4. Dezember 2021

Kunstprofessor auf Abwegen

Es gibt in der Geschichte der Fotografie viele Maler und Erfinder, Samuel Morse war einer von ihnen und brachte den USA neben dem nach ihm benannten Code auch die Fotografie.


Transkript

Sein ganzes Leben versuchte Samuel F. B. Morse, mit seiner Malerei Fuß zu fassen, und später dann mit Fotografie, und doch ging er in die Geschichte ein als der Erfinder des Morsecodes.

Ich finde es schon auffällig, ganz besonders am Anfang der Geschichte der Fotografie sind die Hauptfiguren, die einem so begegnen, meistens mehrfach talentiert und in ganz vielen verschiedenen Bereichen unterwegs. Samuel F. B. Morse ist da tatsächlich ein ganz typischer Vertreter.

Geboren wird er im Jahr 1791 als Sohn eines calvinistischen Geistlichen. Es geht der Familie Morse gut und so kommt der Sohn in den Genuss einer privilegierten Ausbildung. Während er im College von Yale, der heutigen Yale University, sein Studium absolviert, hört er erste Vorlesungen über Elektrizität. Samuel schwebt eine Karriere als Künstler vor und so ist es auch kein Wunder, dass er sich schon während des Studiums ein Zubrot über Portraitmalerei verdient. Diese ersten Gemälde sind meistens Miniaturen, allerdings hat der junge Samuel auch schon große Gemälde in neoklassizistischem Stil gemalt. „The landing of the pilgrims“ stellt zum Beispiel dar, wie die ersten Siedler Amerika erreichen. Keine dieser Bilder sind besonders einträglich, aber sie erregen genug Aufmerksamkeit, dass er einen Maler kennenlernt, der ihm anbietet, gemeinsam nach England zu gehen und dort Malerei zu studieren.

Es ist auch hier in England, wo Samuel Morse unter anderem in die Royal Academy aufgenommen wird und vollständig in die Kunst eines Raphael und eines Michelangelo versinkt. Schnell geht ihm aber auf, dass große, komplexe, klassizistische Gemälde nichts sind, womit man sich wirklich ordentlich seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Portraitmalerei ist da wesentlich einträglicher. Er lässt seine Familie in Amerika also wissen, dass er demnächst heimkehren wird und ein Portraitstudio eröffnen wird, ein Studio, in dem er mit Portraits so viel Geld verdienen wird, dass er in Zukunft zwischen England und USA hin- und herpendeln können wird. 

Und er bekommt auch ein paar Aufträge, alles in allem aber nicht besonders lohnend. Sein wie angekündigt in New York eröffnetes Portraitstudio ermöglicht ihm kaum, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber immerhin sind die Arbeiten gut genug, dass ihn die University of New York City zum Professor beruft. Tagsüber lehrt er in den Bereichen Skulptur und Literatur, aber Kunst und Design ist natürlich damals auch ganz nah an der technischen Revolution, die stattfand. Und so experimentiert Morse mit ein paar anderen seiner Freunde mit verschiedenen elektrischen Apparaturen. Es sind diese Jahre, in einer Professur, in New York, die er dafür nutzt, dann auch den Telegrafen zu entwickeln. 1840 bekommt er dann dafür ein Patent. 

Wer jetzt glaubt, ab hier war er ein gemachter Mann, der irrt. Man wusste damals noch nicht wirklich, was man mit dem Telegrafen anfangen soll. Es gab ja auch kein ausgebautes Telegrafennetz oder auch nur Stromnetz zu der Zeit. Als Professor war sein Einkommen auch nicht gerade großzügig und so versuchte Morse, offizielle Fördermittel zu bekommen. Weil sich das allerdings übermäßig lang hinzog, beschloss Morse, mit seiner Erfindung in Europa sein Glück zu versuchen und reiste damit nach England. 

