13. Juni 2021

Das ultimative Anti-Kriegs-Bild

Am 8. Juni 1972 macht Nick Út die Aufnahme „Terror of War“ die ihn zum jüngsten Gewinner des Pulitzerpreises in der Kategorie Pressefoto machen sollte. Wir kennen das Bild unter „Napalm Girl“ und schreiben ihm zu den Verlauf des Krieges geändert zu haben. Heute erzähle ich die Geschichte des Bilds und gehe der Frage nach ob die Zuschreibung eigentlich stimmt…

Das Episodenbild ist eine andere Aufnahme aus der Reihe Aufnahmen die an dem Tag entstand. Es zeigt den Moment des Einschlags und macht deutlich dass hier Reporter in militärischer Kleidung in zwei Reihen standen (die Personen die im Bild zu sehen sind waren Mitglieder des Presseteams vor Ort).


Transkript

Je länger ich mich mit der Geschichte der Fotografie beschäftige, desto öfter kommt die Frage auf, ob Bilder die Welt verändern können. Erzählt ein Bild wirklich mehr, als 1000 Worte, wie das Sprichwort uns glauben machen will? Gilt das nicht mindestens für die berühmte Aufnahme, die Nick Ut am 08. Juni 1972 gemacht hat, die als Napalm Girl in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist? 

Eigentlich heißt das Bild Terror of War. Es ist Bild Nummer sieben auf einer von mehreren Filmrollen, die Nick Ut an dem Tag vollgeschossen hat. Nick Ut war vietnamesischer Reporter für associated Press. Sein Handwerk hatte ihm sein Bruder beigebracht, der siebte in seiner Familie. Deswegen glaubt Nick Ut bis heute, dass es ein letzter Gruß seines Bruders war. Der war wenig vorher im Einsatz ums Leben gekommen. Weil Nick die Fotografie von ihm gelernt hatte und durch ihn bei associated Press arbeitete, bat die Familie den damaligen Bildredakteur, Nick auf diese Stelle zu setzen. 

So wurde aus Nick ein Kriegsreporter, der im Einatz fotografierte. Das Bild zeigt eine Szene aus einem Krieg, von dem wir vermutlich ganz allgemein sehr verzerrte und sehr wenige Vorstellungen haben. Die Amerikaner hatten irgendwas damit zu tun. Es gab auch die Friedensbewegung, die dagegen war, dass Amerikanische Soldaten irgendwo in Asien Babys und Frauen mit Napalm töteten. So oder ähnlich ist es vermutlich im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben. Zurück von unserer kollektiven Erinnerung zu diesem Bild. 

Die Aufnahme, die von Nick Ut The Terror of War genannt wurde, kennen die meisten als Napalm Girl. Ich bin mir sicher, die meisten Hörer wissen sofort, welche Aufnahme gemeint ist. Es ist ein oft ikonisch genanntes Bild, da es so berühmt ist, dass es fast jede und jeder kennt und da ihm Macht zugesprochen wird. Es wird angenommen, dieses Bild habe die Welt verändert, den Verlauf des Vietnam Kriegs vielleicht beeinflusst. 

Die Aufnahme zeigt insgesamt neun Menschen, wovon fünf Kinder sind. im Zentrum sieht man besonders eindrücklich ein Mädchen, das sich komplett die Kleidung vom Leib gerissen hat und schreiend auf den Kameramann zuläuft. Es ist das damals neunjährige Mädchen Phan Thị Kim Phúc. Es hat sich die Kleidung vom Leib gerissen, da es durch den Napalm Angriff getroffen worden war und ihre Kleidung in Flammen stand. 65 Prozent ihrer Haut war verbrannt. Das sehen wir auf dem Bild nicht. Wir wissen nur, dass es Napalm Girl ist und können uns eins und eins zusammenrechnen. 

Durch den Rauch im Hintergrund, die vier männlichen Gestalten in militärischer Kleidung können wir uns erschließen, dass diese Szene in einem Krieg aufgenommen wurde. Der Junge vorne links im Bild schreit noch viel eindrücklicher, als das Mädchen. Als ich die Aufnahme letztlich anlässlich des Jubiläums durch Social Media laufen sah, habe ich im ersten Moment sofort an den Schrei von Munch gedacht. Man sieht im Gesicht existenzielle Angst und Schmerz und davon viel. Wir schauen uns diese Kinder an und können gar nicht anders, als mit ihnen mitzufühlen. Wir sehen diese Angst und den Schmerz und wollen helfen. 

