Technologie – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Tue, 14 Dec 2021 12:37:21 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Technologie – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Die Erfindung der Actioncam https://fotomenschen.kopfstim.me/die-erfindung-der-actioncam/ Thu, 02 Sep 2021 14:16:39 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Bei dem Wort „Actionkamera“ denkt man unweigerlich an die Marke GoPro und YouTube wäre nur halb so voll würden alle mit GoPro-Kameras aufgezeichneten Videos entfernt werden. In dieser Folge geht es um die Gründungsgeschichte.

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Transkript

Nick Woodman ist ein Jahr älter als ich. Und war so ein richtiger kalifornischer Sunnyboy, irgendwie ist er eigentlich immer noch ein kalifornischer Sunnyboy, und wie man das so macht, als waschechter Kalifornier beschäftigt man sich mit Surfen, startet Unternehmen und versucht, mit Technologie die Welt zu verändern, man schafft es vielleicht auch so ein kleines, kleines Bisschen.

Nick war in eine Familie mit Geschäftssinn geboren worden. Sein Vater war ein Investmentbanker, Mutter wie Vater waren gut in die Investmentszene im Silicon Valley vernetzt, die Szene also, in der Millionen an US-Dollar locker sitzen, wenn jemand mit einer guten Geschäftsidee ums Eck biegt. Oder eine schlechte Idee ziemlich gut aussehen kann.

[Musikalische Einlage: Kara Square – Hanging Eleven]

Nick studierte Visual Arts und Creative Writing, also weder Engineering, noch irgendein Businessthema. Und ich glaube, man kann sagen, er war von Beruf am Anfang so. In die Fußstapfen seiner Eltern tretend versuchte er sich aber auch relativ früh damit, Unternehmen zu gründen, startete zum Beispiel EmpowerAll.com, ein Unternehmen, wo er Elektronikteile verkaufen wollte. Und später dann ein Unternehmen namens FunBug, bei dem es darum ging, Geldpreise mit Spielen zu gewinnen. Beides floppte eher so.

Wenn er nicht an seinen Startupideen arbeitete, verbrachte Nick jede freie Minute auf seinem Surfbrett. Nicht immer wirft er dieses Surfbrett in die Kalifornischen Gewässer: 2000 ungefähr ist er in Australien und in Indonesien auf Surftrip. Und er hätte gerne Fotos davon. Er beneidet die ganzen Profisurfer, die professionelle Kameramänner mit wasserdichtem Equipment bei sich haben, die dafür sorgen, dass sie in den Wellen gut aussehen. Amateure werden oft von Hobbyisten fotografiert und die haben dann einfache Filmkameras, die weder wasserfest sind, noch dafür geeignet, nah ranzuzoomen, ja, und deswegen sehen Surffotos von Privatleuten einfach selten spektakulär aus.

Nick knipst ganz gerne mal mit den damals üblichen Point-And-Shoot-Kameras herum und hat eine Idee. Er nimmt eine einfache Kodak Kamera, bastelt ein einigermaßen dichtes Gehäuse außenherum und konstruiert ein kleines Harness, mit dem er diese Kamera an den Arm schnallen kann. Die Kamera liegt am Arm an, kann aber bei Bedarf aufgestellt werden und natürlich ist Auslösen und Bedienen ein Problem – Wenn man in den Wellen ist, hat man ja vielleicht nicht gerade die Muße, Zeit und den Überblick, um kleine Tasten zu drücken oder Rädchen zu verstellen. 

Und trotzdem sind die Ergebnisse sofort beeindruckend. Die Leute sind begeistert. Was eigentlich als ein kleiner Hack für sich selbst beginnt, wird schnell zu einer ausgewachsenen Geschäftsidee, denn Nick erkennt: Das könnte man verkaufen. Nick konstruiert einen Prototypen und fängt an, Geld zusammenzutragen. Will er das Ganze professionell betreiben, braucht es eine Anschubfinanzierung. 

Eine erste Idee tut sich noch während seiner Reise auf: In Bali begegnet ihm ein Strandverkäufer, der kleine Schmuckstücke verkauft und Nicks Freundin ist ganz hin und weg davon, wie toll diese Armbänder aussehen. Die Dinger wird man ihm daheim in Kalifornien aus den Händen reißen, denkt sich Nick, und zwar für weit mehr als die zwei Dollar, die der Strandverkäufer aufruft. Er fragt den Strandverkäufer, wie viele dieser Armbänder er ihm verkaufen könnte und fliegt mit 200 dieser Armbänder nach Hause. Dort machen er und seine Freundin sich dann auf den Weg die Kalifornische Küste herunter und verkaufen diese Bänder für 60 Dollar das Stück. Unterm Strich verdienen sie damit über 10000 Dollar. 

Mit diesen 10000 Dollarn Anschubfinanzierung taucht er jetzt bei seinen Eltern auf, zeigt denen den Prototypen, zeigt ihnen diese 10000 Dollar, die er selber beisteuert und bittet um Unterstützung. Sein Vater wirft 200000 Dollar in den Ring. Seine Mutter trägt weitere 30000 dazu bei. 

Und mit 240000 lässt sich schon etwas anfangen. Nick kauft sich eine Nähmaschine, um die Harnesse zu konstruieren und macht einen Deal mit einem chinesischen Zulieferer, um Kameras zu fertigen. Sowohl die Kamera als auch das wasserfeste Gehäuse als auch das Harness sollen von dem neu gegründeten Unternehmen geliefert werden. Es folgen Verkaufsauftritte beim Fernsehsender QVC und war das Produkt am Anfang noch eine Spielerei für Hobbyisten, erregt es relativ schnell das Interesse von Semiprofis und ernsthaften Amateuren. 

Und er entwickelt weiter. Die Bedienung muss vereinfacht werden, das Gehäuse muss kleiner werden, die Kamera muss kleiner werden, Film will ja weitergedreht werden und auch dafür braucht es natürlich eine entsprechende Mechanik und so wird relativ schnell klar, dass die Zukunft dieser Kamera digital sein wird.

Und so ist schon das dritte offizielle Produkt des Unternehmens eine Digitalkamera, eine digitale Actionkamera. Wir reden natürlich die ganze Zeit von dem einen Unternehmen, das jeder und jedem einfällt, wenn die Rede von Actionkameras ist. Ich würde sogar so weit gehen, dass eigentlich niemand Actionkamera sagt. Ähnlich, wie wir „Tempo“ statt „Taschentuch“ und „Uhu“ statt „Klebstoff“ sagen, sagt man inzwischen „GoPro“ statt „Actionkamera“. 

Was ursprünglich mal mit einer kleinen Knipse anfing, wurde relativ schnell zu einer ganzen Produktpalette. Spezielle Harnesse, Gehäuse, Kameras in unterschiedlichen Ausrüstungsstufen und natürlich blieb es nicht beim Fotografieren. Video wurde zur wichtigsten Funktion der GoPro Hero Kameras, die ab da dann die meistverkauften Produkte des Unternehmens waren. Und diese GoPro Hero hatte eigentlich auch nichts mehr mit den Kameras zu tun, die Nick ganz am Anfang verkaufte. 

War er Anfang der 2000er aus einem VW Bus damit beschäftigt, Kameras im Wert von 3 Dollar für 30 Dollar zu verkaufen, überblickte er 2012 ein Unternehmen, das pro Quartal über 2 Millionen Kameras umsetzte. Digitalkameras, die Videostreaming über WiFi konnten, die praktisch unerschütterlich waren und die radikal veränderte, wie die Welt sich selbst und ihre Helden auf Video aufnahm. 

Im Dezember 2012 dann gab das asiatische Unternehmen Foxconn bekannt, in das Unternehmen GoPro einsteigen zu wollen und kaufte fast 9% der Anteile. Der Wert des Unternehmens stieg damit schlagartig auf über 2,2 Milliarden US-Dollar und Nick Woodman, der Hauptanteilseigner des Unternehmens war, war damit über Nacht zum Milliardär geworden. 

Jetzt gab es kein Halten mehr. Das Unternehmen sollte wachsen. Eine Entertainmentsparte wurde ins Leben gerufen, zu den Kameras als Kerngeschäft wollte man eben auch noch Medien verkaufen. Es ist die Zeit, in der HBO und Netflix und alle möglichen anderen Streaminganbieter um Marktanteile ringen und da wollte man bei GoPro nicht nebendran stehen. Und produzierten GoPro Nutzer nicht am laufenden Band Videomaterial? Das musste man doch irgendwie nutzen können… 

Ja, konnte man nicht. Die nächste Idee war, eine GoPro Drohne auf den Markt zu bringen. Actionfilmer filmen ja auch gerne mal aus der Luft. Und Mitte der 2010er begannen Drohnen, der heiße Scheiß im Hobbyfilmbereich zu werden. Nur dachte da niemand so richtig an die GoPro Drohnen und so floppte auch diese Geschäftsidee. 

