1. Januar 2021

Silhouetten und Scherenschnitte

Kurz bevor wir Menschen fotografisch festhalten konnten kamen massentaugliche Portraittechniken auf die als Vorläufer gelten können. Eine davon ist die nach einem französischen Beamten benannte Silhouette.


Transkript

Ein französischer Adeliger, eine Künstlerin ohne Arme und eine Fototechnik, mit der wir alle aufgewachsen sind, für die es inzwischen eigene Apps gibt. Das ist der Bogen, den ich heute spannen möchte.

Wenn ich als Teenager die Kamera von meiner Familie in die Hand gedrückt bekommen habe, gab es meistens eine ganze Reihe guter Ratschläge, die da mitkamen. Füße nicht abschneiden, das Motiv nach Möglichkeit nicht genau in der Mitte platzieren und, ganz besonders wichtig, nie gegen die Sonne fotografieren. Wenn man nämlich gegen die Sonne fotografiert, riskiert man, dass die hellen Teile sehr sehr hell und die dunklen Teile sehr sehr dunkel sind. Man hat also unter Umständen anstatt das Gesicht eines Familienmitglieds nur noch eine Silhouette auf dem Bild.

Und dieser Effekt war erstmal nicht intuitiv. Wenn wir durch die Welt laufen und uns umschauen sehen wir ja keine Silhouetten, zumindest nicht bewusst, sondern unsere Augen justieren sich je nach Lichtsituation und worauf wir schauen passend, sodass wir eigentlich immer Details wahrnehmen. Die Silhouetten in den Fotos waren also ein Zeichen der Überforderung unserer Filme mit der Lichtsituation. Der Film konnte schlicht den Unterschied zwischen den hellsten und den dunkelsten Teilen des Bildes nicht korrekt abbilden. Wir als Fotografinnen und Fotografen mussten uns durch die Einstellungen an er Kamera, die Wahl des richtigen Films und die Richtung, in die wir fotografierten, entscheiden, ob wir den Effekt nun haben wollten oder nicht. Ja, für Familienschnappschüsse wollte man den Effekt im Allgemeinen nicht haben und eigentlich wussten wir auch alle nicht, was wir hätten tun müssen, um den Effekt absichtlich zu vermeiden, also hat man einfach nicht in die Sonne, sondern mit der Sonne im Rücken fotografiert und gut war.

Ja, und was damals total ungewollt war, versuchte ich dann Jahre später mühsam zu lernen. Ich lief mit einer modernen digitalen Kamera durch die Stadt und versuchte, Passanten gegen das Sonnenlicht zu fotografieren. Ich wollte harte Schatten und ich wollte Silhouetten und ich verfluchte meine Kamera, deren Automatik entweder die korrekte Belichtung für mein Fotoobjekt einstellte oder einfach manchmal zu gut war. Da waren dann die dunklen Stellen immer noch nicht ganz dunkel. Ich hatte also nicht genug unterbelichtet.

Irgendwann hatte ich das Prinzip aber verstanden und wusste, wie ich Silhouetten erzeuge. Das ist was, das mach ich bis heute gern. Als jemand, der gerne auf der Straße und in Deutschland fotografiert, empfiehlt es sich sowieso meistens, dass Menschen auf Fotos nicht erkannt werden können, Silhouetten sind da ein sehr praktikables Mittel und sie sehen gut aus.

Silhouetten kann man nicht nur fotografisch erzeugen. Das deutsche Synonym für Silhouette ist nicht umsonst Scherenschnitt. Hier in Frankfurt kann man manchmal in der Zeil, also unserer lokalen Einkaufspassage mobile Künstler sehen, die mit einer Schere und Papier durch die Straßen laufen und Passanten für wenig Geld einen Scherenschnitt ihres Profils anbieten. Und das Ergebnis fasziniert hauptsächlich deswegen, weil wir sofort denselben Effekt erkennen, den wir von Fotos gewohnt sind. Diese Profile sehen erstaunlich akkurat aus.

Die Technik selbst kommt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Rund um 1750 entstand sie als eine günstige Alternative zur Portraitmalerei. Zu der Zeit gab es große gesellschaftliche Umbrüche. Diese total irre Idee, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte, sein persönliches Glück zu suchen, selbst dann, wenn man nicht einem privilegierten Stand angehört, die war gerade neu in der Welt und es formte sich eine Art Mittelstand, also eine Schicht der Bevölkerung, die sich nach und nach Wohlstand erarbeitete und auch eine gewisse Stellung anmaßte, aber keine Adeligen waren.