Als Nick Ut diese Bilder nach erfolgter Entwicklung sieht, weiß er sofort, dass Bild sieben a auf seiner Rolle ein absoluter Treffer ist. Das ist die Aufnahme, die für diesen Angriff stehen wird und die auch sein Bildredakteur in Saigon sofort an die Firmenzentrale von associated Press schicken lässt. Es ist nicht genau die Aufnahme, sondern eine leicht zugeschnittene Fassung. Die Reporter, die an der Seite mit den Kindern mitlaufen sowie die Großmutter, die einen sterbenden Säugling auf dem Arm hält, lenken nur vom Hauptmotiv des Mädchens in der Mitte ab. 

Die Komposition ist wie sie im Endeffekt in den Medien landet viel mächtiger. Das Bild ist so wirkmächtig, dass fast alle führenden großen Zeitungen und Magazine dieses Bild für die Berichterstattung über den Stand im Vietnam Krieg benutzen. Interessanterweise müssen, je nachdem in welchen Ländern sie sind, manche davon dafür Sondergenehmigungen beantragen. Es ist ja ein nackter Mensch darauf abgebildet. Kurz wird ein bisschen daran herumretuschiert. Es gab einen Schatten, den man mit Schamhaar hätte verwechseln können. Der wurde aus dem Bild rausgebleicht. Mein Gott. Bomben, Tote, Gewalt sind gar kein Problem. Ih, da ist ein Schamhaar, wie unangemessen. Das Bild gibt dem Krieg ein Gesicht und entsetzt die Menschen. 

In diesem Jahr gewinnt Nick Ut für dieses Foto den Pulitzer Preis. Es ist das Pressefoto des Jahres. Wir wissen, wenn wir mit uns ehrlich sind auch, warum. Das Bild zeigt Kinder unter Schmerzen und Angst. Diejenigen von uns, die selber Kinder haben, schauen sich dieses Bild an und stellen sich vor, wie es so ihren eigenen Kindern furchtbarerweise gehen könnte. Das Mädchen ist nackt und sieht vollkommen hilflos aus, was durch ihre Nacktheit verstärkt wird. In der Fotografie gibt es zwei Sachen, auf die wir Menschen vorhersagbar anspringen. Das eine ist Nacktheit. Das andere ist Menschen in Gefahr oder unter Schmerzen. Dieses Foto kombiniert beides. 

Nick macht mehrere Aufnahmen von dem Mädchen, kümmert sich aber relativ schnell um sie. Er gibt ihr Wasser, kühlt ihren Körper, hilft den Kindern in einen Lieferwagen von associated Press und begleitet das Mädchen ins Krankenhaus. Dort soll er seinen Status als Reporter von associated Press klargemacht haben. Das Mädchen wäre so gut wie berühmt, da die Bilder um die Welt gehen werden. So wäre es im Interesse der Ärzte und Schwestern, sich ganz besonders gut um die Kleine zu kümmern. Am nächsten Tag landet das Bild ja auch in der Weltpresse. Man wusste damals sehr wohl, was gerade der Stand im Vietnam Krieg ist. Das wissen wir heute nicht mehr, weshalb man es fast verzeihen kann, dass die meisten Menschen glauben, dieses Bild zeige einen Angriff der Amerikaner auf Vietnamesen. 

Viele glauben, dieses Bild hätte für das Aufflammen der Friedensbewegung und das Ende des Vietnamkriegs gesorgt oder dazu beigetragen. Beides stimmt so nicht. Fangen wir mit dem ersten Mythos an. Wer hat da eigentlich gegen wen gekämpft? Also 1972 die Aufnahme in Südvietnam entsteht, sind die Amerikaner längst auf dem Rückzug aus Vietnam. Aus dem Vietnam Krieg, in dem die Amerikaner Kriegspartei sind, wird ein Krieg, in dem Südvietnamesen gegen Nordvietnamesen kämpfen. Genauso einen Angriff sehen wir auf diesem Bild. Es war dem Piloten auch nicht um das Dorf gegangen. Sie hatten eine außerhalb des Dorfes gelegene Befestigungsmauer angegriffen. Die Familie des Mädchens und die Kinder hatten aber beschlossen, von dem Dorf aus die Straße runter zu laufen und sie waren sozusagen zwischen die Angriffe geraten. Diese Angriffe waren der Grund, weshalb zwölf Reporter auf dieser Straße standen. 