Es ging auf und ab und irgendwann musste Nick Woodman anfangen, Einsparungen einzuleiten und Leute auf die Straße zu setzen. Während er sich selbst zum bestbezahlten CEO der Branche machte und über 200 Millionen Dollar auszahlte, wurde er an anderer Stelle zum schlechtesten CEO des Jahres gewählt.

Außerdem besannte man sich aufs Kerngeschäft: Actionkameras. Die wurden durchgehend immer gut verkauft. Auch heute noch verkauft GoPro über 600000 Kameras pro Quartal. Das muss ihnen erstmal jemand nachmachen. Und wenn man den Meldungen und Pressemitteilungen glauben darf, war sowohl 2020 als auch bisher 2021 gar kein so schlechtes Jahr für die Branche. Wobei da natürlich die Frage besteht: Was meine ich denn mit Branche? Kameras oder Personal Electronics, sprich Hobbyspielzeug, das zufällig auch noch Videos und Fotos machen kann? Und die Rede ist natürlich von Letzterem.

Heute ist Nick Woodman 46 Jahre alt und nur noch knapp 300 Millionen US-Dollar schwer. Und ganz egal, was man jetzt von ihm hält oder ob man ihn und seine Kameras jetzt nun gut oder schlecht findet, es war revolutionär, die Menschen in die Lage zu versetzen, sich in jeder noch so spektakulären Situation filmen zu können. Vom Urlaub über den Kindergeburtstag bis hin zum Weltrekordversuch wird heutzutage fast alles in irgendeiner Form auch immer noch mit einer GoPro aufgezeichnet. Und das ist echt nicht schlecht für jemanden, der eigentlich beim Surfen nur die Idee hatte: Wäre es nicht cool, wenn ich mich selber fotografieren könnte, während ich auf dem Surfbrett stehe.

Ich selbst besitze keine GoPro Kamera. Aber ich gebe zu, dass seit ich einen YouTube Kanal angefangen habe, immer wieder darüber nachdenke, ob ich mir nicht eine zulegen möchte. Denn die Dinger sind schon konkurrenzlos klein und vielseitig. Man muss nur mal eine B-Roll Aufnahme von dem berühmten YouTuber Peter MCKinnon anschauen, wo er zeigt, wie er Kaffee macht, indem er in eine Karaffe Wasser schüttet, heißes Wasser auf eine Kamera drauf. Macht das mal mit einer eurer Spiegelreflexkameras! Oder schnallt euch mal die Dinger beim Mountainbiken um den Bauch.

Aber egal wie, die Geschichte ist einerseits sehr typisch für das Silicon Valley. Es ist fast schon der klassische American Dream. Kalifornischer Sunnyboy hat Geschäftsidee, setzt die um, wird zum Multimilliardär, ja, oder inzwischen -millionär, und verändert die Welt und wie wir die Welt sehen mithilfe von Technologie. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Geschichte von Arroganz, Selbstüberschätzung und zwischendurch auch einer gehörigen Portion Geldgier. Es fällt schon auf, an wie vielen Stellen Nick Woodman sich selbst einen ordentlichen Aufpreis gegönnt hat. Da werden Armbänder für 2 Dollar eingekauft und für 60 Dollar verkauft. Oder Kameras für 3 Dollar produziert und für 30 Dollar verkauft. Oder man macht sich selbst zum bestbezahlten CEO der Welt, während man Leute an die Luft setzen muss, weil die eigenen Geschäftsideen dann doch nicht ganz so vielseitig ausbaubar sind, wie man das so dachte. Es gibt eben kein schwarzweiß, da ist eine Menge Graustufe dazwischen. Interessant ist die Geschichte aber allemal. Denn zumindest ich wusste vor dieser Recherche relativ wenig über das Unternehmen, dessen Kameras gefühlt überall zu haben sind.

Medien:

  • Hanging Eleven, Kara Square feat. Blue Wave Theory (dig.ccmixter), CC-BY
  • Picture by cellanr – https://www.flickr.com/photos/rorycellan/15468680845/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36296116

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Blind fotografieren https://fotomenschen.kopfstim.me/blind-fotografieren/ Sat, 07 Aug 2021 15:16:35 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Fotografie heißt übersetzt „Mit Licht zeichnen“. Aber heißt das man muss dafür auch sehen können?

„The mind is the essence of your sight. It’s really the mind that sees.“ (John Dugdale)

Artikel zum Thema:

Weiterführendes:

Hörempfehlungen:

FotografInnen:

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Transkript

I: Es ist eine (?Binse), dass Menschen, die einen Sinn verlieren, diese Fähigkeit über die anderen Sinne ausgleichen. Wenn wir also unser Augenlicht verlieren, dann hören wir wahrscheinlich besser und tasten mehr. Und darum überrascht es uns auch überhaupt gar nicht, dass es blinde Musiker gibt, oder taube Maler. Aber blinde Fotografinnen? (Musik wird abgespielt) Fotomenschen. Vielleicht mal gleich vorneweg: Der Begriff blind ist schwierig. Denn wir meinen damit ja meistens Menschen, die nicht richtig sehen können, und da gibt es ein Spektrum. Ich selbst weiß jetzt nicht genau, was die richtige Terminologie ist. Ich werde also öfters mal blind sagen. Unteranderem auch deswegen, weil in praktisch allen Artikeln und Büchern, die ich gefunden habe, für die heutige Folge, der Begriff blind, ganz selbstverständlich benutzt wurde.

Und um das gleich vorwegzunehmen, jawohl, es gibt wahrscheinlich tausende von blinden Fotografinnen und Fotografen da draußen. Es gibt sogar Vereine, die Menschen beibringen, mit der Kamera umzugehen und zu fotografieren. Die erste Geschichte, die mir begegnet ist, ist von dem Inder, Pranav Lal. Er konnte noch nie sehen. Er wurde blind geboren. Und trotzdem wurde er bekannt als Indiens blinder Fotograf. Denn seine Bilder gingen durch die Presse und die Medien. Fast alle seine Aufnahmen entstehen im Freien. Die Natur ist sein Motiv. Und Pranav fotografiert mit Hilfe von Technologie. Zunächst einmal fotografiert er mit modernen, digitalen Kameras. Wichtig ist, sagt er, dass die Kamera einen ordentliche Auto-Fokus hat. Aber wie weiß Pranav, was er denn fotografiert? Dafür hat er ein zweites System für sich entdeckt. 2001 entdeckte er eine Software namens Voice. Die setzt etwas um, das nennt sich (?Soundification). Soundification ist das Darstellen beliebiger Daten durch Töne.

Wenn wir uns Daten anschauen, schauen wir uns diese wahnsinnig gerne als visuelle Graphen an. Und diese Graphen sind aber nichts anderes als eine Krücke. Sie helfen uns, einen Zusammenhang zu erfassen. Je nachdem, welchen Diagrammtyp wir verwenden, mag dieser Zusammenhang dann offensichtlicher und weniger offensichtlich sein. Allerdings sagt ja niemand, dass Daten visuell aufbereitet werden müssen. Daten können auch als Töne aufbereitet werden. So klingt zum Beispiel die menschliche DNA: (Töne werden abgespielt) Und inzwischen gibt es so einiges an Software, die auf die verschiedensten Arten auch Bilder in Töne umwandeln kann. Das kann für ungeübte Ohren auch erstmal recht anstrengend wirken. Aber hier zum Beispiel die Sonifizierung meines Podcast-Logos, mit einer Software namens Photosounder: (Töne werden abgespielt)

Spannend ist dabei insbesondere, dass mit etwas Übung, Menschen, die diese Software verwenden, durchaus unterscheiden können, ob sie eine dunkle, eine helle, eine Szene mit vielen Objekten, eine Szene mit wenigen Objekten sehen. Und genau so ein System macht sich Pranav zu eigen. Er hat sich ein System gebaut, bestehend aus einer Action-Cam, die er mit einem Stirnband am Kopf trägt. Einer Verbindung zu einer Software, die die Bilder, die die Action-Cam aufnimmt, direkt sonifiziert. Und sogenannten Bone-Conducting-Headphones. Also Kopfhörer, die über Knochenschall funktionieren, um diese Töne dann hören zu können. Und so läuft er durch die Gegend und hört seine Umgebung. Klingt die Umgebung nun interessant, dann nimmt er die Kamera, die er dabeihat, und hält sie grob in dieselbe Richtung. Also buchstäblich vor seine Stirnkamera, und drückt ab.

Moderne Kameratechnik sorgt jetzt dafür, dass scharfgeschaltet ist und die Belichtung stimmt. Pranav sorgt dafür, dass eine Szene fotografiert wurde, die ihn angesprochen hat. Und seine Mitmenschen sind davon fasziniert, wie oft dort wirklich ansprechende Kompositionen und interessante Bilder rauskommen. Sicherlich sind die Bilder nicht immer gelungen, aber bei wem sind sie das schon. Und Pranav kann mit dieser Kamera jetzt alles erleben und tun, was wir sehende Fotografinnen und Fotografen auch können. Er kann Szenen festhalten. Er kann sie sich wieder und wieder anschauen, oder anhören. Er kann mit anderen über die Aufnahmen sprechen. Er kann Bilder identifizieren, die bestimmte Stimmungen bei ihm auslösen, oder die bestimmte Stimmungen bei den Betrachterinnen und Betrachtern auslösen. Moderne, blinde Fotografinnen und Fotografen sind dabei auch nicht auf Soudification angewiesen. Es gibt auch andere Systeme, die im Endeffekt den einen Sinneseindruck in einen anderen umwandeln. So habe ich zum Beispiel mal ein Gerät gesehen, das aus einer kleinen Action-Kamera und einer Platte bestand, die die Bilder in kleine Druckpunkte umgewandelt hat.

