Fotojournalismus – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Wed, 26 Apr 2023 17:03:27 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Fotojournalismus – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Letizia Battaglia, die Frau die die Mafia schoss https://fotomenschen.kopfstim.me/letizia-battaglia-die-frau-die-die-mafia-schoss/ Sun, 02 Oct 2022 15:05:34 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Leticia Battaglia träumte davon zu schreiben, entdeckte aber mit beinahe 40 wie viel effektiver sie sich mit einer Kamera ausdrücken konnte. Sie wird zu einer Reporterin in Sizilien zu einer Zeit zu der die Mafia die Region fest im Griff hat und dokumentiert unerschrocken deren blutige Verbrechen.

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Bild: Von Tato Grasso – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7123757


Transkript

Eigentlich wäre sie gerne Autorin geworden.
Ihre Eltern hatten für sie eine eher traditionelle Lebensweise vorgesehen.
Das sollte alles anders kommen, als sie mit beinahe 40 Jahren zum ersten Mal
entdeckte, dass eigentlich die Fotografie
das Medium war, über das sie sich am besten ausdrücken konnte.
Foto Menschen
Letizia wuchs bis zu ihrem achten Lebensjahr in Triest auf, obwohl sie
eigentlich in Palermo in Sizilien geboren worden war.
Ihre Eltern hatten aus beruflichen Gründen die Stadt gewechselt
und die kleine Letizia war ein freiheitsliebendes Kind, ein wenig
aufsässig vielleicht.
Als die Eltern beschließen wieder nach Palermo zurückzukehren, ändert sich ihr
Leben dramatisch, denn in Palermo herrscht zu der Zeit eine sehr
konservative Moral vor.
Und in Palermo der 40er Jahre lässt man Mädchen nicht alleine auf die Straße.
Die kleine Letizia wird in eine Klosterschule gesteckt und ansonsten
daheim im Wesentlichen eingesperrt.
Ein Zustand, den sie als unhaltbar empfindet.
Um daraus auszubrechen, gibt es nur ein Mittel.
Eine vorteilhafte Heirat.
Und genau diesen Weg schlägt Letizia mit gerade mal 16 Jahren ein.
Der Erbe einer regionalen Kaffee-Röster-Familie hatte sich in sie
verliebt und sie nutzte die Gelegenheit, um mit Hilfe einer Hochzeit aus dem
elterlichen Gefängnis auszubrechen.
Mit 17 ist sie dann zum ersten Mal schwanger und in schneller Folge bekommt
sie drei Mädchen.
Was allerdings auch schnell klar wird, ist, dass sie das eine Gefängnis gegen ein
anderes getauscht hat.
Denn in der traditionellen Gesellschaft von Palermo können Frauen nichts
entscheiden, auch nicht zum Beispiel ein Studium anzufangen.
Und so konzentriert sie sich auf ihre Kinder und ihre Familie und führt 17
Jahre lang eine überwiegend unglückliche Ehe.
Irgendwann wird es alles zu viel.
Sie hat einen Nervenzusammenbruch und die Ärzte raten ihr, ihr Leben von Grund
auf neu zu überdenken.
Sie verlässt ihren Mann, nimmt ihre Kinder mit und muss ab jetzt ohne den
Rückhalt einer wohlhabenden Familie für sich selbst sorgen und ihren eigenen
Unterhalt verdienen.
Seit Jugendjahren hatte sie den Traum, Journalistin oder Autorin zu werden.
Und so beginnt sie, ihre Dienste als Journalistin an verschiedene Zeitungen zu
verkaufen.
Eine der Zeitungen, der sie ihre Dienste anbot, war die linke Tageszeitung
Lora. Als sie anfragte, herrschte gerade akuter Personalmangel und man konnte
eigentlich alles brauchen.
Autoren, Fotografen, Büropersonal, am besten jemand, der oder die alles auf
einmal machen könnte.
Und Letizia war nicht besonders wählerisch und nahm deswegen eine Stelle als
Kulturkorrespondentin an.
Weil Fotos gebraucht wurden, griff sie schließlich zur Kamera und ihre ersten
Fotos waren schlecht.
Aber sie wurden besser bezahlt und gleichzeitig entdeckte sie, dass es ihr
leichter fiel, mit Fotos auszudrücken, was sie empfand, als mit Artikeln.
Ihr Aufstieg bei Lora ist erstaunlich schnell.
Drei Jahre nachdem sie bei Lora in Mailand als kleine Reporterin angefangen
hat, wird sie von der Zeitung als Leiterin der fotografischen Abteilung
zurück nach Palermo geschickt.
Sie ist frisch geschieden, hat einen 19 Jahre jüngeren Liebhaber und hat ihre
Liebe zum Fotosjournalismus entdeckt.
Italien allgemein, aber ganz besonders Sizilien, ist zu der Zeit fest in der
Hand von kriminellen Banden und Familienclans, der Cosa Nostra. Und in
Palermo brechen zu dieser Zeit blutige Mafia-Kriege um die Vorherrschaft
verschiedener Familien aus.
Letizia ist kaum in der Stadt angekommen, da sieht sie ihren ersten
Mafiamord. Unser Bild von der Mafia ist ja stark von Filmen geprägt.
Wir unterstellen der Mafia eine Art Kodex.
Sie sind ein Familienverband, der auf gegenseitiger Loyalität beruht.
Und wir haben natürlich Vorstellungen davon, mit welchen Geschäftsfeldern die
Mafia wohl ihr Geld verdient.
Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel, Schutzgelderpressung und all das stimmt.
Allerdings war die Mafia in den 70ern und 80ern und wahrscheinlich bis heute
auch in allen anderen Geschäftsfeldern aktiv, in denen man Geld verdienen konnte.
Sie betrieben illegale Schlachtereien genauso, wie sie den Umsatz mit
Textilien kontrollierten.
Alles von Bäckereien über Restaurantbetrieb bis hin zu
Friedhofsgärtnereien war fest in der Hand der Mafia.
80 Prozent aller selbstständigen Unternehmer in Sizilien zahlten
Schutzgeld oder anderweitige Abgaben an die Mafia.
Das Ganze hatte Ausmaße angenommen, dass die eigentlich stillschweigende
normale Bevölkerung anfing, sich gegen die Unterdrückung durch die
kriminellen Familien zu wehren.
Korrupte Politiker und Mafia-Funktionäre hatten einfach schon zu lange zu viel
Geld aus den Menschen herausgepresst.
Und so tauchten nach und nach einzelne Figuren auf, die es sich zur Aufgabe
gemacht hatten, die Mafia-Machenschaften aufzudecken und die Mafiosi,
die für die Straftaten verantwortlich waren, hinter Gitter zu bringen.
Und so wurde über die Jahre aus einem Kampf um die Vorherrschaft der Mafia
in bestimmten Regionen Siziliens auch noch ein Krieg gegen die Behörden und
öffentlichen Stellen, die sich nicht korrumpieren ließen.
Und Letizia Bataglia immer zwischendrin.
Anfang der 80er-Jahre kam es zu Hunderten von Mafia-Morden.
Und als lokale Reporterin ist sie immer vor Ort.
Manches Mal, so berichtet sie später, sogar mehr oder weniger durch Zufall.
Gerade eben in der Nachbarschaft gewesen,
plötzlich im Polizeifunk von einem Mord erfahren.
Und die Mafia hat nichts mit ehrenwerter Familie zu tun.
Sie machen nicht halt vor Kindern, Frauen, alten Menschen,
Leuten, die nur zufällig gerade Zeuge eines Verbrechens wurden.
Sie töten auf offener Straße mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Autobomben gehen genauso hoch, wie plötzliche Messerattacken stattfinden
oder Erschießungskommandos, die ihre Opfer auf offener Straße
manchmal am helllichten Tag hinrichten.
Letizias Fotografien machen die brutale Realität der Mafia-Clans unignorierbar.
Diese Bilder haben einfach nichts mit der Vorstellung,
die wir aus Hollywoodfilmen mitbekommen haben, zu tun.
Aber obwohl diese Aufnahmen Tatortfotos sind und Reportagefotos,
haben Letizias Fotos inzwischen auch noch einen hohen ästhetischen Wert.
Sie sind packend.
Sie zeigen eben nicht nur das Opfer,
sondern auch die Angehörigen, die Menschen, die die Opfer gefunden haben.
Sie zeigen eben auch, was die Mafia in der Bevölkerung anrichtet,
in der Gesellschaft.
Und Letizia beschränkt sich nicht darauf,
mit ihren Aufnahmen regelmäßig Titelseiten zu dekorieren,
sondern organisiert Ausstellungen.
Und nicht nur irgendwelche Ausstellungen,
die dann doch nur Fotofans entdecken würden.
Nein, sie fährt mit ihren Fotos in die Fußgängerzonen
der großen Mafia-Hochburgen und organisiert Pop-up-Ausstellungen.
So steht sie zum Beispiel eines Tages mitten in der Innenstadt von Corleone
und hat eine spontane Ausstellung organisiert
mit Bildern von Tatorten von Mafia-Anschlägen.
Sie gibt außerdem Interviews in der Lokalpresse
und erklärt, was sie mit diesen Bildern beabsichtigt.
Und sagt ganz offen, dass sie vor Angst kaum Luft bekommt.
Denn während sie diese Ausstellung macht,
weiß sie, dass um sie herum Mitglieder des lokalen Mafia-Clans sind.
Sie weiß, dass nicht nur normale Menschen ihre Bilder sehen,
sondern eben auch Täter, Auftraggeber.
Menschen, die bekannt dafür sind, dass sie auch mal Rache üben an anderen,
die ihnen in irgendeiner Form als problematisch erscheinen.
Trotzdem lässt sie sich nicht beirren.
Sie wird immer wieder bedroht.
Sie wird bespuckt.
Ihre Kamera wird ihr weggenommen und auf den Boden geworfen.
Aber zum Glück passiert ihr nichts Schlimmeres.
Ihre Bilder aber machen es unmöglich zu ignorieren,
was da vor aller Augen regelmäßig stattfindet.
Und es beginnt ein Umdenken in Politik und Öffentlichkeit.
1983 beginnt dann etwas, das man heute als Palermo Spring bezeichnet.
Eine Kerngruppe von unkomprimentierten Polizeibeamten,
Juristen und Anklägern macht sich zusammen
und beginnt, die Mafia-Strukturen aufzuklären
und ihre Mitglieder festzunehmen.
1986 kommt es zu einem spektakulären Verfahren,
bei dem über 450 Angeklagte nach und nach verurteilt werden.
Und auch die Öffentlichkeit begann, sich immer öfter gegen die Mafia zu stellen.
Letizia möchte Teil dieser Bewegung sein und möchte die Zukunft mitgestalten
und beginnt so in der lokalen Politik in Palermo aktiv mitzugestalten
und für eine Weile sogar im Stadtparlament zu kandidieren.
Es sah tatsächlich so aus, als würde man dem Mafia-Problem Schritt für Schritt Herr werden.
In ihrer offiziellen Position im Stadtparlament
ist Letizia für Plätze und historische Sehenswürdigkeiten zuständig
und beginnt damit, die Mafia auch aus dem öffentlichen Stadtbild herauszudrängen.
Derweil gehen die Anklagen und juristischen Verfahren weiter.
Ein Richter tut sich dabei besonders hervor.
Giovanni Falcone hatte mehr Mafia-Bosse hinter Gitter gebracht als jeder andere Jurist.
Seit Jahren kämpfte er nun schon gegen die Cosa Nostra
und es war ihm und seinem Umfeld klar, dass er auf deren Todeslisten ganz oben stand.
Trotzdem schien er unantastbar zu sein.
Jahrelang entging er Anschlag um Anschlag bis zum 24. Mai 1992.
Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.
Bei einem Bombenanschlag auf Sizilien ist eine der Schlüsselfiguren im Kampf gegen die Mafia,
Richter Giovanni Falcone, ums Leben gekommen.
Mehrere Begleitpersonen, darunter seine Frau, wurden ebenfalls getötet.
Das Fahrzeug des Richters und Begleitwagen der Leibwächter
wurden durch mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff zerfetzt.
Der Sprengstoff war in einem Autobahntunnel nahe Palermo ferngezündet worden,
als die Kolonne vorbeifuhr.
Die Mafia nannte diese Anschläge auf hohe Würden Träger des Staates „Strategie der Massaker“.
Beamte, die ihren Machenschaften und ihren Funktionären gefährlich werden konnten,
sollten so in Angst sein, dass sie es nicht wagen würden,
Gesetze zu verschärfen oder der Mafia anderweitig zu Leibe zu rücken.
Also wenige Monate nach dem Anschlag auf Falcone,
ein seiner Weggefährten und Nachfolger, nämlich den Richter Paolo Borsellino,
zusammen mit einigen seiner Leibwächtern töteten, war das Maß allerdings voll.
Die Öffentlichkeit hatte endgültig genug.
Es kam zu derart wütenden Protesten, dass die Mafia sich gezwungen sah,
sich zurückzuziehen und sie tauchte in den Untergrund ab.
Es wurde nach und nach ruhig.
Natürlich gab es immer noch Auftragsmorde.
Natürlich gab es immer noch mächtige Mafia-Bosse.
Aber anders als in den offenen Klankriegen, die auf den Straßen Palermos
oder anderer sizilianischer Städte ausgeführt wurden,
sorgte man jetzt für eine gewisse Spurenlosigkeit.
Menschen verschwanden einfach.
Die Tage, an denen mit Bombenattentaten oder Maschinengewehrfeuer
auf offener Straße Politiker ermordet wurden, waren anscheinend erst mal vorbei.
Letizia lässt aber keinen Zweifel daran, dass das Problem nach wie vor existiert
und nach wie vor genauso omnipräsent ist wie zu der Zeit, zu der sie über 600.000
Fotografien der Gewalttaten und der Menschen, die von der Mafia betroffen waren, gemacht hatte.
Und es sind ihre Bilder und die Ausstellungen, die sie organisiert und die Projekte,
die sie vorantreiben, die gleichermaßen dafür sorgen, dass ihre Heimat sich von der Mafia
frei macht und gleichzeitig dem Vergessen entgegenwirken.
Und die Bilder sind beeindruckend, nicht nur als Zeitzeugnisse,
sondern auch wegen der bemerkenswerten Bildsprache und dem Gespür für den richtigen Moment.
Alle ihre Bilder sind schwarz-weiß, alle ihre Bilder halten Momente fest,
die wir in unserem Alltag zum Glück nicht sehen müssen.
Gefragt, welche Situationen sie denn als die gefährlichsten in Erinnerung behalten hat,
sagt sie, die Mafia-Beerdigung.
Es waren diese Beerdigungen, bei denen alle Beteiligten wussten, wer sie war
und sie absolut unerwünscht war.
Gleichzeitig war sie bei solchen Gelegenheiten zu sichtbar, zu öffentlich.
Aber jedes Mal, wenn sie den Auslöser drückte, bei jedem Foto, das sie von den trauernden
Mafia-Familienangehörigen machte, war ihr klar, dass sie sich selbst in tödliche Gefahr begab.
Trotzdem ist alles gut gegangen.
Sie stirbt am 13. April 2022 nicht durch die Hand eines Mafia-Killers oder durch eine Autobombe,
sondern in Folgen von Krebs.
Ihre Bilder leben weiter, ihr Leben inspirierte Tausende.
Und eine ihrer Töchter ist in ihre Fußstapfen getreten und ist inzwischen selbst eine bekannte Fotojournalistin.
Letizia Pataglia hatte eine Mission.
Sie hatte einen Grund, warum sie fotografierte.
Und dieser Grund gab ihr dann auch eine fotografische Stimme.
Noch zu Lebzeiten wurde sie vielfach geehrt und es ist ihre Furchtlosigkeit, die Tausende
von Menschen inspirierte und viele in ihre Fußstapfen treten ließ.
Wer mehr über Letizia Pataglias Fotografie und ihr Leben erfahren möchte, wird wie immer
in den Notizen zur Sendung fündig.
Einfach auf fotomenschen.net vorbeisurfen.
Und wer dann da schon mal ist, ich freue mich immer über Kommentare, Feedback, Themenwünsche.
Apropos Themenwünsche.
Diese Folge hat einen Themenpaten, nämlich Jürgen Libertus, der angesichts von Letizia
Pataglias Tod einen Mail an mich geschrieben hat und mich darauf hingewiesen hat, dass
diese Geschichte doch wirklich auch einmal erzählt werden müsste.
Lieben Dank für den Themenvorschlag und lieben Dank an alle fürs Zuhören.
Passt auf euch auf und bis bald.

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Die menschliche Familie https://fotomenschen.kopfstim.me/die-menschliche-familie/ Sat, 20 Aug 2022 13:09:04 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Edward Steichen wird als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er war nicht nur durch seine eigene Fotografie stilprägend und erfolgreich sondern besonders als Direktor der fotografischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York richtungsweisend. Er prägte die Karrieren unzählicher Fotograf:innen und kuratierte einige der berühmtesten Ausstellungen seiner Zeit. Eine dieser Ausstellungen, The Family of Man, ist bis heute unerreicht.

