Leica – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Mon, 13 Dec 2021 15:24:28 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Leica – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Die Leica-Story https://fotomenschen.kopfstim.me/die-leica-story/ Fri, 19 Nov 2021 14:46:45 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Unsere Fotografie wäre anders hätte es im Mikrosopie-Unternehmen Leitz nicht einen Filmenthusiasten gegeben der die erste Kleinbildkamera der Geschichte entwickelt…

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Transkript

Es ist ein wieder und wieder in der Szene wiederholtes Klischee, dass heutige Kameras ohne Ausnahme in der Lage sind, großartige Fotografie zu erzeugen. Die sogenannten großen Meisterinnen und Meister hatten alle mit Equipment zu kämpfen, das wesentlich eingeschränkter war als alles, was man heute so hat. Und trotzdem sind nicht alle Kameras gleich. Die Hersteller von Kamerasystemen investieren viel Zeit, Mühe und Geld, um sich ihre Nische ganz besonders deutlich herauszuarbeiten. Manche sind da erfolgreicher als andere und manchmal hilft es, wenn man für sich in Anspruch nehmen kann, die Welt der Fotografie komplett revolutioniert zu haben.

Optische Instrumente sind faszinierend. Optische Instrumente sorgen für Erkenntnis. Wir können die Welt um uns herum durch Teleskope, Mikroskope und Kameras wahrnehmen und verstehen lernen. Die Königin der optischen Disziplinen ist zum Ende des 19. Jahrhunderts die Mikroskopie. Lebensmitteltechnik, Baustoffe, Medizin, Chemie, Physik, allerorten wird durch speziell geschliffenes Glas das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Und die besten und teuersten Mikroskope, oder doch zumindest die Linsen dieser Mikroskope, kommen aus einem kleinen deutschen Städtchen namens Wetzlar. Dort hatte nämlich der Unternehmer Ernst Leitz I 1869 das zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alte optische Institut gekauft und daraus die Leitzwerke Wetzlar gegründet. Und zur Jahrhundertwende war das Familienunternehmen fest etabliert als Markt- und Qualitätsführer weltweit.

Leitz sah den Erfolg auch als eine Verantwortung an. Es ist ja eine Zeit der weitreichenden Umbrüche und die Industrialisierung sorgt nicht überall für schöne Bilder. Aber Leitz sieht sich eben nicht nur als erfolgreicher Unternehmer, sondern nimmt die Verantwortung, die er seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber hat, sehr, sehr ernst. Wer sich für sein Unternehmen entscheidet, sollte dort ein Leben lang eine Laufbahn einschlagen können. Und so herrschen in den Leitzwerken schon früh Arbeitsbedingungen, von denen man damals oft nur träumen konnte. Als eines der ersten Unternehmen überhaupt in Deutschland führen die Leitzwerke zum Beispiel den 8-Stunden-Arbeitstag ein. Es gibt eine Betriebsrente und eine Betriebskrankenversicherung. Das Unternehmen kümmert sich um Fortbildungen, es kümmert sich um die Angehörigen seiner Mitarbeiter und erreicht damit das, was wahrscheinlich ein nützlicher Nebeneffekt in der Kalkulation Leitzs gewesen sein mag, nämlich die besten Mitarbeiter, die der Markt hergab, für das Unternehmen zu begeistern.

Als Hersteller von Linsen und optischen Systemen beobachtet man bei Leitz natürlich die Entwicklungen auf dem Kameramann. Kameras zu der damaligen Zeit waren relativ unhandliche Geräte. Große Boxen, zum Teil mehrere Kilogramm schwer, meist umständlich und aufwändig zu bedienen und auch nicht unbedingt dafür geeignet, um die Art von Präzision hervorzubringen, die man bei den Leitzwerken anstrebte.

Bewegtbild war auf dem Vormarsch und so gab es auch bei Leitz eine Abteilung, die sich mit der Entwicklung von Technologien im Filmumfeld beschäftigte. Der Leiter dieser Abteilung war nicht nur ein Erfinder und Ingenieur, sondern außerdem auch noch Filmenthusiast. Er filmte in seiner Freizeit.

Allerdings war das ein einigermaßen kostspieliges Hobby. Der damals übliche 35mm-Kinofilm war nicht so kontrolliert produziert, wie wir das heute gewohnt sind. Wie lichtempfindlich das Material, das man gerade eingelegt hatte, war, musste man durch Ausprobieren herausbekommen und das war eine einigermaßen verschwenderische Praxis.

Und Oskar Barnack suchte jetzt nach Wegen, wie er diese Kosten senken konnte. Er konstruierte also ein kleines Gerät, um Teile dieses 35mm-Films testweise belichten zu können. Was er damit allerdings auch gebaut hatte, und das muss ihm sofort klar gewesen sein, war eine Schnappschusskamera. Eine Kamera also, die Fotos machte, und zwar in einer für damalige Verhältnisse geradezu absurd kleinen Filmgröße.

Rund um die Jahrhundertwende war es nämlich noch nicht üblich, dass Fotos vergrößert wurden. Die allermeisten Fotografinnen und Fotografen belichteten ihre Bilder in der Zielgröße, das heißt, sollte die Aufnahme größer werden, musste eine größere Kamera her. Barnack jetzt hatte eine Kamera konstruiert, in der auf einer mini kleinen Negativfläche belichtet wurde und damit war automatisch auch eine Notwendigkeit entstanden, diese Bilder zu vergrößern.

Dafür konnte man die kleine Urleica genannte Konstruktion aber zum Beispiel auf Wanderungen mitnehmen. Klar, es gab schon lange Menschen, die Kameras auf Wanderungen mitgenommen haben, aber es ist halt schon ein Unterschied, ob du einen 10 Kilogramm schweren Holzkasten plus Chemikalien mit dir herumträgst oder eine kleine Kamera in die Tasche steckst.