Man brachte diese Platte einfach immer an derselben Stelle am Körper an, und sie modellierte sozusagen die Umrisse, die die Kamera sieht, auf die Haut. Also drückte sie mit kleinen, beweglichen Stiften auf die Haut. Unser Gehirn ist faszinierend und wahnsinnig leistungsfähig. Und Menschen, die mit solchen Gerätschaften unterwegs sind, können nach einer Weile auf die Art und Weise, Gegenständen ausweichen, ohne sie sehen zu müssen. Sie können Türen identifizieren und öffnen, Hindernissen ausweichen, und dergleichen mehr. Und natürlich wird so etwas unter Umständen auch von Fotografinnen und Fotografen benutzbar. Okay, mag einem da in den Sinn kommen, das ist nett. Aber für kommerzielle Fotografie ist so etwas wahrscheinlich nicht wirklich verwendbar, oder?

Und bei Pranav stimmt das. Der betreibt das Ganze in erster Linie als ein Hobby. Aber ich habe eine ganze Reihe von professionellen Fotografinnen und Fotografen entdeckt, die Portrait-Arbeiten abliefern, die in der Werbeindustrie fotografieren, und dabei wenig oder gar kein Augenlicht besitzen. Ein Beispiel ist der britische Fotograf Ian …#00:05:40#. Er leidet an einer Augenkrankheit namens Retinopathia pigmentosa. Menschen, die an dieser Krankheit leiden, verlieren über die Zeit ihre Fotorezeptoren. Betroffene sehen also zunächst ganz normal, verlieren diese Fähigkeit aber dann über die Jahre. Wie der Verlauf genau aussieht, ist unterschiedlich. Den meisten fällt im Teenageralter irgendwann auf, dass sie irgendwas nicht mehr wirklich wahrnehmen können. Also zum Beispiel stark nachtblind sind, oder einen ausgeprägten Tunnelblick haben, oder Kontraste nicht richtig wahrnehmen können. Und mit den Jahren wird es immer schlechter, bis sie schließlich gar nichts mehr sehen. Ian trifft es besonders hart, denn er wird tatsächlich mit einer ausgeprägten Hörschwäche geboren.

Er kann hohe Frequenzen nicht wahrnehmen, deswegen hatte er schon als Kind regelmäßig Hörhilfen getragen. Trotzdem bemerkt seine Familie nicht, wie Ian nach und nach immer weniger sieht. Er selbst ist es, dem als Vierzehnjähriger auffällt, dass er beim Spielen mit seinen Freunden im Wald eigentlich gar nicht weiß, wo er hinläuft, und seine Familie dann überzeugt, mit ihm zum Augenarzt zu gehen. Die diagnostizieren seine Krankheit, und ab jetzt weiß er, dass er wahrscheinlich mit 40 nichts mehr sehen wird. Im Augenblick hat er noch ungefähr fünf Prozent seines Augenlichts. Bei Ian ist es so, dass er einen Tunnelblick entwickelt. Das heißt, es gibt in der Mitte seines Seefeldes einen kleinen Streifen, in dem er immer noch alles sehen kann. Ian sieht es also auf sich zukommen. Und als Teenager weiß er natürlich noch nicht wirklich, wie er damit umgehen wird.

Aber wie er älter wird, und diese Krankheit sich immer weiter ausdehnt, stellt er fest, dass er sein Leben nicht davon definieren lassen möchte. Wie viele seiner Altersgenossen, ist Ian zu dieser Zeit begeistert vom Kino. Aber seine Begeisterung geht weit über das hinaus, was seine Altersgenossen teilen. Er interessiert sich für die Kinematographie, für die Kameraführung, für die Einstellungen, für die Farben, die er sieht, für die Kontraste. Und darüber kommt er dann irgendwann auch zur Fotografie. Er möchte festhalten, was er sieht. Er möchte festhalten, wie es sich verändert, was er sieht. Und er möchte ein Werk schaffen, das beeindruckend ist. Und so beschließt er, Fotograf zu werden. Sein Genre? Portrait. Sein Arbeitsumfeld variiert. Aber hauptsächlich arbeitet er in seinem eigenen Studio, wo er die Lichtbedingungen und die Posen seiner Models, detailliert kontrollieren kann. Ian lässt sich Zeit. Ian muss sich Zeit lassen. Er arbeitet intensiv mit seinen Models.

Unterhält sich lange mit ihnen. Spürt in sich hinein. Sieht sehr genau hin. Denn es ist ja nicht viel, was er wahrnehmen kann. Und auch das ist eine Binse. Je mehr Zeit wir uns mit unseren Fotografien lassen, je mehr wir darüber nachdenken, was wir tun und warum wir es tun, desto besser werden sie in aller Regel. Und bei Ian ist es nicht anders. Er fotografiert viel schwarz-weiß. Er spielt mit Dunkelheit in seinen Aufnahmen. An den Bildern sieht man den Könner. Und die Fotografie ist nicht fertig, nachdem er sie aufgenommen und am Rechner bearbeitet hat, sondern erst, wenn sie gedruckt ist und in einem handgefertigten Rahmen, gerahmt.

Bei Ian kommt das physikalische Objektbild und das, was er sieht und empfindet, zusammen. Und er sieht seine Zeit jetzt, als Fotograf, er noch fünf Prozent sihet, als Vorbereitung für die Zeit, wenn er gar nichts mehr sieht. Und er hat zumindest bisher nicht vor, dann mit dem Fotografieren aufzuhören. Denn während er eigentlich angefangen hatte, weil er das Gefühl hatte, es tickt eine Uhr und es muss in der Zeit, in der er noch sehen kann, möglichst viel passieren, hat er inzwischen für sich entdeckt, dass die Fotografie viel mehr für ihn eröffnet. Er sagt, Fotografie erlaubt ihm, an der Welt teilzuhaben, unabhängig davon, ob er sie sehen kann, oder nicht. Hier in seinen eigenen Worten.

B1: Well, I think without the Camera, I think, yeah, I will be quiet cutoff. I think, having the Camera is the sort of Thing, that allows me to sort of, you know, be involved in other Peoples Worlds.

I: Er sagt, ohne Kamera wäre er irgendwann von der Welt abgeschnitten. Aber mit der Kamera darf er sozusagen an anderer Leute Welten teilhaben. Wir haben also verschiedene Aspekte inzwischen schon beisammen, die wir als Sehende natürlich auch mit der Fotografie verbinden. Nämlich die Möglichkeit, uns auszudrücken und über das Bild mit anderen in Kontakt treten zu können. Die Möglichkeit, die Kamera dafür zu benutzen, in andere Lebenswelten einzutauchen, die Welt erfahren zu können. Trotzdem ist es oft so, dass Menschen, wenn sie ihre Sehkraft verlieren, zunächst denken, alles Visuelle ist außer Reichweite. Waren sie vorher Fotografinnen und Fotografen, hören sie damit auf. Waren sie vorher begeisterte Kinogänger oder in Gallieren zu Besuch, ist das zunächst einmal außer Reichweite. Weil das aber nicht immer so sein muss, und weil es, besonders auch in unserer digitalen Welt, Möglichkeiten gibt, kamen mit den 2000er Jahren, weltweit an verschiedensten Stellen, Initiativen und Vereine auf. Und es tauchen Bildbände und Ausstellungen auf. So konnte man letztes Jahr, im Rahmen des europäischen Monats der Fotografie, im F3 in Berlin, eine Ausstellung von Fotografinnen und Fotografen besuchen, und sah dort sogenannte Lichtmalereien.

B2: Mein Name ist Susanne Emmermann und ich fotografiere eigentlich schon immer. Aber nachdem ich anfing zu erblinden, 92, dachte ich, das ist verloren. Und habe mich dann langsam wieder herangetastet. Und ja, bis hin zum Workshop 2017, indem wir dann mit dem (?Light-Painting), was wir jetzt praktizieren, angefangen haben.

B3: Ja, mein Name ist Gerald (?Pirner). Ich war zunächst begeisterter Bildseher. Habe mich mit Malerei beschäftigt. War sehr intensiver Kinogänger. Dann kam meine Erblindung. Und dann war erstmal vollkommen Schluss mit allen möglichen Bildern. Und ich habe mich dann erst langsam wieder, über mein Schreiben, an die Bilder herangetastet. Habe dann, vor einigen Jahren, angefangen zu fotografieren. Jetzt irgendwie auch tatsächlich ohne Light-Painting zunächst. Bin vom Spüren ausgegangen. Kam dann, über den Film von Frank (?Amann), an das Light-Painting heran. Und fotografiere im Light-Painting Stil jetzt seit drei, vier Jahren, oder sowas.

