6. Februar 2021

Mehr als nur Politikerfotos

Der offizielle Fotograf des amerikanischen Präsidenten hat einen echten Knochenjob und macht Fotos wie sie kein Staatschef sonst bekommt.





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Episodenbild: By Pete Souza – White House Flickr Account, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18890184


Transkript

Als es in den letzten Tagen der Trump-Präsidentschaft zum Sturm aufs Kapitol kam, wurden wir mit Fotos dieses Ereignisses praktisch überschwemmt. Aber obwohl tausende von Handyaufnahmen und Videos von diesem Ereignis existieren müssen, waren die Bilder, die wir gesehen haben, von herausragender Qualität.

Ich fand das wirklich auffällig. Da war ein geschulter Blick und professionelles Equipment am Werk. Eine kurze Recherche bringt dann zum Vorschein: Es waren Pressefotografen, die diese Bilder gemacht haben. Dass das Profis waren, erkennt man auch an der unglaublichen Nähe, aus der viele dieser Aufnahmen entstanden sind. Da waren Menschen am Werk, die darauf trainiert waren, für den Moment bereit zu sein, die ihre Technik aus dem Schlaf beherrscht haben und die den richtigen Augenblick nicht nur sofort erkennen, sondern ihn auch mit schlafwandlerischer Sicherheit in Millisekunden festhalten zu wissen.

Pressefotografen haben den Auftrag, Geschichte zu dokumentieren. Ihre Bilder sollen darstellen, was passiert ist, wie es sich angefühlt hat, dabei zu sein und manchmal werden die Fragen, die solche Bilder beantworten, erst lange nach den Ereignissen gestellt.

An wenigen Orten ist die Ereignisdichte so hoch wie im Schlepptau des amerikanischen Präsidenten, weshalb der auch auf Schritt und Tritt von Kameras umgeben ist. Da sieht man manchmal Szenen, die ich auch schon immer bizarr fand. Zwei Staatschefs treffen sich zum Beispiel, sitzen sich gegenüber, die Presse wird ins Oval Office gelassen. Und 30 Fotografinnen und Fotografen machen in schneller Abfolge ungefähr dieselben 20 Bilder. Nicht nur, dass die alle dasselbe Bild machen, es hat auch noch denselben Aufbau wie buchstäblich hunderttausende vor ihnen. Nicht, dass die Fotografinnen und Fotografen da viel Wahl hätten: Ihnen wurde genau zugewiesen, von wo aus sie fotografieren dürfen.

Mit einer Ausnahme. Eine Person mit Kamera bewegt sich völlig frei kreuz und quer durch den Raum und macht Fotos, ganz wie es ihr beliebt. Als die Presse den Raum verlassen muss, bleibt sie zurück und fotografiert weiter. Wenn das weiße Haus wenige Stunden später eine offizielle Pressemitteilung herausgibt und Fotos dazupackt, werden diese Bilder anders aussehen als alle anderen Aufnahmen von diesem Tag. Und nicht nur das: Es werden auch noch Aufnahmen dabei sein, bei denen war gar keine Presse anwesend. Manchmal sind sogar ganz private Schnappschüsse dabei. Schnappschüsse, die es erlauben, der Präsidentenfamilie sozusagen bei ihrem Alltag über die Schulter zu schauen.

Da gibt es also jemanden mit ungebremsten Zugang. Jemand, der oder die jeden Schritt des Präsidenten fotografieren darf und festhält. Das ist der Fotojournalistentraum schlechthin. Und den schauen wir uns heute mal ein bisschen genauer an.

Die Tatsache, dass eine Behörde wie das weiße Haus, denn nichts anderes ist das weiße Haus, eine offizielle Abteilung für Fotografie unterhält, ist jetzt nicht besonders überraschend, finde ich. Sowas gibt es tatsächlich in praktisch jeder Behörde und auch das Kanzleramt unterhält einen Bereich für Presse, in dem natürlich auch ein paar Fotografinnen und Fotografen angestellt sind.

Deren Aufgabenfelder sind vielseitig. Zum Beispiel ist es in öffentlichem Interesse, dass die Arbeit der Staatslenker und Staatslenkerinnen dokumentiert wird. Wichtige Meetings, wichtige Ereignisse sollen festgehalten werden. Und da ist es natürlich oft praktisch, nicht auf die externe Presse angewiesen zu sein. Einmal kann man so eine konsistente Qualität sicherstellen und dann sind natürlich gut gemachte Fotografien eine hervorragende Methode, um das eigene Image zu kontrollieren. Ganz zu schweigen von Gelegenheiten, bei denen es einfach nicht praktikabel ist, einen Pressecore einzuladen bzw. die Ereignisse sich vielleicht auch mal überschlagen und man froh ist, überhaupt einen Profi mit Kamera zur Hand zu haben.