Die Konstruktion dieser kleinen Kameras war keine offizielle Aufgabe, die Oscar Barnack für Leitz erledigte, sondern eher so eine Art Hobbyprojekt. Dennoch zeigte Leitz von Zeit zu Zeit seine Fortschritte und der stand dem Projekt wohlwollend bis gleichgültig gegenüber. Denn es gab ja einige Probleme, die man aus damaliger Sicht eigentlich gar nicht lösen konnte oder wollte.

Zum Beispiel eben die Frage der Filmvergrößerung. Diese Kamera konnte doch nie im Leben die richtige Qualität liefern, die man brauchte, um wirklich damit zu fotografieren. Außerdem gab es ja auch noch das Problem, wie man den Film dort einlegt und wo man den herbekommt. 35 mm Film war ja für Bewegtfilm gedacht und nicht für Fotografie. Und so musste man sich einen Weg ausdenken, wie man den Film in die richtigen Formate bringt und in die Kamera bekommt. Auch die Entwicklung des Rollfilms war zu der Zeit zwar schon im vollen Gange und natürlich auch bekannt, aber eben auch ein Novum.

Und so entstehen rund um 1914 ein paar Prototypen der heute sogenannten Urleica, von denen es noch zwei erhaltene Exemplare gibt, gleichzeitig die teuersten Kameras der Welt, wenn man so eine Kamera nämlich haben möchte, muss man nicht nur Leica davon überzeugen, dass sie einem das Gerät abtreten, nein, man sollte auch mindestens mal zwei Millionen auf der hohen Kante haben.

Aber zurück zu Barnack und den Leitzwerken. Die Werke, aus denen eben dann später Leica werden würde. Noch ist das Hauptgeschäft die Mikroskopie. Aber Leitz möchte die Werke gerne ausbauen und die Weltwirtschaftskrise macht das schwierig. Also beschließt er, in eine neue Sparte zu investieren. Aus der Urleica soll eine Produktreihe entstehen. Es werden dafür Objektive aufgelegt, es werden Patente angemeldet und natürlich reicht das nicht, denn für so ein Novum braucht es auch entsprechendes Zubehör, also eine Dunkelkammerausrüstung, mit der man die Fotos nicht nur entwickeln, sondern auch gleich vergrößern kann.

Allein das Ding mit der Vergrößerung: Die Fachwelt sieht mit einem gewissen Naserümpfen auf diese kleinen Kameras herab. Und da entsteht eine wirklich spannende Dynamik, denn diese Kameras erobern die Welt der Fotografie im Sturm.

Wenn man heute Analogfotografinnen- und fotografen davon reden hört, dass sie so gerne mit dieser Technik fotografieren, weil es so entschleunigend ist, dann ist das auch vor dem Hintergrund witzig, dass die Leica damals eine nie geahnte Geschwindigkeit und Hektik in den Alltag der Fotografinnen und Fotografen brachte. Es ist ein kleines, unauffälliges Gerät. Die Filme sind inzwischen kontrollierbarer und lichtempfindlicher geworden, die Leitz Kamerawerke, die dann später eben Leica heißen werden, konstruieren lichtstarke Objektive, die in der Lage sind, auch bei wenig Licht auch brauchbare Ergebnisse zu produzieren.

Und die Fotografinnen und Fotografen sind wie im Rausch. Es ist die Zeit eines Henri Cartier-Bressons, einer Gerda Taro, aber die Profis, die weisen darauf hin, dass man ja mit so einem kleinen Negativ eigentlich keine Qualität erzeugen kann. Außerdem, was soll denn dieses ganze Gehetze? Da kann man doch nicht ordentlich komponieren.

Die Leica erobert sich also ihre Nische, nämlich die Reportagefotografie. Den Bereich der Fotografie eben, wo es nicht so ganz auf die Details ankommt, wo das Bild auch gerne so ein bisschen grobkörniger und kontrastreicher sein darf, und wer es sich leisten kann, benutzt sie natürlich auch als eine Art Schnappschusskamera.

Natürlich weiß man bei den Leitz Kamerawerken, dass die Kamera durchaus in der Lage ist, sehr hochwertige Ergebnisse zu produzieren, aber die Welt der Fotografie glaubt das nicht so ganz. Bis zu einem denkenswerten Tag im Jahr 1932, als nämlich der Fotograf Wilhelm Schack mit einer Leica in den Frankfurter Zoo geht und dort zwei liegende Löwen fotografiert und dieses wirklich bemerkenswerte Bild hinterher auf eine Größe von 60×80 cm vergrößert.

Und damit in der Fachwelt ein für alle Mal demonstriert, dass auch verhältnismäßig kleine Negative dazu in der Lage sind, hochauflösende, detailreiche, beeindruckende Fotografien zu erzeugen. Leica war endgültig im Markt angekommen und hatte sich an die Qualitätsspitze einer Bewegung gestellt. Weltweit wurde die Kamera Synonym für großartige Fotografie. Und weltweit wurde die Kamera Synonym für kompromisslose Fertigungsqualität. Bis heute werden Leicakameras überwiegend im Handarbeit gefertigt und bis heute kann man Kameras aus der gesamten Leicageschichte in den Werken restaurieren, reparieren und warten lassen. Und Kameras mit 70 Jahren und mehr auf dem Buckel, die immer noch problemlos funktionieren, sobald ein Leicatechniker liebevoll Hand angelegt hat, sind keine Seltenheit.

Wir sind also in den 30er Jahren. Es ist die Zeit der Weimarer Republik. Und der Enkel des Unternehmensgründers Ernst Leitz II leitet inzwischen die Leicawerke und ist aktives Parteimitglied in einer progressiven linken Partei. Die Nazis sind auf dem Vormarsch und die Nazis sind Ernst Leitz ein Gräuel. Trotzdem, wissen wir natürlich, der Vormarsch der Nazis lässt sich nicht aufhalten und so ändert sich für die Menschen in Wetzlar natürlich genauso der Alltag wie für alle anderen.

