2. September 2021

Die Erfindung der Actioncam

Bei dem Wort „Actionkamera“ denkt man unweigerlich an die Marke GoPro und YouTube wäre nur halb so voll würden alle mit GoPro-Kameras aufgezeichneten Videos entfernt werden. In dieser Folge geht es um die Gründungsgeschichte.


Transkript

Nick Woodman ist ein Jahr älter als ich. Und war so ein richtiger kalifornischer Sunnyboy, irgendwie ist er eigentlich immer noch ein kalifornischer Sunnyboy, und wie man das so macht, als waschechter Kalifornier beschäftigt man sich mit Surfen, startet Unternehmen und versucht, mit Technologie die Welt zu verändern, man schafft es vielleicht auch so ein kleines, kleines Bisschen.

Nick war in eine Familie mit Geschäftssinn geboren worden. Sein Vater war ein Investmentbanker, Mutter wie Vater waren gut in die Investmentszene im Silicon Valley vernetzt, die Szene also, in der Millionen an US-Dollar locker sitzen, wenn jemand mit einer guten Geschäftsidee ums Eck biegt. Oder eine schlechte Idee ziemlich gut aussehen kann.

[Musikalische Einlage: Kara Square – Hanging Eleven]

Nick studierte Visual Arts und Creative Writing, also weder Engineering, noch irgendein Businessthema. Und ich glaube, man kann sagen, er war von Beruf am Anfang so. In die Fußstapfen seiner Eltern tretend versuchte er sich aber auch relativ früh damit, Unternehmen zu gründen, startete zum Beispiel EmpowerAll.com, ein Unternehmen, wo er Elektronikteile verkaufen wollte. Und später dann ein Unternehmen namens FunBug, bei dem es darum ging, Geldpreise mit Spielen zu gewinnen. Beides floppte eher so.

Wenn er nicht an seinen Startupideen arbeitete, verbrachte Nick jede freie Minute auf seinem Surfbrett. Nicht immer wirft er dieses Surfbrett in die Kalifornischen Gewässer: 2000 ungefähr ist er in Australien und in Indonesien auf Surftrip. Und er hätte gerne Fotos davon. Er beneidet die ganzen Profisurfer, die professionelle Kameramänner mit wasserdichtem Equipment bei sich haben, die dafür sorgen, dass sie in den Wellen gut aussehen. Amateure werden oft von Hobbyisten fotografiert und die haben dann einfache Filmkameras, die weder wasserfest sind, noch dafür geeignet, nah ranzuzoomen, ja, und deswegen sehen Surffotos von Privatleuten einfach selten spektakulär aus.

Nick knipst ganz gerne mal mit den damals üblichen Point-And-Shoot-Kameras herum und hat eine Idee. Er nimmt eine einfache Kodak Kamera, bastelt ein einigermaßen dichtes Gehäuse außenherum und konstruiert ein kleines Harness, mit dem er diese Kamera an den Arm schnallen kann. Die Kamera liegt am Arm an, kann aber bei Bedarf aufgestellt werden und natürlich ist Auslösen und Bedienen ein Problem – Wenn man in den Wellen ist, hat man ja vielleicht nicht gerade die Muße, Zeit und den Überblick, um kleine Tasten zu drücken oder Rädchen zu verstellen. 

Und trotzdem sind die Ergebnisse sofort beeindruckend. Die Leute sind begeistert. Was eigentlich als ein kleiner Hack für sich selbst beginnt, wird schnell zu einer ausgewachsenen Geschäftsidee, denn Nick erkennt: Das könnte man verkaufen. Nick konstruiert einen Prototypen und fängt an, Geld zusammenzutragen. Will er das Ganze professionell betreiben, braucht es eine Anschubfinanzierung. 

Eine erste Idee tut sich noch während seiner Reise auf: In Bali begegnet ihm ein Strandverkäufer, der kleine Schmuckstücke verkauft und Nicks Freundin ist ganz hin und weg davon, wie toll diese Armbänder aussehen. Die Dinger wird man ihm daheim in Kalifornien aus den Händen reißen, denkt sich Nick, und zwar für weit mehr als die zwei Dollar, die der Strandverkäufer aufruft. Er fragt den Strandverkäufer, wie viele dieser Armbänder er ihm verkaufen könnte und fliegt mit 200 dieser Armbänder nach Hause. Dort machen er und seine Freundin sich dann auf den Weg die Kalifornische Küste herunter und verkaufen diese Bänder für 60 Dollar das Stück. Unterm Strich verdienen sie damit über 10000 Dollar. 

