Magnum Photos – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Wed, 26 Apr 2023 16:59:49 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Magnum Photos – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Fakt trifft Fiktion – The Book of Veles https://fotomenschen.kopfstim.me/the-book-of-veles/ Mon, 04 Jul 2022 16:15:27 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Eine wahre Geschichte über eine Fake Reportage über einen echten Ort aber mit Fake Akteuren und einem aus echten Texten generierten Fake Essay…

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Transkript

Als sich der Norweger Jonas Bendix 1996 mit gerade mal 19 Jahren bei der Londoner Niederlassung
der Fotoagentur Magnum um eine Praktikumsstelle bewarb, rechnete er wahrscheinlich nicht damit,
später einmal selbst zu diesem erlauchten Fotoklub zu gehören.
Und er hätte es wahrscheinlich auch nicht für möglich gehalten, dass ausgerechnet
er es sein würde, der diesen Tempel des Fotojournalismus mit einer von vorne bis hinten zusammengefakten
Fotostory testen würde.
Foto Menschen
Für die heutige Geschichte gehen wir ins Jahr 2017.
In den USA regiert Donald J.
Trump als 45.
Präsident der Vereinigten Staaten.
Und worüber regt er sich am meisten auf?
Genau, über das hier.
Natürlich in seinem Fall war alles Fake News, was ihn kritisierte oder ihm nicht zustimmte.
Aber allgemein an Fake News mangelte es jetzt in der Zeit wirklich gar nicht.
Es fiel genau in Trumps Amtszeit, dass die Welt zusehen musste, wie die Produktion und
Verbreitung von Falschmeldungen geradezu industrielle Ausmaße annahmen.
Die Masche war dabei denkbar einfach.
Man nahm echte Nachrichten von echten Nachrichtenwebsiten, verkürzte die, schrieb die zum Teil um, packte
irgendwelche zufällig ausgewählten Fotos dazu, klatschte das Ganze auf eine Webseite
mit ähnlichem Design und verteilte Links auf diese Meldungen im Internet.
Je besser die Meldungen ausgewählt waren und den Nerv der sowieso schon aufgeregten
Twitter- und Facebook-Community trafen, umso mehr Besucher kamen vorbei, umso mehr Werbeeinnahmen
ließen sich erzielen, umso mehr wurden diese Meldungen weiterverbreitet.
Oftmals mit viel mehr Reichweite als die Originalmeldungen.
Als man versuchte herauszufinden, woher diese Seiten überwiegend kamen, kristallisierte
sich ein überraschendes Epizentrum heraus.
Die Stadt Veles in Nordmazedonien.
In der osteuropäischen Stadt hatten sich anscheinend gleich mehrere Gruppen dazu entschlossen,
das lukrative Feld der Fake-News-Verteilung für sich zu beackern.
Und Jonas Bendixen verfolgt mit einiger Faszination die Artikel, die über diese Stadt geschrieben
werden.
Sogar Obama erwähnte die Stadt.
Da sitzen ein paar Teenager in Nordmazedonien, in einer Stadt, in der es nicht viel anderes
zu tun gibt, als sich im Internet nach Einkommensquellen umzuschauen und beschließen, Artikel zu veröffentlichen
und Werbeeinnahmen zu generieren, und sind plötzlich ein Thema für die amerikanische
Politprominenz und zwingen die großen Tech-Konzerne, ihre Vorgehensweise zu ändern.
Das wiederum fasziniert Jonas Bendixen.
Und der beginnt zu recherchieren.
Und wie das so oft ist, wenn man erstmal anfängt, einer Geschichte hinterher zu recherchieren,
dann wird das Internet auch schnell mal zum Rabbit Hole.
Im Falle der Stadt Veles entdeckt Jonas, dass es eine „slawische Gottheit“ desselben
Namens gibt.
Und das ist nicht irgendein Gott, das ist einer der wichtigsten Götter der slawischen
Mythologie.
Er ist Gott der Fruchtbarkeit und der Magie, Herrscher über das Totenreich, Gott der Erde
und wird als gehörnte und bärtige Schlange dargestellt.
Außerdem, und das war jetzt der Teil, der Bendixen faszinierte, war es auch der Gott
des Chaos und der Täuschung.
Er konnte seine Gestalt verändern und spielte eine ganz ähnliche Rolle, die man von dem
nordischen Gott Loki kennt.
Wir haben also eine Stadt, in der Fake News verbreitet wird, mit dem Namen eines Gottes,
dessen Mythologie zu nennenswerten Teilen daraus besteht, dass er Leute täuscht.
Jonas Bendixen recherchiert weiter und er entdeckt Berichte von einem antiken Manuskript,
in dem die Geschichte des Gottes Veles aufgezeichnet worden sein soll.
Sie wird 1919 von einem russischen Armeeoffizier entdeckt, der das aber weder lesen noch übersetzen
kann und sich deswegen an einen russischen Wissenschaftler wendet, der den kompletten
Text ins moderne Russische überträgt.
Bis heute glauben viele, dass dieser Text einer der ältesten Texte der slawischen Welt
überhaupt ist und besonders in Esoteriker-Kreisen oder auch in slawisch-nationalistischen Kreisen
