24. August 2020

Lebe Deinen Traum…

Mark Reay ist Model, Schauspieler und Fotograf in New York und lebt ein überraschendes Doppelleben.

Notizen zur Sendung:

Episodenbild: homme-less.com

Transkript

Vor einigen Monaten hab ich einen Podcast entdeckt, der auch eine absolute Hörempfehlung ist, namens unter freiem Himmel. Dort erzählt ein ehemals Obdachloser, wie leicht es auch in Deutschland ist, die Obdachlosigkeit zu geraten. Da spricht er freilich von Obdachlosen, wie wir sie alle kennen. Menschen, denen man schon von weitem ansieht, dass sie Probleme haben. Was aber, wenn es noch eine weitere Art von Obdachlosigkeit gäbe? Was, wenn jemand oberflächlich gesehen alles im Griff zu haben scheint, Beruf, teure Elektronik, einen gepflegten Anzug trägt, aber nachts dann unter freiem Himmel schlafen muss?

Der österreichische Dokumentarfilmer Thomas Wirthensohn hat 2014 mit dem Film “Homme less” eine Dokumentation veröffentlicht, die genauso einen Fall beschreibt; er folgt zwei Jahre lang Mark Reay, einem Mann, der aussieht wie George Clooney und in New York versucht, mit Schauspielerei, Modelling und Fotografie durchzukommen.

Nun ganz im Ernst: Man sieht Mark Reay nicht an, dass er auf der Straße lebt. Das ist ihm auch wichtig. Von dem wenigen Geld, was er im Monat zur Verfügung hat, investiert er 120 Dollar Monat für Monat für seine Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Das sichert ihm nicht nur einen Platz im Spind, wo er seine Habseligkeiten unterbringen kann, es sorgt auch dafür, dass er sich regelmäßig im Warmen körperlich betätigen kann. Das hält ihn gesund und außerdem gibt es im Fitnessstudio natürlich Duschen und die Möglichkeit, Sachen zu waschen, sodass Mark auch tagsüber immer aussieht, wie aus dem Ei gepellt.

Und Mark ist ein gutes Beispiel für die Art von Geschichten, die wir uns gerne gegenseitig erzählen. Wäre er erfolgreich, wäre er das klassische Beispiel für eine inspirierende Stargeschichte. Der Mann, der schon früh wusste, dass er Fotograf und Schauspieler werden wollte. Den nichts aufhielt. Der dranblieb. Der früh dann schon aufbrach, um Europa als Backpacker zu bereisen, dort dann erste Modeljobs annahm und fotografieren begann und dann den großen Durchbruch erlebte und jetzt als Millionär in Kalifornien lebt.

Naja, dieser letzte Teil, der hat halt nie stattgefunden. Mark modelte zum Beispiel für Brands wie Versace, aber wer nicht als Kampagnengesicht gebucht wird, der verdient tatsächlich in der Branche wenig mehr als die Spesen. Dafür hat er dann einen relativ teuren Lifestyle mit Menschen, die wesentlich mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen.

Aber besonders am Anfang ging das schon. Er kam immer so bei plus minus null raus. Das war auch die Zeit, in der Mark anfing, die Schauspielschule zu besuchen, in seine Karriere zu investieren, erste Rollen als Extra bei irgendwelchen Produktionen annehmen konnte und anfing zu fotografieren. Das war eigentlich in erster Linie ein Hobby. Zwar hatte er Zugriff auch Models und war natürlich auch immer wieder Mal auf Veranstaltungen, auf denen es interessant ist, zu fotografieren, aber im Wesentlichen hatte er Spaß an der Kamera, bis er irgendwann mal auf die Idee kam, und das scheint eine sehr amerikanische Idee sein; damit muss man doch auch irgendwie Geld verdienen können.

Mark überlegte sich einige coole Fotoprojekte: Dinge, von denen er glaubte, damit könnte der große Durchbruch in Reichweite kommen, und eine der Ideen, die er hatte, war, nach Südfrankreich zu reisen, dorthin, wo die reichen und Superreichen Urlaub machen und seine Dienste als privater Fotograf anzubieten. Die Idee wäre sozusagen, die Superreichen nehmen ihn mit auf einen ihrer Urlaubstrips und er würde für die Urlaubserinnerungen sorgen.

Klingt großartig, muss ich sagen. Praktisch Luxusurlaub und gleichzeitig dem Hobby Fotografie nachgehen, was könnte da nur schiefgehen. Naja, so ziemlich alles.

Als Mark seine Ersparnisse endgültig verbraucht hatte, war dann in der Nähe von Saint-Tropez das Ende seiner Finanzen erreicht und da schlief er dann zum ersten Mal unter freiem Himmel.