B4: Mein Name ist (?Silvia Korn) und ich habe vor meiner Erblindung auch schon fotografiert. Mein Vater hat uns Kinder dort herangeführt. Er hat uns gefilmt und fotografiert. Und dann bin ich mit zwölf blind geworden und habe auch geglaubt, dass ich das nicht mehr machen könnte. Und 2004 habe ich das dann wieder aufleben können, durch eine Fotografin, die blinde Menschen gesucht hat und mit ihnen fotografieren wollte. Und da hat sie mir gezeigt, wie man auch blind fotografieren kann. Und seit dem Tag an, habe ich erstmal fotografiert. Und dann habe ich auch mit Light-Painting, 2017, 2016 oder 2017 angefangen zu fotografieren. Und bin auch sehr begeistert, dass wir diese Möglichkeit jetzt haben.

I: Light-Painting, das ist eine Technik, die von blinden Fotografinnen und Fotografen öfter angewandt wird. Die Idee ist simpel. Es ist eine Langzeitaufnahme. Das heißt, die Kamera wird in einem dunklen Raum auf ein Motiv gerichtet und belichtet ab jetzt. Und man geht mit verschiedenen Lichtquellen, zum Beispiel Taschenlampen, oder auch farbigen Reflektoren, und ähnlichem. Die Kamera zeichnet all diese Lichtbewegungen auf. Weil es aber eine Langzeitbelichtung ist, wird der Fotograf oder die Fotografin im Bild nicht sichtbar, das Motiv aber sehr wohl. Und dabei entstehen wirkmächtige Aufnahmen, die fast schon an Gemälde erinnern. Menschen, die nicht richtig oder gar nicht mehr sehen können, machen viele Dinge langsamer als wir Sehenden.

Sie müssen genauer hin spüren, sie müssen ihre Umgebung erfassen, sie müssen Dinge ertasten. Und Lichtmalerei gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Es ist fast schon als würde man eine Skulptur abgehen. Und so können die Künstlerinnen und Künstler übersetzen, was sie spüren und ein Abbild ihres Erlebnisses schaffen. Und die Werke sehen großartig aus. Die sehen so toll und einzigartig aus, dass VW, im Jahr 2018, den blinden Fotografen Pete Eckert, vielleicht inzwischen der berühmteste Fotograf dieses Genres, damit beauftragte, eine Werbekampagne für den Volkswagen Arteon zu produzieren. Auch Pete leidet an Retinopathia pigmentosa. Er war ausgebildeter Bildhauer als ihn die Diagnose ereilte. Und, wie so viele andere, dachte auch er, alles, was ihn an den visuellen Künsten bis hierhin fasziniert hatte, wäre jetzt vorbei. Aber er konnte irgendwie nicht davonlassen, Kunst schaffen zu wollen.

Und deswegen brachte er sich bei, wie er blind eine Drehbank bedienen kann, und fing an, Holzuhrwerke zu schaffen, oder kleine Skulpturen. Es dauerte nicht lange, und das war irgendwie nicht mehr genug. Es dauerte einfach auch zu lange, bis auf diese Art, Kunst geschaffen wurde. Und es gab keine Chance, dass er jemals seinen Lebensunterhalt damit verdienen würde. Und das war sein erklärtes Ziel; Er wollte mit seinen Leidenschaften, Geld verdienen. Irgendwann passiert dann, was passieren musste: Ihm fiel eine alte Kamera in die Hand. Alte Kamera, in dem Fall eine Kodak aus den 50er Jahren, haben die angenehme Eigenschaft, dass sie sehr haptisch sind. Dort sind verhältnismäßig große und wenige Bedienelemente dran.

Und die kann man bedienen lernen, ohne sie sehen zu müssen. Seine Frau hilft ihm dabei, die grundsätzliche Funktionalität zu verstehen. Aber er stößt trotzdem schnell an Grenzen, und wendet sich an einen lokalen Foto-Fachbetrieb. Und die bringen ihm, in schier endloser Geduld, verschiedenste Techniken bei, die er auch als Blinder beherrschen kann. Beziehungsweise entwickeln diese Techniken zusammen mit ihm. Auch hier mündet das Ganze in Ausstellungen, in Fotobücher und eben in eine Kampagne für Volkswagen, in dem er, mit Hilfe von Lichtmalerei, wirklich eindrückliche Bilder und Videos schafft. Und auch bei Pete ist der Antrieb ein sehr ähnlicher, wie bei sehenden Zeitgenossen mit Kamera. Er braucht die Bilder selbst nicht sehen können, um zu wissen, wie sie auf andere in seiner Umgebung wirken, wenn diese sie sich anschauen.

Wie andere professionelle Fotografinnen und Fotografen auch, hat er Assistenten, die ihm dabei helfen, die Belichtungstechnik und die Kamera selbst auszurichten. Aber das Bild schafft er, in dem er sich um sein Motiv herumtastet und mit verschiedenen Lichtquellen malt. Oft schafft er das Bild schon fertig im Kopf, noch bevor er überhaupt zur Tat schreitet. Die Tatsache, dass er früher mal sehen konnte, hilft ihm dabei natürlich ungemein. Ein stückweit, so sagt er, macht er eigentlich mit der Kamera dasselbe, was er als Bildhauer auch mit der Drehbank machen würde, nur in viel kürzerer Zeit. Und was ich ganz allgemein sehr beeindruckend finde, wenn ich mir die Bilder von ihm oder anderen blinden Fotografinnen und Fotografen anschaue, ist die Kreativität, die dort durchsticht. So mancher von uns fotografiert ja eigentlich nur, was uns sowieso im Alltag begegnet und hält dann vielleicht sogar einfach mit der Vollautomatik drauf. Daran ist auch überhaupt gar nichts auszusetzen.

Aber diese Fotografinnen und Fotografen, die sich herantasten, daran, was eine Fotografie für sie bedeutet, schaffen dort zum Teil Bilder, die anders sind als alles, was ich sonst so zu sehen bekomme. Sie drücken sich aus. Sie zeigen ihrer Umgebung ihre Welt. Und das, glaube ich, ist im Kern alles, worum es bei Fotografie überhaupt gehen kann. (Musik wird abgespielt) Fotomenschen. Zur heutigen Folge gibt es wirklich viel Material, was man sich anschauen kann. Ich habe so einiges an Videos und weiterführenden Links aufgeführt. Ich habe eine größere Auswahl von Fotografinnen und Fotografen in den Notizen zur Sendung hinterlegt und möchte damit möglichst viel Anlass und Gelegenheit schaffen, um in diese faszinierende Welt einzutauchen.

Als mir dieser erste Fall eines sehbehinderten Fotografen begegnet ist, dachte ich noch, das ist eine Kuriosität. Und je mehr ich mich dann damit beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass so mancher von diesen Menschen näher an der Essenz des Fotografierens ist als viele Sehende, die mit Kameras durch die Gegend laufen. Wenn die Fotografie ein Weg ist, sich auszudrücken, wenn die Fotografie ein Weg ist, die Welt zu erfahren und ihr näher zu kommen, wenn sie eine Möglichkeit ist, über sich selbst und die Umgebung nachzudenken, ja, dann ist die Fotografie praktisch das perfekte Werkzeug. Und wir alle tun es. Es ist auch das ein Klischee, das Zitat, dass wir als Fotografinnen und Fotografen zuerst einmal uns selbst fotografieren.

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Wie Jennifer Lopez Google inspirierte https://fotomenschen.kopfstim.me/wie-jennifer-lopez-google-inspirierte/ Fri, 30 Jul 2021 18:17:27 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Wie kam Google eigentlich auf die Idee eine Bildersuchmaschine zu starten?

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Transkript

I: Ich bin älter als das Internet. Das war ein Satz, den ich mal irgendwann zu meinen Kindern gesagt hatte, und damit meinen Status als Dinosaurier unverrückbar zementiert habe. Meine Kinder sind in einer Welt aufgewachsen, in der man ganz selbstverständlich auf eine Suchmaschine hat und die natürlich nicht nur nach Text, sondern auch nach Bildern und nach Videos suchen kann. Aber das war nicht immer so. (Musik im Hintergrund) Fotomenschen. (Musik läuft aus) Wir schreiben den 23. Februar im Jahr 2000. Es ist Zeit für die 42ten Grammy-Awards. Und wer das schon mal verfolgt hat, weiß, jede Kategorie dieses Awards hat eigene Laudatoren und Laudatorinnen. In der Kategorie Best R&B Album steht der Schauspieler David Duchovny, der Mulder in der TV-Serie X-Files spielte, und Jennifer Lopez auf der Bühne. (Applaus) 

B1: You know, David, coming out to present the first Award is a real Honor on these Programs.

B2: Well, Jennifer, this is the first Time in five or six Years, that I am sure, that nobody is looking at me. 

