29. August 2020

Laufsteggeschichten

Ohne Fotografie keine Modebranche, ohne Models keine Mode, ohne Business keine Models? Heute besuchen wir die Anfänge einer Branche mit Milliardenumsätzen…

Bildquelle: Von Arnold Genthe – Dieses Bild ist unter der digitalen ID agc.7a15137 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1748122

Transkript

Es ist schwer zu ignorieren, wenn man Fotomenschen spricht, dass es eine ganze Branche gibt, die im Grunde nichts anderes macht, als Fotografie zu produzieren.

Na, schon eine Ahnung? Genau: Mir geht es heute um die Modebranche, eine Branche, mit der ich persönlich so gar nichts am Hut habe und eine Branche, die auch ein Fotogenre hervorgebracht hat, die Fashion Fotografie, mit der ich zumindest nicht viel anfangen kann. In Sachen Fotografie schränke ich das so ein bisschen ein, weil es gibt natürlich Modefotos, die nichts anderes sind als Studiofotografie mit Konzept. Aber das ist mir für heute auch erstmal egal.

Wir reden nämlich gar nicht über die Fotografinnen und Fotografen in der Modebranche, sondern über alle anderen, die da irgendwo damit beschäftigt sind, Bilder für die Massen zu produzieren. Nichts anderes ist die Modebranche meiner Meinung nach: im Grunde arbeitet da eine Heerschar von Menschen an genau einem Ziel: Bilder zu produzieren von Mode, um Menschen dazu zu bringen, auch in der nächsten Modesaison Geld für Lifestyle auszugeben. Denn Mode erstreckt sich ja nicht nur auf Kleidung, sondern auf so viel mehr.

Am unteren Ende der Skala haben wir da natürlich den Fließbandbetrieb, mit dem praktisch Katalogbilder für Webseiten produziert werden, und am oberen Ende der Skala haben wir dann die Stars und Sternchen und das Celebritypersonal, das Veranstaltungen wie die Fashionweek bestückt. Und irgendwann zu diesem Personal zu gehören, das ist der Traum vieler. Wer möchte nicht einen Job haben, der einen regelmäßig um die Welt jetten lässt, mit den Reichen und Superreichen zusammenbringt und dabei auch noch Geld wie blöd verdienen.

Das ist der Traum, den die Fernsehshow Germany’s next Topmodel vermarktet. Heidi Klum und ihre Mädchen.

Da wird regelmäßig gecastet, es werden peinliche Spielchen gemacht und im Endeffekt die Wichtigkeit der Fotografie nur noch weiter betont. Wir sehen in jeder Folge diverse Fotoshootings und weiter im Rennen ist nur, wer von der Moderatorin Heidi Klum ein Foto überreicht bekommt.

GNTM ist dabei eine wirklich interessante Konstruktion. da ist nicht nur Heidi Klum als Moderatorin und als Hauptjurorin unterwegs, nein, auch der späteren Modelvertrag der identifizierten Talente wird von der Heidi Klum Model Agency vertrieben und Heidi betreibt nicht nur diese eine Sendung, sondern sie hat noch drei andere Sendungen nach ganz ähnlicher Machart, wo sie als Moderatorin und als Jurorin teilnimmt und eben auch kräftig mitverdient. Man könnte sagen, die einzige die sich mit Germany’s next Topmodel ihren Traum verwirklicht ist Heidi Klum, aber das mal nur so am Rande erwähnt.

Na und, möchte jetzt einwerfen, vielleicht ist der Deal ja trotzdem fair, weil für die teilnehmenden Mädels ist ja die Karriere trotzdem möglich. Vielleicht werden die ja alle Supermodels. Vielleicht sollte man GNTM mehr als so eine Art, naja, Talentschmiede sehen.

Fragen wir doch mal jemanden, der das wissen muss: Karl Lagerfeld, seines Zeichens Designer und Star der Szene. Karl. Wie ist denn das?

[Einspieler]

Moderator: “Ich zeige Ihnen eine junge Dame, ein Foto einer jungen Dame, und Sie sagen mir freundlicherweise, ob diese Dame, mal sehen, wo wir es kriegen, da kriegen wir es eingeblendet, ganz klein, da oben können Sie es ein bisschen größer sehen, ob diese Dame Chancen hätte im internationalen Modelbusiness.”