Auch der Chief Official White House Photographer hat natürlich all diese Aufgaben und diese Motivation. Warum sein Job dann doch ein anderer ist, wird allerdings auch schnell klar, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Amerikaner im Vergleich zu uns das Amt ihres Staatschefs sehen. Im Grunde wählen die nicht den Präsidenten. Die wählen die First Family. Die ziehen dann mit ihrem ganzen Hausstand in das weiße Haus ein.

Und im Grunde arbeitet auch die ganze Familie dann im Auftrag des Landes mit. So hat die First Lady in der Regel ein eigenes Büro, einen eigenen Staff und einen eigenen Bereich im weißen Haus, in dem ihre Mitarbeiter arbeiten.

Beim Einzug in das weiße Haus legt der Präsident all jene Positionen neu fest, die über reine Logistik hinausgehen. Es mag also sein, dass Gärtner, Koch und Bedienstetenpersonal von vorherigen Administrationen berichten können. Aber alle Rollen mit einer Außenwirkung oder Entscheidungsgewalt werden vom Präsidenten neu besetzt.

1929 ernennt der 31. Präsident, Herbert Hoover, zum ersten Mal einen offiziellen Pressesprecher. Dessen Aufgabe war, der Öffentlichkeit die Politik des weißen Hauses nahezubringen und bei Ereignissen zu briefen. Offizielle Fotografie überließ man damals noch Militärfotografen oder eben journalistisch aktiven Pressefotografen.

Es dauerte noch über 30 Jahre und 4 weitere Präsidenten, bis mit John F. Kennedy der erste wirklich medienaffine Präsident im weißen Haus einzieht. Er ist der Erste, der sich und seine Familie offensiv in den Medien inszeniert und damit auch der Erste, der den Sinn hinter einem vom weißen Haus angestellten Fotografen erkennt und den ersten offiziellen White House Photographer anstellt.

Diese neu beschaffene Rolle ist Teil des Pressecores und der Fotograf Cecil W. Stoughton hat in vielerlei Hinsicht die Aufgabe, diese Rolle komplett neu zu erfinden. Das war gar nicht so einfach, denn Kennedy wollte sich zwar inszenieren, aber dabei nicht unbegrenzten Zugang geben. Stoughtons berühmtestes Bild ist daher auch ironischerweise kein Foto von Kennedy, sondern der Moment, in dem Lyndon B. Johnson an Board von Air Force one nach dem Tod Kennedys seinen Amtseid ablegt.

Lyndon B. Johnson hat zu dem Zeitpunkt schon einen Lieblingsfotografen: Yoichi Okamoto ist ein New Yorker Fotograf und hat Lyndon B. Johnson als Vizepräsident schon bei mehreren Gelegenheiten fotografiert und durch seine ungewöhnliche Bildkomposition beeindruckt. Als Lyndon B. Johnson Präsident wird, fragt er ihn, ob er nicht sein persönlicher Fotograf werden möchte und ihn begleiten will, Okamoto sagt zu, aber unter der Bedingung, unbegrenzten Zugang zu bekommen. Und es ist dieser unbegrenzte Zugang, der Okamoto eigentlich zum ersten echten Chief White House Photographer macht.

Ich hatte ein echtes Problem, in Deutschland ein Äquivalent zu finden. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl von Kanzlerinnen und Kanzlerfotografen, es gibt natürlich auch offiziell beim Presseamt eingestellte Fotografinnen und Fotografen, aber niemand folgt der Kanzlerin auf Schritt und Tritt. Fotografen im Kanzleramt haben da im Wesentlichen einen Job zu tun. Die sind nicht persönliche Fotografen der Kanzlerin, sondern sie sind angestellte der Pressestelle. Und werden wahrscheinlich auch nicht ausgetauscht, sollte ein neuer Kanzler einziehen im Kanzleramt.

Im White House arbeiten bis zu 12 offizielle Fotografen. Deren Aufgaben sind vielseitig; zu jedem gegebenen Zeitpunkt finden im Weißen Haus diverse Veranstaltungen parallel statt. Da hat vielleicht die First Lady eine Reception und der Präsident trifft einen Staatschef. Gleichzeitig gibt es vielleicht eine Gruppe, die ins weiße Haus eingeladen wurde und sich im Rosegarden trifft, und so weiter. Da gibt es Händeschütteln zu fotografieren, es gibt persönliche Erinnerungsaufnahmen, es gibt offizielle Pressefotos, die gemacht werden. Das Weiße Haus produziert tausende von Fotos täglich.

