30. Juli 2021

Wie Jennifer Lopez Google inspirierte

Wie kam Google eigentlich auf die Idee eine Bildersuchmaschine zu starten?


Transkript

I: Ich bin älter als das Internet. Das war ein Satz, den ich mal irgendwann zu meinen Kindern gesagt hatte, und damit meinen Status als Dinosaurier unverrückbar zementiert habe. Meine Kinder sind in einer Welt aufgewachsen, in der man ganz selbstverständlich auf eine Suchmaschine hat und die natürlich nicht nur nach Text, sondern auch nach Bildern und nach Videos suchen kann. Aber das war nicht immer so. (Musik im Hintergrund) Fotomenschen. (Musik läuft aus) Wir schreiben den 23. Februar im Jahr 2000. Es ist Zeit für die 42ten Grammy-Awards. Und wer das schon mal verfolgt hat, weiß, jede Kategorie dieses Awards hat eigene Laudatoren und Laudatorinnen. In der Kategorie Best R&B Album steht der Schauspieler David Duchovny, der Mulder in der TV-Serie X-Files spielte, und Jennifer Lopez auf der Bühne. (Applaus) 

B1: You know, David, coming out to present the first Award is a real Honor on these Programs.

B2: Well, Jennifer, this is the first Time in five or six Years, that I am sure, that nobody is looking at me. 

I: Er sei sich ganz sicher, sagte er, dass in diesem Augenblick niemand auf ihn schaut. Und da dürfte er recht gehabt haben. Die damals 31-jährige Jennifer stand nämlich in einem Hauch von Nichts mit ihm auf der Bühne. Ihre Brüste waren gerade so von einem halbdurchsichtigen, grünen Stoff bedeckt. Und die Menge starrte auf sie. Dabei hätte sie um ein Haar für diesen Abend etwas ganz anderes getragen. J.Lo. 

B1: I was nominated for a Grammy that Night. And I was filming Wedding Planer at the time, with Matthew McConaughey, and I was out in the Middle of nowhere, where we did the Horseback-Riding Scene, where the Horse loses Control. We were out doing that, and my Stylist comes in, and she is like: The Grammys tomorrow have no Time to do a Fitting. And she brings like three or four dresses.

I: J.Lo war eigentlich in der Mitte der Dreharbeiten für den Film Wedding Planer zu der Zeit. Außerdem war sie für den Grammy nominiert. Es ist der Abend vor dem Grammy und es war die ganze Zeit überhaupt keine Gelegenheit, um Kleider auszuwählen. Und ihre Stylistin hat deswegen auch nur zwei oder drei Optionen dabei. Es hatte also einfach alles zu lange gedauert und es gab kaum noch Optionen. Und so kommt es, dass am Tag der Grammy-Verleihung, statt, wie normalerweise, Massen von Kleidern, nur noch zwei Kleider zur Auswahl stehen. Ein weißes und ein grünes. Jennifer Lopez‘ Stylistin ist für das weiße. Denn das grüne hatte zuvor schon Donatella Versace selbst, und auch noch ein Model auf dem Laufsteg getragen. Und auf den Grammys, da will man doch was tragen, was niemand zuvor irgendwo gesehen hat, findet sie. Allerdings, als J.Lo das grüne Dschungel-Dress anzieht, da ist allen im Raum klar, das wird das Kleid. Also allen, außer der Stylistin. Aber zumindest die Männer im Raum sind der absoluten Überzeugung, das ist das Kleid, das sie tragen muss. Das wird ihr die Aufmerksamkeit im Raum sichern.

B1: And the only Concern was whether or not, my Boobs were going to pop out on Stage, or anywhere along the Way, because it was so low-cut. We literally laid double Stick down, to (?Pay-Tape), and we stuck the Dress to it.

I: Die einzige Sorge, die sie bei dem Kleid hatten, war, ob ihre Brüste nicht vielleicht rausfallen könnten, auf dem Weg zur Veranstaltung, oder auf der Veranstaltung selbst, auf der Bühne, oder so. Und deswegen hat man doppelseitiges Klebeband genommen und das Kleid, direkt an den Nippeln vorbei, fixiert.

B1: So, everybody, having the same Thoughts, like „Is this Dress going to blow open?”. You know, it is so low-cut. And I guess that was fascinating for People. But there was never any Danger of that.

I: J.Lo behauptet bis heute, ihr war nicht klar gewesen, welche Wirkung dieses Kleid auf die Leute hatte, bis zu dem Moment, wo sie damit auf dem roten Teppich war.

B1: And we hit the red Carpet, and it was a Frenzy. The Flashes started going, in a Way, that it is not usually. 

I: J.Lo gewann den Grammy nicht an diesem Abend. Und sie war auch erstmal traurig darüber. Tatsächlich war das Ganze trotzdem ein Rekord-Grammy, weil Santana mit elf Grammys nach Hause gegangen ist. Allerdings, die Tatsache, dass Santana elf Grammys, und damit einen Rekord gewonnen hatte, wurde am nächsten Tag von der Presse komplett ignoriert. Das wichtigste, was alle Zeitungen abzudrucken hatten, war J.Lo in diesem grünen Kleid. Und die Welt wandte sich ans Internet und versuchte, Bilder von J.Lo in diesem Kleid zu finden. Die damals noch junge, aber schon etablierte Suchmaschine, Google, merkte das sofort auf ihren Servern. Gerüchten zufolge war es einige der wenigen Gelegenheiten, bei denen eine weltweite Suchanfrage, die Server von Google in die Knie gezwungen hatte.

