27. Februar 2021

Feuerball und Bleiballon

Der Absturz der Hindenburg markiert das Ende der Passagierluftschifffahrt und die erste Live-Berichterstattung direkt von einem Katastrophenschauplatz. Das Foto das der Fotograf Sam Shere an jenem Tag aus der Hüfte schoss ging ins kollektive Gedächtnis der Menschheit ein und wurde die Vorlage für eines der meistverkauften Rockalbumcovers aller Zeiten.


Transkript

Bei berühmten Fotos stellt sich immer die Frage „Warum sind die eigentlich so berühmt?“. Manchmal ist es der ikonische Moment, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat und durch das Foto eigentlich nur noch festgehalten wird. Manchmal ist es aber auch Popkultur, die Schuld daran ist, dass wir ein Ereignis nicht vergessen. Manchmal ist es beides. Und so einen Fall haben wir heute.

Es ist der 4. Mai 1937 als sich das Luftschiff mit der Kennung LZ 129 majestätisch in Frankfurt in die Höhe hebt. LZ steht für Luftschiff Zeppelin, benannt nach dem Erfinder des Konstruktionsprinzips Graf Ferdinand von Zeppelin. Und LZ 129 ist der Stolz der deutschen Luftfahrt und das modernste und größte Zeppelin der Welt. War es am Boden vertäut, war es knapp 45 Meter hoch und 269 Meter lang. Und damit war LZ 129 fast genauso groß wie die Titanic. Benannt hatte man LZ 129 nach dem 1934 verstorbenen Paul von Hindenburg, dem einzigen, je durch Direktwahl gewählten deutschen Staatsoberhaupt. Und an jenem 4. Mai 1937 brach sie zu ihrer 56. Reise auf. Das Ziel waren die USA.

Die Hindenburg war Teil der deutschen Luftfahrtflotte und Verbindungen in die Vereinigten Staaten gehörten mit zum Angebot. Wollte man in die USA reisen, musste man damals noch meist mit einer Schiffsverbindung vorliebnehmen. Konnte man es sich aber leisten, war es möglich mit einer Luftschifffahrt deutlich Zeit zu sparen und mit wesentlich mehr Komfort zu reisen. 400 Dollar oder ungefähr 1000 Reichsmark kostete die einfache Strecke damals. Das sind umgerechnet auf heutige Verhältnisse in etwa 7000 Euro. Dafür reiste man allerdings auch mit allem Komfort. Passagiere hatten abgetrennte Schlafkabinen, mehrmals am Tag wurden warme Mahlzeiten serviert, es gab einen Lese- und einen Raucherraum. Reisegeschwindigkeit war ungefähr hundert km/h und man fuhr in etwa in 200 Metern Höhe majestätisch über die Landschaft. Und Zeppeline wie die Hindenburg wurden offen bewundert. Deutschland war Vorreiter in dieser Technologie. Im ersten Weltkrieg hatte man Zeppeline sogar für Luftangriffe eingesetzt, hatte sich dann aber vollständig auf zivile Anwendungsfälle konzentriert. S

o hatte die Hindenburg an jenem 4. Mai nicht nur 72 Passagiere an Bord, sondern auch noch ein Auto, für jeden Passagier ungefähr 20 Kilo Gepäck und mehrere, über anderen deutschen Hauptstädten abzuwerfende Postpakete. Aber die Zeppeline der Deutschen wurden nicht nur wegen ihrer Größe und wegen ihrer Transportfähigkeiten bewundert, sondern auch deswegen, weil die Luftschifffahrt als hoch gefährlich galt. Um nämlich überhaupt aufsteigen zu können, wurden Luftschiffe mit Gas gefüllt. Gas, das leichter als Luft war. Zwei Gase kamen ganz besonders in Frage. Einmal Wasserstoff und zum zweiten Helium. Während man Wasserstoff einfach herstellen konnte war die Produktion von Helium aufwendig. Zu dieser Zeit hatten schon die USA praktisch ein Monopol auf die Fähigkeit, Helium in großen Mengen zu produzieren. Und weil Helium eben zum Beispiel für die Luftschifffahrt so kritisch und wichtig war, hatten die USA beschlossen, Helium mit einem Exportverbot zu belegen. Aus diesem Grund wurden die Luftschiffe der Italiener, Franzosen und Deutschen mit Wasserstoff betrieben. Aber Wasserstoff ist hochexplosiv. Alle hatten deswegen auch schon schwere Luftfahrtunglücke gesehen. Nur die Deutschen schienen überlegene Konstruktionsprinzipien zu haben. Die Konstrukteure der Zeppeline waren sich ihrer Sache sicher. Wasserstoff war zwar hoch gefährlich, wenn man aber die richtigen Vorsichtsmaßnahmen ergriff war das Risiko beherrschbar. Man glaubte fest daran, dass Luftschiffe die Zukunft des interkontinentalen Verkehrs darstellten.