Ernst Leitz hat dabei mehr Vorausschau als die Meisten. Der Unternehmer ist hervorragend vernetzt und sein Vermögen, genauso wie den Respekt, den er weltweit genießt, schützt ihn und seine Familie vor dem direkten Durchgriff der Hitlerpartei. Und Ernst Leitz, wie vielen anderen in der Zeit, ist auch völlig bewusst, wie gefährlich die Lage für Juden in Deutschland zu werden droht.

Aber an der Spitze eines Unternehmens mit weltweit verteilten Niederlassungen gibt es Dinge, die man tun kann und so beginnt Leica damit, bevorzugt Juden auszubilden und, sobald sie einen ausreichenden Kenntnisstand haben, in ihre ausländischen Niederlassungen zu verschicken. Zu den Arrangements gehört ganz selbstverständlich, dass die Familie mitreisen kann. Bevorzugte Ziele waren Großbritannien und die Vereinigten Staaten; Länder, die zwar in einem gewissen Rahmen Hilfsprogramme unterhielten, aber auch Länder, die unter der Last der Flüchtlinge beschlossen hatten, ihre Grenzen zu schließen und hohe Anforderungen an Einreisewillige zu stellen. So war es zum Beispiel notwendig, eine Anstellung zu haben, um ins Land reisen zu dürfen.

Die Firma Leitz bot das ihren Mitarbeitern. Sie kamen als hoch qualifizierte Feinmechaniker oder optische Experten in zum Beispiel New York an, bekamen dort dann eine Leica überreicht, weniger, damit sie damit fotografieren, als eher eine Art Vermögensanlage, die sie sich auf die Seite legten, um im Falle des Falles Geld auftreiben zu können und traten eine mehrmonatige Stelle in der Leicaniederlassung vor Ort an. Oft wussten sie zu dem Zeitpunkt auch schon, dass es eine befristete Stelle sein würde, gerade lange genug, damit sie eben in den USA aus eigener Kraft Fuß fassen konnten.

Die Familie Leitz hat da nie einen großen Hehl drum gemacht und es existiert auch keine ausführliche Dokumentation, aber man schätzt, dass es mehrere hundert Familien gibt, die ihr Überleben der Familie Leitz verdanken. Irgendwann bricht der Krieg aus und auch die Leicawerke müssen sich dem Naziregime unterordnen und jetzt kriegswichtige Güter produzieren. Zielerfassungssysteme, Militärferngläser und so weiter. In den Werken sind jetzt immer weniger Fachkräfte und immer mehr Zwangsarbeiter eingesetzt und obwohl er jetzt selbst keine Juden mehr retten und verschicken kann, fängt Ernst Leitz damit an, im Hintergrund andere Aktivisten zu unterstützen. So kennen sich zum Beispiel Schindler und Leitz persönlich und es fließen Hilfsgelder, die Schindler seine Aktivitäten ermöglichen.

1942 haben dann die Nazis erst mal genug von den Aktivitäten, die sie ja schon etwas länger beobachten, und schicken die Gestapo bei Familie Leitz vorbei, um den Familienpatriarchen, damals schon über 70 Jahre alt, in Haft zu nehmen. In dem Wissen, dass er diese Haft wahrscheinlich nicht überleben würde, stellt sich seine Tochter in den Weg und nimmt alle Vorwürfe auf sich. Die Familienmutter wird danach in Haft genommen und mehrere Monate lang von der Gestapo verhört. Der Vorwurf: Übertriebene Humanität und Beihilfe zur Flucht von Gastarbeitern aus dem Osten und Juden. Ernst Leitz setzt sein Vermögen ein und schmiert den Apparat und schafft es dann auch, dass seine Tochter nach mehreren Monaten Haft auf freien Fuß gesetzt wird und glimpflich davonkommt.

Als der Krieg vorbei ist, ist Leica in der Hand der Alliierten und wagt einen Neustart. Leica wird auch da erstmal seinem Namen und Ruf gerecht. Weiterhin werden Kameras und Mikroskope gebaut, die ihresgleichen in Sachen Qualität und Innovation suchen. In den 80ern entwickelt Leica ein Ultraschallmikroskop, das bis dahin nie geahnte Detailauflösungen ermöglicht. Und in der Fotografie entwickelt Leica Innovationen wie das erste Autofokussystem überhaupt und experimentiert mit Digitaltechnik zu einer Zeit, als überhaupt noch gar keine Rede von Digitaltechnik in der Fotografie war. Man beschließt allerdings, dass es bei einer Leica eben weniger darauf ankommt, immer hinter der neuesten Entwicklung hinterherzujagen als auf die kompromisslose Qualität. Und das ist etwas, das bis heute Leica anhängt.

Die Firmengeschichte war dann trotzdem erstmal turbulent. Leica hat ein Auf und Ab aus verschiedenen Umfirmungen hinter sich und Leitz gab irgendwann mal die Kontrolle ab, sodass die Familie Leitz zwar mit der Geschichte von Leica verbunden ist, aber nicht mehr Besitzer des Unternehmens sind.

Viel hätte auch gar nicht gefehlt und es gäbe keine Leica mehr. 2004 steht das Unternehmen nämlich endgültig vor dem Aus. Als die Pleite droht, kommt die Rettung in Gestalt des Österreichers Andreas Kaufmann. Er kauft sich die Aktienmehrheit und investiert. Heute ist Leica eigentlich gar kein einzelnes Unternehmen mehr, sondern es gibt drei verschiedene Unternehmen. Kamera, Objektive und Zubehör kommt von der Leica Kameratechnik in Solms. In der Schweiz sitzt die Leica Geosystems und in Wetzlar, wo alles begann, ist Leica Microsystems und baut immer noch Mikroskope.

Die Kameramarke Leica ist immer wieder mal kontrovers diskutiert. Viele finden ihre Technik zu teuer, andere beklagen den Mangel an Innovation und diesen Gruppen stehen dann natürlich jene gegenüber, die den Preis völlig angemessen finden und feiern, dass Leica ihrer Meinung nach sich auf genau die wesentlichen Funktionalitäten und eben nicht mehr konzentriert.