Karl: ”Das kann man aus solchem, nicht sehr gutem Bild nicht unbedingt sagen.”

Moderator: ”Das ist die Siegerin der letzten Staffel von Germany’s next Topmodel”

Karl: “Erst mal muss sie sich bewegen, damit man sehen kann, was ihre Figur ist, wie sie damit umgeht, und das Gesicht und ist sie gut geschminkt, ist sie gut frisiert, ist sie nicht billig geschminkt, wissen Sie, bei so Wettbewerben, das ist halt, nun wirklich, das hat mit richtiger Mode nichts zu tun. Wissen Sie, das gehört in der Mode und auch für die Musik, das sind Berufe, das ist nicht, weil sie sagen, ich möchte das werden, dass sie es werden, das ist eine Sache, die total auf Ungerechtigkeit basiert ist. Sie können nicht sagen, oder eine Mutter sagt: ‘Meine Tochter soll die neue Claudia Schiffer werden’. Ne! Das gibt es nicht. Der Wille genügt da nicht. Wenn da etwas ist, wo ein Potential ist, kann das passieren, aber das ist ein ziemlich seltener Fall.”

Moderator: “Und Mode ist ungerecht, sagen Sie? Heißt das nur für die Models oder heißt das, dass Mode auch ungerecht ist für die… “

Karl: “Nein nein nein nein. (…) Sie können nicht sagen, ich werde jetzt Designer und das muss klappen und wenn das nicht klappt ist die Welt schuld und nicht Sie, das ist etwas, wo man keine Regeln kennt, wo man was bringen muss und das ist etwas, was jedem logischen Konzept entgeht.”

Moderator: “Aber dass Sie einer der größten Stars dieser Branche sind, das ist gerecht.”

Karl: “Ja gut äh, die haben sich an mich gewöhnt.”

(Gelächter aus dem Publikum)

Halten wir also fest: es ist sicherlich kein Zufall, dass Heidi erfolgreich ist mit dem Konzept. Und ja, Heidi hat es vielleicht auch ein bisschen mit ihrem Staat als Modelgesicht zu tun gehabt, aber danach wahrscheinlich einfach nur mit dem wirtschaftlichen Buisnesstalent ihrer Familie und ihr selbst. Die TeilnehmerInnen, die sind dann einfach mal Schwungmasse.

Gesichter, hübsche Gesichter zugegeben, die vor Kameras posieren.

Aber war das eigentlich schon immer so? Die Frage stellte ich mir und hab mal angefangen in der Geschichte des Genres zu graben. Irgendwann muss es ja das erste Model vor der Kamera gegeben haben. Und irgendjemand muss ja auch diesen unsäglichen Laufsteg erfunden haben, über den seit Jahrzehnten irgendwelche mehr oder weniger prominenten Modeidole staksen. Allein dass man so ein Ding Catwalk nennt im Englischen finde ich schon eine echte Zumutung, aber da bin ich vielleicht auch Kind meiner Zeit.

Es wird schwer zu datieren sein, wer zum ersten Mal auf die Idee gekommen ist, Frauen in neue Kleidung zu stecken, um sie vor potenziellen Käuferinnen und Käufern herumlaufen zu lassen. Die Idee, die muss ja Jahrhunderte alt sein. Man weiß aber erstaunlicherweise relativ genau, wer das wahrscheinlich zum ersten Mal professionalisiert und in eine Form gebracht hat, die wir heute wiedererkennen würden.

Um diese Person zu treffen, müssen wir nach London und zwar ungefähr in das Jahr 1890. Es ist zu der Zeit als das Modeatelier ‘the Maison Lucile’ die feine Gesellschaft Großbritanniens im Sturm erobert. La maison lucille war spezialisiert auf romantische und feminine Mode.

Ihre Besitzerin war die alleinerziehende Lucy Christiana Sutherland. Gerade frisch nach erster Ehe geschieden, hatte sie eine Schneiderei eröffnet, um sich und ihre Tochter versorgen zu können.

Und Luciles Mode war fantasievoll und manchmal gewagt. Beispielsweise wird die Erfindung des geschlitzten Rocks auf sie zurückgeführt.

