Hippolyte Bayard – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Tue, 14 Dec 2021 12:47:57 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Hippolyte Bayard – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Der erste Fotofälscher der Geschichte? https://fotomenschen.kopfstim.me/der-erste-fotofaelscher-der-geschichte/ Sat, 23 Oct 2021 19:11:07 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Hippolyte Bayard ging in die Fotogeschichte ein, aber anders als er es verdient gehabt hätte.

Siehe auch hier im Podcast:

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Transkript

3 Männer, so lernt man im Geschichtsunterricht, stehen allgemein am Anfang der Fotografie: Joseph Nicéphore Niépce, Louis Daguerre und Henry Fox Talbot. 

Aber eigentlich gab es da noch einen vierten Mann, er hatte ein fotografisches Verfahren ungefähr zur selben Zeit wie Daguerre entwickelt, er hat die erste fotografische Ausstellung der Welt veranstaltet und war womöglich sogar ein bisschen früher dran. Und trotzdem kennen wir ihn nur noch als den ersten Fotofälscher der Geschichte.

Louis Daguerre stellte am 19 August 1839 vor der französischen Akademie der Wissenschaften sein ganz bescheiden Daguerreotypie genanntes Verfahren vor, dass Frankreich dann der Welt zum Geschenk machte. Ein Mann namens Niépce hatte zuvor mit Daguerre zusammengearbeitet und auch er hatte ein Verfahren entwickelt, dass man heute als Anfang der Fotografie bezeichnen würde. Und dann war da noch in Großbritannien ein Mann namens Henry Talbot, der ebenfalls ein fotografisches Verfahren entwickelte.

All diese Verfahren  entstanden ungefähr zur selben Zeit und alle drei kombinierten mehrere Methoden miteinander, die die Menschheit zum Teil schon seit Jahrtausenden kannte.

Nämlich die Kamera Obscura, die dunkle Kammer, in der sich Bilder projizieren ließen und lichtempfindliche Chemikalien, die wir auch schon etwas länger kannten und die Möglichkeit Bilder zu fixieren, also den Prozess der Veränderung durch Sonneneinstrahlung aufzuhalten.

Und alle drei Männer profitierten von dieser Erfindung. Gut. Niépce war selbst schon tot zum Zeitpunkt als Daguerre sein Verfahren vorstellte aber seine Nachkommen profitierten davon, denn ihnen wurde eine Ehrenrente zugesprochen. Daguerre selbst hatte nach dieser Erfindung ausgesorgt, die französische Regierung kaufte sich das Recht diese Technologie der Welt zum Geschenk zu machen und das war ein lohnendes Geschäft. Außerdem hatte Daguerre dafür gesorgt, dass zwar die Welt dieses Geschenk bekam aber Großbritannien gehört ja irgendwie nicht ganz zur französischen Welt und deswegen kostete das Verfahren dort nach wie vor Lizenzgebühren. Ein praktisches Zusatzeinkommen. Ein Beispiel dem Henry Fox Talbot folgte und ebenfalls Gebühren verlangte und außerdem gleich noch ein Unternehmen aufbaute mit dem er sich um Drucke und Entwicklung von Bildern kümmerte. 

Es lohnte sich also sehr einer der Väter der Fotografie zu sein und das war den beteiligten Männern auch bewusst. Die Entwicklung an sich war eine technische und wissenschaftliche Errungenschaft. Und gerade in Frankreich stand Wissenschaft hoch im Kurs. Daguerre war Geschäftsmann und er war hervorragend vernetzt. Da wundert es auch gar nicht, dass er sofort wusste, wem er seine neue Entwicklung zeigen musste. Er machte also eine Auswahl von Aufnahmen und begann, sowohl sein Verfahren als auch diese Aufnahmen einem kleinen Kreis von hochrangigen Politikern und Wissenschaftlern zu zeigen. Und er machte auch keinen Hehl daraus, dass er sich auf der Suche nach einem entsprechenden  Finanzierungsmodell befand.

