Endre Ernö Friedmann – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Tue, 14 Dec 2021 12:42:03 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Endre Ernö Friedmann – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Leicht angeschmolzene Negative https://fotomenschen.kopfstim.me/leicht-angeschmolzene-negative/ Sat, 17 Apr 2021 13:45:42 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Robert Capa hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten Kriegsfotograf des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium. In dieser Folge geht es um sein Leben und darum warum die Geschichte seines berühmtesten Fotos so nicht gewesen sein kann.

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Transkript

Von Anfang an schicken mir meine Hörerinnen und Hörer für den Fotomenschenpodcast Themenvorschläge und manchmal sind das Vorschläge für berühmte Fotografinnen und Fotografen. Und ein Name kam da überdurchschnittlich oft.

[Einspieler]

(Robert Capa wird von mindestens 5 verschiedenen Stimmen gesagt)

Ja, oder eigentlich Endre Friedmann. Und der ist eine schillernde Figur. Ein Mann, der unser Verständnis davon, was Reportagefotografie und Kriegsfotografie sind, wie kaum ein anderer geprägt hat. Und warum das so ist und was auch vielleicht nicht ganz so ist, wie es immer erzählt wird, das will ich mir heute anschauen.

Wenige Fotografen sind so ikonisch wie Robert Capa. Und das hat natürlich eine ganze Reihe von Gründen. Ganz vorne ist da das Genre, das sich Robert gewählt hat. Er wurde bekannt für seine Kriegsfotografie. Das war längst nicht das einzige Genre, in dem Robert Capa unterwegs war, allerdings muss man zugeben: Für seine Reisereportagen oder die Fotostrecken über Kinder interessieren sich einfach wesentlich weniger Leute als für die berühmten Kriegsfotos aus dem Indochinakonflikt, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Spanischen Bürgerkrieg.

Dann kommt noch der Look, den Robert Capas Bilder haben. Er ist nicht der einzige, der diesen Look prägt, aber er ist einer der ersten. Und der Look ist von Technik getrieben. Die kleinen Messsucherkameras von Leica, Contax und anderen haben gerade ihre Blütezeit. Messsucherkameras im Vergleich zu allem, was man vorher hatte, sind klein, kompakt und können schnell und einfach überall hin mitgenommen werden. Und dadurch wird die Fotografie viel weniger geplant. Fotografie passiert jetzt. Im Geschehen. Und anders als mit den Kloppern, die Kameras vorher waren, sind die jetzt in Mode kommenden, kleinen Messsucherkameras so unauffällig, dass die Fotografierten oft gar nicht bemerken, dass sie festgehalten wurden.

Das ganze fällt zusammen mit dem Aufkommen von immer schneller belichtbarem Film. Und der Blütezeit der Fotomagazine. Life, Time, wie sie alle heißen. Diese Magazine spielen eine Rolle, die später das Fernsehen haben wird. Sie sind das Fenster in die Welt für die Menschen. Und so geben Bildmagazine Unsummen aus, um die besten Fotostrecken, die besten Bildessays drucken zu können.

Dritter technischer Baustein sind die verwendeten Objektive. Kleine Kameras verlangen nach kleinen Objektiven. Und deswegen sind die Objektive an Messsucherkameras eher weitwinklig. Und wer weit weg vom Geschehen ist, macht dann weniger eindrucksvolle Bilder. Robert Capa kann man alles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht nah genug herangegangen wäre. Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm, ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.

Und seinen Bildern sieht man diese Philosophie an. Robert Capa trug seine Messsucherkameras in Kriegsgebiete und machte dann Fotos aus der Nähe, mitten in Kriegshandlungen. Das sind Aufnahmen, wie man sie zum Teil damals nie gesehen hatte. Bilder, die intensiv, emotional und dynamisch sind. Die uns aufrütteln. Bis heute. Diese Art der Fotografie ist zu der Zeit Robert Capas Mode und zieht sich quer durch alle Genres. So zieht ein Henri Cartier-Bresson durch Paris und hält mit ganz ähnlichen Methoden die Absurditäten des Alltags fest.

Und dann ist die Berühmtheit Robert Capas natürlich auch noch ein Ergebnis von hervorragender Vermarktung. Und die Vermarktung nahm Robert Capa selbst in die Hand. 1947 gründet er zusammen mit 6 anderen Fotografinnen und Fotografen die ikonische Pressebildargentur Magnum Photos und macht damit einige der talentiertesten Fotografinnen und Fotografen der damaligen Zeit unabhängig von den großen Bildmagazinen. Besagter Henri Cartier-Bresson ist zum Beispiel eines der Gründungsmitglieder und Robert Capa wird später auch Director von Magnum Photos sein und damit alle Hebel in der Hand halten, um sein eigenes Image in der Öffentlichkeit auszugestalten. Ungewöhnlich mutig, außerhalb der Fotografie allerdings wenig diszipliniert, ein bisschen augenzwinkernd, gerne mal einen über den Durst trinkend, spontan draufgängerisch, also genau die Art Mann, die sich spontan und freiwillig zu Kriegseinsätzen meldet, um der Welt Fotos über diese Erfahrung zu schicken.

Über diesen Mythos ist der echte Robert Capa kaum noch wiederzuerkennen. Und das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch alles Biografische, was über Robert Capa bekannt ist, aus seiner eigenen Feder oder von Mitgliedern der von seiner eigenen Familie gegründeten Stiftungen und Unternehmen stammt. Man muss also oft seine Bilder für sich sprechen lassen und das sind dann dynamische Aufnahmen mit großartigem Gespür für Komposition, einem Anspruch für Authentizität und dem Bedürfnis, Menschen darzustellen.