Egal, wie man Leica jetzt gegenübersteht: Unstrittig ist, dass die Fotografie heute so aussieht, wie sie aussieht, weil Oscar Barnack irgendwann mal ein kleines Gerät konstruierte, um damit Film zu testen. Seither verdanken wir Leica eine bestimmte Bildsprache, ganze Genres und tausende und abertausende ikonischer Bilder, die aus der Hand von Fotografinnen und Fotografen gemacht wurden, die ihre Leicakameras heiß und innig liebten. Viele von ihnen jüdischer Herkunft und viele von ihnen auf ewig dankbar für das, was die Familie Leitz für sie getan hat.

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Fotograf:innen wider Willen https://fotomenschen.kopfstim.me/fotografinnen-wider-willen/ Sat, 19 Dec 2020 16:25:16 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Posthum entdeckte Fotograf:innen scheinen ein Ding zu sein… wie lange noch?

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Transkript

Für die heutige Episode habe ich mich mit Fotografinnen und Fotografen beschäftigt, deren Arbeit erst nach ihrem Tod bekannt geworden ist. Und die wahrscheinlich zu ihren Lebzeiten nicht zugestimmt hätten, wenn man ihre Arbeiten verbreitet hätte. Das waren keine Künstlertypen. Sie entwickelten nicht selber und hätten selbst ihrem Hobby kaum Bedeutung beigemessen. Heute würden sie wahrscheinlich mit einem IPhone fotografieren und ein Album mit Bildern füllen, das sie vielleicht mit ein paar Freunden teilen. Das war es aber dann schon.

Meine Großelterngeneration ist vermutlich die erste Generation, für die es normal war, mit Babyalltagsfotos aufzuwachsen. Es sind Kameras wie die Kodak Brownie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Markt kommen, die so einfach zu bedienen sind, dass man nichts von Fotografie verstehen muss, um Fotos damit zu machen.

Und es mangelte ja nie an der Fotobegeisterung. Schon bei der Vorstellung der Daguerreotypie waren Tags danach dutzende von begeisterten Wissenschaftlern damit beschäftigt, ihre eigenen Daguerreotypien aus ihren eigenen Dachfenstern zu schießen. Die Idee, Bilder festhalten zu können, war von Anfang an magisch, aber nicht jedermann und jederfrau hatte Lust (oder die Fähigkeiten), sich eigene Kameras zu bauen, eigene Linsen zu besorgen oder die Chemie zu meistern, die notwendig war, um zum Beispiel im Kollodium-Nassplattenverfahren zu fotografieren.

Und deswegen war die Fotografie am Anfang oder in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz eine Beschäftigung für Menschen mit Zeit, Geld, technischem Sachverstand oder dem Beruf Fotograf. Bilder zu machen war also möglich, aber es war einigermaßen aufwändig, weswegen zwar jede Familie vermutlich Familienbilder hatte, aber die eben dann gezielt vom Fotografen anfertigen ließ.

Mit der Erfindung des Rollfilms und einfacher Kameras wie der Kodak Brownie änderte sich das. Man konnte daheim fotografieren. Man konnte den ganzen Kram in ein spezialisiertes Geschäft schicken und fertige Bilder zurückbekommen. Und damit wurde der Alltag zum Fotoobjekt.

Und wenn ich das alles so erzähle, dann wird dadurch hoffentlich eins klar: Warum fotografiert wird, hängt immer auch von den technischen Möglichkeiten ab. Am Anfang wurde viel aus wissenschaftlichem Antrieb und zu Dokumentationszwecken fotografiert. Oft ging es den Fotografinnen und Fotografen auch darum, herauszufinden, wie Dinge denn aussahen, wenn man sie mit einem fotografischen Verfahren auf Papier oder Glasplatte bannte.

Und relativ früh gab es auch einen Zwiestreit zwischen der Malerei und der Fotografie. Maler rümpften die Nase, denn es war in ihren Augen ja völlig aufwandsbefreit, ein Foto zu machen, während sie sich ja Stunden, manchmal Tage mit ihren Gemälden beschäftigten. Für Maler waren Fotografien oft nichts anderes als Hilfsmittel um bessere Gemälde malen zu können.

Fotografen wiederum versuchten, das Gegenteil zu beweisen. Sie versuchten, zu zeigen, dass es mehr brauchte als einfach nur die Beherrschung der Technik, um sinnvolle, gehaltvolle Fotografien zu erzeugen. Und ganz zu Anfang sprechen wir auch von einer Zeit, in der die Bilder, die Menschen schon mal gesehen hatten, oft gemalte Bilder waren. Und entsprechend sahen dann auch künstlerische Fotografien ein bisschen so aus, als würden sie versuchen, wie Gemälde auszusehen.

Mit Rollfilm und Kameras wie der Brownie kam die Fotografie in die Hände von jederfrau und jedermann. Und damit änderte sich dramatisch, wie die Bilder aussahen. Bilder, die gestellt waren und an die Malerei der damaligen Zeit erinnerten wurden verdrängt von Alltagsschnappschüssen, von Perspektiven, die keiner absichtlich so geplant hätte.

Und mit diesen Aufnahmen änderten sich unsere Sehgewohnheiten. Und der Grund, warum Menschen fotografierten. Mehr und mehr wurden Fotos zu einer Art visuellem Tagebuch. Fotos wurden jetzt nicht nur zu wichtigen Anlässen gemacht, sondern zum Beispiel auch, um den Urlaub zu dokumentieren. Und auch hier sehen wir die Entwicklung in der Technik, gespiegelt von der Entwicklung in unseren Sehgewohnheiten und den Fotografiegewohnheiten.

1914 wird die Firma Leica gegründet. 1920 die Firma Rollei. Und beide Firmen sind berühmt für ihre Kameras. Besonders die Leica begründet das, was wir heute „Kleinbildformat“ nennen. Kleine, kompakte Kameras, Präzisionsgeräte, die es zum ersten Mal möglich machten, Reportagen zu fotografieren, die Kamera immer dabei zu haben und auf kleine Rollen Film Alltagsszenen festzuhalten. Unauffällig.

