10. Dezember 2021

Zensierter Zensurprotest

Der erfolgreiche Hollywood-Portraitfotograf Whitey Schafer hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, dass sein berühmtestes Foto letztlich eine scherzhaft gemeinte Satireaufnahme sein würde.


Transkript

Hollywood war nicht immer das Zentrum der Filmindustrie, zwar gab es einige Pioniere des Bewegtfilms in Kalifornien, aber dass ausgerechnet Hollywood irgendwann einmal das Epizentrum der westlichen Kinokultur werden sollte, war längst nicht ausgemacht.

Eigentlich fing das Ganze mit einer Filmcrew an, die 1910 aus New York anreiste, um einen Film in Los Angeles zu drehen. Weil es beim ersten Versuch schon ziemlich gut geklappt hat, blieb man mehrere Monate und stellte gleich mehrere Filme fertig. Und weil auch das so gut funktionierte, wurde gleich das erste Filmstudio Hollywoods gegründet. Schon 1915 wurden dann die Mehrheit aller amerikanischen Filme in Los Angeles und Umgebung produziert. Und es gab nicht nur eins, sondern gleich mehrere Filmstudios.

Es waren die „Roaring Twenties“, es ging hoch her. Die Welt befand sich im Aufbruch und Partystimmung herrschte natürlich in Hollywood. Und so wundert es auch gar nicht, dass es relativ schnell zu ziemlich handfesten Skandalen kommt.

Immer mit den wichtigsten Zutaten handfester Hollywoodskandale: Sex, Drogen, Gewalt. 1921 dann ist es endgültig das Maß voll. Der berühmte Stummfilmstar Roscoe Arbuckle wird beschuldigt ein Filmsternchen grausam vergewaltigt und umgebracht zu haben.

Arbuckle kennen nicht mehr viele, aber damals war er auf Augenhöhe mit einem Buster Keaton oder Charlie Chaplin. Ihm wird der Prozess gemacht und er wird freigesprochen, allerdings ist seine Karriere danach beendet und Hollywood gilt endgültig als Sündenpfuhl.

Die Presse bekommt sich gar nicht mehr ein und schreit nach Konsequenzen, Hollywood, so der Tenor, verdirbt unsere Bevölkerung. Die Menschen werden moralisch korrumpiert, indem sie sich Sex, Gewalt und Drogen auf der Leinwand anschauen.

Aber Druck und Kritik kamen nicht nur von den Medien, sondern auch von Kirchen und Behörden. In den Zwanzigern und Dreißigern gab es zum Teil über hundert gleichzeitig laufende Verfahren in verschiedenen Bundesstaaten, alle mit dem Ziel Filme zu zensieren, Lizenzsysteme einzuführen, die Kontrolle über das, was Kinos spielen durften, erlaubten und dergleichen mehr.

Irgendwann wurde das ganze zum Thema für den amerikanischen Kongress und es drohte ein Zensurgesetz. Um das abzuwenden, stimmte man 1922 zu, die „motion pictures producers and distributors association“ zu gründen. Und sich als Filmindustrie, sozusagen freiwillig, einer gewissen Selbstzensur zu unterwerfen.

Vorsitzender dieser neuen Zensurbehörde wurde ein Mann namens Hays und der nahm nun den Auftrag an, einen moralischen Code für die Filmindustrie zu entwerfen. Das Ergebnis war der sogenannte „Production Code“ oder wie er umgangssprachlich auch oft genannt wurde: der sogenannte „Hays Code“.

Er sollte sicherstellen, dass das Publikum durch einen Film nicht korrumpiert werden würde, also moralisch beeinträchtigt. Und dazu gab es eine ganze Reihe von Vorschriften: z.B. durfte man in Filmen die Polizei nicht nachteilig darstellen oder das Brechen von Gesetzen positiv darstellen, Sex war natürlich auch verboten. Insbesondere Sex zwischen Schwarzen und Weißen, dafür gab es einen eigenen Paragrafen im Hays Code. Ähnliches mit der Sklaverei, die konnte man zwar zeigen, wenn es der Plot denn vorschrieb, aber bitte nur mit „People of Color“, white slavery verdiente auch einen eigenen Eintrag.