ist der Text praktisch heilig.
Gäbe es da nicht dieses kleine Problem, dass der Stand der modernen Forschung davon ausgeht,
dass der komplette Text von dem russischen Wissenschaftler und dem russischen Offizier
gefälscht worden war?
1973 wird das Ganze von einem Studenten der Ohio State University übersetzt.
Der hatte von den Zweifeln an dem Text damals noch keine Kenntnis und nahm das alles ernst.
Als seine Übersetzung herauskam, war die durchzogen mit Fußnoten und Hinweisen auf
die Relevanz des Textes.
Der Student hatte alle möglichen Querverbindungen entdeckt und ihm war nicht aufgefallen, dass
der Text eigentlich eine Fälschung war.
Der Gott der Täuschung, eine Stadt, die Fake News produziert, ein gefälschtes Manuskript
eines angeblich antiken Textes, das für bare Münze genommen wurde.
Jonas Benediktsen beschloss, daraus ein Fotoprojekt zu machen.
Wie lange, fragte er sich, wird es wohl dauern, bis fotojournalistische Projekte auftauchen,
die keine Grundlage in der Realität haben?
Wir leben im Zeitalter von Deepfakes und computergenerierten Grafiken.
Und so beschließt er, genau diese fotojournalistische Arbeit zu machen und zu testen, wie lange
es denn dauern wird, bis jemand Verdacht schöpft.
Jonas Benediktsen ist Fotograf und kein CGI-Artist, also musste er sich Kenntnisse aneignen.
Er wollte wissen, wie kann er denn fotorealistisch computergenerierte Grafiken in eine fotografische
Szene montieren?
Wo lernt man sowas am besten?
Klar, auf YouTube.
Er schaute Tutorials für Software, die die Filmindustrie oder die Computerspieleindustrie
jeden Tag verwenden und experimentierte mit ersten Bildern.
Für diese Software gibt es meistens Online-Marktplätze, auf denen man Modelle kaufen kann.
Und so kaufte er Modelle für Menschen und verbrachte so einiges an Zeit damit, die anzupassen
und zu kleiden.
In einem Interview sagt er scherzhaft, er hat sich deutlich mehr Zeit mit der Kleidung
seiner Avatare für sein Foto-Projekt beschäftigt, als er jemals in seine eigene Kleidung investiert
hat.
Als nächstes dann buchte er Flüge nach Veles.
Er wollte eine glaubwürdige Fotoreportage über diesen Ort fertigen und deswegen beschloss
er, dass die Hintergründe tatsächlich aus Veles sein müssten.
Zum ersten Mal in seiner Laufbahn als Fotograf kam es ihm beim Fotografieren eben gerade nicht
drauf an, Menschen anzutreffen.
Aber er wollte eine Optik erzeugen, die aussah, als hätte er eines seiner typischen Projekte
gemacht.
Als hätte er einigermaßen ordentlichen Zugang und ein paar Wochen Zeit gehabt und sich wirklich
den Menschen vor Ort genähert.
Er machte zwei solche Trips, den letzten gerade mal eine Woche, bevor es weltweit zu Lockdowns
wegen dem Coronavirus kam.
Ja und jetzt, daheim, hat er alle Zeit der Welt, um sein Projekt fertig zu machen.
Sein nächster Schritt, aus diesem Fotomaterial wollte er ein Buch fertigen.
Und in einem Buch, da muss natürlich auch Text stehen.
Und auch hier wählt er einen ungewöhnlichen Weg.
Er findet online ein frei trainierbares System zur Generierung von Text.
Die Idee solcher Systeme ist, dass man ihnen Trainingsmaterial gibt, das dem angestrebten
Zieltext entspricht.
Will ich also Produktbeschreibungen haben, müssen Produktbeschreibungen rein.
Will ich Gedichte haben, die wie Shakespeare klingen, naja, dann füttern wir doch mal Shakespeare.
Jonas Bendixen nimmt jetzt die Artikel, die über Veles weltweit geschrieben worden waren
und führt sie diesem Bot zu.
Um denen dann einen Text für das Buch über Veles verfassen zu lassen.
Auf die Art erzeugt er einen 5000 Worte langen Essay, den er nur aus den Ausgaben dieses
Bots zusammen kopiert.
Ganz ähnlich geht er vor, um Zitate für die angeblich in seinen Fotos zu sehenden
Leute zu erzeugen.
Es gab ja eine Menge echter Zitate aus den anderen Artikeln und die wirft er ebenfalls
in die AI und lässt sich neue Zitate erzeugen.
All das kombiniert er und lässt es aussehen, als wäre es eine authentische Jonas Bendixen
Arbeit und produziert ein Buch.
Der Titel „The Book of Veles“, derselbe Titel, den das angebliche Manuskript trug.
Dabei geht er davon aus, dass es garantiert nicht lang dauern wird, bis die Ungereimtheiten
in seinen Bildern auftauchen werden.
Es ist ja nicht so, dass er nicht genügend Hinweise in seinen Bildern versteckt hätte.
Beispielsweise scheint die Stadt Veles eine ungewöhnlich hohe Bärenpopulation zu haben.
Und der Bär tauchte da auch nicht von ungefähr auf, denn der Bär war die Lieblingsgestalt
des Gottes Veles, des Gottes der Täuschung.
Aber selbst wenn einem der Bär entgangen war, gab es noch genügend andere Hinweise,