Einer seiner Bekannten war der damals weltbekannte Wissenschaftler Dominique Francois Arago. Seit 1830 leitete Arago die französische Sternenwarte und er war bekannt für sein Interesse an Magnetismus und optischen Gesetzen, damit war er auch ein natürlicher Ansprechpartner für Daguerre. Und ihm war sofort klar, welche enorme Bandbreite die Anwendungsmöglichkeiten dieser neuen Technologie, die  Daguerre ihm anschaulich vorführte haben würde. Arago versprach also zu vermitteln. Die Idee: Der französische Staat würde diese Technologie lizensieren und der Welt verfügbar machen. Er, also Arago, und natürlich die Väter dieser Technologie würden entlohnt werden. Und genauso lief das dann auch. Daguerre bekam vom französischen Staat eine monatliche Rente von 6000 Franc zugeschrieben. Das entspricht heute über 12000 Euro im Monat und sein Mitentwickler Niépce war zwar nichtmehr am Leben, aber dessen Enkelsohn bekam dann an seiner Stelle eine lebenslange Rente von 4000 Franc, also ungefähr 8000 Euro im Monat. Fürstlich. Und Summen, die einen dritten, nämlich Hyppolite Bayard, rasend machten.

Denn auch er hatte ein fotografisches Verfahren entwickelt, und auch er war bei Arago vorstellig geworden und hatte darum geworben sein Verfahren der Akademie der Wissenschaften vorstellen zu dürfen. Und Arago hatte mit Verweis auf ein anderes Verfahren abgelehnt. Pikanterweise war zu der Zeit eigentlich Bayard im Vorteil, denn Bayard hatte sein Verfahren schon durchgehend beschrieben und er konnte Fotos nicht auf Metall mit Quecksilber entwickeln, sondern er hatte ein Verfahren erarbeitet, mit dem sich Fotografien auf Papier festhalten ließen. 

All das passiert im Mai 1839, Arago wusste zwar von Daguerres angeblichen erfolgen, aber er hatte noch keine Beschreibung des Prozesses und noch keine Vorführung gesehen. Allerdings kannten sich die Männer schon länger und Arago hatte seinen Einfluss bereits für Daguerre geltend gemacht. Es sei das überlegene Verfahren. Während also Francois Arago Vorbereitungen trifft um Daguerre vor der französischen Akademie der Wissenschaften auftreten zu lassen, versucht Bayard Fakten zu schaffen. Sein Verfahren nennt er „photogenic Drawings“ und erzeugt 30 Bilder, die er dann in der weltersten Fotoausstellung am 24 Juni 1839 der staunenden Pariser Öffentlichkeit vorführt. 

Daguerre selbst wird sein Verfahren erst einen Monat später amtlich beglaubigt bekommen, während Bayard schon Ausstellungen bestückt. Aber hier zeigt es sich was es wert ist, wenn man mit den richtigen Männern bekannt ist. Arago lässt sich nicht beirren und am 19 August stellt dann Daguerre hochoffiziell sein Verfahren der Akademie der Wissenschaften vor und bekommt ein Patent zugestellt. Mit der Unterstützung der Akademie und dem französischem Staat wird die Patentschrift in kürzester Zeit in 8 Sprachen übersetzt und in der Welt verteilt. 

Bayard war gescheitert. Und das muss besonders bitter gewesen sein, weil für Hyppolite Bayard die Entwicklung dieses Verfahrens die Krönung einer Lebensreise gewesen war. Als kleiner  Junge war er schon davon fasziniert gewesen, dass sein Vater mit einer lichtdichten Schablone ein Logo auf Obst aufbringen konnte. Deckt man nämlich bestimmte Stellen von Äpfeln oder Pfirsichen ab, dann reifen die an dieser Stelle etwas weniger und haben deswegen einen „Aufdruck“ auf der Schale. Und ab jetzt versuchte Bayard diesen Mechanismus zu ergründen.

