7. November 2021

Knochen und Klebstreifen

Fotografie ist nicht auf Licht als Werkzeug beschränkt sondern ist auch mit anderen Strahlen möglich. Das bekannteste Beispiel dieser Kategorie ist die Röntgenstrahlung…

https://youtu.be/EkMlw6-aywI


Transkript

Vielleicht geht es ja euch auch so, bei dem Namen Wilhelm Conrad Röntgen denke ich zuerst an die Deutsche Bahn und den gleichnamigen ICE. Und danach an den Zahnarzt. Denn der Zahnarzt ist der Ort, an dem wahrscheinlich jeder und jede von uns schonmal geröntgt wurden. Aber erst, seit ich an dieser Episode gearbeitet habe, denke ich außerdem noch an Tesastreifen, Schallplatten und Schuhgeschäfte.

Als Fotograf hat mich schon immer fasziniert, dass ich mit Fotografie Dinge sichtbar machen kann, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann. Ich mag zum Beispiel Langzeitaufnahmen mit Lichtspuren sehr gerne, ich mache gerne Verwischungen in meinen Aufnahmen. Und ich hatte mal eine Kamera, die so umgebaut worden war, dass man damit Infrarotaufnahmen machen konnte.

Jetzt heißt das Ganze ja Zeichnen mit Licht, Fotografie, und trotzdem gibt es natürlich auch noch Verfahren, die technisch gesehen gar nicht mit Licht funktionieren. Beispielsweise in der Episode über das Elektronenrastermikroskop wurde schnell klar, dass das Ergebnis schon auch irgendwie fotografisch ist, und das, obwohl Licht gar keine Rolle spielt. Und ganz ähnlich ist es mit den Strahlen, die wir heute verwenden, wenn wir in Körper schauen wollen. Ohne die zu öffnen, wohlgemerkt.

Bilder mit Röntgenstrahlen aufzunehmen hat viele Parallelen zur Fotografie. Oft wurden die Filme von denselben Herstellern erzeugt, die auch für normale Kamerasysteme Filme produzierten und in beiden Techniken entstehen Aufnahmen, die einen gewissen 3D Effekt, Schattenwurf etc. zeigen.

Für die Medizin- und Bautechnik war die Entdeckung der Röntgenstrahlung eine der ganz großen Augenblicke des 19. Jahrhunderts. Es gibt eine schier unendliche Menge an Erkenntnissen, die wir allein solchen bildgebenden Verfahren zu verdanken haben. Und dabei begann das alles mit einem Zufall.

Es ist der 8. November 1895. Wilhelm Conrad Röntgen war Professor am Lehrstuhl für Physik an der Universität Würzburg und interessierte sich unter anderem für Kathodenstrahlen und sogenannte Lumineszenzeffekte, also dem Aufleuchten von bestimmten Stoffen, sobald sie von solchen Strahlen getroffen werden. Er räumt sein Labor auf und will noch ein letztes Experiment machen.

Rund um seine Strahlenquelle richtet er mehrere Sichtbarrieren auf; er möchte ganz gezielt auf einen Gegenstand leuchten. Er beginnt mit dem Experiment und dabei fällt ihm auf, dass andere Objekte, die eigentlich abgeschattet sein sollten, trotzdem aufleuchten. Irgendeine unsichtbare Strahlung schien also durch die Sichtschutzblenden hindurch zu leuchten. Eine Strahlung, die man selbst nicht sehen konnte. Eine neuartige Strahlung.

Der 50-jährige Wilhelm Conrad Röntgen ist begeistert und fasziniert und nennt diese neue Strahlung X-Strahlen. Im Englischen nennen wir die ja immer noch X-ray, obwohl schon ein Jahr später der Begriff der Röntgenstrahlung ganz offiziell ihm zu Ehren eingeführt wird.

Es war auch nicht von Ungefähr, dass Röntgen anfing, mit Filmmaterial und Belichtungstechniken zu experimentieren, war er doch nicht nur Physiker und Honorarprofessor, sondern außerdem noch leidenschaftlicher Freizeitfotograf. Und so war es für Wilhelm Conrad Röntgen wohl kein sonderlich weiter Weg von der Erkenntnis, dass irgendeine unsichtbare Strahlenquelle in der Lage war, feste Körper zu durchdringen zu dem Versuch, dieselben Strahlen mit handelsüblichem Filmmaterial festzuhalten.

