27. März 2021

Gewollte Romantik

In der heutigen Folge spreche ich über die Geschichten hinter zwei berühmten Küssen. Der eine steht für das Ende des 2. Weltkriegs, der andere für Paris als die Stadt der Liebe. Beide wurden auf Millionen Postkarten und Poster gedruckt und sind bis heute diskutierte Motive. Beide werfen Fragen auf die noch heute gelten und beide zeigen nicht das was viele zu sehen glauben…


Transkript

Wir haben den 14. August 1945 und es lag schon in der Luft, das Kriegsende. Den ganzen Tag schon machten Gerüchte die Runde, die Japaner hätten aufgegeben, eine Kapitulation wäre unterzeichnet worden, Verhandlungen würden gerade stattfinden und dann ist es endlich so weit. (Audio wird eingespielt) Präsident Harry Truman. (Audio läuft weiter) Das war es nun, das Ende des zweiten Weltkriegs, die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und die Amerikaner waren im Freudentaumel.

(Audio wird eingespielt)

In allen Städten stürmen die Leute spontan auf die Straße und feiern, Paraden bilden sich. Aber die mit Abstand größte Feier im Land ist in New York City. Über zwei Millionen Menschen sind auf der Straße, eine von ihnen ist die Zahnarzthelferin Greta Zimmer Friedmann. Die 25-jährige Österreicherin ist zu dem Zeitpunkt zehn Jahre in den USA. Sie war 15, als ihre Eltern beschlossen hatten, dass die Situation in Österreich für eine jüdische Familie zu gefährlich würde und sie und ihre Schwester deswegen in die neue Welt verschifften. Sie blieben zurück und wurden dann von den Nazis gefangengenommen und ermordet. Greta hat das Gerücht gehört, dass das Kriegsende kurz bevorstand und sie nutzte ihre Pause, um zum nahegelegenen Times Square zu gehen, wenn denn Kriegsende war, würde ja dort gefeiert werden. Sie ist gerade auf den Times Square gegangen, da wird so aus heiterem Himmel von einem Seemann gepackt, der sie nach hinten lehnt und ihr einen festen Kuss auf die Lippe drückt. Und die Szene wird festgehalten, der damals schon bekannte Fotograf Alfred Eisenstaedt hat den Auftrag für das Life Magazine, die New Yorker beim Feiern festzuhalten. Und er und sein Kollege Victor Jorgensen sind am Times Square unterwegs und fotografieren was das Zeug hält.

Alfred hatte den Auftrag am Times Square zu fotografieren und er sah schnell einen Mann, der von einem Kino aus auf ihn zulief und jede Frau in seinem Web packte und küsste. Alfred rannte durch die Menge, seine Kamera hatte eine Festbrennweite, er konnte also nicht zoomen. Blende und Verschlusszeit hatte er fix eingestellt und er verließ sich ganz auf sein Unterbewusstsein, ihm zu sagen, wo er draufhalten musste. Das war der Moment, indem er aus dem Augenwinkel etwas Weißes sah. Es ist ein bemerkenswertes Foto, es wird als eines von 14 Aufnahmen küssender Soldaten im Life Magazine abgedruckt werden, um die feiernden Soldaten darzustellen. Aber keiner dieser vielen Küsse sieht so gut aus. Da ist zum einen dieser Kontrast aus der schwarzen Uniform und dem weißen Kleid. Aber auch die Pose, ich kann mir stundenlang ansehen, wie sie dasteht, es ist die perfekte Kuss Pose. Das Foto wird zu einer Sensation, Postkarten, Poster, eines der meistreproduzierten Bilder aller Zeiten. Man kann New York nicht besuchen, ohne diesem Bild nicht irgendwo zu begegnen und es wird zum Symbolbild für das ende des zweiten Weltkriegs schlechthin.