Wie Daguerre war auch er eigentlich Maler und er galt als vielseitig begabt. Aber anders als Daguerre war die Malerei für ihn kein Geschäft, sondern reine Freizeitbetätigung, seinen Lebensunterhalt verdiente er als Finanzbeamter und Justiziar. Aber in seiner Freizeit beschäftigte er sich mit Chemie, Physik und Malerei. Und die verschiedensten Möglichkeiten Zeichnungen durch Licht anzufertigen hatten es ihm ganz besonders angetan. Und so gehen auf sein Konto gleich eine ganze Reihe von ganz verschiedenen fotografischen Verfahren. Er kannte eine Möglichkeit Papier lichtempfindlich zu machen und trotzdem trocken zu transportieren und zu lagern. Er kannte Möglichkeiten Bilder als positiv zu erzeugen, also direkt fertig auf Papier,  experimentierte aber auch mit Alternativen, bei denen ein negativ erzeugt wurde, was besonders nützlich war um daraus Vervielfältigungen zu erstellen. 

Spannenderweise verschwindet auch Daguerre aus unserer Wahrnehmung, kaum dass ihm dieser eine große Triumph zu Teil geworden war, während Bayard ein ganzes Leben lang Fotografie machen wird. Aber ich greife vor.

Wir sind immernoch im Jahr 1839, obwohl Bayard eigentlich schneller gewesen war und obwohl die Pariser Öffentlichkeit seine Werke schon bestaunt hatte, als Daguerre noch nichtmal ein Patent angemeldet hatte, geht er also leer aus. Er nimmt mehrere Folgeanläufe um die Akademie der Wissenschaften zu Überzeugen, dass auch er eine Zuwendung verdient hat aber er beißt auf Granit. Also entscheidet er sich zu einem radikalen Schritt und macht etwas für  das er bis heute bekannt ist, er setzt sich in sein Studio und macht ein Selbstportrait. Und auch das ist eine Pionierleistung, soweit wir wissen ist es das erste Portrait überhaupt oder zumindest das erste Selbstportrait dass erhalten geblieben ist. Daguerre kann für sich beanspruchen das erste Bild eines Menschen gemacht zu haben, es gibt eine Aufnahme aus einem Dachfenster heraus wo man einen Schuhputzer erkennen kann. Einfach weil der immer am selben Fleck gestanden war. 

Bayard nun setzt sich ganz absichtlich vor die Kamera und inszeniert sich als eine Wasserleiche, links neben ihm sieht man einen großen Strohhut, den man wiedererkennen konnte, wenn man seine Werke bisher schon gesehen hatte. Rechts von ihm steht eine Statue. Er schickt dieses Bild an die Akademie der Wissenschaften, auf der Rückseite ist folgender Text zu lesen: 

„Die Leiche des Mannes, die Sie umseitig sehen, ist diejenige des Herrn Bayard.

Die Akademie, der König und Alldiejenigen, die diese Bilder gesehen haben waren von Bewunderung erfüllt, wie sie selber sie gegenwärtig bewundern, obwohl er selbst sie mangelhaft fand. Das hat ihm viel Ehre aber keinen Pfennig eingebracht, die Regierung, die Herrn Daguerre viel zu viel gegeben hatte, erklärte nichts für Herrn Bayard tun zu können. Da hat der Unglückliche sich ertränkt. Hyppolite Bayard, 18 Oktober 1840.“

Das Bild wirkt aus heutiger Sicht einigermaßen bizarr, allerdings war es mehrere Dinge gleichzeitig: Es war eine Protestnote und es war ein künstlerisches Statement. Man konnte sicherlich darüber streiten ob ein Foto auf Metall wie bei Daguerres Verfahren oder auf Papier beeindruckender aussah. Und trotzdem war diese Aufnahme in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, nicht nur, dass sie einen Menschen zeigte, nicht nur, dass es ein Selbstbildnis war. Es war auch die erste inszenierte Aufnahme überhaupt. Die Zeitgenossen wussten auch sofort worauf sich Bayard mit dieser Aufnahme bezog. 

