Abraham Lincoln – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Tue, 14 Dec 2021 12:32:52 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Abraham Lincoln – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Die Geschichte der Bildmanipulation https://fotomenschen.kopfstim.me/die-geschichte-der-bildmanipulation/ Sun, 16 May 2021 15:04:44 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Es gibt Diskussionen die sind so alt wie die Fotografie selbst. Manche glauben mit der Diskussion um Bildmanipulation hätten wir ein neues Thema für uns entdeckt dabei haben schon die vielgelobten „alten Meister“ manipuliert was das Zeug hält.

Nachtrag: In der ersten Fassung der Folge behaupte ich noch fälschlicherweise Lenin hätte Bilder manipuliert. Es war natürlich richtigerweise Stalin derjenige der politische Gegner entfernen ließ. Danke an Sylvie für den Hinweis!


Abraham Lincoln
John C. Calhoun

General Grant at City Point
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Transkript

Die Geschichte der Bildmanipulation

Heute beschäftigen wir uns mit einem Thema, das so alt wie die Fotografie selbst ist. Trotzdem haben wir anscheinend immer wieder das Gefühl, das Thema komplett neu für uns zu entdecken. (Musik) Fotomenschen. Es gibt Themen in der Fotografie, über die seit jeher gestritten wird. Kann Fotografie zum Beispiel Kunst sein, wo sie doch nur festhält, was sowieso schon da ist? Nummer zwei: Ist das Manipulieren von Bildern, sei es mit Ausschnitt oder Bildbearbeitung, Irreführung des Betrachters oder legitimes Ausdrucksmittel? Nummer drei: Entsteht Fotografie im Kopf der Fotografin, in der Nachbearbeitung, bei ihrer Verwendung oder vielleicht sogar erst im Kopf der Betrachtenden? 

Man könnte gerade weitermachen. Wer momentan die aktuellen Nachrichten rund um das Medium verfolgt, dem wird nicht entgangen sein, dass es einen Trend zur Bildnachbearbeitung gibt. Bilder, die ursprünglich mal in schwarz weiß aufgenommen wurden, werden nach koloriert. Lächeln werden in eigentlich ernst schauende Gesichter montiert. Die Software wird kurz gesagt immer intelligenter. Kann man Bildern denn dann überhaupt noch so wie früher vertrauen? Schauen wir uns dieses früher mal ein bisschen näher an. 

Die Königin der Bildbearbeitungsprogramme ist ganz eindeutig Photoshop. Photoshops Geschichte beginnt 1988. Da war ich knapp 12 Jahre alt. Der Doktorand Thomas Knoll war damals wahrscheinlich ein bisschen älter. Er beschäftigte sich für sein Studium mit bildverarbeitenden Systemen. Sein Bruder arbeitete in der Zeit bei Industrial light and magic. Das war die von George Lucas gegründete Special Effects Firma. 

[Einspieler] I just started in ILM and I should be working (?over) a year. A few months later I was visiting Tom, who was PHD candidate at the university Mishigen. His thesis work was on vision systems. He has written all his image processing tools. It actually was kind of striking, how similar what Tom had written was, to what I had seen on the (?Pixar). When I got the (?Dem or the Pixar) it seemed so exciting. It was something I really wanted to have, but it was very expensive and exclusive.

John führte bei Industrial Light and Magic mit modernster Hardware und Software kleine, dafür aber sehr teure Änderungen am Filmmaterial durch.

[Einspieler] Then Tom was doing this work on his thesis on a (?Mac and tosh plus), a computer, that I had. Suddenly it seemed like it is worth in reach, that I can have a computer of my own, which can do the same sorts of things.

Sein Bruder Thomas hatte für sein Studium mit handelsüblicher Standard Hardware kleine Tools zur Bildbearbeitung. Das war unter anderem ein Produkt, das er Display nannte. Es war in der Lage, Graustufen Bilder auf einem monochromen, also schwarz weiß Monitor, darzustellen. Diese ersten Gehversuche sah John und war tief beeindruckt. Da musste keine zehntausende Euro teure Hardware werkeln. Man konnte alles mit Technik von der Stange machen. Er belaberte seinen Bruder, aus dieser kleinen Sammlung von Utilities ein Bildbearbeitungswerkzeug zu machen. 

Es sollte Image Pro heißen. Den Namen hatte leider schon jemand anders reserviert. Die zweite Wahl war dann Photoshop. Photoshop 007 kam 1988 raus und erregte von Anfang an Aufmerksamkeit, da es Dinge konnte, die andere Software bis dahin nicht konnte. Die damals noch junge Firma Adobe sieht das Potential in der Lösung und kauft die Rechte an Photoshop. Das war wahrscheinlich der Tag, an dem Tom und John beide zu Millionären wurden. 34,5 Millionen US Dollar hat diese Lizenz gekostet. Am 01. Februar 1990, drei Tage vor meinem vierzehnten Geburtstag, kommt Photoshop Version 1.0 für den Mac raus. Das hat damals 300 Dollar gekostet. Verglichen mit der heutigen Plattform konnte es nichts. Verglichen mit dem bisher existierenden, war die Werkzeug Palette von Photoshop revolutionär. 

Noch im selben Jahr kamen bis heute verwendete Erweiterungen wie ein Stift Tool, um in der Software nicht nur zu manipulieren, sondern direkt malen zu können. Pfade, Unterstützung für Druckfarben kamen. Ab jetzt ging es Schlag um Schlag. Photoshop wurde für jedes Genre der Bildbearbeitung so wichtig, dass es aus dem heutigen Werkzeugkasten professioneller Fotografen, Mediengestalter, Designer jeglicher Art, absolut nicht mehr wegzudenken ist. Photoshop ist für uns so wichtig, dass die Brüder John and Tom Knoll 2019 mit dem Oscar dafür ausgezeichnet werden. Der Oscar wird nämlich von der Academy für Motion Pictures and Science verliehen. In dieser Science Sparte waren die beiden die Gewinner. Man könnte 1988 also als den Startpunkt für die moderne Bildmanipulation festlegen, wären da nicht schon seit Jahrzehnten andere Meister am Werk. Fotografinnen und Fotografen waren sich schon immer bewusst, dass sie die Wirklichkeit darstellen. 

Dass sie manipulierend eingreifen, wie das Bild im Endeffekt aussehen würde, hing sehr von der Wahl der Mittel ab, mit denen fotografiert wurde. Welche Chemikalien wurden verwendet, um den negativ Träger zu bearbeiten? Womit wurde belichtet und entwickelt? Welche Objektive kamen zum Einsatz? Welchen Bildwinkel wählte man? Man konnte all das auch als Manipulation verstehen. 1903 schreibt Edward (?Steichen), der einer der großen einflussreichen Gestalten der Fotogeschichte ist, dass Fotografien von Anfang bis Ende nur als Fake verstanden werden können. Every photograph is a fake from start to finish. Steichens große Leidenschaft galt der Fotografie als Kunst. Er organisierte Ausstellungen und war Herausgeber eines der einflussreichsten Fotomagazine aller Zeiten Camera Works, ganz zu schweigen von seinen eigenen Arbeiten. 