Wie so oft bei ikonischen Bildern, dauert es seine Zeit, bis alle erkennen, was für eine besondere Aufnahme das ist. Und Alfred Eisenstaedt hat natürlich nie mit diesem Paar gesprochen, er weiß also nicht wer auf dem Bild ist. In den Achtzigern versucht Life Magazine dann herauszufinden, wer die Menschen hinter der Aufnahme sind und startet einen Aufruf und das Pärchen meldet sich. Aber nicht nur dieses eine Pärchen. 30 Jahre lang kommt ein Paar nach dem anderen und behauptet, dieses küssende Pärchen zu sein. Final geklärt wurde das Ganze dann aber erst 2007, da kommt nämlich das Buch „The kissing Sailor“ auf den Markt. Geschrieben von Lawrence Verria, erzählte es nicht nur die Geschichte dieser Aufnahme, sondern auch die Geschichte der Personen im Bild. Da gibt es nämlich eine Person, die mitfotografiert wurde, die oft vergessen wird, die hier nun auch erwähnt werden soll. Das Bild zeigt ja so einige Menschen und eine sticht besonders heraus: Links hinter dem Seemann steht eine junge Frau und grinst von Ohr zu Ohr. Und diese Frau ist die Freundin des Seemanns, mit der war er nämlich zuvor noch im Kino gewesen. Die Kinovorstellung war unterbrochen worden, als die Meldung der Kapitulation Japans ihre Runde machte. Der Seemann knutschte sich also nicht alleine quer über den Times Square, sondern hinter ihm stand seine Freundin und spätere Ehefrau. Aber hat die das nicht gestört, dass ihr Mann sich quer über den Times Square knutschte? Nein, sie sah es gelassen.

Da er nicht besonders wählerisch war, sondern praktisch alle geküsst hat, kann ich mir vorstellen, warum sie das gelassen sieht. Egal, sie hat ihn jedenfalls geheiratet. 69 Jahre waren die beide verheiratet. Aber vielleicht hat es Greta gestört, lassen wir die auch mal zu Wort kommen. (Audio wird eingespielt #00:06:44#) Ja dieser Tight-Grip, das fiel mir von Anfang an diesem Foto auf. Sie scheint entspannt in seinen Armen zu liegen, aber wenn man seinen linken Arm genau ansieht, hat er sie praktisch in einer Art Schraubstock gefangen, sie hatte gar keine Wahl, sie konnte nicht weg. Und was da alle so weglachen, und was heute ein ach wie romantisches Bild ist, ist natürlich auch Ausdruck einer Kultur, in der Männer sich sowas einfach rausnehmen konnten. So schön die Pose und die Komposition auch ist, dieser Griff, mit dem er sie fixiert, macht das Bild für mich unangenehm. Es zeigt eben nicht, was viele Menschen glauben. Ja, es geht um Freude, aber es geht nicht um Romantik, es geht nicht um Liebe. Und dieser Kuss? Schwierig. Aber der Kuss ist jetzt auch eine hervorragende Überleitung, denn ich habe zwei Bilder versprochen.

Da gehen wir jetzt in die fünfziger Jahre und wir wechseln den Kontinent, wir besuchen Paris. Und durch die Straßen läuft ein zu dem Zeitpunkt schon bekannter Fotograf, Robert Doisneau. Und er knipst und knipst und knipst. Vor ihm ein Pärchen, es schlendert durch die Stadt. Die beiden jungen Menschen flirten heftig miteinander, sie fasst sich in die Haare, die beiden lachen viel, halten Händchen, küssen sich und turteln. Für das Paris der fünfziger Jahre eine durchaus ganz normale Szene. Während man in den USA selbst in New York noch zu prüde ist, um auch nur in der Öffentlichkeit zu küssen, außer es ist gerade der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, ist in Paris gefühlt praktisch alles erlaubt. Und deswegen hat das Life Magazine Robert Doisneau damit beauftragt, eine Artikelstrecke zu bebildern, in der es um diese Entspanntheit, diese Freiheit des Leben in Frankreich gehen soll. Und Robert ist berühmt dafür, dass er ein ganz besonderes Auge hat, seine Bilder sind oft witzig, originell, gefühlvoll und er wird verglichen mit einem anderen ganz großen, Henri Cartier-Bresson. Henri und Albert sind praktisch die Väter dieses Genres.

