28. August 2021

Eisenstaedts Ode an die Freude

Der Fotojournalist Alfred Eisenstaedt hat über 2500 Fotoreportagen produziert, war 90 mal für Titelbilder des Life Magazins verantwortlich und machte einige der berühmtesten Fotografien des 20. Jahrhunderts. Umso schöner dass einige seiner ikonischsten Aufnahmen pure Freude zeigen, wie zum Beispiel das Bild „Drum Major“ aus dem Jahr 1950.


Transkript

Von dem Bild, über das ich heute sprechen möchte, wird manchmal behauptet, es sei das fröhlichste Foto, das jemals gemacht worden wäre. Der Fotograf Alfred Eisenstaedt selbst nannte es einfach „Drum Major“. Weil es einen Drum Major zeigt. Unter anderem.

Andere betiteln das Bild „Ode to Joy“, also „Ode an die Freude“.

Alfred Eisenstaedt sind wir hier im Podcast schon mal begegnet, nämlich in Folge 34, „Gewollte Romantik“. Denn er ist der Fotograf, der am Time Square das berühmte Foto eines eine Krankenschwester küssenden Seemanns machte. 

Eisenstaedt war der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er war 14, als er seine erste Kamera, eine Eastman Kodak Faltkamera, geschenkt bekam. Das war im Jahr 1912. Am Anfang sah es so aus, als würde Alfred in die Fußstapfen seines Vaters treten und auch eine kaufmännische Laufbahn einschlagen, aber er hörte auch nie auf, in seiner Freizeit zu fotografieren und reichte seine Aufnahmen auch bei diversen Magazinen und Zeitungen ein. Er war 16, als er die ersten Aufnahmen verkaufte und ab da war eigentlich klar, dass er freier Fotograf werden würde.

Es ist das Berlin der 20er Jahre, in dem er sich dann seinen Namen macht. Zu der Zeit werden mehr und mehr Illustrierten gegründet und Alfred Eisenstaedt hat ein Händchen dafür, Fotos zu machen, die kleine Geschichten zu erzählen scheinen. Genau die Art Material, die in diesen Illustrierten reißend Absatz finden. Er selbst sieht sich als dokumentarischer Fotograf. Neben allgemeinen Alltagsszenen fotografiert er auch berühmte Persönlichkeiten seiner Zeit. Er macht Portraits von Marlene Dietrich, George Bernard Shaw, Richard Strauss oder auch von Diktatoren wie Mussolini oder Hitler. 

Als die Lage in Nazideutschland zu gefährlich für ihn wird, immigriert er in die USA, tritt einer Stelle bei Associated Press an und wird dort relativ schnell zum Starreporter. Er ist quirlig, umtriebig, hat ein ständig wachsendes, sehr durchmischtes Portfolio und findet im Handumdrehen Aufträge bei so Namen wie Vogue oder Life Magazine. 90 Mal macht er Titelblätter für das Life Magazine und ist damit einer der ganz großen Fotografen der Branche. 

Er reist um die Welt. Er macht Kriegsreportagen, fotografiert berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel John F. Kennedy im Alltag und das Material ist gefragt. Eisenstaedt ist der Autor von über 2500 Bildreportagen. Er ist ein Profi, der seine Kamera gefühlt permanent in der Hand hält. 

Je mehr man fotografiert und je mehr man rumkommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass einzigartige und interessante Aufnahmen entstehen und da ist natürlich Alfred Eisenstaedt auch keine Ausnahme. Er hat viele sehr berühmte, sehr ikonische und auch sehr schöne Aufnahmen gemacht, aber das meiner Meinung nach beste Bild in seinem Portfolio, da lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster, entsteht in Michigan im Herbst des Jahres 1950. Alfred Eisenstaedt ist zu der Zeit on assignment. Es geht um eine landesweit berühmte Marschkapelle, die Michigan University Marching Band. 

Marching Bands oder Marschkapellen sind eigentlich eine Einrichtung, die das britische Militär erfunden hat und die dann in Europa in verschiedenen Militäreinheiten üblich waren. Der Grundgedanke war, Trommler auf dem Kampffeld zu haben, die dann Kommandos geben konnten und so den kämpfenden Einheiten Orientierung verschaffen. Zu Trommeln kamen Trompeten und Glockenspiele und zack, war sie geboren, die militärische Marschkapelle, heutzutage meistens zu irgendwelchen Ehrenanlässen eingesetzt. 

In den USA spaltete sich dann aber aus dem militärisch geprägten Kapellen ein weiterer Trend ab und Universitäten formten ihre eigenen Marschkapellen. Deren Aufgaben sind dann nicht mehr militärisch, was die aber regelmäßig machen, ist zum Beispiel bei ja auch von Universitäten dominierten Sportveranstaltungen das Publikum anzuheizen, ähnlich wie die Cheerleader. 