Dort hatte man die Entwicklung des Telegrafen mit riesigem Interesse verfolgt und war fleißig am Überlegen, wie man diese Technologie ausnützen könnte. Es gab damals nur eine einzige Technologie, die ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Die gerade 1839 der Welt vorgestellte Daguerreotypie.

Morse hatte selbst als Maler und Künstler schon mit verschiedenen fotografischen Techniken experimentiert und so nutzte er seinen Trip nach Europa nicht nur für die Suche nach Investoren für sein Telegrafensystem, sondern auch, um Louis Daguerre zu treffen. Und er war begeistert von dem, was er dort sehen durfte. Als erster Amerikaner überhaupt beschrieb er den Prozess und was er dabei gesehen hatte und als er nach Amerika zurückgekommen war, wurde er der erste Amerikaner, der erfolgreich Daguerreotypien anfertigte. 

Der Prozess war noch langsam und umständlich und so begann Morse, von Anfang an den Prozess Schritt für Schritt zu verbessern. Er eröffnete das erste Daguerreotypiestudio der neuen Welt und nach wenigen Monaten experimentieren konnte er die ersten Innenraumbilder mit weniger als fünf Sekunden Verschlusszeit produzieren. Als Professor, Künstler und Erfinder hatte Morse ein sehr ausgesuchtes Netzwerk und so profitierte seine Fotografie von den Linsenberechnungen eines John Draper und er sorgte dafür, dass Louis Daguerre Ehrenmitglied der Akademie für Design und Wissenschaften in den USA wurde. 

Samuel Morse machte Riesenfortschritte und im Jahr 1840/41 galt er als der führende und beste Daguerreotypist der Vereinigten Staaten. Jedoch bei aller Begeisterung hatte die Daguerreotypie auch einen gewaltigen Nachteil: Es war eine brandneue Technologie. Zwar war die gefragt, aber so richtig hatte noch niemand herausgefunden, wie man damit ernsthaft und ausreichend Geld verdienen können würde. Auch Morse sah es eher als eine Art unterstützende Technik für Portraitmaler. Man konnte quasi Skizzen damit fertigen, so die Idee. Und deswegen hörte er auch nie auf, die Technologie des Telegrafen weiter zu bewerben und zu verfolgen. 

Inzwischen hatte in Großbritannien einiges an Versuchen stattgefunden und Großbritannien schickte sich an, erste Telegrafenleitungen zu errichten. Und so wurde auch der amerikanische Kongress aktiver. Neben verschiedenen Möglichkeiten, die Telegrafentechnologie einzusetzen, bekam er Mittel für Experimente bewilligt und so kam es 1842 zu den ersten Experimenten für die Übertragung von Signalen unter Wasser. Und 1843 endlich zur Bewilligung von damals 30000 US-Dollar, um den Bau einer 60 km langen Telegrafenleitungen von Baltimore nach Washington DC. zu unterstützen.

Ich fand es beim Nachlesen einigermaßen faszinierend, festzustellen, dass bis hier hin Morses Finanzen eigentlich immer ein Problem waren. Nicht, dass er auf besonders großem Fuß gelebt hätte, aber weder seine Professur, noch seine Malerei, noch sein Daguerreotypiestudio, noch, bis hier hin, die Entwicklung der ersten Telegrafengeräte in den USA hatten genug Geld abgeworfen, um ihm ein entspanntes, stressfreies Leben zu ermöglichen. Dazu mag auch seine Familiensituation beigetragen haben: 1818, im Alter von 27 Jahren, heiratet Morse die sieben Jahre jüngere Lucretia Pickering Walker. Mit ihr hat er drei gemeinsame Kinder, allerdings stirbt sie im Alter von 26 Jahren bei der Geburt des dritten Kindes und die drei Kinder wachsen ab jetzt bei Verwandten auf und sind bereits erwachsen, als Morse Mitte der 40er Jahre von einem Gericht Lizenzgebühren für die inzwischen reichlich eingesetzte Telegrafentechnologie zugesprochen bekommt. Es ist nicht das letzte Mal, dass er dafür vor Gericht ziehen muss, aber ab jetzt ist im Grunde seine finanzielle Zukunft einigermaßen gesichert.

