Mathew Brady – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Thu, 27 Jan 2022 12:35:00 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Mathew Brady – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Kunstprofessor auf Abwegen https://fotomenschen.kopfstim.me/kunstprofessor-auf-abwegen/ Sat, 04 Dec 2021 19:11:20 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Es gibt in der Geschichte der Fotografie viele Maler und Erfinder, Samuel Morse war einer von ihnen und brachte den USA neben dem nach ihm benannten Code auch die Fotografie.

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Transkript

Sein ganzes Leben versuchte Samuel F. B. Morse, mit seiner Malerei Fuß zu fassen, und später dann mit Fotografie, und doch ging er in die Geschichte ein als der Erfinder des Morsecodes.

Ich finde es schon auffällig, ganz besonders am Anfang der Geschichte der Fotografie sind die Hauptfiguren, die einem so begegnen, meistens mehrfach talentiert und in ganz vielen verschiedenen Bereichen unterwegs. Samuel F. B. Morse ist da tatsächlich ein ganz typischer Vertreter.

Geboren wird er im Jahr 1791 als Sohn eines calvinistischen Geistlichen. Es geht der Familie Morse gut und so kommt der Sohn in den Genuss einer privilegierten Ausbildung. Während er im College von Yale, der heutigen Yale University, sein Studium absolviert, hört er erste Vorlesungen über Elektrizität. Samuel schwebt eine Karriere als Künstler vor und so ist es auch kein Wunder, dass er sich schon während des Studiums ein Zubrot über Portraitmalerei verdient. Diese ersten Gemälde sind meistens Miniaturen, allerdings hat der junge Samuel auch schon große Gemälde in neoklassizistischem Stil gemalt. „The landing of the pilgrims“ stellt zum Beispiel dar, wie die ersten Siedler Amerika erreichen. Keine dieser Bilder sind besonders einträglich, aber sie erregen genug Aufmerksamkeit, dass er einen Maler kennenlernt, der ihm anbietet, gemeinsam nach England zu gehen und dort Malerei zu studieren.

Es ist auch hier in England, wo Samuel Morse unter anderem in die Royal Academy aufgenommen wird und vollständig in die Kunst eines Raphael und eines Michelangelo versinkt. Schnell geht ihm aber auf, dass große, komplexe, klassizistische Gemälde nichts sind, womit man sich wirklich ordentlich seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Portraitmalerei ist da wesentlich einträglicher. Er lässt seine Familie in Amerika also wissen, dass er demnächst heimkehren wird und ein Portraitstudio eröffnen wird, ein Studio, in dem er mit Portraits so viel Geld verdienen wird, dass er in Zukunft zwischen England und USA hin- und herpendeln können wird. 

Und er bekommt auch ein paar Aufträge, alles in allem aber nicht besonders lohnend. Sein wie angekündigt in New York eröffnetes Portraitstudio ermöglicht ihm kaum, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber immerhin sind die Arbeiten gut genug, dass ihn die University of New York City zum Professor beruft. Tagsüber lehrt er in den Bereichen Skulptur und Literatur, aber Kunst und Design ist natürlich damals auch ganz nah an der technischen Revolution, die stattfand. Und so experimentiert Morse mit ein paar anderen seiner Freunde mit verschiedenen elektrischen Apparaturen. Es sind diese Jahre, in einer Professur, in New York, die er dafür nutzt, dann auch den Telegrafen zu entwickeln. 1840 bekommt er dann dafür ein Patent. 

Wer jetzt glaubt, ab hier war er ein gemachter Mann, der irrt. Man wusste damals noch nicht wirklich, was man mit dem Telegrafen anfangen soll. Es gab ja auch kein ausgebautes Telegrafennetz oder auch nur Stromnetz zu der Zeit. Als Professor war sein Einkommen auch nicht gerade großzügig und so versuchte Morse, offizielle Fördermittel zu bekommen. Weil sich das allerdings übermäßig lang hinzog, beschloss Morse, mit seiner Erfindung in Europa sein Glück zu versuchen und reiste damit nach England. 

Dort hatte man die Entwicklung des Telegrafen mit riesigem Interesse verfolgt und war fleißig am Überlegen, wie man diese Technologie ausnützen könnte. Es gab damals nur eine einzige Technologie, die ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Die gerade 1839 der Welt vorgestellte Daguerreotypie.