die Jonas zuversichtlich machten, dass dieses Buch den Test der Profis nicht lange würde
standhalten können.
Für den Fall der Fälle hatte er seinen Verleger auf jeden Fall schon mal informiert und er
hat sich selber als Regel gesetzt, die Presse daran zu hindern, seine Arbeiten zu veröffentlichen.
Er wartete und wartete, amüsierte sich über Komplimente für den Essay in dem Buch, lehnte
Anfragen der Presse ab und beschloss dann, noch einen draufzulegen.
Er reichte seine Arbeit bei dem angesehenen Fotojournalismus-Festival Visar pour Limage
in Frankreich ein.
Und die akzeptierten die Arbeit nicht nur, sondern baten ihn, im Programm einen Vortrag
über seine Arbeit zu halten.
Als weitere Wochen ins Land zogen, ohne dass irgendjemand seine Arbeit ernsthaft in Frage
stellte, beschloss er, selbst an seinem Ruf zu sägen.
Aber passend zu dem Projekt konnte er das natürlich nicht einfach selbst veröffentlichen.
Er wollte demontiert werden.
Und so kaufte er sich einen künstlich gealterten Social Media Avatar.
Für ca.
40 Dollar, sagt er.
Eine junge Dame, die angeblich aus Nordmazedonien stammte, mit dem klangvollen Namen Chloe Miskin.
Sie hatte eine Twitter Präsenz, ein Facebook-Profil.
Alles was ihr fehlte, waren die richtigen Kontakte.
Und an denen begann Jonas jetzt für ein paar Wochen zu arbeiten.
Nicht lange und Chloe war mit über 600 Leuten aus der fotojournalistischen Szene befreundet.
Der Plan?
Chloe sollte ihn demontieren.
Der richtige Zeitpunkt?
Kurz nach seinem Vortrag auf dem Festival.
Er hielt also seinen Vortrag und kurz darauf fing Chloe an, sich über die Qualität seiner
Arbeit aufzuregen.
Er hätte Leute gekauft, die in den Bildern zu sehen waren, schrieb sie auf Facebook.
Jonas ging davon aus, dass wenn jemand erstmal anfängt, öffentlich Zweifel zu äußern,
schon irgendjemand die Arbeit genauer unter die Lupe nehmen würde.
Umso erstaunlicher, dass Chloe nicht ernst genommen wurde und sich sogar einzelne damit
Beschäftigten Chloe zu widersprechen und mit ihr zu streiten.
Vielleicht ist Facebook nicht das richtige Social Network, denkt sich Jonas und lässt
Chloe auf Twitter los.
Und endlich steigt jemand auf den Verdacht ein.
Ein Twitter Nutzer bemerkt, dass Kleidung in den Fotos anscheinend mehrfach verwendet
wurde.
Und diesem ersten Verdacht folgen da natürlich andere und bieten Jonas damit endlich die
Möglichkeit, offen über sein Projekt und die wahren Hintergründe zu sprechen.
Monate nach Veröffentlichung.
Was machen wir jetzt aus dieser ganzen Geschichte?
Ich find’s spannend festzustellen, dass die Menschen zwar einerseits aufgewachsen sind
mit dem Wissen darum, dass es Photoshop gibt und dass Fotos nicht immer das zeigen, was
sie vorgeben zu zeigen.
Und gleichzeitig wollen wir immer noch auf Teufel komm raus glauben, dass Bilder die
Wahrheit und die Realität zeigen.
Es ist irgendwie auch tragisch, dass wir in über 180 Jahren Fotogeschichte immer noch
nicht gelernt haben, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden.
Und dabei sind wir ja jetzt am Anfang einer nicht aufzuhaltenen Entwicklung.
Jonas Bendixen hat uns vor Augen geführt, wie einfach es eigentlich ist.
Denn er ist weder Computerspezialist noch Computergrafik-Nerd.
Er hat sich mit Hilfe von YouTube ein paar frei erhältliche Softwareprodukte erklären
lassen und danach Bilder produziert, die die weltweite Community der Fotojournalisten für
bare Münze genommen hat.
Er ließ ein Essay von Künstlicher Intelligenz schreiben und Leser*innen hielten das für
authentisch.
Was lernen wir daraus?
Wir müssen kritischer werden.
Wir dürfen Bildern nicht einfach pauschal vertrauen.
Und außerdem lerne ich daraus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis wir um uns rum
Texte und Medienprodukte haben, die verdammt authentisch aussehen werden.
Foto Menschen
Ich habe mir eine signierte Fassung dieses Buchs bestellt.
Denn ich finde die Geschichte und den Prozess hinter „The Book of Veles“ durch und durch
faszinierend.
Außerdem gefallen mir die Fotos, die ich bisher davon gesehen habe.
Jonas Bendixen sagt selbst, dass er für diese Fotos im Prinzip neu lernen musste, wie ein
typisches Jonas Bendixen-Foto aussieht.
Immerhin musste er im Computer Lichtsituationen nachbilden und sich überlegen, wie hätte
er denn Menschen fotografiert in Veles, wenn er sie denn angetroffen hätte.
Ich glaube, dass es ein Buch, das Geschichte geschrieben hat.
Außerdem enthält es schöne Fotografie.
Aber das ist vielleicht mal eine Diskussion für einen anderen Tag, warum ich glaube,
dass auch solche Montagen durchaus fotografische Werke sind.