Er war in der Bearbeitung seiner Bilder nicht zimperlich. Viele ziehen eine Linie zwischen Fotos, wie sie in der Kamera entstanden sind und später veränderten Bildern. Wenden wir uns erstmal der späteren Veränderung zu. In der digitalen Welt ist das ganz eindeutig voneinander getrennt. Ich mache das Foto in der Kamera. Wenn ich da ein J Pack erzeugt habe, bin ich schon fertig. Ich kann diese Datei weitergeben. Eine moderne Digitalkamera ist natürlich nichts anderes, als ein Computer. Eigentlich hat diese Kamera schon basierend auf den vorgenommenen Einstellungen diese Bilddaten irgendwie manipuliert und verändert. Vielleicht habe ich da auch schon Entscheidungen getroffen, die verändernden Charakter haben. Nehmen wir das alles mal auf die Seite. Das Bild ist dann tatsächlich als Produkt fertig. 

Fotografinnen und Fotografen posten das dann gerne mit dem Hashtag SOOC oder OOC für straight out of camera auf Instagram und co und brüsten sich damit, dass sie das Gerät technisch gemeistert haben und dass sie in erster Linie auf Licht und Farbe und weniger auf Veränderung in Software geachtet haben. Diese Unterscheidung gab es so früher nicht. Mit dem fotografierten Bild war ich mit Nichten fertig. Damit hätte ich gar nichts anfangen können. Das Bild musste als nächsten Arbeitsschritt entwickelt und gedruckt werden. Das was wir heute manchmal als J Pack rumreichen, war damals das ausbelichtete Bild. Zwischen der Aufnahme in der Kamera und dem fertig in der Hand zu haltenden Bild waren eine Unzahl von Arbeitsschritten. Erstmal musste der Film entwickelt werden. 

Schon die Wahl der Chemikalien, die Temperatur der Flüssigkeiten, die Dauer in den verschiedenen Bädern hatte Einfluss darauf, wie körnig, hell, dunkel, scharf, unscharf das Bild war. Das war also schon eine kreative Entscheidung. Hatte man dann den Film fertig entwickelt, kam der nächste Arbeitsschritt: Das Ausbelichten auf Fotopapier. Auch hier ist die Frage, welches Fotopapier, wie lange, welche Teile des Negativs dürfen wie lange ausbelichtet werden? Es ist diese Phase, in der Meister der Fotografie wie der berühmte Landschaftsfotograf Ansel Adams ihre wahre Meisterschaft zeigen. Er hat nicht einfach das Negativ wie es in der Kamera war genommen und einfach platt durchbelichtet. Ansel Adams entwickelte es zur Kunstform, mithilfe sogenannter Abwedeln und Nachbelichten Teile der Bilder aufzuhellen und abzudunkeln. 

Ansel Adams‘ Kunst entstand in der Dunkelkammer, wenn er seine Prints fertigte. Sie entstand durch gekonnte Bildmanipulation. Wenigstens haben sie nichts hinzugefügt oder weggenommen, könnte man einwerfen. Man will naja antworten. Tatsächlich hatten schon die allerersten Landschaftsfotografen damit zu kämpfen, dass ihr eingesetztes Medium nicht in der Lage war, gleichzeitig helle Himmelsstrukturen und dunkle Landschaftsstrukturen abzubilden. Die Fotografen behalfen sich damals durch das machen mehrerer Aufnahmen. Es war eine Aufnahme des Himmels, eine Aufnahme der Landschaft. Diese wurden in der Dunkelkammer übereinandergelegt. Wer in der Fotowelt zuhause ist und in letzter Zeit eine Software namens Lumina gesehen hat, oder sich über die neuen Möglichkeiten von Photoshop, Himmel künstlich in Bilder reinzumontieren gefreut hat, der kann sich da erinnert fühlen. Das ist eigentlich genau das gleiche, nur statt mithilfe von Software handgemacht. 

Die Fähigkeit, Bilder ineinanderzumontieren endete natürlich nicht bei Himmel und Landschaft. Es gibt Fotos, von denen tatsächlich erst jetzt entdeckt wurde, dass sie eigentlich Fotomontagen waren. Ein prominentes Beispiel ist der Bürgerkriegsgeneral Ulysses Grant. Ein Foto zeigt ihn angeblich, wie er 1865 auf einem Pferd seine Truppen inspiziert. Über ein Jahrhundert lang glaubte man, diese Aufnahme stamme von dem berühmten Bürgerkriegsfotografen Mathey Brady, zu dem wir gleich kommen. Der hatte nach seinem Tod seine Negative seinem Neffen (?Elsy Handy) vermacht. Der hatte begonnen, Drucke davon zu fertigen und neu zu verkaufen, wie auch diesen Druck von Julissus Grand. Heute wissen wir, dass dieser Druck so nie als Aufnahme gemacht wurde, sondern eigentlich eine Montage aus drei verschiedenen Aufnahmen ist. Es gibt die Szene im Bürgerkriegslager. Es gibt eine Aufnahme vom Pferd und den Oberkörper Grands, der draufmontiert wurde. Das hat irgendwie niemand bemerkt. Dieses Foto gibt es bis heute ohne einen weiteren Hinweis auf Manipulation. Menschen glauben, dass es so gewesen sein könnte. Man könnte sagen, dass er wahrscheinlich irgendwann mal Truppen inspiziert hat. Vermutlich hat es so ähnlich ausgesehen und überhaupt: wen interessiert es? 

Ist es aber überhaupt noch Fotografie? Die Frage behalten wir im Hinterkopf und gehen nochmal zurück. 

Mathew Brady ist Bürgerkriegsfotograf, der ein Fotostudio in New York am Broadway betrieb. Wir haben Februar 1860, als in diesem Studio eines der berühmtesten Porträts des späteren US Präsidenten Abraham Lincoln entsteht. Abraham Lincoln wird zu Protokoll geben, dass er seine Präsidentschaft Matthew Brady verdankt. Nicht mehr und nicht weniger. Zu der Zeit befand sich Abraham Lincoln im Wahlkampf. Das Gerücht hatte um sich gegriffen, er sei hässlich wie die Nacht, klein, gebeugt, gedrungen, lange Finger wie ein Gnom. Damit gab es eine Menge negative Presse und negative Berichterstattung über sein angeblich furchtbares Äußeres, statt sich mit der Frage zu beschäftigen, ob er die junge Nation anführen könnte. Abraham Lincoln wusste, der einzige Weg, das zu ändern, wäre ein Gegenbeispiel zu schaffen und ein visuelles Mittel zu finden, das Volk vom Gegenteil zu überzeugen. Mathew Brady war der Mann, dem er dann sein Vertrauen schenkte. Brady schritt zur Tat. Er kürzte die Finger, sorgte dafür, dass das Bild aufrechter wirkte, verlängerte den Hals, glättete einige der Spuren in Abraham Lincolns Gesicht. 