Morse hatte selbst als Maler und Künstler schon mit verschiedenen fotografischen Techniken experimentiert und so nutzte er seinen Trip nach Europa nicht nur für die Suche nach Investoren für sein Telegrafensystem, sondern auch, um Louis Daguerre zu treffen. Und er war begeistert von dem, was er dort sehen durfte. Als erster Amerikaner überhaupt beschrieb er den Prozess und was er dabei gesehen hatte und als er nach Amerika zurückgekommen war, wurde er der erste Amerikaner, der erfolgreich Daguerreotypien anfertigte. 

Der Prozess war noch langsam und umständlich und so begann Morse, von Anfang an den Prozess Schritt für Schritt zu verbessern. Er eröffnete das erste Daguerreotypiestudio der neuen Welt und nach wenigen Monaten experimentieren konnte er die ersten Innenraumbilder mit weniger als fünf Sekunden Verschlusszeit produzieren. Als Professor, Künstler und Erfinder hatte Morse ein sehr ausgesuchtes Netzwerk und so profitierte seine Fotografie von den Linsenberechnungen eines John Draper und er sorgte dafür, dass Louis Daguerre Ehrenmitglied der Akademie für Design und Wissenschaften in den USA wurde. 

Samuel Morse machte Riesenfortschritte und im Jahr 1840/41 galt er als der führende und beste Daguerreotypist der Vereinigten Staaten. Jedoch bei aller Begeisterung hatte die Daguerreotypie auch einen gewaltigen Nachteil: Es war eine brandneue Technologie. Zwar war die gefragt, aber so richtig hatte noch niemand herausgefunden, wie man damit ernsthaft und ausreichend Geld verdienen können würde. Auch Morse sah es eher als eine Art unterstützende Technik für Portraitmaler. Man konnte quasi Skizzen damit fertigen, so die Idee. Und deswegen hörte er auch nie auf, die Technologie des Telegrafen weiter zu bewerben und zu verfolgen. 

Inzwischen hatte in Großbritannien einiges an Versuchen stattgefunden und Großbritannien schickte sich an, erste Telegrafenleitungen zu errichten. Und so wurde auch der amerikanische Kongress aktiver. Neben verschiedenen Möglichkeiten, die Telegrafentechnologie einzusetzen, bekam er Mittel für Experimente bewilligt und so kam es 1842 zu den ersten Experimenten für die Übertragung von Signalen unter Wasser. Und 1843 endlich zur Bewilligung von damals 30000 US-Dollar, um den Bau einer 60 km langen Telegrafenleitungen von Baltimore nach Washington DC. zu unterstützen.

Ich fand es beim Nachlesen einigermaßen faszinierend, festzustellen, dass bis hier hin Morses Finanzen eigentlich immer ein Problem waren. Nicht, dass er auf besonders großem Fuß gelebt hätte, aber weder seine Professur, noch seine Malerei, noch sein Daguerreotypiestudio, noch, bis hier hin, die Entwicklung der ersten Telegrafengeräte in den USA hatten genug Geld abgeworfen, um ihm ein entspanntes, stressfreies Leben zu ermöglichen. Dazu mag auch seine Familiensituation beigetragen haben: 1818, im Alter von 27 Jahren, heiratet Morse die sieben Jahre jüngere Lucretia Pickering Walker. Mit ihr hat er drei gemeinsame Kinder, allerdings stirbt sie im Alter von 26 Jahren bei der Geburt des dritten Kindes und die drei Kinder wachsen ab jetzt bei Verwandten auf und sind bereits erwachsen, als Morse Mitte der 40er Jahre von einem Gericht Lizenzgebühren für die inzwischen reichlich eingesetzte Telegrafentechnologie zugesprochen bekommt. Es ist nicht das letzte Mal, dass er dafür vor Gericht ziehen muss, aber ab jetzt ist im Grunde seine finanzielle Zukunft einigermaßen gesichert.

Auf der Hochzeit seines Sohnes Charles lernt Samuel Morse dann die damals 26-jährige Brautjungfer Sarah Elizabeth Griswold kennen. Von Geburt an taub und mehrere Monate jünger als seine Tochter, ganz zu schweigen davon, dass es 30 Jahre Altersunterschied zwischen ihr und ihm gab, dürfte die Beziehung durchaus für Tratsch und Aufregung gesorgt haben, was aber die beiden nicht daran hindert, zu heiraten, auf einen gemeinsamen Landsitz zu ziehen und im Folgenden weitere vier Kinder zu zeugen.

