30. Oktober 2021

Knopflochfotografie

In den 1890ern kam eine Spionagekamera in den Handel mit der man Menschen durch ein Knopfloch fotografieren konnte. Der damals 19jährige Carl Størmer dokumentierte damit jahrelang die Menschen in Oslo und wird dadurch zum ersten Paparazzo Norwegens.


Transkript

Wenn man aufgefordert wird, sich eine Kamera aus dem 19. Jahrhundert vorzustellen, taucht vor unserem geistigen Auge sehr wahrscheinlich entweder ein großer hölzener Kasten mit Objektiv vorne dran oder eine Art ausziehbare Ziehharmonika-Kamera mit Balgen auf. Und damit wär man auch nicht ganz falsch.

Allerdings gibt es auch schon damals erste Versuche Kameras zu miniaturisieren und ein ganz besonders gelungenes Exemplar ist die sogenannte „Vest-Spy-Camera“. Eine Kamera, die man unter der Weste tragen kann, deren Objektiv wie ein Knopf durch ein Knopfloch hindurchgesteckt werden kann. 

Eigentlich wäre man ja nicht ganz falsch gelegen, wenn man mit großem Gerät gerechnet hätte, denn die Leica wird noch eine ganze Weile auf sich warten lassen und vor der Leica sind die meisten Straßenfotografen mit verhältnismäßig großem Gerät unterwegs. Sogenannte Reporterkameras sind das, was man heute schon als Großformat bezeichnet. Der Profi fotografiert auch oft noch auf Glas aber Kodak hat den Markt auch schon so weit revolutioniert, dass es inzwischen auch trockene Negative auf Papier gibt, als Rollfilm. Unsere Spionagekamera, die wird mit Papierfilm gefüllt, sie sieht aus wie ein runder Flachmann und hat an einem Ende eine Schnur, diese Schnur verwendet man zum Auslösen. Und laut einer Anzeige aus der damaligen Zeit ist die Spionagekamera das perfekte Weihnachtsgeschenk für Damen und Herren jeglichen Alters.

Als Bürger des 21. Jahrhunderts bekommt man da natürlich sofort Schnappatmung, denn wer bei uns mit einer Kamera erkennbar Leute fotografiert wird sehr wahrscheinlich relativ schnell darauf angesprochen, dass er ja eigentlich auch erstmal um Erlaubnis fragen müsste. Wer heutzutage heimlich fotografieren will macht das sozusagen ganz offensichtlich, mit dem Handy. Denn ein IPhone in der Öffentlichkeit hochgehoben interessiert keinen Menschen, ob man damit nun fotografiert oder eine SMS verschickt weiß sowieso niemand und kratzt auch nicht.

Wer aber Ende des 19. Jahrhunderts eine Kamera in der Öffentlichkeit aufstellte, war natürlich unglaublich auffällig und die Leute der damaligen Zeit gaben sich Mühe möglichst seriös auf Fotografien auszusehen. Und deswegen gibt es zwar aus der Zeit Straßenfotografien aber kaum Schnappschüsse, kaum normale Mimik, kaum Alltagshandlungen. Kaum steht da irgendwo eine Kamera wird seriös geschaut.

Und es ist genau dieser Umstand, warum Bilder, wo das dann mal nicht der Fall ist, so dramatisch rausstechen. Wie zum Beispiel die Fotosammlung von Carl Størmer. Oder wie er vollständig heißt: Fredrik Carl Mülertz Størmer. Er war 1874 als Sohn eines Apothekers auf die Welt gekommen und als er sich 1890 diese Spionagekamera für unter die Weste leistete, war er eigentlich Mathematikstudent. Zu der Zeit studierte er gerade in Oslo oder Christiana, wie die Stadt damals hieß. Und er war fasziniert von der Fotografie an sich. 

Und so begann er mit dieser Westenkamera, durch die Straßen von Oslo zu streifen und Fotos zu machen. Rund 500 Aufnahmen entstanden damals und es ist faszinierend, diesen Blick in den Alltag Dänemarks des 19. Jahrhunderts zu bekommen. Frauen in üppigen, wallenden Gewändern und Hüten, die lachend die Straße entlanglaufen.

Männer, die mit zum Gruß ausgestreckter Hand und strahlendem Grinsen auf ihn zulaufen. Und Katzen, mindestens zwei Katzen hat er auch festgehalten. Und Katzen sahen irgendwie schon immer gleich aus. 