Und die Vorstellung, die wir von Paris haben, stammt aus der Kamera dieser beiden Männer. An diese März oder vielleicht war es auch ein Apriltag, fotografiert Robert im Auftrag des Life Magazines turtelnde Pärchen. Und unser Pärchen biegt in die Rue du Tivoli, die Straße, in der auch das Pariser Rathaus, das Hotel de Ville zu sehen ist und küsst sich im Vorbeigehen an Straßencafés fast beiläufig. Wie schon Eisenstaedt, hat Doisneau erstmal keine Ahnung, was für einen Treffer er hier gelandet hat. Es ist für ihn ein Bild von vielen, und sieht dieses Pärchen, das sich fast beiläufig küsst, leichte Bewegungsunschärfe im Bild, die Passanten interessiert das offensichtlich rein gar nicht und man erkennt im Hintergrund das Pariser Rathaus, das Hotel de Ville. Das Bild wurde im Life Magazine veröffentlicht, zusammen mit diversen anderen und für Robert war es eins seiner 450.000 Fotografien, also nichts weiter Spektakuläres. Unsere Geschichte nimmt den Faden erst 30 Jahre später wieder auf. Robert wird gebucht, um eine Serie mit Postkarten zu bebildern und sein Publisher schlägt vor, dieses Foto für eine Postkarte und für Poster zu benutzen. Und diesmal war es eben nicht einfach nur irgendein Bild, die Aufnahme wurde zu einem globalen Phänomen, sie traf einen Nerv. Millionenfach wird das Fach auf Postkarten verschickt, Poster werden überall zum Verkauf angeboten.

Was bis dahin vielleicht nur irgendein Schnappschuss gewesen mag, wird urplötzlich zum großen Geschäft. Und mit dem Geschäft gibt es dann mehr und mehr Menschen, die gerne mitverdienen wollen. In den Fünfzigern gab es in Frankreich schon etwas, das in den USA bis heute noch nicht existiert, das Recht am eigenen Bild. Man darf zwar aus künstlerischen Motiven heraus im öffentlichen Raum fotografieren, sobald aber Bilder verkauft werden und dafür Geld fließt, sollte man besser abgesichert sein. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis die ersten Forderungen auftauchen. Mehr und mehr Paare behaupten von sich, auf dieser Aufnahme zu sein und verlangen Lizenzgebühren. Als Robert vor Gericht gezerrt wird, ist der Moment für Robert gekommen, ein Eingeständnis zu machen. Diese Aufnahme, der Kuss vor dem Rathaus, war nämlich nicht so spontan, wie er aussah. Robert war Profi, bei Aufnahmen wie diesen, wo er für eine Magazinstrecke gebucht war, ging er lieber auf Nummer sicher. Statt sich dem Risiko auszusetzen, dass er von irgendwelchen Leuten vor Gericht gezogen werden konnte, verpflichtete er lieber Freunde und Bekannte, für ihn Modell zu stehen. Wobei Modellstehen darf man das eigentlich nicht nennen, er gab keinerlei Anweisungen.

Die Pärchen schlenderten einfach durch die Stadt und er fotografierte sie. Da half es dann, wenn die sich sowieso mochten. Als er also vor Gericht stand, musste er das einräumen und fing sich damit gleich das ein, was wir heute einen Shitstorm nennen würden. Denn die meisten wollten doch so gerne glaube, dass da eine spontane Liebesbekundung festgehalten worden war. Egal wie romantisch der Kuss aussieht, wenn er nicht echt ist, dann ist er doch nur noch halb so viel Wert, oder? Trotzdem hätte jetzt ja wenigstens der Rechtsstreit vorbei sein können. Aber zu früh gefreut, denn das Modell auf dem Bild, Francois Bornet, behauptete, er hätte sie nie bezahlt, er hätte sie also um ihr rechtmäßiges Honorar betrogen. Und so hatte er zwar den einen Prozess erfolgreich abgewendet, doch gleich den nächsten am Hals. Auch diese Geschichte bekam allerdings ein Happy End. Denn irgendwann war Robert in der Lage eine Rechnung zu produzieren, mit der er nachweisen konnte, dass er sehr wohl bezahlt hatte. Außerdem wissen wir seit dieser Anekdote, dass wir uns eigentlich um sonst aufgeregt haben. Zwar war das Pärchen gebucht für diesen Kurs, aber die beiden waren wirklich ein Paar und der Kuss war auch echt, es gab ja wie gesagt keinerlei Anweisungen.