Im 19. Jahrhundert gab es in einer Stadt wie Paris regelmäßig die Situation, dass Menschen tot aufgefunden wurden ohne, dass man wusste wer die Person denn nun war. Diese Menschen brachte man dann in ein öffentlich einsehbares Leichenschauhaus, dort wurden sie halb aufgerichtet aufgebahrt  und ihre Kleidung sowie Gegenstände, die aufgefunden worden waren, richtete man um sie herum gut sichtbar an. Die Hoffnung war, dass Menschen vermisst wurden und unter Umständen durch die Gegenstände oder den Leichnam selbst eine Identifizierung möglich wurde.

Bayards Aufnahme ahmt das nach: Der Hut, die Statuen sind Gegenstände für die er bekannt war.  Er ist im wesentlichen unbekleidet, ein Tuch bedeckt seine Scharm, das wars aber schon. Da er sich viel draußen aufhielt, besonders in seinem Garten um seine Aufnahmen zu fertigen, waren seine Hände und sein Gesicht dunkler als der Rest seines Körpers. In der Aufnahme unterstreicht es sogar noch den Eindruck einer Wasserleiche.

Es ist jedenfalls diese Aufnahme, die ihm dann einen Platz in den Geschichtsbüchern sichert, ob er selber über diesen Platz so glücklich wäre darf bezweifelt werden, denn wir reden nicht von dem ersten Selbstbildnis, wir reden nicht von der ersten Aufnahme mit allegorischen Stilmitteln, wir reden nicht davon, dass er derjenige Gewesen war, der die erste Fotoausstellung gemacht hatte. Nein. In die Geschichte geht er ein als der erste Fotofälscher.

Aber wenigstens lässt er sich seine Begeisterung für die Fotografie nicht nehmen, er wird weiterhin den Rest seines Lebens fotografieren. Viele seiner Stillleben und auch Selbstbildnissen und Gruppenaufnahmen sind von einer Originalität, die die damalige Malerei hinter sich lassen.

1851 gründet er eine der ersten Fotovereinigungen überhaupt: die „Société 

héliographique“, auf Deutsch die heliographische Gesellschaft. 

Im gleichen Jahr wird er zusammen mit vier anderen Fotografen damit beauftragt Frankreichs historische Gebäude zu dokumentieren. Im Auftrag dieser sogenannten mission héliographique machte er einige seiner besten und bis heute bekanntesten Arbeiten. 

1854 wird die Société héliographique umbenannt und die dann neu gegründete fotografische Gesellschaft  ernennt ihn zum Justiziar und Generalsekretär. Bis heute wird sein Nachlass von diesem ersten Fotoverein verwaltet.

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Einmal Selfie und zurück. https://fotomenschen.kopfstim.me/fotomenschen-eine-einfuehrung/ Sun, 16 Aug 2020 19:27:08 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Angeblich posten rund 60% aller Nutzerinnen und Nutzer von Instagram regelmäßig Fotos von sich selbst, sogenannte Selfies.

Die bildliche Selbstdarstellung wurde natürlich nicht erst durch Social Media populär, tatsächlich haben schon die Maler des Mittelalters und der Renaissance gerne ihr eigenes Antlitz in ihre Arbeiten geschmuggelt und dann war es bald nur noch eine Frage der Zeit bis die ersten gezielten Selbstportraits gemalt wurden.

So wage ich in der heutigen Folge eine Reise von A wie Albrecht Dürer bis K wie Kardashian 🙂

Weitere Informationen:

(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach https://fotomenschen.net)

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Transkript der Episode:

“Picture – or it didn’t happen”. Das ist ein Spruch, der Freunde dazu auffordern soll, einen Schnappschuss zu teilen. Wir leben in durch und durch visuellen Zeiten; Niemand wird bestreiten, dass es noch nie so wichtig war wie dieser Tage, eine Kamera in Griffweite zu haben. Zumindest scheinen wir das so wahrzunehmen. Wir fotografieren alles und jeden, und auch gerne Mal uns selbst. Das sogenannte “Selfie”, ja manch einer ruft sogar eine “Selfie Culture” aus, millionen und abermillionen Selfies werden regelmäßig auf den großen Social Media Kanälen veröffentlicht.