Überhaupt gab es so einige Gummiparagrafen in dem Ding. So fanden sich Einträge, die Obszönitäten zum Beispiel dem guten Geschmack unterordnen, ähnliches gilt natürlich für Tanz und Kostüme. Es versteht sich von selbst, dass unzüchtige Kleidung natürlich verboten war. Dabei versteht sich von selbst, dass es für Frauen natürlich viel leichter war sich unzüchtig zu kleiden als für Männer.

Auf jeden Fall gab es so einiges an Regeln und die Filmindustrie ordnete sich dem Ganzen bereitwillig unter, denn es war big business.

Und lieber ordnete man sich unter und hatte seine Ruhe, als sich dem Wohl und Wehe auszusetzen. Rechtssicherheit war wichtiger, als die Freiheit der Kunst. Die von Hays geleitete Behörde war von jetzt an zuständig, die Produktionsfirmen an die Einhaltung des Codes zu erinnern und ab 1934 wurde das ganze auch von einem entsprechenden Gesetzeswerk unterlegt. Es gab also Geldstrafen, wenn man gegen den Code verstieß, es gab Fristen und Melderechte und so weiter. Und während sich die Industrie damit arrangierte und in der Zeit tatsächlich auch eine ganze Reihe berühmter Filme entstehen lässt, schütteln natürlich auch viele Kreative der damaligen Zeit, Regisseure, Fotografen, Filmemacher einfach nur angesichts der Absurditäten des Hays Code den Kopf.

Und das bringt uns heute zu einem Mann, auf den mich der Ralph auf Twitter hingewiesen hat. Nämlich der Fotograf Adolph L. „Whitey“ Schafer, Whitey war sein Spitzname, wegen seinen blonden Haaren und sein Fimmel für Seitenschals war legendär.

365 solle er einen besessen haben, für jeden Tag im Jahr einen. Aber heute geht es nicht um seine Haare und auch nicht um seine Schals. Whitey kam eigentlich aus dem Bundesstaat Utah, war aber in Kalifornien aufgewachsen und begann 1921 als Fotograf für verschiedene Filmstudios zu arbeiten.

Er fotografierte die aufstrebenden Hollywoodsternchen genauso wie die etablierten Stars der Szene. Er produzierte Glamour-Shots und Pin-up Kalender, besonders wenn es darum ging, nicht mehr ganz so züchtige von den attraktiven jungen Frauen Hollywoods zu machen, war Whitey schnell eine gesetzte Größe. Er hatte seine eigenen Tricks und Hausmittelchen, z.B. eine eigens entwickelte Creme, mit der Lichteffekte auf dem Körper seiner Modells malte.

Und angesichts all dieser dann doch nicht mehr ganz so züchtigen Fotoaufträge fand Whitey den Hays Code einfach nur bizarr, unnötig und einen Angriff auf die Meinungsfreiheit. Als „Director of Photopraphy“ in verschiedensten Produktion und angestellter Fotograf für Studios wie Columbia oder Paramount Pictures, organisierte er auch regelmäßig Bildergalerien, produzierte Ausstellungen und nahm auch selbst regelmäßig an fotografischen Wettbewerben teil. Er war damals eine etablierte Größe der Szene und schrieb Bücher und Artikel über Porträtfotografie. Und natürlich war er auch bei der jährlich stattfindenden Ausstellung der „academie of Motion pictures, Arts and sciences“, ja der Akademie, die auch den Oscar verleiht, mit eigenen Werken vertreten. 1941 jedenfalls beschließt er das ganze aufzulockern und ein satirisches Bild einzureichen.