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Transkript

Edward Steichen gilt als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts.
Er hat das meistverkaufte Fotobuch aller Zeiten herausgebracht,
einen Ausstellungskatalog der meistbesuchten Ausstellungen aller Zeiten.
Er hat einen einzigen Film als Regisseur verantwortet, der dann auch gleich noch einen Oscar gewonnen hat
und mehr als nur eine Karriere in der Fotografie hinter sich gebracht.
Dabei war Fotografie noch nicht mal das einzige, was er in seinem Leben gemacht hat.
Edward Steichen wird am 27. März 1879 in Luxemburg geboren.
Da war er allerdings nur kurze Zeit, denn seine Eltern mussten aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen
und beschlossen, in die USA zu emigrieren.
Er war 15, als er sich seine erste Boxkamera kaufte.
Und das erste Foto, das er je geschossen hat, ist eine Aufnahme seiner Schwester.
Die Kamera würde ihn sein Leben lang begleiten, aber zunächst dachte er eigentlich,
er würde entweder Drucker oder Maler werden.
Er macht eine Ausbildung zum Lithografen und beschließt, Kunst in Paris zu studieren.
Kurz bevor er aufbricht, hält er sich noch in New York auf
und lernt dort den schon erfolgreichen und einflussreichen Fotografen Alfred Stieglitz kennen.
Damals wie heute wurde die Frage, ob Fotografie denn eigentlich Kunst sein könnte, heiß diskutiert
und es gab eine Bewegung unter Fotografen, Bilder zu schaffen, die wie Gemälde aussahen.
Wem das jetzt bekannt vorkommt, ja, das ist nicht das erste Mal, dass der sogenannte Piktorialismus aufkommt.
Schon die ersten großen Fotografinnen und Fotografen versuchten, in ihren Gemälden der Malerei nachzueifern.
Stieglitz, Steichen und Zeitgenossen, also die neuen Piktorialisten,
sahen sich dabei in Konkurrenz zu einer anderen Schule der Fotografie.
Es gab nämlich auch die Fotografinnen und Fotografen, die darauf pochten,
dass Bilder scharf und adäquate Abbildungen der Realität sein mussten.
Während also Fotografen wie Ansel Adams damit beschäftigt waren,
möglichst scharf und präzise kalkulierte Bilder zu produzieren,
wackelten Piktorialisten gezielt am Stativ, um dem Bild eine gewisse Unschärfe zu geben
oder entwickelten eigene Druckverfahren, um dem Bild eine malerische oder zeichnerische Anmutung zu geben.
Edward Steichen reiste dann auch tatsächlich nach Europa weiter und tritt sein Studium in Paris an.
Er lernt das Who is Who der französischen Kunstszene kennen
und schmiedet mehrere einflussreiche, lebenslange Freundschaften.
Außerdem wird er so eine Art früher Jet-Setter.
Immer wieder besteigt er Dampfschiffe, um den Atlantik zu überqueren
und trägt so zum regen Austausch zwischen der europäischen und der amerikanischen Kunstszene bei.
1903 stellt ihm die Fotografin Gertrude Käsebier Clara Emma Smith vor,
eine junge Sängerin, die er heiratet und mit der er mehrere Kinder hat.
Edward Steichen verdient seinen Lebensunterhalt bereits mit Auftragsarbeiten jeglicher Art,
sowohl in der Malerei als auch in der Fotografie.
Seine Kontakte und frühen Fotografen von berühmten Künstlern in Paris
helfen ihm dabei, neue Aufträge an Land zu ziehen.
Und er hat sich bereits etabliert als jemand mit einem ungewöhnlichen Blick
und ist bekannt dafür, dass er eine ungewöhnliche Bandbreite an fotografischen Fähigkeiten besitzt.
So macht er Porträts, Stillleben, Auftragsarbeiten für die Industrie
und gilt als einer der frühesten Vertreter der Fashion-Fotografie.
Als der Erste Weltkrieg ausbricht, sehen sich die Steichens gezwungen, wieder in die USA zu emigrieren.
Er meldet sich freiwillig zum Militärdienst.
Als der etablierte Fotograf, der er ist, bekommt er den Auftrag,
eine fotografische Abteilung aufzubauen und die technischen Verfahren zu standardisieren.
Er entwickelt besonders kleine, leicht aufzubauende Dunkelkammern,
standardisiert die Filmformate, die die französischen, britischen und amerikanischen Einheiten verwenden,
hilft dabei, die Kameratechnik zu perfektionieren, die für Luftaufnahmen und Aufklärung verwendet wird
und legt technologische Grundsteine, die bis heute gelten.
Aus dem Krieg zurückgekehrt und inzwischen geschieden,
konzentriert sich Steichen auf seine fotografische Laufbahn.
Er heiratet ein zweites Mal.
Diese Ehe mit Dana Despero Glover wird 34 Jahre lang bis zu ihrem Tod halten
und seine glücklichste Beziehung sein.
1926 macht er internationale Schlagzeilen,
als er sich mit den amerikanischen Behörden um die Definition eines Kunstwerks streitet.
Gegenstand des Streits war eine Skulptur „Bird in Space“, die er von einem Freund gekauft hatte.
Die Zollbehörden sahen darin eher eine Art Küchenutensil
und weigerten sich, den Gegenstand als Kunst anzuerkennen.
Eine Diskussion, die sie schließlich vor Gericht mit Edward Steichen fortführen mussten
und die Steichen für sich entschied.
Der Nebeneffekt dabei war, dass Edward Steichen damit die Definition von Kunst
nach amerikanischem Recht grundlegend verändert hatte.
Es ging also nicht nur ums Prinzip, sondern auch wieder um die grundlegende Frage,
was ist Kunst?
Inzwischen hatte Steichen schon mehrere Ausstellungen organisiert.
Sowohl Malerei als auch Fotografie war sein Thema und ging ineinander über.
Als Teil der Fotovereinigung „Foto Secession“,
Mitarbeiter bei Stieglitz‘ einflussreichen „Camera Works“ Magazins,
als etablierter Kunstsammler und Künstler hatte er inzwischen so einiges an Autorität.
Es sind diese Jahre, wo er anfängt, mit der einflussreichen Contenast-Gruppe zusammenzuarbeiten.
Auf der einen Seite produziert er Werbefotografie,
auf der anderen Seite wird er von Contenast beauftragt, Fashionfotografie zu machen.
Und es sind diese Jahre, die ihn zum bestbezahlten Fotografen der Welt aufsteigen lassen.
Er prägt und verändert den Stil der damaligen Zeit
und inzwischen sind seine Fotos auch immer seltener piktorialistische Fotos
und immer öfter abstrakte, aber scharfe und realistisch abgebildete Aufnahmen.
Wenn er nicht fotografierte oder malte,
war er mit seiner Schwester beschäftigt, neue Pflanzenarten zu züchten.
Beide teilten eine Leidenschaft für die Botanik und hatten damit begonnen,
insbesondere Rittersporn-Varianten zu züchten, die es bisher so nie gegeben hatte.
Edward Steichen und seine Schwester sind aber mehr als Hobbygenetiker.
Ihre Pflanzen, so sind sie überzeugt, sind nicht weniger als lebende Kunstwerke.
Und so organisiert Edward Steichen 1936 in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art
eine Ausstellung rund um den Rittersporn, eine Pflanzenart, die sie besonders oft züchteten.
Und diese Ausstellung war ein Erfolgstreffer.
Das Museum sah Rekordbesucherzahlen.
Menschen waren enthusiastisch. Sowohl Museumsgänger, Züchter oder Hobbygärtner
hatten ihre Freude an der sehr ausgefeilten und künstlerischen Präsentation dieser Pflanzen.
Tag für Tag wurde LKW-weise Pflanzmaterial zum MoMA angefahren.
Und Edward beschäftigte sich nach dem Kuratieren dieser Ausstellung dann außerdem mit der Dokumentation
und machte eindrückliche, wunderschöne Aufnahmen dieser Pflanzen.
1941 kommt es zum Angriff auf Pearl Harbor. Edward Steichen ist zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt.
Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, sich wieder freiwillig für den Militärdienst zu melden.
Eigentlich ist er zu alt, aber Edward Steichen hat Kontakte.
Und so beauftragt ihn die US Navy, eine fotografische Einheit aufzubauen.
Ein Auftrag, den er nur zu gerne annimmt.
Er baut diese fotografische Einheit auf und nimmt auch an Kriegshandlungen teil.
Gleichzeitig findet er aber die Zeit, zwei Ausstellungen militärischer Aufnahmen zu machen.
Antikriegsaufnahmen. Er will die Horror des Krieges zeigen und damit Menschen aufrütteln.
Außerdem dreht er noch auf dem Flugzeugträger, dem er zugewiesen wurde, einen Dokumentationsfilm.
Den einzigen Film, den er je verantwortet hat.
Und diese Dokumentation bekommt auch prompt dann im darauf folgenden Jahr einen Oscar verliehen.
Als der Krieg vorbei und Edward Steichen wieder zurück in den USA war, war er 67 Jahre.
Viele würden in so einem Alter wahrscheinlich an die Rente denken.
Für Edward Steichen beginnt jetzt aber eine Zeit, die die erfolgreichste und krönende seines Lebens sein würde.
Er bekommt das Amt des Direktors für die fotografische Abteilung im MoMA angetragen.
Ein Posten, den vor ihm überhaupt nur eine Person bisher gehabt hatte.
In dieser Rolle war man nicht nur verantwortlich für fotografische Ausstellungen, sondern auch Kurator des Museums.
Und es ist diese Rolle, in der Edward Steichen einige der berühmtesten Fotografen und Fotografen dieser Zeit mit verewigt.
Namen wie Robert Frank, Deanne Arbus, Dorothea Lange, Lee Miller oder Stephen Shore.
Er kuratiert 44 Ausstellungen während seiner Amtszeit.
Alle für sich genommen Erfolge, aber eine, mit der er sich selbst, der Fotografie,
Dutzenden Fotografen und Fotografen und der Menschheit selbst ein Denkmal setzt.
Hören wir ihm kurz zu, was er selbst dazu sagt.
Ich hatte das Gefühl, oder eher die Hoffnung, dass wenn die Menschen wirklich sahen,
was die Kriegssituation in all ihrer Bestialität und Brutalität war,
dass das ein Deterrent sein könnte, dass die Menschen aufwachen.
Hier bezieht er sich auf seine Anti-Kriegsausstellungen, die er noch während dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatte.
Er hatte die Hoffnung gehabt, dass die Menschen von Kriegsbildern abgeschreckt würden,
dass sie sehen würden, wie unmenschlich und grausam Krieg ist und dadurch davon überzeugt werden würden,
dass Krieg mit allen Mitteln verhindert werden müsste.
Aber die Leute, so sagt er, kamen zu der Ausstellung, fanden die auch toll, sahen die aufmerksam an.
Manchmal sah man jemanden mit Tränen in den Augen.
Und dann verließen sie die Ausstellung und vergaßen alles, was sie dort gesehen hatten.
Und die Grundlage für das, hat mich plötzlich aufgepragt,
war, dass die Idee von einem negativen Standpunkt herangehoben wurde.
Und von einem negativen Standpunkt her, tut nichts gut.
Also habe ich, als ich darüber nachdenkte, gesagt,
jetzt, wechseln wir von dem positiven Standpunkt her,
ich muss zeigen, wie wunderbar das Leben ist und wie Menschen weltweit ähnlich sind.
Und das hat in der „Familie von Menschen“-Exhibition erfolgt.
Und als er darüber nachdachte, kam er zu dem Ergebnis,
dass das Hauptproblem war, dass Ausstellungen mit Kriegsfotografie das Thema negativ angehen.
Und nichts, sagt er, das man negativ angeht, hat jemals was Gutes hervorgebracht.
Und so wollte er eine Ausstellung machen, die genau andersherum funktioniert.
Er wollte den Menschen zeigen, was allen Menschen gemeinsam ist,
wie schön die Menschheit ist, wie wundervoll Leben ist.
Und das war der Startgedanke seiner wichtigsten, größten und berühmtesten Ausstellung.
Der Titel „The Family of Man“.
Los übersetzt könnte man sagen „Die menschliche Familie“.
Aus moderner Sicht hätte man den Titel vielleicht anders gewählt.
Aber „Man“ war damals in den 50ern einfach nur Synonym für Menschheit.
Edward Steichen jedenfalls beginnt mit der Arbeit an dieser Ausstellung,
indem er zunächst mal mehrere hundert Aufnahmen von verschiedensten Künstlern einkauft.
Gleichzeitig bittet er eine Freundin, Dorothea Lange, einen Aufruf in die Welt zu schicken.
Es wurde eingeladen, Fotos einzureichen, die in eine von 32 Kategorien passten und zum Thema der Ausstellung.
Und der Aufruf wurde überall auf der Welt vernommen und beantwortet.
Über zwei Millionen Fotografien wurden eingereicht.
In den folgenden drei Jahren wurde diese unglaubliche Menge an Material gesichtet
und auf knapp 1000 Aufnahmen runtergedampft und dann in einem zweiten Durchlauf auf 503 Aufnahmen reduziert.
503 ist übrigens immer noch für eine fotografische Ausstellung eine gewaltige Zahl.
Normalerweise versucht man da deutlich drunter zu bleiben.
Die Aufnahmen kamen tatsächlich aus der ganzen Welt.
Allerdings war es trotzdem so, dass ein Großteil der 273 Fotografinnen und Fotografen
einen eher westlichen Blick auf die Welt gehabt haben dürften.
Allein 70 stammten aus Europa und 163 waren aus den USA.
Viele waren allerdings weit gereist.
Es wurde also wirklich versucht, die gesamte Welt und auch fremde Kulturen abzubilden.
Trotzdem kann man bis heute dieser Ausstellung vorwerfen,
dass sie einige eher konservative Perspektiven auf die Welt einnahm
und den Bias, der in dieser Fotograf:innen-Auswahl schon drinsteckt, natürlich nicht ganz abschütteln kann.
Als die Bilder dann erstmal ausgewählt waren, ging es an das Ausstellungsdesign.
Und auch das war damals groundbreaking, also noch nie da gewesen.
Die Bilder waren in den unterschiedlichsten Größen, manche ganz klein, manche riesengroß gedruckt
und konnten an der Decke, hoch an der Wand, niedrig an der Wand oder auch am Boden zu finden sein.
Begleitet wurden die Bilder von Ausschnitten aus Zitaten oder kurzen Gedichten.
Und die letzte Aufnahme zeigt, nachdem man durch die gesamte Bandbreite der menschlichen Erfahrungen gegangen ist
und oft auch sehr schöne Alltags-Szenen gesehen hat, einen Atompilz als abschließende Mahnung,
dass die Menschheit es in der Hand hat, die schützenswerte Existenz und Erfahrung des menschlichen Lebens zu zerstören oder zu bewahren.
Dadurch wird auch klar, in welcher Zeit diese Ausstellung stattfand.
Es war der Kalte Krieg und die ständige Bedrohung eines möglichen nuklearen Konflikts war natürlich allen präsent.
Die Ausstellung blieb auch nicht aufs MoMA in New York begrenzt, sondern ging auf Tournee.
Sie war schon in MoMA eine Sensation und die Tournee verstärkte das noch.
69 Mal wurde in 37 Ländern „The Family of Man“ ausgestellt
und mehrere Ableger-Ausstellungen mit Einzelthemen daraus wurden ebenfalls kuratiert.
Bis heute ist es die meistbesuchte und meistbeachteteste Fotoausstellung aller Zeiten.
Über 10 Millionen Menschen haben diese Ausstellung gesehen.
Wie es für solche Ausstellungen üblich ist, produzierte Edward Steichen natürlich auch den dazugehörigen Ausstellungskatalog.
Ein großformatiges Taschenbuch, in dem man die ausgestellten Bilder nachschlagen konnte.
Für viele dürfte das das erste Buch gewesen sein, das sie gekauft haben,
das sich fast ausschließlich mit Fotografie befasst und kaum Text enthält.
Über 4 Millionen Mal ist der Ausstellungskatalog von „The Family of Man“ inzwischen verkauft worden
und damit das meistverkaufte Fotobuch aller Zeiten.
Blättert man das Buch durch oder besucht die Ausstellung, wird man auch viele Bilder wiedererkennen.
Manche der Fotografinnen und Fotografen, die beitrugen, waren zu dem Zeitpunkt bereits selbst weltberühmt.
Aber für viele markiert diese Ausstellung auch den Startpunkt einer fotografischen Karriere.
In jedem Fall ist es so, dass man natürlich Namen wie Henri Cartier-Bresson oder Robert Duranon
oder Margaret Bourke-White, Dianne Arbus, Lee Miller, Robert Frank, Robert Capa, Edward Weston,
Dorothea Lange, Andreas Feininger, Ansel Adams, Irving Penn, Eve Arnold, Richard Avedon oder Gary Winogrand
aus der späteren Fotogeschichte nicht mehr wegdenken kann.
Es ist diese Ausstellung jedenfalls, die Edward Steichen endgültig in den Geschichtsbüchern der Fotografie unsterblich macht.
Man kann sie übrigens bis heute besichtigen.
Nach seinem Tod wurde sie nach Luxemburg überführt, wo sie bis heute in Dauerausstellungen besichtigt werden kann.
Und auch den Katalog „The Family of Man“ kann man nach wie vor bestellen.
Ich habe ein Exemplar hier und es lohnt sich absolut.
Die Bilder sehen dabei erstaunlich modern aus.
Viele haben nichts von ihrer Wirkmächtigkeit verloren.
Es sind eben Bilder von überall auf der Welt und allen möglichen Situationen, die wir alle wiederkennen.
Freude, Trauer, Liebe, Wut, Momente der Stille, Momente der Ehrfurcht.
Wir erkennen die Menschen, wir erkennen die Situationen.
Und auch wenn so eine Ausstellung heute wahrscheinlich etwas diverser kuratiert werden würde,
erreichen diese Bilder meiner Meinung nach immer noch, was sich Edward Steichen erhofft hatte.
Eben daran zu erinnern, dass wir Menschen mehr gemeinsam haben als uns trennt.
Und deswegen ist diese Ausstellung auch zu Recht im UNESCO-Weltdokumentenerbe verewigt.
1960 und 81-jährig heiratet Edward Steichen die 26-jährige Joanna Taub.
Zwei Jahre später setzt es sich endgültig zur Ruhe.
Eine Ausstellung über die Great Depression ist seine letzte große fotografische Arbeit.
Er zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und beschäftigt sich mit Fotografie, Malerei und seinen Pflanzen.
So genießt er seinen Lebensabend und stirbt mit 94 Jahren am 25. März 1973.
Edward Steichen war einer dieser Fotografen, der mehr als nur eine Karriere gehabt hat
und dabei so viel Einfluss aufs Medium ausgeübt hat, dass man wahrscheinlich gar nicht anders kann,
als ihn nicht mehr wahrzunehmen, weil er einfach omnipräsent ist.
Er hat mehrere große Moden der Fotografie mitgemacht und mitgestaltet
und ließ sich weder auf ein Genre noch auf eine bestimmte Tätigkeit festlegen.
Er war Maler, er war Fotograf, er war Kurator, er war Aussteller, er war Sammler, er war Botaniker,
Herausgeber, Publizist und hat dabei aber nie aus den Augen verloren, wen er versucht zu erreichen.
Und er behielt einen ganz pragmatischen Blick auf seine Kunst.
Mit dem Vorwurf konfrontiert, dass der Kommerz in seiner Arbeit ja vielleicht auch die Kunst in den Hintergrund gedrängt hätte,
hat er zum Beispiel Folgendes zu sagen.
Ich kenne keine Kunst, die nicht oder nicht kommerziell war.
Michelangelo sollte auf seinem Todesfelsen schon einmal beschweren,
dass er nie die Möglichkeit hatte, das zu tun, was er wollte.
Es gab immer Popen und Potentaten, die ihm Anrufe und Verpflichtungen für das, was sie wollte, gegeben haben.
Aber er hat eine gute Arbeit gemacht, um dieses Geld zu füllen.
Er kennt keine Kunst, die nicht wenigstens in Teilen kommerzialisiert ist, sagt er.
Und als Beispiel bringt er Michelangelo, der sich nämlich auf seinem Sterbebett beschwert hat,
dass er in seinem ganzen Leben fremdgesteuert worden war.
Immer gab es irgendwelche Päpste oder Herrscher, die von ihm irgendwelche Aufträge erfüllt haben wollten.
Aber, so sagt Edward Steichen, am Ende hat er das doch wirklich ganz gut gemeistert, Kunst und Kommerz zu verbinden.
Ein Fotograf macht nie wirklich Fotos, außer er wird davon bewegt,
er wird davon begeistert oder er ist sehr interessiert.
Und was die richtige Kunst ausmacht, so sagt er, hat mehr mit der inneren Einstellung zu tun.
Ein Fotograf macht kein richtiges Bild, wenn er nicht wirklich interessiert ist an dem Objekt, das er fotografiert.
Ein Bildnehmer und ein „Buttonpusher“, wie ich ihn auch nennen würde,
er schießt einfach an Dinge, die er von anderen gesehen hat.
Ein Fotograf establicht eine Beziehung, eine intime Beziehung zwischen sich und dem, was er fotografiert,
ob es ein Kern der Beine ist, ein Landschaft oder ein Gras der Garbe.
Knipser hingegen, die fotografieren eigentlich nur Dinge, die sie von anderen schon mal gesehen haben.
Das ist ihnen eigentlich egal.
Aber ein Fotograf, so sagt er, der fotografiert, womit er eine intime Beziehung aufbauen kann.
Und dabei ist es ganz egal, ob es eine Dose Bohnen oder ein Star von Weltrang wie Greta Garbo ist.
Das war also Episode 85 des Foto-Menschen-Podcasts zu einem der einflussreichsten Fotografen aller Zeiten.
Und gleichzeitig einem Mann, den wahrscheinlich nur Foto-Enthusiasten kennen und selbst bei denen nicht alle.
Wenn euch der Podcast gefallen hat und ihr das Foto-Menschen-Projekt unterstützen wollt,
dann tut mir doch einen Gefallen und erzählt einfach weiter, dass es den Podcast gibt.
Ich podcaste nicht kommerziell, ich möchte also kein Geld, ich werde hier auch keine Werbung machen,
aber ich freue mich über Rückmeldung und über steigende Hörer:innenzahlen.
Rückmeldung ist ein gutes Stichwort.
Ihr erreicht mich natürlich auf Social Media.
Ich glaube, ich bin ja ganz allgemein relativ einfach zu finden,
aber am leichtesten im Zusammenhang mit dem Foto-Menschen-Podcast geht es natürlich auf Twitter oder Mastodon unter dem Handel Foto-Menschen.
Die Webseite foto-menschen.net enthält alle Links, Videos, Artikel etc., die ich zur Recherche für diese Folge benutzt habe
und viele, viele Episoden inzwischen mit Transkripts, sodass man auch ganz hervorragend durch die vergangenen 84 Folgen stöbern kann.
Und wer mag, darf mir da gerne einen Kommentar unter der Episode lassen.
Ich freue mich darüber immer ganz besonders.
E-Mail gibt es natürlich auch, mail@foto-menschen.net.
So viele Wege mich zu erreichen.
Und jetzt vielen Dank für eure Zeit, fürs Zuhören.
Bleibt gesund und bis zum nächsten Mal.