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Der Fotograf der Fotografen https://fotomenschen.kopfstim.me/der-fotograf-der-fotografen/ Sun, 24 Apr 2022 19:24:18 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Henri Cartier-Bresson wird von manchen als der größte Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet, einen Titel den er fast schon ärgerlich zurückweist… Er selbst sah sich nicht einmal als Fotograf.

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Titelbild: By Martine Franck / Magnum Photos / Fondation HCB – http://www.henricartierbresson.org/en/hcb/, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33722890

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Leicht angeschmolzene Negative https://fotomenschen.kopfstim.me/leicht-angeschmolzene-negative/ Sat, 17 Apr 2021 13:45:42 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Robert Capa hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten Kriegsfotograf des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium. In dieser Folge geht es um sein Leben und darum warum die Geschichte seines berühmtesten Fotos so nicht gewesen sein kann.

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Transkript

Von Anfang an schicken mir meine Hörerinnen und Hörer für den Fotomenschenpodcast Themenvorschläge und manchmal sind das Vorschläge für berühmte Fotografinnen und Fotografen. Und ein Name kam da überdurchschnittlich oft.

[Einspieler]

(Robert Capa wird von mindestens 5 verschiedenen Stimmen gesagt)

Ja, oder eigentlich Endre Friedmann. Und der ist eine schillernde Figur. Ein Mann, der unser Verständnis davon, was Reportagefotografie und Kriegsfotografie sind, wie kaum ein anderer geprägt hat. Und warum das so ist und was auch vielleicht nicht ganz so ist, wie es immer erzählt wird, das will ich mir heute anschauen.

Wenige Fotografen sind so ikonisch wie Robert Capa. Und das hat natürlich eine ganze Reihe von Gründen. Ganz vorne ist da das Genre, das sich Robert gewählt hat. Er wurde bekannt für seine Kriegsfotografie. Das war längst nicht das einzige Genre, in dem Robert Capa unterwegs war, allerdings muss man zugeben: Für seine Reisereportagen oder die Fotostrecken über Kinder interessieren sich einfach wesentlich weniger Leute als für die berühmten Kriegsfotos aus dem Indochinakonflikt, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Spanischen Bürgerkrieg.

Dann kommt noch der Look, den Robert Capas Bilder haben. Er ist nicht der einzige, der diesen Look prägt, aber er ist einer der ersten. Und der Look ist von Technik getrieben. Die kleinen Messsucherkameras von Leica, Contax und anderen haben gerade ihre Blütezeit. Messsucherkameras im Vergleich zu allem, was man vorher hatte, sind klein, kompakt und können schnell und einfach überall hin mitgenommen werden. Und dadurch wird die Fotografie viel weniger geplant. Fotografie passiert jetzt. Im Geschehen. Und anders als mit den Kloppern, die Kameras vorher waren, sind die jetzt in Mode kommenden, kleinen Messsucherkameras so unauffällig, dass die Fotografierten oft gar nicht bemerken, dass sie festgehalten wurden.

Das ganze fällt zusammen mit dem Aufkommen von immer schneller belichtbarem Film. Und der Blütezeit der Fotomagazine. Life, Time, wie sie alle heißen. Diese Magazine spielen eine Rolle, die später das Fernsehen haben wird. Sie sind das Fenster in die Welt für die Menschen. Und so geben Bildmagazine Unsummen aus, um die besten Fotostrecken, die besten Bildessays drucken zu können.

Dritter technischer Baustein sind die verwendeten Objektive. Kleine Kameras verlangen nach kleinen Objektiven. Und deswegen sind die Objektive an Messsucherkameras eher weitwinklig. Und wer weit weg vom Geschehen ist, macht dann weniger eindrucksvolle Bilder. Robert Capa kann man alles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht nah genug herangegangen wäre. Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm, ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.

Und seinen Bildern sieht man diese Philosophie an. Robert Capa trug seine Messsucherkameras in Kriegsgebiete und machte dann Fotos aus der Nähe, mitten in Kriegshandlungen. Das sind Aufnahmen, wie man sie zum Teil damals nie gesehen hatte. Bilder, die intensiv, emotional und dynamisch sind. Die uns aufrütteln. Bis heute. Diese Art der Fotografie ist zu der Zeit Robert Capas Mode und zieht sich quer durch alle Genres. So zieht ein Henri Cartier-Bresson durch Paris und hält mit ganz ähnlichen Methoden die Absurditäten des Alltags fest.

Und dann ist die Berühmtheit Robert Capas natürlich auch noch ein Ergebnis von hervorragender Vermarktung. Und die Vermarktung nahm Robert Capa selbst in die Hand. 1947 gründet er zusammen mit 6 anderen Fotografinnen und Fotografen die ikonische Pressebildargentur Magnum Photos und macht damit einige der talentiertesten Fotografinnen und Fotografen der damaligen Zeit unabhängig von den großen Bildmagazinen. Besagter Henri Cartier-Bresson ist zum Beispiel eines der Gründungsmitglieder und Robert Capa wird später auch Director von Magnum Photos sein und damit alle Hebel in der Hand halten, um sein eigenes Image in der Öffentlichkeit auszugestalten. Ungewöhnlich mutig, außerhalb der Fotografie allerdings wenig diszipliniert, ein bisschen augenzwinkernd, gerne mal einen über den Durst trinkend, spontan draufgängerisch, also genau die Art Mann, die sich spontan und freiwillig zu Kriegseinsätzen meldet, um der Welt Fotos über diese Erfahrung zu schicken.

Über diesen Mythos ist der echte Robert Capa kaum noch wiederzuerkennen. Und das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch alles Biografische, was über Robert Capa bekannt ist, aus seiner eigenen Feder oder von Mitgliedern der von seiner eigenen Familie gegründeten Stiftungen und Unternehmen stammt. Man muss also oft seine Bilder für sich sprechen lassen und das sind dann dynamische Aufnahmen mit großartigem Gespür für Komposition, einem Anspruch für Authentizität und dem Bedürfnis, Menschen darzustellen.