I: Er sei sich ganz sicher, sagte er, dass in diesem Augenblick niemand auf ihn schaut. Und da dürfte er recht gehabt haben. Die damals 31-jährige Jennifer stand nämlich in einem Hauch von Nichts mit ihm auf der Bühne. Ihre Brüste waren gerade so von einem halbdurchsichtigen, grünen Stoff bedeckt. Und die Menge starrte auf sie. Dabei hätte sie um ein Haar für diesen Abend etwas ganz anderes getragen. J.Lo. 

B1: I was nominated for a Grammy that Night. And I was filming Wedding Planer at the time, with Matthew McConaughey, and I was out in the Middle of nowhere, where we did the Horseback-Riding Scene, where the Horse loses Control. We were out doing that, and my Stylist comes in, and she is like: The Grammys tomorrow have no Time to do a Fitting. And she brings like three or four dresses.

I: J.Lo war eigentlich in der Mitte der Dreharbeiten für den Film Wedding Planer zu der Zeit. Außerdem war sie für den Grammy nominiert. Es ist der Abend vor dem Grammy und es war die ganze Zeit überhaupt keine Gelegenheit, um Kleider auszuwählen. Und ihre Stylistin hat deswegen auch nur zwei oder drei Optionen dabei. Es hatte also einfach alles zu lange gedauert und es gab kaum noch Optionen. Und so kommt es, dass am Tag der Grammy-Verleihung, statt, wie normalerweise, Massen von Kleidern, nur noch zwei Kleider zur Auswahl stehen. Ein weißes und ein grünes. Jennifer Lopez‘ Stylistin ist für das weiße. Denn das grüne hatte zuvor schon Donatella Versace selbst, und auch noch ein Model auf dem Laufsteg getragen. Und auf den Grammys, da will man doch was tragen, was niemand zuvor irgendwo gesehen hat, findet sie. Allerdings, als J.Lo das grüne Dschungel-Dress anzieht, da ist allen im Raum klar, das wird das Kleid. Also allen, außer der Stylistin. Aber zumindest die Männer im Raum sind der absoluten Überzeugung, das ist das Kleid, das sie tragen muss. Das wird ihr die Aufmerksamkeit im Raum sichern.

B1: And the only Concern was whether or not, my Boobs were going to pop out on Stage, or anywhere along the Way, because it was so low-cut. We literally laid double Stick down, to (?Pay-Tape), and we stuck the Dress to it.

I: Die einzige Sorge, die sie bei dem Kleid hatten, war, ob ihre Brüste nicht vielleicht rausfallen könnten, auf dem Weg zur Veranstaltung, oder auf der Veranstaltung selbst, auf der Bühne, oder so. Und deswegen hat man doppelseitiges Klebeband genommen und das Kleid, direkt an den Nippeln vorbei, fixiert.

B1: So, everybody, having the same Thoughts, like „Is this Dress going to blow open?”. You know, it is so low-cut. And I guess that was fascinating for People. But there was never any Danger of that.

I: J.Lo behauptet bis heute, ihr war nicht klar gewesen, welche Wirkung dieses Kleid auf die Leute hatte, bis zu dem Moment, wo sie damit auf dem roten Teppich war.

B1: And we hit the red Carpet, and it was a Frenzy. The Flashes started going, in a Way, that it is not usually. 

I: J.Lo gewann den Grammy nicht an diesem Abend. Und sie war auch erstmal traurig darüber. Tatsächlich war das Ganze trotzdem ein Rekord-Grammy, weil Santana mit elf Grammys nach Hause gegangen ist. Allerdings, die Tatsache, dass Santana elf Grammys, und damit einen Rekord gewonnen hatte, wurde am nächsten Tag von der Presse komplett ignoriert. Das wichtigste, was alle Zeitungen abzudrucken hatten, war J.Lo in diesem grünen Kleid. Und die Welt wandte sich ans Internet und versuchte, Bilder von J.Lo in diesem Kleid zu finden. Die damals noch junge, aber schon etablierte Suchmaschine, Google, merkte das sofort auf ihren Servern. Gerüchten zufolge war es einige der wenigen Gelegenheiten, bei denen eine weltweite Suchanfrage, die Server von Google in die Knie gezwungen hatte.

Und weil Google damals noch keinerlei Möglichkeit hatte, um nach Video oder Fotos gezielt zu suchen, sondern einfach nur Links auf Webseiten zeigte, das aber nun mal eine Suchanfrage war, die man eigentlich nur mit einem Bild beantworten konnte, entstand aus diesem einzigartigen Grammy-Auftritt, die Idee, die Google-Bildersuche zu entwickeln. 250 Millionen Fotos konnte man dann 2001, bei der frisch gestarteten Google-Bildersuche finden. Eine Mini-kleine Zahl, verglichen mit den über 50 Milliarden Bildern, die in der heutigen Google-Bildersuche indiziert sind. Inzwischen kann man nicht nur durch Begriffe, Bilder finden. Sondern man kann auch nach Vorkommen von Bildern, oder nach ähnlichen Bildern, oder nach bestimmten Arten von Bildern suchen. Und natürlich kann man da auch, nach wie vor, von dem grünen Dschungel-Dress von Versace suchen. Inzwischen findet man dort allerdings nicht nur das ikonische Kleid und Bild von Jennifer Lopez aus dem Jahr 2000, sondern stellt fest, sie hat es nochmal getan.

Zum Zwanzigjährigen dieses Auftritts, hatte Donatella Versace eine aktualisierte Fassung dieses Dschungel-Dresses gemacht. Und J.Lo ließ sich das nicht nehmen, der Welt zu zeigen, wie man mit 51 Jahren aussehen kann, in einem Hauch von Nichts und doppelseitigem Klebeband. Dieses Kleid blieb nicht das einzige Kleid, das zu einer viralen Sensation im Internet wurde. So war im Jahr 2015 ein Kleid in aller Munde, bei dem sich das Internet nicht darauf einigen konnte, welche Farbe es eigentlich hatte. War es golden und weiß, oder schwarz und blau? Unklar. Und wieder glühten die Drähte. Aber dieses Mal war die Google-Bildersuche natürlich zur Stelle und konnte helfen. Auch hier gab es ganz konkret, weitreichende Folgen. So wurden mehrere Dutzend Studien und Paper geschrieben, die sich mit dem Wahrnehmungsapparat des Menschen befassten.

Es war zunächst einmal ein neurologisches und ein psychologisches Phänomen. Und durch die Masse an Menschen, die sich im Internet damit befassten, war eine einzigartige Datenbasis geschaffen worden, mit der man hervorragend forschen konnte. Wir glauben ja durchaus gerne mal, dass Fotografie die Welt verändern kann. Und ich finde es ja schon irgendwie lustig, dass die Mode-Fotos, die die Welt letztlich verändern, keine hochprofessionell orchestrierten und liebevoll gestalteten Mode-Shots sind, sondern mehr oder weniger Schnappschüsse, die danach Millionen Menschen im Internet beschäftigt haben. Wenn man J.Lo ist, ist Mode ein Riesending, aber auch irgendwie Alltag. Und trotzdem sticht dieser Moment auf den Grammys auch für J.Lo weit raus.

Und er zeigt, wie visuell unsere Kultur inzwischen geworden ist. In einer Welt ohne Fotografie, wäre ein Kleid nie so populär und bekannt geworden. In einer Welt ohne Internet, hätte sich niemand, außerhalb der Stadt, in der dieses Kleid zu sehen gewesen war, dafür interessiert. In einer Welt mit dem Internet und der Fotografie kann die Frage nach den fast rausfallenden Brüsten von J.Lo dafür sorgen, dass der weltgrößte Suchmaschinenhersteller ein komplett neues Produkt auf den Markt bringt. (Musik) Fotomenschen.

Wer sich jetzt selbst ein Bild von den besprochenen Kleidern machen möchte, wird natürlich, wie immer, in den Notizen zur Sendung fündig. Und wer die nicht vollständig, inklusive eingebetteter Videos, im (?Pod-Catcher) sieht, der findet sie auf Fotomenschen(.)net. Dort gibt es inzwischen auch etwas Neues. Nämlich in der Menüleiste einen Link auf den Fotomenschen YouTube-Kanal. Ich möchte ein bisschen mit Video rumprobieren. Ich möchte hin und wieder begleitendes Material zum Fotomenschen Podcast veröffentlichen. Und wer mag, wird da gelegentlich auch mal Vlogs von mir finden. Schaut gerne mal rein und lasst mich wissen, wie ihr es findet.