Und ganz, wie wir heute versuchen, den schönen und reichen nachzueifern, eiferte man damals den Adeligen nach. Und was machten Adelige unter anderem? Sie ließen Bilder von sich malen. Denn wer so richtig wichtig ist, muss natürlich auch dokumentiert werden.

Der Spaß war aber ganz schön teuer und deswegen sprießten allerlei Alternativen zur Portraitgemäldemalerei aus dem Boden. Je genauer die Person auf dem Bild zu erkennen war, desto besser und je weniger Aufwand in so einem Bild steckte, desto billiger. Und so kamen Schattenmalereien auf.

Es wurden sogar eigene Gerätschaften konstruiert. Man setzte sich in eine Art Stuhl mit einer Trennwand zwischen sich und dem Künstler und einer Lichtquelle auf der anderen Seite. So wurde es möglich, innerhalb von wenigen Minuten einen Schattenriss abzuzeichnen. Wem selbst dafür die Mittel fehlten, der griff dann auf die genauso in der Zeit aufkommenden Scherenschneider zurück.

Frankreich ist damals die Hochburg dieser Technik. Im ganzen Land sind Portraitkünstler unterwegs, die mit der Technik des Schattenrisszeichnens oder dem Scherenschnitt Portraits anfertigen. Aber es gibt auch viele, die die Technik als Hobby für sich entdeckt haben. Und da kommen wir jetzt bei dem Franzosen Étienne de Silhouette an.

Er war ein sehr gebildeter Mann, der in privilegierte Verhältnisse geboren war. Relativ früh bereist er Europa, besonders Großbritannien und studiert die dortige Wirtschaft und das britische Finanzsystem. Und er übersetzt staatsphilosophische Schriften aus dem Englischen und dem Spanischen, immer besonders auch mit Fokus auf deren Finanzsysteme. Dadurch wird er relativ früh zu einem parlamentarischen Berater und der Herzog von Orleans ernennt ihn zu seinem Sekretär.

Von da aus geht die Karriere steil weiter: Die Finanzangelegenheiten der französisch-britischen Kooperation in Kanada oder rund um die Kolonie am Mississippi führen schließlich dazu, dass er am 4. März 1759 auf Empfehlung des Marquise de Pompadour unter König Ludwig den XV. zu einer Art Finanzminister ernannt wird. Und das ist kein leichter Job, denn Frankreich hat gerade den Siebenjährigen Krieg hinter sich und die Finanzen sind, naja, prekär.

Étienne muss also Geld einsparen und er setzt den Rotstift an und führt Steuern ein. Stellt sich raus: Adelige von der Zeit waren von der Steuer befreit, die Kirche übrigens auch, Beamte bekamen üppige Pensionen und es gab noch die ein oder andere Gold- und Silberreserve. Er strich also die Steuerprivilegien, kürzte die Bezüge der Beamten und fing an, die Reserven einzuschmelzen. Man kann sich vorstellen, wie viele Freunde er sich damit gemacht haben muss.

Er wurde also ausführlich kritisiert, gerne auch in Form von Karikaturen. Und weil man von ihm wusste, dass er als Hobby Scherenschnitte hatte und Scherenschnitte als eine Art billiger Abklatsch professioneller Portraits galten, wurde er auch gerne mal als Scherenschnitt dargestellt. Und es dauerte gar nicht lange und die Phrase à la Silhouette wurde als Synonym für Billigware ein geflügeltes Wort.

Wie umstritten und verhasst der Mann war, zeigt sich auch in der Geschwindigkeit, in der er sein Amt wieder los war. Gerade mal 8 Monate später warf man ihn wieder aus seinem Amt. Étienne de Silhouette zog sich auf das Schloss seiner Familie zurück und widmete sich seinen Schriften. Er verschwand aus der Geschichte und starb 8 Jahre später. Sein Name blieb trotzdem ein geflügeltes Wort. Jetzt, weil er ja eine Schattenexistenz führte.

Über die Jahre schliff sich dann der Bezug zur Person ab und nach und nach nannte man Scherenschnitte einfach nur noch Silhouetten.