Tausende Fotografien entstehen in der damaligen Zeit. Und Magazine beginnen, Fotoessays abzudrucken. Unsere Urgroßeltern sehen diese Bilder. Die sind praktisch omnipräsent. Jedes wichtige Ereignis wird über solche Bilder kommuniziert. Und natürlich fangen dann die Hobbyfotografinnen und Fotografen an, einen ähnlichen Stil an den Tag zu legen. Die Kameras von Leica und anderen konkurrierenden Herstellern werden zu Verkaufsschlagern. Noch nie war es so einfach, Bilder zu erzeugen, noch nie war es so einfach, so ein Ding immer dabei zu haben, und so werden die Menschen zu Fotojournalisten. Zu Fotojournalisten, die Reportagen ihrer eigenen Lebensgeschichte festhalten. Und es beginnt die Blütezeit eines Fotogenres, das bis Heute zu einem der wichtigsten Bereiche der Fotografie zählt: der Street Photography, der Straßenfotografie.

Der Fotografie nämlich, in der man mit einer Kamera (oder heute mit dem Smartphone) Alltagsszenen festhält. Da ist es dann von den fotografischen Vorlieben abhängig, was genau festgehalten wird. Manche Fotograf*innen sind darauf spezialisiert, skurriles und lustiges festzuhalten. Andere fotografieren besonders dramatische Ereignisse gerne. Wieder andere gehen auf die Suche nach besonderen oder originellen Szenen in der Menge. Es gibt das Subgenre der Straßenportraits, es gibt Szenen, in denen es eigentlich nur auf die Geometrie oder das Spiel mit Licht und Schatten ankommt.

Egal wie, es fängt damit an, dass Kameras so handlich, schnell und günstig zu haben sind, dass man sie wirklich immer dabei haben kann und nicht nur Spezialpersonal mit diesen Kameras herumläuft, sondern eben auch, in Anführungsstrichen, „ganz normale Menschen“.

Hinzu kommt, dass es einen enormen Spaß macht, mit den Kameras der damaligen Zeit zu fotografieren. Ich habe hier mehrere alte Kameras. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste den Film, den ich gerade vollfotografiert habe, nicht mal unbedingt entwickeln lassen, um Spaß an dem Hobby zu haben.

Und so geht es tausenden. Die Welt wird geflutet mit Bildern. Das ist ein Trend, der bis heute anhält. Schon in meiner Jugend hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Bilder im Haus habe, als ich jemals bei klarem Verstand anschauen wollen würde und auch nur anschauen könnte.

35mm Rollfilm war damals das hauptsächliche Medium der Wahl. 36 Aufnahmen pro Rolle konnte man machen und 2003 war Peak Rollfilm. Da wurden weltweit 930 Millionen Rollen Film verkauft. Fotografiert wurde da fast alles. Was es allerdings eher seltener gab, war, dass Leute ihr Essen fotografierten. Das kam schon mal vor, aber ich erinnere mich sehr gut daran, dass meine Eltern eigentlich nur dann Essen fotografiert haben, wenn es einen besonderen Anlass gab. Zum Beispiel ein Buffet zum Anlass eines 60. Geburtstags. Oder das Weihnachtsessen. Ich kann mir immer noch verwackelte Fotos von Gänsepastete anschauen, wenn ich das will, ich muss nur ein altes Fotoalbum aus dem Schrank nehmen. Aber es war die Ausnahme. Heute gibt es Leute, die machen praktisch nichts anderes, als jeden Tag ihre Mahlzeiten auf Instagram hochzuschießen.

Und wo wir schon beim Thema sind: Wir leben in einer Welt, in der es diverse soziale Netzwerke gibt und fast alle haben gemeinsam, dass sie eine besondere Betonung auf das Tauschen von Bildern legen. Allerdings gibt es den Fotokönig unter den sozialen Netzwerken: Instagram. Instagram sieht pro Sekunde 995 neue hochgeladene Bilder. Und das sind, ich erspar dir die Rechnerei, aufs Jahr gesehen in etwa genauso viele Fotos wie die Menschheit 2003 insgesamt auf Rollfilm gepackt hat. Nur, dass Instagram eine von mehreren Plattformen ist. Und nur, dass bei den meisten Kanälen für jedes hochgeladene Foto es wahrscheinlich 20 andere in den Galerien und Fotoalben ihrer Besitzer auf den Smartphones fliegen.

Und wieder folgen unsere Fotografiegewohnheiten der Technik. Meine Eltern hätten ihre Fotos niemals fremden Menschen gezeigt. Die waren der Familie vorbehalten. Sicherlich, Familie musste dann auch mal durch einen Diasabend durch oder sich mit einem Fotoalbum auf die Couch setzen und erzählen lassen, was so besonders an dem speziellen, verwackelten Berg Panorama war, das man dort eingeklebt hatte, aber es wäre niemandem auch nur im Entferntesten in den Sinn gekommen, beliebigen Leuten Bilder unter die Nase zu halten, in der Erwartung, dass die Begeisterung zeigen.

Das ist aber die Welt, in der wir heute Leben. Immer weniger Menschen fotografieren nur für sich selbst. Sie fotografieren auch für ein Publikum. Klar sind das dann oft Freunde und Bekannte, aber speziell auf Medien wie Instagram zeigen wir die Bilder dann auch wildfremden. Und wer in den letzten 20 Jahren geboren wurde, hat einen praktisch lückenlosen Schatz an Fotos auf der Festplatte, vom Babyalter bis zum letzten Frühstück.

Und das bringt mich wieder zurück zur Eingangsfrage: „Warum fotografieren wir?“. Immer öfter wird fotografiert, um das Leben zu dokumentieren. Um sich an Alltag zu erinnern. Um vielleicht auch festzuhalten, wie wir uns über die Jahre verändern, mit wem wir welche Erlebnisse geteilt haben.