Auf seinen Streifzügen durch Oslo begegnen ihm hin und wieder auch mal Prominente und auch die fotografiert er natürlich. Als er dann im Alter von 70 Jahren, viel, viel später eine Fotoausstellung mit diesen Spie-Cam-Fotos organisiert, sind die natürlich auch ganz besondere Publikumsmagnete. In den Berichten rund um diese Fotoausstellung wird er augenzwinkernd als Norwegens erster Paparazzi bezeichnet. Aber im Verhältnis zu welchen Maßnahmen die heutzutage greifen, waren Carls Bilder natürlich einigermaßen harmlos.

Ja und die Entwicklung entsprechender Kameratechnik ist natürlich auch nicht stehen geblieben. Wir haben heute Kameras, die sind so klein, dass man sie kaum noch sehen kann. Und es gibt Kameras, die man als Schmuckstück tragen kann, die auf Sprachkommandos reagieren oder auf leichte Berührung und dann in Full-Hd ihre Umgebung aufnehmen können. Keine der Kameras, die ich so gefunden habe machen besonders schöne oder gute Aufnahmen aber mit der Qualität, die die Westenkamera von 1890 hatte können die natürlich locker mithalten. Vermarktet werden die oft entweder als Sicherheitstechnologie, also Überwachungskamera für den Ernstfall, oder als Notizgerät, wenn ich also in meinem Alltag irgendwas festhalten möchte, ein Sprachmemo, eine kurze Videoaufnahme von irgendwas, dass ich spannend finde und ähnliches.

Ich habe auch spontan an Google-Glass denken müssen, das war eine Art Brillengestell mit einem Display vor unserem Auge, in dem man aktuelle Nachrichten sehen konnte oder eben auch per Augenzwinkern eine Kamera auslösen. Bei meinen Experimenten hat dieses Ding nie so richtig kontrolliert ausgelöst, sondern hat mal mein normales Zwinkern als Aufforderung verstanden und dann wieder ein „auch-wenn-es-sehr-deutlich-war-Zwinkern“ einfach mal ignoriert aber die bedenken die damals Datenschützer hatten waren natürlich, dass man in der Öffentlichkeit unbeobachtet Fotografieren oder „Videofonieren“ könnte. Und so gab es damals den aufgeregten Slogan:“Don’t be a Glasshole“ und Datenschützer gingen auf die Barrikaden. 

Tja. Und auch wenn es die Technologien natürlich nach wie vor gibt, so richtig durchgesetzt, auch als Werkzeug für die Straßenfotografien da draußen, hat sich das nicht. Es ist wie so oft, die die wirklich Schindluder mit solchem Kram treiben wollen, die lassen sich sowieso nicht abhalten. Aber ich schweife ab. 

Carl jedenfalls machte nicht nur diese Street-Fotos in Oslo mit seiner Spycam sondern blieb der Fotografie sein ganzes Leben lang treu. Er wird Professor für Mathematik an der Universität in Oslo und interessiert sich dann außerdem auch noch ganz besonders für Astrophysik, speziell für Phänomene, wie die Aurora-Borealis, also die Nordlichter. Auch die dokumentiert er mit der damals gängigen Kameratechnik und so gibt es von ihm nicht nur per Spycam aufgenommene Straßenfotografie, sondern auch Aufnahmen der Nordlichter über Norwegen. Trotzdem hätte er sich selber wahrscheinlich nicht als Fotograf bezeichnet und außer dieser einen Ausstellung dieser Westenkamerabilder veröffentlichte er jetzt eigentlich keine Fotografien weiter. 

Die Bilder werfen auch eine interessante Frage auf finde ich. Zwar gibt es diesen Empörungsreflex, weil er ja versteckt und heimlich fotografiert hat, voyeuristisch geradezu. Auf der anderen Seite hat er das ja eigentlich erstmal nur für sich getan und nicht weiter veröffentlicht, d.h. bis zu dieser  Ausstellung 50 Jahre später, waren diese Aufnahmen rein in seinem Privatbesitz. Und das ist ja jetzt schon was anderes als die direkten Instagramuploads, die man heute manchmal so hat. 

Etwas besonderes wurde es dann eben dadurch, dass es Aufnahmen waren, die man sonst so aus der Zeit überhaupt so gut wie nie zu sehen bekam. Ganz egal also, ob verboten oder nicht, unlauter oder nicht. Allein dieser Blick in die Vergangenheit, dieser unverstellte Blick in die Straßen von Oslo, ist aus heutiger Sicht spannend.

1 Response

  1. Andy sagt:

    Wiedereinmal ein toller Beitrag. Erstaunlich, wie gut die Qualität der Aufnahmen ist! Das fasziniert mich schon lange bei alten Kameras, teilweise auch aus dem „unteren Einstiegssegment“, wie meine Pouva Start.

    https://flic.kr/p/2kRP3b7

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