovationen, Querulant_innen und Besessene. Ich bin gespannt, was da noch kommt und freue mich auf Futter für mein Fotoherz 🙂
    Danke dir. Liebe Grüße.
    Henrik

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