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Fakt trifft Fiktion – The Book of Veles https://fotomenschen.kopfstim.me/the-book-of-veles/ Mon, 04 Jul 2022 16:15:27 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Eine wahre Geschichte über eine Fake Reportage über einen echten Ort aber mit Fake Akteuren und einem aus echten Texten generierten Fake Essay…

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Transkript

Als sich der Norweger Jonas Bendix 1996 mit gerade mal 19 Jahren bei der Londoner Niederlassung
der Fotoagentur Magnum um eine Praktikumsstelle bewarb, rechnete er wahrscheinlich nicht damit,
später einmal selbst zu diesem erlauchten Fotoklub zu gehören.
Und er hätte es wahrscheinlich auch nicht für möglich gehalten, dass ausgerechnet
er es sein würde, der diesen Tempel des Fotojournalismus mit einer von vorne bis hinten zusammengefakten
Fotostory testen würde.
Foto Menschen
Für die heutige Geschichte gehen wir ins Jahr 2017.
In den USA regiert Donald J.
Trump als 45.
Präsident der Vereinigten Staaten.
Und worüber regt er sich am meisten auf?
Genau, über das hier.
Natürlich in seinem Fall war alles Fake News, was ihn kritisierte oder ihm nicht zustimmte.
Aber allgemein an Fake News mangelte es jetzt in der Zeit wirklich gar nicht.
Es fiel genau in Trumps Amtszeit, dass die Welt zusehen musste, wie die Produktion und
Verbreitung von Falschmeldungen geradezu industrielle Ausmaße annahmen.
Die Masche war dabei denkbar einfach.
Man nahm echte Nachrichten von echten Nachrichtenwebsiten, verkürzte die, schrieb die zum Teil um, packte
irgendwelche zufällig ausgewählten Fotos dazu, klatschte das Ganze auf eine Webseite
mit ähnlichem Design und verteilte Links auf diese Meldungen im Internet.
Je besser die Meldungen ausgewählt waren und den Nerv der sowieso schon aufgeregten
Twitter- und Facebook-Community trafen, umso mehr Besucher kamen vorbei, umso mehr Werbeeinnahmen
ließen sich erzielen, umso mehr wurden diese Meldungen weiterverbreitet.
Oftmals mit viel mehr Reichweite als die Originalmeldungen.
Als man versuchte herauszufinden, woher diese Seiten überwiegend kamen, kristallisierte
sich ein überraschendes Epizentrum heraus.
Die Stadt Veles in Nordmazedonien.
In der osteuropäischen Stadt hatten sich anscheinend gleich mehrere Gruppen dazu entschlossen,
das lukrative Feld der Fake-News-Verteilung für sich zu beackern.
Und Jonas Bendixen verfolgt mit einiger Faszination die Artikel, die über diese Stadt geschrieben
werden.
Sogar Obama erwähnte die Stadt.
Da sitzen ein paar Teenager in Nordmazedonien, in einer Stadt, in der es nicht viel anderes
zu tun gibt, als sich im Internet nach Einkommensquellen umzuschauen und beschließen, Artikel zu veröffentlichen
und Werbeeinnahmen zu generieren, und sind plötzlich ein Thema für die amerikanische
Politprominenz und zwingen die großen Tech-Konzerne, ihre Vorgehensweise zu ändern.
Das wiederum fasziniert Jonas Bendixen.
Und der beginnt zu recherchieren.
Und wie das so oft ist, wenn man erstmal anfängt, einer Geschichte hinterher zu recherchieren,
dann wird das Internet auch schnell mal zum Rabbit Hole.
Im Falle der Stadt Veles entdeckt Jonas, dass es eine „slawische Gottheit“ desselben
Namens gibt.
Und das ist nicht irgendein Gott, das ist einer der wichtigsten Götter der slawischen
Mythologie.
Er ist Gott der Fruchtbarkeit und der Magie, Herrscher über das Totenreich, Gott der Erde
und wird als gehörnte und bärtige Schlange dargestellt.
Außerdem, und das war jetzt der Teil, der Bendixen faszinierte, war es auch der Gott
des Chaos und der Täuschung.
Er konnte seine Gestalt verändern und spielte eine ganz ähnliche Rolle, die man von dem
nordischen Gott Loki kennt.
Wir haben also eine Stadt, in der Fake News verbreitet wird, mit dem Namen eines Gottes,
dessen Mythologie zu nennenswerten Teilen daraus besteht, dass er Leute täuscht.
Jonas Bendixen recherchiert weiter und er entdeckt Berichte von einem antiken Manuskript,
in dem die Geschichte des Gottes Veles aufgezeichnet worden sein soll.
Sie wird 1919 von einem russischen Armeeoffizier entdeckt, der das aber weder lesen noch übersetzen
kann und sich deswegen an einen russischen Wissenschaftler wendet, der den kompletten
Text ins moderne Russische überträgt.
Bis heute glauben viele, dass dieser Text einer der ältesten Texte der slawischen Welt
überhaupt ist und besonders in Esoteriker-Kreisen oder auch in slawisch-nationalistischen Kreisen
ist der Text praktisch heilig.
Gäbe es da nicht dieses kleine Problem, dass der Stand der modernen Forschung davon ausgeht,
dass der komplette Text von dem russischen Wissenschaftler und dem russischen Offizier
gefälscht worden war?
1973 wird das Ganze von einem Studenten der Ohio State University übersetzt.
Der hatte von den Zweifeln an dem Text damals noch keine Kenntnis und nahm das alles ernst.
Als seine Übersetzung herauskam, war die durchzogen mit Fußnoten und Hinweisen auf
die Relevanz des Textes.
Der Student hatte alle möglichen Querverbindungen entdeckt und ihm war nicht aufgefallen, dass
der Text eigentlich eine Fälschung war.
Der Gott der Täuschung, eine Stadt, die Fake News produziert, ein gefälschtes Manuskript
eines angeblich antiken Textes, das für bare Münze genommen wurde.
Jonas Benediktsen beschloss, daraus ein Fotoprojekt zu machen.
Wie lange, fragte er sich, wird es wohl dauern, bis fotojournalistische Projekte auftauchen,
die keine Grundlage in der Realität haben?
Wir leben im Zeitalter von Deepfakes und computergenerierten Grafiken.
Und so beschließt er, genau diese fotojournalistische Arbeit zu machen und zu testen, wie lange
es denn dauern wird, bis jemand Verdacht schöpft.
Jonas Benediktsen ist Fotograf und kein CGI-Artist, also musste er sich Kenntnisse aneignen.
Er wollte wissen, wie kann er denn fotorealistisch computergenerierte Grafiken in eine fotografische
Szene montieren?
Wo lernt man sowas am besten?
Klar, auf YouTube.
Er schaute Tutorials für Software, die die Filmindustrie oder die Computerspieleindustrie
jeden Tag verwenden und experimentierte mit ersten Bildern.
Für diese Software gibt es meistens Online-Marktplätze, auf denen man Modelle kaufen kann.
Und so kaufte er Modelle für Menschen und verbrachte so einiges an Zeit damit, die anzupassen
und zu kleiden.
In einem Interview sagt er scherzhaft, er hat sich deutlich mehr Zeit mit der Kleidung
seiner Avatare für sein Foto-Projekt beschäftigt, als er jemals in seine eigene Kleidung investiert
hat.
Als nächstes dann buchte er Flüge nach Veles.
Er wollte eine glaubwürdige Fotoreportage über diesen Ort fertigen und deswegen beschloss
er, dass die Hintergründe tatsächlich aus Veles sein müssten.
Zum ersten Mal in seiner Laufbahn als Fotograf kam es ihm beim Fotografieren eben gerade nicht
drauf an, Menschen anzutreffen.
Aber er wollte eine Optik erzeugen, die aussah, als hätte er eines seiner typischen Projekte
gemacht.
Als hätte er einigermaßen ordentlichen Zugang und ein paar Wochen Zeit gehabt und sich wirklich
den Menschen vor Ort genähert.
Er machte zwei solche Trips, den letzten gerade mal eine Woche, bevor es weltweit zu Lockdowns
wegen dem Coronavirus kam.
Ja und jetzt, daheim, hat er alle Zeit der Welt, um sein Projekt fertig zu machen.
Sein nächster Schritt, aus diesem Fotomaterial wollte er ein Buch fertigen.
Und in einem Buch, da muss natürlich auch Text stehen.
Und auch hier wählt er einen ungewöhnlichen Weg.
Er findet online ein frei trainierbares System zur Generierung von Text.
Die Idee solcher Systeme ist, dass man ihnen Trainingsmaterial gibt, das dem angestrebten
Zieltext entspricht.
Will ich also Produktbeschreibungen haben, müssen Produktbeschreibungen rein.
Will ich Gedichte haben, die wie Shakespeare klingen, naja, dann füttern wir doch mal Shakespeare.
Jonas Bendixen nimmt jetzt die Artikel, die über Veles weltweit geschrieben worden waren
und führt sie diesem Bot zu.
Um denen dann einen Text für das Buch über Veles verfassen zu lassen.
Auf die Art erzeugt er einen 5000 Worte langen Essay, den er nur aus den Ausgaben dieses
Bots zusammen kopiert.
Ganz ähnlich geht er vor, um Zitate für die angeblich in seinen Fotos zu sehenden
Leute zu erzeugen.
Es gab ja eine Menge echter Zitate aus den anderen Artikeln und die wirft er ebenfalls
in die AI und lässt sich neue Zitate erzeugen.
All das kombiniert er und lässt es aussehen, als wäre es eine authentische Jonas Bendixen
Arbeit und produziert ein Buch.
Der Titel „The Book of Veles“, derselbe Titel, den das angebliche Manuskript trug.
Dabei geht er davon aus, dass es garantiert nicht lang dauern wird, bis die Ungereimtheiten
in seinen Bildern auftauchen werden.
Es ist ja nicht so, dass er nicht genügend Hinweise in seinen Bildern versteckt hätte.
Beispielsweise scheint die Stadt Veles eine ungewöhnlich hohe Bärenpopulation zu haben.
Und der Bär tauchte da auch nicht von ungefähr auf, denn der Bär war die Lieblingsgestalt
des Gottes Veles, des Gottes der Täuschung.
Aber selbst wenn einem der Bär entgangen war, gab es noch genügend andere Hinweise,
die Jonas zuversichtlich machten, dass dieses Buch den Test der Profis nicht lange würde
standhalten können.
Für den Fall der Fälle hatte er seinen Verleger auf jeden Fall schon mal informiert und er
hat sich selber als Regel gesetzt, die Presse daran zu hindern, seine Arbeiten zu veröffentlichen.
Er wartete und wartete, amüsierte sich über Komplimente für den Essay in dem Buch, lehnte
Anfragen der Presse ab und beschloss dann, noch einen draufzulegen.
Er reichte seine Arbeit bei dem angesehenen Fotojournalismus-Festival Visar pour Limage
in Frankreich ein.
Und die akzeptierten die Arbeit nicht nur, sondern baten ihn, im Programm einen Vortrag
über seine Arbeit zu halten.
Als weitere Wochen ins Land zogen, ohne dass irgendjemand seine Arbeit ernsthaft in Frage
stellte, beschloss er, selbst an seinem Ruf zu sägen.
Aber passend zu dem Projekt konnte er das natürlich nicht einfach selbst veröffentlichen.
Er wollte demontiert werden.
Und so kaufte er sich einen künstlich gealterten Social Media Avatar.
Für ca.
40 Dollar, sagt er.
Eine junge Dame, die angeblich aus Nordmazedonien stammte, mit dem klangvollen Namen Chloe Miskin.
Sie hatte eine Twitter Präsenz, ein Facebook-Profil.
Alles was ihr fehlte, waren die richtigen Kontakte.
Und an denen begann Jonas jetzt für ein paar Wochen zu arbeiten.
Nicht lange und Chloe war mit über 600 Leuten aus der fotojournalistischen Szene befreundet.
Der Plan?
Chloe sollte ihn demontieren.
Der richtige Zeitpunkt?
Kurz nach seinem Vortrag auf dem Festival.
Er hielt also seinen Vortrag und kurz darauf fing Chloe an, sich über die Qualität seiner
Arbeit aufzuregen.
Er hätte Leute gekauft, die in den Bildern zu sehen waren, schrieb sie auf Facebook.
Jonas ging davon aus, dass wenn jemand erstmal anfängt, öffentlich Zweifel zu äußern,
schon irgendjemand die Arbeit genauer unter die Lupe nehmen würde.
Umso erstaunlicher, dass Chloe nicht ernst genommen wurde und sich sogar einzelne damit
Beschäftigten Chloe zu widersprechen und mit ihr zu streiten.
Vielleicht ist Facebook nicht das richtige Social Network, denkt sich Jonas und lässt
Chloe auf Twitter los.
Und endlich steigt jemand auf den Verdacht ein.
Ein Twitter Nutzer bemerkt, dass Kleidung in den Fotos anscheinend mehrfach verwendet
wurde.
Und diesem ersten Verdacht folgen da natürlich andere und bieten Jonas damit endlich die
Möglichkeit, offen über sein Projekt und die wahren Hintergründe zu sprechen.
Monate nach Veröffentlichung.
Was machen wir jetzt aus dieser ganzen Geschichte?
Ich find’s spannend festzustellen, dass die Menschen zwar einerseits aufgewachsen sind
mit dem Wissen darum, dass es Photoshop gibt und dass Fotos nicht immer das zeigen, was
sie vorgeben zu zeigen.
Und gleichzeitig wollen wir immer noch auf Teufel komm raus glauben, dass Bilder die
Wahrheit und die Realität zeigen.
Es ist irgendwie auch tragisch, dass wir in über 180 Jahren Fotogeschichte immer noch
nicht gelernt haben, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden.
Und dabei sind wir ja jetzt am Anfang einer nicht aufzuhaltenen Entwicklung.
Jonas Bendixen hat uns vor Augen geführt, wie einfach es eigentlich ist.
Denn er ist weder Computerspezialist noch Computergrafik-Nerd.
Er hat sich mit Hilfe von YouTube ein paar frei erhältliche Softwareprodukte erklären
lassen und danach Bilder produziert, die die weltweite Community der Fotojournalisten für
bare Münze genommen hat.
Er ließ ein Essay von Künstlicher Intelligenz schreiben und Leser*innen hielten das für
authentisch.
Was lernen wir daraus?
Wir müssen kritischer werden.
Wir dürfen Bildern nicht einfach pauschal vertrauen.
Und außerdem lerne ich daraus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis wir um uns rum
Texte und Medienprodukte haben, die verdammt authentisch aussehen werden.
Foto Menschen
Ich habe mir eine signierte Fassung dieses Buchs bestellt.
Denn ich finde die Geschichte und den Prozess hinter „The Book of Veles“ durch und durch
faszinierend.
Außerdem gefallen mir die Fotos, die ich bisher davon gesehen habe.
Jonas Bendixen sagt selbst, dass er für diese Fotos im Prinzip neu lernen musste, wie ein
typisches Jonas Bendixen-Foto aussieht.
Immerhin musste er im Computer Lichtsituationen nachbilden und sich überlegen, wie hätte
er denn Menschen fotografiert in Veles, wenn er sie denn angetroffen hätte.
Ich glaube, dass es ein Buch, das Geschichte geschrieben hat.
Außerdem enthält es schöne Fotografie.
Aber das ist vielleicht mal eine Diskussion für einen anderen Tag, warum ich glaube,
dass auch solche Montagen durchaus fotografische Werke sind.

