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23. Januar 2021

Baumelbeine und Höhenrausch

Die ersten Bilder der Menschheit wurden aus Dachfenstern gemacht und auch heute haben Aufnahmen aus der Vogelperspektive nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Kombiniert man das dann noch mit Jugendkultur, Social Media und moderner Kameratechnik hat man ein eigenes Fotogenre, das Rooftopping…

Ein Rooftopper auf der Spitze des Frankfurter Kaiserdoms.

Transkript

Jugendkultur, Influencertum, Social Media und eine Welt, in der Aufmerksamkeit mit barem Geld aufgerechnet werden kann, das sind die Zutaten zu unserer heutigen Episode.

Ich gehe schon die ganze Woche schwanger mit diesem Podcastthema. Ganz zu Anfang dachte ich, ich würde über das berühmte Foto “Lunch atop a Skyscraper” sprechen. Das ist dieses berühmte Bild, das bei der Errichtung des Rockefeller Centers in New York gemacht wurde, bei dem 11 Stahlarbeiter auf einem offensichtlich frei in der Luft hängenden Stahlträger sitzen und Brotzeit machen. Und das ist eine faszinierende Geschichte, aber ich werde sie ein andermal erzählen.

Von da aus gings weiter mit der Frage, seit wann wir eigentlich Fotos aus Hochhäusern schießen. Die allerersten Bilder, die die Fotogeschichte überhaupt kennt, sind aus Dachgeschossfenstern gemacht worden. Dachgeschossfenstern in Paris, freilich. Und die lassen sich natürlich nicht mit den Stahlträgerkonstruktionen, die in den 1850ern in den USA aufkommen, vergleichen.

Natürlich kamen Fotografen in der damaligen Zeit relativ früh auf die Idee, Fotos aus der Luft machen zu wollen. Drachen, Fesselballons und hohe Gebäude genauso wie Berge waren beliebte Aussichtsplattformen. Aber der erste Fotograf, der sich einen Namen damit machte, dass er systematisch zum Beispiel in New York aus der Vogelperspektive in den Central Park und ähnliche Landmarken fotografierte, war Alvin Langdon Coburn, der das in seiner gerade mal 20 Jahre dauernden Fotografenkarriere rund um 1900 ausführlich machte.

Bei der Suche nach dem ungewöhnlichen Fotomotiv wollte die Menschheit schon immer hoch hinaus. Wir mögen diese Bilder, diese Aufnahmen, die so ein leichtes Kitzeln in der Magengrube produzieren, wenn wir uns vorstellen, wie es wohl wäre, an der Stelle zu stehen, an der die Kamera steht und in den Abgrund zu schauen, den die Kamera uns zeigt.

Es gibt ikonische Fotografien, die sich durch die gesamte Fotogeschichte hindurchziehen. Fotos, wo Fashionfotografie an den Stahlträgern des Eiffelturms gemacht wurde. Oder die Aufnahme von Margaret Bourke-White, die unerlaubterweise im Chrysler Building raus auf die an der Fassade angebrachten riesigen Gargoyles kletterte und von da aus Manhattan fotografieren wollte und dabei von ihrem Assistenten fotografiert wurde.

Mit dem Aufkommen der Reportagekameras, der kleinen, portablen Kameras und vor allem auch des Rollfilms wurde Fotografie zu einem Volkssport. Die Menschen nahmen ihre Kameras überall hin mit. Insbesondere im Urlaub auf irgendwelche Aussichtspunkte.

Und diese Bilder sind so omnipräsent, dass wir sie alle schon mal gesehen haben. Der Blick über den Central Park wird bevorzugt vom Rockefeller Center aus geschossen. Da sieht man dann das Empire State Building und hat einen unverbauten Blick über einen der größten städtischen Parks der Welt. Oder die Straßen von Dubai, gesehen von der Dachterrasse des Burj Khalifa. Man muss ein Ticket ziehen und Fotografinnen und Fotografen machen das natürlich dann auch gerne. Für dieses eine Foto, das niemand so schön schießen kann wie man selbst.

Hier in Frankfurt gibt es einen Standardshot für Fotografen vom Lindner Hotel aus, erkennbar an den vergoldeten Dachzinnen. Kostet 25€. Also, wenn man das Bild selber machen will. Wenn man es als Postkarte haben will, dann natürlich höchstens 2.