Es war allgemein ein hervorragendes Porträt, von dem ab da Zeichnungen und Prints gefertigt wurden. Es trat eindeutig den Gegenbeweis an, dass Abraham Lincoln gar nicht so hässlich war. Dieses Porträt ist interessanterweise nicht die einzige frontale Bildmanipulation, die wir kennen. Es gibt ein anderes berühmtes Bild, wo Abraham Lincoln neben einem Tisch steht. Es stammt auch aus den 1860ern und wurde von einem anderen Fotografen gefertigt. In dem Fall wurde Lincolns Kopf auf den Körper des US Politikers John Calhoun montiert. Letzterer sah sehr aufrecht und herrschaftlich aus. Lincoln wollte wohl auch so aussehen. Durch die gesamte Geschichte der Fotografie wurden Fotos mal mehr, mal weniger, verändert. Wir können gar nicht fotografieren, ohne die Wirklichkeit anzupassen. 

Jede Fotografie ist mindestens eine Interpretation der Wirklichkeit. Im Grunde manipulieren wir Licht, Schatten, Ausschnitt und manchmal noch viel mehr, um ein Ergebnis zu erzeugen, das wir gut finden. Wir montieren heute Lächeln in Gesichter, ändern Farben oder stempeln störende Elemente aus Bildern raus. Das konnten gekonnte Bildbearbeiter seit über 100 Jahren ohne weiteres in der Dunkelkammer nachbilden. Ein populäres Beispiel ist die Bildmanipulation, die im Auftrag Stalins stattfand, der notorisch bekannt dafür war, dass er frühere Weggefährten, die später zu seinen politischen Gegnern wurden aus historischen Fotografien entfernen ließ. Wenn es hieß, man müsse Schulbücher neu drucken, dann wurden einfach Schulbücher neu gedruckt. Wann ist sowas gut und wann unredlich? Ich persönlich glaube, dass die Linie beim Zweck der Fotografie verläuft. 

Ist der Anspruch ein journalistischer, sind weniger Veränderungen akzeptabel, als wenn wir versuchen, eine künstlerische Aussage zu treffen. Qualitativ gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Bild, in schwarz weiß umzuwandeln oder komplette Bildelemente aus anderen Aufnahmen einzufügen oder zu entfernen. Man konnte Fotografien jedenfalls noch nie vertrauen. Sie fühlen sich so verdammt echt an. Verändern konnte man sie aber schon immer. (Musik) Fotomenschen. Im 20. Jahrhundert galt es manchen Fotografen als verwerflich, Bilder zuzuschneiden. Um zu zeigen, dass die Bilder nicht zugeschnitten waren, druckten sie die Bilder inklusive der Stanzungen außenrum, sodass man sehen konnte, dass das Negativ unangetastet war. 

Nachbelichten und abwedeln war nicht so schlimm und vor allen Dingen unvermeidlich, da man so oder so in die Dunkelkammer musste, in der eben nochmal interpretiert wurde, wie das Bild aussehen würde. Heute sind wir stolz, wenn wir straight out of camera Bilder produziert haben, solange wir es nicht ausdrucken wollen und solange uns egal ist, wie die Bilder auf unterschiedlich kalibrierten Monitoren aussehen und solange uns egal ist, dass Plattformen wie Instagram oder Facebook unterschiedliche Farbdarstellungen wählen. Aber dann ist es straight out of camera. Es ist im ernst cool. 

Es ist eine Errungenschaft. So wie früher beim Film einlegen, können wir heute einen Stil in der Kamera wählen. Anders als früher beim Film müssen wir nicht mehr belichten. Wir müssen nicht mehr ausdrucken. Wenn wir wollen können wir an der Stelle fertig sein. Lieben Dank. Schaut euch an dieser Stelle Erik Schlicksbier an, der nicht nur den großartigen Podcast Studio Kreativ Kommune, sondern inzwischen auch einen weiteren Podcast Analoge Angelegenheiten macht und mich zu dieser Folge überhaupt erst inspiriert hat. Ich möchte Jürgen für eine super nette Apple Podcast Rezension und Hören statt Lesen für eine Rezension auf Podcast Adict danken. Ich freue mich immer, wenn ich von euch ein nettes Feedback bekomme, sei es im Blog auf Fotomenschen.net oder in einer der vielen Plattformen, wo man Sterne Wertungen oder Review Texte hinterlassen kann. Das ist super cool. Wer diesen Podcast gut findet und unterstützen möchte, erzählt anderen, dass es ihn gibt. Empfehlt den Podcast, besprecht den Podcast und lasst mich wissen, wenn ihr irgendwelche Themenwünsche habt. Bis bald.

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Der seltsame Fall des William Mumler, Geisterfotograf https://fotomenschen.kopfstim.me/der-seltsame-fall-von-william-mumler-geisterfotograf/ Sun, 14 Feb 2021 14:25:48 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

William Mumler machte eine Aufnahme die als erste Geistfotografie überhaupt gilt und den Trend der spiritistischen Fotografie begründete. Außerdem machte er weltweit Schlagzeilen als er für seine Arbeit wegen Betrugsverdacht vor Gericht gestellt aber freigesprochen wurde…


Transkript

Fotografie heißt zeichnen mit Licht. Denn das Grundprinzip ist ein empfindliches Medium, auf dem Licht seine Spuren hinterlässt. Das Licht, das wir verwenden, ist meistens sichtbar, aber nicht immer. Infrarot, Ultraviolett, elektromagnetische Wellen, Röntgenstrahlen, es gibt unzählige Strahlen, die wir fotografieren können, die uns ohne die Fotografie aber völlig verborgen bleiben würden.

Und es gibt noch etwas, das wir fotografieren können: die Zeit. Abläufe, die so schnell sind, dass sie unseren Augen verborgen bleiben würden, lassen sich mit Hochgeschwindigkeitsaufnahmen festhalten. Sind Abläufe zu langsam, um sie wahrzunehmen, greifen wir zur Zeitrafferaufnahme.

Es muss wie ein Wunder gewesen sein, als die Fotografie im 19. Jahrhundert entdeckt wurde und plötzlich unsichtbares sichtbar gemacht hat. Und weil es ja ein technisches Verfahren war, konnte man ihre Ergebnisse auch kaum anzweifeln. Die Fotografie zeigte die Wirklichkeit, so wie sie denn nun mal war. Und so wie die Fotografie bewiesen hatte, dass Pferde im Galopp komplett zu schweben scheinen, so waren dann plötzlich auch Fotografien im Umlauf, in denen man die Geister verstorbener sah. Und warum bitte sollten ausgerechnet die nicht echt sein?