Robert Capa kommt als Endre Friedmann 1918 in Ungarn auf die Welt. Endre ist politisch sensibel und als Aktivist an politischen Protesten in Ungarn beteiligt und muss deswegen im Sommer 1931 das Land verlassen. In Berlin will er Journalismus studieren und bessert sich seine Finanzen bei der Bildagentur Dephot als Assistent auf. Dort lernt er das Handwerk, das er dann als er nochmal, diesmal vor dem Hitlerregime fliehen muss, in Paris zum Einsatz bringt, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Paris ist zu der Zeit ein Schmelztiegel der Intelligenzija. In Europa wird damals aus Sicht der Intellektuellen der Welt ein großer Kampf ausgetragen, Faschismus gegen Freiheit, und so kommen Aktivisten, Journalisten und Künstler von überall her nach Europa. In Paris kennt Endre dann Gerta Pohorylle kennen. Auch sie ist Flüchtling aus Deutschland und versucht, sich in Paris mit Schreibarbeiten und Vermittlungsarbeiten über Wasser zu halten. Die beiden haben einen überlappenden Freundeskreis und durch ihre Arbeit bei einer Bildagentur kann Gerta Endre helfen, Aufträge zu ergattern. Die beiden werden ein Paar und Endre bringt Gerta bei, zu fotografieren.

Die Pariser der 30er Jahre sind nicht gerade begeistert von so vielen Fremden in der Stadt und Gerta und Endre merken das an den Preisen, die sie erzielen können. Und so hat Gerta eine Idee. Sie schlägt vor, in Zukunft die Fotografie der beiden unter einem Künstlernamen zu vermarkten. Sie würde als Agentin des berühmten amerikanischen Fotografen Robert Capa auftreten. Und die beiden sind hochgradig erfolgreich.

Schon der Anfang Robert Capas Karriere ist also ein einziger Mythos. Eine große Geschichte mit einer großen, tragischen Liebe. In Folge 7 mit dem Titel „Die kleine Blonde“ habe ich diese Geschichte schon mal etwas ausführlicher erzählt. Sie endet leider damit, dass Gerta bei den Kriegshandlungen, die sie dokumentiert, ums Leben kommt. Und wer weiß, welchen Weg Robert eingeschlagen hätte, wenn das nicht passiert wäre.

Aus dieser Zeit, dem Spanischen Bürgerkrieg, gibt es ein Foto, das heute in Rückschau eines der berühmtesten Bilder von Robert Capa ist. Der gefallene Soldat. Es zeigt angeblich einen Soldaten in dem Augenblick, in dem eine Kugel sein Herz trifft. Und schon um dieses Bild dreht sich eine Kontroverse. Es ist nicht klar, ob es überhaupt den Tod eines Soldaten zeigt, ob es nicht bei einer Übung statt in Kampfhandlung aufgenommen wurde und auch der Ort, an dem es angeblich gemacht wurde, wurde immer wieder mal infrage gestellt und obendrein gibt es auch noch Menschen, die Zweifel anmelden, ob dieses Bild nicht eigentlich von jemand anders als Robert gemacht wurde.

Für mich spielt das alles eigentlich gar keine Rolle. Denn die Tatsache bleibt, dass dieses Bild bis heute die Menschen beschäftigt, bis heute die Gemüter erhitzt. Und es einen Krieg vermenschlicht, der bis dahin sehr abstrakt und weit entfernt war.

Am Ende des spanischen Bürgerkriegs ist Robert Capa ein berühmter Kriegsfotograf. Aber Kriege ist nicht das einzige, das er fotografiert. Zwar zieht er erstmal vom spanischen Bürgerkrieg weiter nach China, wo die Japaner gerade damit beschäftigt sind, das Reich zu überfallen, aber er macht auch eine Reportage über Waisenkinder, eine andere über die Tour de France und eine Reihe von Fotoessays über die Arbeiterklasse in Belgien.

Inzwischen hat es ihn nach England verschlagen. Dort arbeitet er als Korrespondent für Life Magazine und für diverse andere große Publikationen. Und da ist er auch, als die Alliierten endgültig in den Zweiten Weltkrieg eintreten. D-Day. Die berühmte Landung an der Normandie. Life Magazine schickt den damals berühmtesten Kriegsfotografen seiner Zeit los, Robert Capa. Vielleicht hat er sich auch freiwillig gemeldet. Sicher ist: Wer da die ersten Fotos liefern kann, hat es geschafft. Der Strand, an dem die Truppen landen würden, trug den Codenamen „Omaha Beach“ und die Deutschen erwarteten diesen Angriff. Sie hatten den gesamten Küstenabschnitt befestigt. Überall waren Bunker, im Wasser waren riesige Stahlungetüme, um zu verhindern, dass man direkt anlanden konnte, das ganze Ding war eine Todesfalle.

Robert Capa hatte mindestens zwei, wahrscheinlich sogar mehr Kameras dabei. Er landete mit den Truppen an. In einem der ganz regulären Truppentransporter. Und für die Geschehnisse, die ich jetzt gleich kurz beschreiben werde, gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: Nämlich einmal Robert Capa selbst, der 1947 eine kurze Biografie namens „Slightly out of focus“ herausgibt und da drin eben genau diesen Tag beschreibt und John Morris, der als Bildeditor bei Life an diesem Tag dafür zuständig ist, die Bilder von Robert Capa entgegenzunehmen, zu entwickeln und von London in die USA zu schicken, damit sie in der nächsten Ausgabe von Life Magazine zusammen mit einer Reportage erscheinen können.