Um ihre Kollektionen an die Frau und den Mann zu bringen, hatte Lucile relativ früh damit begonnen, Modeschauen zu organisieren, also zwanglose treffen, bei denen sie Getränke und Snacks reichte und sich die zukünftigen Kundinnen und Kunden in die jeweiligen Stücke anschauen konnten. Und weil es einfach viel, viel besser ist, wenn jemand diese Stücke auch vorführt und damit anschaulich macht, wie gut man darin aussehen könnte, war Lucile dann auch tatsächlich die erste, die einen Catwalk konstruierte, professionelle Models anheuerte und ihre Mode direkt vorführen ließ.

Ihre Models rekrutierte Lucille unter Tänzerinnen. Einige davon waren tatsächlich für ihren Tanz bekannt, sie waren also schon Celebrities oder Prominenz, bevor sie über den Catwalk von Lucille stapften.

Sie hatte inzwischen ihren zweiten Ehemann kennengelernt, Sir Cosmo Edmund Duff-Gordon the fifth, der seinerzeit dann dafür sorgte, dass Lucille ordentlich finanziert war und nach und nach in die gesamte High Society der damaligen Zeit eingeführt wurde. Das und die Tatsache, dass die Tänzermodels natürlich auch die Mode von Lucy trugen, sorgte dafür, dass Lady Duff-Gordon, wie sie jetzt hieß, in aller Munde war und ihre Mode sich praktisch wie von selbst verkaufte.

So war sie nicht nur eine der ersten Modedesignerinnen und die Erfinderin des Catwalks, sondern baut ihr Modeimperium weiter aus und war auch das erste Modelabel, das Niederlassungen in London, Paris, New York und Chicago eröffnete.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Lady Duff-Gordon eine echte Powerfrau war und damals in höchsten Kreisen verkehrte.

Da schlug sich auch nieder, dass sie selbstverständlich 1912 als First Class Passagierin an der Jungfernfahrt der Titanic nach New York teilnahm. Sie wurde gerettet, kam zurück und baute ihr Imperium weiter aus.

Auf sie geht zurück, dass bei diesen Modenschauen dann auch Musik und Tanz mit integriert wurde und ganz allgemein aus dieser Verkaufsveranstaltung eigentlich fast schon sowas wie eine Art Modetheaterstück wurde. Wie gesagt, eine echte Powerfrau.

Interessant ist, dass zu der damaligen Zeit Fotografie bei diesen Veranstaltungen noch keine große Rolle gespielt zu haben scheint. Es gibt zwar Aufnahmen von einzelnen dieser Models, es gibt auch ein paar Filme, die man im Netz dazu findet, aber für Lucy war einfach viel, viel wichtiger, dass die Käufer im Raum waren und nicht, dass das Ganze gefilmt und verteilt wurde.

Fashionfotografie und Mode verkaufen waren damals noch zwei verschiedene Dinge: Wenn man sich schon fotografieren ließ und vielleicht sogar hauptsächlich des Äußeren willen, dann war das damals in erster Linie eine Inszenierung. Und um die Anfänge dieser Idee zu beobachten, müssen wir uns von London verabschieden und nach Paris reisen.

Und da treffen wir dann die Konkubine Napoleons des dritten, Virginia Oldoini. Wie der Name schon nahelegt ist sie Italienerin, genau genommen Contessa di Castiglione.

Und Virginia war skandalträchtig. Schon ihre Ankunft in Paris war ein Skandal. Sie sah atemberaubend aus und war praktisch sofort die gespiele Napoleons des 3. und am königlichen Hof. Das gefiel jetzt ihrem damaligen Ehemann nicht so wirklich. Virginia freilich war das egal.

Virginia war damals der Star am Hof. Sie sprach vier Sprachen fließend und ist überliefert als eine unglaublich charmante und energiegeladene Gastgeberin. Außerdem war sie bekannt für ihre extravagante Kleidung. Einmal kam sie gekleidet als Queen of hearts. Jedes Mal kam sie auf jeden Fall anders gekleidet und ihre Kleidung, ja über die, sprach man. Und ahmte sie nach.

Während ihrer Affäre mit Napoleon dem dritten war sie außerdem auch des Öfteren, naja, will ich mal sagen, Geheimdiplomatin in Charme-Offensive, wurde sie doch regelmäßig an andere Königshöfe eingeladen oder auch mal für, naja, sagen wir mal, besondere Verhandlungen losgeschickt. Es gab diverse Konflikte in Europa und der eine oder andere, so sagt man, ist vielleicht auch durch ihr Wirken im Hintergrund anders ausgegangen.