[Einspieler]

Hi, I’m Kim Kardashian West and I’m gonna give you a little tutorial on how to take the perfect selfie. If you don’t have a mirror in front of you to really figure out your pose and your angle, make sure that your lighting is amazing, because you wanna blow out everything you don’t wanna see and highlight all the good things that you do.

Moderne Smartphones haben sogar mehr als eine Kamera, eine extra zu dem Zweck um Selfies aufnehmen zu können. Die “front-facing-Camera”. 

Das Wort “Selfie” wurde angeblich von einem Australier erfunden, der hat sich bei der Geburtstagsparty eines Freundes die Lichter ausgeschossen und anschließend aufs Gesicht gelegt. Das Internet, freilich, gab’s zu der Zeit schon und so machte er ein Foto, bei dem man die Lippe nicht scharf, dankenswerterweise aber im Hintergrund die Steckdose supergut erkennen kann, und schrieb dazu, dass es ihm leid täte, dass der Fokus falsch sitzt, es wäre ja nur ein Selfie. Und damit war das Wort in der Welt.

Damit stellt sich jetzt natürlich die Frage, was ist denn nun ein Selfie?

[Einspieler]

Hi, ich bins wieder, eure Jayjay, und ganz viele haben mich gefragt ob ich sagen kann was “Selfie” is, und weil ihr das alle nicht wisst sag ich euch das jetzt.

Äh ja. Jetzt mal wirklich:

[Einspieler]

Selfies sind Selbstportraits, die du mit einem Smartphone in deiner eigenen Hand aufnimmst, daher auch der Name “Selfie”, das kommt vom englischen “self portrait”.

Also ein Bild, dass ich selbst von mir anfertige. Und wenn wir es so generisch halten, dann ist natürlich das Selfie schon hunderte von Jahren alt. Schon in Mittelalter hatten Maler damit begonnen, ihre eigenen Gesichter gelegentlich in ihre Gemälde zu schmuggeln, da saß dann unter den Jüngern Jesu plötzlich mit der Maler am Tisch. Ab dem 15. Jahrhundert werden zunehmend auch Gemälde von Malern bekannt und es gibt mehrere, die sind berühmt geworden, dafür, dass sich die jeweiligen Künstler besonders treffend selbst dargestellt haben. 

Und damit könnte man sagen: Die Renaissance-Maler sind die Urgroßväter moderner Selfies. Daran sollte man auf jeden Fall denken, wenn Man das nächste Mal mit der Frontkamera auf sich selbst abdrückt. 

Wir können aber auch auf jeden Fall festhalten, dass die Definition “Selbstportrait” vielleicht nicht so ganz tragfähig ist, wenn wir über Selfies reden, wir reden ja schon über eine ganz bestimmte Art des Selbstportraits, nämlich fotografisch festgehaltene Selbstportraits, die dürfen auch zunehmend immer mehr verfremdet sein, im Zeitalter von Snapchat-Filtern kann man sich da künstliche Hüte aufsetzen, die Augen vergrößern, die Haut verjüngen, was immer uns einfällt, das heißt es muss auch noch nicht mal mehr fotografisch authentisch sein, aber wir reden ja schon von einem fotografischen Prozess. Niemand greift zu Pinsel und Leinwand, um sein Selfie zu malen und dann zu veröffentlichen, wir snappen es.

Und damit sind wir bei der Geschichte der Fotografie angekommen. Eine Geschichte, die eigentlich ziemlich kurz ist. 200 Jahre. Grob. 1820 – 1840 war die Geburtsstunde der modernen Fotografie. 