Lufthäfen wurden gebaut und Großstädte wie zum Beispiel New York bereiteten sich darauf vor, an Luftschiffnetze angeschlossen zu werden. So hatte zum Beispiel das berühmte Empire State Building keine Antenne auf dem Dach, sondern einen Mast, um Luftschiffen das Andocken zu ermöglichen. Starten, landen und andocken war allerdings nicht trivial bei den Dingern, denn die waren doch recht anfällig für Seitenwinde. Außerdem brauchte es eine ganze Menge Personal, um ein Zeppelin nach unten zu ziehen und vertäuen zu können. Wollte ein Luftschiff wie die Hindenburg landen, brauchte es am Boden um die 150 Mann Personal. Ankerseile wurden abgeworfen und Gas wurde abgelassen, um das Schiff nach und nach schwerer werden zu lassen. Vor allen Dingen war es wichtig, dass man die Vorder- und die Rückseite unter Kontrolle bekam, um zu verhindern, dass das Schiff sich unkontrolliert drehte oder gar aufsteigen konnte. Sieht man sich historische Aufnahmen einer Zeppelinlandung an, sieht es aus, als würden die Bewohner Liliputs versuchen, Gulliver zu bändigen. Und das Ganze war dabei überhaupt nicht routiniert.

Luftschiffe waren immer noch selten genug, dass sie sogar die lokale Presse auf den Plan riefen, wenn ihre Ankunft angekündigt worden war. Am 6.5.1937 standen deswegen in Lakehurst in New Jersey Dutzende Journalisten auf dem Landefeld und warteten gespannt, dass die Hindenburg einschweben würde. Und die ließ wirklich auf sich warten. Schlechtes Wetter über dem Meer hatte dafür gesorgt, dass die Hindenburg einen Umweg über den Pol hatte nehmen müssen. Zusätzlich sorgte schlechtes Wetter über nur Jersey dafür, dass sie fast zehn Stunden lang in der Nähe der angepeilten Landestelle kreisen musste, bevor man überhaupt daran denken konnte zu landen. Das Wetter war gewittrig und ein Zeppelin ist ein fliegender Wasserstofftank und damit anfällig für Blitze jeglicher Art. Während die Hindenburg kreist tut sich ein weiteres Problem auf. Die Crew entdeckt, dass das Schiff aus der Balance gerät. Das Heck wird schwerer. Das deutet darauf hin, dass das hinterste Segment ein Wasserstoffleck hat, also Gas entweicht. So was kommt schon mal vor. Es gibt historische Aufnahmen, wo Zeppelin- Crews die Lecks in der Hülle bei fliegenden Zeppelinen in schwindelerregender Höhe flicken. Jetzt aber ist an Flicken gerade nicht zu denken. Erstens ist das Wetter nicht gerade ideal, zweitens möchte man den Zeppelin auf den Boden bekommen und landen. Also lässt der Kapitän stattdessen Wasser ab. Ballast. Ein Vorgang, den am Boden der Radiomoderator Herbert Morrison beobachtet und kommentiert.
[Einspieler]

Das ist eine heute berühmte Radioreportage. Morrison beschreibt wie das Ankerseil abgeworfen wird
[Einspieler].

Und jetzt kommt eine Minute, die Radiogeschichte geschrieben hat, denn das ist der Augenblick, in dem es passiert. …[Einspieler].

Morrison wird sich wieder fangen. Er wird die Reportage weiterführen, er wird Rettungskräfte interviewen und Überlebende vors Mikrofon holen. Das ist das erste Mal, dass es eine live Radioreportage von einer Katastrophe gegeben hat. Aber er ist auch nicht der einzige Journalist, der Zeuge dieses Ereignisses wird und seine Arbeit macht. Ungefähr zwei Dutzend Pressefotografen halten drauf und mindestens drei Kameracrews zeichnen die Ereignisse auf. Einer der Fotografen ist Sam Shere. Er ist im Auftrag von National News Foto vor Ort und versucht, mit seiner Speed Graphic Kamera die Ereignisse festzuhalten. Gerade als sich die Hindenburg im Anflug befindet hat er noch zwei Platten in seiner Kamera. Als sich dann die Ereignisse überschlagen hält er einfach drauf, macht ein Foto – aus der Hüfte, ohne auch nur durch den Sucher zu schauen. Auch wenn er damit nur eins von Dutzenden Bildern aufgenommen hat, ist es dann doch das Foto, das wie kein anderes für das Hindenburg- Desaster stehen soll.