Wir kennen also alle diese Motive. Wir wissen, wie die entstehen. Wir waren manchmal sogar schon selbst an diesen Orten und wir wissen: Die Fotografin war sicher meistens hinter einem eigens dafür angebrachten Zaun oder einer Glasscheibe und wir erkennen den Profi daran, dass er nicht einfach nur eine Szene fotografiert, wie sie sich nun mal zu irgendeiner gegebenen Zeit gerade dargeboten hat, sondern zu einer ganz bestimmten Zeit zum Fotografieren gegangen ist. Etwa bei Nacht, bei Abendrot, wenn die Stadt im Nebel versinkt.

Trotzdem sind solche Fotos natürlich beliebt. 2004 erscheint das erste Social Network mit reinem Fotobezug auf der Bildfläche: Flickr. Menschen können dort ihre Fotos teilen und anderen zeigen. Ein bisschen markiert das übrigens auch den Beginn des Influencertums. Denn was damals sofort offensichtlich wird, ist, dass beeindruckende Aufnahmen Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 2007 wurden monatlich über 30000000 Aufnahmen auf Flickr hochgeladen. Und es gab Zeiten, da waren auf Flickr über 90000000 Fotografinnen und Fotografen registriert.

Das ist auch das Jahr, in dem sich Tom Ryaboi seine erste digitale Spiegelreflexkamera kauft und auf Flickr registriert. Am Anfang geht der auf alles los, was in seiner Umgebung fotografierenswert erscheint, besonders die Straßen von Toronto haben es ihm angetan, seiner Heimatstadt.

Dort geht er einem Hobby nach, das es seit knapp den 90er Jahren gibt und das “urban exploration” heißt. Da geht es um Orte, die verlassen oder verboten sind. Stillgelegte Fabrikhallen, U-Bahntunnel, verlassene Einkaufszentren, man klettert über Absperrungen und Zäune, schleicht sich nachts in Ecken der Stadt, in denen man nichts verloren hat. Und in baufälligen Gebäuden rumzuklettern ist auch nicht ganz ungefährlich. Belohnt wird man meistens mit spektakulären Aufnahmen. Stillgelegte Weltraumbahnhöfe, verlassene Malls oder vor sich hin rottende Vergnügungsparks haben einfach ihren Reiz.

Tom kennt also diese Szene, aber eigentlich interessiert ihn fast noch mehr ein anderer ungewöhnlicher Blick: Er möchte Toronto von oben sehen. Der Gedanke: “Wenn schon fotografieren, dann doch so fotografieren, dass man ein Bild hat, das niemand anders so machen kann”.

Und als Hobbyfotograf kennt man diesen Gedanken. Es gibt verschiedene Wege, wie ich ein Foto machen kann, das niemand sonst hat. Entweder, ich fotografiere etwas, zu dem nur ich Zugang habe oder ich benutze eine Technik, die wenig Verwendung findet, Infrarot, Fischauge, oder ich finde eine Perspektive, die selten ist. Und welche Perspektive ist wohl seltener als der Blick von Orten aus, die für die Öffentlichkeit gesperrt sind.

Tom war also auf der Suche nach einer originellen Perspektive, als er an einer Hochhausbaustelle vorbeikommt. Es schien niemand da zu sein und die Absperrung war kein echtes Hindernis. Das Haus war auch noch nicht besonders hoch, 15, 16 Stockwerke vielleicht, aber für Herzklopfen und für eine großartige Perspektive hat es auf jeden Fall trotzdem gereicht. Für Tom war das auf jeden Fall nur der Anfang. Er war wie besessen von den Hochhäusern seiner Stadt. Abend für Abend griff er sich seine Kameraausrüstung und die Fotos veröffentlichte er auf Flickr.

Und andere taten es ihm gleich: “Urban exploration” war der Anfang, Rooftopping war der richtig coole shit. Shanghai, Hongkong, Toronto, New York, überall wo es Hochhäuser gab, gab es junge Menschen, die versuchten, mit ihrer Kamera im Gepäck auf die Dächer von Wolkenkratzern zu kommen. Der Reiz war das Verbotene und der Reiz war es, das Ganze zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Wie Graffitikünstler wollten die Rooftopper zwar Spuren hinterlassen, aber trotzdem natürlich anonym bleiben. Berühmt werden, ohne dass man wusste, wer sie waren.