Dieser große Zeitraum ist mit Absicht gewählt, weil es tatsächlich ein bisschen Definitionsfrage ist, was man denn nun als den Startpunkt der modernen Fotografie ansieht. Manches Prinzip, das auch heute immer noch Kameras verwenden, kannte man schon seit der Antike. Die sogenannte “Camera obscura”, also die “versteckte Kammer”, von der eben auch unsere heutige Kamera ihren Namen hat, war ein Raum oder zumindest eine Holzkiste, in die ausschließlich durch ein kleines Löchlein Licht drang. Und es war eben auch schon wirklich lange bekannt, dass sich durch dieses Loch Bilder projizieren auf die Rückwand besagter Kammer oder Kiste ließen. Allein dieses Bild war vorübergehend. Nur so lange wie genügend Licht und genügend Szenerie existierte, konnte man dieses Bild bewundern und bestaunen. Es gab solche Kameras auch begehbar. Manche wurden als Apparatur verwendet, um Pläne zu zeichnen oder die Perspektive von Gebäuden korrekt abzubilden, es war also ein Werkzeug im Künstlerbedarf.

Man hatte schon erkannt, dass es Chemikalien und Stoffe gab, die lichtempfindlich waren, und so musste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht irgendwie einen Weg finden könnte, ein Bild das in der Camera obscura sichtbar wird irgendwie auf einem dieser Stoffe festzuhalten.

In die Geschichte eingehen sollte dann der Franzose Joseph Niépce. 1826 gelang ihm das, was auch heute noch als die erste jemals durchgeführte und auch nach wie vor erhaltene Fotografie gilt. Acht Stunden lang belichtete er in einem Verfahren, dass er Heliographie nannte, eine lichtempfindliche Asphaltschicht, die hinterher mit Lavendelöl entwickelt wurde. Nicht nur wegen der langen Belichtungszeit war dieses Verfahren noch nicht so richtig praxistauglich, auch das Ergebnis muss man schon mit modernen Mitteln fassen, um wirklich zu erkennen, was man auf dem Bild festgehalten hatte. Trotzdem: Ein Anfang war gemacht.

Zu der Zeit stand Joseph Niépce mit einem Maler namens Louis Daguerre in Kontakt und tauschte sich über die Möglichkeiten, die Entwicklung eventuell kommerziell nutzbar zu machen aus. Daguerre übernahm die Methoden von Niépce und stellte eigene Forschungen an. Niépce starb 1833 und hat damit nie den späteren Durchbruch von Daguerre miterlebt. 

Der entwickelte nämlich ein Verfahren, dass er dann ganz bescheiden “Daguerreotypie” nannte, und mit dem es möglich wurde, in wenigen Minuten hochdetailauflösende Bilder auf Silberplatten zu belichten. 1839 veröffentlichte er dieses Verfahren und die Rechte wurden auf die Initiative eines Physikers von der französischen Regierung erworben. Sie zahlten ab dann eine lebenslange Rente an Daguerre und an den Sohn von Niépce. Allerdings war es natürlich so, dass mit dem Namen Daguerreotypie Daguerre derjenige war, der als Urvater der Fotografie in die Geschichte einging. Und die hob jetzt so richtig ab.

Das Verfahren war für damalige Verhältnisse absolut revolutionär. Die Menschen konnten nicht glauben, was sie auf diesen Plättchen sehen konnten. Es war auch für heutige Verhältnisse hochauflösend, was damals abgeliefert wurde. Ordentliche Linsen vorausgesetzt konnte man Bilder erzeugen in diesem Verfahren, die mehrere hundert Megapixel groß wären, würde man sie heute scannen.

Wenige Jahre später wurden jedes Jahr mehrere millionen Daguerreotypien angefertigt und unter das Volk gebracht. Es begann eine Zeit, in der ein moderner Haushalt ohne Daguerreotypien nicht denkbar war. Die gabs auch in 3D. Es gab Leute, die Daguerreotypien in entsprechend verschobenen Ansichten fotografieren, sodass man die mit einer entsprechenden Vorrichtung dreidimensional betrachten konnte, natürlich, wie sollte es anders sein, auch gerne mal für pornografische Darstellungen benutzt.

Auch das, eine Technologie, die jetzt mit VR Brillen wieder zurück zu uns findet, war halt eben doch alles schon mal irgendwie da.

Die Daguerreotypie wurde jedenfalls ein Massenverfahren, und jetzt, jetzt ist es wieder an der Zeit, dass wir wieder zu unserem Selfie zurückkommen, denn, was es natürlich damit auch gab, war Fotografen, die das Verfahren perfektionierten und berühmt damit wurden.