Dampft man nämlich den Hays Code auf das absolut Essenzielle zusammen, dann ergeben sich knapp zehn Kardinalfehler, die es zu vermeiden gilt. Und Whitey beschließt ein Foto zu machen, das gegen all diese zehn Fehler verstößt und es bei der Galerie zur Ausstellung einzureichen. Das Foto trägt den Titel „thou shalt not“ und zeigt eine blonde Frau, die raucht, in Unterwäsche über einem offensichtlich erschossenen Polizisten steht, mit einem Revolver auf ihn zielt, während am Tisch im Hintergrund Alkohol zu sehen ist, Spielkarten im Vordergrund liegen und ein automatisches Gewehr im Bild ist.

Um dem Betrachter klarzumachen, worum es in dem Bild geht, stehen die Verstöße auch noch in einer Liste zu lesen. Kollegen, Studiofunktionäre, Regisseure, eigentlich finden das Bild alle großartig, außer natürlich den Leuten, wegen denen der Hays Code überhaupt existiert. Und so wird damit gedroht ihn zu verklagen, er soll dieselbe Strafe zahlen müssen, die Filmstudios zahlen müssen, wenn sie in Filmen gegen diese Auflagen verstoßen. Und das Foto soll natürlich nirgends gedruckt werden, denn es verstößt ja gegen die Zensurvorgaben.

Tatsächlich wird das Bild auch aus dem Wettbewerb zurückgezogen, allerdings sind die 18 Drucke, die Whitey für den Wettbewerb eingereicht hat nicht mehr aufzufinden, die haben sich die Juroren und Ausrichter des Wettbewerbs direkt alle unter den Nagel gerissen.

Überhaupt ist dieses Bild so beliebt, dass es an allen möglichen Stellen in Hollywood auftaucht und ab jetzt kennt jeder diese Aufnahmen. Nicht zuletzt auch wegen dem Skandal und Theater, dass darum veranstaltet wurde. Und es ist ein ziemlich cooles Bild, zunächst hatten allerdings die Zensoren Erfolg. Zwar entging Whitey Schafer der Strafe, aber, die Hollywood Studios waren trotzdem gezwungen, das Bild aus dem Verkehr zu ziehen und durften es nicht veröffentlichen. Es sollte mehrere Jahrzehnte dauern, bis das Bild zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde. Inoffiziell hat es da längst die Runde gemacht und viele kannten es natürlich.

Und das finde ich auch irgendwie ganz nett an der Geschichte, dass Whitey Schafer mit einem Bild berühmt wurde, dass er nicht verkaufen durfte und dass sich tierisch gegen Zensur wandte und diese Zensur genau dazu führte, dass das Bild gerade noch ikonischer wurde. Für eine Weile muss er sich trotzdem Sorgen machen, ob seine berufliche Tätigkeit ab jetzt in Gefahr ist, denn dieser ganze Zensurskandal hatte auch viel böses Blut produziert. Seine Arbeit sprach aber für sich und so wurde er auch weiterhin in gut bezahlten Jobs von Hollywood engagiert und hinterließ eine beachtliche Menge hervorragender Porträtaufnahmen. Sein Tod kam plötzlich und unerwartet, er starb mit 48 Jahren bei einer Explosion auf einer Yacht.
Und wäre es nicht zu diesem Unfall gekommen, dann hätte er wenig später miterleben dürfen, wie der Hays Code Vergangenheit wurde.

Es war nämlich so, dass sich nur die Amerikaner derart selbst zensierten, die Europäer hatten keinen Hays Code und die hatten auch keine moralischen Bedenken in ihren Filmen zu zeigen, was immer ihnen in den Sinn kam. Und das amerikanische Publikum wiederum freute sich über die Abwechslung. Mit der zunehmenden Öffnung der Märkte wurde es also schwerer, eine Form der Zensur durchzuhalten, die im Grunde die einheimische Industrie benachteiligte. Und so löste man sich von diesem Code. Ja und modernen Produktionen aus Hollywood kann man jetzt nun wirklich nicht vorwerfen, dass sie auf Gewalt, Sex oder die Verunglimpfung des Gesetzes verzichten würden.

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