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Lee Miller – Eine Frau, viele Leben https://fotomenschen.kopfstim.me/lee-miller-eine-frau-viele-leben/ Wed, 01 Jun 2022 15:59:44 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Lee Miller hatte ein Leben das atemlos macht: Befreundet mit dem who is who der Surrealisten-Szene des 20. Jahrhunderst, berühmtes Fashionmodel, erfolgreiche Fashionfotografin, Journalistin, Kriegskorrespondentin, Sterneköchin und Weltbürgerin sind nur einige ihrer Rollen.

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Episodenbild: U.S. Army Official Photograph - http://astro.temple.edu/~gurwin/hist.0690syb2005.html, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77888314

Transkript

Tänzerin, Model, Werbefotografin, Journalistin, Kriegsreporterin, Sterneköchin.
Lee Miller hat eine Biografie, die mich völlig atemlos zurückgelassen hat.
Und ihr habt sie mir gleich mehrfach empfohlen.
Ich grüße jetzt hier mal stellvertretend Silke, deren E-Mail ich vor kurzem in meiner
Inbox fand, und Boris, der mich beide auf das erste Foto, das ich von Lee Miller je
gesehen habe, hinwies, das den Titel „Die Dame in Hitlers Badewanne“ trägt.
Lee Miller heißt eigentlich Elizabeth Miller, später dann Lady Elizabeth Penrose, und wird
1907 im Bundesstaat New York geboren.
Ihr Vater war ein Ingenieur, ihre Mutter eine Krankenschwester und sie hatte zwei Geschwister.
Schon die kleine Lee war eher umtriebig und schwer zu bändigen, aber ihr Vater unterstützte
das.
Und so wurden mit den Geschwistern Seifenkisten gebaut und Rennen gefahren, Dinge erklommen
und Gerätschaften ausprobiert.
Und wie um die Zeit nicht ganz unüblich, besonders für einen Ingenieurshaushalt, wurde
durchaus auch schon fotografiert.
Der Vater war begeisterter Amateurfotograf und so konnte die kleine Lee schon sehr früh
erste Gehversuche mit damals üblichem Gerät, wie zum Beispiel der Kodak Brownie, machen.
Der Vater war ambitionierter Fotoamateur und entdeckte seine ungewöhnlich hübsche Tochter
früh als Fotomodell.
Er fotografiert Porträts und Akte und Lee steht für beides Modell.
Schon früh prägt sich bei Lee jedenfalls Interesse für die schönen Künstler heraus
und sie überlegt eventuell Tänzerin werden zu wollen.
Ihre Schulzeit jedenfalls war mühsam.
Sie wird über die Jahre aus praktisch jeder Schule geworfen, in der ihre Eltern sie eintragen.
Mit 18 zieht sie nach Paris und studiert Bühnenbildnerei, Kostümdesign und Bühnenbeleuchtung und kehrt
1926 nach New York zurück.
Diesmal zieht sie nach Manhattan.
Hier will sie Malerei und Zeichnung studieren.
Als sie eines Tages auf dem Heimweg war und gedankenlos auf die Straße geht, wird sie
beinahe von einem LKW überfahren.
In letzter Sekunde reißt sie einen Passant, der sie beobachtet hat, auf den Gehweg zurück
und Lee, die zu Tode erschrocken ist, sinkt erstmal ohnmächtig in seine Arme.
Und diese Anekdote ist wirklich folgenreich, denn der Mann, der sie da vor dem sicheren
Tod gerettet hatte, war niemand anderes als Condé Nast, dem Herausgeber von Zeitungen
wie Vogue, The New Yorker oder Vanity Fair.
Der hält jetzt also plötzlich eine elegant gekleidete, fließend französisch sprechende,
wunderschöne junge Dame in den Armen und sieht in ihr das perfekte Gesicht für das
nächste Titelblatt der Vogue.
Denn zu der Zeit wurde nach dem perfekten, modernen Mädchen gesucht als Titelfigur für
Magazine wie Vogue.
Und Lee Miller entsprach dieser Idee bis aufs Haar.
Und deswegen startet Lee ihre Modelkarriere mit einem Knall, mit einem Titelbild auf der
Vogue.
Die nächsten zwei Jahre machen sie dann zu einem der meisten gesuchten Models in ganz
New York.
Und sie arbeitet mit allem, was Rang und Namen hat.
Es kommt zu mir klar, als der Fotograf Edward Steichen eine Aufnahme Millers verwendet,
um eine Werbekampagne für Damenbinden zu bebildern.
Das beendet ihre Karriere als Fashionmodel, allerdings hatte sie darauf inzwischen sowieso
immer weniger Lust gehabt und nach Gelegenheiten gesucht, um auf Reisen zu gehen.
Die bot sich, als ihr einen Fashiondesigner anbot, in seinem Auftrag nach Paris zu reisen
und Designskizzen von Renaissance-Gemälden zu fertigen.
Also die Kleidung zu skizzieren, die man dort sieht.
In Paris passieren mehrere Dinge.
Erstens, Lee Miller war in Sekunden von dieser Aufgabe zu Tode gelangweilt.
Schon ihr ganzes Leben lang war sie bekannt dafür, dass sie sich zu nichts hinreißen
ließ, wenn es ihr keinen Spaß bereitete.
Und Renaissance-Gemälde abmalen gehörte eindeutig in diese Kategorie.
Außerdem war Lee Miller ein Partygirl.
Innerhalb kürzester Zeit netzwerkt sie sich einmal kreuz und quer durch die künstlerische
Szene Paris.
Sie war ungebunden, sie war trinkfest, sie war sexuell aufgeschlossen und sah umwerfend
aus.
Also macht sie das, was ihr als Tochter ihres Vaters als erstes in den Sinn kommt.
Sie besorgt sich eine Kamera und statt die Kleidungsstücke abzuzeichnen, macht sie einfach
Fotos davon.
Und was mit dem Abfotografieren von Gemälden anfängt, hört dann erstmal nicht mehr auf.
Sie fotografiert die Menschen um sich herum und experimentiert mit der Fotografie als
künstlerischer Ausdruck, als surreales Medium.
Wir haben das Jahr 1929.
Lee Miller beschließt jetzt, ernsthaft ihr Glück als Fotografin zu suchen.
Alles, was ihr fehlt, ist ein Lehrer, der ihr die Techniken der künstlerischen Fotografie
nahe bringen kann.
In Paris wird sie auch schnell fündig.
Der berühmte Fotograf und Künstler Man Ray wäre der perfekte Lehrmeister.
Sie sucht seinen Kontakt und bietet sich ihm als Model an.
Er will eigentlich keine Studenten aufnehmen, aber Lee war noch nie gut darin, „Nein“
als Antwort zu akzeptieren.
Der Widerstand kann auch nicht lange angedauert haben, denn sie zieht relativ schnell praktisch
bei ihm ein, wird eines seiner häufigsten Models, eine Mitarbeiterin in seiner Dunkelkammer
und in seinem Studio allgemein, seine Muse und seine Liebhaberin.
Die beiden arbeiten in der Zeit so eng zusammen, dass bei einer Menge Aufnahmen gar nicht ganz
klar ist, ob das nun Aufnahmen von Lee Miller oder von Man Ray waren.
Die Fotografien, die sie schaffen, sind sehr künstlerisch und surreal.
Und das liegt unter anderem auch an der ausgefeilten Verfremdung, die in der Dunkelkammer stattfindet.
Es wird mit vielen Techniken experimentiert und eine der wichtigsten, stilprägendsten
Techniken, die die beiden perfektionieren, ist die sogenannte Solarisation.
Ich werde das jetzt hier nicht detailliert ausführen, aber es ist so eine Art gezielte
Überbelichtung.
Bilder, die auf die Art entstehen, sehen sehr prägnant und eigentümlich aus, sehr kontrastreich.
Und in den 60er Jahren wird es ein sehr weit verbreiteter und beliebter künstlerischer
Bildeffekt.
Für die Surrealisten, zu denen Lee Miller und Man Ray ja damals gehörten, war an diesem
Effekt besonders wichtig, dass er praktisch durch einen Zufall entstand und dass die Ergebnisse
nur sehr vage kontrollierbar waren.
Über den Freundeskreis von Man Ray und die Partys, die auch dort reichlich stattfanden,
lernt Lee Miller jedenfalls das Who is Who der damaligen Künstlerszene kennen.
Leute wie Jean Cocteau oder eben auch Pablo Picasso gehen ein und aus und zählen zu ihren
Freunden.
Über die Jahre fertigt Pablo Picasso sechs Gemälde von Lee Miller an und wird wieder
und wieder von ihr fotografiert.
So produktiv ihre Zusammenarbeit mit Man Ray auch ist, schnell hat sie das Bedürfnis,
ein eigenes Studio aufzubauen und wird in kürzester Zeit zu einer etablierten Fotografin
in Paris.
Ein Faktor mag hier auch gewesen sein, dass es zwischen Man Ray und Lee Miller auch reichlich
und regelmäßig krachte.
Denn Man Ray, der eigentlich ja offene Beziehungen und freie Liebe propagierte, hatte so seine
Probleme, dass die schöne Lee sich nicht in einer monogamen Beziehung einsperren ließ.
Und so zofften die beiden sich regelmäßig, bis es irgendwann einfach auch mal zu viel
war.
1932 ist ihr die Szene in Paris ganz allgemein zu langweilig geworden.
Sie kehrt wieder nach Manhattan zurück und beschließt, den Erfolg des Fotostudios in
Paris in New York zu wiederholen.
Erfolgreich, innerhalb kürzester Zeit ist sie eine der gefragtesten Fotografinnen der
Stadt.
Und nach nur drei Monaten zurück hat sie ihre erste große Ausstellung, in der es nur um
ihre Arbeiten geht.
Aber auch ihr zweites erfolgreiches Fotostudio hält sie nicht lange.
Als sie den Ägypter Aziz Bey kennenlernt und sich in ihn verliebt, beschließt sie
kurzerhand, ihr Leben in New York zu beenden und mit ihm nach Ägypten zu ziehen.
Die beiden heiraten und für Li beginnt eine Zeit, in der sie offiziell weder als Fotografe
noch sonst irgendwie professionell tätig ist.
Ihr Alltag besteht aus Reisen und Expeditionen in die Wüste und das Umland Ägyptens oder
aus Partys.
Nach wie vor ist Li trinkfest.
Sie gilt als fantastische Gastgeberin, wenn auch ein bisschen launisch, immer zwischen
glücklich und depressiv hin und her schwankend.
Die Fotografien, die sie in der Zeit fertig gehören, mit zu ihren künstlerischsten.
1937 war sie dann endgültig das Leben in Ägypten leid.
Eine Ausstellung brachte sie nach Paris, wo sie den Maler und Kurator Roland Penrose kennenlernte.
Was zunächst eine Kollaboration war, wurde schnell eine Affäre und so zog sie mit Billigung
ihres Ehemanns nach London in ein gemeinsames Apartment.
Und hier ist Li, als die Deutschen damit beginnen, London zu bombardieren.
Roland war einer der Freiwilligen, der während den Bombenangriffen der Deutschen die Stadt
patrouillierte und nach Brandherden Ausschau hielt und Li begleitete ihn.
Und die Lebensgefahr, die andere vielleicht dazu gebracht hätte, sich zu vergriechen,
war für sie wie ein Lebenselixier.
Ihr war sofort klar, sie wollte dahin, wo die Action war.
Die Gefahr nicht meiden, sondern die Gefahr suchen.
Freunde und Familie war entsetzt.
Aber wie schon bei Man Ray, ließ Li sich nicht von einem einmal gefassten Plan und
einer Entscheidung abbringen.
Sie begann damit, praktisch täglich bei Vogue anzufragen, ob die nicht Verwendung für eine
Kriegskorrespondentin hätten.
Und beginnt damit auf eigene Faust die Bombenangriffe während dem sogenannten Blitz zu dokumentieren.
Es sind ihre Fotos und ihre Hartnäckigkeit, die er dann letztlich eine Akkreditierung
als offizielle Kriegsfotografin für die Condé Nast Publishing Group einbringt.
Es gab einige Frauen, die für die US Army fotografierten, aber es waren nicht viele.
Und Action zu sehen war fast ausgeschlossen, denn die US Army hatte ganz grundsätzlich
die Regel, dass Frauen nicht in Kriegshandlungen geschickt wurden.
Und so fotografiert sie zunächst die Soldaten, die im Einsatz am D-Day gewesen waren und
jetzt in einem Übergangslazarett auf ihren Abtransport warteten.
Sie lernt den Time-Live-Fotografen David E.
Sherman kennen, der auch für eine Weile dann ihr Lebensgefährte werden soll, und beschließt,
dass sie dahin will, wo gekämpft wird.
Zur Not wird sie hintrampen.
Und genau diesen Plan setzen die beiden dann auch in die Tat um.
Nicht lange und Lee hat sich einen Ruf bei den Soldaten als mindestens so kampferprobt
und kampffest wie ihre Kameraden eingehandelt.
Und so wird ihr forsches Vorgehen von der Armee geduldet.
Sie und Sherman sind es dann auch, die zum Beispiel den ersten Einsatz von Napaim in
Europa dokumentieren.
Sie dokumentiert die Befreiung von Paris oder die Einnahme von Adolf Hitlers Berghof auf
dem Obersalzberg im Berchtesgaden.
Ihre Fotos entwickelt sie selbst in der Badewanne.
Und besonders die US-Vogue widmet ihr große Artikelstrecken, deren Bilder sie beisteuert
und deren Text sie komplett verfasst.
Und jetzt kommen wir zu dem Foto, das ich in der Einleitung erwähnt habe.
Es ist der 30.
April 1945.
Lee Miller und David Sherman sind in München.
Die Stadt ist praktisch dem Erdbodengeich gemacht.
Aber es gibt ein Haus, in dem noch fließendes, warmes Wasser ist.
Und so beschließen die beiden, dort ein Bad zu nehmen.
Als sie das Haus betreten, finden sie auch heraus, warum es das einzige Haus weit und
breit mit fließendem, warmen Wasser und Strom ist.
Denn es handelt sich um ein Privathaus von Adolf Hitler persönlich.
Und so beschließen die beiden nicht nur ein Bad zu nehmen, sondern dieses Bad auch fotografisch
zu dokumentieren.
Die Aufnahme zeigt Lee Miller in der Badewanne sitzend.
Es gibt ein analoges zweites Bild, in dem David Sherman auch ein Bad nimmt.
Auf den ersten Blick könnte man diese Aufnahme für einen Schnappschuss halten.
Aber auf den zweiten Blick wird klar, dass Lee Miller ihre Fotos als die Künstlerin,
die sie war, gezielt komponiert hat.
Und dieses Bild ist keine Ausnahme.
So steht zum Beispiel ein Foto Adolf Hitlers mit an der Badewanne.
Das bekannteste Bild des Diktators.
Aber noch viel wichtiger, direkt vor der Badewanne hat sie ihre US-Army-Stiefel abgestellt.
Und diese Kombi aus dem per Foto anwesenden Führer und den abgestellten US-Boots machen
aus diesem Foto eben mehr als nur einen Schnappschuss.
Das ist ein Foto, das nur Sieger machen können.
Es dokumentiert eine Machtumkehr.
Die Aufnahme von David Sherman zeigt außerdem noch den Duschkopf über ihm.
Sherman selbst ist Jude und der Duschkopf steht symbolisch für die als Gemeinschaftsduschen
getarnten Gaskammern der Nazis.
Und die hatte Lee Miller inklusive der Gräuel, die in den KZs zu sehen waren, nur zu Genüge
dokumentiert.
Sie ist vor Ort, als die KZs Buchenwald und Dachau befreit werden.
Während diesen Befreiungsaktionen sind ja einige Fotografinnen und Fotografen mit dabei
und dokumentieren.
Aber die meisten versuchen sich vor dem Grauen zu schützen und halten Abstand.
Lee geht mit ihrer Rolleiflex-Kamera ganz nah ran und macht Fotos, die sich ins Gehirn
brennen.
Lee macht diese Fotos, um die Deutschen zum Hinschauen zu zwingen und den Amerikanern
zu zeigen, dass sie das Richtige getan haben, als sie sich in den Krieg eingemischt haben.
Als der Krieg vorbei ist, kehrt Lee nach England zurück.
Ihr Lebensgefährte aus der Anfangszeit des Krieges, Roland Penrose, hatte seinen Wehrdienst
überlebt und die beiden nehmen den Faden da auf, wo er durch die Kriegsgeschehnisse
abgetrennt worden war.
Sie ziehen aufs Land, erst in ein Cottage, dann in eine Farm.
Roland Penrose hatte sich immer vorgestellt, wie es denn sein würde, als Farmer unabhängig
von anderen zu sein.
Hatte allerdings keinerlei Begabung oder Wissen in dem Bereich.
Außerdem ist er ja zunächst mal Galerist, Kunstsammler und Kurator und gibt diesen Beruf
auch nicht auf.
Und so wird aus der Farm weniger ein Agrarbetrieb, als eher eine Art Künstlerkolonie mit Menschen,
die außerdem noch wissen, wie man einen Garten anlegt.
Die beiden heiraten und 1947 wird der Sohn Anthony geboren.
Die zieht sich komplett aus dem Bildjournalismus zurück.
Sie fotografiert zwar hin und wieder, aber nicht mehr in offizieller Funktion.
Überhaupt hatten die Kriegsjahre tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.
Sie hatte schon immer eine Tendenz zur Depression und Schwierigkeiten mit Leistungsdruck umzugehen.
Beides bekämpfte sie oft mit Alkohol und Partys und in den ersten Jahren nach dem Krieg
wird es ein Strudel, der sie zu verschlingen droht.
Was hilft, ist ihr Freundeskreis.
Inklusive ihrer ehemaligen Liebhaber.
Man Ray oder Aziz kommen regelmäßig vorbei.
Pablo Picasso geht in dem Haushalt ein und aus.
Und immer wenn Besuch da ist oder wenn Lee eine Party schmeißen kann,
blüht Lee auf und zeigt ihr charmantes Gewinnendes selbst.
Und es ist diese Zeit, in der Lee ein weiteres Mal beschließt, sich neu zu erfinden
und eine neue Leidenschaft entdeckt, nämlich das Kochen.
Ab jetzt dokumentiert sie mit ihren Reisen keine Kriegshandlungen mehr
oder fotografiert mit künstlerischem Anspruch.
Ab jetzt sind ihre Reisen dafür da, neue Rezepte zu lernen, neue Zutaten kennenzulernen,
Kochbücher zu kaufen, Gerichte zu testen.
Sie beschäftigt sich mit ihrem Kräutergarten mit geradezu religiösem Eifer
und die vielen Besucherinnen und Besucher freuen sich über regelmäßige Gelage und originelle Speisepläne.
Als sie mit ihren eigenen Gerichten anfängt, an Wettbewerben teilzunehmen,
ist sie wieder auf Titelseiten zu sehen.
Diesmal als Köchin.
Und sie gewinnt Preise für ihre Gerichte.
Anthony und Lee haben in der Zeit eine komplizierte Beziehung.
Aber später schreibt er in der Biografie über seine berühmte Mutter,
dass es diese Zeit als Köchin war, die sie vor dem endgültigen Absinken in Alkoholismus und Depression bewahrt hat.
Als Erwachsenes selbst heiratet und mit seiner jungen Frau in die Nähe zieht,
normalisiert sich die Beziehung der Mutter und des Sohnes.
Es wird freundlich respektvoll.
Was aber beim Lesen der Biografie wirklich faszinierend ist,
er selbst kannte seine Mutter gar nicht als Fotografin.
Er kannte seine Mutter als seine Mutter und als Köchin.
Und so schreibt er, dass er völlig überrascht davon war, wie viele Leben seine Mutter gelebt hat.
Ein Leben als Supermodel, bekannt über die Grenzen New Yorks hinaus.
Ein Leben als surreale Künstlerin, die mit Man Ray zusammen,
einem der berühmtesten Vertreter des Genres, stilprägend war.
Ein Leben als Unternehmerin und Fotografin in der Werbebranche,
mit mehreren nacheinander gegründeten erfolgreichen Fotostudios.
Ein Leben als Kriegsreporterin und als Journalistin.
Eine Frau, die die ganze Welt ausführlich bereist hat und der ein Leben in Ägypten,
in Saus und Braus nicht genug war, sondern die dann regelrechte Expeditionen in die Wüste organisiert hat.
Eine Frau, die mit Picasso eng befreundet war und sechsmal von ihm gemalt wurde.
Eine Frau, die immer ihrem Herz und ihrer Leidenschaft folgte
und damit für viele andere, die ihr nachfolgten, auch den Weg freigeräumt hat.
Lee stirbt am 21. Juni 1977 an Krebs.
Ihre Asche wird über dem Kräutergarten der Farm ausgestreut.
Und die Farm existiert bis heute.
Ihr Sohn Anthony hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Nachlass zu verwalten.
Und die Farm und das Anwesen ist das Kernstück.
Sie ist umgeben von einem Skulpturengarten und enthält einige Räume, die im Originalzustand belassen wurden.
Hier lagert Lee’s komplettes Bildarchiv und die beeindruckende Kunstsammlung des Ehepaars.
Da gehören natürlich Werke von Picasso dazu, aber auch Bilder von Miró, Man Ray natürlich, Max Ernst und andere.
Was bleibt, ist die Geschichte einer faszinierenden Frau.
Einer Frau, der es offensichtlich nicht gereicht hat, sich mit nur einem Lebensweg zu begnügen.
[Musik]
FotoMenschen
[Musik]
Leute, was für ein Ritt.
Ich habe jetzt 17 Minuten lang versucht, den Überblick über Lee Millers Leben zu geben
und dabei viele, viele Anekdoten ausgelassen.
Ihr Sohn Anthony hat eine ganz großartige Biografie mit vielen Originalzitaten aus Briefen
und anderen Dokumenten zusammengestellt.
Und ich habe auf YouTube einen einstündigen Vortrag von ihm gefunden, der das zusammenfasst,
den ich euch natürlich wie immer verlinken werde.
Ihre Fotografie und ihre Texte sind faszinierend.
Die Geschichte ihrer Beziehungen, besonders die spektakuläre Beziehung, die sie mit Man Ray zusammen hatte
und deren gemeinsames Werk.
Jedes einzelne Kapitel dieses Lebens könnte Bücherregale füllen.
Und deswegen hier nochmal der Aufruf, surft doch bei FotoMenschen.net vorbei.
Ich packe in die Notizen zur Sendung, wie immer, Hinweise auf Startpunkte, also Artikel, Videos, Bücher etc.
Wer schon mal da ist, kann ja gerne einen Kommentar hinterlassen.
Ich freue mich immer über Rückmeldung.
Und wer mir auf Social Media folgen will, wird auf FotoMenschen.net auch da fündig.
Da sind die Links zum Twitter-Kanal, zum Mastodon-Kanal, zu meiner Pixel-Fat-Fotosammlung etc. etc.
Ich finde übrigens, von all diesen Kanälen ist vermutlich der Mastodon-Kanal der reichhaltigste,
aber wählt einfach selbst.
Ansonsten, wer jetzt mehr Lust auf Geschichts-Inhalte oder auf Wissenschaftsinhalte hat,
da noch in eigener Sache Hinweis auf die zwei Netzwerke, in denen der Foto-Menschen-Podcast auch mitgeht ist,
nämlich einmal geschichtspodcast.de und wissenschaftspodcast.de.
Da gibt es mehr großartigen Podcast-Content, als ihr hören könnt.
Auch diese Links natürlich in der Webseite.
Und jetzt bleibt gesund, passt auf euch auf, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

