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13. Dezember 2020

Tierische Luftüberwachung

Julius Neubronner war ein Frankfurter Apotheker und liebte Fotografie. Anfang des 20. Jahrhunderts wird er berühmt durch seine einzigartigen Luftaufnahmen…

Themenpate:

Pigeon aerial photo9
Pigeon aerial photo10
Pigeon aerial photo11

Hier folgen noch ein paar Videos. Wer die nicht sieht schaut einfach bei https://fotomenschen.net vorbei:

https://www.youtube.com/watch?v=CwpxiRDUtkI

Transkript

Heute beschäftigen wir uns mit Luftaufnahmen. Ein guter Freund von mir macht das als Hobby: Aufnahmen von atemberaubender Schönheit. Und wenn der arbeitet, klingt das ungefähr so: [Drohne ist zu hören]. Das hat zugegebenermaßen den akustischen Scham eines Zahnarztbesuchs aber so klingen moderne Drohnen nun mal. Mit der heutigen Episode werden wir uns aber in eine Zeit begeben, in der klang das noch so: [Taubengegurre, Gegacker und Metallteile sind zu hören].

Die heutige Episode handelt hauptsächlich in meiner Wahlheimat: im schönen Frankfurt. Und im Umland Frankfurts. Und handelt am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und das ist eine Zeit, in der in Frankfurt eine Menge in Bewegung ist. Frankfurt war damals schon wie heute eine Bankenmetropole und ist Hochtechnologiestandort. 1909 zum Beispiel wird in Frankfurt die erste Fluggesellschaft der Welt gegründet.

Und auch fotografisch war Frankfurt auch von Anfang an ganz weit vorne mit dabei. Daguerres Vorstellung der Daguerreotypie hatte eine Begeisterung ungeahnten Ausmaßes ausgelöst und in Frankfurt eröffnete ein Portraitstudio nach dem anderen und Privatleute kauften oder bauten sich Kameras, mit denen sie ihre eigenen Experimente durchführen konnten. Inzwischen fotografierte man auf Papier oder auf Glasplatte und die Belichtungszeiten waren deutlich kürzer geworden.

Einer der vielen begeisterten Frankfurter Fotohobbyisten war Julius Neubronner. Er stammte aus einer Apothekerfamilie, die eine Apotheke im Stadtteil Kronberg betrieb. Die Mutter stammte aus einer Schauspielerfamilie, der Vater hatte Kontakte zu dem bekannten Maler Anton Burger und alles in allem war die Familie Neubronner dann doch recht gut vernetzt, könnte man sagen.

In diese Familie wird Julius jedenfalls am 8. Februar 1852 geboren. Noch als Teenager entdeckt er seine Faszination für die damals noch sehr junge Fotografie. Er findet eine Kamera, die damals sein Vater noch von Hand gebaut hatte, schafft es aber nicht, damit irgendwelche Bilder zu produzieren. Letztlich pumpt er sich von einer Dienstmagd das Geld, um die erste wirklich funktionierende Kamera zu erstehen. Das Problem war nur: Seine Eltern wussten davon nichts und als die Arbeitgeber der Dienstmagd kündigten, musste Julius plötzlich einen nicht unerheblichen Geldbetrag aufbringen. Das Ganze wird damals Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.

Man kann also sagen, das Erste, womit Julius so richtig aktenkundig wird, ist seine Leidenschaft für die Fotografie. Er schlägt trotzdem zunächst mal eine Apothekerlaufbahn ein.

Als Kaiser Friedrich III. im Dreikaiserjahr 1888 stirbt, beschließt seine Witwe, in der Nachbarschaft von Kronberg ein Witwenschloss zu errichten. Und Julius hatte nun ganz schlagartig den Rang eines Hofapothekers. Es ermöglicht ihm unter anderem, eine zweite Niederlassung näher an diesem Witwenschloss zu errichten, wodurch seine Apotheke nicht nur für die Versorgung der Kaiserin verantwortlich war, sondern sich auch noch um das eben so in der Nähe liegende Lungensanatorium Falkenstein kümmerte.