Überhaupt, Feedback ist die Währung, die mich hier am Laufen hält. Und das kann man loswerden, im Fotomenschen Twitter-Kanal, im Fotomenschen YouTube-Kanal, auf iTunes, in Form von Sternbewegungen, oder direkt im Blog, auf Fotomenschen(.)net in den Kommentaren. Und wer das Projekt unterstützen möchte, der teilt es weiter, sodass auch andere zu dem Podcast finden können. Ich höre ja immer wieder mal, dass Leute gedacht haben „Oh, nicht noch ein Foto-Podcast.“, und dann durch irgendeinen Zufall doch mal reinhören und überrascht davon sind, wie spannend sie es auch dann finden, wenn sie selbst sich nicht zu den Fotografinnen zählen. Ergo, empfehlt doch den Podcast auch gerne anderen Leuten. Also nicht nur Leuten, die sich erkennbar für Fotografie interessieren. Ansonsten noch zum Abschluss ein dickes, dickes Dankeschön an den Niels, der der Themenpate für die heutige Folge war. Und wer auch gerne Themenparte sein möchte, das ist das Ding mit dem Feedback, von dem ich es gerade hatte. Bleibt gesund. Danke für das Zuhören. Bis bald.

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Mug Shots a la Bertillon https://fotomenschen.kopfstim.me/mug-shots-a-la-bertillon/ Sun, 22 Nov 2020 16:27:54 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Die polizeiliche und forensische Fotografie gehört zu den großen Bereichen der Fotografie überhaupt. Tatortbilder, Beweisfotos und Portraits Verdächtiger gehören heute zum Alltag was aber längst nicht schon immer so war.

Bild: Von Alphonse Bertillon (1853-1914) – Michel Frizot, Serge July, Christian Phéline, Jean Sagne : Identités : de Disderi au photomaton, éditions Photo Copies – Centre National de la Photographie, Paris, 1985, p.61., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10074659

Transkript

In einer Welt, in der jeder und jede von uns Fotograf sein kann und auf jeden Fall schon fotografiert hat, ist es schwierig, die rein professionellen Ecken ausfindig zu machen, in denen Fotografie nur noch Mittel zum Zweck ist. Die sogenannte forensische Fotografie ist so ein Bereich.

Vom Beginn der Fotografie an war eins völlig klar: Es gab unendlich viele Anwendungsfälle dieser neuen Kulturtechnik. Schon die Väter der Fotografie (es waren alles Väter) schlugen die unterschiedlichsten Richtungen ein. Wir hatten die wissenschaftliche Anwendung, also das systematische Dokumentieren z.B. von Gegenständen oder Architektur, aber gleichzeitig hatten wir den Versuch, Aufnahmen zu schaffen, die wie klassische Gemälde aussahen. Und wo wir schon bei klassischen Gemälden sind: Da wissen wir ja, oft sind da Nackte drauf zu sehen. Und auch das zog natürlich sofort in die Fotografie ein, genauso wie es relativ früh Versuche gab, über fotografische Verfahren Geld zu fälschen. 

Wie es so oft ist: Eine neue Technologie wird eingeführt. Es herrscht eine gewisse Gesetzlosigkeit und die wird zunächst von den Menschen der Gesellschaft ausgenutzt, die von Gesetzlosigkeit Vorteile haben. Ihnen dicht auf der Spur: Die Polizeiarbeit. 

Allerdings ist die Polizeiarbeit zu der Zeit noch sehr, sehr jung. 1839, als die Daguerreotypie, also das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren der Welt zum Geschenk gemacht wird, ist die Polizeistation in London gerade mal zehn Jahre alt. Die ganze Disziplin der Kriminalistik hat gerade mal 40 Jahre auf dem Buckel. 

Denn die erste Polizeidienststelle überhaupt geht auf einen Parlamentsbeschluss der Stadt Glasgow aus dem Jahr 1800 zurück. Damals hat man sich eingestanden, dass das bisherige System von Freiwilligen, unbezahlten Konstablern oder Söldnern nicht dazu geeignet ist, um wirklich Recht und Ordnung durchzusetzen. Und so beschloss man, einen neuen Berufsstand zu schaffen. Und es funktionierte zwar so gut, dass es überall nachgemacht wurde, aber es war natürlich weder abgestimmt noch überall auf demselben Qualitätsniveau.

Aber zwei Probleme hatten alle Polizeidienststellen gemeinsam: Erstens mussten sie Menschen finden können und zweitens mussten sie zur Aufklärung von Verbrechen Beweise dokumentieren und Hinweise festhalten können. 

Die ersten Kriminalisten versuchten sich da meistens im Karteikartensystem. Je nachdem, wer mit einem jeweiligen System angefangen hatte, waren die dann gerne mal alphabetisch nach Tatort, nach Jahreszahl, nach Namen der Verdächtigen, was auch immer, sortiert und in dem Berg an Daten, den ein durchschnittlicher Polizeialltag produzieren kann, eigentlich nicht mehr auffindbar. Wenn es um die Fahndung von Menschen ging, kam noch dazu, dass die Beschreibung von Personen nicht standardisiert war. Man blickte also recht früh hoffnungsfroh auf die ersten fotografischen Aufnahme- und dann auch später Druckverfahren. 

Die Daguerreotypie war da relativ unhandlich, denn sie produzierte Einzelstücke auf Metall, noch dazu Einzelstücke auf Metall, die relativ empfindlich waren und gut gelagert werden wollten. Trotzdem fingen vor allen Dingen in den USA relativ früh Porträtstudios an, ihre Dienste auch in der Nähe von Polizeistationen anzubieten.

Als er Mitte der 1850er Papierbasierende Negativverfahren die Fotografie eroberten, also die Möglichkeit auftauchte, Fotos zu machen und beliebig oft zu vervielfältigen, hob auch die Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Polizeidienststellen ab. So fing man zum Beispiel in den USA an, Alben von Tatverdächtigen anzulegen. Die sahen besonders anfangs allerdings noch verdammt ähnlich aus wie klassische reguläre Porträts aus derselben Zeit. 

Erst nach und nach bürgerten sich bestimmte Konventionen ein. Zu dem anfangs fast ausschließlichen Frontalporträt kam eine Seitenaufnahme, manche der Verdächtigen hielten Schilder mit weiteren Informationen hoch oder man achtete darauf, dass die Hände im Bild waren, weil man glaubte, an den Händen Verdächtige zusätzlich identifizieren zu können. Es bildeten sich also einzelne Konventionen raus.

Verdächtige fotografieren war ein Ding. Aber was war mit der Tatortfotografie? Die gab’s anfangs nicht. Die ersten Tatortfotos sind deshalb auch nicht von Polizisten gemacht worden, sondern von Privatleuten oder Reportern. Die Polizei konzentrierte sich auf das schriftliche Festhalten der Beobachtungen. Zum Teil lag das daran, weil Gerichte der damaligen Zeit Fotografien als Beweise eher skeptisch sahen. 

Das sollte sich allerdings mit einem Ereignis ändern, das die Welt erschütterte.

Am 14. April 1865 wird der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln, bei einem Theaterbesuch von einem bekannten Schauspieler von hinten in den Kopf geschossen. Er stellt sich schnell raus: Das Ganze war eine Verschwörung und eine landesweite Suche nach den Tätern kommt in Gang. 

Und für uns ist dieser Moment deswegen wichtig, weil die Behörden zu dem damaligen Zeitpunkt zum ersten Mal verfügen, dass nicht nur die Verdächtigen mit Fotografien gesucht werden sollen, sondern auch gleichzeitig der Tatort und später dann auch die Hinrichtung der Täter fotografisch festgehalten werden soll. Hatte man bisher die Fotografie nur gelegentlich als eines von vielen Werkzeugen in der Polizeiarbeit benutzt, war es ab jetzt ein Standardwerkzeug, immer noch sehr unterschiedlich eingesetzt, aber sowohl im Polizeialltag als auch dann später vor Gericht deutlich akzeptierter als vorher. Schließlich hatte man jetzt weltweit davon gehört, dass die Fotografie eine wichtige Rolle spielte in der Aufklärung dieses Verbrechens.

Ob Alphonse Bertillon von der Ermordung Lincolns gehört hatte, kann ich nur spekulieren. Er war zu dem Zeitpunkt gerade mal zwölf Jahre alt. Er war der mittlere Sohn eines Akademikerhaushalts, sein Vater war anerkannter Arzt, Statistiker und Präsident der anthropologischen Gesellschaft in Paris. Und wäre damit nicht in einer Familie mit Beziehungen und Geld gelandet, wahrscheinlich hätten wir nie von ihm gehört. Denn aus der Zeit berichtet man von zahllosen Schulverweisen und davon, dass er in erster Linie faul, starrsinnig und jähzornig gewesen sei. 

Trotzdem schafft er es irgendwann, seinen Abschluss zu machen und bekommt nach einem kleinen Zwischenspiel als Sprachlehrer in England von seinem Vater eine Stelle als kleiner Schreibtischbeamter bei der Polizei in Paris vermittelt.

Und in dieser Position hat er mit dem Karteikartensystem der Pariser Polizei zu tun, die, so erkennt er sofort, absolut ungeeignet sind, um damit irgendwas praktisch anzufangen. Das Problem war nicht, dass es keine Fotos gab, die gabs. Das Problem war, dass die in alphabetischer Reihenfolge abgelegt waren und damit konnte man sie natürlich schlecht wiederfinden. Außerdem war die Sprache, in der eine Aufnahme beschrieben wurde, nicht standardisiert. Man könnte mich z.B. als großgewachsenen, in unrasierten Mittelblonden Mann beschreiben und damit hat dann jede und jeder von uns ein Bild im Kopf aber garantiert keine ausreichende Beschreibung, um mich in der Menge wiederzufinden. 