All diese Aufgaben werden von der Pressestelle koordiniert. Ein Fotograf hat dann immer die Aufgabe, beim Präsidenten zu sein. Und meistens ist das immer derselbe Fotograf. Denn wenn man die ganze Zeit ungebremst anwesend sein darf, egal wie heikel die Gespräche, die geführt werden, da braucht es eine ganz besondere Vertrauensbeziehung, eine Beziehung, die man dann eben auch in den Bildern sehen kann.

Wie wichtig die Arbeit des Chief White House Photographers ist, sieht man auch an der Menge an Fotos, die produziert werden. Kennedys Fotograf macht in etwas mehr als 3 Jahren knapp 8000 Aufnahmen. Pete Souza, der Fotograf, der Obama durch 2 Amtszeiten hindurch begleitete, fügte dem Nationalarchiv über 2000000 Aufnahmen hinzu. In einer durchschnittlichen Woche wurden 8000 Bilder direkt aus dem Alltag des Präsidenten gemacht. In ereignisreichen Wochen konnte diese Zahl allerdings auch auf über 20000 anschwellen.

Souza fotografiert die Obamas händchenhaltend genauso, wie Barack Obama bei der Schneeballschlacht mit seinen Kindern, bei Reden, Wahlkampfveranstaltungen, hitzigen Diskussionen im Oval Office oder bei Meetings mit Politikern im Roosevelt Room. Er ist so allgegenwärtig, dass ihn niemand mehr beachtet. 150 Mal fliegt er mit Airforce One. Er fotografiert Obama, kurz bevor er seinen Amtseid ablegt und fotografiert ihn, als er am letzten Tag das Oval Office verlässt.

Natürlich sind nicht alle Bilder so glamourös, wie diese herausragenden Meilensteine. 5% der Fotos sind einfach Greetingshots. Egal, wohin der Präsident kommt, irgendwer begrüßt ihn. Und Gruppenfotos oder Handeschüttelfotos sind von unschätzbarem Wert für die Leute, die auf diesen Bildern sind.

Und alle Aufnahmen gehen direkt ins Nationalarchiv. Sie sind als Zeitdokumente von unschätzbarem Wert. Fotografen im Kanzleramt, Fotografen im weißen Haus, Fotografen in jeder Behörde sind sich ihrer Verantwortung bewusst, ein Archiv für die Nachwelt zu produzieren. Das ist mehr als einfach nur Pressefotografie. Man ist in einer Position, in der man history in the making festhalten darf. Es ist eine ungewöhnliche Art der Fotografie, denn es geht oft nicht in erster Linie um die Personen auf den Bildern, ganz egal, wie berühmt sie auch sein mögen, sondern es geht um die Gründe, die sie zusammenbringen. Außer natürlich die Person auf dem Bild ist der Präsident selbst.

Und da haben wir noch einen Unterschied zwischen Kanzlerfotografien und den Aufnahmen des amerikanischen Präsidenten. Denn von letzterem ist immer auch noch der Versuch dabei, die Menschen hinter dem Amt zu zeigen.

So gibt es von Lyndon B. Johnson Fotos, wie er im Oval Office mit seinem Hund zusammen heult. Das hat er wohl öfters mal gemacht. Beim ersten Mal ist der Secret Service, so geht die Anekdote, wohl mit gezogenen Waffen ins Oval Office gestürmt.

Von Kennedy gibt es Aufnahmen, wie er mit seinen Kindern spielt.

Aufnahmen, die ein Echo in Obamas Bildern finden, wenn der mit dem zum Teil sehr jungen Nachwuchs seiner Staffer spielt.

Und es gibt zum Teil wirklich bizarre Aufnahmen. Zum Beispiel habe ich ein Bild gefunden, wo George W. Bush anlässig des traditionellen Ostereiersuchens im Garten des weißen Hauses einen Menschen im Hasenkostüm umarmt. Es gibt auch ein Bild, wo man Obama und einen Hasenkopf von hinten sieht, das Obama mit den Worten „Die vier berühmtesten Ohren Washingtons“ kommentierte.