Es ist der 6. Juni 1944. Das Wetter ist nicht ideal, sagen wir mal so. Es herrscht hoher Seegang und macht die Anlandung der Truppen zusätzlich schwer. Wer den Film „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat und dort die Einstiegsszene, der kann sich wahrscheinlich ganz gut vorstellen, wie das gewesen sein muss. Die alliierten Truppen dringen so weit sie können an den Strandabschnitt vor, während im Hinterland ein Luftangriff für Verwirrung sorgen soll. Je nachdem, an welchem Strandabschnitt man da in dieser ersten Welle landet, hat man mit viel oder mit sehr viel Gegenfeuer zu kämpfen. Und die ersten Soldaten, die es nach vorne schaffen, haben einen Auftrag, nämlich die Stahlbarrieren wegzusprengen, die da im Weg liegen.

Robert Capa ist bei dieser allerersten Welle mit dabei. Kurz, bevor sich das Tor zum Strand öffnet, befreit er seine Contax 2 Kameras von ihrem Wasserschutz und fängt an, Fotos zu machen. Das Tor öffnet sich und er fotografiert darauf los. Ein hinter ihm stehender Soldat vermutet in ihm einen Kameraden mit plötzlicher Panikattacke und stößt ihn beherzt ins Wasser. Robert Capa schafft aber, seine Kamera über Wasser zu halten und ans Ufer zu kommen, wobei er immer wieder fotografiert. Zusammen mit einigen anderen nimmt er Deckung. Er knipst von beiden Kameras beide Filme voll. Als er seine Kamera nachladen will, zittern seine Hände so stark, dass er dazu nicht in der Lage ist und er macht sich auf den Weg zu dem Schiff, das ihn wieder zurückbringen soll.

90 Minuten wird er an dem Strand verbracht haben und auf dem Weg zurück entstehen Aufnahmen von Sanitätern, die verwundete Soldaten versorgen.

Wieder in London müssen die Fotos so schnell wie möglich ins Büro von Life Magazine kommen. Capa schickt 4 Rollen Film los an das Büro von Life in London. Der Bildeditor John Morris kaut sich schon die Nägel nach diesen Bildern ab. Die Welt wartet auf die Reportage mit den Fotos von der Landung in der Normandie. Und die Zeit drängte, denn die Bilder konnten nicht in London bleiben, sondern mussten noch in die USA verschickt werden. Der Kurier braucht so ein bisschen und so wird es 6 Uhr abends, bevor die Filme im Labor ankommen.

John Morris macht Druck. Er muss die Bilder ja auch noch sehen und auswählen, er möchte Kontaktabzuge haben, das Labor soll sich beeilen. Er selbst erzählt das so:

[Einspieler]

„So I told the dark room to rush, rush development so can have contacts for editing.“

Er hat Stress gemacht. Schnell solls gehen.

[Einspieler]

„A few minutes later, an almost hysterical young lad named Dennis Banks came rushing into my office, saying: ‚John, the films are ruined!'“

Wenige Minuten später stürmt ein praktisch hysterischer Laborassistent namens Dennis Banks in John Morris Büro und schreit: „Die Filme sind ruiniert! Sie sind ruiniert!“

[Einspieler]

„I said, ‚what do you mean‘, he said, you were in such a hurry that I put them in the locker to dry, which was normal, but closed the doors and there was too much heat and the emultion ran“

Die Filme wären zum Trocknen in ein Trockengerät gepackt worden, sagt er, und er hatte die Tür geschlossen, versehentlich, und die Hitze war zu hoch eingestellt und daraufhin sind die Filme geschmolzen. Morris stürmt los. Die vielleicht wichtigsten Fotos seiner Karriere ruiniert? Er findet noch eine Rolle mit verwertbaren Fotos. 11 Bilder sind da drauf. Und diese Bilder sind dann die Bilder, die Life Magazine dann später drucken wird. Bilder, die wegen der Hitze etwas verwaschen und körniger aussehen und deswegen, da ist sich irgendwie jeder einig, auch dynamischer wirken.

Es sei ja ein Zettel mit dabei gewesen mit ein paar Notizen für die Aufnahmen und die sind dann die Grundlage für das Life Magazine, entsprechende Bildunterschriften zu drucken. Da ist ein Bild, in dem sich Soldaten vor feindlichem Feuer hinter den Stahlbarrikaden verbarrikadieren. Oder ein anderes Bild, in dem man einen Soldaten ans Ufer schwimmen sieht. Alle sind sich einig, dass Robert Capa unglaublichen Mut bewiesen hat, indem er vor diesen Soldaten geschwommen ist, um dieses Bild zu machen und schnell ist auch der Soldat identifiziert, der da drauf angeblich zu sehen ist.

Und ist das nicht eine großartige Geschichte? Das ist ziemlich genau die Geschichte, wie ich sie bisher immer wieder gehört und gelesen habe. Ich habe mir hier mal den Spaß gegönnt, loszuziehen und alle Bücher zusammenzutragen, in denen Fotos von der Normandie zusammen mit dieser Geschichte abgedruckt sind. Und ich habe inzwischen 6 Versionen von dieser Geschichte hier in meiner kleinen Minibibliothek gefunden. Plus die Variante von Robert Capa selbst in „Slightly out of Focus“, die ich als Hörbuch habe und die Interviews von John Morris. Hammer. Nur sehr wahrscheinlich so nicht ganz richtig.