Damals hat er auch entdeckt, dass das Äußere einen riesen Unterschied macht: solange er darauf achtet, dass er ordentlich aussieht, konnte immer noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Manchmal kaufte er sich billigen Roséwein im Supermarkt, schlich sich dann mit dem Wein in der Tasche in eine der fancy Bars in Saint-Tropez, klaute sich ein Glas vom Tresen, setzte sich einfach an irgendeinen Tisch und trank dann Wein mit den Reichen und Superreichen, ohne dass irgendjemand jemals auf die Idee gekommen wäre, er gehörte da irgendwie nicht hin.

Und das ist natürlich auch ein Rezept dem er in New York folgt: Sein Äußeres ist schon wichtig. Und sieht ja einem Anzug niemand an, dass er auf der öffentlichen Herrentoilette gewaschen wurde.

Lassen wir es uns doch mal kurz von ihm selbst erzählen:

[Einspieler]

Mark: “Like, I’m really in touch with the… Kinda the basics of life and uh… I mean but I also like the finer things. I mean, these shoes, I think they’re really beautiful and they look like money, but I got them for just under 200 bucks. But at least I give the impression like I’m doing okay, I’m well off and uh.. You know… I am doing okay, I’m physically fit and most of the time I’m happy, uh…  (sighs)  Most of the time.“

Das Absurde ist ja, wenn man sich diese Dokumentation ansieht; Mark hat ja durchaus Einkommen. Er fotografiert für ein Magazin als Staff Photographer auf Veranstaltungen wie der Fashion Week, er wird eingeladen zu allen möglichen sozialen Ereignissen, manchmal als Fotograf, manchmal als Teilnehmer, weil man ihn halt kennt, er fotografiert Models auf der Straße, er fotografiert für Stock Agencies, er selbst hat immer wieder Engagements als Schauspieler und modelt auch durchaus selber noch. Aber die 30000 $, die da im Jahr so grob für ihn zusammenkommen, reichen nun mal nicht, um sich in New York tatsächlich auch ein Dach überm Kopf zu gönnen und es ist anscheinend diese Karriere, die in da dann festhält.

Vermutlich hat er das Gefühl, er kann einfach nichts anderes oder er will einfach nichts anderes, er will einen Lebensstil pflegen können, der ihn in der Stadt bleiben lässt und er möchte fotografieren, schauspielern und modeln. Das ist irgendwie auch eine sehr, sehr amerikanische Idee, dieses pursue your dreams. Da kommt er dann später auch mal selber darauf.

Wenn er dann müde genug ist, vom Bilder editieren bei Starbucks, fotografieren auf der Straße oder bei den verschiedenen Terminen, die er einzuhalten hat, ja, dann versucht er, sich zu seinem Schlafplatz durchzuschlagen. Ein Freund gab ihm mal einen Wohnungsschlüssel, um, während er im Urlaub war, seine Wohnung zu benutzen und diesen Schlüssel hat er noch. Und diesen Schlüssel benutzt er nicht, um bei dem Freund in der Wohnung zu schlafen, sondern, in dem Mietshaus aufs Dach zu kommen. Dort hat er sich eine Ecke zurechtgelegt, in der er unter einer Plane Nacht für Nacht schläft.

[Einspieler]

Mark: “So I’m a little nervous right now because I’m about to enter my friend’s building.” (he quietly walks into the building. He waits for a little while and listens.) (whispers) “I don’t hear any footsteps so that’s good. So the thing is I have a key to this building because it’s my friend’s place and he gave me a key to use to get into his apartment when he’s away on long trips to… “ (he opens a door) “Here comes the money” (he walks faster and opens the door to the rooftop) “I hate when that happens, when I’m on the fourth floor and I hear someone leaving, then I have to run down all these steps and then I have to climb back up again.. “

Über sechs Jahre hat er da oben gelebt, bevor dieser Dokumentarfilm in die Kinos kam. Und dieses Leben, ich weiß gar nicht, ich würde ihn so viel fragen wollen.

Eine Frage, die ich ihm stellen wollen würde, ist, ob ihn Optimismus, also der unverbesserliche Glaube, dass es irgendwann mal funktionieren muss, bei diesem Leben gehalten hat, oder Verzweiflung. Also konnte er nicht anders oder hatte das Gefühl nicht anders zu können oder wollte er nicht anders. Ich meine im Film kommt er manchmal tatsächlich auch recht depressiv rüber, wobei da auch viel Zweckoptimismus mitschwingt.

Wir werden einfach auch von unserer Umgebung dahin gedrängt, selber Verantwortung für uns zu übernehmen. Wir sind die Schmiede unseres Glücks. Wenn alles super funktioniert, dann haben wir natürlich dafür gesorgt, dass es funktioniert. Wenn es schiefgeht, ja, dann haben wir es auch irgendwie selbst versaut. Folge deinen Träumen. Bleib einfach dran. Zusammen mit dieser unerschütterlichen Annahme, es muss immer alles irgendwie auch in Geld verwandelbar sein.