Die heutige Geschichte findet statt in den USA der 1860er Jahre, nämlich in Boston und in New York. Allerdings gibt es Ausläufer der Ereignisse, die bis in die heutige Zeit reichen und die überall spielen könnten. Denn es geht um Geister und um Fotografie von Geistern. Und überhaupt an Geister zu glauben ist etwas sehr verbreitetes. In Deutschland geben in Umfragen etwa 1/6 der Menschen an, an Geister zu glauben. Und damals, in den 1860ern in den USA gab es 1/3 Geistgläubige.

Damit man an Geister glauben kann, muss man eine Sache als gegeben annehmen. Nämlich, dass wir nicht nur aus Körper bestehen, sondern in uns eine Art Lebensenergie steckt. Eine Seele. Irgendetwas, was übrig bleiben kann, obwohl unser Körper gestorben ist.

Wenn ich da erstmal daran glaube und dann auch noch zusätzlich daran glaube, dass Geister mit uns kommunizieren wollen, dann ist nur ein ganz kleiner Schritt notwendig, um auch zu glauben, dass man Geister fotografieren können muss.

Aber warum sollten sie das wollen, fragt man sich. Und da sind wir bei einer der Kernthesen des sogenannten Spiritualismus. Der Spiritualismus war eine praktisch religiöse Bewegung, die ab 1840 überwiegend in englischsprachigen Ländern auf dem Vormarsch war. Die Grundidee war: Es gibt Geister und die wollen mit uns in Kontakt treten. Es wurden Bücher über das Thema geschrieben, es gab Fachmagazine und eine wachsende Szene an Dienstleistern.

Und ab 1860 ist es die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Es gab also auch eine wachsende Zahl an Toten, mit denen man hoffte, noch ein letztes Gespräch führen zu dürfen. Es ist auch eine Zeit faszinierender technologischer Entwicklungen. Die Elektrizität wird nutzbar gemacht. Die Fotografie wird erfunden. Es wird also ganz normal, dass wir von unsichtbaren Phänomenen umgeben sind, die plötzlich Auswirkungen auf unsere Realität haben können.

Wie schon bei der Folge über Feenfotografie, finde ich, lohnt es sich, das alles im Hinterkopf zu behalten. Manches, was heute vielleicht leichtgläubig wirkt, ist aus damaliger Sicht vollkommen nachvollziehbar gewesen.

Wir sind also im Jahr 1860. In Boston. In einer wirklich schweren Periode der amerikanischen Geschichte. Der ungefähr 28-jährige Schmuckgraveur und Hobbyfotograf William H. Mumler versucht, ein ordentliches Portraitsetup aufzubauen. Er richtet seine Kamera ein, drapiert einen Hintergrund, stellt einen Stuhl hin und macht eine Testaufnahme. Er setzt sich also so ungefähr 2 Sekunden auf den Stuhl, steht dann auf, deckt die Linse wieder ab, entnimmt die belichtete Glasplatte und geht mit ihr ins Labor.

William fotografiert im zu der Zeit sehr verbreiteten Kollodiumnassplattenverfahren. Dabei wird eine Glasplatte genommen, mit einer Tinktur lichtempfindlich gemacht, dann in einer Kamera untergebracht, noch während sie feucht ist belichtet und auch direkt, noch im feuchten Zustand, entwickelt. Das Verfahren war im Vergleich zur Daguerreotypie deutlich billiger und es hatte den Vorteil, dass man Negative erzeugte. Also eine Vorlage, aus der man dann die endgültigen Bilder beliebig oft drucken konnte.

William ging also mit der belichteten Glasplatte in seine Dunkelkammer und entwickelte das Bild. Und sehr zu seiner Überraschung war im fertigen Ergebnis eine weitere Person zu sehen. Obwohl er eigentlich allein in seinem Studio gewesen war, sah man auf dem Bild nicht nur ihn, sondern auch noch den Umriss einer jungen Frau.

Und William dachte zuerst an einen Entwicklungsfehler. Sowas kann nämlich durchaus passieren. Wenn die Glasmatte zum Beispiel mehrfach benutzt wurde, also das Vorgängerbild abgekratzt und abgeschabt wurde, aber bei der Reinigung eben nicht sorgfältig genug vorgegangen worden war. Oder man irgendeinen Fehler gemacht hatte und versehentlich dieselbe Glasplatte zweimal benutzt hatte. Dann entstanden ja unter Umständen auch solche Schattenaufnahmen. Doppelbelichtungen eben.

Die Wendung kam aber, als er sich die Aufnahme nochmal genauer ansah und in der zusätzlichen Gestalt seine 12 Jahre vorher verstorbene Cousine erkannte.

Diese Anekdote ist deswegen so wichtig, weil diese Aufnahme allgemein als die erste sogenannte Geisterfotografie überhaupt gilt. William H. Mumler hatte an diesem einen denkwürdigen Tag ein ganzes Genre erfunden. Denn nachdem er seine Cousine in der Aufnahme erkannt hatte, gab es kein Halten mehr.

William stand der spiritualistischen Szene relativ nahe, seine Frau war ein anerkanntes Spirituistenmedium. Sie hielt also regelmäßig Seancen oder nahm für Geld Kontakt zu verstorbenen auf. Und sie wird wahrscheinlich auch dann den Entschluss mit ermutigt haben, ein Fotostudio zu eröffnen. Ein Fotostudio, in dem man eben nicht nur von sich, sondern auch noch von verstorbenen, die einem am Herzen lagen, Bilder anfertigen lassen könnte.

Und der Laden brummte. Nicht nur, dass der Glaube an Geister weit verbreitet war, auch das Bedürfnis, seine Lieben noch ein weiteres Mal sehen zu können und vielleicht sogar ein Erinnerungsfoto zu bekommen, das sorgte dafür, dass der Dollar locker saß.

Und William nahm horrende Preise. 10 Dollar kostete so eine Portraitsitzung mindestens. Auf heutige Verhältnisse übertragen waren das 300 Dollar pro Sitzung. Seine Frau war immer mit anwesend. Allerdings behauptete William, es war schon hauptsächlich seine Anwesenheit, die dafür sorgte, dass die Geister sich auf den Glasplatten einfanden.

Eine Sitzung begann immer mit einem ausführlichen Gespräch. William muss gut darin gewesen zu sein, seinen Kundinnen und Kunden zusätzliche Informationen zu entlocken. Wer ihnen denn nahestünde. Wer denn wahrscheinlich auf den Aufnahmen auftauchen würde. Das waren alles wichtige Fragen.

William machte sich jedenfalls einen Namen. Und so fanden sich nach und nach auch prominente Kundinnen und Kunden bei ihm ein. Über seine Fotografie berichtete die spiritistische Fachpresse und nach und nach tauchten auch andere Fotografen im ganzen Land auf, die behaupteten, Geister fotografieren zu können.