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Der Fotograf der Fotografen https://fotomenschen.kopfstim.me/der-fotograf-der-fotografen/ Sun, 24 Apr 2022 19:24:18 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Henri Cartier-Bresson wird von manchen als der größte Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet, einen Titel den er fast schon ärgerlich zurückweist… Er selbst sah sich nicht einmal als Fotograf.

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Titelbild: By Martine Franck / Magnum Photos / Fondation HCB – http://www.henricartierbresson.org/en/hcb/, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33722890

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Der fallende Mann https://fotomenschen.kopfstim.me/der-fallende-mann/ Sat, 11 Sep 2021 15:33:36 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 ist vermutlich der meistfotografierte Anschlag aller Zeiten und es gibt eine Unmenge ikonischer Aufnahmen dieses Tages. Aber ein Bild sticht heraus und war zur Zeit seiner Veröffentlichung so kontrovers dass es danach mehrere Jahre im Giftschrank der Presseagenturen verschwand.

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Transkript

Wenn ich gerade hier so sitze und in dieses Mikrofon spreche, sehe ich bequem das Display meines Telefons. Es zeigt mir das aktuelle Datum, es ist der 11. September 2021 – 20 Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Das Datum ist natürlich offensichtlich etwas Besonderes: Überall laufen gerade Dokus und die meisten von uns wissen ganz genau, wo sie waren, als sie von den Anschlägen erfahren haben. Ich bin da keine Ausnahme, ganz besonders deswegen nicht, weil ich näher an diesen Türmen war, als mir lieb war, ich war nämlich in Queens. In Sichtweite der zu dem Zeitpunkt schon brennenden Türme.

Aber ich verkneife mir jetzt mal, hier im Podcast darüber zu sprechen, was ich an dem Tag erlebt hab. Erstaunlicherweise habe ich auch keine Fotos davon in meinem Archiv. Ich habe nicht fotografiert. Stattdessen möchte ich allgemein über die Fotografie vom 11. September und speziell über ein ganz besonderes Bild sprechen: Eine Aufnahme, die so kontrovers war, dass sich Bildredakteure nach ihrer Veröffentlichung dafür entschuldigten und mehrere Jahre lang stillschweigend die Absprache trafen, dieses Bild nicht mehr einzusetzen.

[Einspieler]

(Tagesschau Intro)

„Kurz vor neun Uhr Ortszeit in New York: Ein US-Passagierflugzeug stürzt auf einen der Türme des World Trade Centers. Wenig später rast eine zweite Maschine in den anderen Turm. Beide Gebäude stürzen kurze Zeit später nacheinander in sich zusammen. Gegen zehn Uhr stürzt ein Flugzeug auf das Gelände des Pentagon in Washington. Das Verteidigungsministerium geht teilweise in Flammen auf.“

Ich kann jetzt natürlich eine Menge Plattitüden absondern. Ich kann erklären, wie diese Anschläge selbstverständlich die Welt verändert haben. Die größten Anschläge auf amerikanischem Boden. Die Amerikaner waren auf ihrem eigenen Grund und Boden angegriffen worden, das war etwas, das ihnen bis dahin komplett erspart geblieben war. Und die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Wir haben gar keine Schwierigkeiten, uns an das World Trade Center als Gebäude zu erinnern und wir haben natürlich Bilder von den rauchenden oder den einstürzenden Türmen vor Augen. Dann ist da natürlich noch diese Aufnahme von dem schräg stehenden metallischen Fassadenstück, vor dem die Feuerwehrleute wie kleine Miniaturfiguren aussehen. Es gibt Bilder von den rauchenden Türmen in der Skyline aus Entfernung oder Aufnahmen von Menschen, die vor den plötzlich durch die Straßen rauschenden dunklen Rauch- und Staubwolken davonrennen.

Ich glaube, man kann auch davon ausgehen, dass die Anschläge vom 11. September zu den best dokumentierten Anschlägen unserer Zeit gehören. Das liegt unter anderem auch an der Stadt, in der die stattfanden: New York. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt tobt in New York das Leben und zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist New York voll mit Pressefotografen und Journalisten, nicht zuletzt auch, weil die großen Fotoagenturen natürlich Büros und Hauptquartiere in dieser Stadt haben. Als das erste Flugzeug den ersten Tower trifft, greifen in der ganzen Stadt hunderte von professionellen Fotografinnen und Fotografen zu ihrem Equipment und stürmen auf die Straße, wenn sie nicht sowieso schon in Sichtweite auf die Anschläge sind.

Vor einigen Wochen kam hier bei mir ein Päckchen an. Ich hatte bei einer Aktion mitgemacht, bei der Holger Dankelmann, seines Zeichens Podcaster und Fotograf, Fotobildbände in einer Art Kettenbrief rumschickte. Die Idee war, ein Päckchen mit Bildbänden zu bekommen, dort dann einzelne Bücher rauszunehmen, dafür andere Bücher beizusteuern und es wieder zum nächsten Empfänger auf die Reise zu schicken. Als das Paket bei mir ankam, enthielt es unter anderem einen Bildband der Fotoagentur Magnum, in der die Magnumfotografinnen und -fotografen ihre Aufnahmen vom 11. September zusammengetragen hatten. Und dann waren natürlich noch Unmengen von Touristen in der Stadt, die auch alle fotografierten.

2001 war eine Zeit im Umbruch. Nicht alle fotografierten auf Film. Manche hatten schon digitale Kameras, zumindest, wenn sie Fotografen bei Bildagenturen wie Associated Press waren. Generell gab es aber noch beides: Film und Digital existierte nebeneinander. Der Fotograf Richard Drew war einer der Digitalpioniere. An diesem Morgen hatte er von Associated Press den Auftrag bekommen, im Rahmen der auch gerade stattfindenden Fashion Week ein Fashion-Event zu dokumentieren. 

Das Ganze hatte gerade angefangen, er hatte die ersten Fotos gemacht, als die Telefone anfingen zu klingeln und er von seinem Büro kontaktiert wurde, mit der Nachricht, es hätte einen Terroranschlag in der Stadt gegeben und es gäbe jetzt eine Änderung seiner Pläne, er soll nämlich los und die Ereignisse dokumentieren. Er nimmt also die Fashion Week Karte aus der Kamera, steckt die nächste Karte ein und macht sich auf den Weg zum World Trade Center.

Richard Drew war ein Veteran. Er war zu dem Zeitpunkt über 50 Jahre alt und man kannte ihn als einer von vier Fotografen, die bei der Ermordung Robert Kennedys zufällig fort gewesen waren. Er war außerdem Pulitzer-Preisträger und seit seinen 20ern immer als Pressefotograf unterwegs. So jemand fragt nicht, ob er etwas fotografieren soll, so jemand macht sich auf den Weg, um mit seiner Kamera History in the Making zu dokumentieren.

Ich habe verschiedene Interviews von Fotografinnen und Fotografen zu dem Ereignis gehört. Sie alle sagen in etwa dasselbe. Es sind nämlich Momente wie diese, für die sie Fotografinnen und Fotografen geworden sind. Ereignisse, die dokumentiert werden müssen, die geradezu danach schreien, dokumentiert zu werden. Da gibt es die, die sich auf die Menschen am Boden konzentrieren und die Emotionen und die Gefühle einfangen. Da gibt es diejenigen, die auf die Türme draufhalten oder die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit fotografieren.

Richard stellt fest, dass er sowieso schon sehr nah am Geschehen ist und macht sich auf den Weg Richtung Türme. Dabei fotografiert er alles, was ihm vor die Kamera kommt. Er schlängelt sich durch die Straßen Manhattans immer näher an das World Trade Center heran und vermeidet dabei besonders, die Einsatzkräfte zu blockieren oder in die Arme der Polizei zu laufen, aus Angst heraus, er könnte dann abgewiesen und weggeschickt werden. Und er kommt ziemlich nah an die Gebäude heran, er hat einen unverstellten Blick auf die Gebäude. Was ihm beinahe das Leben kostet, als der erste Turm anfängt, in sich zusammenzustürzen.

Es ist ein zufällig auch in der Nähe stehender Passant, der die Gefahr schneller erkennt als Richard, ihn packt und in eine Seitenstraße zieht. Richard läuft zunächst ein Stück weg vom Ort des Geschehens, aber nur, um in einem Bogen wieder an den Sicherheitskräften vorbei in die Nähe der Türme zu gehen. Er rechnet damit, dass auch der zweite Turm in sich zusammenstürzen wird.

Und er nimmt seinen Auftrag ernst. Er ist als Fotojournalist vor Ort und hat die Verpflichtung, die Ereignisse festzuhalten. Als Polizisten in seine Richtung laufen, versteckt er sich geistesgegenwärtig zwischen Büschen und läuft, kaum, dass sie an ihm vorbei waren, weiter Richtung Terroranschlag. Er ist so weit weg von den Türmen, dass er nicht sehen kann, was am Boden geschieht. Es ist mindestens eine Häuserfront zwischen ihm und dem Geschehen, aber er hat freien Blick auf die World Trade Center Türme.