Ich bin ja leidenschaftlicher Podcaster und leidenschaftlicher Fotograf und bei beiden wurde ich immer wieder mal gefragt, ob ich damit nicht auch Geld verdiene oder wenn ich schon nicht Geld verdiene irgendwann mal Geld verdienen will. Nein will ich nicht, aber ich habe natürlich auch eine Luxussituation. Ich habe ein geregeltes Einkommen. Ich verdiene Geld. Ich kann es mir leisten, als Liebhaberei in Mikrofone zu sprechen und meine Kameras spazieren zu tragen.

Für Mark ist es sicherlich nicht so einfach. Da ist sein ehemaliges Hobby die vielleicht einzige Möglichkeit, hin und wieder mal ein bisschen Geld zu verdienen oder zu versuchen, seinen Traum wahr werden zu lassen.

Hier noch ein letztes Mal Mark im Originalton. Vielleicht eine der Stellen, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind.

[Einspieler]

Mark: “You know, Joseph Campbell I’m a big fan of and he talks about [Unterständlich] and how to live your life better and his mantra for living well is ‘follow your bliss and when you do that, if you’re on the right path, unseen hands will open closed doors for you’. So, I follow my bliss, several, you know, professions and those unseen hands have yet to open the lucrative doors. And being a little cynical, I am, I kind of amended his phrase. ‘Follow your bliss but be prepared to live your nightmare’.”

Ja. Joseph Campbells Originalzitat war geringfügig anders. Ich glaube die Idee ist ähnlich, Joseph Campbell sagte nämlich “Wenn du auf den richtigen Weg bist, werden dir unsichtbare Hände zu Hilfe kommen”.

Und das ist natürlich 1A Survival Bias. Wir interessieren uns nicht für die Leute, die es nicht schaffen, wir konzentrieren uns auf die, die es schaffen. Und natürlich hat ein Joseph Campbell immer das Gefühl gehabt, auf dem richtigen Weg zu sein und für ihn haben sich durch unsichtbare Hilfe Türen geöffnet.

Und das bezieht sich auf alle Aspekte im Leben. Für jeden weltbekannten Musiker gibt es tausende und abertausende, die vielleicht sogar bessere Musiker wären aber nicht bekannt geworden sind, denen des Leben irgendwelche Steine in den Weg gelegt hat.

Dieser Spruch stimmt vielleicht einfach gar nicht. Vielleicht stimmt dieser Spruch nur für die, die es durch irgendwelche absurden Zufälle nach oben geschafft haben und dann in Rückschau das Gefühl haben, alles lief wie am Schnürchen.

Mark hat nicht sehr viel online über sich. Ich habe nach der Dokumentation mal geguckt, was ich noch alles finden kann, ich habe ein paar Interviews gefunden, die jetzt allerdings im jüngsten Fall schon mehr als drei Jahre alt sind, aber zumindest damals schien Mark von dem Dach runter zu sein. Der Film hat seiner Geschichte natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit gegeben und ich glaube, dass das wahrscheinlich endlich auch mal eine dieser unsichtbaren Hände waren, die ihm geholfen haben.

Und mich lässt das ganze eben mit einer Frage zurück: sind solche Geschichten amerikanische Geschichten oder gibt es das bei uns vielleicht auch? Kann man eventuell auf der Straße Menschen begegnen, die ganz normal und vielleicht sogar fröhlich aussehen, deren Leben aber unter freiem Himmel stattfindet, weil sie sich kein Dach über dem Kopf leisten können? Und dann noch diese andere Frage: warum glauben wir eigentlich, es müsste alles immer irgendwie auch zu Geld machbar sein?

2 Responses

  1. Andreas Pfuhl sagt:

    Hallo Dirk,
    ich war mir erst nicht sicher ob das Thema etwas für mich ist, da es bei meinem Fotos lediglich für Schnappschüsse und Naturaufnahmen reicht. Dabei hätte mir der Podcast-Name schon sagen können, dass es hier um mehr als technisches Hintergrundwissen geht. So haben mich insbesondere diese Folge aber auch die beiden zuvor begeistert. Wie nicht anders von dir gewohnt akribisch recherchiert und professionell produziert, super!

    Ich habe deinen Podcast über fyyd.de in Pocketcasts abonniert und es wird alles korrekt angezeigt inklusive Shownotes. Das Logo und die Titelmusik gefallen mir sehr gut. Allerdings wird mir bei den Episoden immer das Podcastlogo angezeigt und nicht, wie auf “fotomenschen.net”, die Episodenbilder. Ist das so gewollt?
    Bei dieser Folge fehlt in den Shownotes bei dem Link Episodenbild ein “s” bei home-les.com.

    Gruß und danke für die interessanten Einblicke

    Andi

    • Dirk sagt:

      Hallo Andi

      vielen lieben Dank für die Nachricht und das detaillierte Feedback! Den Tippfehler habe ich behoben und bei den Episodenbildern muss ich schauen warum die nicht richtig weiter gegeben werden.

      Ansonsten freue ich mich riesig, dass der Podcast deinen Geschmack trifft. Ich wollte eben genau nicht über Technik sprechen, da gibt es genug andere mit viel mehr Wissen 😉

      Lieben Gruß
      Dirk

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