Morse bleibt weiterhin in Yale aktiv. Er erhält die Ehrendoktorwürde und wird aus aller Welt mit Ehrungen überschüttet. Daguerreotypie und Malerei betreibt er weiter, allerdings nur noch als Hobby. Er schließt die Portraitstudios in New York und betreibt seine Kunst nur noch für sich und seine Familie. Allerdings ist er ein anerkannter Mentor und gilt als der Begründer der Daguerreotypie in den USA und steht damit am Anfang einer absoluten Erfolgsgeschichte. Denn während in Europa die Kollodium-Nassplatte und Papiernegative das Mittel der Wahl werden, bleibt die Daguerreotypie in den USA noch auf mehrere Jahrzehnte die kommerziell erfolgreichste Technologie.

Und Morse kann sich ab jetzt aussuchen, womit er seine Zeit verbringen möchte. 1865 gründet er zum Beispiel eine Eliteuniversität, ab 1866 bis 68 lebt er mit seiner Familie in Frankreich und ist offizieller Vertreter der USA bei der Pariser Weltausstellung. Hätte man zu der Zeit Zeitgenossen gefragt, hätten sie ihn inzwischen schon als Vater der Telegrafie identifiziert. 

Wie wichtig dieses Thema inzwischen für die Weltgemeinschaft geworden war, wird auch durch die vielen Ehrungen, die ihm gerade auch aus Europa zuteilwurden, deutlich. Neben verschiedenen Ritterorden und allgemeinen Ehrungen gipfelt das Ganze in einer Konferenz im Jahr 1859. Da kamen auf Einladung Kaiser Napoleons des dritten die Länder Frankreich, Russland, Schweden, Belgien, Holland, Österreich, Sardinien, die Toskana, die Türkei und der heilige Stuhl zusammen, um darüber zu beraten, wie man Professor Morse im Namen ihrer vereinten Regierungen ihre Dankbarkeit ausdrücken könnte. Man verständigte sich darauf, ihm die damals spektakuläre Summe von 400000 Franc zukommen zu lassen, als Honorar., zusätzlich zu all den Ehrungen.

Samuel Morse war umtriebig und vielseitig interessiert und damit passt er ganz hervorragend in die damalige Zeit. Seine Arbeit als Fotograf hatte viele der ersten Fotografinnen und Fotografen in den USA beeinflusst und einige Namen hatten wir auch hier im Podcast schon erwähnt. So arbeitete er zum Beispiel mit John William Draper zusammen, der Mann, der für eines der ersten Fotos des Mondes überhaupt verantwortlich ist. Und Mathew Brady, einer der großen Fotografen der amerikanischen Bürgerkriegszeit, war ein persönlicher Vertrauter von Samuel Morse. Er selbst sah sich zur Zeit seines Lebens eigentlich zuerst als Künstler, dann als Professor, dann als Fotograf und erst als Letztes als Erfinder. Trotzdem ist es natürlich die Erfindung des Telegrafen, mit der er die Welt am nachhaltigsten verändert hat.

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Die Geschichte der Bildmanipulation https://fotomenschen.kopfstim.me/die-geschichte-der-bildmanipulation/ Sun, 16 May 2021 15:04:44 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Es gibt Diskussionen die sind so alt wie die Fotografie selbst. Manche glauben mit der Diskussion um Bildmanipulation hätten wir ein neues Thema für uns entdeckt dabei haben schon die vielgelobten „alten Meister“ manipuliert was das Zeug hält.

Nachtrag: In der ersten Fassung der Folge behaupte ich noch fälschlicherweise Lenin hätte Bilder manipuliert. Es war natürlich richtigerweise Stalin derjenige der politische Gegner entfernen ließ. Danke an Sylvie für den Hinweis!


Abraham Lincoln
John C. Calhoun

General Grant at City Point
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Die Geschichte der Bildmanipulation

Heute beschäftigen wir uns mit einem Thema, das so alt wie die Fotografie selbst ist. Trotzdem haben wir anscheinend immer wieder das Gefühl, das Thema komplett neu für uns zu entdecken. (Musik) Fotomenschen. Es gibt Themen in der Fotografie, über die seit jeher gestritten wird. Kann Fotografie zum Beispiel Kunst sein, wo sie doch nur festhält, was sowieso schon da ist? Nummer zwei: Ist das Manipulieren von Bildern, sei es mit Ausschnitt oder Bildbearbeitung, Irreführung des Betrachters oder legitimes Ausdrucksmittel? Nummer drei: Entsteht Fotografie im Kopf der Fotografin, in der Nachbearbeitung, bei ihrer Verwendung oder vielleicht sogar erst im Kopf der Betrachtenden? 