Das ist allerdings auch eine Art der Fotografie, die endet mit uns. Ich habe vor kurzem Mal einen Artikel über digitale Amnesie gelesen. Da wurde darauf hingewiesen, dass unmengen persönlicher Bilder regelmäßig verloren gehen, weil Menschen nicht mehr wissen, wo sie sie abgespeichert haben. Da gibt es Bilder, die nur auf Handys liegen und bei Verlust des Handys verloren gehen. Da gibt es Bilder, die auf Cloudaccounts synchronisiert sind und wenn der Fotograf oder die Fotografin sterben mit ausbleiben von Zahlungen vollautomatisch gelöscht werden. Oder passwortgeschützte Bildsammlungen, an die niemand mehr rankommt. Oder Bildersammlungen, die auf Computerfestplatten liegen, die irgendwann ausgemustert werden. Wir produzieren so viele Bilder, dass sie fast schon ihren Wert verloren haben.

Und die Welt teilt sich plötzlich in zwei Lager: Die nämlich, die versuchen, mit ihren Fotografien Publikum zu erreichen und unter Umständen Geld zu verdienen und die, die einen Berg an Fotografien erzeugen, die uns kollektiv egal sind. Natürlich gab es auch in den letzten Jahrzehnten immer schon Berge von Fotos, die uns kollektiv egal waren. Was interessieren auch die Bilder von Oma und Opa beim Skifahren? Oder besagtes Buffet vom 60järigen Geburtstag des Großonkels?

Aber eigentlich erstreckte sich das früher nur auf die Alltagsfotografie. Aber da gab es ja auch noch diese Anderen. Diese Fotografinnen und Fotografen, die Fotografie als Hobby betrieben. Die eben nicht nur ihren Alltag, sondern auch die Menschen um sich herum, die Szenen, die sie sahen, fotografierten und festhielten. Manchmal nur des Fotgrafierens willens.

[Einspieler]

„You know these moments on antique’s rows shows when someone discovers that the painting they bought at a flea market is worth 100000 dollars? Well, this next story is kind of like that. Except, the chicago man who found this unexpected treasure also found himself with a huge responsibility because he may have discovered one of the finest street photographers of the mid 20th century. A chicago nanny by the name of Vivian Maier.“

Wenn man einfach mal beliebige Leute fragt, ob sie berühmte Fotografen benennen können, dann gibt es wenige Namen, die da immer wieder aufkommen. Da wäre einmal Helmut Newton, es gibt ja in heutigen Buchhandlungen kaum noch Fotobildbände, aber Helmut Newton mit seinen Nacktfotos ist da garantiert vertreten, das könnte vielleicht einer der Gründe dafür sein, warum ihn auch noch viele kennen, oder an Sam Adams, der tatsächlich durch seine Schwarz-Weiß-Landschaftsfotografien absoluten Kult- und Berühmtheitsstatus erreicht hat. Aber schon der verblasst nach und nach. Die heutige Generation hat den Namen vermutlich schon nicht mehr gehört.

Und dann gibts da noch Vivian Maier. Und die hauptsächlich aus zwei Gründen: Ein Mal fasziniert uns die Geschichte. Vivian Maier war nämlich schon längst tot, als ihre Bilder entdeckt wurden und sie war eine Nanny, also ein Kindermädchen, die in ihrer Freizeit fotografiert hatte, und nie auch nur ein Bild veröffentlicht hatte. Das Ganze war ein Zufallsfund und die Bilder stellten sich heraus als spektakulär gut. Aber spektakulär gute Fotos werden täglich irgendwo gefunden, ohne dass wir uns dafür interessieren. Im Fall von Vivian Maier kam noch dazu, dass die Medien fasziniert waren von der Geschichte. Es gab also ausreichend Berichte und sogar ein Dokumentarfilm wurde gedreht.

Ja, und deswegen kennen den Namen auch noch so ein paar.

Vivian Maier heißt eigentlich Vivian Dorothy Maier und wird am ersten Februar 1926 in New York geboren. Und man weiß verdammt wenig über sie. Ihr deutsch klingender Name kommt daher, dass ihr Vater aus Österreich eingewandert war. Ihre Mutter war aus Frankreich und ihre Eltern hatten sich in New York kennengelernt. Der Vater verlässt die Familie als Vivian 4 ist. Vivians Mutter arbeitet als Haushaltshilfe und Kindermädchen für die wohlhabenden Familien New Yorks. Dadurch haben Vivian und ihre Familie regelmäßigen Umgang mit gebildeten und reichen Kreisen, sind sich aber jederzeit bewusst, dass sie dort nicht dazugehören.

Dieser Lebensstil, dieses „sich um die Kinder anderer kümmern“ wird dann später Vivians Leben bestimmen. Das ist ihr Beruf. Sie wird eine Nanny werden. 1949 bringt sie der Tod ihrer Großmutter nach Frankreich, wo sie sich ein Mal um die Nachlassformalitäten kümmern muss und dort ihre Liebe zur Fotografie entdeckt. Sie wird nie wieder aufhören zu fotografieren. Über 100000 Bilder wird sie innerhalb von 40 Jahren machen.

Vivian Maier heiratet nicht, zieht aber diverse Male um. Der Großteil ihrer Fotografien wird in Chicago und New York gemacht. Aber allgemein gehört Fotografie zu ihrem Alltag. Jeder freie Tag ist mit Fotografie gefüllt. Anfangs hauptsächlich mit einer Rolleiflex, einer Kamera, die für die damaligen Verhältnisse unglaublich leicht und leistungsfähig war und auf Rollfilm belichtete. Ihre Bilder werden meistens nicht belichtet, sie bleiben unbelichtet, sie sammelt sie in Kartons.