Im Stil waren die Fotos immer noch sehr ähnlich zu dem, was man bis dahin oft aus solchen hohen Höhen gesehen hatte. Skylineshots, Nachtaufnahmen von Hochhäusern und so weiter. Wer es sich leisten konnte, hatte nicht nur eine Spiegelreflexkamera, sondern auch teure Optiken dabei. Je weitwinkliger, desto besser.

Und es ist so ein Objektiv und so eine Kamera, die Tom und eine Freundin an einem Sommertag mit auf einen der höchsten Wolkenkratzer im financial District Torontos nahmen. Sie machen verschiedene Fotos und Aufnahmen davon, wie sie ganz nah an der Kante sitzen und beginnen, mit Weitwinkelobjektiven ihre über dem Abgrund baumelnden Füße zu fotografieren. Abends kehren sie gut gelaunt nach Hause zurück und Tom setzt sich an seinen Computer und bearbeitet die Aufnahmen des Tages.

Ein Bild gefällt ihm besonders. Es zeigt den Blick auf seine Schuhe, ein Bein frei über dem Abgrund baumelnd, unter ihnen die Straßen von Toronto. Er hellt das Bild leicht auf, bearbeitet die Farben, dreht am Kontrastregler, irgendetwas fehlt noch… Er spiegelt das Bild. Plötzlich guckt man nicht mehr an sich selbst die Beine herunter, sondern es sieht so aus, als würde man eigentlich schon über dem Abgrund schweben und auf die Beine, kurz vor dem Absturz, blicken. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis und postet das Bild auf Flickr. Als Titel schreibt er dazu: “I’ll make ya famous” und geht ins Bett.

Als er am nächsten Morgen aufsteht, stellt er fest, dass sein Bild über Nacht ein Internetphänomen geworden war. Über 25000 Views auf Flickr und Reddit. Schon in der ersten Nacht. In den ersten zwei Tagen über 50000 Views. Diskussionen kamen auf, ob das Bild denn echt sein könnte oder gephotoshoppt war. Wenige Tage später lief seine E-Mail Inbox voll mit Anfragen von BBC, RTL, National Geographic USA und vielen anderen mehr. Mit der Aufmerksamkeit ergaben sich natürlich auch sofort Karriereoptionen. Menschen boten ihm Jobs an und er begann, Lizenzgebühren dafür zu verlangen, dass sein Foto vervielfältigt werden durfte und er begann, Fotos und Videos zu produzieren, die mehr von seinen Rooftopabenteuern zeigten. Ohne freilich zu verraten, wer er denn war. “Rooftopper” nannte er sich. Und eine Weile bestand sein Leben daraus, Sicherheitskräften und der Polizei zu entgehen.

Es ist nämlich eine Straftat, unerlaubt auf irgendwelche Hochhausdächer zu klettern. Die gesamte Szene ist also damit beschäftigt, vor den Behörden davonzulaufen. Und damit ist das auch praktisch ausschließlich eine Jugendszene. Und kaum jemand klettert auf Rooftops ohne Kameras und ohne fotografischen Hintergrund.

Was Tom begonnen hatte, fand dann Massenweise Nachahmer. In Shanghai alleine gibt es eine Community von über 300 Rooftoppern. Und war die erste Generation Rooftopper noch damit zufrieden, einfach einen spektakulären Blick mit Füßen im Bild einzufangen, reicht das heute schon längst nicht mehr. Die Fotos wurden immer spektakulärer und immer akrobatischer. Rooftopper klettern auf Masten, um sich dort dann freihändig hinzustellen, während eine Drohne sie umkreist und filmt. Sie machen Klimmzüge am Dachsims, frei hängend über dem Abgrund. Sie schlagen Rad und Purzelbaum an der Hauskante oder springen meterweit von Sims zu Sims. Alles immer für den spektakulären Shot.

Hunderttausende Follower geben ihnen recht. Gar nicht wenige von denen verdienen ihren kompletten Lebensunterhalt damit, dass sie regelmäßig für eine wachsende Fangemeinde spektakuläre, atemberaubende Fotos produzieren. Fotos, die davon leben, dass sie nicht nur beängstigend aussehen, weil wir uns immer auch vorstellen, wie es wäre, wenn wir in diesem Bild jetzt da stehen würden, sondern oft auch den Kitzel des Illegalen mitbringen.