Robert Capa kommt als Endre Friedmann 1918 in Ungarn auf die Welt. Endre ist politisch sensibel und als Aktivist an politischen Protesten in Ungarn beteiligt und muss deswegen im Sommer 1931 das Land verlassen. In Berlin will er Journalismus studieren und bessert sich seine Finanzen bei der Bildagentur Dephot als Assistent auf. Dort lernt er das Handwerk, das er dann als er nochmal, diesmal vor dem Hitlerregime fliehen muss, in Paris zum Einsatz bringt, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Paris ist zu der Zeit ein Schmelztiegel der Intelligenzija. In Europa wird damals aus Sicht der Intellektuellen der Welt ein großer Kampf ausgetragen, Faschismus gegen Freiheit, und so kommen Aktivisten, Journalisten und Künstler von überall her nach Europa. In Paris kennt Endre dann Gerta Pohorylle kennen. Auch sie ist Flüchtling aus Deutschland und versucht, sich in Paris mit Schreibarbeiten und Vermittlungsarbeiten über Wasser zu halten. Die beiden haben einen überlappenden Freundeskreis und durch ihre Arbeit bei einer Bildagentur kann Gerta Endre helfen, Aufträge zu ergattern. Die beiden werden ein Paar und Endre bringt Gerta bei, zu fotografieren.

Die Pariser der 30er Jahre sind nicht gerade begeistert von so vielen Fremden in der Stadt und Gerta und Endre merken das an den Preisen, die sie erzielen können. Und so hat Gerta eine Idee. Sie schlägt vor, in Zukunft die Fotografie der beiden unter einem Künstlernamen zu vermarkten. Sie würde als Agentin des berühmten amerikanischen Fotografen Robert Capa auftreten. Und die beiden sind hochgradig erfolgreich.

Schon der Anfang Robert Capas Karriere ist also ein einziger Mythos. Eine große Geschichte mit einer großen, tragischen Liebe. In Folge 7 mit dem Titel „Die kleine Blonde“ habe ich diese Geschichte schon mal etwas ausführlicher erzählt. Sie endet leider damit, dass Gerta bei den Kriegshandlungen, die sie dokumentiert, ums Leben kommt. Und wer weiß, welchen Weg Robert eingeschlagen hätte, wenn das nicht passiert wäre.

Aus dieser Zeit, dem Spanischen Bürgerkrieg, gibt es ein Foto, das heute in Rückschau eines der berühmtesten Bilder von Robert Capa ist. Der gefallene Soldat. Es zeigt angeblich einen Soldaten in dem Augenblick, in dem eine Kugel sein Herz trifft. Und schon um dieses Bild dreht sich eine Kontroverse. Es ist nicht klar, ob es überhaupt den Tod eines Soldaten zeigt, ob es nicht bei einer Übung statt in Kampfhandlung aufgenommen wurde und auch der Ort, an dem es angeblich gemacht wurde, wurde immer wieder mal infrage gestellt und obendrein gibt es auch noch Menschen, die Zweifel anmelden, ob dieses Bild nicht eigentlich von jemand anders als Robert gemacht wurde.

Für mich spielt das alles eigentlich gar keine Rolle. Denn die Tatsache bleibt, dass dieses Bild bis heute die Menschen beschäftigt, bis heute die Gemüter erhitzt. Und es einen Krieg vermenschlicht, der bis dahin sehr abstrakt und weit entfernt war.

Am Ende des spanischen Bürgerkriegs ist Robert Capa ein berühmter Kriegsfotograf. Aber Kriege ist nicht das einzige, das er fotografiert. Zwar zieht er erstmal vom spanischen Bürgerkrieg weiter nach China, wo die Japaner gerade damit beschäftigt sind, das Reich zu überfallen, aber er macht auch eine Reportage über Waisenkinder, eine andere über die Tour de France und eine Reihe von Fotoessays über die Arbeiterklasse in Belgien.

Inzwischen hat es ihn nach England verschlagen. Dort arbeitet er als Korrespondent für Life Magazine und für diverse andere große Publikationen. Und da ist er auch, als die Alliierten endgültig in den Zweiten Weltkrieg eintreten. D-Day. Die berühmte Landung an der Normandie. Life Magazine schickt den damals berühmtesten Kriegsfotografen seiner Zeit los, Robert Capa. Vielleicht hat er sich auch freiwillig gemeldet. Sicher ist: Wer da die ersten Fotos liefern kann, hat es geschafft. Der Strand, an dem die Truppen landen würden, trug den Codenamen „Omaha Beach“ und die Deutschen erwarteten diesen Angriff. Sie hatten den gesamten Küstenabschnitt befestigt. Überall waren Bunker, im Wasser waren riesige Stahlungetüme, um zu verhindern, dass man direkt anlanden konnte, das ganze Ding war eine Todesfalle.

Robert Capa hatte mindestens zwei, wahrscheinlich sogar mehr Kameras dabei. Er landete mit den Truppen an. In einem der ganz regulären Truppentransporter. Und für die Geschehnisse, die ich jetzt gleich kurz beschreiben werde, gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: Nämlich einmal Robert Capa selbst, der 1947 eine kurze Biografie namens „Slightly out of focus“ herausgibt und da drin eben genau diesen Tag beschreibt und John Morris, der als Bildeditor bei Life an diesem Tag dafür zuständig ist, die Bilder von Robert Capa entgegenzunehmen, zu entwickeln und von London in die USA zu schicken, damit sie in der nächsten Ausgabe von Life Magazine zusammen mit einer Reportage erscheinen können.