Überhaupt sammelt Vivian so einiges in Kartons. Von ihr ist bekannt, dass sie obsessiv Zeitungen behält und sie in ihrer Wohnung stapelt und ihr Leben in Kartons verpackt. Man würde vermutlich heute von jemandem mit Messisyndrom sprechen. Sie hat nie besonders viel Geld gemacht und war auch nie verheiratet, immer alleinstehend, kinderlos. Über ihre Familie weiß man nicht viel, ihr Bruder ist verschollen, es wird vermutet, dass er nach einer Drogenkarriere vermutlich obdachlos war und irgendwo unerkannt verstorben war.

Zwischen Ende der 90er und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends war Vivian Maier dann auch selbst einige Jahre obdachlos. Drei ehemalige Schützlinge beschließen, ihr unter die Arme zu greifen und sich um sie zu kümmern. Sie stellen ihr ein Appartement zur Verfügung und bezahlen ihre Rechnungen. 2008 rutscht Vivian Maier auf Glatteis aus und zieht sich eine Kopfverletzung zu, von der sie sich nicht mehr erholt. Im Frühjahr 2009 stirbt sie dann praktisch mittellos und ohne familiären Beistand mit 83 Jahren in einem Pflegeheim.

Würde die Geschichte jetzt hier enden, hätten wir nie von Vivian Maier gehört und nie von ihr erfahren. Aber wer vorhin beim Einspieler aufgepasst hat, weiß ganz grob, wie es weitergeht. Als sich abzeichnete, dass Vivian kein Geld mehr hatte, um sich eine Wohnung zu leisten, lagerte sie große Teile ihrer Fotografien und ihres Hausstands überhaupt ein. Und diese Bilder, die waren noch eingelagert, als Vivian starb. Solche Dienstleister lagern ein, solange Rechnungen bezahlt werden. Und sobald die Zahlungen ausbleiben, werden die Hausstände versteigert. Und der Nachlass landet in den Händen verschiedener Männer:

Ron Slattery ersteigert für 250 US-Dollar eine eigentlich eher kleine Position von ungefähr 1.200 unentwickelten Filmen. Er fängt an, die Aufnahmen zu entwickeln und macht einige der Bilder von Vivian Maier in einem Internetblog zugänglich.

Und dann ist da der Makler John Maloof, Vorsetzender des Jefferson Park historical society clubs in Chicago, der als Hobbyhistoriker an einem Buch über die Gegend arbeitet und auf der Suche nach geeignetem historischen Bildmaterial ist. Er gibt knapp 400 Dollar aus und hat 30.000 Abzüge und Negative. Stellte sich heraus, dass er die Bilder für sein Buchprojekt nicht verwenden konnte, und deswegen begann er, nach und nach einzelne dieser Bilder auf EBay zu versteigern. Das war wenig lukrativ und irgendwann wurde er mal von jemandem mit Fotosachverstand darauf hingewiesen, auf was für einem Schatz er da eigentlich saß.

Maloof fing also an, den Bestand von Vivian Maier nach und nach aufzukaufen. Es dauerte nicht lang und er bekam Kontakt zu einem dritten Mann. Jeffrey Goldstein, der insgesamt über 17.500 Negative und 2.000 Abzüge und eine ganze Reihe von Filmen aus dem Nachlass gekauft hatte.

Nicht lange und Maloof sah sich als eine Art „Nachlassverwalter“ von Vivian Maier. Er nahm es sich zur Aufgabe, diese Fotografin der Welt bekannt zu machen. Er fängt an, Teile des Nachlasses aufzukaufen, bei Auktionen mitzubieten, beginnt ein Internetprojekt, beginnt ein Filmprojekt, das unter anderem zu der Dokumentation „Vivian Maier – A photographer found“ führt.

Mit der Bekanntheit von Vivian Maier und dem plötzlichen Erfolg und der Sichtbarkeit wird auch schnell klar, dass da wirklich Geld zu holen ist und so fangen dann diverse Parteien auch an, sich munter untereinander zu streiten, wer denn nun die Urheberrechte hätte, und so läuft seit 2014 ein in den USA ein Rechtsstreit darüber, wer denn jetzt nun die Rechte an dem Nachlass haben soll.

Und ich finde, das ganze Thema wirft eine ganze Reihe spannender Fragen auf:

Erstens: Wem gehören eigentlich die Fotos von Vivian Maier? Man kann jetzt natürlich sagen: Maloof hat uns eine Fotografin geschenkt. Die Bilder sind großartig. Ich habe hier ein Bildband mit Aufnahmen aus ihrem Nachlass und die sind spektakulär gut. Sie ist genau dem Hobby nachgegangen, das ich eingangs umschrieben habe. Mit einer kleinen, kompakten Kamera hat sie das Leben in ihrer Umgebung fotografisch festgehalten. Sie war Hobbystreetphotographer und sie hat ein unglaubliches Auge für Szenen auf der Straße gehabt. Wunderschöne Portraits, liebevoll gestaltete Szenen und ihre Bilder wecken eine Zeit zum Leben, die unglaublich ikonisch ist.

Gleichzeitig hat sie selbst diese Bilder aber nie veröffentlicht und wäre sie noch am Leben könnte man vermuten, dass sie eventuell einer Veröffentlichung nicht zugestimmt hätte. Freilich könnte sie vielleicht berühmt und reich sein aber das schien irgendwie nie ihr Antrieb.

Würde Vivian Maier heute leben, würde sie wahrscheinlich nicht mit einer Rolleiflex auf Film fotografieren, sondern schlicht und ergreifend hobbymäßig mit ihrem Telefon ihr Leben festhalten. Und damit wäre nach ihrem Tod auch schlicht und ergreifend ihr Cloudaccount und ihr Telefonaccount geschlossen worden und die Bilder wären weg.

Und das bringt mich zu einer zweiten Beobachtung: Ausgehend von Vivian Maier habe ich nämlich recherchiert und habe mir die Frage gestellt: Gibt es das eigentlich öfter? Und die Antwort ist: Jawoll. Das gibt es öfter. Man könnte sogar sagen, fast regelmäßig.