Allerdings gab es nicht nur Gläubige, sondern auch viele Skeptiker. Sogar solche, die sich selbst als Spirituisten bezeichneten, hatten Fragen und wollten ganz sicher gehen, dass hier kein Schwindler am Werk wäre. William war sich seiner Arbeit so sicher, dass er auch Leuten vom Fach erlaubte, ihn dabei zu beobachten, wie er die Fotografien anfertigte. So bescheinigten ihm mehrere Fotografen, dass sie nicht wussten, wie er diese Geistererscheinungen auf die Glasplatten gebannt bekam. Was es aber auch gab, waren vereinzelte Stimmen, die behaupteten, sie hätten in den sogenannten Geistern, also in den Erscheinungen von Toten, Menschen wiedererkannt, die ihnen gerade noch auf der Straße begegnet seien. Und dann gab es noch den Verdacht, dass Geistfotografen in die Wohnungen ihrer Kundinnen und Kunden einbrachen und dort Bilder entwanden, aus denen sie dann später die Geistererscheinungen montieren konnten.

Und regelmäßig werden Geistfotografen und Medien auch als Schwindler entlarvt. Aber es ist ein erfolgreicher und wachsender Markt.

P.T. Barnum, seines Zeichens Zirkuspionier, Politiker und jemand, der Zeit seines Lebens mit Freakshows und allen möglichen seltsamen Darbietungen durch die Lande tourt, schreibt 1866 ein Buch mit dem Titel „Humbugs of the World – An account of humbugs, delusions, impositions, quackeries, deceits and deceivers“. P.T. Barnum gilt als Experte auf dem Gebiet: Mit seinen Freakshows, Zirkusdarbietungen und Entertainmentshows hat es schließlich auch selbst so einiges abgeliefert, was das Publikum verblüfft und überrascht hat.

Und er prangert in dem Buch in einem ganzen Kapitel die Geistfotografie an. P.T. Barnum prangert vor allen Dingen an, das hier mit dem Leichtglauben von Trauernden Geld gemacht werden soll. Er wendet sich auch unter anderem an William Mumler, um von dem mehrere Aufnahmen mit Geistern zu erstehen und die in seiner eigenen Ausstellung, in der er eben die im Buch erwähnten quackeries ausstellt, neben nachgemachte Geistbilder von Fotografenhand zu hängen. Da hängt dann unter anderem auch eine Aufnahme von ihm mit dem Geist von Abraham Lincoln, der ihm über die Schulter schaut.

Ungefähr zu der Zeit, als Barnum dieses Buch herausbringt, zieht Mumler nach New York City und eröffnet auch dort ein Fotostudio für Spiritphotography. New York City hat zu der Zeit ein Betrugsproblem. Die Stadt ist notorisch bekannt dafür, dass man auf Schritt und Tritt das Risiko eingeht, über den Tisch gezogen zu werden. Und der Bürgermeister beschließt, dagegen systematisch vorzugehen.

William ist inzwischen über die Grenzen des Staates hinaus bekannt. Er verdient hervorragendes Geld mit seinen Geisterfotografien und hat mit mehreren Aufnahmen inzwischen auch schon Coups gelandet. Mit prominenten Portraitierten und prominenten Geistern.

In diese Zeit fällt auch seine vielleicht berühmteste Geistaufnahme: Er selbst behauptete ja immer: An dem Tag, als er diese Aufnahme gemacht hat, wusste er gar nicht, wer seine Kundin gewesen war. Sie war eine Frau in Trauerkleidung, wie so viele seiner Kundinnen. Sie kam in seinen Laden und wollte eine Aufnahme mit sich und ihrem toten Ehemann haben. Dass er es mit der Witwe von Abraham Lincoln zu tun hatte und dass der Geist Abraham Lincoln sein sollte, das ging ihm angeblich erst auf, als er Aufnahme in der Dunkelkammer entwickelte. Moment! Abraham Lincoln? Haben wir das nicht schonmal gehört?

Genau! P.T. Barnum hatte in seinem Museum ein nachgemachtes Geistbild. Da blickte Abraham Lincoln ihm über die Schulter. Und da stellt sich schon wirklich die Frage, ob William Mumler erst auf die Idee gekommen ist, dass er auch mal Abraham Lincoln fotografieren könnte, weil es P.T. Barnum schon gemacht hatte oder ob diese Idee einfach so naheliegend war, dass es sich von ganz allein ergab. Oder war es vielleicht der Zufall, der Mary Todd Lincoln in Mumlers Studio trieb, der dazu führte, dass Mumlers berühmtestes Foto ausgerechnet ein Echo auf das Bild von P.T. Barnum war, mit dem der nachweisen wollte, wie einfach es ist, Geistfotografien zu faken.

So eine Aufnahme macht auf jeden Fall Wirbel. Lincoln auf einer Aufnahme. Wow. Und deswegen berichtet man inzwischen auch nicht nur in spiritistischen Blättern über ihn, sondern sowohl die fotografische Fachpresse als auch die Tagespresse ist von ihm fasziniert und schreibt Artikel über das Phänomen der Geistfotografie.

Als William dann 1869 verhaftet und vor Gericht gestellt wird, verfolgt nicht nur die ganze Stadt, sondern die gesamte englischsprachige Welt die Ereignisse. Alle 5 großen New Yorker Tageszeitungen drucken komplette Zeugenaussagen, Protokolle der Gerichtsverhandlungen und zusätzliche Artikel ab. Die spiritistische Fachpresse beschäftigt sich währenddessen mit der Frage, ob Geister überhaupt fotografiert werden können. Und die fotografische Presse setzt sich mit der Frage auseinander, über welche Techniken man denn solche Fotos produzieren kann.

William wird vor ein Polizeigericht gestellt. Das ist ein Gericht, dass ohne Jury verurteilt. Der Prozess dauert 3 Wochen und hat unter anderem eben auch als Sensation P.T. Barnum als Experten und Zeugen der Anklage geladen.

Die Anklage lautet auf Betrug. Insgesamt werden 9 Verfahren von der Anklage vorgetragen, mit denen Bilder mit Geistern auf Glasplatten erzeugt werden können, die alle nichts, aber auch gar nichts mit einem echten Kontakt zur Nachwelt zu tun haben. P.T. Barnums Aussage ist dann ein echtes Highlight des gesamten Prozesses. Seine Antworten sind schnippisch, unterhaltsam, es kommt zu viel Gelächter im Saal und er betont den Unterschied zwischen gut gemachtem Entertainment, in dem das Publikum vielleicht manchmal nicht so genau weiß, was es sieht und wie es passiert und Betrug, um sich selbst zu bereichern, bei dem man Menschen zu ihrem Nachteil ausnutzt. Ein Argument, das vorgebracht wird, sind die horrenden Preise, die William verlangt. William begründet die freilich damit, dass Geister nun mal keine Lust darauf haben, zu einem Massengeschäft zu werden und deswegen hohe Preise sicherstellen, dass es ein überschaubarer, kleiner Kundenkreis bleibt. Ja, und das ist eine Möglichkeit, das zu begründen.