Die Strahlen selbst entdeckte er am 8. November 1895. Das erste Foto dieser Strahlen macht er dann am 22. Dezember, und zwar von der Hand seiner Frau Anna Bertha. Er entwickelt den Film und zeigt ihr die Aufnahme der Knochen. Und ihre Reaktion macht deutlich, was für ein Umbruch diese Entdeckung gewesen sein muss. „Ich habe meinen Tod gesehen“, soll sie gesagt haben. Knochen zu sehen war damals ja untrennbar mit dem Tod verbunden und plötzlich war man in der Lage, von lebenden Menschen solche Bilder zu machen. Diese erste Aufnahme am 22. Dezember 1895 gilt jedenfalls als die Geburtsstunde der Radiologie.

Röntgen war wohlhabend und deswegen sah er komplett davon ab, seine Technologie in irgendeiner Form sichern zu lassen. Gleichzeitig war er als Wissenschaftler natürlich sehr gewissenhaft in der Beschreibung des Versuchsaufbaus und der Versuchsaufbau war unglaublich leicht nachzuahmen.

Und so tritt die Radiologie eine beispiellose Welle der Begeisterung los. Während die einen aus wissenschaftlicher Neugierde heraus alles und jeden röntgen, der oder die bei drei nicht auf dem Baum sind, entdecken andere das Potential der Röntgentechnologie als Unterhaltung. Es dauert nicht lang und es gibt auch Apparate, in denen man in Echtzeit Röntgenlaufnahmen sehen kann. Auf praktisch jedem Jahrmarkt der damaligen Zeit konnte man vor solchen Geräten stehen und sich in den Körper gucken lassen. Schuhgeschäfte hatten solche Geräte. Mit denen konnte man zum Beispiel kontrollieren, ob die gerade gekauften Schuhe den Kinderchen auch wirklich passen würden. Oder nochmal überdenken, ob die modischen, engen, hochhackigen Schuhe vielleicht wirklich so eine gute Investition waren, angesichts der Verkrümmungen, die man in dem Röntgenbild sofort sehen konnte.

Der berühmte Unternehmer Edison, ja, derselbe Edison, der später angeblich die Glühbirne erfunden hat und außerdem untrennbar mit der Geschichte des Bewegfilms verbunden ist, sah in der Röntgentechnologie ungeahnte Möglichkeiten. Er wollte Röntgenapparate für den Heimgebrauch bis hin zu Röntgenapparaten als Spielzeug entwickeln.

Aber nicht nur Edison arbeitet an der Vermarktung der Röntgentechnologie, Namen wie Kodak in den USA oder Ilford in England, beide Hersteller vor allem auch von Filmmaterialien und Labortechnik, sind untrennbar mit der Entwicklung dieses Mediums verknüpft. Und zeigen, wie nah die Technologie von Anfang an an der Fotografie war.

Mit zunehmendem Einsatz entdeckt man auch relativ schnell, dass die Röntgenstrahlung sich auf Tumorgewebe und Gewebe ganz allgemein auszuwirken scheint. Noch sind die Forscher noch einigermaßen arglos, aber es werden schon 1896 erste Dokumentationen von Strahlenschäden, aber auch von Behandlungsmöglichkeiten zum Beispiel in der Krebstherapie veröffentlicht. Trotzdem überwiegt immer noch die Begeisterung, gerade auch, als 1901 Wilhelm Conrad Röntgen als der erste Forscher überhaupt den ersten jemals vergebenen Nobelpreis der schwedischen Akademie der Wissenschaften entgegennimmt.