Auf der Hochzeit seines Sohnes Charles lernt Samuel Morse dann die damals 26-jährige Brautjungfer Sarah Elizabeth Griswold kennen. Von Geburt an taub und mehrere Monate jünger als seine Tochter, ganz zu schweigen davon, dass es 30 Jahre Altersunterschied zwischen ihr und ihm gab, dürfte die Beziehung durchaus für Tratsch und Aufregung gesorgt haben, was aber die beiden nicht daran hindert, zu heiraten, auf einen gemeinsamen Landsitz zu ziehen und im Folgenden weitere vier Kinder zu zeugen.

Morse bleibt weiterhin in Yale aktiv. Er erhält die Ehrendoktorwürde und wird aus aller Welt mit Ehrungen überschüttet. Daguerreotypie und Malerei betreibt er weiter, allerdings nur noch als Hobby. Er schließt die Portraitstudios in New York und betreibt seine Kunst nur noch für sich und seine Familie. Allerdings ist er ein anerkannter Mentor und gilt als der Begründer der Daguerreotypie in den USA und steht damit am Anfang einer absoluten Erfolgsgeschichte. Denn während in Europa die Kollodium-Nassplatte und Papiernegative das Mittel der Wahl werden, bleibt die Daguerreotypie in den USA noch auf mehrere Jahrzehnte die kommerziell erfolgreichste Technologie.

Und Morse kann sich ab jetzt aussuchen, womit er seine Zeit verbringen möchte. 1865 gründet er zum Beispiel eine Eliteuniversität, ab 1866 bis 68 lebt er mit seiner Familie in Frankreich und ist offizieller Vertreter der USA bei der Pariser Weltausstellung. Hätte man zu der Zeit Zeitgenossen gefragt, hätten sie ihn inzwischen schon als Vater der Telegrafie identifiziert. 

Wie wichtig dieses Thema inzwischen für die Weltgemeinschaft geworden war, wird auch durch die vielen Ehrungen, die ihm gerade auch aus Europa zuteilwurden, deutlich. Neben verschiedenen Ritterorden und allgemeinen Ehrungen gipfelt das Ganze in einer Konferenz im Jahr 1859. Da kamen auf Einladung Kaiser Napoleons des dritten die Länder Frankreich, Russland, Schweden, Belgien, Holland, Österreich, Sardinien, die Toskana, die Türkei und der heilige Stuhl zusammen, um darüber zu beraten, wie man Professor Morse im Namen ihrer vereinten Regierungen ihre Dankbarkeit ausdrücken könnte. Man verständigte sich darauf, ihm die damals spektakuläre Summe von 400000 Franc zukommen zu lassen, als Honorar., zusätzlich zu all den Ehrungen.

Samuel Morse war umtriebig und vielseitig interessiert und damit passt er ganz hervorragend in die damalige Zeit. Seine Arbeit als Fotograf hatte viele der ersten Fotografinnen und Fotografen in den USA beeinflusst und einige Namen hatten wir auch hier im Podcast schon erwähnt. So arbeitete er zum Beispiel mit John William Draper zusammen, der Mann, der für eines der ersten Fotos des Mondes überhaupt verantwortlich ist. Und Mathew Brady, einer der großen Fotografen der amerikanischen Bürgerkriegszeit, war ein persönlicher Vertrauter von Samuel Morse. Er selbst sah sich zur Zeit seines Lebens eigentlich zuerst als Künstler, dann als Professor, dann als Fotograf und erst als Letztes als Erfinder. Trotzdem ist es natürlich die Erfindung des Telegrafen, mit der er die Welt am nachhaltigsten verändert hat.

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