Spannend ist jedenfalls, wie schnell sich dieser Prozess gleich auf mehreren Ebenen abspielt. Da ist einmal der Vorwurf des Betrugs. Und wenn man die Berichterstattung aus dem Gerichtssaal liest, dann drängt sich der Eindruck auf, niemand zweifelt eigentlich daran, dass Mumler seine Kunden ausnimmt. Allein schon die insgesamt 9 verschiedenen Verfahren, die gezeigt werden, mit denen sich solche Geistaufnahmen erzeugen lassen oder Beispiele wie die von P.T. Barnum gebrachte Aufnahme mit Abraham Lincoln, die sehr, sehr ähnlich aussieht wie die von der Witwe von Abraham Lincoln, die zeichnen da schon ein deutliches Bild.

Natürlich gibt es trotzdem auch Zeugen, die fest daran glauben, dass William wirklich Geister fotografiert. Aber meistens geht es um eine ganz andere Frage, nämlich die, ob man ihm nachweisen kann, dass sein Prozess betrügerisch ist. Und da ist es jetzt nun mal so, dass es verschiedene anerkannte Fotografen gibt, die aussagen, dass sie ihm beim Erstellen der Geistfotos beobachten durften und nicht wissen, wie er es gemacht hat.

Und da gibt es noch eine weitere Ebene, nämlich Religion. Spiritualismus ist im Kern eine religiöse Bewegung. Es geht darum, zu glauben, dass es Geister gibt und zu glauben, dass man mit denen in Kontakt treten kann. Und ich nehme mal an, dass die Ankläger nicht damit gerechnet haben, dass sie plötzlich im Gerichtssaal die Bibel vorgelesen bekommen, in der ganz eindeutig von Geisterscheinungen die Rede war, und sich mit der Frage auseinandersetzen mussten, ob sie wirklich als Gericht behaupten wollen, dass es keine Geister gibt und damit ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung vor den Kopf stoßen.

William Mumler wird zu der Überraschung vieler am Ende von einem drei Wochen dauernden Prozess freigesprochen. Heute würde man sagen wegen Mangel an Beweisen. Der Richter ist erkennbar unglücklich. Er sagt im Endeffekt, er ist nicht der Richtige, um die theologischen Fragen, die aufkamen, zu entscheiden, er ist auch sicher, dass man Geistfotografien auf die verschiedensten Arten erzeugen kann, die denen von William Mumler täuschend ähnlich sind, aber es fehlte der zweifelsfreie Nachweis, dass erstens die Personen auf den Bildern eben keine Geister waren und zweitens William getrickst hatte. Und so wird er freigesprochen.

Seine Karriere ist allerdings ab jetzt nicht mehr zu retten. Er wendet sich von der Geistfotografie ab und macht überwiegend ganz herkömmliche Portraits. Außerdem beschäftigt er sich mit verschiedenen fotografischen Verfahren zur leichteren Entwicklung, zum Herstellen von Negativen und hinterlässt uns das sogenannte Mumlerverfahren, ein Verfahren, das heute keine Rolle mehr spielt, aber das ein echter Beitrag zur Fotografie war.

Er stirbt 1884. Und in seiner Grabrede wird Geistfotografie kaum erwähnt. Die Disziplin an sich war aber nach wie vor in Verbreitung. Bis 1920 konnte man ohne Probleme einen Fotografen finden, bei dem man sich mit irgendwelchen verstorbenen Angehörigen fotografieren konnte. Sir Arthur Conan Doyle, der Autor von Sherlock Holmes, schrieb noch Anfang des 20. Jahrhunderts ein ganzes Buch über Geistfotografie und war einer der prominentesten Anhänger der Disziplin.

Und ja, auch heute machen immer wieder mal angebliche Geistaufnahmen Schlagzeilen. Die sehen freilich viel moderner aus. Ich finde das immer sehr, sehr entlarvend, wenn man von Geistern- oder Feenfotos die ersten mit den aktuellen Exemplaren vergleicht. Offensichtlich werden Geister moderner darin, wie sie fotografiert werden wollen und inzwischen fotografiert man Geister auch lieber mit Digitalkameras als leuchtende Artefakte.

Aber die Zeiten, wo man 300 Dollar dafür nehmen konnte, ein Foto von einem Geist zu bekommen, die sind vorbei. Fotomanipulation ist so allgegenwärtig, dass wir Geistfotos nicht mal glauben würden, wenn sie denn jetzt plötzlich echt wären. Aber es gibt sie noch. Und bei der Recherche habe ich auch verschiedene Websites gefunden, die über die Geschichte der Geisterforschung berichtet haben, Bilder von William Mumler gezeigt haben und es ganz eindeutig ernst meinten, wenn sie diese Bilder als unerklärbare Phänomene und Beweise für die Existenz von Geistern anführten.

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Mug Shots a la Bertillon https://fotomenschen.kopfstim.me/mug-shots-a-la-bertillon/ Sun, 22 Nov 2020 16:27:54 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Die polizeiliche und forensische Fotografie gehört zu den großen Bereichen der Fotografie überhaupt. Tatortbilder, Beweisfotos und Portraits Verdächtiger gehören heute zum Alltag was aber längst nicht schon immer so war.

Bild: Von Alphonse Bertillon (1853-1914) – Michel Frizot, Serge July, Christian Phéline, Jean Sagne : Identités : de Disderi au photomaton, éditions Photo Copies – Centre National de la Photographie, Paris, 1985, p.61., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10074659

Transkript

In einer Welt, in der jeder und jede von uns Fotograf sein kann und auf jeden Fall schon fotografiert hat, ist es schwierig, die rein professionellen Ecken ausfindig zu machen, in denen Fotografie nur noch Mittel zum Zweck ist. Die sogenannte forensische Fotografie ist so ein Bereich.

Vom Beginn der Fotografie an war eins völlig klar: Es gab unendlich viele Anwendungsfälle dieser neuen Kulturtechnik. Schon die Väter der Fotografie (es waren alles Väter) schlugen die unterschiedlichsten Richtungen ein. Wir hatten die wissenschaftliche Anwendung, also das systematische Dokumentieren z.B. von Gegenständen oder Architektur, aber gleichzeitig hatten wir den Versuch, Aufnahmen zu schaffen, die wie klassische Gemälde aussahen. Und wo wir schon bei klassischen Gemälden sind: Da wissen wir ja, oft sind da Nackte drauf zu sehen. Und auch das zog natürlich sofort in die Fotografie ein, genauso wie es relativ früh Versuche gab, über fotografische Verfahren Geld zu fälschen. 

Wie es so oft ist: Eine neue Technologie wird eingeführt. Es herrscht eine gewisse Gesetzlosigkeit und die wird zunächst von den Menschen der Gesellschaft ausgenutzt, die von Gesetzlosigkeit Vorteile haben. Ihnen dicht auf der Spur: Die Polizeiarbeit. 

