14. August 2021

Das erfolgreichste Foto der Welt

Das Bild mit dem Titel „Bliss“ (Wonne) des Fotografen Charles O’Rear dürfte das meistgesehene Bild aller Zeiten sein. Man schätzt dass etwa die Hälfte der Menschheit bewusst oder unbewusst diese Aufnahme wahrgenommen haben dürften.

Episodenbild: By Original scan of Charles O’Rear’s photograph, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=4705583


Transkript

Ich habe hier mehrere Bücher um mich herum, die sich mit einer Frage beschäftigen. Der Frage nämlich, welche Bilder sind die berühmtesten Bilder aller Zeiten. Da ist zum Beispiel vom Time-Magazine das Buch, das die 100 einflussreichsten Bilder aller Zeiten aufführt. Und der Taschenverlag hat ein Buch herausgegeben, namens Foto-Icons, indem berühmte Fotos und ihre Geschichten gelistet werden. Aber selbst zwischen diesen Bildern gibt es ganz eindeutige Unterschiede. Da gibt es Aufnahmen, die sogar meine Teenager kennen. Dann gibt es berühmte Bilder, die eigentlich nur in bestimmten Kulturkreisen verbreitet sind. Wenn es also Unterschiede zwischen diesen Bildern gibt, was wird dann wohl das berühmteste Bild aller Zeiten sein? Die Mondlandung? Napalm-Girl? Marilyn Monroe über dem Schacht der U-Bahn? Oder vielleicht ganz was anderes? (Musik wird abgespielt)

Jetzt gibt es wahrscheinlich unterschiedliche Kriterien für erfolgreiche Fotografie. Aber halten wir doch einfach mal fest, ein berühmtes Foto sollte von vielen Menschen wiedererkannt werden. Und da dürfte es schwerfallen, das Bild des Fotografen Charles O’Rear zu schlagen. Denn angeblich hat das Bild Bliss, fast die Hälfte der Menschheit schon mal gesehen. Und falls du jetzt mit dem Namen Bliss nichts anfangen kannst, keine Sorge, ich kläre das gleich auf. Festzuhalten bleibt auf jeden Fall, dass Charles keine Ahnung hatte, was für ein Bild er da machte, als er im Januar 1989 mit seinem Auto durch die hügelige Landschaft von Kalifornien fuhr.

Genaugenommen war er im Napa Valley unterwegs. Und das Napa Valley hatte seit mehreren Jahren mit einer wachsenden Insektenplage zu kämpfen. Normalerweise ist das Nappa Valley in Kalifornien das Weinanbaugebiet der USA. Aber als Charles an jenem Tag durch die Hügellandschaft fuhr, war dort weit und breit nichts von Weinstöcken zu sehen. Über 50.000 Hektar Feld, waren brach, also wurden nicht bebaut. Und man hatte die kompletten Anlagen abgeräumt. Wo also normalerweise, so weit das Auge reicht, Rebstöcke zu sehen waren und entsprechende Infrastruktur verbaut war, war jetzt einfach nur eine grüne, hügelige Graslandschaft zu sehen. Der kalifornische Winter ist relativ regenreich. Und es war Januar, und es hatte gerade viel geregnet, und deswegen war das Grün auf den Hügeln saftig, wie nie. Charles war eigentlich Pressefotograf.

Er hatte Auftragsarbeiten für National Geographic und für die Los Angeles Times erledigt, und zwischendurch fotografierte er auch gerne mal für bekannte, etablierte, große Stock-Agenturen, wie zum Beispiel …#00:02:47#. An jenem Januar war er allerdings privat unterwegs. Er wollte seine in San-Francisco lebende Freundin besuchen fahren. Wusste aber, er würde durch diese Hügellandschaft kommen, und hatte deswegen vorsorglich seine Mittelformatkamera eingepackt. Mittelformatkameras sind relativ große Kameras. Die Filme, die man dort einlegt, haben mehr Fläche. Und deshalb sind die Bilder in aller Regel detailreicher und schärfer. Und deswegen sagt Charles, das Bild wäre auch garantiert nicht so erfolgreich geworden, hätte er es mit einer anderen Kamera aufgenommen. Der Film, den er eingelegt hatte, war bekannt dafür, sehr kontrastreich und sehr scharf zu sein. Er hatte ja vor, eine grüne Hügellandschaft, mit weißen Tupfwolken und kräftig blauem Himmel einzufangen.

Und genau das ist das Bild, das er macht. Er rollt durch die Landschaft, sieht die ungewöhnlich leergeräumten Hügel, und da sieht er die Szene vor sich, die hinterher zu seinem erfolgreichsten Foto werden sollte. Er fotografiert eine Wiese entlang, auf der kleine, gelbe Blumen als Farbtupfer zu sehen sind. Einen Hügel hinauf. Auf dem Hügel sieht man die Schatten der über ihn hinwegziehenden, weißen Tupfwolken, auf kräftig blauem Himmel. An der Aufnahme ist auffällig, wie minimalistisch sie eigentlich ist.