Mit diesen 10000 Dollarn Anschubfinanzierung taucht er jetzt bei seinen Eltern auf, zeigt denen den Prototypen, zeigt ihnen diese 10000 Dollar, die er selber beisteuert und bittet um Unterstützung. Sein Vater wirft 200000 Dollar in den Ring. Seine Mutter trägt weitere 30000 dazu bei. 

Und mit 240000 lässt sich schon etwas anfangen. Nick kauft sich eine Nähmaschine, um die Harnesse zu konstruieren und macht einen Deal mit einem chinesischen Zulieferer, um Kameras zu fertigen. Sowohl die Kamera als auch das wasserfeste Gehäuse als auch das Harness sollen von dem neu gegründeten Unternehmen geliefert werden. Es folgen Verkaufsauftritte beim Fernsehsender QVC und war das Produkt am Anfang noch eine Spielerei für Hobbyisten, erregt es relativ schnell das Interesse von Semiprofis und ernsthaften Amateuren. 

Und er entwickelt weiter. Die Bedienung muss vereinfacht werden, das Gehäuse muss kleiner werden, die Kamera muss kleiner werden, Film will ja weitergedreht werden und auch dafür braucht es natürlich eine entsprechende Mechanik und so wird relativ schnell klar, dass die Zukunft dieser Kamera digital sein wird.

Und so ist schon das dritte offizielle Produkt des Unternehmens eine Digitalkamera, eine digitale Actionkamera. Wir reden natürlich die ganze Zeit von dem einen Unternehmen, das jeder und jedem einfällt, wenn die Rede von Actionkameras ist. Ich würde sogar so weit gehen, dass eigentlich niemand Actionkamera sagt. Ähnlich, wie wir „Tempo“ statt „Taschentuch“ und „Uhu“ statt „Klebstoff“ sagen, sagt man inzwischen „GoPro“ statt „Actionkamera“. 

Was ursprünglich mal mit einer kleinen Knipse anfing, wurde relativ schnell zu einer ganzen Produktpalette. Spezielle Harnesse, Gehäuse, Kameras in unterschiedlichen Ausrüstungsstufen und natürlich blieb es nicht beim Fotografieren. Video wurde zur wichtigsten Funktion der GoPro Hero Kameras, die ab da dann die meistverkauften Produkte des Unternehmens waren. Und diese GoPro Hero hatte eigentlich auch nichts mehr mit den Kameras zu tun, die Nick ganz am Anfang verkaufte. 

War er Anfang der 2000er aus einem VW Bus damit beschäftigt, Kameras im Wert von 3 Dollar für 30 Dollar zu verkaufen, überblickte er 2012 ein Unternehmen, das pro Quartal über 2 Millionen Kameras umsetzte. Digitalkameras, die Videostreaming über WiFi konnten, die praktisch unerschütterlich waren und die radikal veränderte, wie die Welt sich selbst und ihre Helden auf Video aufnahm. 

Im Dezember 2012 dann gab das asiatische Unternehmen Foxconn bekannt, in das Unternehmen GoPro einsteigen zu wollen und kaufte fast 9% der Anteile. Der Wert des Unternehmens stieg damit schlagartig auf über 2,2 Milliarden US-Dollar und Nick Woodman, der Hauptanteilseigner des Unternehmens war, war damit über Nacht zum Milliardär geworden. 

Jetzt gab es kein Halten mehr. Das Unternehmen sollte wachsen. Eine Entertainmentsparte wurde ins Leben gerufen, zu den Kameras als Kerngeschäft wollte man eben auch noch Medien verkaufen. Es ist die Zeit, in der HBO und Netflix und alle möglichen anderen Streaminganbieter um Marktanteile ringen und da wollte man bei GoPro nicht nebendran stehen. Und produzierten GoPro Nutzer nicht am laufenden Band Videomaterial? Das musste man doch irgendwie nutzen können… 

Ja, konnte man nicht. Die nächste Idee war, eine GoPro Drohne auf den Markt zu bringen. Actionfilmer filmen ja auch gerne mal aus der Luft. Und Mitte der 2010er begannen Drohnen, der heiße Scheiß im Hobbyfilmbereich zu werden. Nur dachte da niemand so richtig an die GoPro Drohnen und so floppte auch diese Geschäftsidee. 