Über 70 Jahre lang wird diese Geschichte so erzählt. Und nie ist jemandem etwas sehr offensichtliches aufgefallen: Wie viel Hitze eigentlich notwendig ist, um Filme zu schmelzen. Aber bevor wir dazu kommen; fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wie viele Ungereimtheiten tauchen in dieser Geschichte auf, wenn man sie sich genau anschaut?

Der Fotograf, Autor und Journalist A. D. Coleman hat sich vorgenommen, diesen Mythos mal auf Herz und Nieren zu prüfen und hat darüber eine ganze Reihe an Artikeln geschrieben. Es fängt damit an, dass er die Beobachtung aufstellt, dass diese Geschichte ausschließlich von Leuten erzählt wird, die keine Dunkelkammererfahrung haben. Es stellen sich nämlich ein paar Fragen. Das geht schon damit los, dass John Morris behauptet, dass die gesamte Entwicklung- und Trockenaktion wenige Minuten gedauert hätte. Es geht aber dann mit dem angeblichen Unfall gleich weiter. Da sei es ja so gewesen, dass diese Trockenkammer aus Versehen geschlossen worden sei und dann zu heiß wurde, da tauchen mehrere Fragen auf:

Frage Nummer eins: Ja, solche Kammern sind eigentlich immer geschlossen, weil Filme, die feucht sind, Staub anziehen. Und genau das gilt es zu verhindern. Und dann ist es auch so, dass diese Kammern jetzt nicht gerade astronomisch heiß werden, denn es geht ja nur darum, Feuchtigkeit zu trocknen. Da ist keine Herdplatte darin. Ich habe hier übrigens obendrein noch ein kleines Experiment gemacht und Kodakfilm auch eine glühende Herdplatte gelegt und ich kann sagen: Die angeblich so behandelten Filme, die ja dann gar kein Bild mehr gezeigt haben sollen, na ja, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Weil Film schmilzt zwar und verzieht sich auch, aber ich konnte hier auf meinen Negativen nach wie vor Bilder sehen. Und zwar ordentlich. Gut, in den 40er Jahren waren die Filme vielleicht anfälliger, was weiß denn ich, aber ich glaube auch, dass meine Ceranherdplatte etwas heißer ist als das Heizelement, das üblicherweise zum Trocknen von feuchtem Film verwendet wird. Also wie heiß soll das denn bitte da drin gewesen sein, dass in wenigen Minuten 4 Rollen Film ruiniert sind?

An anderer Stelle wird dann auch gesagt, dass die Emulsion sich zusammengezogen hätte und deswegen sieht man an den Negativen, dass die Stanzungen mit in den belichteten Teil hereinragen. Das wäre so ein Beweis für die Hitze, die da gewirkt hat. Stimmt auch nicht. Kontakts 2 Kameras waren dafür bekannt, dass die ausgeleuchtete Kammer etwas in den Rand hineinragte, das heißt, Fotos, die mit diesen Kameras gemacht wurden, sahen eigentlich immer so aus.

Von da ausgehend stellte sich Coleman die Frage, was eigentlich noch seltsam an dieser Geschichte sein könnte. Und da tauchen auch mehrere Dinge auf. Die erste Frage, die einem in den Sinn kommt, ist: Warum genau wurden die Filme eigentlich per Kurier verschickt? Wenn Robert Capa doch nach London zurückkehrte, warum hat er diese Filme nicht selbst zum Entwickeln gebracht? Und wie kann es eigentlich sein, dass es Filme von vor der Landung und nach der Landung gibt, die völlig unproblematisch entwickelt worden waren? Nur die Rollen von der Landung selbst sollen ein Problem gehabt haben?

Und mit diesen Fragen im Kopf hat sich dann Coleman mit den Fotos näher auseinandergesetzt und versucht, den Ort zu identifizieren, an dem Robert Capa an Land gegangen ist. Seiner eigenen Schilderungen nach ist er praktisch mitten im Kampfgeschehen angelandet, gleich um 6:30. Und das kann nach Coleman eigentlich nicht sein. Es gibt mindestens ein Bild, auf dem kann man anhand sichtbarer Erkennungsmarken identifizieren, wer auf dem Foto abgebildet ist. Und die Soldaten, die dort abgebildet sind, sind weder um 6:30 angelandet, noch war es der hart umkämpfte Strandabschnitt, den Robert Capa angeblich besucht haben will. Stattdessen war es ein eher ruhiger Abschnitt. Also, ruhiger, nicht unbedingt ungefährlich, aber doch nicht so hart umkämpft wie die anderen Bereiche. Und die Leute, die angeblich laut Life Magazine Bildunterschrift hinter einem Stahlgerüst in Deckung gehen, sind auch keine Soldaten, die dort in Deckung gehen, sondern Soldaten mit dem Auftrag, diese Stahlgerüste wegzusprengen, das heißt, die sind da absichtlich und bringen Sprengladungen an. Damit ist natürlich auch der einzelne Soldat, den Robert Capa in dem berühmtesten dieser 11 Fotos aufgenommen hat und von dem man glaubte, zu wissen, wer es ist, jemand ganz anderes gewesen.

Fassen wir also zusammen: Es sieht so aus, als wäre Robert Capa später als angegeben und an einer anderen Stelle als behauptet zur action an Omaha Beach zugestoßen. Da war die erste Welle schon vorbei. Da waren die größten Kampfhandlungen wahrscheinlich schon erledigt. Und obendrein war es ein Stück vom Strand, an dem weniger Gegenfeuer zu erwarten war. Den Dunkelkammerunfall hat es womöglich so nie gegeben.