Es gibt kein herausstechendes Motiv, außer der Landschaft selbst. Farblich ist die Palette auf blau, grün und ein paar gelbe Tupfer reduziert. Es ist ausgewogen und hat sehr, sehr wenig Spannung. Und genau diese Eigenschaften machen diese Aufnahme zu dem perfekten Standard-Bildschirmhintergrund für eins der meistverkauften Betriebssysteme aller Zeiten. (Ton wird abgespielt) Aber das weiß Charles noch nicht. Damals, im Januar 1998, macht er dieses Bild. Entwickelt es nach, nach einem schönen Aufenthalt in San-Francisco, digitalisiert das Bild und lädt es zur damals größten und etabliertesten Fotoagentur der Welt, (?Chorbes) hoch. (?Chorbes) befindet sich zu der Zeit im Besitz von Bill Gates. Dessen Unternehmen, Microsoft, ist 1998 bereits damit beschäftigt, die nächste Betriebssystem-Version zu schaffen. Der Nachfolger von Windows 2000. Und dieses System war ein Paradigmenwechsel.

Manche Bedienelemente waren anders. Die Oberfläche selbst, polarisierte. Und man hatte beschlossen, dass selbstverständlich zu dem neunen Look, auch neue Standard-Hintergründe gehören. Und so war ein Team von Designern, auf der Suche nach dem perfekten Bildschirmhintergrund, in die Archive von (?Chorbes) abgetaucht. Und dort fanden sie die Aufnahme, die Charles hochgeladen hatte. (?Chorbes) vertrat Charles für eine ganze Reihe von Bildern, und kontaktierte Charles eben mit einem Angebot von Microsoft, dieses Bild aufzukaufen. Und damit meinten die nicht nur die Rechte an dem Bild, sondern alles. Das Negativ, sämtliche Nutzungsrechte. Sie wollten die volle Kontrolle über diese Aufnahme. Warum gerade dieses Bild, weiß Charles auch nicht.

B1: I have no Idea, what die Engineers at Microsoft were looking for. I called them Engineers. Was it a Engineering Staff? Was it a creative Staff? I don’t know. Whoever it was, I am only guessing, were they looking for an Image that was peaceful? Were they looking for an Image, that had no Tension?

I: Ich schätze mal, das hat eine Rolle gespielt. Außerdem war es halt auch noch ganz eindeutig so, dass dieses Bild zur neuen Designsprache von Windows XP passte. Die primären Farben in dieser Aufnahme sind identisch mit den primären Farben, die in Windows XP voreingestellt waren. Microsoft beschließt also, dieses Bild haben zu wollen und alle Rechte besitzen zu wollen. Also wird ein Preis verhandelt. Dieser Preis ist bis heute unbekannt. Aber er war deutlich jenseits der 100.000 Dollar. Und zu der Zeit, sagt man, war dieses Bild wahrscheinlich das zweitteuerste Foto, das je verkauft worden war. Es war so teuer, dass sich FedEx weigerte, die Negative von Kalifornien nach Seattle, zum Hauptsitz von Microsoft, fliegen zu lassen. Und deswegen stieg Charles O’Rear letztlich selbst mit seinen Bildern in den Flieger und machte sich auf den Weg zur Firmenzentrale, um das Negativ höchstpersönlich zu überreichen. Was für eine coole Vorstellung. Als jemand, der selbst fotografiert, finde ich, Bilder brauchen ein Publikum. Fotos sind nochmal schöner, wenn andere sie sich anschauen können. Sicherlich, manchmal reicht man selbst als Publikum. Aber die meisten von uns wollen Bilder zeigen. Ich zeige Bilder, wenn es hochkommt, mal einem paar Dutzend, vielleicht ein paar hundert Menschen. Charles flog zurück, in dem Wissen, dass sein Bild, Millionen Menschen zu Gesicht bekommen werden. Das ist schon ziemlich cool. Aber wie omnipräsent die Aufnahme tatsächlich werden würde, das war ihm zu dem Zeitpunkt auch noch nicht klar.

I: I have seen it in the Situation Room of the White House, maybe a News Photograph. I have seen it in Shots in the Kremlin, where they would have Interviews. I don’t remember, if it was with Putin, or whoever might have been in there. And there, in the Background, was Windows XP.

B: Er hat Bliss schon in Aufnahmen aus dem Weißen Haus, wie auch in Aufnahmen aus dem Kremlin gesehen. Charles sagt, wer in den letzten 20 Jahren aufgewachsen ist und in eine Schule gegangen ist, hat diese Aufnahme wahrscheinlich gesehen und wird sich für den Rest des Lebens daran erinnern. Vielleicht nicht bewusst, aber wenn man diesem Bild begegnet, dann weiß man, man hat es schon mal gesehen; man kennt es. Der Computerraum in der Schule war damit ausgestattet. Die Eltern hatten das System daheim. Und ich persönlich kann sagen, ich habe es viele, viele Male installiert, und dann sofort weggeklickt. Aber auf jeden Fall erstmal angeschaut. Jahre später, nachdem Windows XP auf den Markt gekommen ist, wird Charles von einer Gruppe Ingenieure aus Seattle angerufen. Sie haben gewettet. Es gibt nämlich eine Diskussion, ob das Bild eigentlich in Photoshop entstanden sein, oder irgendwo in Seattle aufgenommen worden war, oder wo es denn jetzt nun her wäre.