Damals jedenfalls, wir reden von der Mitte des 19. Jahrhunderts, hatte natürlich jeder kaiserliche und königliche Hof, der was auf sich hielt, einen Hoffotografen: da macht er Hof Napoleons III natürlich auch keine Ausnahme. Und die schönste Frau am Hof, die saß natürlich auch irgendwann vor der Kamera.

1856 saß sie für den Hoffotografen Pierre-Louis Pierson Modell und das war der Anfang einer Leidenschaft, die sie bis zu ihrem Tod verfolgen sollte. Mit Pierson machte sie über 400 Porträts und interessant ist an diesen Bildern, dass überliefert ist, dass sie die treibende Kraft hinter diesen Aufnahmen ist. Das heißt der Fotograf, der hat einfach nur die Aufgabe, den technischen Teil im Griff zu haben. Und er darf natürlich die Kulisse aufstellen. Sie ist die Regisseurin. Sie ist diejenige, die die Kleidung auswählt, die Szenerie beschreibt, die Bildidee beschreibt und dirigiert. Und sie ist bekannt als absolute Perfektionistin. Aufnahmen wurden so oft wiederholt bis auch das kleinste Detail sitzt.

Und manche der Aufnahmen waren für die damalige Zeit auch frivol. So gibt es Aufnahmen ihrer nackten Füße. Auf Bildern wo ihre nackten Füße also vom Knie abwärts zu sehen sind, ja, da sieht man dann meistens ihren Kopf nicht. Das ist ja fast schon Pornografie!

Über die Jahre werden ihre Aufnahmen dann immer dunkler und skurriler. So lässt sie sich durchaus auch mal in einem Sarg fotografieren oder in Trauerkleidung. Es sind jedenfalls dramatische, gestellte und manchmal auch Konzeptfotografien, die damals entstehen.

Und sie sind für die Zeit ungewöhnlich. Es geht um das Äußere, um die Inszenierung, um die Kleidung, die sie trägt oder eben nicht trägt, um die Person, die sie darstellt und wie die am besten Szene zu setzen ist. Und so ist sie als Erfinderin der Fashion Fotografie in die Geschichte eingegangen.

Interessant finde ich ja das Fashion Photography und die Fotografie von Mode während Modenschauen zwei sich ergänzende aber dann doch unterschiedliche Disziplinen zu sein scheinen. Man kann natürlich Fashion Fotograf sein und sich überhaupt gar nicht für Models auf dem Laufsteg interessieren. Und umgekehrt.

[Einspieler]

Karl Lagerfeld: “Ja, wissen Sie, Heidi Klum, ich kenn sie nicht. Ich finde, dass die deutsche Vogue tolle Bilder von ihr gemacht hat, so gut kann ich sie mir gar nicht vorstellen. Dieser junge Fotograf, wie heißt er, Francesco Carrozzini, hat unglaublich tolle Bilder von dieser Heidi Klum gemacht, die ich nicht kenne. Auch Claudia kennt die auch nicht. Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.”

Die war nie in Paris, die kennen wir nicht. Damit bezieht sich Karl Lagerfeld auf eine der Big Four. Mit Big Four sind die vier großen Fashion Weeks gemeint: New York, Paris, London und Mailand. Und, Heidi? Naja, die ist eben nie über eine dieser vier Laufstege gelaufen und schon gar nicht über den in Paris. Sie macht halt “nur” Werbung. Aber zumindest laut Joop hat sie was es braucht.

[Einspieler]

Joop: Nacher, in diesem Modelberuf, ist fast keiner schön genug, um die große Karriere zu machen. Guck mal: Heidi musste schon so schön sein, wie sie ist, um so weit zu kommen.

Das, glaube ich, ist ein Irrtum. Mit Schönheit hat es nur am Rande was zu tun. Vielleicht war das mal ein Türöffner für Heidi, aber dann, dann ist es Geschäftssinn und Durchhaltevermögen, das für Heidi, für Lucille oder auch für Virginia den Unterschied gemacht hat. Und Heidi, was sagst du dazu?

[Einspieler]

Heidi: “Ich habe heute leider kein Foto für dich.”

Na Gott sei Dank.

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