Durch seine Veröffentlichung bei Life Magazin, als Titelblatt der New York Times, als Aufmacher in unzähligen Zeitungen prägt diese Aufnahme unsere Erinnerung dieses Absturzes. Man sieht die Hindenburg, wie sie gerade beginnt zu fallen, das Heck steht schon in Flammen, ein gewaltiger Feuerpilz steht über dem Schiff. Im Hintergrund sieht man noch das eben abgelassene Wasser den Boden vernebeln. Man sieht das Entsetzen des Bodenpersonals und die ersten Menschen, die panisch die Flucht ergreifen. Das Schiff selbst ist dramatisch durch die Explosion beleuchtet und man kann den Titelschriftzug deutlich erkennen. Same Sheres selbst sagt: “I had two shouts in my big speed graphic, but I didn´t even have time to get up to my literally shot from the hip. It was over so fast. There was nothing else to do.“

Der Absturz der Hindenburg war nicht deswegen so besonders, weil er so dramatisch war, sondern weil er festgehalten worden war. Er markiert das Ende der Luftschiffära. Das Schwesterschiff der Hindenburg, LZ 130, wurde zwar noch fertiggestellt, würde aber keine Passagiere mehr transportieren. Wenig später war die Ära der sogenannten Stahl-Luftschiffe ganz allgemein zu Ende. Heute ist kein einziges Schiff dieser Bauart mehr in Benutzung. Zwei Jahre nach Absturz der Hindenburg stellt auch Deutschland den Betrieb der Stahl-Luftschiffe endgültig ein. Was aber erhalten blieb war der Spitzname Zeppelin, basierend auf der generellen Form dieser Schiffe. Die Zigarrenform, die wir auch heute manchmal bei ähnlich geformten Ballons sehen. Diese Verbindung zwischen Ballon und diesen Luftschiffen steht als Namenspate für eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten – Led Zeppelin. Was würde ich jetzt gerne Musik von dieser Band einspielen. Tja… GEMA…

Der Name der Band Led Zeppelin soll angeblich auf einem Scherz basieren. Und zwar hatte der Schlagzeuger der Band The Who gesagt, dass eine Band, die sich um den E-Gitarristen Jimmy Page formen würde, abstürzen würde wie ein bleierner Ballon. Ein Lead Balloon. Irgendwie wurde dann aus Lead Balloon und der Idee eines Absturzes Led Zeppelin. Wenn wir schon von abstürzenden Ballons reden, dann sind wir bei dem ikonischen Debütalbum einer der bekanntesten und erfolgreichsten Rockband aller Zeiten, das nichts anderes zeigt als Sam Sheres spektakuläres Katastrophenbild der abstürzenden Hindenburg. Beziehungsweise eine stilisierte Version davon. Jimmy Page höchst selbst erklärt es so: „The idea was to use the impact of this but use it…

Led Zeppelin war ein recht kraftvolle Rockband. Es ging ihm darum, den Impact, besonders auch des ersten Albums auch visuell darzustellen. „Fact is, that it was the right thing to do, because it is really iconic image and plus it is Led Zeppelin first album. „

Sie haben auch mit diesem Wortwitz gespielt, statt einem bleiernen Ballon eher eine Rakete. „I am sure, that the people know that phrase going down like a Lead Balloon and it was a play on the words if you like. „

Der Designer George Hardy bekommt 60 Pfund und den Auftrag, ein Album-Cover aus diesem Bild für die junge, gerade gegründete Band Led Zeppelin zu gestalten. Weder er noch Led Zeppelin waren damals übermäßig bekannt. In beiden Fällen wird sich das ändern. George Hardy hat uns einige der ikonischsten Album-Cover aller Zeiten gestaltet. Zum Beispiel Pink Floyds Dark Side of the Moon oder Technical exzessiv für Black Sabbath. Bei diesem ersten Album dachte er sich zunächst nicht viel. Deswegen wurde der Entwurf dieses Covers nach getaner Arbeit mit anderen Arbeiten verstaut. Vor ein paar Jahren jedoch zieht er in seinem Studio diesen Entwurf wieder heraus und beschließt, ihn versteigern zu lassen. Das Auktionshaus Christie’s nimmt den Originalentwurf dieses Covers in seinen online Katalog auf, da durch die Pandemie im Jahr 2020 keine persönlichen Auktionen stattfinden. Die Erwartung ist, dass man dieses Album für schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Dollar wird verkaufen können. Verkauft wird es dann am 18. Juni 2020 für 325.000 Dollar und macht damit wieder Schlagzeilen.

2 Responses

  1. Sehr schoen mal wieder! Zur Trivia wuerd ich noch ergaenzen wollen, dass eine in der Podcastwelt(*) sehr gern genutze daenische DAW/Broadcast-Software „Hindenburg“ heisst. Und zwar genau weil dieses Ereignis der Beginn einer neuen Broadcast-Welt war. Auf der Webseite von Hindenburg geht man darauf etwas genauer ein: https://hindenburg.com/about#/why-hindenburg

    (*) WRINT z.B. und viele andere, aber auch meine Podcasts, „Umlauts Are Overestimated“ und „Umlauts Diary“.

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