Und da spielen sich schreckliche Szenen ab. Es gibt Videoaufnahmen und Fotografien von Menschen, die aus den Türmen springen oder herausgerissen werden, das weiß man nicht so genau. Durch die Brände, die in den Hochhäusern herrschen, mag es zum Teil stürmische Verhältnisse geben. Oder die Menschen werden von kleineren Explosionen und Druckwellen aus den Fenstern gedrückt. Manche sehen vielleicht auch die Ereignisse kommen und denken sich, dass ein selbstbestimmter Sprung besser ist, als abzuwarten, was passiert.

Richard fotografiert auch hier. Mit Serienbildaufnahmen. Und es ist eine solche Aufnahme aus einer Fotoreihe bestehend aus neun Bildern um 9:41 Uhr und 15 Sekunden, die bis heute als sein berühmtestes Bild gilt. Es ist eine ungewöhnlich ruhige Aufnahme. Sie zeigt die Fassade des World Trade Centers, gleichmäßige, nach oben ziehende Linien, und einen Menschen, der parallel zu ihr Richtung Boden fällt. Man sieht nicht den Boden, man sieht nicht, woher dieser Mensch kommt, man sieht, dass er erstaunlich ruhig zu sein scheint. Später gibt es Versuche, herauszufinden, wer dieser Mann war, und man glaubt, im Wesentlichen auf zwei mögliche Personen eingegrenzt zu haben, wer auf diesem Bild eventuell zu sehen ist.

Die Aufnahme wird von der New York Times auf Seite sieben gedruckt, andere große Tageszeitungen am nächsten Tag veröffentlichen vollflächige Abdrucke dieses Bildes auf der Rückseite ihrer Zeitungen. Und sie alle ernten einen Aufschrei der Empörung. Dieses Bild zeigt schließlich jemanden im Augenblick des Todes, jemanden, der fällt, jemanden, der dem sicheren Ende entgegenfällt, die letzten Sekunden. Es gibt das Gerücht, dass Menschen, die aus so großer Höhe abstürzen, während dem Sturz wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren oder sterben, aber das weiß niemand. Auch die Vorstellung, dass die Person eventuell selbstbestimmt gesprungen ist, ist kontrovers. Man hat ja zwei Personen als mögliche Identität identifiziert und einer davon stammt aus einer hochreligiösen Familie, einer Familie also, die es unvorstellbar findet, dass der Familienvater eventuell den Freitod gewählt haben soll. Eine Todsünde nach streng religiösen Ansichten.

Und der Aufschrei ist auch noch aus anderen Gründen wirklich seltsam. Wir reden hier immerhin von amerikanischem Bildjournalismus. Das sind dieselben Zeitungen, die überhaupt gar kein Problem damit haben, zerbombte Städte in anderen Ländern abzudrucken und durch deren Arbeit Bilder wie zum Beispiel das berühmte „Napalm Girl“ weltbekannt wurden. All diese Bilder sind selbstverständlich im allgemeinen Interesse. Kaum, dass das Bild aber jemanden zeigt, der eventuell ein Nachbar gewesen sein könnte, kaum, dass das Bild eine Aufnahme zeigt, in die sich die Betrachterinnen und Betrachter hineinversetzen können und sich die Frage stellen können, wie sie in einer ähnlichen Situation gehandelt hätten, kaum, dass es jemanden von uns zeigt, bricht das Bild angeblich mit ethischen Konventionen.

Und wenn man darüber nachdenkt, wird noch etwas anderes auffällig. Es gibt nämlich vom 11. September keine Bilder von Opfern. Direkt am Ort der Einsturzstelle wird das natürlich damit erklärt, dass die unter Tonnen von Material vergraben sind und zum Teil einfach auch nicht mehr sichtbar, aber das sind ja auch nicht die einzigen Opfer. Wir machen uns keine Vorstellung davon, wie viele Opfer es auch am Boden gegeben hat. Herabstürzende Bauteile, die in Autos eingeschlagen sind. Umstehende Gebäude, deren Fronten eingedrückt wurden. Menschen, denen Dinge während dem Chaos um diese Terrorstelle herum etwas zugestoßen ist. Und da ist es schon interessant, dass eine ganze Reihe professioneller Fotografinnen und Fotografen Ground Zero Fotos gemacht haben und trotzdem kaum entsprechend explizites Material zu sehen ist.

Aber es gibt diese Videos und es gibt dieses eine Bild, „The Falling Man“. Seit diesem Foto wird Richard Drew praktisch zu jedem größeren Jubiläum von 9/11 zu Interviews gebeten und er erzählt immer wieder, wie es zu diesem Bild kam. Die neun Fotos, die er gemacht hat, von denen acht chaotisch aussehen und dieses eine Bild zeigt jemanden in einer vermeintlich völlig ruhigen Position. Ein Foto, das die Menschen nachdenklich machte und aufwühlt und wegen seiner Einfachheit so beeindruckend ist.

Im 9/11 Memorial, der Gedenkstätte also, wurde dem fallenden Menschen ein eigener Raum gewidmet. Dort werden Fotos und Videos von ihnen gezeigt und um die zu sehen, muss man den Kopf in den Nacken legen, sodass man ähnlich steht, wie man gestanden hätte, wenn man diese Aufnahmen selbst gemacht hätte. Ein sehr eigentümliches Gefühl und ein Gedanke, der mich aufwühlt. Während ich mir ein völlig ruhiges und scheinbar gewaltloses Bild ansehe.

Die Bilddokumentation vom 11. September ist faszinierend, besonders, wenn man sie mit dem vergleicht, was wir von anderen Krisenherden und Kriegs- oder Terrorschauplätzen kennen. Da wird, finde ich, sehr schnell deutlich, dass in den meisten Krisen die Dokumentierenden, also die Fotografinnen und Fotografen, unbeteiligt sind. Und dass sich die Perspektive und die Fotografien dramatisch ändern, sobald die Menschen direkt betroffen sind. Vielleicht gilt das aber auch nur für die einzigartigen Umstände beim 11. September, bei dem die Leute nicht nur direkt betroffen waren, sondern auch die Umstände an sich ausgesprochen ungewöhnlich waren. Vielleicht stimmt ja, was Richard Drew in einem Interview gesagt hat, dass es deswegen so wenig Bilder von Opfern gab, weil es so wenig sichtbare Opfer gab.

Umso interessanter finde ich dann eben auch die Aufregung um dieses Bild, „The Falling Man“. Bis heute wird kontrovers diskutiert, ob das Bild überhaupt veröffentlicht werden sollte. Und es ist gerade wegen seiner Einfachheit auch ein aufwühlendes Bild. Aufwühlender als viele der ikonischen und manchmal auch viel dramatischeren Aufnahmen, die man sonst so vom 11. September 2001 sehen kann.

Interessant ist an dem Bild aber auch, dass es zwar von einem Profi gemacht wurde, aber im Grunde ohne bestimmte Planung. Er selbst sagt, er hat einfach draufgehalten. Er hat die Kamera in Richtung der Türme gehalten und der Rest passierte über die Serienbildfunktion seiner Kamera und den Zufall, durch den er ein Bild in genau dem richtigen Moment eingefangen hatte. Die acht anderen Bilder zeigen dieselbe Person, aber nie in einer derartigen Komposition. Nie so ruhig, nie so vermeintlich schwebend vor der Fassade, nie so in Einklang mit den stürzenden Linien. Er sagt in einem Interview, da war kein „Decisive Moment“ im Spiel. Wegen seinem Job war er vor Ort. Durch sein Training hat er seine Kamera benutzt. Aber nichts an dem, wie er die Kamera benutzt hat, war in irgendeiner Form besonders.

Und die Kontroverse, die sah er gelassen. Er war nie im Kreuzfeuer. Der Ärger richtete sich auf die Bildredakteure, die sein Bild für Zeitungen ausgewählt hatten. Und Richard sagt, er versteht das schon irgendwie. Die Tatsache, dass die Menschen sich selbst in diese Situation denken konnten, ändert einfach, wie sie diese Bilder wahrgenommen haben. Ich frage mich allerdings seitdem, ob sie das eigentlich sollten, ob wir da nicht ganz offensichtlich mit zweierlei Maß messen.

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Das ultimative Anti-Kriegs-Bild https://fotomenschen.kopfstim.me/das-ultimative-anti-kriegs-bild/ Sun, 13 Jun 2021 17:52:31 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Am 8. Juni 1972 macht Nick Út die Aufnahme „Terror of War“ die ihn zum jüngsten Gewinner des Pulitzerpreises in der Kategorie Pressefoto machen sollte. Wir kennen das Bild unter „Napalm Girl“ und schreiben ihm zu den Verlauf des Krieges geändert zu haben. Heute erzähle ich die Geschichte des Bilds und gehe der Frage nach ob die Zuschreibung eigentlich stimmt…

Das Episodenbild ist eine andere Aufnahme aus der Reihe Aufnahmen die an dem Tag entstand. Es zeigt den Moment des Einschlags und macht deutlich dass hier Reporter in militärischer Kleidung in zwei Reihen standen (die Personen die im Bild zu sehen sind waren Mitglieder des Presseteams vor Ort).

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Transkript

Je länger ich mich mit der Geschichte der Fotografie beschäftige, desto öfter kommt die Frage auf, ob Bilder die Welt verändern können. Erzählt ein Bild wirklich mehr, als 1000 Worte, wie das Sprichwort uns glauben machen will? Gilt das nicht mindestens für die berühmte Aufnahme, die Nick Ut am 08. Juni 1972 gemacht hat, die als Napalm Girl in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist? 

Eigentlich heißt das Bild Terror of War. Es ist Bild Nummer sieben auf einer von mehreren Filmrollen, die Nick Ut an dem Tag vollgeschossen hat. Nick Ut war vietnamesischer Reporter für associated Press. Sein Handwerk hatte ihm sein Bruder beigebracht, der siebte in seiner Familie. Deswegen glaubt Nick Ut bis heute, dass es ein letzter Gruß seines Bruders war. Der war wenig vorher im Einsatz ums Leben gekommen. Weil Nick die Fotografie von ihm gelernt hatte und durch ihn bei associated Press arbeitete, bat die Familie den damaligen Bildredakteur, Nick auf diese Stelle zu setzen. 

So wurde aus Nick ein Kriegsreporter, der im Einatz fotografierte. Das Bild zeigt eine Szene aus einem Krieg, von dem wir vermutlich ganz allgemein sehr verzerrte und sehr wenige Vorstellungen haben. Die Amerikaner hatten irgendwas damit zu tun. Es gab auch die Friedensbewegung, die dagegen war, dass Amerikanische Soldaten irgendwo in Asien Babys und Frauen mit Napalm töteten. So oder ähnlich ist es vermutlich im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben. Zurück von unserer kollektiven Erinnerung zu diesem Bild. 

Die Aufnahme, die von Nick Ut The Terror of War genannt wurde, kennen die meisten als Napalm Girl. Ich bin mir sicher, die meisten Hörer wissen sofort, welche Aufnahme gemeint ist. Es ist ein oft ikonisch genanntes Bild, da es so berühmt ist, dass es fast jede und jeder kennt und da ihm Macht zugesprochen wird. Es wird angenommen, dieses Bild habe die Welt verändert, den Verlauf des Vietnam Kriegs vielleicht beeinflusst. 

Die Aufnahme zeigt insgesamt neun Menschen, wovon fünf Kinder sind. im Zentrum sieht man besonders eindrücklich ein Mädchen, das sich komplett die Kleidung vom Leib gerissen hat und schreiend auf den Kameramann zuläuft. Es ist das damals neunjährige Mädchen Phan Thị Kim Phúc. Es hat sich die Kleidung vom Leib gerissen, da es durch den Napalm Angriff getroffen worden war und ihre Kleidung in Flammen stand. 65 Prozent ihrer Haut war verbrannt. Das sehen wir auf dem Bild nicht. Wir wissen nur, dass es Napalm Girl ist und können uns eins und eins zusammenrechnen. 

Durch den Rauch im Hintergrund, die vier männlichen Gestalten in militärischer Kleidung können wir uns erschließen, dass diese Szene in einem Krieg aufgenommen wurde. Der Junge vorne links im Bild schreit noch viel eindrücklicher, als das Mädchen. Als ich die Aufnahme letztlich anlässlich des Jubiläums durch Social Media laufen sah, habe ich im ersten Moment sofort an den Schrei von Munch gedacht. Man sieht im Gesicht existenzielle Angst und Schmerz und davon viel. Wir schauen uns diese Kinder an und können gar nicht anders, als mit ihnen mitzufühlen. Wir sehen diese Angst und den Schmerz und wollen helfen. 

Als Nick Ut diese Bilder nach erfolgter Entwicklung sieht, weiß er sofort, dass Bild sieben a auf seiner Rolle ein absoluter Treffer ist. Das ist die Aufnahme, die für diesen Angriff stehen wird und die auch sein Bildredakteur in Saigon sofort an die Firmenzentrale von associated Press schicken lässt. Es ist nicht genau die Aufnahme, sondern eine leicht zugeschnittene Fassung. Die Reporter, die an der Seite mit den Kindern mitlaufen sowie die Großmutter, die einen sterbenden Säugling auf dem Arm hält, lenken nur vom Hauptmotiv des Mädchens in der Mitte ab. 

Die Komposition ist wie sie im Endeffekt in den Medien landet viel mächtiger. Das Bild ist so wirkmächtig, dass fast alle führenden großen Zeitungen und Magazine dieses Bild für die Berichterstattung über den Stand im Vietnam Krieg benutzen. Interessanterweise müssen, je nachdem in welchen Ländern sie sind, manche davon dafür Sondergenehmigungen beantragen. Es ist ja ein nackter Mensch darauf abgebildet. Kurz wird ein bisschen daran herumretuschiert. Es gab einen Schatten, den man mit Schamhaar hätte verwechseln können. Der wurde aus dem Bild rausgebleicht. Mein Gott. Bomben, Tote, Gewalt sind gar kein Problem. Ih, da ist ein Schamhaar, wie unangemessen. Das Bild gibt dem Krieg ein Gesicht und entsetzt die Menschen. 

In diesem Jahr gewinnt Nick Ut für dieses Foto den Pulitzer Preis. Es ist das Pressefoto des Jahres. Wir wissen, wenn wir mit uns ehrlich sind auch, warum. Das Bild zeigt Kinder unter Schmerzen und Angst. Diejenigen von uns, die selber Kinder haben, schauen sich dieses Bild an und stellen sich vor, wie es so ihren eigenen Kindern furchtbarerweise gehen könnte. Das Mädchen ist nackt und sieht vollkommen hilflos aus, was durch ihre Nacktheit verstärkt wird. In der Fotografie gibt es zwei Sachen, auf die wir Menschen vorhersagbar anspringen. Das eine ist Nacktheit. Das andere ist Menschen in Gefahr oder unter Schmerzen. Dieses Foto kombiniert beides. 

Nick macht mehrere Aufnahmen von dem Mädchen, kümmert sich aber relativ schnell um sie. Er gibt ihr Wasser, kühlt ihren Körper, hilft den Kindern in einen Lieferwagen von associated Press und begleitet das Mädchen ins Krankenhaus. Dort soll er seinen Status als Reporter von associated Press klargemacht haben. Das Mädchen wäre so gut wie berühmt, da die Bilder um die Welt gehen werden. So wäre es im Interesse der Ärzte und Schwestern, sich ganz besonders gut um die Kleine zu kümmern. Am nächsten Tag landet das Bild ja auch in der Weltpresse. Man wusste damals sehr wohl, was gerade der Stand im Vietnam Krieg ist. Das wissen wir heute nicht mehr, weshalb man es fast verzeihen kann, dass die meisten Menschen glauben, dieses Bild zeige einen Angriff der Amerikaner auf Vietnamesen. 

Viele glauben, dieses Bild hätte für das Aufflammen der Friedensbewegung und das Ende des Vietnamkriegs gesorgt oder dazu beigetragen. Beides stimmt so nicht. Fangen wir mit dem ersten Mythos an. Wer hat da eigentlich gegen wen gekämpft? Also 1972 die Aufnahme in Südvietnam entsteht, sind die Amerikaner längst auf dem Rückzug aus Vietnam. Aus dem Vietnam Krieg, in dem die Amerikaner Kriegspartei sind, wird ein Krieg, in dem Südvietnamesen gegen Nordvietnamesen kämpfen. Genauso einen Angriff sehen wir auf diesem Bild. Es war dem Piloten auch nicht um das Dorf gegangen. Sie hatten eine außerhalb des Dorfes gelegene Befestigungsmauer angegriffen. Die Familie des Mädchens und die Kinder hatten aber beschlossen, von dem Dorf aus die Straße runter zu laufen und sie waren sozusagen zwischen die Angriffe geraten. Diese Angriffe waren der Grund, weshalb zwölf Reporter auf dieser Straße standen. 

Diese Erkenntnis kommt mir in letzter Zeit immer wieder. Obwohl Kriegsreporter öfters im Rudel arbeiten und eine Art organisierte Reise an die Front unternehmen, sehen wir sie in den Bildern doch sehr selten. Kriegsreporter sind gut darin, ihre Kollegen aus den Ausschnitten rauszunehmen. So ist es auch hier der Fall. So ein Bild erzählt ganz schnell eine andere Geschichte, wenn in diesem Pulk plötzlich lauter Männer mit Kameras rumlaufen, statt den Betroffenen zu helfen. Da werde zumindest ich ganz schnell zynisch. Es gibt einen kompletten Film aus dieser Szenerie. Jemand war mit einer Filmkamera da gestanden und hat einfach draufgehalten, während Menschen eigentlich Hilfe gebraucht hätten, alles im Dienste des Journalismus und der Berichterstattung. Ein Bild sagt mehr, als 1000 Worte. Fotografen versuchen aber trotz allem immer noch auszuwählen, welche Worte das sind. Wir sind da mit zwölf Presseleuten gestanden und haben Elend fotografiert gehört nicht zu den gerne ausgedrückten Worten. 