Es wird 1903, bis die Veröffentlichungen einen etwas alarmierenden Ton anschlagen. Die Forscherinnen und Forscher, die an Röntgenstrahlengeräten arbeiteten, begannen, Verbrennungserscheinungen zu beschreiben, Haarausfall, Gewebeverknotungen und Geschwulste, die sich bildeten. Aber es ist der damals Mitte 30-jährige Assistent von Thomas Alva Edison, Clarence Madison Dally, der als der erste Röntgenstrahlenverursachte Tod in die Geschichte eingeht. Besonders die linke Hand, mit der man bei den Geräten der damaligen Zeit häufig den Fokus justierte, mit dem er unzählige Experimente durchführte, begann bei ihm nicht nur, Verbrennungserscheinungen zu zeigen, sondern eben auch Krebsgeschwüre zu entwickeln. Dally war aber so besessen von seiner Arbeit, dass er anfing, einfach immer, wenn die eine Hand gerade entzündet war, die andere zu nutzen. Das Ganze eskalierte, die Tumore waren natürlich irgendwann dann auch nicht mehr gutartig und so kam es zu einer ganzen Reihe von Amputationen, in mehreren Schritten verlor er den gesamten linken und zwei Drittel des rechten Arms und starb dann vier Jahre später.

Für Edison, dem oft nachgesagt wurde, einigermaßen gewissenlos an dem eigenen Geschäftsinteresse interessiert zu sein, markierte das Ende seiner Arbeit mit Röntgenstrahlung. In einem Interview gibt er zum Protokoll, dass er vor Röntgenstrahlen warnt und dass er Angst vor ihren Wirkungen hat und dass man wahrscheinlich noch vieles herausfinden wird, was ihnen jetzt bisher noch nicht bewusst war.

Um die 150 Forscherinnen und Forscher dieser damaligen ersten Röntgen-Sturm-und-Drang-Zeit sind dokumentiert als Opfer dieser neuen Technologie. Es sind jedoch auch ihre Erkenntnisse, die es später möglich machen, die Technologie sicher einzusetzen.

Natürlich war der Einsatz dieser neuen bildgebenden Verfahren nicht nur auf Technik und Medizin beschränkt. Von Anfang an gab es auch Menschen, die rein aus ästhetischem oder künstlerischem Antrieb heraus Fotos mit dieser Technik machten. Wie sehen Gegenstände oder Lebewesen aus, wenn sie von Röntgenstrahlen durchdrungen werden? Wie lassen sich damit Bildkompositionen erreichen, die interessant sind? Und weil es gar nicht schwer ist, Bilder zu finden, die eben nicht technisch oder medizinisch sind, kann man ja auf die Idee kommen, nach Röntgengeräten für den Privatgebrauch zu suchen.

Stellt sich heraus, natürlich gibt es einen Gebrauchtmarkt für zum Beispiel von Zahnarztpraxen abgelegte alte Röntgenapparaturen. Aber nicht nur das. Es gibt eine ganze Reihe von einfachen Wegen, wie man sich selber Röntgenapparaturen bauen kann. Und ein Projekt, auf das ich dann gestoßen bin, faszinierte mich besonders. Denn es nützt ein Phänomen aus, von dem ich bisher gar nicht wusste, dass es existiert. Alles, was man dafür braucht, ist Klebstreifen. Und vermutlich würden auch andere Gegenstände gehen, aber bei Klebstreifen lässt sich das ganz besonders leicht nachbauen.

Es ist nämlich so, dass Klebstreifen, der voneinander abgerollt wird, ganz leichte Lichtentladungen erzeugt. Das ist ein bekanntes und lange dokumentiertes Phänomen verschiedenster Stoffe. Auch Zuckerwürfel, die zerdrückt werden, erzeugen leichte Lichtentladungen. Und jawoll, ich habe wahrscheinlich in meinem Leben schon Kilometer Klebstreifen abgerollt und ich weiß nicht wie viele Zuckerwürfel zerdrückt und nie ist mir das in den Sinn gekommen, geschweige denn aufgefallen. Sind auch keine besonders hellen Lichtentladungen.

Allerdings strahlen diese Entladungen in verschiedenen Spektren. Und so kam eine Forschergruppe auf die Idee, diese Klebrollen in eine Apparatur ähnlich wie ein Tonband einzuspannen, also zwei Rollen zu haben, die eine Rolle rollt auf, die andere rollt ab, und das Ganze in eine Vakuumkammer zu packen, um die verschiedenen von der Luft verursachten Streueffekte zu verhindern, und darauf dann zum Beispiel einen Finger zu legen und einen Röntgenempfindlichen Film darüber zu belichten. Stellt sich heraus, mit einer schnell genug abgerollten Klebstreifenrolle lässt sich eine Röntgenapparatur konstruieren. Die Strahlendosis, die da abgegeben wird, ist zwar absolut ungefährlich und in einem minimalen Bereich, aber sie reicht, um zum Beispiel einen Finger röntgen zu können. Hammer.