Seine Kunden jedenfalls hatten meist wenig Geduld, manche Dinge waren ja auch mal dringend, und deswegen begann Neubronner, auch mit Brieftauben zu experimentieren. In 75g-Häppchen lieferten die Zutaten aus dem entfernten Frankfurt an, oder Bestellungen, die er dann vorbereiten konnte, noch bevor der Bote zur Abholung eintraf. Es war so ungefähr 1903, als ihm zum ersten Mal der Gedanke kam, dass man ja mit Brieftauben nicht nur Medikamente, Rezeptbestellungen oder Zutaten schicken könnte, sondern vielleicht auch eine Kamera, wenn sie denn nur klein genug wäre.

Gesagt, getan. Julius Neubronner war sowieso film- und fotoenthusiastisch. Zwischen 1902 und 1920 nahm er unter anderem dutzende Filme auf. Er konnte also gut einschätzen, was technisch machbar war. Das Problem bei der Fotografie via Brieftaube war das Gewicht der Materialien. Jetzt sind Kameras nicht unbedingt superschwer. Wenn man sie aufs Wesentliche reduziert und leichte Materialien wählt, kommt man unter 100g. Das Problem wird dann eher ein mechanisches: Wie bringt man einen Zeitauslöser unter und findet sich ein Weg, mit dem man vielleicht mehr als eine Aufnahme machen kann?

Neubronner war auch nicht der Erste, der Tauben mit Film in die Luft schickt. Rund um 1870, zum deutsch-französischen Krieg, transportiert beispielsweise die Pariser Taubenpost pro Flug bis zu 50000 auf Mikrofilm belichtete Telegramme. Und 1889 sitzt der Chef des Ballon-Korps (ja, sowas gabs), Alexander von Kowanko, mit einer Kamera und einer eigens dafür gebauten Dunkelkammer in einem Ballon, um damit Luftaufnahmen zu machen, die er dann an Ort und Stelle entwickelte und fixierte, um sie dann anschließend per Brieftaube zu Boden zu schicken.

Um die Jahrhundertwende gab es also diverse Versuche, Luftaufnahmen zu machen. Es gab Menschen, die aus Ballons fotografierten, es gab Luftschiffe, und Männer wie George Lawrence konstruierten Drachen, von denen aus sie ihre Aufnahmen machen konnten. Aber jedes dieser Verfahren hatte seine eigenen Nachteile: Entweder waren sie sehr aufwändig (wer hat schon ein Luftschiff zu Hand) oder sehr langsam (z.B. Ballons) oder je nach Anwendungsfall auch zu auffällig. Wer Militäraufklärung betreiben möchte, will vielleicht nicht mit einem Zeppelin über dem Schlachtfeld herumfliegen.

Kurz gesagt: Julius Neubronner versucht, alle Vorteile auf ein System zu bringen, indem er Brieftauben trainiert, ein Gewicht bis zu 75g zu tragen und eine Kamera konstruiert, die genau diese 75g auch einhält. Brieftauben haben übrigens gar keine Lust, 75g Gewicht herumtragen. Auch, wenn man sie darauf trainiert hat. Und das hat fotografisch einen Vorteil, denn das bedeutet, eine Brieftaube macht nicht viele Umwege, sondern fliegt ihren heimatlichen Taubenschlag direkt an.

1903 hatte er die Idee, 1907 hatte er ein erstes Patent eingereicht. Das kaiserliche Patentamt hielt seine Idee erst mal für Humbug und für undurchführbar, aber als er dann 1908 Bilder vorweisen konnte wurde ihm sein Patent genehmigt.

1909 nimmt Neubrunner dann an der internationalen fotografischen Ausstellung in Dresden teil und kurz danach auch noch bei der ersten internationalen Luftschifffahrtsausstellung in Frankfurt, wo er dann seine Taubenfotografie vorführte. Die Tauben kamen an, mit ihren Fotos im Gepäck und Neubronner entwickelte und druckte sie an Ort und Stelle, sodass Besucher sich Postkarten mit den Luftbildern mitnehmen konnten.