Allerdings ist die Polizeiarbeit zu der Zeit noch sehr, sehr jung. 1839, als die Daguerreotypie, also das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren der Welt zum Geschenk gemacht wird, ist die Polizeistation in London gerade mal zehn Jahre alt. Die ganze Disziplin der Kriminalistik hat gerade mal 40 Jahre auf dem Buckel. 

Denn die erste Polizeidienststelle überhaupt geht auf einen Parlamentsbeschluss der Stadt Glasgow aus dem Jahr 1800 zurück. Damals hat man sich eingestanden, dass das bisherige System von Freiwilligen, unbezahlten Konstablern oder Söldnern nicht dazu geeignet ist, um wirklich Recht und Ordnung durchzusetzen. Und so beschloss man, einen neuen Berufsstand zu schaffen. Und es funktionierte zwar so gut, dass es überall nachgemacht wurde, aber es war natürlich weder abgestimmt noch überall auf demselben Qualitätsniveau.

Aber zwei Probleme hatten alle Polizeidienststellen gemeinsam: Erstens mussten sie Menschen finden können und zweitens mussten sie zur Aufklärung von Verbrechen Beweise dokumentieren und Hinweise festhalten können. 

Die ersten Kriminalisten versuchten sich da meistens im Karteikartensystem. Je nachdem, wer mit einem jeweiligen System angefangen hatte, waren die dann gerne mal alphabetisch nach Tatort, nach Jahreszahl, nach Namen der Verdächtigen, was auch immer, sortiert und in dem Berg an Daten, den ein durchschnittlicher Polizeialltag produzieren kann, eigentlich nicht mehr auffindbar. Wenn es um die Fahndung von Menschen ging, kam noch dazu, dass die Beschreibung von Personen nicht standardisiert war. Man blickte also recht früh hoffnungsfroh auf die ersten fotografischen Aufnahme- und dann auch später Druckverfahren. 

Die Daguerreotypie war da relativ unhandlich, denn sie produzierte Einzelstücke auf Metall, noch dazu Einzelstücke auf Metall, die relativ empfindlich waren und gut gelagert werden wollten. Trotzdem fingen vor allen Dingen in den USA relativ früh Porträtstudios an, ihre Dienste auch in der Nähe von Polizeistationen anzubieten.

Als er Mitte der 1850er Papierbasierende Negativverfahren die Fotografie eroberten, also die Möglichkeit auftauchte, Fotos zu machen und beliebig oft zu vervielfältigen, hob auch die Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Polizeidienststellen ab. So fing man zum Beispiel in den USA an, Alben von Tatverdächtigen anzulegen. Die sahen besonders anfangs allerdings noch verdammt ähnlich aus wie klassische reguläre Porträts aus derselben Zeit. 

Erst nach und nach bürgerten sich bestimmte Konventionen ein. Zu dem anfangs fast ausschließlichen Frontalporträt kam eine Seitenaufnahme, manche der Verdächtigen hielten Schilder mit weiteren Informationen hoch oder man achtete darauf, dass die Hände im Bild waren, weil man glaubte, an den Händen Verdächtige zusätzlich identifizieren zu können. Es bildeten sich also einzelne Konventionen raus.

Verdächtige fotografieren war ein Ding. Aber was war mit der Tatortfotografie? Die gab’s anfangs nicht. Die ersten Tatortfotos sind deshalb auch nicht von Polizisten gemacht worden, sondern von Privatleuten oder Reportern. Die Polizei konzentrierte sich auf das schriftliche Festhalten der Beobachtungen. Zum Teil lag das daran, weil Gerichte der damaligen Zeit Fotografien als Beweise eher skeptisch sahen. 

Das sollte sich allerdings mit einem Ereignis ändern, das die Welt erschütterte.

Am 14. April 1865 wird der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln, bei einem Theaterbesuch von einem bekannten Schauspieler von hinten in den Kopf geschossen. Er stellt sich schnell raus: Das Ganze war eine Verschwörung und eine landesweite Suche nach den Tätern kommt in Gang. 

Und für uns ist dieser Moment deswegen wichtig, weil die Behörden zu dem damaligen Zeitpunkt zum ersten Mal verfügen, dass nicht nur die Verdächtigen mit Fotografien gesucht werden sollen, sondern auch gleichzeitig der Tatort und später dann auch die Hinrichtung der Täter fotografisch festgehalten werden soll. Hatte man bisher die Fotografie nur gelegentlich als eines von vielen Werkzeugen in der Polizeiarbeit benutzt, war es ab jetzt ein Standardwerkzeug, immer noch sehr unterschiedlich eingesetzt, aber sowohl im Polizeialltag als auch dann später vor Gericht deutlich akzeptierter als vorher. Schließlich hatte man jetzt weltweit davon gehört, dass die Fotografie eine wichtige Rolle spielte in der Aufklärung dieses Verbrechens.

Ob Alphonse Bertillon von der Ermordung Lincolns gehört hatte, kann ich nur spekulieren. Er war zu dem Zeitpunkt gerade mal zwölf Jahre alt. Er war der mittlere Sohn eines Akademikerhaushalts, sein Vater war anerkannter Arzt, Statistiker und Präsident der anthropologischen Gesellschaft in Paris. Und wäre damit nicht in einer Familie mit Beziehungen und Geld gelandet, wahrscheinlich hätten wir nie von ihm gehört. Denn aus der Zeit berichtet man von zahllosen Schulverweisen und davon, dass er in erster Linie faul, starrsinnig und jähzornig gewesen sei. 

Trotzdem schafft er es irgendwann, seinen Abschluss zu machen und bekommt nach einem kleinen Zwischenspiel als Sprachlehrer in England von seinem Vater eine Stelle als kleiner Schreibtischbeamter bei der Polizei in Paris vermittelt.

Und in dieser Position hat er mit dem Karteikartensystem der Pariser Polizei zu tun, die, so erkennt er sofort, absolut ungeeignet sind, um damit irgendwas praktisch anzufangen. Das Problem war nicht, dass es keine Fotos gab, die gabs. Das Problem war, dass die in alphabetischer Reihenfolge abgelegt waren und damit konnte man sie natürlich schlecht wiederfinden. Außerdem war die Sprache, in der eine Aufnahme beschrieben wurde, nicht standardisiert. Man könnte mich z.B. als großgewachsenen, in unrasierten Mittelblonden Mann beschreiben und damit hat dann jede und jeder von uns ein Bild im Kopf aber garantiert keine ausreichende Beschreibung, um mich in der Menge wiederzufinden. 