Man könnte gerade weitermachen. Wer momentan die aktuellen Nachrichten rund um das Medium verfolgt, dem wird nicht entgangen sein, dass es einen Trend zur Bildnachbearbeitung gibt. Bilder, die ursprünglich mal in schwarz weiß aufgenommen wurden, werden nach koloriert. Lächeln werden in eigentlich ernst schauende Gesichter montiert. Die Software wird kurz gesagt immer intelligenter. Kann man Bildern denn dann überhaupt noch so wie früher vertrauen? Schauen wir uns dieses früher mal ein bisschen näher an. 

Die Königin der Bildbearbeitungsprogramme ist ganz eindeutig Photoshop. Photoshops Geschichte beginnt 1988. Da war ich knapp 12 Jahre alt. Der Doktorand Thomas Knoll war damals wahrscheinlich ein bisschen älter. Er beschäftigte sich für sein Studium mit bildverarbeitenden Systemen. Sein Bruder arbeitete in der Zeit bei Industrial light and magic. Das war die von George Lucas gegründete Special Effects Firma. 

[Einspieler] I just started in ILM and I should be working (?over) a year. A few months later I was visiting Tom, who was PHD candidate at the university Mishigen. His thesis work was on vision systems. He has written all his image processing tools. It actually was kind of striking, how similar what Tom had written was, to what I had seen on the (?Pixar). When I got the (?Dem or the Pixar) it seemed so exciting. It was something I really wanted to have, but it was very expensive and exclusive.

John führte bei Industrial Light and Magic mit modernster Hardware und Software kleine, dafür aber sehr teure Änderungen am Filmmaterial durch.

[Einspieler] Then Tom was doing this work on his thesis on a (?Mac and tosh plus), a computer, that I had. Suddenly it seemed like it is worth in reach, that I can have a computer of my own, which can do the same sorts of things.

Sein Bruder Thomas hatte für sein Studium mit handelsüblicher Standard Hardware kleine Tools zur Bildbearbeitung. Das war unter anderem ein Produkt, das er Display nannte. Es war in der Lage, Graustufen Bilder auf einem monochromen, also schwarz weiß Monitor, darzustellen. Diese ersten Gehversuche sah John und war tief beeindruckt. Da musste keine zehntausende Euro teure Hardware werkeln. Man konnte alles mit Technik von der Stange machen. Er belaberte seinen Bruder, aus dieser kleinen Sammlung von Utilities ein Bildbearbeitungswerkzeug zu machen. 

Es sollte Image Pro heißen. Den Namen hatte leider schon jemand anders reserviert. Die zweite Wahl war dann Photoshop. Photoshop 007 kam 1988 raus und erregte von Anfang an Aufmerksamkeit, da es Dinge konnte, die andere Software bis dahin nicht konnte. Die damals noch junge Firma Adobe sieht das Potential in der Lösung und kauft die Rechte an Photoshop. Das war wahrscheinlich der Tag, an dem Tom und John beide zu Millionären wurden. 34,5 Millionen US Dollar hat diese Lizenz gekostet. Am 01. Februar 1990, drei Tage vor meinem vierzehnten Geburtstag, kommt Photoshop Version 1.0 für den Mac raus. Das hat damals 300 Dollar gekostet. Verglichen mit der heutigen Plattform konnte es nichts. Verglichen mit dem bisher existierenden, war die Werkzeug Palette von Photoshop revolutionär. 