Der Mythos, das Bild zeige einen amerikanischen Angriff hält sich übrigens gerade in den USA sehr hartnäckig. Es geht so weit, dass es in den 90ern zu einer tränenreichen Entschuldigung eines Angriffspiloten im Vietnamkrieg vor laufender Kamera kam, der sich genau daran erinnern konnte, wie er diesen Angriff geflogen war und vor lauter Schuldgefühlen zum Glauben gefunden hat und jetzt als Missionar unterwegs ist und auf Gottes Gnade hofft. Wir wissen es heute wie gesagt besser. Die Amerikaner waren schon auf dem Rückzug. Das Bild hat nicht für den Rückzug und das Ende des Krieges gesorgt. 

Wenn überhaupt, war dieses Bild erstmal ein Propaganda Erfolg für die kommunistischen Nordvietnamesen. Die sahen es als Beweis für die Unmenschlichkeit der Südvietnamesen. Sie hatten sogar ihre eigenen Kinder und Frauen angegriffen, nur um eine verhältnismäßig unwichtige Stellung der Nordvietnamesen zu bombardieren. In den USA war dieses Bild erstmal Wasser auf die Mühlen einer sowieso schon laufenden Maschinerie. Die Amerikaner waren ein Jahr später aus diesem Krieg verschwunden. Der Krieg ging aber mit voller Kraft weiter. wenn überhaupt trug das Bild dazu bei, dass sich die Amerikaner weigerten, den Südvietnamesen auch nur die kleinste Hilfestellung zu geben. Das Bild hatte eindeutig Eindruck gemacht und vielleicht Entscheidungen, die für den Krieg von Bedeutung waren beeinflusst. Ob es aber immer gute Entscheidungen waren und ob es die waren, die wir heute diesem Bild zuschreiben, ist schwer zu beurteilen. Im Übrigen wusste das Mädchen erstmal gar nichts von der Aufnahme. Als sie 14 Monate später das Bild von ihrem Vater gezeigt bekommt, findet sie es furchtbar.

B: I totally avoid to look at my picture alone.

I: Bis heute vermeidet sie es, dieses Bild anzusehen, wenn sie allein ist.

B: My mouth, my eyes, my body. It is the worst moment of human being.

I: Es ist der schlimmste Moment ihres Lebens. Es ist der schlimmste Moment, den Menschen durchleben können, der auf diesem Bild festgehalten ist.

B: As a little girl I felt so embarrassed. Why was I naked and my brothers und cousin had clothes on?

I: Besonders als junges Mädchen war es ihr unangenehm, dass sie nackt war, während ihr Bruder und Cousins Kleidung anhatten. 

B: I just (?cry) there. I turned my head and saw four bombs landing like that. Fire was everywhere and the fire actually burned my clothes off. I was nine. I remember that I thought: Oh my goodness. I got burned, so I will be ugly and people will see me in a different way. Of course the moment on the picture on that day changed my life forever.

I: Sie erinnert sich, dass diese vier Bomben runterkamen, das Feuer ihr die Kleidung vom Leib gebrannt hatte. Sie machte sich als das kleine Mädchen, das sie damals war, Sorgen, ob sie jetzt nicht für ihr Leben lang hässlich sein würde. Man könnte das in dem Bild ja auch noch sehen. Mit erwachsenen Augen sieht sie das Bild inzwischen natürlich auch für seine Vorteile und die Macht, die es hat.

B: Now I know, I have a picture, which I am not embarrassed of like before. But it is not much to me.

IInzwischen hat sie geheiratet und ist nach Kanada ausgewandert. Nick Ut lebt übrigens in den USA. Die beiden haben sich seither auch viele Male getroffen. Sie weiß natürlich, dass ihr dieses Bild Aufmerksamkeit gibt und dass sie eine Antikriegsikone ist und es für den Willen steht, sowas nicht zu dulden. Es gibt trotzdem diverse Interviews mit ihr, wo sie sagt, sie habe sich mehr als nur einmal gewünscht, Nick Ut hätte dieses Bild nie gemacht und es wäre nie in unser aller Gedächtnis eingegangen. Sie weiß um die Möglichkeiten und nutzt die durch das Bild kommende Berühmtheit. 

Sie ist aber auch für ihr Leben definiert. Wir lassen ihr keine Wahl. Dieses Bild gehört inzwischen irgendwie uns. Die Frage stellte ich meiner Twitter Community, als zum Anlass des Jahrestags das Bild auf Twitter geteilt wurde. Das Bild gefühlt überall immer ohne die dazugehörige Geschichte zu sehen. An die erinnern wir uns, so glauben wir, ja schließlich. So maßen wir uns an, zu entscheiden, ob wir dieses Bild weiter teilen dürfen und wieviel Kontext wir dran hängen und wieviel Energie wir aufwenden, um uns selbst zu informieren. Irgendwie ist es ja Zeitgeschichte. 

So teilen wir Kriegsbilder, von denen wir nicht wissen, was sie zeigen, wer da drauf ist, in welchem Jahr es war. Wir schreiben ihm eine Macht zu, die es nicht einmal hatte, als die Ereignisse ganz frisch in aller Gedächtnis waren. Da lande ich immer. Ich will so gerne glauben, dass solche Fotos mächtig sind, kriege verhindern können, Menschen zur Vernunft bringen. Wenn ich dieses Bild sehe oder ähnlich wirkmächtige Bilder aus jüngerer Vergangenheit sehe, bleibt immer der fade Beigeschmack, dass sich die Ereignisse trotzdem kaum ändern. Es ist nur ein zusätzliches Foto in der Welt, von dem wir uns rausnehmen, es einfach zu teilen, egal ob die abgebildeten Menschen jemals zugestimmt haben. (Musik) Fotomenschen. 

Phan Thị Kim Phúc und Nick Ut sind beide Ikonen der Friedensbewegung und kämpfen für eine friedlichere Welt. Vielleicht ist schon das der Wert, den das Bild liefert. Es ist eine Ikone für den Frieden, ein Mahnmal, eine Erinnerung daran, dass Krieg immer auch die falschen trifft, falls es überhaupt richtige gibt. Ich lerne aus solchen Bildern, skeptisch zu bleiben, nicht mehr anzunehmen zu wissen, was mir eine Aufnahme zeigt und die Frage zu stellen, ob ich wirklich verstanden habe, wo dieses Bild entstanden ist, was es genau zeigt und was es mir warum versucht zu sagen und warum nichts anders. 

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte,. Wir vergessen immer wieder, dass wir als Betrachter die 1000 Worte auswählen, die wir hören wollen. 

Wer jetzt mehr über die Ereignisse erfahren möchte, findet in der Notizen zur Folge Links zu Interviews mit allen wichtigen Beteiligten, auf meine Quellen und unter anderem zu einem Artikel von Professor Gerhard Paul, der sich sehr ausführlich mit dem Bild sowie der Geschichte und der Art und Weise der Aufnahme des Bildes beschäftigt hat. Ich hätte den Artikel nicht ohne den Hinweis von Cornelia Stenschke gefunden. Vielen Dank auch dafür. Ich weise darauf hin, wer den Verdacht hat, in den Notizen zur Sendung im eigenen Podcatcher nicht alles zu sehen, findet auf Fotomenschen.net auf jeden Fall den ganzen Rest sowie komplette Transkripte vergangener Episoden. Wer mag, kann dort gerne einen Kommentar im Blog hinterlassen oder eine Rezension auf iTunes schreiben oder mit Auf Fotomenschen auf Twitter eine Nachricht schicken. Ich freue mich über jede Rückmeldung, Themenvorschläge, andere Hinweise oder nur einen lieben Gruß. Lieben Dank wieder fürs Zuhören. Bis bald.

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Leicht angeschmolzene Negative https://fotomenschen.kopfstim.me/leicht-angeschmolzene-negative/ Sat, 17 Apr 2021 13:45:42 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Robert Capa hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten Kriegsfotograf des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium. In dieser Folge geht es um sein Leben und darum warum die Geschichte seines berühmtesten Fotos so nicht gewesen sein kann.

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Transkript

Von Anfang an schicken mir meine Hörerinnen und Hörer für den Fotomenschenpodcast Themenvorschläge und manchmal sind das Vorschläge für berühmte Fotografinnen und Fotografen. Und ein Name kam da überdurchschnittlich oft.

[Einspieler]

(Robert Capa wird von mindestens 5 verschiedenen Stimmen gesagt)

Ja, oder eigentlich Endre Friedmann. Und der ist eine schillernde Figur. Ein Mann, der unser Verständnis davon, was Reportagefotografie und Kriegsfotografie sind, wie kaum ein anderer geprägt hat. Und warum das so ist und was auch vielleicht nicht ganz so ist, wie es immer erzählt wird, das will ich mir heute anschauen.

Wenige Fotografen sind so ikonisch wie Robert Capa. Und das hat natürlich eine ganze Reihe von Gründen. Ganz vorne ist da das Genre, das sich Robert gewählt hat. Er wurde bekannt für seine Kriegsfotografie. Das war längst nicht das einzige Genre, in dem Robert Capa unterwegs war, allerdings muss man zugeben: Für seine Reisereportagen oder die Fotostrecken über Kinder interessieren sich einfach wesentlich weniger Leute als für die berühmten Kriegsfotos aus dem Indochinakonflikt, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Spanischen Bürgerkrieg.

Dann kommt noch der Look, den Robert Capas Bilder haben. Er ist nicht der einzige, der diesen Look prägt, aber er ist einer der ersten. Und der Look ist von Technik getrieben. Die kleinen Messsucherkameras von Leica, Contax und anderen haben gerade ihre Blütezeit. Messsucherkameras im Vergleich zu allem, was man vorher hatte, sind klein, kompakt und können schnell und einfach überall hin mitgenommen werden. Und dadurch wird die Fotografie viel weniger geplant. Fotografie passiert jetzt. Im Geschehen. Und anders als mit den Kloppern, die Kameras vorher waren, sind die jetzt in Mode kommenden, kleinen Messsucherkameras so unauffällig, dass die Fotografierten oft gar nicht bemerken, dass sie festgehalten wurden.

Das ganze fällt zusammen mit dem Aufkommen von immer schneller belichtbarem Film. Und der Blütezeit der Fotomagazine. Life, Time, wie sie alle heißen. Diese Magazine spielen eine Rolle, die später das Fernsehen haben wird. Sie sind das Fenster in die Welt für die Menschen. Und so geben Bildmagazine Unsummen aus, um die besten Fotostrecken, die besten Bildessays drucken zu können.

Dritter technischer Baustein sind die verwendeten Objektive. Kleine Kameras verlangen nach kleinen Objektiven. Und deswegen sind die Objektive an Messsucherkameras eher weitwinklig. Und wer weit weg vom Geschehen ist, macht dann weniger eindrucksvolle Bilder. Robert Capa kann man alles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht nah genug herangegangen wäre. Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm, ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.

Und seinen Bildern sieht man diese Philosophie an. Robert Capa trug seine Messsucherkameras in Kriegsgebiete und machte dann Fotos aus der Nähe, mitten in Kriegshandlungen. Das sind Aufnahmen, wie man sie zum Teil damals nie gesehen hatte. Bilder, die intensiv, emotional und dynamisch sind. Die uns aufrütteln. Bis heute. Diese Art der Fotografie ist zu der Zeit Robert Capas Mode und zieht sich quer durch alle Genres. So zieht ein Henri Cartier-Bresson durch Paris und hält mit ganz ähnlichen Methoden die Absurditäten des Alltags fest.

Und dann ist die Berühmtheit Robert Capas natürlich auch noch ein Ergebnis von hervorragender Vermarktung. Und die Vermarktung nahm Robert Capa selbst in die Hand. 1947 gründet er zusammen mit 6 anderen Fotografinnen und Fotografen die ikonische Pressebildargentur Magnum Photos und macht damit einige der talentiertesten Fotografinnen und Fotografen der damaligen Zeit unabhängig von den großen Bildmagazinen. Besagter Henri Cartier-Bresson ist zum Beispiel eines der Gründungsmitglieder und Robert Capa wird später auch Director von Magnum Photos sein und damit alle Hebel in der Hand halten, um sein eigenes Image in der Öffentlichkeit auszugestalten. Ungewöhnlich mutig, außerhalb der Fotografie allerdings wenig diszipliniert, ein bisschen augenzwinkernd, gerne mal einen über den Durst trinkend, spontan draufgängerisch, also genau die Art Mann, die sich spontan und freiwillig zu Kriegseinsätzen meldet, um der Welt Fotos über diese Erfahrung zu schicken.

Über diesen Mythos ist der echte Robert Capa kaum noch wiederzuerkennen. Und das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch alles Biografische, was über Robert Capa bekannt ist, aus seiner eigenen Feder oder von Mitgliedern der von seiner eigenen Familie gegründeten Stiftungen und Unternehmen stammt. Man muss also oft seine Bilder für sich sprechen lassen und das sind dann dynamische Aufnahmen mit großartigem Gespür für Komposition, einem Anspruch für Authentizität und dem Bedürfnis, Menschen darzustellen.

Robert Capa kommt als Endre Friedmann 1918 in Ungarn auf die Welt. Endre ist politisch sensibel und als Aktivist an politischen Protesten in Ungarn beteiligt und muss deswegen im Sommer 1931 das Land verlassen. In Berlin will er Journalismus studieren und bessert sich seine Finanzen bei der Bildagentur Dephot als Assistent auf. Dort lernt er das Handwerk, das er dann als er nochmal, diesmal vor dem Hitlerregime fliehen muss, in Paris zum Einsatz bringt, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Paris ist zu der Zeit ein Schmelztiegel der Intelligenzija. In Europa wird damals aus Sicht der Intellektuellen der Welt ein großer Kampf ausgetragen, Faschismus gegen Freiheit, und so kommen Aktivisten, Journalisten und Künstler von überall her nach Europa. In Paris kennt Endre dann Gerta Pohorylle kennen. Auch sie ist Flüchtling aus Deutschland und versucht, sich in Paris mit Schreibarbeiten und Vermittlungsarbeiten über Wasser zu halten. Die beiden haben einen überlappenden Freundeskreis und durch ihre Arbeit bei einer Bildagentur kann Gerta Endre helfen, Aufträge zu ergattern. Die beiden werden ein Paar und Endre bringt Gerta bei, zu fotografieren.

Die Pariser der 30er Jahre sind nicht gerade begeistert von so vielen Fremden in der Stadt und Gerta und Endre merken das an den Preisen, die sie erzielen können. Und so hat Gerta eine Idee. Sie schlägt vor, in Zukunft die Fotografie der beiden unter einem Künstlernamen zu vermarkten. Sie würde als Agentin des berühmten amerikanischen Fotografen Robert Capa auftreten. Und die beiden sind hochgradig erfolgreich.

Schon der Anfang Robert Capas Karriere ist also ein einziger Mythos. Eine große Geschichte mit einer großen, tragischen Liebe. In Folge 7 mit dem Titel „Die kleine Blonde“ habe ich diese Geschichte schon mal etwas ausführlicher erzählt. Sie endet leider damit, dass Gerta bei den Kriegshandlungen, die sie dokumentiert, ums Leben kommt. Und wer weiß, welchen Weg Robert eingeschlagen hätte, wenn das nicht passiert wäre.

Aus dieser Zeit, dem Spanischen Bürgerkrieg, gibt es ein Foto, das heute in Rückschau eines der berühmtesten Bilder von Robert Capa ist. Der gefallene Soldat. Es zeigt angeblich einen Soldaten in dem Augenblick, in dem eine Kugel sein Herz trifft. Und schon um dieses Bild dreht sich eine Kontroverse. Es ist nicht klar, ob es überhaupt den Tod eines Soldaten zeigt, ob es nicht bei einer Übung statt in Kampfhandlung aufgenommen wurde und auch der Ort, an dem es angeblich gemacht wurde, wurde immer wieder mal infrage gestellt und obendrein gibt es auch noch Menschen, die Zweifel anmelden, ob dieses Bild nicht eigentlich von jemand anders als Robert gemacht wurde.

Für mich spielt das alles eigentlich gar keine Rolle. Denn die Tatsache bleibt, dass dieses Bild bis heute die Menschen beschäftigt, bis heute die Gemüter erhitzt. Und es einen Krieg vermenschlicht, der bis dahin sehr abstrakt und weit entfernt war.

Am Ende des spanischen Bürgerkriegs ist Robert Capa ein berühmter Kriegsfotograf. Aber Kriege ist nicht das einzige, das er fotografiert. Zwar zieht er erstmal vom spanischen Bürgerkrieg weiter nach China, wo die Japaner gerade damit beschäftigt sind, das Reich zu überfallen, aber er macht auch eine Reportage über Waisenkinder, eine andere über die Tour de France und eine Reihe von Fotoessays über die Arbeiterklasse in Belgien.

Inzwischen hat es ihn nach England verschlagen. Dort arbeitet er als Korrespondent für Life Magazine und für diverse andere große Publikationen. Und da ist er auch, als die Alliierten endgültig in den Zweiten Weltkrieg eintreten. D-Day. Die berühmte Landung an der Normandie. Life Magazine schickt den damals berühmtesten Kriegsfotografen seiner Zeit los, Robert Capa. Vielleicht hat er sich auch freiwillig gemeldet. Sicher ist: Wer da die ersten Fotos liefern kann, hat es geschafft. Der Strand, an dem die Truppen landen würden, trug den Codenamen „Omaha Beach“ und die Deutschen erwarteten diesen Angriff. Sie hatten den gesamten Küstenabschnitt befestigt. Überall waren Bunker, im Wasser waren riesige Stahlungetüme, um zu verhindern, dass man direkt anlanden konnte, das ganze Ding war eine Todesfalle.