Stellt sich nur die Frage, warum John Morris das denn behauptet, da hilft es, zu wissen, dass John Morris selber eigentlich keine Ahnung hat, was so ein Fotolabor alles macht. Also entweder ist irgendein Unfall passiert und er gibt es falsch wieder, oder womöglich hat Robert Capa nie 4 Rollen Film produziert, sondern einfach nur 10 Mal abgedrückt und danach in Panik das Schiff zurückgenommen und deswegen hat John Morris einen Mythos erfunden. Vielleicht war es auch ganz anders. Die Unternehmen aber, die an dem Mythos, dem Ruhm und natürlich auch dem finanziellen Wert des Mythos Robert Capa arbeite, also Magnum Photos oder auch das international Center of Photography oder die Capa Stiftung, die haben alle kein Interesse daran, dabei zu helfen, diese Fragen abschließend aufzuklären. Denn dieser Mythos wird jedes Mal, wenn D-Day in ein rundes Jubiläum geht, aufs neue wieder und wieder erzählt.

Und diese Bilder sind eindrücklich. Und ähnlich wie vorhin bei dem Bild des gefallenen spanischen Soldaten denke ich mir auch hier: Es ist eigentlich egal. Klar, mit journalistischer oder dokumentarischer Ethik hat diese Anekdote wahrscheinlich nicht viel zu tun. Aber die Wahrheit ist: Diese Soldaten, die in diesen Aufnahmen gezeigt werden, haben ihr Leben an Omaha Beach riskiert. Capa hat sein Leben dort riskiert, auch wenn er es vielleicht nicht ganz so sehr riskiert hat, wie der Mythos uns glauben machen will.

Die Bilder sind eindrücklich, auch heute noch. Sie sind übrigens auch unscharf. Nehmt das, ihr Schärfefanatiker da draußen! Und ob die Unschärfe nun, wie er selbst in seiner Biografie schreibt, durch seine zitternden Hände zustande gekommen ist oder durch einen Laborunfall, ist doch eigentlich auch völlig egal.

Was bleibt, ist allerdings trotzdem die Feststellung: An Robert Capa ist praktisch nichts echt. Der Name ist erfunden, der Spanische Soldat kommt mit einer Menge Fragezeichen daher, die D-Day Fotos sind anders entstanden, als uns erzählt wird und für mich werfen sich damit Fragen auf, wie wer war Robert Capa eigentlich wirklich und wie oft schauen wir uns Bilder an, von denen wir glauben, zu wissen, was sie zeigen, die mit der Wirklichkeit nicht ganz so viel zu tun haben, oder anders formuliert: Was schauen wir uns beim Blick auf die Fotos vom D-Day an? Unsere eigenen Überzeugungen, Robert Capas Bildgestaltung oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Robert Capas Werk ist sehr real. Es sind großartige Aufnahmen aus den verschiedensten Kontexten und er ist für mich ein gutes Beispiel, wie Fotografinnen und Fotografen manchmal auf ein oder zwei Dinge reduziert werden.

Nach dem Krieg wird Robert Capa amerikanischer Staatsbürger. 1947 kommen seine Kriegsmemoiren „Slightly out of focus“, eine Anspielung auf die zitternden Hände, die seiner Aussage nach für die Unschärfe in den D-Day Fotos verantwortlich war, auf den Markt und wird ein Bestseller. Er gründet Magnum Photos und lässt es erstmal etwas ruhiger angehen. Reisebücher, Sozialreportagen und dazwischen immer wieder wichtige Fotoessays. Er besucht Israel, wo er die dortige Unabhängigkeitsbewegung und dann die Flüchtlingsströme dokumentiert.

Er ist in Japan, um dort eine Reportage über Kinder zu machen, als ihm von Life Magazine ein Auftrag angetragen wird: Er soll einspringen. Ein Fotograf war ausgefallen, der in Indochina den dort herrschenden Krieg dokumentieren sollte und Capa wurde gefragt, ob er nicht dafür verfügbar wäre. Es ist sein letztes Assignment. Bei dem Versuch, eine Gruppe Soldaten beim Vormarsch zu fotografieren, tritt er auf eine Landmine.

Das war nun also meine Folge zu den D-Day Fotos von Robert Capa. Und in vielerlei Hinsicht ist diese Episode eine Art Fortsetzung von Folge 7, „Die kleine Blonde“, in der ich die Geschichte von Gerda Taro erzählt habe, ohne die uns der Name Robert Capa nie untergekommen wäre. Der Mann ist ein Mythos und die Figur, die wir mit Robert Capa verbinden, existiert so nicht. Und die Geschichten, die an seinen Bildern hängen, zum Teil auch nicht. 

Was bleibt, ist ein Bildstil, den Robert Capa geprägt hat. Eine Branche, die er nicht zuletzt durch die Gründung von Magnum Photos uneinholbar verändert hat. Politische Bewegungen, die er zum Teil mit seinen fantastischen Fotografien ausgelöst hat. Und ein Talent für Fotos, die uns bis heute berühren können. „Ist es nicht gut genug, bist du nicht nah genug dran“. Das ist das berühmte Zitat von ihm. An ihn selbst kommt man allerdings nur sehr sehr schwer. 

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Die kleine Blonde https://fotomenschen.kopfstim.me/die-kleine-blonde/ Sun, 20 Sep 2020 18:59:00 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Die spanischen Soldaten nannten sie „die kleine Blonde“ und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,50m große Gerda Taro lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben ihnen her in der unerschütterlichen Überzeugung mit ihrer Kamera die Welt verändern zu können.

