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8. November 2020

Embryos und Raumsonden

Die fotografische Karriere von Lennart Nilsson beginnt mit Celebrityfotos und endet mit Aufnahmen von Viren und Zellen. Seine Aufnahmen kennen wir alle.

(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach https://fotomenschen.net)

Bild: lennartnilsson.com


Transkript

Als der Schwede Lennart Nilsson 2017 im Alter von 95 Jahren starb, hatte er nicht eine, sondern mindestens drei erfolgreiche Fotografenkarrieren hinter sich. Erfolgreicher Kriegsfotograf, Celebrityreportagefotograf, Fotojournalist, Makrofotograf, Produzent eines der meistverkauften Fotobücher der Erde und einer von 116 Fotografen, deren Werke mit der Raumsonde Voyager auf die Reise ins unendliche Weltall geschickt wurden.

Woher wissen wir, wie der Coronavirus aussieht und wie fotografiert man so ein Ding? Das ist der Einstieg zur heutigen Folge. Aber auch wirklich nur das. Nur der Einstieg.

Ich hab es jetzt praktisch schon vorweggenommen. Wir wissen, wie der Coronavirus aussieht, weil wir eine Aufnahme davon haben. Ob man das ein Foto nennen kann, könnte man jetzt diskutieren. Denn die Aufnahme an sich wird nicht mit Lichtwellen gemacht, sondern unter dem Rasterelektronenmikroskop. Und das heißt, die Bilder, die wir dann haben, sind sozusagen Aufnahmen einer Aufnahme. Aber so eng wollen wir es gar nicht nehmen.

Eine normale Aufnahme funktioniert ja so, dass wir eine Camera obscura, also einen dunklen Kasten haben, vor den heutzutage meistens ein mehr oder weniger kompliziertes Linsensystem, das man Objektiv nennt, geschraubt wird. Und durch diese Öffnung wird ein Bild in den Kasten, auf den Sensor oder Film projiziert. So ein Sensor besteht aus einzelnen Punkten, die lichtempfindlich sind. So ein Film enthält Salzkristalle, die lichtempfindlich sind. Und je nachdem wie viel Licht auf den Sensor oder diese Salzkristalle fällt, wird das Bild als unterschiedlich hell oder dunkel wahrgenommen. 

Ein Rasterelektronenmikroskop funktioniert ganz grundsätzlich anders. Die Objekte sind so klein, dass wir sie mit Licht nicht ausleuchten können. Stattdessen wird bei einem Rasterelektronenmikroskop ein gebündelter Elektronenstrahl erzeugt und auf unser Fotoobjekt geschossen. Wenn der Elektronenstrahl nun auf die Oberfläche trifft, werden sogenannte Sekundärelektronen weggesprengt. Die kann man nun einsammeln. Dieser Strahl nun tastet jetzt die gesamte Oberfläche wie an einem Raster ab. Deswegen auch Rasterelektronenmikroskop. Und jedes Mal, wenn er stehenbleibt, sammelt eben der Detektor die Elektronen, die wegspritzen, sozusagen, ein und berechnet daraus die Helligkeit. So entsteht das Bild im Rasterelektronenmikroskop.

Und diese Aufnahmen sind super faszinierend. Sie zeigen Dinge, die wir noch nie vorher gesehen haben, haben aber trotzdem eine durchgehende Schärfe und wirken fotorealistisch und dreidimensional auf uns. Außerdem sind diese Aufnahmen schwarzweiß. Immer. Farbe ist schließlich eine Wellenlängenänderung im reflektierten Licht und das, was wir da sehen, hat ja kein Licht reflektiert.

Rasterelektronenmikroskope sind außerdem relativ große Apparaturen. Das liegt unter anderem daran, dass man die Objekte, die man fotografieren möchte, in einem Vakuum lagern muss. Und da braucht es dann eine Vakuumpumpe. Dann muss natürlich dieser Elektronenstrahl erzeugt werden und er muss gebündelt werden, also mit einer Art magnetischer Linse geformt werden. 

Ja, und all diese Gerätschaften brauchen nicht nur eine Menge Strom, sondern auch einiges an Platz und sind deswegen auch etwas aufwändiger. Aus all diesen Gründen findet man Rasterelektronenmikroskope hauptsächlich in der Forschung; in der Materialforschung, in der Biologie, überall dort, wo man eben kleinste Strukturen sichtbar machen möchte. 

Aber auf diesen Anwendungszweck sind die nicht beschränkt. In der gesamten Geschichte der Fotografie oder der bildgebenden Verfahren war es immer auch so, dass neben Technikern und Wissenschaftlern sofort auch Amateure und Künstler zu den neuen Technologien griffen und damit zum Teil Spektakuläres schufen.

Und damit sind wir jetzt beim Fotomenschen heutigen Folge. Lennart Nilsson. Das ist nämlich der Mann, dem wir die ersten Aufnahmen des Aids-Virus und 2003 im zarten Alter von 81 Jahren das erste Bild des Sars-Virus verdanken. Und Lennart ist kein Wissenschaftler, sondern Fotojournalist. Da hatte ich nun mal meine Antwort. 