Bertillon schlägt also vor, dieses Ablagesystem zu ändern. Statt alphabetischer Reihenfolge schlägt er Messungen vor. Verdächtige sollen nicht einfach nur fotografiert werden, sondern auf eine genau vorgegebene Art und Weise fotografiert werden. Und während sie fotografiert werden, sollen bis zu 11 verschiedene Messungen vorgenommen werden. Die Annahme dabei: Es gibt bestimmte Eigenschaften, die ändern sich auch über die Jahre hinweg nicht mehr. Und selbst dann, wenn man nur genügend solche Merkmale festhält und sammelt, dann hat man irgendwann eine so kleine Fehlerwahrscheinlichkeit, dass man Menschen ausreichend genug beschrieben hat. 

Die Körpermaße, die er zur Messung vorschlägt, sind Körperlänge, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge, Kopfbreite, Länge des rechten Ohres, Breite des rechten Ohres, das wurde dann später durch die Jochbeinbreite ersetzt, Länge des linken Fußes, Länge des linken Mittel- und Kleinfingers und Länge des linken Unterarms. Er legte genau fest, wie diese Messungen vorgenommen werden mussten und wie sie festgehalten wurden. Außerdem wurde fotografiert und für diese Fotografien definierte Bertillon genau, in welcher Lichtsituation, mit welchem Hintergrund diese Aufnahmen stattzufinden hatten. 

Bertillon war derjenige, der zum ersten Mal eine Messskala in den Hintergrund packte. Bertillon war derjenige, der definierte, welche Aufnahmen in welcher Reihenfolge welche Details zu zeigen hatten. Und wenn man diese Liste von 11 Messungen vor Augen hat, dann kann man das Ganze auch für ganz schön durchgeknallt halten.

Und genau das tat sein Chef. Er riet ihm doch mal im lokalen Sanatorium für geistig Kranke nachzufragen, ob die ihm helfen könnten und drohte ihm mit Rauswurf, sollte er nochmal mit der Idee um die Ecke biegen. 

Sein Vater hingegen sah sich die Methode an und als ausgebildeter Statistiker verstand er, worum es seinem Sohn dabei ging. Als Bertillon ein Wechsel der Vorgesetzten ins Haus stand, war seine Chance gekommen. Sein Vater intervenierte und sorgte dafür, dass sein Sohn die Erlaubnis erhielt, seine Methode in praktischen Versuchen zu testen. 

Er bekam zwei Mitarbeiter und einen Raum. Und drei Monate Zeit. Im November 1882 begann er mit dem Vermessen und Dokumentieren der ersten Verdachtsfälle. Im Februar 83, kurz vor Ende des Testlaufs, hatte er 1800 Karteikarten angelegt, die nach diesen statistischen Kriterien sortiert waren und nicht mehr nach Alphabet. Seine Kritiker beobachteten das Ganze mit Erheiterung und hielten es für unmöglich, dass er mit dem System auch nur einen Verdächtigen identifizieren konnte.

Und fast sah es so aus, als würden sie Recht behalten. Es war tatsächlich schon Februar, als Bertillon mit seinem System erfolgreich den ersten rückfälligen Straftäter anhand seiner Körpermaße identifizieren konnte. Das war so überraschend, dass man erstmal die Testphase verlängerte. Er sollte weitere Monate daran arbeiten und er bekam weiteres Personal zugeteilt. Bis zum Ende des Jahres hatte er 49 Identifizierungen nachgewiesen und mit wachsendem Datenbestand wurde das System immer erfolgreicher. 1888 gründete die Pariser Polizei dann den ersten polizeilichen Erkennungsdienstlich überhaupt und beförderte Bertillon zu seinem ersten Leiter.

Das System wurde nach ihm Bertillonage genannt und bestand nicht nur aus den Anweisungen, wie denn die Fotografien oder die Messungen vorzunehmen wären, sondern auch eigens dafür konstruierte Apparaturen. So gab es eine fotografische Apparatur, nur um diese, wie man heute ja sagt, Mugshots aufzunehmen. Und das Verfahren trat einen weltweiten Siegeszug an. In den USA, in Deutschland, in Spanien, in Russland, überall wurde das Verfahren eingeführt und angewendet.

Allerdings hatte das Verfahren natürlich auch Nachteile. Die Genauigkeit, die hing davon ab, wie präzise die Messungen vorgenommen wurden. Und so war die Erfolgsquote außerhalb der Pariser Dependance sehr, sehr unterschiedlich. 

Und dann gab es auch nach und nach konkurrierende Verfahren. In Bertillons System wurden Verdächtige mithilfe der Maße identifiziert und dann per Fotobeweis überführt. Aber es gab die Diskussion, ob dieser letzte Fotobeweis nicht vielleicht durch Fingerabdrücke ersetzt werden konnte. Die waren nicht nur einfach zu erfassen, sondern hatten auch den Vorteil, dass man sie oft an Tatorten fand. 

Und wo wir schon beim Bereich der forensischen Fotografie sind: Es gab inzwischen einen kompletten spezialisierten Bereich der Beweisfotografie, in der unter anderem natürlich Fingerabdrücke oder Abdrücke jeglicher Art eine große Rolle spielten. Bertillon zweifelte an, dass Fingerabdrücke geeignet wären, denn er glaubte nicht, dass man sie systematisch ablegen und damit auch wiederfinden konnte. Da sollte er sich natürlich geirrt haben, wie wir heute wissen. 

Noch zu seinen Lebzeiten trat die Bertillonage immer mehr in den Hintergrund und wurde nach und nach von Fingerabdrücken als biometrisches Erkennungsmerkmal abgelöst.

Was aber erhalten blieb, waren die präzisen Methoden von Alphonse Bertillon. Er hatte nicht nur fotografische Apparate konstruiert, sondern eben auch definiert, dass Fotos im Polizeibetrieb aus einem genau definierten Abstand zu machen wären, dass Skalen mit ins Bild gelegt werden mussten, und zwar nicht nur bei Mugshots im Hintergrund, sondern auch zum Beispiel bei Tatortfotografien. Und so sind selbst moderne Ablage- und Fotosysteme immer noch von Prinzipien beeinflusst, die damals Alphonse Bertillon ins Leben rief. Und insbesondere die Mugshots, die würde er auch heute immer noch wiedererkennen.

In Vorbereitung für die heutige Episode bin ich dann auch im Internet unterwegs gewesen und habe nach berühmten Mugshots gesucht. Und es ist schon erstaunlich, wie viele Berühmtheiten irgendwann mal mit der Polizei in Kontakt kamen und da dann polizeiliche Aufnahmen hinterlassen mussten. Da gibt’s Aufnahmen von Fred Astaire, von Jane Fonda, von Mick Jagger oder von Bill Gates. 

Besonders das Bild von Bill Gates finde ich witzig. Da war er in New Mexico festgenommen worden, weil er mit einem Porsche ohne Führerschein zu schnell gefahren war. In dem Foto, das die Polizei von ihm machte, grinst er frech in die Kamera und verewigte diese Aufnahme dann später in dem Microsoft E-Mail-Programm Outlook: Legt man dort nämlich einen neuen Kontakt an, wird einem links als Platzhalterbild eine Silhouette genau dieses Mugshots gezeigt.

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