Diese Erkenntnis kommt mir in letzter Zeit immer wieder. Obwohl Kriegsreporter öfters im Rudel arbeiten und eine Art organisierte Reise an die Front unternehmen, sehen wir sie in den Bildern doch sehr selten. Kriegsreporter sind gut darin, ihre Kollegen aus den Ausschnitten rauszunehmen. So ist es auch hier der Fall. So ein Bild erzählt ganz schnell eine andere Geschichte, wenn in diesem Pulk plötzlich lauter Männer mit Kameras rumlaufen, statt den Betroffenen zu helfen. Da werde zumindest ich ganz schnell zynisch. Es gibt einen kompletten Film aus dieser Szenerie. Jemand war mit einer Filmkamera da gestanden und hat einfach draufgehalten, während Menschen eigentlich Hilfe gebraucht hätten, alles im Dienste des Journalismus und der Berichterstattung. Ein Bild sagt mehr, als 1000 Worte. Fotografen versuchen aber trotz allem immer noch auszuwählen, welche Worte das sind. Wir sind da mit zwölf Presseleuten gestanden und haben Elend fotografiert gehört nicht zu den gerne ausgedrückten Worten. 

Der Mythos, das Bild zeige einen amerikanischen Angriff hält sich übrigens gerade in den USA sehr hartnäckig. Es geht so weit, dass es in den 90ern zu einer tränenreichen Entschuldigung eines Angriffspiloten im Vietnamkrieg vor laufender Kamera kam, der sich genau daran erinnern konnte, wie er diesen Angriff geflogen war und vor lauter Schuldgefühlen zum Glauben gefunden hat und jetzt als Missionar unterwegs ist und auf Gottes Gnade hofft. Wir wissen es heute wie gesagt besser. Die Amerikaner waren schon auf dem Rückzug. Das Bild hat nicht für den Rückzug und das Ende des Krieges gesorgt. 

Wenn überhaupt, war dieses Bild erstmal ein Propaganda Erfolg für die kommunistischen Nordvietnamesen. Die sahen es als Beweis für die Unmenschlichkeit der Südvietnamesen. Sie hatten sogar ihre eigenen Kinder und Frauen angegriffen, nur um eine verhältnismäßig unwichtige Stellung der Nordvietnamesen zu bombardieren. In den USA war dieses Bild erstmal Wasser auf die Mühlen einer sowieso schon laufenden Maschinerie. Die Amerikaner waren ein Jahr später aus diesem Krieg verschwunden. Der Krieg ging aber mit voller Kraft weiter. wenn überhaupt trug das Bild dazu bei, dass sich die Amerikaner weigerten, den Südvietnamesen auch nur die kleinste Hilfestellung zu geben. Das Bild hatte eindeutig Eindruck gemacht und vielleicht Entscheidungen, die für den Krieg von Bedeutung waren beeinflusst. Ob es aber immer gute Entscheidungen waren und ob es die waren, die wir heute diesem Bild zuschreiben, ist schwer zu beurteilen. Im Übrigen wusste das Mädchen erstmal gar nichts von der Aufnahme. Als sie 14 Monate später das Bild von ihrem Vater gezeigt bekommt, findet sie es furchtbar.

B: I totally avoid to look at my picture alone.

I: Bis heute vermeidet sie es, dieses Bild anzusehen, wenn sie allein ist.

B: My mouth, my eyes, my body. It is the worst moment of human being.

I: Es ist der schlimmste Moment ihres Lebens. Es ist der schlimmste Moment, den Menschen durchleben können, der auf diesem Bild festgehalten ist.

B: As a little girl I felt so embarrassed. Why was I naked and my brothers und cousin had clothes on?

I: Besonders als junges Mädchen war es ihr unangenehm, dass sie nackt war, während ihr Bruder und Cousins Kleidung anhatten. 

B: I just (?cry) there. I turned my head and saw four bombs landing like that. Fire was everywhere and the fire actually burned my clothes off. I was nine. I remember that I thought: Oh my goodness. I got burned, so I will be ugly and people will see me in a different way. Of course the moment on the picture on that day changed my life forever.

I: Sie erinnert sich, dass diese vier Bomben runterkamen, das Feuer ihr die Kleidung vom Leib gebrannt hatte. Sie machte sich als das kleine Mädchen, das sie damals war, Sorgen, ob sie jetzt nicht für ihr Leben lang hässlich sein würde. Man könnte das in dem Bild ja auch noch sehen. Mit erwachsenen Augen sieht sie das Bild inzwischen natürlich auch für seine Vorteile und die Macht, die es hat.