Die Methode wurde auch weiter perfektioniert: Mithilfe der vorhin schon erwähnten spezialisierten Apparaturen wurden Silhouetten fast schon halbautomatisch gefertigt. In Minutenschnelle war da ein Umriss gezeichnet. Und wer etwas mehr Geduld mitbrachte, konnte diesen Umriss auch noch weiter ausschmücken lassen. Bis in die 1850er Jahre die Daguerreotypie schnell genug geworden war, um Portraits zu erlauben, war die Silhouette die schnellste Form, ein präzises Bild einer Person zu fertigen.

Beides wurde damals auf sehr ähnliche Art und Weise angeboten, sowohl in Europa als auch in Nordamerika reisen Fotografen und Silhouettenkünstler durch die Lande. Sie zogen schlicht von Stadt zu Stadt, schlugen dort immer für eine begrenzte Zeit ihr Lager auf, bewarben ihre Dienstleistungen dann in den lokalen Nachrichten und Anschlagstafeln und zogen weiter, sobald die Nachfrage zurückging.

Eine der berühmtesten Silhouettekünstlerinnen ist Martha Ann Honeywell. Fast 60 Jahre lang reist sie kreuz und quer durch die USA und kommt bis nach Europa. Regelmäßig wird über sie in Zeitungen berichtet. Ihre Auftritte kosten Eintritt und sind trotzdem immer ausverkauft. Das liegt allerdings nicht nur an ihrer zweifellos atemberaubenden Kunstfertigkeit, sondern in erster Linie wahrscheinlich an ihrem Aussehen. Martha Ann Honeywell ist nämlich schwerbehindert auf die Welt gekommen. Ihr fehlen beide Hände und Unterarme und sie hat nur einen Fuß mit drei Zehen.

Ihre Geschichte beginnt in entweder New Hampshire oder New York, so genau weiß man das nicht mehr, als ihre Eltern bemerken, dass die Nachbarschaft zum Teil nur deswegen in ihren Laden zum Einkaufen kommen, um ihre Tochter zu sehen. Daraus konnte sich, so die Überlegung, eine Möglichkeit ergeben, wie ihre ansonsten doch sehr abhängige Tochter später, nach ihrem Tod, einen Lebensunterhalt verdienen könnte.

Und so wird berichtet, dass Martha im Alter von 12/13 Jahren zum ersten Mal vor Publikum Kunsthandwerk durchführt. Zu dem Repertoire gehören Zeichnungen, Stickereien und eben Scherenschnittarbeiten. Die Kalkulation ihrer Eltern geht auf. Die Leute rennen Martha die Bude ein, um ihre Scherenschnitte und Stickereien kaufen und, vor allen Dingen, deren Entstehung beobachten zu dürfen. Und als sie auf Tour geht, taucht fast immer auch Presse auf, sie ist immer auch ein Medienereignis.

Wenige Sekunden, so wird berichtet, braucht Martha, um eine akkurate Silhouette auszuschneiden. Und einer ihrer Hauptacts ist eine Art symmetrisches cutout, in dessen Mitte sie das Vater Unser schreibt.

Über ihre 60 Jahre dauernde Karriere hinweg muss sie tausende solcher 1Silhouetten und Dekostücke gemacht haben. Darum vermutet man auch, dass mehrere hundert davon eigentlich noch erhalten sein müssten. Aber wirklich dokumentiert sind zurzeit gerade mal ein paar dutzend. Denen sieht man aber eine atemberaubende Kunstfertigkeit an. Eine Kunstfertigkeit, die schon beeindruckend wäre, wenn man sie mit Händen an den Tag legt. Wenn man aber weiß, dass mit Mund geschnitten und mit einzelnen Zehen balanciert wurde, kann man nur noch staunen.

Die Geschichte von Étienne de Silhouette oder Martha Ann Honeywell sind eine Art Vorgeplänkel. Menschen haben sich schon immer selbst dargestellt, aber es ist ihre Zeit, in denen das ein Massenphänomen wird. Jede und jeder, die sich es leisten können, wollen ihre Silhouetten ausgeschnitten, ihre Portraits gezeichnet oder gemalt haben. Und als die Fotografie so richtig abhebt werden Gemälde und Silhouetten die Vorlagen, an denen sich Portraitfotografen orientieren.

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