Und damit sind wir bei einem weiteren Pionier der frühen Fotografie. Robert Cornelius. Er war der Sohn niederländischer Immigranten in die USA. Geboren 1809 in Philadelphia und besuchte eine private Schule. Besonders interessierte ihn damals die Chemie. 1831 begann er dann, für seinen Vater zu arbeiten und beschäftigte sich mit Versilberungen und dem Polieren von Metall und das machte er so gut, dass er kurz darauf von einem anderen Fotografiepionier, Joseph Saxton, beauftragt wurde, eine silberne Platte herzustellen, für eine Daguerreotypie, die die damalige central high school in Philadelphia in Auftrag gegeben hatte. 

Und Robert Cornelius war hooked. Die Daguerreotypie bediente alles, wofür er sich begeistern konnte. Metallurgie, Chemie, und so beschloss er, seine Talente dafür einzusetzen, die Daguerreotypie zu perfektionieren und er eröffnete zwei der ersten Fotostudios überhaupt, um damit dann auch Bilder anzufertigen. Und natürlich konnte man super Landschaften und Gebäude fotografieren, aber wie viel schöner wäre es denn, wenn man Menschen fotografieren könnte.

Und so begann er, damit zu experimentieren, die Entwicklungs- und Belichtungszeit zu drücken und Apparaturen zusammenzustellen, mit denen man reproduzierbar Menschen fotografieren konnte. Damals waren die verschiedenen Materialien noch nicht so lichtempfindlich wie heute, das heißt, man brauchte entsprechend viel Beleuchtung, Portraits wurden also auch gerne mal draußen gemacht. Und so war das auch mit dem Bild, das er dann 1839 fotografierte. 

Wer schon mal mit einer Großformatkamera hantiert hat, hat vermutlich auch eine ganz gute Vorstellung davon, wie das wohl ausgesehen haben muss. Robert Cornelius hat zunächst  in seinem Heimstudio die Silberplatte vorbereitet, in einer Dunkelkammer, die musste nämlich behandelt und lichtempfindlich gemacht werden und dann lichtdicht in einem Magazin verstaut werden. Dann trug er die Camera obscura ins Freie, positionierte einen Stuhl davor und ließ vermutlich jemanden darauf sitzen, um in aller Ruhe die Szene komponieren zu können, also, die Kamera richtig auszurichten. Nun wurde das Magazin, das er vorbereitet hatte, in die Kamera eingelegt, also eingeschoben, und ab jetzt war alles aufnahmebereit. Aufnahmedauer wahrscheinlich c.a. 5-8 Minuten, das heißt Robert Cornelius konnte ganz gemütlich von der Kamera vorne den Deckel abnehmen, zu dem Stuhl gehen, sich hinsetzen, und musste dann für mehrere Minuten bewegungslos ausharren, bevor er wieder aufstand, zurückging und den Deckel wieder vor die Öffnung der Camera obscura anbrachte.

Und da war es nun. Der welterste Selfie. Ein junger Mann mit zerzaustem Haar, der unsicher und vielleicht ein bisschen neugierig in die Kamera blickt. Lächeln hat man auf damaligen Bildern nach Möglichkeit vermieden, denn wer kann schon ein Lächeln mehrere Minuten lang halten, ohne dass es irgendwann wie eine Grimasse aussieht, und so lächelt auch Robert nicht in diesem Bild.

Ich finds ja grad schon so ein bisschen passend, dass das erste Selfie der Geschichte ausgerechnet von einem Amerikaner geschossen sein soll. Ab da gab es dann jedenfalls kein Halten mehr. Portraits waren natürlich eine der Hauptanwendungen der neu perfektionierten Technologie und Robert Cornelius betrieb mehrere Jahre lang mehrere Fotostudios, bevor er sich wieder dem Geschäft seiner Familie, dem Verkaufen und Entwickeln von Gas- und Beleuchtungsmitteln eben, zuwandte. Wahrscheinlich, weil man damit dann doch noch ein bisschen mehr Geld verdienen konnte.