Sie rufen ihn an und lernen dabei, dass dieses Bild tatsächlich in Kamera so entstanden ist. Dass es diesen Hügel wirklich gibt. Dass er nicht in Seattle, sondern in Kalifornien steht. Man weiß, dass Microsoft die Originalaufnahme leicht zugeschnitten hat. Nichts Dramatisches, nur um das Bildverhältnis ordentlich anzupassen. Immer wieder mal kann man außerdem von der Behauptung lesen, Microsoft hätte die Sättigung hochgedreht. Tatsächlich weiß man aber inzwischen von einer Analyse des Original-Negativs, dass die Farben tatsächlich im Negativ so zu sehen waren. Es ist einfach ein Effekt von dem eingesetzten Fujifilm. Das, was wir heute am Rechner machen, nämlich die Farbsättigung hochdrehen, Filter auf das Bild legen und so weiter, hat man damals einfach schon durch die Auswahl des Films gemacht. Und so ist es eben auch bei Bliss. Auf dem Negativ war das Grün wirklich so grün, und das Blau wirklich so blau. Charles lebt immer noch in der Nähe dieses Hügels.

Seine damalige Freundin ist jetzt seit mehreren Jahrzehnten seine Ehefrau. Und er beschäftigt sich auch fotografisch weiter mit der Landschaft, rund um sein Heim. Elf Bücher kann man kaufen, in denen er Fotografien und Texte beigesteuert hat. Alle beschäftigen sich mit den Weinanbaugebieten von Kalifornien. Keine der Aufnahmen, die man dort sieht, sind so minimalistisch wie das Bild, das Charles an Microsoft verkauft hat. Und natürlich wurden diese nicht von annähernd so vielen Leuten gesehen. Ob das jetzt die Aufnahmen erfolgreicher oder weniger erfolgreich macht, das überlasse ich jetzt mal dir. (Musik wird abgespielt) Fotomenschen. Wer weiß schon, welchen Einfluss dieses Bild auf unser kollektives Bildgedächtnis genommen hat.

Ich habe hier in meinem Bildarchiv eine Landschaftsaufnahme, in der ich gemähte Wiesen vor einem weißbetupften, krachend blauem Himmel fotografiert hatte. War dieses Bild vielleicht inspiriert von Bliss? Ohne dass ich es gemerkt habe? Charles selbst hat übrigens einmal in einem Interview gesagt, die meisten Fotografen werden berühmt für Bilder, die sie gemacht haben. Er aber hätte dieses Bild nicht gemacht. Er war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat den richtigen Moment dokumentiert. Das Bild war schon vor ihm da. Und als er das Bild gemacht hat, wusste er nicht, was daraus einmal werden würde. Und das finde ich jetzt wirklich spannend. Wäre ich nämlich in Charles Schuhen gestanden und würde dieses Foto heute machen, ich hätte es daheim beim Sichten meiner Speicherkarten einfach gelöscht. Und zwar, weil es, meiner Meinung nach, zu wenig gezeigt hätte.

Charles hat es einfach mit hochgeladen, zu seinen anderen Bildern, und darauf vertraut, dass Menschen, die daran interessiert sein würden, es dann auch finden würden. Das stellt irgendwie die Frage, ob wir selbst eigentlich immer beurteilen können, welche unserer Bilder denn nun gut oder gelungen sind, und welche nicht.

4 Responses

  1. Steff sagt:

    Klasse Episode. So richtig mit AHA-Effekt. Ich war wirklich überrascht. Zumal ich das Bild natürlich auch kenne. Dachte aber immer das sei „gemalt“. Danke Dirk.

    • Dirk sagt:

      Das ging mir ganz genauso und freut mich sehr dass ich den AHA Effekt auslösen konnte 🙂
      Übrigens ist auch das Windows 10 Logo (das blaue Fenster mit den durchscheinenden blauen Strahlen) ein „echtes“ Foto…

  2. Andy sagt:

    Ich hatte eigentlich vermutet, dass es sich hierbei tatsächlich auch um eine computergenerierte Grafik handelt. Umso mehr war ich natürlich überrascht, dass es sich sogar um einem Mittelformat Fotografie handelt.

    Die Frage, welches Foto Kunst ist, kann scheinbar nur durch die Außenstehenden beantwortet werden.

    • Dirk sagt:

      Mir ging es da ganz genauso wie Dir! Und heute sind wir immer öfter in der Situation ein Bild für echt zu halten das eigentlich im Computer generiert wurde. Verrückte Welt! 🙂

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