Oder das Foto von Lyndon B. Johnson in einem schwimmfähigen Cabrio. Richtig gehört: LBJ besaß nämlich eines der wenigen in Serie produzierten Amphibienfahrzeuge. Das Ding sah im Wesentlichen aus wie ein Cabrio, also wie ein ganz normales Auto. Besuchte man nun Lyndon B. Johnson auf seiner privaten Ranch, konnte es passieren, von ihm zu einer Spritztour eingeladen zu werden. Um die Ranch zu besichtigen, zum Beispiel. Auf dem Gelände gab es einen Hügel, an dessen Ufer ein kleiner See angelegt war. LBJ würde also mit diesem Auto auf der einen Seite auf den Hügel hochfahren und auf der anderen Seite dann panisch behaupten, die Bremsen hätten versagt und dann ungebremst auf den See zufahren. Es soll Kabinettsmitglieder gegeben haben, die dann aus dem Auto gesprungen sind. Aus Angst, sie könnten vom untergehenden Auto mit heruntergezogen werden.

Ich finde jedenfalls die Vorstellung schön, dass ein Präsident solche Streiche spielt und ich finde es auch lustig, dass der Streich durchaus auch andersrum laufen kann. Pete Souza:

[Einspieler]

„Christmas at the White House is pretty fun. And this last year, for some reason, they put 4 snowmen in the rosegarden.“

Das Weiße Haus dekoriert natürlich zu besonderen Anlässen und Weihnachten ist so ein Anlass. Und Pete erzählt, dass beim letzten Weihnachtsfest während Obamas Amtszeit irgendwer auf die Idee gekommen war, 4 riesengroße Schneemänner in den Garten des Weißen Hauses zu stellen.

[Einspieler geht weiter]

„It never snowed all december.“

Tja, geschneit hat es aber nicht.

[Einspieler geht weiter]

„Every day the president would walk from the White House residence along the promenade and there would be the 4 snowmen. So Brian Mosteller and I, Brian was the director of oval office operations, he and I had this great idea that every day, we’d move the snowman one foot closer to the oval office.“

Also Pete und der Director of Oval Office Operations beschließen, diese Schneemänner jeden Tag Stück für Stück näher an das Oval Office zu bewegen.

[Einspieler geht weiter]

„So, the day we decided we want do this, we went out there after he’d gone home for tonight and realized that they’re too heavy to pick up.“

Aber die waren zu schwer.

[Einspieler geht weiter]

„So Brian, being the resourceful guy that he is, the day before we went to Hawaii for Christmas vacation he got the White House grounds Crew to help him move all 4 of the snowmen so each of them was peeking out of a different window of the Oval Office.“

Ja, ich schätze mal, es hat Vorteile, wenn man Director of Oval Office Operations ist. Sie gehen also her und bewegen diese 4 Schneemänner am letzten Arbeitstag des Präsidenten, bevor der nach Hawaii in den Urlaub fliegt, so ans Oval, dass durch jedes Fenster ein Schneemann schaut.

[Einspieler geht weiter]

„My job that day was, when the president walked over from the residence, was to distract him, so he wouldn’t look in the rose garden like he did earlier on in the morning. Which is because he would see that the snowmen were missing. So, remember that picturer of him, dancing with [?]? So he walks over, I distract him, he doesn’t see that the snowmen are missing and he’s standing right where he’s dancing in that photo, talking to [?] before he walked into the Oval Office. And then he looked, just glancing into the Oval Office and there was this guy, looking right at him and he just started cracking up. So we pranked him pretty good.“

Pete hat während Obamas Amtszeit eine ganze Reihe wirklich sehr schöner Aufnahmen gemacht. Und die zeigen das Menschliche in diesem Amt. Und es sind Reportagefotos. Und Fotos, die ich so von deutschen Politikern bisher noch nicht gesehen habe. Schon gar nicht von Kanzlern oder Kanzlerinnen. Aber das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen jemandem, der angestellter Fotograf für offizielle Gelegenheiten ist und den Auftrag, einen Menschen, ein Leben und sein Wirken zu dokumentieren.

2 Responses

  1. René sagt:

    Lieber Dirk,

    vor einiger Zeit stieß ich, eher zufällig auf Deinen Podcast. Seit dem kann ich nicht mehr ohne! Super Stories, super Recherche, tolles begleitmaterial… am besten finde ich aber Deine Begeisterung für diese bunte Geschichte um die Fotografie.

    Danke, Danke, Danke

    Es ist immer wieder toll diese Geschichten zu hören!

    Gruß
    René

    • Dirk sagt:

      Lieber René,

      danke für deine tolle Nachricht! Ich freue mich dass meine Begeisterung rüber kommt und dir Freude macht!

      Liebe Grüße
      Dirk

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