Die Idee dieser Marching Bands ist dann, in großen Gruppen musizierend nach einer vorgegebenen Choreografie zu marschieren. Da werden Formationen abgegangen, da werden Buchstaben abmarschiert und der Dirigent und Anführer ist der sogenannte Drum Major. Der oder die Drum Major hat dann üblicherweise einen großen, länglichen Pelzhut auf und einen metallischen Stab in der Hand, um damit zu dirigieren. Das Ganze ist natürlich einigermaßen akrobatisch, das heißt, dieser Stab wird durch die Luft gewirbelt und geworfen, gefangen, gedreht und natürlich hüpft, springt oder dreht sich auch der oder die Drum Major dabei. Auftritte von Marching Bands folgen vorgegeben Choreografien und vom Drum Major werden ausladende, dramatische Schritte und Sprünge erwartet. 

An jenem Herbsttag 1950 jedenfalls fotografiert Alfred Eisenstaedt all das, was man so zu sehen erwartet, wenn man das Training einer berühmten Marching Band besucht. Am nächsten Morgen, erfährt er, trainieren speziell die Drum Major und das will er natürlich aufnehmen.

[Einspieler]

„Another picture will be remembered when I’m in heaven is that picture I took at the University of Michigan. I had to do a story on the brass band and I wanted to photograph the drum major rehersing in the morning.“

Er haftet sich speziell an die Fersen des Head Drum Major und folgt ihm kreuz und quer über den Rasen.

[Einspieler]

„When I run after and I photographed it and while I was running, all the boys from the faculties paraded with him.“

Er ist in vollständiger Drum Major Uniform, inklusive dem pelzigen Hut und er übt den hohen, dramatischen Schritt wieder und wieder. An der Seite der Wiese spielen einige Kinder und werden auch auf den Drum Major aufmerksam. Sie sind schätzungsweise acht bis zwölf Jahre alt und finden lustig, was sie sehen. Und beginnen, ihn nachzuahmen. Als er bei seiner Runde wieder mal näher an ihnen vorbeikommt, beschließen sie, ihm einfach nachzulaufen und nachzumachen. Und als Alfred Eisenstaedt seine Kamera hochhebt und abdrückt, ist der Drum Major im vollen Ausfallschritt mit sieben Kindern, die in unterschiedlichen lachenden, fröhlichen Posen hinter ihm herlaufen zu sehen.

[Einspieler]

„People think this was a posed picture. This was never posed, not posed at all. This is a natural picture. People imitated me later, but this was not posed.“

Das ist ein Bild, bei dem zumindest ich sofort grinsen muss. Und es war dann dieses Bild, das aus einer im Magazin geplanten Reportage die Titelstory machte. 

Drum Major machen viel mehr als einfach nur akrobatische Schritte und ein Orchester zu dirigieren, sie sind außerdem Verbindungsglied zwischen den Musikern und der Leitung der Universität oder ihrer Einheit, sie sind oft Public-Relation-Person, sie erarbeiten Choreographien, es ist eine anspruchsvolle Position, auf die man echt stolz sein kann. 

Natürlich gibt es Marschkapellen und auch die Rolle des Drum Majors auch bei uns, aber ich wäre dann trotzdem relativ überrascht, wenn ich zu Beginn eines Fußballspiels ein mehrere Dutzend Personen großes Orchester auf dem Spielfeld auflaufen sehen würde. Und ich wäre noch verdutzter, wenn die dirigierende Figur plötzlich irgendwelche Sprünge macht oder übertrieben große Schritte. Aber es ist cool, anzuschauen und ohne Frage macht es Spaß, den Drum Major dabei zuzusehen, wie sie ihre Mannen und Frauen anfeuern. 

Und das Foto von Alfred Eisenstaedt fängt das wie kein anderes perfekt ein. Das Foto zeigt keinen Drum Major und Kinder, es zeigt Freude. Und auch das finde ich bemerkenswert. Alfred Eisenstaedt hat sein ganzes Leben lang fotografiert und er hat viele ikonische Bilder geschaffen, aber die Bilder, die am meisten herausstehen, zeigen Momente der Freude.

2 Responses

  1. Steff sagt:

    Und wieder ein dickes Danke an Dirk. Tolle Episode, die meinen Horizont erweitert und ein paar Vorurteile (ob der „Albernheiten“ der Stockschwinger) beseitigt hat. Beim Hören fiel mir ein Themenvorschlag ein, ich schreib ihn mal hier, Dirk liest ja mit: „Warhol. Monroe“. Ich sag nur, fotografischer Siebdruck. Und lauter solch Sachen, von denen ich keine Ahnung habe…bis ich dann die Fotomenschen-Aufbereitung gehört hab.

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