Das Video, das ich in die Notizen zur Sendung packe, zeigt, wie die Forscher das mit einem handelsüblichen Film, wie er zum Beispiel von Zahnärzten verwendet wird, um Zähne zu röntgen, vorführen. Sie hoffen, daraus eventuell Geräte konstruieren zu können, die zum Beispiel in Drittweltländern eingesetzt werden könnten. Denn dort sind eigentlich immer die Geräte das Problem, nicht die röntgenempfindlichen Filme.

Apropos Röntgenempfindliche Filme: Da begegnete ich dann einem anderen Thema. Einer Geschichte aus der ehemaligen UDSSR. Dort war nämlich während des Kalten Krieges bis ins Detail geregelt, welche Medien die Bürger konsumieren durften und welche nicht. Besonders westliche Musik war meist bis ins letzte Fitzelchen zensiert und in der Regel verboten. Aber, wie wir schon seit Jurassic Park wissen, Natur findet immer einen Weg. Und in dem Fall Natur in Gestalt von echten Jazz- und Rockfans. Die sahen nämlich gar nicht ein, sich vorschreiben zu lassen, welche Musik sie denn nun hören durften und welche nicht und begannen damit, Schallplatten aus dem Westen illegal zu importieren und dann zu vervielfältigen.

Jetzt war das Medium, auf dem im allgemeinen Schallplatten produziert wurden, Vinyl, recht knapp und schon gar nicht für Privatleute verfügbar. Und so begab man sich auf die Suche nach einem alternativen Medium. Und da schließt sich jetzt der Kreis zur Röntgenfotografie, denn in der Sowjetunion bildete sich eine Subkultur, in der Schallplatten auf die abgelegten Röntgenaufnahmen von Krankenhäusern gepresst wurden. Im Ergebnis ist das eine faszinierende Mischung aus Fotografie, Musik, Untergrundkultur und Zeitgeschichte, denn den Schallplatten sah man immer noch an, dass sie Röntgenaufnahmen waren. Gleichzeitig konnte man sie auf einen Schallplattenspieler legen und zum Beispiel Jazzmusik aus den USA hören, in dem Wissen, dass die eigene Schallplatte nicht nur ein Unikat, sondern auch noch gleichzeitig ein Aufbegehren gegen den Staat war. Ein Aufbegehren, das möglich wurde durch die Omnipräsenz der Röntgentechnologie, der Verfügbarkeit von Filmmaterialien und der Findigkeit der Sowjetbürger, die sich gegen eine unterdrückende Zensur auflehnten.

Wilhelm Röntgen hat über 60 Arbeiten veröffentlicht in einem mehrere Jahrzehnte umfassenden wissenschaftlichen Leben. Aber die Entdeckung der unsichtbaren X-Strahlen war ganz ohne Zweifel die Krönung seines Lebens und seiner Laufbahn. Noch heute wird heute Röntgentechnologie eingesetzt, um das Wissen der Menschheit zu vergrößern und heute wie damals beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler damit. Darum finden sich heute in den Notizen zur Sendung nicht nur weiterführende Links für diejenigen, die sich mehr mit der Geschichte von Röntgen oder der Technologie beschäftigen wollen, sondern auch Hinweise auf Bildbände und Menschen, die das Verfahren als Medium benutzen.

2 Responses

  1. Andy sagt:

    Tolle Folge mach auf mehr Lust auf des Thema

  2. Odhis sagt:

    Wieder eine lehrreiche und kurzweilige Episode. Dass mit den Klebestreifen ist mir mal an Briefumschlägen (diese selbstklebenden) aufgefallen. Musst den mal im Dunkeln aufmachen. Cool auch die Story über die sowjetischen Röntgen-Rock-Platten.

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