Im Grunde haben sie ihr Geld beim Spazierengehen und Turteln verdient. Neun Monate hielt diese Beziehung und dann trennten sich die zwei. Und auch für Francois gab es ein Happy End, zwar hatte sie den Rechtsstreit verloren, aber auf der Publicity-Welle reitend, beschloss sie dann ihren Originaldruck des Bildes noch mit Stempel und Unterschrift von Robert Doisneau zu verkaufen. Und dieses Bild wurde für den dreifachen Schätzpreis verkauft und brachte ihr 155.000 Euro ein. Nicht schlecht für einmal spazieren gehen und knutschen. Was haben beide Bilder gemeinsam, außer dass sie jeweils einen Kuss zeigen, ikonisch sind und millionenfach als Sinnbild für Romantik, Leidenschaft und Liebe in irgendwelchen Teenager Zimmern hängen? Genau, sie haben gemeinsam, dass sie nicht zeigen, was wir zeigen, das sie glauben. Fotografie funktioniert nicht ohne Kontext. Und beide Aufnahmen haben Probleme, mit denen auch heutige Fotografen immer noch zu kämpfen haben. Robert Doisneau versuche mit dem Bild keine journalistische Ethik aufrecht zu erhalten, trotzdem würden Straßenfotografen heute die Nase rümpfen, weil er seine Aufnahme gestellt hatte. Das Recht am eigenen Bild, auch das wird in beiden Aufnahmen verhandelt, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und die Frage, was die dargestellte Handlung in der Aufnahme denn wirklich bedeutet, sowohl in der Zeit, in der die Aufnahme entstand als auch in der Zeit, in der wir sie uns anschauen. Der Soldat, der knutschend durch die Menge zieht, heute absolut unakzeptables Verhalten, damals etwas was man weggelächelt hat. Passanten fotografieren und damit Geld verdienen, etwas das schon in den Fünfzigern so problematisch war, dass Profis wie Robert lieber mit Models gearbeitet haben als mit spontanen Begegnungen. Und dann noch die Frage, ob Bilder eigentlich wirklich Geschichten erzählen können, oder wir uns das nicht vielleicht doch einfach nur einbilden.

9 Responses

  1. simohn sagt:

    uh, der Griff vom linken Arm can’t be unseen.

  2. 42Fragen sagt:

    Toller Podcast

  3. minilancelot sagt:

    Hallo Dirk, Du schaffst es immer wieder mich voll und ganz auf mein Handy zu konzentrieren ;-)… So saß ich die und starrte auf mein Handy und wartete auf die Bilder in den Kapitelmarken. Und danach Computer an, daß ich auf einem größeren Bildschirm noch die Internetseite mit Links durchforste… Wieder mal ganz herzlichen Dank an Dich…

    LG minilancelot

    • Dirk sagt:

      Freut mich riesig dass ich mein Ziel erreicht habe 🙂
      Schön durch die Rückmeldung zu wissen dass die Kapitelmarkenbilder einen Mehrwert liefern…

      LG & schöne Osterfeiertage!
      Dirk

  4. Berenike sagt:

    Ich höre deinen Podcast als passionierte Freizeitfotografin immer wieder gerne. Danke dafür. Nun habe ich gedacht, Mein Schwiegervater wäre sicher auch begeistert von deinen Anekdoten. Leider ist er aber Generation Buch. Vielleicht ist das ja mal einen Gedanken wert ins analoge zurück zu kehren.

    • Dirk sagt:

      Lieben Dank für die nette Rückmeldung! Tatsächlich stammen viele der Geschichten in meinem Podcast ja aus Büchern, das ergänzt sich also prima 🙂 Falls Du ihm ein Buch schenken willst kann ich zum Beispiel das Buch „Photo Icons: Die Geschichte hinter den Bildern“ aus dem Taschen-Verlag empfehlen… Ansonsten habe ich ja auch noch alle meine Episoden schriftlich im Blog, eventuell will er ja darin ein bisschen stöbern 🙂

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