B: Now I know, I have a picture, which I am not embarrassed of like before. But it is not much to me.

IInzwischen hat sie geheiratet und ist nach Kanada ausgewandert. Nick Ut lebt übrigens in den USA. Die beiden haben sich seither auch viele Male getroffen. Sie weiß natürlich, dass ihr dieses Bild Aufmerksamkeit gibt und dass sie eine Antikriegsikone ist und es für den Willen steht, sowas nicht zu dulden. Es gibt trotzdem diverse Interviews mit ihr, wo sie sagt, sie habe sich mehr als nur einmal gewünscht, Nick Ut hätte dieses Bild nie gemacht und es wäre nie in unser aller Gedächtnis eingegangen. Sie weiß um die Möglichkeiten und nutzt die durch das Bild kommende Berühmtheit. 

Sie ist aber auch für ihr Leben definiert. Wir lassen ihr keine Wahl. Dieses Bild gehört inzwischen irgendwie uns. Die Frage stellte ich meiner Twitter Community, als zum Anlass des Jahrestags das Bild auf Twitter geteilt wurde. Das Bild gefühlt überall immer ohne die dazugehörige Geschichte zu sehen. An die erinnern wir uns, so glauben wir, ja schließlich. So maßen wir uns an, zu entscheiden, ob wir dieses Bild weiter teilen dürfen und wieviel Kontext wir dran hängen und wieviel Energie wir aufwenden, um uns selbst zu informieren. Irgendwie ist es ja Zeitgeschichte. 

So teilen wir Kriegsbilder, von denen wir nicht wissen, was sie zeigen, wer da drauf ist, in welchem Jahr es war. Wir schreiben ihm eine Macht zu, die es nicht einmal hatte, als die Ereignisse ganz frisch in aller Gedächtnis waren. Da lande ich immer. Ich will so gerne glauben, dass solche Fotos mächtig sind, kriege verhindern können, Menschen zur Vernunft bringen. Wenn ich dieses Bild sehe oder ähnlich wirkmächtige Bilder aus jüngerer Vergangenheit sehe, bleibt immer der fade Beigeschmack, dass sich die Ereignisse trotzdem kaum ändern. Es ist nur ein zusätzliches Foto in der Welt, von dem wir uns rausnehmen, es einfach zu teilen, egal ob die abgebildeten Menschen jemals zugestimmt haben. (Musik) Fotomenschen. 

Phan Thị Kim Phúc und Nick Ut sind beide Ikonen der Friedensbewegung und kämpfen für eine friedlichere Welt. Vielleicht ist schon das der Wert, den das Bild liefert. Es ist eine Ikone für den Frieden, ein Mahnmal, eine Erinnerung daran, dass Krieg immer auch die falschen trifft, falls es überhaupt richtige gibt. Ich lerne aus solchen Bildern, skeptisch zu bleiben, nicht mehr anzunehmen zu wissen, was mir eine Aufnahme zeigt und die Frage zu stellen, ob ich wirklich verstanden habe, wo dieses Bild entstanden ist, was es genau zeigt und was es mir warum versucht zu sagen und warum nichts anders. 

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte,. Wir vergessen immer wieder, dass wir als Betrachter die 1000 Worte auswählen, die wir hören wollen. 

Wer jetzt mehr über die Ereignisse erfahren möchte, findet in der Notizen zur Folge Links zu Interviews mit allen wichtigen Beteiligten, auf meine Quellen und unter anderem zu einem Artikel von Professor Gerhard Paul, der sich sehr ausführlich mit dem Bild sowie der Geschichte und der Art und Weise der Aufnahme des Bildes beschäftigt hat. Ich hätte den Artikel nicht ohne den Hinweis von Cornelia Stenschke gefunden. Vielen Dank auch dafür. Ich weise darauf hin, wer den Verdacht hat, in den Notizen zur Sendung im eigenen Podcatcher nicht alles zu sehen, findet auf Fotomenschen.net auf jeden Fall den ganzen Rest sowie komplette Transkripte vergangener Episoden. Wer mag, kann dort gerne einen Kommentar im Blog hinterlassen oder eine Rezension auf iTunes schreiben oder mit Auf Fotomenschen auf Twitter eine Nachricht schicken. Ich freue mich über jede Rückmeldung, Themenvorschläge, andere Hinweise oder nur einen lieben Gruß. Lieben Dank wieder fürs Zuhören. Bis bald.

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