Es ging auf und ab und irgendwann musste Nick Woodman anfangen, Einsparungen einzuleiten und Leute auf die Straße zu setzen. Während er sich selbst zum bestbezahlten CEO der Branche machte und über 200 Millionen Dollar auszahlte, wurde er an anderer Stelle zum schlechtesten CEO des Jahres gewählt.

Außerdem besannte man sich aufs Kerngeschäft: Actionkameras. Die wurden durchgehend immer gut verkauft. Auch heute noch verkauft GoPro über 600000 Kameras pro Quartal. Das muss ihnen erstmal jemand nachmachen. Und wenn man den Meldungen und Pressemitteilungen glauben darf, war sowohl 2020 als auch bisher 2021 gar kein so schlechtes Jahr für die Branche. Wobei da natürlich die Frage besteht: Was meine ich denn mit Branche? Kameras oder Personal Electronics, sprich Hobbyspielzeug, das zufällig auch noch Videos und Fotos machen kann? Und die Rede ist natürlich von Letzterem.

Heute ist Nick Woodman 46 Jahre alt und nur noch knapp 300 Millionen US-Dollar schwer. Und ganz egal, was man jetzt von ihm hält oder ob man ihn und seine Kameras jetzt nun gut oder schlecht findet, es war revolutionär, die Menschen in die Lage zu versetzen, sich in jeder noch so spektakulären Situation filmen zu können. Vom Urlaub über den Kindergeburtstag bis hin zum Weltrekordversuch wird heutzutage fast alles in irgendeiner Form auch immer noch mit einer GoPro aufgezeichnet. Und das ist echt nicht schlecht für jemanden, der eigentlich beim Surfen nur die Idee hatte: Wäre es nicht cool, wenn ich mich selber fotografieren könnte, während ich auf dem Surfbrett stehe.

Ich selbst besitze keine GoPro Kamera. Aber ich gebe zu, dass seit ich einen YouTube Kanal angefangen habe, immer wieder darüber nachdenke, ob ich mir nicht eine zulegen möchte. Denn die Dinger sind schon konkurrenzlos klein und vielseitig. Man muss nur mal eine B-Roll Aufnahme von dem berühmten YouTuber Peter MCKinnon anschauen, wo er zeigt, wie er Kaffee macht, indem er in eine Karaffe Wasser schüttet, heißes Wasser auf eine Kamera drauf. Macht das mal mit einer eurer Spiegelreflexkameras! Oder schnallt euch mal die Dinger beim Mountainbiken um den Bauch.

Aber egal wie, die Geschichte ist einerseits sehr typisch für das Silicon Valley. Es ist fast schon der klassische American Dream. Kalifornischer Sunnyboy hat Geschäftsidee, setzt die um, wird zum Multimilliardär, ja, oder inzwischen -millionär, und verändert die Welt und wie wir die Welt sehen mithilfe von Technologie. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Geschichte von Arroganz, Selbstüberschätzung und zwischendurch auch einer gehörigen Portion Geldgier. Es fällt schon auf, an wie vielen Stellen Nick Woodman sich selbst einen ordentlichen Aufpreis gegönnt hat. Da werden Armbänder für 2 Dollar eingekauft und für 60 Dollar verkauft. Oder Kameras für 3 Dollar produziert und für 30 Dollar verkauft. Oder man macht sich selbst zum bestbezahlten CEO der Welt, während man Leute an die Luft setzen muss, weil die eigenen Geschäftsideen dann doch nicht ganz so vielseitig ausbaubar sind, wie man das so dachte. Es gibt eben kein schwarzweiß, da ist eine Menge Graustufe dazwischen. Interessant ist die Geschichte aber allemal. Denn zumindest ich wusste vor dieser Recherche relativ wenig über das Unternehmen, dessen Kameras gefühlt überall zu haben sind.

Medien:

  • Hanging Eleven, Kara Square feat. Blue Wave Theory (dig.ccmixter), CC-BY
  • Picture by cellanr – https://www.flickr.com/photos/rorycellan/15468680845/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36296116

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