22. Mai 2021

Göttliche Weiblichkeit

Was hat der Vulkanier Spock mit dem orthodoxen Judentum und einem kontroversen Bildband aus dem Jahr 2002 gemeinsam? Einen hebräischen Buchstaben!


Transkript

Göttliche Weiblichkeit 

Ich bin mit Leonard Nimoy in seiner Rolle als Mister Spock im Raumschiff Enterprise aufgewachsen. Trotzdem war mir nicht bewusst, dass er zuerst Fotograf und erst dann Schauspieler war. 

Leonard Nimoy wuchs als Sohn gläubiger Juden in Boston auf. So beginnt unsere heutige Geschichte mit einem Besuch in einer Synagoge. Er war ungefähr neun. Familie Nimoy nahm anlässlich eines religiösen Festtags am Gottesdienst in der Synagoge teil. Irgendwann kam der Moment, in dem die Priester die Gemeinde segneten. Juden haben einen Gebetsschal, den sie in solchen Momenten über ihren Kopf ziehen. (Gesang) 

Der Segen ging eine ganze Weile. Leonard erinnert sich, dass sein Vater irgendwann sagte, er solle seine Augen bedecken und auf gar keinen Fall schauen. (Gesang) Der neunjährige Leonard hat dann trotzdem mal gespitzelt. Was er sah, sah einigermaßen bizarr aus. Priester hatten über den Kopf gezogene Schals, beide Hände in Richtung ihrer Gemeinde gestreckt und machen die Geste, die wir heute als den Vulkanier Gruß kennen. 

Die Handgeste steht für den Buchstaben Shing im hebräischen Alphabet. Im hebräischen fangen einige sehr interessante Wörter mit Shing an. Shadai ist das Wort für Gott. Shalom ist das Wort für Friede. Es ist der erste Buchstabe im Wort Shechina, das für die weibliche Seite Gottes steht. Orthodoxe Juden glauben, dass in diesem Moment die weibliche Seite Gottes anwesend ist und die Gemeinde segnet. Shachina ist so energiereich, strahlend und leuchtend, dass der Anblick tödlich sein kann. 

Leonard Nimoy wusste nichts von alledem. Er wusste nicht, warum er nicht schauen durfte. Es hatte in der Synagoge nichts strahlendes zu sehen gegeben. Das Erlebnis blieb aber bei ihm. Als in Startreck eine Episode auf dem Programm stand, in der er auf Vulkan sein würde und zum allerersten Mal andere Vulkanier treffen würde, wünschte er sich irgendeine Vulkanier spezifische Begrüßung und Geste mit in seine Rolle bringen zu können. Da fiel ihm wieder diese Anekdote ein. Asiaten verbeugen sich voreinander. Westliche Menschen schütteln sich gern die Hände. Er schlug vor, diese Geste zu machen, was Startrecks Macher übernahmen. 

Das war im Endeffekt, was man heute einen viralen Hit nennen würde. Der Vulkanier Gruß zusammen mit live long and prosper, der Zeile, die sich die Vulkanier gegenseitig in ihrer eigenen Sprache in dem Moment sagen, wurde es so eine Konstante, dass es aus dem Charakter Spock, dem Vulkanier Volk in Startreck und der Popkultur allgemein nicht  mehr wegzudenken ist. Damit kam natürlich die Frage auf, was ihm die Inspiration gegeben hatte, diese Geste einzuführen. 

Eines Tages wandte er sich an seinen Rabbi. Da erfuhr er vom göttlichen Licht der weiblichen Seite Gottes. Leonard Nimoy war Zeit seines Lebens Fotograf. Mit elf hatte er das erste Mal eine Kamera bedient und relativ früh gelernt, Filme selbst zu entwickeln und in der Dunkelkammer weiterzubearbeiten. Sein erstes Studium war ein Studium der Fotografie. Für Leonard Nimoy war Fotografie ein hochpersönliches, poetisches Medium. Er schrieb außerdem Gedichte. Seine Bilder waren oft eine Mischung aus Tagebuch und Selbstausruck. 

Als er diese Geschichte der weiblichen Seite Gottes und ihrer Strahlung hörte, beschloss er, daraus ein fotografisches Projekt zu machen. Er würde versuchen, diese weibliche Göttlichkeit in Fotografie auszudrücken. Dem Ergebnis kann ich hier unmöglich gerecht werden. Es sind sinnliche schwarz weiß Aufnahme jüdischer Frauen, teils mit Gebetsschal, die mal mehr und mal weniger abstrakt sind und teils sehr ungewöhnliche Lichtführung haben. Als 2002 das Buch auf dem Markt erschien, entbrannte eine Kontroverse. 

Nicht jede orthodoxe jüdische Gemeinde mochte die Tatsache, dass man jede Menge nacktes Fleisch in seinem Bildband sah. So hatte eine jüdische Gemeinde in Seattle Leonard Nimoy eigentlich eingeladen, sein Buch dort vorzustellen. Als sie erkannten, dass es im Buch um Gott in seiner weiblichen und teils sehr puren weiblichen Form ging, schlug man das Weglassen der Nacktbilder vor. Damit hätte Leonard Nimoy kein Problem gehabt, da es eh nur vier bis fünf Bilder betraf, in denen eine Frau komplett nackt sichtbar war. Kurz darauf kam aber der Vorschlag, vielleicht gar keine Bilder zu zeigen. 