Es ist der 6. Juni 1944. Das Wetter ist nicht ideal, sagen wir mal so. Es herrscht hoher Seegang und macht die Anlandung der Truppen zusätzlich schwer. Wer den Film „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat und dort die Einstiegsszene, der kann sich wahrscheinlich ganz gut vorstellen, wie das gewesen sein muss. Die alliierten Truppen dringen so weit sie können an den Strandabschnitt vor, während im Hinterland ein Luftangriff für Verwirrung sorgen soll. Je nachdem, an welchem Strandabschnitt man da in dieser ersten Welle landet, hat man mit viel oder mit sehr viel Gegenfeuer zu kämpfen. Und die ersten Soldaten, die es nach vorne schaffen, haben einen Auftrag, nämlich die Stahlbarrieren wegzusprengen, die da im Weg liegen.

Robert Capa ist bei dieser allerersten Welle mit dabei. Kurz, bevor sich das Tor zum Strand öffnet, befreit er seine Contax 2 Kameras von ihrem Wasserschutz und fängt an, Fotos zu machen. Das Tor öffnet sich und er fotografiert darauf los. Ein hinter ihm stehender Soldat vermutet in ihm einen Kameraden mit plötzlicher Panikattacke und stößt ihn beherzt ins Wasser. Robert Capa schafft aber, seine Kamera über Wasser zu halten und ans Ufer zu kommen, wobei er immer wieder fotografiert. Zusammen mit einigen anderen nimmt er Deckung. Er knipst von beiden Kameras beide Filme voll. Als er seine Kamera nachladen will, zittern seine Hände so stark, dass er dazu nicht in der Lage ist und er macht sich auf den Weg zu dem Schiff, das ihn wieder zurückbringen soll.

90 Minuten wird er an dem Strand verbracht haben und auf dem Weg zurück entstehen Aufnahmen von Sanitätern, die verwundete Soldaten versorgen.

Wieder in London müssen die Fotos so schnell wie möglich ins Büro von Life Magazine kommen. Capa schickt 4 Rollen Film los an das Büro von Life in London. Der Bildeditor John Morris kaut sich schon die Nägel nach diesen Bildern ab. Die Welt wartet auf die Reportage mit den Fotos von der Landung in der Normandie. Und die Zeit drängte, denn die Bilder konnten nicht in London bleiben, sondern mussten noch in die USA verschickt werden. Der Kurier braucht so ein bisschen und so wird es 6 Uhr abends, bevor die Filme im Labor ankommen.

John Morris macht Druck. Er muss die Bilder ja auch noch sehen und auswählen, er möchte Kontaktabzuge haben, das Labor soll sich beeilen. Er selbst erzählt das so:

[Einspieler]

„So I told the dark room to rush, rush development so can have contacts for editing.“

Er hat Stress gemacht. Schnell solls gehen.

[Einspieler]

„A few minutes later, an almost hysterical young lad named Dennis Banks came rushing into my office, saying: ‚John, the films are ruined!'“

Wenige Minuten später stürmt ein praktisch hysterischer Laborassistent namens Dennis Banks in John Morris Büro und schreit: „Die Filme sind ruiniert! Sie sind ruiniert!“

[Einspieler]

„I said, ‚what do you mean‘, he said, you were in such a hurry that I put them in the locker to dry, which was normal, but closed the doors and there was too much heat and the emultion ran“

Die Filme wären zum Trocknen in ein Trockengerät gepackt worden, sagt er, und er hatte die Tür geschlossen, versehentlich, und die Hitze war zu hoch eingestellt und daraufhin sind die Filme geschmolzen. Morris stürmt los. Die vielleicht wichtigsten Fotos seiner Karriere ruiniert? Er findet noch eine Rolle mit verwertbaren Fotos. 11 Bilder sind da drauf. Und diese Bilder sind dann die Bilder, die Life Magazine dann später drucken wird. Bilder, die wegen der Hitze etwas verwaschen und körniger aussehen und deswegen, da ist sich irgendwie jeder einig, auch dynamischer wirken.

Es sei ja ein Zettel mit dabei gewesen mit ein paar Notizen für die Aufnahmen und die sind dann die Grundlage für das Life Magazine, entsprechende Bildunterschriften zu drucken. Da ist ein Bild, in dem sich Soldaten vor feindlichem Feuer hinter den Stahlbarrikaden verbarrikadieren. Oder ein anderes Bild, in dem man einen Soldaten ans Ufer schwimmen sieht. Alle sind sich einig, dass Robert Capa unglaublichen Mut bewiesen hat, indem er vor diesen Soldaten geschwommen ist, um dieses Bild zu machen und schnell ist auch der Soldat identifiziert, der da drauf angeblich zu sehen ist.

Und ist das nicht eine großartige Geschichte? Das ist ziemlich genau die Geschichte, wie ich sie bisher immer wieder gehört und gelesen habe. Ich habe mir hier mal den Spaß gegönnt, loszuziehen und alle Bücher zusammenzutragen, in denen Fotos von der Normandie zusammen mit dieser Geschichte abgedruckt sind. Und ich habe inzwischen 6 Versionen von dieser Geschichte hier in meiner kleinen Minibibliothek gefunden. Plus die Variante von Robert Capa selbst in „Slightly out of Focus“, die ich als Hörbuch habe und die Interviews von John Morris. Hammer. Nur sehr wahrscheinlich so nicht ganz richtig.