Da gibt es ein Mal den großen Bereich der professionellen Fotografie. Stirbt jemand, dessen Beruf Fotografie war, geht meistens sein Werk an seine Erben über und waren diese Bilder ausreichend bekannt oder der Fotograf ausreichend prominent wird da meistens dann auch Geld daraus gemacht, das heißt, das Werk wird noch weiter kuratiert, noch weiter veröffentlicht.

Aber die meine ich gar nicht, sondern ich meine eine andere Art der nachträglichen Entdeckung. Menschen nämlich, die als Hobby Fotografie haben aber eigentlich von ihrer Umwelt nicht als Fotografen gesehen werden und nach ihrem Tod dann entdeckt werden, meistens durch ihre Erben. Und das gibt es regelmäßig.

Ich folge auf Instagram zum Beispiel jemandem, der die Negativsammlung seines Großvaters geerbt hat und die jetzt nach und nach auf Instagram veröffentlicht, eine Stiftung gegründet hat, vorhat, Bücher zu produzieren und behauptet, dass die Bilder von der Qualität eines Henri Cartier-Bresson oder einer Vivian Maier seien. Und ja, die Bilder sind schön. Sie sind faszinierend. Sie zeigen jemanden, der eine reichhaltiges Leben mit vielen Reisen hatte und der seine Reportagekamera genutzt hat, um sein Leben zu dokumentieren. Der Mann war Physiker, hat beim MIT gearbeitet, war dann in der Schweiz, um beim Zern zu arbeiten und hatte ein interessantes Leben mit vielen interessanten Fotos.

Oder wie wäre es mit der russischen Vivian Maier, Masha Ivashintsova? Masha lebte in St.Petersburg oder damals, wie es noch hieß, Leningrad und dokumentierte ihr Leben, das Leben auf der Straße und das Leben ihrer berühmten Freunde. Sie selbst sah sich nicht selbst als Fotografin, sie sah sich als jemand, der Fotografie als tägliches Hobby betrieb. Für sie war Fotografie wie Tagebuch schreiben. Sie hatte ihre Kamera praktisch permanent und ständig in der Hand und fotografierte ihre Umgebung. Der Gedanke, ihre Bilder zu veröffentlichen, kam Masha nie, denn sie war von berühmten Fotografen, Poeten und erfolgreichen Männern umgeben und hielt ihr eigenes Talent im Vergleich für so gering, dass eine Veröffentlichung sich gar nicht lohnen würde.

Geboren im Jahr 42 lebt sie durch eine durchaus turbulente und aufregende Zeit hindurch. Sie war ursprünglich in eine adelige Familie geboren worden, die aber während der bolschewistischen Revolution alles verloren hatten. In Leningrad lernt sie Künstler und Dichter kennen und landet im künstlerischen Untergrund. Sie arbeitet als Theaterkritikerin, als Buchhändlerin und nimmt Jobs im Sicherheitsdienst oder als Aufzugsmechanikerin an. Sie malt, dichtet, fotografiert, aber immer nur für sich selbst. Wegen ihrem unangepassten Lebenswandel wird sie von der UDSSR irgendwann in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen, um sie für die Gesellschaft gefügiger zu machen. Diese Zeit prägt und bricht sie fast.

Als sie im Jahr 2000 im Alter von 58 Jahren stirbt, hinterlässt sie als Familie nur ihre Tochter, die sich um ihren Nachlass kümmert. Beim Renovieren ihrer Wohnung findet sie auf dem Dachboden einen Karton mit 30000 Rollen unentwickelten Films. Sie selbst kümmert sich nicht ums Entwickeln, das ist eine Arbeit, die ihr Mann übernimmt. Der weist sie dann auch irgendwann darauf hin, welche Schätze er in diesen Aufnahmen gefunden hat. Nach und nach sichten sie die Aufnahmen und als klar wird, welche Qualität diese Bilder haben, gründen sie ein Internetprojekt und eine Stiftung.

An einer Dokumentation über das Leben von Masha wird zurzeit gearbeitet. Und ich freue mich schon darauf. Denn im Vergleich klingt Mashas Leben fast noch interessanter als Vivians. Aber auch hier stellt sich natürlich die Frage: Gäbe es solche Bilder, hätte Masha im Zeitalter des Internets und von Instagram fotografiert? Vermutlich nicht. Vielleicht hätten wir die Bilder aber auch schon längst wahrgenommen, wir hätten sie gesehen, weil in Instagram im Hier und Jetzt fotografiert wird und natürlich Bilder auch sofort auftauchen können. Auf der anderen Seite haben viele dieser Aufnahmen ihre Relevanz ja erst in Rückschau: Dadurch, dass auf die Zeit, in der Masha fotografiert hat (oder auch Vivian) aus dem Jahr 2020 heraus ganz anders blicken.

Ich glaube ja, wir erleben jetzt die letzten so entdeckten Fotografinnen und Fotografen. Das wird jetzt aufhören. Denn keiner fotografiert mehr auf Film. Niemand wird mehr auf dem Dachboden 30000 Rollen unentwickelten Film finden. Und wenn, werden wir die nicht mehr entwickeln können. Und so wird nach und nach dieses Genre des unbekannten Starfotografens aufhören. Die Faszination für alte Fotos wird bleiben, aber wir werden nur noch kuvertierte Bilder sehen, keine Zufallsfunde mehr. Nur Bilder, die mal jemand ausgesucht hat. Entweder, weil die dann im Internet veröffentlicht wurden und irgendjemand Kopien gemacht hat oder weil die Fotografinnen und Fotografen sowieso schon bekannt waren und es geschafft haben, zu Lebzeiten ein Publikum aufzubauen.

Die elektronische Welt wird kurzlebiger. Menschen schreiben keine Briefe mehr, handgeschriebene Tagebücher werden seltener, Fotografie auf Film wird in 10 bis 20 Jahren auch ausgestorben sein und mit dem Verschwinden von solchen physikalischen Spuren werden auch Zufallsfunde wie Vivian oder Masha nach und nach der Vergangenheit angehören.

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