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Bücher:

Dokumentation:

Episodenbild: Von Anonym – icp.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4236537


Transkript

Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 39 war eine Art Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg. Es war der erste Großkonflikt, bei dem auch Fotografen mit tragbaren Kleinbildkameras teilnahmen. Diese Kameras waren ein relativ neues Phänomen. 1914 bringt Leica die erste Kamera dieser Art auf den Markt und die neue Möglichkeit, gleichzeitig am Geschehen teilhaben zu können und es trotzdem festzuhalten, revolutioniert buchstäblich die Fotografie. Neugegründete Nachrichtenmagazine wies Time-Magazin sorgen außerdem dafür, dass die von Fotojournalisten geschossenen Fotos Essays ein Millionenpublikum finden. Es ist auch die Zeit, in der der Faschismus sich überall in Europa ausbreitet und besonders natürlich auch durch das Wirken der Nazis in eine Menge Menschen, insbesondere jene jüdischer Abstammung innerhalb Europas auf der Flucht. Und besonders Intellektuelle und Künstler zieht es natürlich in Europas Hauptstädte und da zuallererst Paris. Es ist dieses Paris, indem man zu der Zeit Picasso, Ernest Hemingway, Willy Brandt und so manchen anderen damals oder heute großen Namen antreffen kann. In Paris findet man zu der Zeit auch eine Menge Schriftsteller, Journalisten und Fotografen.

Oder anders formuliert: Es gibt eine Unmenge an Menschen, die versuchen, mit einer Schreibmaschine oder einer Kamera irgendwie über Wasser zu bleiben.

Eine von ihnen war die 23 jährige Gerta Pohorylle, die war wie viele deutsche Juden vor den Nazis auf der Flucht, hatte sie doch in Leipzig Flugblätter gegen die Partei Hitlers verteilt und war dort mit den Behörden in Konflikt geraten. Und bevor man sie dann endgültig festsetzte, hatte sie sich nach Frankreich abgesetzt. Die blonde Gerda sah so ein bisschen aus wie Natalie Portman, sprach drei Sprachen fließend und war gleichzeitig Charmebolzen und Energiebündel. Sie erledigte Schreibarbeiten für französische Medienhäuser und Fotoagentur und lernte über diese Arbeit und den damit kommenden Bekanntenkreis den Fotografen Endre Ernő Friedmann kennen. Wie Gerta war er wegen den Nazis aus Deutschland weggegangen. Wie sie war er ein mit20er und auch ihm sagt man ein gewinnendes Wesen und unglaublich viel Charme nach. Gerda und Endre teilen bald Tisch und Bett miteinander und versuchen ihr Glück gemeinsam. Er als Pressefotograf, sie als seine Agentin. Das Problem nur Auch wenn die Franzosen nicht so radikal wie die Deutschen zu der Zeit waren, waren sie trotzdem der vielen Migranten und Flüchtlinge einigermaßen überdrüssig. Und wenn man versuchte, ohne Aufenthaltsgenehmigung mit einem fremdartig klingenden Namen gute Aufträge zu ergattern oder ordentliche Preise zu erzielen, da hatte man es schwer. Und so hatte Gerda damals zwei großartige Ideen. Der erste Gedanke Zwei Fotografen produzieren mehr Bilder als einer. Endre hatte ihr inzwischen beigebracht, mit seiner Leica zu fotografieren. Und Gerda war Feuer und Flamme. Sie hatte die Fotografie schon immer gemocht. Selber zu fotografieren hieß damals übrigens nicht nur Fotos zu machen, sondern besonders für die mit wenig Geld. Hieß das auch im eigenen Labor zu entwickeln. Oder besser gesagt im eigenen Badezimmer. Der zweite Gedanke hatte mit den niedrigen Honoraren zu tun. Damals gab es nämlich eine Zweiklassengesellschaft. Die Fotografen, deren Namen man kannte, machten weit mehr Geld als die namenlose Heerscharen Pressefotografen, die irgendwie versuchten, von der Hand im Mund zu leben. Und zur letzteren gehörte Gerda Andres. Es war einfach auch sehr offensichtlich, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als Fotos für niedrige Preise zu verkaufen. Ein wohlklingender Name musste also her. Und so beschloss Gerda, dass sie sich als Agentin für den amerikanischen Star Fotograf Robert Capa ausgeben würde.

[Einspieler:]

“Friedmann klingt zu jüdisch, also wird aus Endré Friedmann, Robert Capa in Anlehnung an den Hollywood-Regisseur Frank Capra. Und aus Gerta Pohorylle wird Gerda Taro, eine Verneigung vor Greta Garbo. Die beiden glauben fest, dass ihre neuen Namen der Schlüssel zur Verwirklichung ihrer Träume sind. Gerda weiß mittlerweile genau, was die Fotoagenturen wollen. Sie ist bereit, alles für ihren Geliebten zu tun.”