Über 70 Jahre lang wird diese Geschichte so erzählt. Und nie ist jemandem etwas sehr offensichtliches aufgefallen: Wie viel Hitze eigentlich notwendig ist, um Filme zu schmelzen. Aber bevor wir dazu kommen; fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wie viele Ungereimtheiten tauchen in dieser Geschichte auf, wenn man sie sich genau anschaut?

Der Fotograf, Autor und Journalist A. D. Coleman hat sich vorgenommen, diesen Mythos mal auf Herz und Nieren zu prüfen und hat darüber eine ganze Reihe an Artikeln geschrieben. Es fängt damit an, dass er die Beobachtung aufstellt, dass diese Geschichte ausschließlich von Leuten erzählt wird, die keine Dunkelkammererfahrung haben. Es stellen sich nämlich ein paar Fragen. Das geht schon damit los, dass John Morris behauptet, dass die gesamte Entwicklung- und Trockenaktion wenige Minuten gedauert hätte. Es geht aber dann mit dem angeblichen Unfall gleich weiter. Da sei es ja so gewesen, dass diese Trockenkammer aus Versehen geschlossen worden sei und dann zu heiß wurde, da tauchen mehrere Fragen auf:

Frage Nummer eins: Ja, solche Kammern sind eigentlich immer geschlossen, weil Filme, die feucht sind, Staub anziehen. Und genau das gilt es zu verhindern. Und dann ist es auch so, dass diese Kammern jetzt nicht gerade astronomisch heiß werden, denn es geht ja nur darum, Feuchtigkeit zu trocknen. Da ist keine Herdplatte darin. Ich habe hier übrigens obendrein noch ein kleines Experiment gemacht und Kodakfilm auch eine glühende Herdplatte gelegt und ich kann sagen: Die angeblich so behandelten Filme, die ja dann gar kein Bild mehr gezeigt haben sollen, na ja, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Weil Film schmilzt zwar und verzieht sich auch, aber ich konnte hier auf meinen Negativen nach wie vor Bilder sehen. Und zwar ordentlich. Gut, in den 40er Jahren waren die Filme vielleicht anfälliger, was weiß denn ich, aber ich glaube auch, dass meine Ceranherdplatte etwas heißer ist als das Heizelement, das üblicherweise zum Trocknen von feuchtem Film verwendet wird. Also wie heiß soll das denn bitte da drin gewesen sein, dass in wenigen Minuten 4 Rollen Film ruiniert sind?

An anderer Stelle wird dann auch gesagt, dass die Emulsion sich zusammengezogen hätte und deswegen sieht man an den Negativen, dass die Stanzungen mit in den belichteten Teil hereinragen. Das wäre so ein Beweis für die Hitze, die da gewirkt hat. Stimmt auch nicht. Kontakts 2 Kameras waren dafür bekannt, dass die ausgeleuchtete Kammer etwas in den Rand hineinragte, das heißt, Fotos, die mit diesen Kameras gemacht wurden, sahen eigentlich immer so aus.

Von da ausgehend stellte sich Coleman die Frage, was eigentlich noch seltsam an dieser Geschichte sein könnte. Und da tauchen auch mehrere Dinge auf. Die erste Frage, die einem in den Sinn kommt, ist: Warum genau wurden die Filme eigentlich per Kurier verschickt? Wenn Robert Capa doch nach London zurückkehrte, warum hat er diese Filme nicht selbst zum Entwickeln gebracht? Und wie kann es eigentlich sein, dass es Filme von vor der Landung und nach der Landung gibt, die völlig unproblematisch entwickelt worden waren? Nur die Rollen von der Landung selbst sollen ein Problem gehabt haben?

Und mit diesen Fragen im Kopf hat sich dann Coleman mit den Fotos näher auseinandergesetzt und versucht, den Ort zu identifizieren, an dem Robert Capa an Land gegangen ist. Seiner eigenen Schilderungen nach ist er praktisch mitten im Kampfgeschehen angelandet, gleich um 6:30. Und das kann nach Coleman eigentlich nicht sein. Es gibt mindestens ein Bild, auf dem kann man anhand sichtbarer Erkennungsmarken identifizieren, wer auf dem Foto abgebildet ist. Und die Soldaten, die dort abgebildet sind, sind weder um 6:30 angelandet, noch war es der hart umkämpfte Strandabschnitt, den Robert Capa angeblich besucht haben will. Stattdessen war es ein eher ruhiger Abschnitt. Also, ruhiger, nicht unbedingt ungefährlich, aber doch nicht so hart umkämpft wie die anderen Bereiche. Und die Leute, die angeblich laut Life Magazine Bildunterschrift hinter einem Stahlgerüst in Deckung gehen, sind auch keine Soldaten, die dort in Deckung gehen, sondern Soldaten mit dem Auftrag, diese Stahlgerüste wegzusprengen, das heißt, die sind da absichtlich und bringen Sprengladungen an. Damit ist natürlich auch der einzelne Soldat, den Robert Capa in dem berühmtesten dieser 11 Fotos aufgenommen hat und von dem man glaubte, zu wissen, wer es ist, jemand ganz anderes gewesen.