Bertillon schlägt also vor, dieses Ablagesystem zu ändern. Statt alphabetischer Reihenfolge schlägt er Messungen vor. Verdächtige sollen nicht einfach nur fotografiert werden, sondern auf eine genau vorgegebene Art und Weise fotografiert werden. Und während sie fotografiert werden, sollen bis zu 11 verschiedene Messungen vorgenommen werden. Die Annahme dabei: Es gibt bestimmte Eigenschaften, die ändern sich auch über die Jahre hinweg nicht mehr. Und selbst dann, wenn man nur genügend solche Merkmale festhält und sammelt, dann hat man irgendwann eine so kleine Fehlerwahrscheinlichkeit, dass man Menschen ausreichend genug beschrieben hat. 

Die Körpermaße, die er zur Messung vorschlägt, sind Körperlänge, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge, Kopfbreite, Länge des rechten Ohres, Breite des rechten Ohres, das wurde dann später durch die Jochbeinbreite ersetzt, Länge des linken Fußes, Länge des linken Mittel- und Kleinfingers und Länge des linken Unterarms. Er legte genau fest, wie diese Messungen vorgenommen werden mussten und wie sie festgehalten wurden. Außerdem wurde fotografiert und für diese Fotografien definierte Bertillon genau, in welcher Lichtsituation, mit welchem Hintergrund diese Aufnahmen stattzufinden hatten. 

Bertillon war derjenige, der zum ersten Mal eine Messskala in den Hintergrund packte. Bertillon war derjenige, der definierte, welche Aufnahmen in welcher Reihenfolge welche Details zu zeigen hatten. Und wenn man diese Liste von 11 Messungen vor Augen hat, dann kann man das Ganze auch für ganz schön durchgeknallt halten.

Und genau das tat sein Chef. Er riet ihm doch mal im lokalen Sanatorium für geistig Kranke nachzufragen, ob die ihm helfen könnten und drohte ihm mit Rauswurf, sollte er nochmal mit der Idee um die Ecke biegen. 

Sein Vater hingegen sah sich die Methode an und als ausgebildeter Statistiker verstand er, worum es seinem Sohn dabei ging. Als Bertillon ein Wechsel der Vorgesetzten ins Haus stand, war seine Chance gekommen. Sein Vater intervenierte und sorgte dafür, dass sein Sohn die Erlaubnis erhielt, seine Methode in praktischen Versuchen zu testen. 

Er bekam zwei Mitarbeiter und einen Raum. Und drei Monate Zeit. Im November 1882 begann er mit dem Vermessen und Dokumentieren der ersten Verdachtsfälle. Im Februar 83, kurz vor Ende des Testlaufs, hatte er 1800 Karteikarten angelegt, die nach diesen statistischen Kriterien sortiert waren und nicht mehr nach Alphabet. Seine Kritiker beobachteten das Ganze mit Erheiterung und hielten es für unmöglich, dass er mit dem System auch nur einen Verdächtigen identifizieren konnte.

Und fast sah es so aus, als würden sie Recht behalten. Es war tatsächlich schon Februar, als Bertillon mit seinem System erfolgreich den ersten rückfälligen Straftäter anhand seiner Körpermaße identifizieren konnte. Das war so überraschend, dass man erstmal die Testphase verlängerte. Er sollte weitere Monate daran arbeiten und er bekam weiteres Personal zugeteilt. Bis zum Ende des Jahres hatte er 49 Identifizierungen nachgewiesen und mit wachsendem Datenbestand wurde das System immer erfolgreicher. 1888 gründete die Pariser Polizei dann den ersten polizeilichen Erkennungsdienstlich überhaupt und beförderte Bertillon zu seinem ersten Leiter.

Das System wurde nach ihm Bertillonage genannt und bestand nicht nur aus den Anweisungen, wie denn die Fotografien oder die Messungen vorzunehmen wären, sondern auch eigens dafür konstruierte Apparaturen. So gab es eine fotografische Apparatur, nur um diese, wie man heute ja sagt, Mugshots aufzunehmen. Und das Verfahren trat einen weltweiten Siegeszug an. In den USA, in Deutschland, in Spanien, in Russland, überall wurde das Verfahren eingeführt und angewendet.

Allerdings hatte das Verfahren natürlich auch Nachteile. Die Genauigkeit, die hing davon ab, wie präzise die Messungen vorgenommen wurden. Und so war die Erfolgsquote außerhalb der Pariser Dependance sehr, sehr unterschiedlich. 

Und dann gab es auch nach und nach konkurrierende Verfahren. In Bertillons System wurden Verdächtige mithilfe der Maße identifiziert und dann per Fotobeweis überführt. Aber es gab die Diskussion, ob dieser letzte Fotobeweis nicht vielleicht durch Fingerabdrücke ersetzt werden konnte. Die waren nicht nur einfach zu erfassen, sondern hatten auch den Vorteil, dass man sie oft an Tatorten fand. 

Und wo wir schon beim Bereich der forensischen Fotografie sind: Es gab inzwischen einen kompletten spezialisierten Bereich der Beweisfotografie, in der unter anderem natürlich Fingerabdrücke oder Abdrücke jeglicher Art eine große Rolle spielten. Bertillon zweifelte an, dass Fingerabdrücke geeignet wären, denn er glaubte nicht, dass man sie systematisch ablegen und damit auch wiederfinden konnte. Da sollte er sich natürlich geirrt haben, wie wir heute wissen. 

Noch zu seinen Lebzeiten trat die Bertillonage immer mehr in den Hintergrund und wurde nach und nach von Fingerabdrücken als biometrisches Erkennungsmerkmal abgelöst.

Was aber erhalten blieb, waren die präzisen Methoden von Alphonse Bertillon. Er hatte nicht nur fotografische Apparate konstruiert, sondern eben auch definiert, dass Fotos im Polizeibetrieb aus einem genau definierten Abstand zu machen wären, dass Skalen mit ins Bild gelegt werden mussten, und zwar nicht nur bei Mugshots im Hintergrund, sondern auch zum Beispiel bei Tatortfotografien. Und so sind selbst moderne Ablage- und Fotosysteme immer noch von Prinzipien beeinflusst, die damals Alphonse Bertillon ins Leben rief. Und insbesondere die Mugshots, die würde er auch heute immer noch wiedererkennen.

In Vorbereitung für die heutige Episode bin ich dann auch im Internet unterwegs gewesen und habe nach berühmten Mugshots gesucht. Und es ist schon erstaunlich, wie viele Berühmtheiten irgendwann mal mit der Polizei in Kontakt kamen und da dann polizeiliche Aufnahmen hinterlassen mussten. Da gibt’s Aufnahmen von Fred Astaire, von Jane Fonda, von Mick Jagger oder von Bill Gates. 

Besonders das Bild von Bill Gates finde ich witzig. Da war er in New Mexico festgenommen worden, weil er mit einem Porsche ohne Führerschein zu schnell gefahren war. In dem Foto, das die Polizei von ihm machte, grinst er frech in die Kamera und verewigte diese Aufnahme dann später in dem Microsoft E-Mail-Programm Outlook: Legt man dort nämlich einen neuen Kontakt an, wird einem links als Platzhalterbild eine Silhouette genau dieses Mugshots gezeigt.

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Die Erfindung des Foto-Handys https://fotomenschen.kopfstim.me/die-erfindung-des-foto-handys/ Fri, 23 Oct 2020 20:04:05 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Das erste von einer Handykamera stammende Bild wurde auf einer Entbindungsstation aufgenommen…

(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach https://fotomenschen.net)

Bild: By Philippe Kahn – Released to public domain as noted here, which states, „All images released to the public domain.“, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15288272


Transkript

Mein erstes Handy war ein Telefon von Motorola und das konnte genau ein Ding, nämlich telefonieren, und das noch nicht mal besonders gut. Damit konnte man nicht im Internet surfen, man konnte damit nicht navigieren und fotografieren schon gar nicht. Und damals, im Jahr 1995, vermisste das auch noch niemand.

Damals fotografierte man mit Filmkameras. Der Höhepunkt der Filmfotografie war noch nicht erreicht. Das wurde erst im Jahr 2000 passieren und das, was heute das Internet nennen, war gerade mal zwei, vielleicht drei Jahre alt. Es gab noch kein Google. Es gab noch kein Facebook. Wir hatten ja nichts damals. Entschuldigung.

Und ich verbrachte zu der Zeit jede freie Minute an meinem Computer, um mir selber Programmieren beizubringen. Und zwar mit der Programmiersprache Turbo Pascal der Firma Borland. Die Programmiersprache Turbo Pascal war für die Entwicklung der modernen Programmiersprachen super einflussreich aber eigentlich hat es mit der Geschichte heute nur am Rande zu tun. 