Und weil Google damals noch keinerlei Möglichkeit hatte, um nach Video oder Fotos gezielt zu suchen, sondern einfach nur Links auf Webseiten zeigte, das aber nun mal eine Suchanfrage war, die man eigentlich nur mit einem Bild beantworten konnte, entstand aus diesem einzigartigen Grammy-Auftritt, die Idee, die Google-Bildersuche zu entwickeln. 250 Millionen Fotos konnte man dann 2001, bei der frisch gestarteten Google-Bildersuche finden. Eine Mini-kleine Zahl, verglichen mit den über 50 Milliarden Bildern, die in der heutigen Google-Bildersuche indiziert sind. Inzwischen kann man nicht nur durch Begriffe, Bilder finden. Sondern man kann auch nach Vorkommen von Bildern, oder nach ähnlichen Bildern, oder nach bestimmten Arten von Bildern suchen. Und natürlich kann man da auch, nach wie vor, von dem grünen Dschungel-Dress von Versace suchen. Inzwischen findet man dort allerdings nicht nur das ikonische Kleid und Bild von Jennifer Lopez aus dem Jahr 2000, sondern stellt fest, sie hat es nochmal getan.

Zum Zwanzigjährigen dieses Auftritts, hatte Donatella Versace eine aktualisierte Fassung dieses Dschungel-Dresses gemacht. Und J.Lo ließ sich das nicht nehmen, der Welt zu zeigen, wie man mit 51 Jahren aussehen kann, in einem Hauch von Nichts und doppelseitigem Klebeband. Dieses Kleid blieb nicht das einzige Kleid, das zu einer viralen Sensation im Internet wurde. So war im Jahr 2015 ein Kleid in aller Munde, bei dem sich das Internet nicht darauf einigen konnte, welche Farbe es eigentlich hatte. War es golden und weiß, oder schwarz und blau? Unklar. Und wieder glühten die Drähte. Aber dieses Mal war die Google-Bildersuche natürlich zur Stelle und konnte helfen. Auch hier gab es ganz konkret, weitreichende Folgen. So wurden mehrere Dutzend Studien und Paper geschrieben, die sich mit dem Wahrnehmungsapparat des Menschen befassten.

Es war zunächst einmal ein neurologisches und ein psychologisches Phänomen. Und durch die Masse an Menschen, die sich im Internet damit befassten, war eine einzigartige Datenbasis geschaffen worden, mit der man hervorragend forschen konnte. Wir glauben ja durchaus gerne mal, dass Fotografie die Welt verändern kann. Und ich finde es ja schon irgendwie lustig, dass die Mode-Fotos, die die Welt letztlich verändern, keine hochprofessionell orchestrierten und liebevoll gestalteten Mode-Shots sind, sondern mehr oder weniger Schnappschüsse, die danach Millionen Menschen im Internet beschäftigt haben. Wenn man J.Lo ist, ist Mode ein Riesending, aber auch irgendwie Alltag. Und trotzdem sticht dieser Moment auf den Grammys auch für J.Lo weit raus.

Und er zeigt, wie visuell unsere Kultur inzwischen geworden ist. In einer Welt ohne Fotografie, wäre ein Kleid nie so populär und bekannt geworden. In einer Welt ohne Internet, hätte sich niemand, außerhalb der Stadt, in der dieses Kleid zu sehen gewesen war, dafür interessiert. In einer Welt mit dem Internet und der Fotografie kann die Frage nach den fast rausfallenden Brüsten von J.Lo dafür sorgen, dass der weltgrößte Suchmaschinenhersteller ein komplett neues Produkt auf den Markt bringt. (Musik) Fotomenschen.

Wer sich jetzt selbst ein Bild von den besprochenen Kleidern machen möchte, wird natürlich, wie immer, in den Notizen zur Sendung fündig. Und wer die nicht vollständig, inklusive eingebetteter Videos, im (?Pod-Catcher) sieht, der findet sie auf Fotomenschen(.)net. Dort gibt es inzwischen auch etwas Neues. Nämlich in der Menüleiste einen Link auf den Fotomenschen YouTube-Kanal. Ich möchte ein bisschen mit Video rumprobieren. Ich möchte hin und wieder begleitendes Material zum Fotomenschen Podcast veröffentlichen. Und wer mag, wird da gelegentlich auch mal Vlogs von mir finden. Schaut gerne mal rein und lasst mich wissen, wie ihr es findet.

Überhaupt, Feedback ist die Währung, die mich hier am Laufen hält. Und das kann man loswerden, im Fotomenschen Twitter-Kanal, im Fotomenschen YouTube-Kanal, auf iTunes, in Form von Sternbewegungen, oder direkt im Blog, auf Fotomenschen(.)net in den Kommentaren. Und wer das Projekt unterstützen möchte, der teilt es weiter, sodass auch andere zu dem Podcast finden können. Ich höre ja immer wieder mal, dass Leute gedacht haben „Oh, nicht noch ein Foto-Podcast.“, und dann durch irgendeinen Zufall doch mal reinhören und überrascht davon sind, wie spannend sie es auch dann finden, wenn sie selbst sich nicht zu den Fotografinnen zählen. Ergo, empfehlt doch den Podcast auch gerne anderen Leuten. Also nicht nur Leuten, die sich erkennbar für Fotografie interessieren. Ansonsten noch zum Abschluss ein dickes, dickes Dankeschön an den Niels, der der Themenpate für die heutige Folge war. Und wer auch gerne Themenparte sein möchte, das ist das Ding mit dem Feedback, von dem ich es gerade hatte. Bleibt gesund. Danke für das Zuhören. Bis bald.

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