Fassen wir also zusammen: Es sieht so aus, als wäre Robert Capa später als angegeben und an einer anderen Stelle als behauptet zur action an Omaha Beach zugestoßen. Da war die erste Welle schon vorbei. Da waren die größten Kampfhandlungen wahrscheinlich schon erledigt. Und obendrein war es ein Stück vom Strand, an dem weniger Gegenfeuer zu erwarten war. Den Dunkelkammerunfall hat es womöglich so nie gegeben.

Stellt sich nur die Frage, warum John Morris das denn behauptet, da hilft es, zu wissen, dass John Morris selber eigentlich keine Ahnung hat, was so ein Fotolabor alles macht. Also entweder ist irgendein Unfall passiert und er gibt es falsch wieder, oder womöglich hat Robert Capa nie 4 Rollen Film produziert, sondern einfach nur 10 Mal abgedrückt und danach in Panik das Schiff zurückgenommen und deswegen hat John Morris einen Mythos erfunden. Vielleicht war es auch ganz anders. Die Unternehmen aber, die an dem Mythos, dem Ruhm und natürlich auch dem finanziellen Wert des Mythos Robert Capa arbeite, also Magnum Photos oder auch das international Center of Photography oder die Capa Stiftung, die haben alle kein Interesse daran, dabei zu helfen, diese Fragen abschließend aufzuklären. Denn dieser Mythos wird jedes Mal, wenn D-Day in ein rundes Jubiläum geht, aufs neue wieder und wieder erzählt.

Und diese Bilder sind eindrücklich. Und ähnlich wie vorhin bei dem Bild des gefallenen spanischen Soldaten denke ich mir auch hier: Es ist eigentlich egal. Klar, mit journalistischer oder dokumentarischer Ethik hat diese Anekdote wahrscheinlich nicht viel zu tun. Aber die Wahrheit ist: Diese Soldaten, die in diesen Aufnahmen gezeigt werden, haben ihr Leben an Omaha Beach riskiert. Capa hat sein Leben dort riskiert, auch wenn er es vielleicht nicht ganz so sehr riskiert hat, wie der Mythos uns glauben machen will.

Die Bilder sind eindrücklich, auch heute noch. Sie sind übrigens auch unscharf. Nehmt das, ihr Schärfefanatiker da draußen! Und ob die Unschärfe nun, wie er selbst in seiner Biografie schreibt, durch seine zitternden Hände zustande gekommen ist oder durch einen Laborunfall, ist doch eigentlich auch völlig egal.

Was bleibt, ist allerdings trotzdem die Feststellung: An Robert Capa ist praktisch nichts echt. Der Name ist erfunden, der Spanische Soldat kommt mit einer Menge Fragezeichen daher, die D-Day Fotos sind anders entstanden, als uns erzählt wird und für mich werfen sich damit Fragen auf, wie wer war Robert Capa eigentlich wirklich und wie oft schauen wir uns Bilder an, von denen wir glauben, zu wissen, was sie zeigen, die mit der Wirklichkeit nicht ganz so viel zu tun haben, oder anders formuliert: Was schauen wir uns beim Blick auf die Fotos vom D-Day an? Unsere eigenen Überzeugungen, Robert Capas Bildgestaltung oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Robert Capas Werk ist sehr real. Es sind großartige Aufnahmen aus den verschiedensten Kontexten und er ist für mich ein gutes Beispiel, wie Fotografinnen und Fotografen manchmal auf ein oder zwei Dinge reduziert werden.

Nach dem Krieg wird Robert Capa amerikanischer Staatsbürger. 1947 kommen seine Kriegsmemoiren „Slightly out of focus“, eine Anspielung auf die zitternden Hände, die seiner Aussage nach für die Unschärfe in den D-Day Fotos verantwortlich war, auf den Markt und wird ein Bestseller. Er gründet Magnum Photos und lässt es erstmal etwas ruhiger angehen. Reisebücher, Sozialreportagen und dazwischen immer wieder wichtige Fotoessays. Er besucht Israel, wo er die dortige Unabhängigkeitsbewegung und dann die Flüchtlingsströme dokumentiert.

Er ist in Japan, um dort eine Reportage über Kinder zu machen, als ihm von Life Magazine ein Auftrag angetragen wird: Er soll einspringen. Ein Fotograf war ausgefallen, der in Indochina den dort herrschenden Krieg dokumentieren sollte und Capa wurde gefragt, ob er nicht dafür verfügbar wäre. Es ist sein letztes Assignment. Bei dem Versuch, eine Gruppe Soldaten beim Vormarsch zu fotografieren, tritt er auf eine Landmine.

Das war nun also meine Folge zu den D-Day Fotos von Robert Capa. Und in vielerlei Hinsicht ist diese Episode eine Art Fortsetzung von Folge 7, „Die kleine Blonde“, in der ich die Geschichte von Gerda Taro erzählt habe, ohne die uns der Name Robert Capa nie untergekommen wäre. Der Mann ist ein Mythos und die Figur, die wir mit Robert Capa verbinden, existiert so nicht. Und die Geschichten, die an seinen Bildern hängen, zum Teil auch nicht. 

Was bleibt, ist ein Bildstil, den Robert Capa geprägt hat. Eine Branche, die er nicht zuletzt durch die Gründung von Magnum Photos uneinholbar verändert hat. Politische Bewegungen, die er zum Teil mit seinen fantastischen Fotografien ausgelöst hat. Und ein Talent für Fotos, die uns bis heute berühren können. „Ist es nicht gut genug, bist du nicht nah genug dran“. Das ist das berühmte Zitat von ihm. An ihn selbst kommt man allerdings nur sehr sehr schwer. 

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