Ich erwähne das hauptsächlich aus zwei Gründen: Zum einen wurde die Firma Borland 1982 von Philippe Kahn gegründet und der wird jetzt gleich sehr, sehr wichtig werden. Zum anderen will ich einfach nur unterstreichen, dass ich erstens ein alter Sack und zweitens ein totaler Nerd bin. Ich sympathisiere also mit Philippe Kahn, er wäre zu der Zeit damals einer meiner Helden gewesen. Ich hätte gewusst, wer der Mann ist. Ich hätte gewusst: Philip Khan ist der Typ, der Borland gegründet hat und dann die Firma Starfish Software und dann LightSurf und dann Fullpower Technologies. 

Im Grunde war Philippe Kahn ein Vollblutnerd, der verstanden hatte, wie man technologische Entwicklungen zu Geld macht. Und er war ein Bastler, das, obwohl er im Jahr 1997 unsere Geschichte jetzt einsteigt, sein zweites Multimillionen-Dollar-Unternehmen gegründet hatte.

Es ist der 11. Juni 1997. Er und seine hochschwangere Frau sind zu Hause und warten darauf, dass die Wehen einsetzen. Die Tasche fürs Krankenhaus ist gepackt, unter anderem natürlich mit dabei eine Kamera. 

Und weil er nun mal ein Techentrepreneur aus dem Silicon Valley ist auch nicht irgendeine Kamera, sondern der heißeste Scheiß, den man zu der Zeit haben konnte. Eine Casio QV-10. 

Das ist die Kamera, die die Digitalkamerarevolution gestartet hat. Die erste für Konsumenten erschwingliche Digitalkamera. 800 Dollar war so ungefähr der Kaufpreis. Unglaubliche 320 mal 240 Punkte Auflösung. Das sind ungefähr ein viertel Megapixel. Zum Vergleich: meine Handykamera hier hat 64 Megapixel, das sind 256-mal so viel.

Als die Wehen bei seiner Frau einsetzen greift er also diese Tasche nebst Kamera und weil man ja nie so genau wissen kann, wie lange man dann nun im Krankenhaus eigentlich nur wartet, hat er auch noch seine Arbeitstasche mit seinem Laptop dabei. Muss ich erwähnen, dass auch Laptops damals weder besonders üblich noch besonders klein waren?

Er nahm den Kram jedenfalls mit, weil er zu der Zeit an einem kleinen Projekt arbeitete, mit dem er den Versand großer Dateien vereinfachen wollte. Statt z. B. Bilder als E-Mail-Anhängsel rumzuschicken wollte er an einer zentralen Stelle das Bild ablegen und nur einen Link darauf per E-Mail verschicken. 

Kahn greift sich also Tasche, Telefon, Laptop und wirft sich mit seiner Frau ins Auto, um schnellstmöglich ins Krankenhaus zu fahren. Weil er sich nicht an die Höchstgeschwindigkeit hält wird er unterwegs noch aufgehalten und weil der Polizist ihm nicht glaubt, dass er auf dem Weg zur Entbindungsstation ist, bekommt er ein Ticket, aber hey, egal. Jedenfalls sitzt er dann da. 

Wer selbst schon mal in der Situation war, weiß es vielleicht. Bei den allermeisten Menschen vergeht zwischen den ersten Wehen und der Geburt einiges an Zeit. Zeit, die es totzuschlagen gilt. Ein Glück, dass er seinen Krempel dabei hat. Vielleicht, so der Gedanke, könnte er irgendwie eine Verbindung zu den Computer bei ihm daheim in der Küche herstellen und von da aus dann ein paar Testdateien verschicken. 

Heutzutage hat man Data auf seinem Handy oder WiFi im Krankenhaus. Philippe Kahn und seine Frau hatten ein Handy, eine Kamera und einen Laptop. Laptop und Handy konnte er miteinander verbinden. Aber Kamera und Laptop waren Problem, denn er hatte kein passendes Kabel dabei und Kamera und Handy wäre natürlich noch viel praktischer aber dafür existierte gar kein passendes Kabel. 

Und jetzt kommt ein ziemlich unterhaltsamer Twist in dieser Anekdote. Denn woran erkennt man, dass man mit einem Vollblutnerd verheiratet ist? Genau. Wenn der im Kofferraum einen Lötkolben dabei hat. Und woran erkennt man, dass die Frau dieselbe Art von Nerd ist? Genau. Wenn sie ihm dabei zuhört, wie er über das mangelnde Kabel flucht und ihn daran erinnert, dass er doch einen Lötkolben dabei hat und es wird doch genügend Kabel im Auto geben müsste, aus denen man so ein Kabel machen könnte. 

Philippe Kahn läuft also runter zu seinem Auto, holt sich den Lötkolben, nimmt den Seitenschneider, schneidet Kabel aus seiner Autostereoanlage heraus und bastelt auf der Entbindungsstation, während seine Frau am Wehenschreiber hängt, ein Verbindungskabel, um Handy, Laptop und Kamera so miteinander zu verbinden, dass er ein Foto aufnehmen, es nach Hause zu seinem Computer schicken und direkt per E-Mail an Freunde und Familie verteilen kann. 

Ich meine, bei der Entbindung fotografieren war sowieso der Plan. Das Foto danach an Freunde und Familie weiterzuverteilen auch. Wäre doch cool, wenn man das noch gleich durch die Software daheim durchrutschen lassen kann. So oder so ähnlich war der Gedanke.

Als seine Frau Sonja zur Entbindung gefahren wird, ist alles bereit. Im Kreissaal hat Philippe Laptop, Kamera, Handy und diverse Kabel zur Hand, um das große Ereignis zu dokumentieren. Später in Interviews erzählt er von der kindlichen Freude des Doktors, der von der Apparatur so fasziniert war, dass man ihn daran erinnern musste, dass es da noch eine Entbindung gab, um die er sich kümmern musste. 

Und irgendwann ist es dann so weit. Philippes Tochter Sofia kommt am 11. Juni 1997 in Santa Cruz in Kalifornien auf die Welt und er kriegt sie in den Arm gelegt und macht ein Foto von ihr. 15 Minuten später geht dieses Foto an c.a. 2000 Freunde und Familie. Die ist nämlich um den ganzen Erdball verteilt.

Seine Frau ist Südkoreanern, er ist aus Frankreich, sie leben in den USA. Die E-Mail mit dem Foto Sofias geht also um die Welt. Und es bleibt natürlich auch nicht bei dem Bild. Wie sich das für stolze Eltern gehört gibt es diverse Schnappschüsse der müden, aber glücklichen Familie.

Und die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Neben den zu erwartenden Glückwünschen kommen dann allerdings auch sehr, sehr schnell hunderte Rückfragen. Denn die Leute sehen, dass die Bilder anscheinend 15 Minuten alt sind, wenn sie bei ihnen in ihren Emailinboxen ankommen und fragen, wie er das denn bitte geschafft hat. Zu der damaligen Zeit musste man ja normalerweise sein Foto mit der Digitalkamera machen, die dann irgendwann an den Computer anschließen, die Bilder übertragen, die übertragenen Bilder in eine E-Mail packen, die E-Mail versenden et cetera. 15 Minuten, das war praktisch Echtzeit. Und als Philippe sieht, was dieser kleine Hack für eine Resonanz hat, geht ihm ein Licht auf. 

Interessanterweise ist trotzdem nicht Philippe Kahn derjenige, der die ersten wirklich kommerziell verfügbaren Fotokameras auf den Markt bringt. Der Preis geht an mindestens drei, wenn nicht sogar vier verschiedene Firmen, die alle von sich behaupten können, in irgendeiner Art und Weise die ersten gewesen zu sein. Das Ganze spielt sich dann zwischen dem Jahr 1998 und 2000 ab. Verschiedene Geräte kommen auf den Markt mit verschiedenen Möglichkeiten, die alle mehr oder weniger dieselbe Idee haben, nämlich eine Kamera und ein Telefon zusammenzubringen. 

Die Idee der Software hingegen, die führte Kahn und seine Frau zur Gründung ihres nächsten Unternehmens, ein Multimedia Messaging Unternehmen, das dann später von Verisign gekauft werden sollte.

Und bis heute beschäftigt sich dieses Powerpärchen damit, Technologie zu entwickeln. Über 230 Patente werden Phillip Khan zugeschrieben und das Spektrum reicht von Hardwarebasteleien bis hin zu modernsten AI-Tools. Und habe ich schon erwähnt, dass die beiden schon mit Borland einen bleibenden Eindruck auf die Geschichte der IT hinterlassen haben? 

Aber ich muss auch zugeben, es ist schon spektakulär cool, die Wartezeit bis zur Entbindung damit zu überbrücken, dass man ein Kameratelefon hin MCGyvert, um dann mit einem Babyschnappschuss in die Geschichte der Fotografie einzugehen. Das ist auch der Grund, warum das Time Magazine völlig zurecht das Bild von Baby Sofia Kahn in der Liste der 100 einflussreichsten Fotografien aller Zeiten führt.

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