Wer sich mit Brieftauben auskennt, der weiß, da gibt es ein Problem. Die wechseln ihren Taubenschlag nicht mal eben so. Im Grunde wollen die immer wieder an denselben Ort. Und die sind da ganz schön festgelegt. Neubronner versuchte, dieses Problem mit einem mobilen Taubenschlag in den Griff zu bekommen. Und der sieht auch auf Fotos einigermaßen bizarr aus. Nämlich wie eine Kutsche mit einem Teil, der fest montiert ist, in dem sich die Dunkelkammer befindet, und einem per Hebebühne in die Luft abhebbaren Teil, der dann den Taubenschlag enthält.

Das heißt, Neubronner hatte richtig erkannt: wenn die Tauben immer an denselben Ort zurückfliegen, dann werden vielleicht die Luftaufnahmen relativ langweilig und eintönig. Man muss also den Taubenschlag bewegen können. Und dieser bewegliche Taubenschlag, der war ein wichtiger Bestandteil seiner Brieftaubenfotografie.

Im Ersten Weltkrieg gab es dann auch Experimente, ob man nicht die Luftaufklärung via Brieftaube damit durchführen konnte. Weil Brieftauben haben auch noch den Vorteil, dass sie von Schlachtgetöse relativ unbeeindruckt sind.

Neubronner konstruierte nicht nur diesen Taubenschlag, sondern baut auch gleich mehrere verschiedene Kameraarten. Machte das erste patentierte Modell gerade mal zwei Bilder, kamen dann Modelle dazu, die bis zu 12 Aufnahmen machten. Und mein persönlicher Favorit ist eine Kamera, mit der sich Stereoaufnahmen produzieren ließen. Also 3D-Bilder aus der Perspektive einer fliegenden Brieftaube.

Die weitere Entwicklung wurde durch den Ersten Weltkrieg erst mal verlangsamt und gestoppt. Man versuchte, die Brieftaubenfotografie zur Luftaufklärung zu nutzen, scheiterte aber an diesem mobilen-Taubenschlagproblem. Und so waren Brieftauben auch im Ersten Weltkrieg hauptsächlich für die Kommunikation und weniger für die Aufklärung im Einsatz.

Das war aber noch nicht das Ende dieses Genres. 1930 experimentiert das deutsche Militär wieder mit Brieftauben. Diesmal versucht man, das Problem mit dem Taubenschlag anders in den Griff zu bekommen: Man trainiert Schäferhunde. Die sollen eben nah an das Zielgebiet laufen und dort die Tauben mit ihren Kameras fliegen lassen. So richtig erfolgreich war auch dieses Experiment nicht. Aber wie so oft: die Experimente mit der Brieftaubenfotografie, die gehen bis in die Neuzeit. 1970 hat anscheinend die CIA noch Experimente mit aus Flugzeugen ausgesetzten Tauben durchgeführt.

Und heute, in Zeiten der GoPro, ist das natürlich völlig banal, einer Taube irgendeine kleine Actionkamera umzuhängen und sich dann an den Luftaufnahmen zu erfreuen, aber es macht auch niemand mehr, denn eine kleine, ferngesteuerte Quadcopterdrohne ist einfach viel, viel effizienter und dann eben auch noch kontrollierbar.

Julius Neubronner ist trotzdem ein Pionier der Luftfotografie und ausgestopfte Exemplare seiner Tauben samt Modellen der Kameras findet man in den verschiedensten Museen, nicht zuletzt im online begehbaren CIA-Museum oder zum Beispiel im Schweizer Fotoapperatemuseum, die außerdem noch ein Archiv von c.a. 1000 Aufnahmen aus der Zeit haben.

Auf YouTube findet man keine Taubenaufnahmen. Aber man findet die Amateurvideos, die Neubronner gemacht hat. Da kann man ihm beim Spielen mit seinen Enkeln oder beim Spaziergang mit seiner Familie oder beim Zaubern mithilfe von Fototricktechnik beobachten. Denn eigentlich war Neubronner ein Fotonerd. Filme und Fotos waren eine Leidenschaft. Und der ging er bis zu seinem Tod nach.

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