Dieser Teil der Geschichte wird übrigens gerne mal falsch erzählt. Da wird behauptet, Gerda hätte praktisch Endres umgestaltet zu Robert Capa Das mag später mal dann so der Fall gewesen sein, aber am Anfang war die Idee tatsächlich die, dass beide Fotos schießen und dann als angebliches Werk von Robert Capa vermarktet würden. Und die Rechnung ging auf schon die Honorare der ersten Aufträge für Robert Capa waren dreimal so hoch wie alles, was Endres und Gerd vorher einfahren konnten. Das ging auch eine ganze Weile gut aber natürlich passierte dann, was passieren musste. Der ganze Schwindel flog auf. Und das war auch der Moment, in dem Endre endgültig zu Robert Capa wurde. Gerta und Endre waren talentierte Fotografen und deswegen hatte sich Robert Capa inzwischen einen ordentlichen Namen gemacht. Die Aufträge kamen also auch weiterhin rein. Inzwischen war das Jahr 1933 und die Welt hielt den Atem an. Als der spanische General Franco beschloss, die demokratisch gewählte Regierung in Spanien mit einem Militärputsch abzusetzen. Und es war damals weit mehr als einfach nur eine Regierung, die zu kippen drohte. Der Spanische Bürgerkrieg wurde gesehen als der Vormarsch des Faschismus. Die intellektuelle Elite in Europa ging davon aus, dass, wenn Franco erfolgreich sein würde, nichts mehr den Faschismus aufhalten könnte. Und viele von ihnen beschlossen deswegen nach Spanien zu reisen, einmal um das spanische Volk zu unterstützen. Es war ja tatsächlich so, dass die Bürger Spaniens sich gegen den Faschismus zur Wehr setzten oder wenigstens doch zu dokumentieren. Und auch Gerda und Robert machten sich auf den Weg. Wir machen uns da heute glaube ich, gar keine Vorstellung mehr, von wie mächtig damals Fotografie gewesen sein muss. Foto Magazine wie das Time Magazine waren gerade erst gegründet worden. Die Menschen waren noch nicht von endlosen Fotos und Videos abgestumpft. Vom Krieg hatte man gelesen und gehört. Ganz selten mal was davon gesehen.

Gleichzeitig fand in Spanien Unglaubliches statt. Hitlers Luftwaffe bombardierte Städte, um Franco zu unterstützen und es wurde auf das Verbissenste gekämpft. Im Ersten Weltkrieg gab es Millionen Opfer, aber das waren alles Soldaten. Im Spanischen Bürgerkrieg gab es über eine halbe Million Tote und die meisten davon Zivilisten. Und zwischen ihnen: Journalisten, Künstler, Intellektuelle und eben auch Fotografen. Es ist diese Zeit, wo sich Gerda und Robert einen Ruf wie Donnerhall erarbeiten. Sie gehen dahin, wo der Kampf wirklich tobt, an die Front. Sie laufen mit den Soldaten über die Schlachtfelder. Sie fotografieren nicht nur aus der Ferne das Geschehen, sondern von mittendrin. Von Robert Capa ist ein Zitat überliefert: “If you pictures and good enough,, you aren’t close enough.”- Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran. 

Und damit meint er nicht nur physikalisch nah genug, sondern auch emotional nah genug. Und Gerta ist fast noch besser in dieser Disziplin als Robert. Ein blondes, ein Meter fünfzig großes Persönchen, dem spanische Soldaten Respekt zollen für ihren Mut. Auch hier fotografieren sie beide unter dem Namen Robert Capa. Die Bilder werden gemeinsam vermarktet. Ihr Ziel ist es, mit den Fotos die Öffentlichkeit aufzurütteln. Das Schicksal der Spanier bekannt zu machen und unter Umständen den Verlauf des Krieges zu beeinflussen. Sie machen Fotos, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Es gibt mindestens drei große Kunstwerke, die man auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückführen kann. Ernest Hemingway schreibt nach den Eindrücken des Spanischen Bürgerkriegs den Roman “Wem die Stunde schlägt”. Picasso, geprägt von der Bombardierung der Stadt Guernica, erschafft ein Gemälde, das schon bei der ersten Ausstellung ein Millionenpublikum anzieht und als eine der großen Anti-Kriegsikonen der Menschheit beschrieben wird. Und Robert Capa hält einen spanischen Milizionär in der Sekunde, in der er erschossen wird, fest und wird mit diesem Bild weltberühmt.

Um dieses Bild sollte später noch viel gestritten werden. Und ich glaube, das verdient mal eine eigene Episode. Tatsache aber ist auch hier fotografierten Endre und Gerta gemeinsam. Und beide fotografieren längst nicht mehr, um damit Geld zu verdienen, sondern sind eigentlich Aktivisten in diesem Krieg. Gerda sagt einmal:” Wenn du mal daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein.” Ihre Bilder Strecken sind gefragt und unter dem Namen Robert Capa wird ein Fotoessay nach dem anderen veröffentlicht. Und auch Gerda kennt man zu der Zeit durchaus. Sie ist nicht nur eine von wenigen Krieg’s Fotografen. Sie ist die einzige Kriegsfotografin. Und mit ihren zu dem Zeitpunkt gerade mal knapp 27 Jahren nötigt ihr Mut jedem Respekt ab. Sie war auch längst nicht immer mit Robert gemeinsam unterwegs. Manche Einsätze bestritten die beiden auch getrennt voneinander allein. So auch im Juli 1937.

[Einspieler:]

“The News tells that Franco is preparing a major offensive and he intends it to be his decisive blow. He believes his attack will end this savage spanish war.”