Noch im selben Jahr kamen bis heute verwendete Erweiterungen wie ein Stift Tool, um in der Software nicht nur zu manipulieren, sondern direkt malen zu können. Pfade, Unterstützung für Druckfarben kamen. Ab jetzt ging es Schlag um Schlag. Photoshop wurde für jedes Genre der Bildbearbeitung so wichtig, dass es aus dem heutigen Werkzeugkasten professioneller Fotografen, Mediengestalter, Designer jeglicher Art, absolut nicht mehr wegzudenken ist. Photoshop ist für uns so wichtig, dass die Brüder John and Tom Knoll 2019 mit dem Oscar dafür ausgezeichnet werden. Der Oscar wird nämlich von der Academy für Motion Pictures and Science verliehen. In dieser Science Sparte waren die beiden die Gewinner. Man könnte 1988 also als den Startpunkt für die moderne Bildmanipulation festlegen, wären da nicht schon seit Jahrzehnten andere Meister am Werk. Fotografinnen und Fotografen waren sich schon immer bewusst, dass sie die Wirklichkeit darstellen. 

Dass sie manipulierend eingreifen, wie das Bild im Endeffekt aussehen würde, hing sehr von der Wahl der Mittel ab, mit denen fotografiert wurde. Welche Chemikalien wurden verwendet, um den negativ Träger zu bearbeiten? Womit wurde belichtet und entwickelt? Welche Objektive kamen zum Einsatz? Welchen Bildwinkel wählte man? Man konnte all das auch als Manipulation verstehen. 1903 schreibt Edward (?Steichen), der einer der großen einflussreichen Gestalten der Fotogeschichte ist, dass Fotografien von Anfang bis Ende nur als Fake verstanden werden können. Every photograph is a fake from start to finish. Steichens große Leidenschaft galt der Fotografie als Kunst. Er organisierte Ausstellungen und war Herausgeber eines der einflussreichsten Fotomagazine aller Zeiten Camera Works, ganz zu schweigen von seinen eigenen Arbeiten. 

Er war in der Bearbeitung seiner Bilder nicht zimperlich. Viele ziehen eine Linie zwischen Fotos, wie sie in der Kamera entstanden sind und später veränderten Bildern. Wenden wir uns erstmal der späteren Veränderung zu. In der digitalen Welt ist das ganz eindeutig voneinander getrennt. Ich mache das Foto in der Kamera. Wenn ich da ein J Pack erzeugt habe, bin ich schon fertig. Ich kann diese Datei weitergeben. Eine moderne Digitalkamera ist natürlich nichts anderes, als ein Computer. Eigentlich hat diese Kamera schon basierend auf den vorgenommenen Einstellungen diese Bilddaten irgendwie manipuliert und verändert. Vielleicht habe ich da auch schon Entscheidungen getroffen, die verändernden Charakter haben. Nehmen wir das alles mal auf die Seite. Das Bild ist dann tatsächlich als Produkt fertig. 

Fotografinnen und Fotografen posten das dann gerne mit dem Hashtag SOOC oder OOC für straight out of camera auf Instagram und co und brüsten sich damit, dass sie das Gerät technisch gemeistert haben und dass sie in erster Linie auf Licht und Farbe und weniger auf Veränderung in Software geachtet haben. Diese Unterscheidung gab es so früher nicht. Mit dem fotografierten Bild war ich mit Nichten fertig. Damit hätte ich gar nichts anfangen können. Das Bild musste als nächsten Arbeitsschritt entwickelt und gedruckt werden. Das was wir heute manchmal als J Pack rumreichen, war damals das ausbelichtete Bild. Zwischen der Aufnahme in der Kamera und dem fertig in der Hand zu haltenden Bild waren eine Unzahl von Arbeitsschritten. Erstmal musste der Film entwickelt werden. 

Schon die Wahl der Chemikalien, die Temperatur der Flüssigkeiten, die Dauer in den verschiedenen Bädern hatte Einfluss darauf, wie körnig, hell, dunkel, scharf, unscharf das Bild war. Das war also schon eine kreative Entscheidung. Hatte man dann den Film fertig entwickelt, kam der nächste Arbeitsschritt: Das Ausbelichten auf Fotopapier. Auch hier ist die Frage, welches Fotopapier, wie lange, welche Teile des Negativs dürfen wie lange ausbelichtet werden? Es ist diese Phase, in der Meister der Fotografie wie der berühmte Landschaftsfotograf Ansel Adams ihre wahre Meisterschaft zeigen. Er hat nicht einfach das Negativ wie es in der Kamera war genommen und einfach platt durchbelichtet. Ansel Adams entwickelte es zur Kunstform, mithilfe sogenannter Abwedeln und Nachbelichten Teile der Bilder aufzuhellen und abzudunkeln. 