Allerdings war Lennart dann der Jackpot. Als ich nämlich nach Bildern von ihm suchte, erwartete ich mikroskopische Aufnahmen. Womit ich aber nicht rechnete, waren Aufnahmen des schwedischen Königshauses, Fotos von der Eisbärenjagd in Spitzbergen, Insekten in Großaufnahme. Reise und Kriegsfotografie oder die Bilder, für die er eigentlich berühmt ist, nämlich spektakuläre Farbaufnahmen von ungeborenem Leben. 

Und die Bilder kamen mir verdammt bekannt vor. Ein kurzer Blick ins Bücherregal, stimmt. Da steht ein Buch, das heißt “Ein Kind entsteht”. Ich glaube, dieses Buch haben verdammt viele Eltern daheim. Witzigerweise hatte ich dieses Buch überhaupt nicht mehr auf dem Radar. Ich habe über dieses Buch noch nicht einmal als Fotobildband nachgedacht denn es ist ja eigentlich für werdende Eltern gemacht und soll illustrieren, wie sich das Kind nach und nach entwickelt. Aber natürlich ist das ein Bildband, sogar einer der meistverkauften Bildbände der Welt. Und es sind Fotos, mit denen Lennart Nilsson Fotogeschichte geschrieben hat. Bis heute gibt es wenige Aufnahmen, die technisch besser sind als das, was er da abgeliefert hat.

Er war zwar nicht der erste, der Nahaufnahmen von Embryos gemacht hatte, aber keiner hatte diese technische Perfektion mit atemberaubender Bildästhetik kombiniert. 

Das Ganze war 1965 im Auftrag des Live Magazines entstanden. Denen hatte Lennart ursprünglich eine Bildstrecke über Embryos angeboten und die Bildredakteure des Live Magazines sind hielten die Vision für großartig aber eigentlich im Grunde nicht umsetzbar. 

Was er dann allerdings lieferte, verschlug ihnen die Sprache und Live Magazine produzierte eine Ausgabe mit einem Fotoessay und legte eine der Aufnahmen auf das Titelblatt und wurde so zur meistverkauften Ausgabe ihrer Firmengeschichte. Die Hefte wurden von den Regalen gerissen. Bis zu diesen Aufnahmen hatte die Öffentlichkeit keine Vorstellung davon, wie ein Embryo im Mutterleib aussah.

Zu dem Zeitpunkt war Lennart Nilsson eigentlich schon ein etablierter Fotograf: Mit seinen Fotoessays war er regelmäßig im berühmten Fotomagazin vertreten, sein Buch über schwedische Celebrities verkaufte sich gut aber es waren diese Aufnahmen, die für ihn eine lebenslange Passion werden sollten. Was mit diesem Artikel im Life Magazine begann wurde zu einem über 10 Jahre dauernden Fotoprojekt, mit dem das Buch “Ein Kind entsteht” bestückt wurde. 

Und das Thema zieht sich ab jetzt wie ein roter Faden durch sein weiteres Schaffen. Ihm hatte es das Leben an sich, die Schönheit des Lebens von den kleinsten Zellen bis zu den großen Strukturen angetan. Und immer wieder macht er scheinbar Unmögliches möglich. In der Dokumentation “The Miracle of Life” verfolgt man, wie in einem Dokumentationsfilm, die Entstehung des Lebens, vom Spermium bis zur Geburt, nicht in Fotos, sondern in Bewegtbild. 

Über die Jahre wird Lennart mit allen möglichen Preisen bedacht und er erhält Ehrendoktorwürden. Das schwedische Karolinska Institute macht ihn zum Ehrendoktor der Medizin, in der technischen Universität Braunschweig wird ihm der Ehrendoktor in Philosophie überreicht, er wird der erste Preisträger des später renommierten Hasselblad International Awards und seine Dokus gewinnen Emmy Awards. Bis heute gehören seine Embryofotos zu den meist vervielfältigten. 

Und wäre ich Lennart Nilsson gewesen, dann hätte mich eine Kopie meiner Aufnahmen ganz besonders stolz gemacht. Die Aufnahme nämlich, die sich inzwischen in circa 19 Millionen Kilometern Entfernung an Bord der Voyager Raumsonde befindet.

Das Voyager-Programm ist ein Sattelitenforschungsprogramm der NASA. 1977 startete die erste von zwei Sonden und das Ziel war einfach, Daten über das Sonnensystem zu gewinnen und dann geradeaus in den interstellaren Raum zu fliegen. Und weil wir ja nicht so wirklich wissen, ob wir alleine im Weltraum sind und unsere Sonden vielleicht irgendwann mal auf andere Lebensformen stoßen, hat man eine Nachricht mit an Bord gepackt. 

Auf einer Kupferplatte, die von Gold überzogen wurde, wurden Bilder und Audioaufnahmen zusammen mit einer eingravierten Bedienungsanleitung, nennen wir es mal so, mit an Bord gegeben. Ein Forscherteam wählte Musik und Bilder aus und 116 Fotografien gingen auf die Reise. Unter ihnen eines der Embryobilder von Lennart Nilsson.

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