Es gibt übrigens noch einen anderen Selfie-Kandidat, der kurz danach einen, nennens wir mal, “Protestselfie” erstellt hat. Es war nämlich jemand, der von sich auch behauptete, die Technologie perfektioniert zu haben, Daguerreotypien herzustellen, der Franzose Hippolyte Bayard. Der hatte dann seine Verfahren der französischen Akademie der Wissenschaften angeboten und war abgelehnt worden, was er als derart große Schmach ansah, dass er ein Protestselfie aufnahm, ein Selfie, auf dem er sich als Ertrunkenen darstellte, und dieses Selfie dann mit einem Protest-Text versah und einschickte.

Naja, ein bisschen melodramatisch, der Mann, damit schlägt sich auch der Bogen zu den modernen Selfies. Die gehen ja auch von völlig banal bis zu überdramatisiert. Von alltäglich zu künstlerisch. Die alltäglichen Selfies, die wir alle machen, vielleicht manchmal noch in Kombination mit den Selfies, die Celebrities machen, von denen mehrere absoluten Kult- und Berühmtheitsstatus erreicht haben. Kim Kardashian hat so viele Selfies von sich angefertigt, dass sie irgendwann sogar ein Buch anfertigte, statt einer Biografie nur mit ihren Selfies ausgekleidet, und damit die Bestsellerliste der New York Times eroberte.

Aber es gibt natürlich auch ernsthafte Selfie-Kandidaten. Andy Warhol hat eine ganze Menge Selfies gemacht. Der Künstler IYY hat Selfies von sich veröffentlicht. Und die Fotografin Cindy Sherman erkundet mithilfe des Selfies nicht nur alternative Identitäten, sondern auch ihr persönlichstes Innerstes. Überhaupt gibt es Künstler, die behaupten, das Selfie wäre sozusagen die hohe Kunst der Portraitfotografie, denn anders als bei der herkömmlichen Portraitfotografie hat der Fotograf beim Selfie ja wirklich intimes Wissen, intimstes Wissen über das Model.

Und trotzdem sind Selfies nicht jedermanns Sache. Es gibt zwar eine riesige Zahl Menschen, die sich gerne selbst fotografieren, aber längst nicht jeder mag den Selfie-Trend. Und auch wenn es uns nicht so vorkommen mag, nicht jedes Bild da draußen ist ein Selfie. Insgesamt sind tatsächlich nur 4 % der auf Instagram veröffentlichten Bilder Selfies. Der Rest teilt sich dann auf Gebäude, Urlaubsszenen, irgendwelche Gruppenfotos, Essen und was sonst noch an sujet existiert auf, jedenfalls sind wir dann doch nicht so egozentrisch, wie man meinen möchte, wenn man Kim Kardashian und co. als Maßstab annimmt.

Und wenig überraschend ist es dann auch noch so, dass es Unterschiede zwischen den Generationen und den Kulturen gibt. Eine interessante Statistik, die ich gefunden habe, stammt von der Zeitschrift “Time”, die 2014 den Hashtag #Selfie auf Instagram analysierte, und eine Rangliste erarbeitete, in welchen Städten denn die meisten Selfies geschossen würden. Kenngröße war Selfies pro 100.000 Einwohner. Was ich ganz interessant fand war, dass Makati City und New York die zwei Städte mit den meisten Selfies waren, aber in den Top 100 keine einzige deutsche Stadt vorkam. Und schon die Italiener und Franzosen musste man in der Liste echt suchen.

Egal wie, wir stehen auf den Schultern von Giganten. Das nächste Mal, wenn wir unser Handy hochreißen, um ein Selfie von uns zu fotografieren, einfach kurz innehalten und daran denken, dass wir in einer Linie zu Albrecht Dürer stehen. Oder zu Kim Kardashian. Je nachdem, wie man die Sache nun auslegen möchte.

Bild: By Robert Cornelius – This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs divisionunder the digital ID cph.3f04912.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6350177

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