Ansel Adams‘ Kunst entstand in der Dunkelkammer, wenn er seine Prints fertigte. Sie entstand durch gekonnte Bildmanipulation. Wenigstens haben sie nichts hinzugefügt oder weggenommen, könnte man einwerfen. Man will naja antworten. Tatsächlich hatten schon die allerersten Landschaftsfotografen damit zu kämpfen, dass ihr eingesetztes Medium nicht in der Lage war, gleichzeitig helle Himmelsstrukturen und dunkle Landschaftsstrukturen abzubilden. Die Fotografen behalfen sich damals durch das machen mehrerer Aufnahmen. Es war eine Aufnahme des Himmels, eine Aufnahme der Landschaft. Diese wurden in der Dunkelkammer übereinandergelegt. Wer in der Fotowelt zuhause ist und in letzter Zeit eine Software namens Lumina gesehen hat, oder sich über die neuen Möglichkeiten von Photoshop, Himmel künstlich in Bilder reinzumontieren gefreut hat, der kann sich da erinnert fühlen. Das ist eigentlich genau das gleiche, nur statt mithilfe von Software handgemacht. 

Die Fähigkeit, Bilder ineinanderzumontieren endete natürlich nicht bei Himmel und Landschaft. Es gibt Fotos, von denen tatsächlich erst jetzt entdeckt wurde, dass sie eigentlich Fotomontagen waren. Ein prominentes Beispiel ist der Bürgerkriegsgeneral Ulysses Grant. Ein Foto zeigt ihn angeblich, wie er 1865 auf einem Pferd seine Truppen inspiziert. Über ein Jahrhundert lang glaubte man, diese Aufnahme stamme von dem berühmten Bürgerkriegsfotografen Mathey Brady, zu dem wir gleich kommen. Der hatte nach seinem Tod seine Negative seinem Neffen (?Elsy Handy) vermacht. Der hatte begonnen, Drucke davon zu fertigen und neu zu verkaufen, wie auch diesen Druck von Julissus Grand. Heute wissen wir, dass dieser Druck so nie als Aufnahme gemacht wurde, sondern eigentlich eine Montage aus drei verschiedenen Aufnahmen ist. Es gibt die Szene im Bürgerkriegslager. Es gibt eine Aufnahme vom Pferd und den Oberkörper Grands, der draufmontiert wurde. Das hat irgendwie niemand bemerkt. Dieses Foto gibt es bis heute ohne einen weiteren Hinweis auf Manipulation. Menschen glauben, dass es so gewesen sein könnte. Man könnte sagen, dass er wahrscheinlich irgendwann mal Truppen inspiziert hat. Vermutlich hat es so ähnlich ausgesehen und überhaupt: wen interessiert es? 

Ist es aber überhaupt noch Fotografie? Die Frage behalten wir im Hinterkopf und gehen nochmal zurück. 

Mathew Brady ist Bürgerkriegsfotograf, der ein Fotostudio in New York am Broadway betrieb. Wir haben Februar 1860, als in diesem Studio eines der berühmtesten Porträts des späteren US Präsidenten Abraham Lincoln entsteht. Abraham Lincoln wird zu Protokoll geben, dass er seine Präsidentschaft Matthew Brady verdankt. Nicht mehr und nicht weniger. Zu der Zeit befand sich Abraham Lincoln im Wahlkampf. Das Gerücht hatte um sich gegriffen, er sei hässlich wie die Nacht, klein, gebeugt, gedrungen, lange Finger wie ein Gnom. Damit gab es eine Menge negative Presse und negative Berichterstattung über sein angeblich furchtbares Äußeres, statt sich mit der Frage zu beschäftigen, ob er die junge Nation anführen könnte. Abraham Lincoln wusste, der einzige Weg, das zu ändern, wäre ein Gegenbeispiel zu schaffen und ein visuelles Mittel zu finden, das Volk vom Gegenteil zu überzeugen. Mathew Brady war der Mann, dem er dann sein Vertrauen schenkte. Brady schritt zur Tat. Er kürzte die Finger, sorgte dafür, dass das Bild aufrechter wirkte, verlängerte den Hals, glättete einige der Spuren in Abraham Lincolns Gesicht. 