Und was 2007 noch relativ sicher begann, hat dann auch bald die ersten Todesopfer gefordert. Denn mit der Anzahl Nachahmern stieg natürlich auch die Anzahl derer, die nicht sportlich genug waren oder sich überschätzten. Und so findet man im Netz inzwischen auch Videos von Klimmzugmachern, die es nicht mehr aufs Dach schaffen. Und die Wikipedia führt eine Liste von durch Selfies verursachten Todesfälle. Und da sind Rooftopper oder Menschen, die zum Beispiel im Gebirge in den Abgrund stürzen, während sie versuchen, ein spektakuläres Foto von sich zu machen, eine der größten Gruppen.

Ich konnte nicht herausfinden, was aus Tom jetzt geworden ist. Er hat irgendwann mal einen Großteil seiner Fotos aus den entsprechenden Kanälen entfernt und hat das Feld anderen überlassen. Aber er geht definitiv in die Geschichte der Fotografie als derjenige ein, der als erstes weltweit mit einem Foto von über dem Abgrund baumelnden Beinen bekannt geworden ist. Und das ist eine dieser Standardaufnahmen, die jede Rooftopperin und jeder Rooftopper heute mindestens macht, aber eigentlich nicht mehr spektakulär genug ist.

Die Szene splittet sich inzwischen in verschiedene Untergruppen auf: Es gibt die Akrobatischen, die wilde Stunts am Abgrund machen, aber es gibt auch künstlerischere Fotografien. Alles, was es so an Bildgebender Technik gibt, wird verwendet, um originelle, nie gesehene Bilder zu machen, oder schon gesehene Bilder noch spektakulärer auszugestalten.

Professionelle Rooftopper verdienen ihr Geld, wie alle Influencer, mit Product Placements, mit Werbung mit speziellen Produkten, die ihren Namen oder ihren Brand weitertransportieren, alles, was eben dazu geeignet ist, um aus Aufmerksamkeit Geld zu machen.

Und interessant ist, dass in dieser Branche offensichtlich auch eine Menge Frauen unterwegs sind. Es gibt viele Rooftopperinnen, gerade unter den berühmten. Oder Pärchen, die gemeinsam um die Welt jetten und Hochhäuser erklimmen.

So wie zum Beispiel Lucinda Grange, die außerdem noch durch einen ungewöhnlichen Bildlook heraussticht. So lässt sie sich zum Beispiel im kleinen Schwarzen auf dem Chrysler Building auf einem der Gargoyles fotografieren. Oder schleicht sich an bewaffneten Sicherheitskräften vorbei und klettert auf die Pyramiden von Gizeh.

Die Szene ist also längst noch nicht an ihrem Ende angekommen. Ganz im Gegenteil. Sie wird bunter und bunter. Und was als reine Jugendbewegung begann, wird vielleicht sogar nach und nach zu einer eigenständigen Kunstform.

Konnte Tom noch einigermaßen unbehelligt auf die Hochhäuser Torontos kommen, ist es inzwischen übrigens so, dass Sicherheitskräfte schon beim geringsten Verdacht, man könnte ein Rooftopper sein, einschreiten. Mein Sohn Benjamin und ich sind mal in der Frankfurter Innenstadt von Sicherheitskräften gestellt worden, als wir auf der Suche nach einer öffentlichen Parkgarage, aus der wir vielleicht fotografieren konnten, versehentlich in einen Privatbereich der Commerzbank gekommen waren. Wir waren eigentlich nur hineingegangen, und als uns klar wurde, dass wir nicht mehr auf öffentlichem Grund waren, auch wieder herausgegangen und trotzdem sahen wir uns plötzlich zwei grimmig schauenden Sicherheitsbeamten gegenüber. Die meinten dann mit Blick auf unsere Kameras, dass wir ja Rooftopper sein könnten, auch wenn ich schon ein bisschen alt für dieses Hobby wäre. Danke auch, Jungs.

Mir aber egal, ich ziehe jetzt Coolnessfaktor daraus, dass ich beim Sicherheitsteam der Commerzbank als potenzieller Rooftopper registriert bin. Sie ließen uns nämlich auch wissen, dass beim nächsten Mal, wenn sie uns auf den Kameras erkennen würden, sofort die Polizei gerufen werden würde. Geil, oder? Fast so gut, wie wirklich da raufgestiegen zu sein.

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