Das war doch sehr sinnlich. Weil ein Bildband ohne Bilder zu zeigen schwer vorstellbar ist, lehnte Leonard Nimoy ab und wurde deswegen ausgeladen. Das machte wiederum Schlagzeilen und ging durch die Presse. Bis heute wird kontrovers diskutiert. Die einen finden die Darstellung nackter Frauen mit männlichem Gebetsschal anrüchig. Andere verweisen darauf, dass es in jüdischer Tradition reichlich sexuelle und sinnliche Anspielungen gibt und es daher eigentlich keinen Grund gibt, dieses Werk zu verdammen. Es geht doch sehr geschmack- und respektvoll mit dem Thema um. 

Manch puritanischer jüdischer Amerikaner mag dann nach den restlichen Bildprojekten Leonard Nimoys gegoogelt und beispielsweise sein full body Projekt gefunden haben. Full Body ist inzwischen Gegenstand mehrerer Ausstellungen und ist in mehreren Museen zu bewundern. Es ist ein Projekt, in dem Leonard Nimoy besonders füllige Frauen, die vor Lebenslust gerade so strotzten, aber einen Körper hatten, der in unserer Fitness besessenen Bilderkultur so gut wie nie präsentiert wird, erotisch fotografiert hat. 

Eine Aufnahme dieses Projekts feiere ich ganz besonders. Er nahm ein sehr berühmtes Bild Helmut Newtons, in dem Helmut Newton gehende Business Frauen einmal bekleidet und in identischer Pose nackt nebeneinander gestellt abgebildet hatte, und zitierte sie mit seinen Models. Ich muss zugeben, dass Helmut Newtons Bild berühmter sein mag. Das von Leonard Nimoy hat aber wesentlich mehr Persönlichkeit. 

Wer hätte gedacht, dass wir beim ikonischen Gruß der Vulkanier eigentlich die weibliche Seite Gottes begrüßen. Es ist irgendwie schade, dass der Fotograf Leonard Nimoy so gut wie nirgends erwähnt wird. Er starb 2015 im Alter von 83 Jahren. 72 Jahre davon hat er regelmäßig fotografiert. In den Nachrufen, die ich gesehen habe, wird ausschließlich von seiner Rolle als Mister Spock gesprochen. Seine Gedichte, Bücher, Fotografie ist mindestens genauso interessant und wird nur von dem entdeckt, der danach sucht. Um die Suche einfacher zu machen, kann man jetzt einfach bei Fotomenschen.net vorbei surfen und dort in die Notizen zur Sendung schauen. Eine Menge der heutigen Quellen sind als Video Einbettungen dort hinterlegt. Nicht jeder Podcast Client zeigt sie an. Falls in den Notizen zur Sendung kein Videolink zu sehen ist, ist es Fotomenschen.net. Für die meisten Episoden habe ich dort auch Transkripte. Sie kommen immer mit leichter Verzögerung, also ein bis zwei Wochen Nachlauf. Früher oder später kann man die Folge aber auch nachlesen, wenn man das lieber mag. Bis bald.

2 Responses

  1. Ulrich Fürsicht sagt:

    Lieber Dirk,
    Ich hab Deinen Podcast erst vor kurzer Zeit auf eine Empfehlung meiner Frau entdeckt
    Und in ebenfalls kurzer Zeit habe ich nun alle Folgen durchgehört: ein Riesen Kompliment, das ist der beste fotopodcast den ich kenne – und ich
    Kenne einige. Allein schon die Aufbereitung mit den vielen Quellen, Text und Li ks ist einfach super. Bitte so weitermachen mit diesem Mix !
    Dazu auch mal eine Idee: mach doch mal eine Fole über Sabastiao Salgado, oder über die Frage
    Wie ästhetisch darf man Leid und Unglück zeigen? Öder Was macht „landscape porn“ in unseren Zeiten noch für einen Sinn?

    VG ulo

    • Dirk sagt:

      Hallo Ulrich, ich habe mich gerade sehr über deinen netten Kommentar gefreut! Ich habe hier von Salgado das Buch Genesis und „landscape porn“ beschreibt das tatsächlich ganz gut, ich musste bei dem Wort erst mal schmunzeln und dann fielen mir noch eine ganze Reihe anderer Bücher in der Kategorie ein… Mal sehen, ich nehme Deine Vorschläge mal mit auf meine Inspirationsliste. Über Sebastiao selbst weiß noch zu wenig, da wird erst mal noch etwas Lesen fällig. (Ok, zugegeben: der Podcast ist ein klein wenig auch Vorwand um sich Bücher zu Fotothemen zu kaufen 😉 )
      Viel Spaß auf jeden Fall beim weiterhören! Dirk

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