Es war allgemein ein hervorragendes Porträt, von dem ab da Zeichnungen und Prints gefertigt wurden. Es trat eindeutig den Gegenbeweis an, dass Abraham Lincoln gar nicht so hässlich war. Dieses Porträt ist interessanterweise nicht die einzige frontale Bildmanipulation, die wir kennen. Es gibt ein anderes berühmtes Bild, wo Abraham Lincoln neben einem Tisch steht. Es stammt auch aus den 1860ern und wurde von einem anderen Fotografen gefertigt. In dem Fall wurde Lincolns Kopf auf den Körper des US Politikers John Calhoun montiert. Letzterer sah sehr aufrecht und herrschaftlich aus. Lincoln wollte wohl auch so aussehen. Durch die gesamte Geschichte der Fotografie wurden Fotos mal mehr, mal weniger, verändert. Wir können gar nicht fotografieren, ohne die Wirklichkeit anzupassen. 

Jede Fotografie ist mindestens eine Interpretation der Wirklichkeit. Im Grunde manipulieren wir Licht, Schatten, Ausschnitt und manchmal noch viel mehr, um ein Ergebnis zu erzeugen, das wir gut finden. Wir montieren heute Lächeln in Gesichter, ändern Farben oder stempeln störende Elemente aus Bildern raus. Das konnten gekonnte Bildbearbeiter seit über 100 Jahren ohne weiteres in der Dunkelkammer nachbilden. Ein populäres Beispiel ist die Bildmanipulation, die im Auftrag Stalins stattfand, der notorisch bekannt dafür war, dass er frühere Weggefährten, die später zu seinen politischen Gegnern wurden aus historischen Fotografien entfernen ließ. Wenn es hieß, man müsse Schulbücher neu drucken, dann wurden einfach Schulbücher neu gedruckt. Wann ist sowas gut und wann unredlich? Ich persönlich glaube, dass die Linie beim Zweck der Fotografie verläuft. 

Ist der Anspruch ein journalistischer, sind weniger Veränderungen akzeptabel, als wenn wir versuchen, eine künstlerische Aussage zu treffen. Qualitativ gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Bild, in schwarz weiß umzuwandeln oder komplette Bildelemente aus anderen Aufnahmen einzufügen oder zu entfernen. Man konnte Fotografien jedenfalls noch nie vertrauen. Sie fühlen sich so verdammt echt an. Verändern konnte man sie aber schon immer. (Musik) Fotomenschen. Im 20. Jahrhundert galt es manchen Fotografen als verwerflich, Bilder zuzuschneiden. Um zu zeigen, dass die Bilder nicht zugeschnitten waren, druckten sie die Bilder inklusive der Stanzungen außenrum, sodass man sehen konnte, dass das Negativ unangetastet war. 

Nachbelichten und abwedeln war nicht so schlimm und vor allen Dingen unvermeidlich, da man so oder so in die Dunkelkammer musste, in der eben nochmal interpretiert wurde, wie das Bild aussehen würde. Heute sind wir stolz, wenn wir straight out of camera Bilder produziert haben, solange wir es nicht ausdrucken wollen und solange uns egal ist, wie die Bilder auf unterschiedlich kalibrierten Monitoren aussehen und solange uns egal ist, dass Plattformen wie Instagram oder Facebook unterschiedliche Farbdarstellungen wählen. Aber dann ist es straight out of camera. Es ist im ernst cool. 

Es ist eine Errungenschaft. So wie früher beim Film einlegen, können wir heute einen Stil in der Kamera wählen. Anders als früher beim Film müssen wir nicht mehr belichten. Wir müssen nicht mehr ausdrucken. Wenn wir wollen können wir an der Stelle fertig sein. Lieben Dank. Schaut euch an dieser Stelle Erik Schlicksbier an, der nicht nur den großartigen Podcast Studio Kreativ Kommune, sondern inzwischen auch einen weiteren Podcast Analoge Angelegenheiten macht und mich zu dieser Folge überhaupt erst inspiriert hat. Ich möchte Jürgen für eine super nette Apple Podcast Rezension und Hören statt Lesen für eine Rezension auf Podcast Adict danken. Ich freue mich immer, wenn ich von euch ein nettes Feedback bekomme, sei es im Blog auf Fotomenschen.net oder in einer der vielen Plattformen, wo man Sterne Wertungen oder Review Texte hinterlassen kann. Das ist super cool. Wer diesen Podcast gut findet und unterstützen möchte, erzählt anderen, dass es ihn gibt. Empfehlt den Podcast, besprecht den Podcast und lasst mich wissen, wenn ihr irgendwelche Themenwünsche habt. Bis bald.

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