Sie waren an die brunete Front geeilt, wo eine Offensive der republikanischen Armee gegen die Nationalisten tobte. Sie fotografierte diese Offensive, unter anderem auch die verheerenden Luftangriffe der deutschen Legion Condor. Wie immer ist sie ganz vorne mit dabei. Als die Situation brenzlig wird, beschließt sie, mit einem Rotkreuz Fahrzeug aus der Gefahrenzone zu fahren. Sie darf sich hinten auf ein Trittbrett stellen und zusammen mit einem Kollegen versucht sie, in Sicherheit zu kommen. Es ist dieser Moment, in dem sich ein weiterer Luftangriff von Legion Condor ankündigt. Der LKW kommt ins Schlingern. Gerda fällt von dem Trittbrett und wird von einem republikanischen Panzer überrollt. Sie kommt schwerverletzt ins Krankenhaus, wird dort noch notoperiert und stirbt aber in der Nacht. Ihre letzten Worte sind überliefert, als “wo sie meine Kameras”. Die waren freilich tatsächlich verschollen. Aber die Fotos, die sie an den Tagen und an diesem Tag geschossen hatte, die wurden tatsächlich wenige Tage später veröffentlicht. Und so war Gerda Taro nicht nur die erste Kriegsfotografin überhaupt, sondern auch gleichzeitig die erste Fotografin, die im Krieg im Einsatz ums Leben kam. Gerade drei Jahre vorher hatte Endre Friedmann ihr das Fotografieren und Entwickeln von Bildern beigebracht und ihr damit das Werkzeug in die Hand gedrückt, mit dem sie die Kriegsfotografie und Fotojournalismus für immer verändern sollte. Robert Capa erfuhr von ihrem Tod im Wartezimmer eines Zahnarztes aus der Zeitung. Und so wie ihr Tod Nachrichtenwert hatte, war auch ihre Beerdigung alles andere als gewöhnlich.

[Einspieler:]

“Gerda wird nach Paris überführt und an ihrem Geburtstag auf dem Pierre Lachaise beigesetzt. Sie ist 27 Jahre alt geworden. Der Trauerzug wird zu einer gigantischen Demonstration gegen den Faschismus.”

Robert Capa sollte ab da nicht mehr aufhören, Kriege zu fotografieren. Den spanischen Bürgerkrieg fotografierte er bis zu seinem Ende. Und später sollte er uns die berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs überhaupt, die verwaschenen, verwackelten Bilder von der Landung in der Normandie bescheren. Fotos übrigens, für die er beinahe gestorben wäre. Aber auch die Geschichte, will ich zu einem anderen Anlass erzählen. Wir bleiben noch ein bisschen länger bei Gerda. Die hatte nämlich zusammen mit Robert und zusammen mit einem Fotografen, den wir als Jim kennen, nämlich David Seymour, tausende von Fotos im Spanischen Bürgerkrieg geschossen. Und als Robert und Jim zum Ende des Kriegs hin überstürzt das Land verlassen mussten, packten die diese negative ,4500 an der Zahl, in drei Boxen und gaben sie in die Hände eines befreundeten Generals zur Aufbewahrung. Und wie das mit Kriegen so ist, schließlich fing ja dann auch der Zweite Weltkrieg an. Sie sorgen für Verwirrungen und Dinge gehen verloren. Und so waren auch diese drei Boxen komplett verschollen. Unter ihnen Aufnahmen wie die von dem Tag, an dem der gefallene Soldat fotografiert wurde und unzählige andere Ereignisse. Mexiko hatte damals großzügig Spanier auf der Flucht aufgenommen und ihnen die Möglichkeit gegeben, komplett überzusiedeln. Und das war ein Angebot, das viele Spanier angenommen hatten. Heute ist es so, dass praktisch jeder Spanier und eine große Zahl Mexikaner Familiengeschichte mit dem Spanischen Bürgerkrieg verbindet. Wie wir jedenfalls heute wissen traten auch diese drei Boxen, die zur Aufbewahrung abgegeben worden waren, eine Reise nach Mexiko an und waren dann dort einfach weiter verschollen, lagen auf einem Dachboden, bis sie 2007 endlich wieder auftauchten. Robert Capas Bruder hatte das International Center for Photography gegründet, dass sich unter anderem damit beschäftigt, das Erbe von Gerda Taro und Robert Capa zu verwalten. Freilich kennt Gerda kaum jemand, jeder hingegen kennt Robert Capa. Taros Biografin sagt, das hat im wesentlichen drei Gründe, Erstens sie ist eine Frau, Zweitens sie war Jüdin, Drittens sie starb und die Bilder die sie mit Robert gemeinsam veröffentlicht hatte ließen sich nichtmehr unbedingt zweifelsfrei zuordnen.

Das kam damals sowieso öfter vor. Insbesondere natürlich auch, wenn Negative zusammengeworfen werden oder verschütt gehen. Das Mexican Suitcase, wie man die drei Boxen, die 2007 auftauchten, inzwischen nennt, hat da allerdings wirklich Licht ins Dunkel gebracht. Denn viele von den Negativen lassen sich nun Gerda oder Robert Capa zuordnen. Die beiden haben auch relativ oft dieselben Szenen fotografiert und so ist es nochmal ein zusätzlicher Informationsgewinn. Die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beobachten zu können. Das International Center Photography hat sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die Fotos in dem Mexican Suitcase regelmäßig auszustellen. Und natürlich sind da dann Gerdas Bilder, soweit man sie zuordnen kann, eindeutig gekennzeichnet. Über 80 Jahre nach ihrem Tod, für Robert Capa war Gerda Taro die Liebe seines Lebens. Gerda Taro sollte die einzige längere Beziehung, die er eingehen würde, bleiben. Und auch er sollte Jahrzehnte später im Einsatz sterben. In Indochina fotografierte er den Vietnamkrieg und stirbt durch eine Antipersonenmine, als er versucht, mit seiner Kamera in der Hand näher an die Szene, die er fotografieren wollte, zu kommen.

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