Robert Capa hatte mindestens zwei, wahrscheinlich sogar mehr Kameras dabei. Er landete mit den Truppen an. In einem der ganz regulären Truppentransporter. Und für die Geschehnisse, die ich jetzt gleich kurz beschreiben werde, gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: Nämlich einmal Robert Capa selbst, der 1947 eine kurze Biografie namens „Slightly out of focus“ herausgibt und da drin eben genau diesen Tag beschreibt und John Morris, der als Bildeditor bei Life an diesem Tag dafür zuständig ist, die Bilder von Robert Capa entgegenzunehmen, zu entwickeln und von London in die USA zu schicken, damit sie in der nächsten Ausgabe von Life Magazine zusammen mit einer Reportage erscheinen können.

Es ist der 6. Juni 1944. Das Wetter ist nicht ideal, sagen wir mal so. Es herrscht hoher Seegang und macht die Anlandung der Truppen zusätzlich schwer. Wer den Film „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat und dort die Einstiegsszene, der kann sich wahrscheinlich ganz gut vorstellen, wie das gewesen sein muss. Die alliierten Truppen dringen so weit sie können an den Strandabschnitt vor, während im Hinterland ein Luftangriff für Verwirrung sorgen soll. Je nachdem, an welchem Strandabschnitt man da in dieser ersten Welle landet, hat man mit viel oder mit sehr viel Gegenfeuer zu kämpfen. Und die ersten Soldaten, die es nach vorne schaffen, haben einen Auftrag, nämlich die Stahlbarrieren wegzusprengen, die da im Weg liegen.

Robert Capa ist bei dieser allerersten Welle mit dabei. Kurz, bevor sich das Tor zum Strand öffnet, befreit er seine Contax 2 Kameras von ihrem Wasserschutz und fängt an, Fotos zu machen. Das Tor öffnet sich und er fotografiert darauf los. Ein hinter ihm stehender Soldat vermutet in ihm einen Kameraden mit plötzlicher Panikattacke und stößt ihn beherzt ins Wasser. Robert Capa schafft aber, seine Kamera über Wasser zu halten und ans Ufer zu kommen, wobei er immer wieder fotografiert. Zusammen mit einigen anderen nimmt er Deckung. Er knipst von beiden Kameras beide Filme voll. Als er seine Kamera nachladen will, zittern seine Hände so stark, dass er dazu nicht in der Lage ist und er macht sich auf den Weg zu dem Schiff, das ihn wieder zurückbringen soll.

90 Minuten wird er an dem Strand verbracht haben und auf dem Weg zurück entstehen Aufnahmen von Sanitätern, die verwundete Soldaten versorgen.

Wieder in London müssen die Fotos so schnell wie möglich ins Büro von Life Magazine kommen. Capa schickt 4 Rollen Film los an das Büro von Life in London. Der Bildeditor John Morris kaut sich schon die Nägel nach diesen Bildern ab. Die Welt wartet auf die Reportage mit den Fotos von der Landung in der Normandie. Und die Zeit drängte, denn die Bilder konnten nicht in London bleiben, sondern mussten noch in die USA verschickt werden. Der Kurier braucht so ein bisschen und so wird es 6 Uhr abends, bevor die Filme im Labor ankommen.

John Morris macht Druck. Er muss die Bilder ja auch noch sehen und auswählen, er möchte Kontaktabzuge haben, das Labor soll sich beeilen. Er selbst erzählt das so:

[Einspieler]

„So I told the dark room to rush, rush development so can have contacts for editing.“

Er hat Stress gemacht. Schnell solls gehen.

[Einspieler]

„A few minutes later, an almost hysterical young lad named Dennis Banks came rushing into my office, saying: ‚John, the films are ruined!'“

Wenige Minuten später stürmt ein praktisch hysterischer Laborassistent namens Dennis Banks in John Morris Büro und schreit: „Die Filme sind ruiniert! Sie sind ruiniert!“

[Einspieler]

„I said, ‚what do you mean‘, he said, you were in such a hurry that I put them in the locker to dry, which was normal, but closed the doors and there was too much heat and the emultion ran“

Die Filme wären zum Trocknen in ein Trockengerät gepackt worden, sagt er, und er hatte die Tür geschlossen, versehentlich, und die Hitze war zu hoch eingestellt und daraufhin sind die Filme geschmolzen. Morris stürmt los. Die vielleicht wichtigsten Fotos seiner Karriere ruiniert? Er findet noch eine Rolle mit verwertbaren Fotos. 11 Bilder sind da drauf. Und diese Bilder sind dann die Bilder, die Life Magazine dann später drucken wird. Bilder, die wegen der Hitze etwas verwaschen und körniger aussehen und deswegen, da ist sich irgendwie jeder einig, auch dynamischer wirken.

Es sei ja ein Zettel mit dabei gewesen mit ein paar Notizen für die Aufnahmen und die sind dann die Grundlage für das Life Magazine, entsprechende Bildunterschriften zu drucken. Da ist ein Bild, in dem sich Soldaten vor feindlichem Feuer hinter den Stahlbarrikaden verbarrikadieren. Oder ein anderes Bild, in dem man einen Soldaten ans Ufer schwimmen sieht. Alle sind sich einig, dass Robert Capa unglaublichen Mut bewiesen hat, indem er vor diesen Soldaten geschwommen ist, um dieses Bild zu machen und schnell ist auch der Soldat identifiziert, der da drauf angeblich zu sehen ist.

Und ist das nicht eine großartige Geschichte? Das ist ziemlich genau die Geschichte, wie ich sie bisher immer wieder gehört und gelesen habe. Ich habe mir hier mal den Spaß gegönnt, loszuziehen und alle Bücher zusammenzutragen, in denen Fotos von der Normandie zusammen mit dieser Geschichte abgedruckt sind. Und ich habe inzwischen 6 Versionen von dieser Geschichte hier in meiner kleinen Minibibliothek gefunden. Plus die Variante von Robert Capa selbst in „Slightly out of Focus“, die ich als Hörbuch habe und die Interviews von John Morris. Hammer. Nur sehr wahrscheinlich so nicht ganz richtig.

Über 70 Jahre lang wird diese Geschichte so erzählt. Und nie ist jemandem etwas sehr offensichtliches aufgefallen: Wie viel Hitze eigentlich notwendig ist, um Filme zu schmelzen. Aber bevor wir dazu kommen; fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wie viele Ungereimtheiten tauchen in dieser Geschichte auf, wenn man sie sich genau anschaut?

Der Fotograf, Autor und Journalist A. D. Coleman hat sich vorgenommen, diesen Mythos mal auf Herz und Nieren zu prüfen und hat darüber eine ganze Reihe an Artikeln geschrieben. Es fängt damit an, dass er die Beobachtung aufstellt, dass diese Geschichte ausschließlich von Leuten erzählt wird, die keine Dunkelkammererfahrung haben. Es stellen sich nämlich ein paar Fragen. Das geht schon damit los, dass John Morris behauptet, dass die gesamte Entwicklung- und Trockenaktion wenige Minuten gedauert hätte. Es geht aber dann mit dem angeblichen Unfall gleich weiter. Da sei es ja so gewesen, dass diese Trockenkammer aus Versehen geschlossen worden sei und dann zu heiß wurde, da tauchen mehrere Fragen auf:

Frage Nummer eins: Ja, solche Kammern sind eigentlich immer geschlossen, weil Filme, die feucht sind, Staub anziehen. Und genau das gilt es zu verhindern. Und dann ist es auch so, dass diese Kammern jetzt nicht gerade astronomisch heiß werden, denn es geht ja nur darum, Feuchtigkeit zu trocknen. Da ist keine Herdplatte darin. Ich habe hier übrigens obendrein noch ein kleines Experiment gemacht und Kodakfilm auch eine glühende Herdplatte gelegt und ich kann sagen: Die angeblich so behandelten Filme, die ja dann gar kein Bild mehr gezeigt haben sollen, na ja, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Weil Film schmilzt zwar und verzieht sich auch, aber ich konnte hier auf meinen Negativen nach wie vor Bilder sehen. Und zwar ordentlich. Gut, in den 40er Jahren waren die Filme vielleicht anfälliger, was weiß denn ich, aber ich glaube auch, dass meine Ceranherdplatte etwas heißer ist als das Heizelement, das üblicherweise zum Trocknen von feuchtem Film verwendet wird. Also wie heiß soll das denn bitte da drin gewesen sein, dass in wenigen Minuten 4 Rollen Film ruiniert sind?

An anderer Stelle wird dann auch gesagt, dass die Emulsion sich zusammengezogen hätte und deswegen sieht man an den Negativen, dass die Stanzungen mit in den belichteten Teil hereinragen. Das wäre so ein Beweis für die Hitze, die da gewirkt hat. Stimmt auch nicht. Kontakts 2 Kameras waren dafür bekannt, dass die ausgeleuchtete Kammer etwas in den Rand hineinragte, das heißt, Fotos, die mit diesen Kameras gemacht wurden, sahen eigentlich immer so aus.

Von da ausgehend stellte sich Coleman die Frage, was eigentlich noch seltsam an dieser Geschichte sein könnte. Und da tauchen auch mehrere Dinge auf. Die erste Frage, die einem in den Sinn kommt, ist: Warum genau wurden die Filme eigentlich per Kurier verschickt? Wenn Robert Capa doch nach London zurückkehrte, warum hat er diese Filme nicht selbst zum Entwickeln gebracht? Und wie kann es eigentlich sein, dass es Filme von vor der Landung und nach der Landung gibt, die völlig unproblematisch entwickelt worden waren? Nur die Rollen von der Landung selbst sollen ein Problem gehabt haben?

Und mit diesen Fragen im Kopf hat sich dann Coleman mit den Fotos näher auseinandergesetzt und versucht, den Ort zu identifizieren, an dem Robert Capa an Land gegangen ist. Seiner eigenen Schilderungen nach ist er praktisch mitten im Kampfgeschehen angelandet, gleich um 6:30. Und das kann nach Coleman eigentlich nicht sein. Es gibt mindestens ein Bild, auf dem kann man anhand sichtbarer Erkennungsmarken identifizieren, wer auf dem Foto abgebildet ist. Und die Soldaten, die dort abgebildet sind, sind weder um 6:30 angelandet, noch war es der hart umkämpfte Strandabschnitt, den Robert Capa angeblich besucht haben will. Stattdessen war es ein eher ruhiger Abschnitt. Also, ruhiger, nicht unbedingt ungefährlich, aber doch nicht so hart umkämpft wie die anderen Bereiche. Und die Leute, die angeblich laut Life Magazine Bildunterschrift hinter einem Stahlgerüst in Deckung gehen, sind auch keine Soldaten, die dort in Deckung gehen, sondern Soldaten mit dem Auftrag, diese Stahlgerüste wegzusprengen, das heißt, die sind da absichtlich und bringen Sprengladungen an. Damit ist natürlich auch der einzelne Soldat, den Robert Capa in dem berühmtesten dieser 11 Fotos aufgenommen hat und von dem man glaubte, zu wissen, wer es ist, jemand ganz anderes gewesen.

Fassen wir also zusammen: Es sieht so aus, als wäre Robert Capa später als angegeben und an einer anderen Stelle als behauptet zur action an Omaha Beach zugestoßen. Da war die erste Welle schon vorbei. Da waren die größten Kampfhandlungen wahrscheinlich schon erledigt. Und obendrein war es ein Stück vom Strand, an dem weniger Gegenfeuer zu erwarten war. Den Dunkelkammerunfall hat es womöglich so nie gegeben.

Stellt sich nur die Frage, warum John Morris das denn behauptet, da hilft es, zu wissen, dass John Morris selber eigentlich keine Ahnung hat, was so ein Fotolabor alles macht. Also entweder ist irgendein Unfall passiert und er gibt es falsch wieder, oder womöglich hat Robert Capa nie 4 Rollen Film produziert, sondern einfach nur 10 Mal abgedrückt und danach in Panik das Schiff zurückgenommen und deswegen hat John Morris einen Mythos erfunden. Vielleicht war es auch ganz anders. Die Unternehmen aber, die an dem Mythos, dem Ruhm und natürlich auch dem finanziellen Wert des Mythos Robert Capa arbeite, also Magnum Photos oder auch das international Center of Photography oder die Capa Stiftung, die haben alle kein Interesse daran, dabei zu helfen, diese Fragen abschließend aufzuklären. Denn dieser Mythos wird jedes Mal, wenn D-Day in ein rundes Jubiläum geht, aufs neue wieder und wieder erzählt.

Und diese Bilder sind eindrücklich. Und ähnlich wie vorhin bei dem Bild des gefallenen spanischen Soldaten denke ich mir auch hier: Es ist eigentlich egal. Klar, mit journalistischer oder dokumentarischer Ethik hat diese Anekdote wahrscheinlich nicht viel zu tun. Aber die Wahrheit ist: Diese Soldaten, die in diesen Aufnahmen gezeigt werden, haben ihr Leben an Omaha Beach riskiert. Capa hat sein Leben dort riskiert, auch wenn er es vielleicht nicht ganz so sehr riskiert hat, wie der Mythos uns glauben machen will.

Die Bilder sind eindrücklich, auch heute noch. Sie sind übrigens auch unscharf. Nehmt das, ihr Schärfefanatiker da draußen! Und ob die Unschärfe nun, wie er selbst in seiner Biografie schreibt, durch seine zitternden Hände zustande gekommen ist oder durch einen Laborunfall, ist doch eigentlich auch völlig egal.

Was bleibt, ist allerdings trotzdem die Feststellung: An Robert Capa ist praktisch nichts echt. Der Name ist erfunden, der Spanische Soldat kommt mit einer Menge Fragezeichen daher, die D-Day Fotos sind anders entstanden, als uns erzählt wird und für mich werfen sich damit Fragen auf, wie wer war Robert Capa eigentlich wirklich und wie oft schauen wir uns Bilder an, von denen wir glauben, zu wissen, was sie zeigen, die mit der Wirklichkeit nicht ganz so viel zu tun haben, oder anders formuliert: Was schauen wir uns beim Blick auf die Fotos vom D-Day an? Unsere eigenen Überzeugungen, Robert Capas Bildgestaltung oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Robert Capas Werk ist sehr real. Es sind großartige Aufnahmen aus den verschiedensten Kontexten und er ist für mich ein gutes Beispiel, wie Fotografinnen und Fotografen manchmal auf ein oder zwei Dinge reduziert werden.

Nach dem Krieg wird Robert Capa amerikanischer Staatsbürger. 1947 kommen seine Kriegsmemoiren „Slightly out of focus“, eine Anspielung auf die zitternden Hände, die seiner Aussage nach für die Unschärfe in den D-Day Fotos verantwortlich war, auf den Markt und wird ein Bestseller. Er gründet Magnum Photos und lässt es erstmal etwas ruhiger angehen. Reisebücher, Sozialreportagen und dazwischen immer wieder wichtige Fotoessays. Er besucht Israel, wo er die dortige Unabhängigkeitsbewegung und dann die Flüchtlingsströme dokumentiert.

Er ist in Japan, um dort eine Reportage über Kinder zu machen, als ihm von Life Magazine ein Auftrag angetragen wird: Er soll einspringen. Ein Fotograf war ausgefallen, der in Indochina den dort herrschenden Krieg dokumentieren sollte und Capa wurde gefragt, ob er nicht dafür verfügbar wäre. Es ist sein letztes Assignment. Bei dem Versuch, eine Gruppe Soldaten beim Vormarsch zu fotografieren, tritt er auf eine Landmine.

Das war nun also meine Folge zu den D-Day Fotos von Robert Capa. Und in vielerlei Hinsicht ist diese Episode eine Art Fortsetzung von Folge 7, „Die kleine Blonde“, in der ich die Geschichte von Gerda Taro erzählt habe, ohne die uns der Name Robert Capa nie untergekommen wäre. Der Mann ist ein Mythos und die Figur, die wir mit Robert Capa verbinden, existiert so nicht. Und die Geschichten, die an seinen Bildern hängen, zum Teil auch nicht. 

Was bleibt, ist ein Bildstil, den Robert Capa geprägt hat. Eine Branche, die er nicht zuletzt durch die Gründung von Magnum Photos uneinholbar verändert hat. Politische Bewegungen, die er zum Teil mit seinen fantastischen Fotografien ausgelöst hat. Und ein Talent für Fotos, die uns bis heute berühren können. „Ist es nicht gut genug, bist du nicht nah genug dran“. Das ist das berühmte Zitat von ihm. An ihn selbst kommt man allerdings nur sehr sehr schwer. 

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Feuerball und Bleiballon https://fotomenschen.kopfstim.me/feuerball-und-bleiballon/ Sat, 27 Feb 2021 20:00:11 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Der Absturz der Hindenburg markiert das Ende der Passagierluftschifffahrt und die erste Live-Berichterstattung direkt von einem Katastrophenschauplatz. Das Foto das der Fotograf Sam Shere an jenem Tag aus der Hüfte schoss ging ins kollektive Gedächtnis der Menschheit ein und wurde die Vorlage für eines der meistverkauften Rockalbumcovers aller Zeiten.

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Transkript

Bei berühmten Fotos stellt sich immer die Frage „Warum sind die eigentlich so berühmt?“. Manchmal ist es der ikonische Moment, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat und durch das Foto eigentlich nur noch festgehalten wird. Manchmal ist es aber auch Popkultur, die Schuld daran ist, dass wir ein Ereignis nicht vergessen. Manchmal ist es beides. Und so einen Fall haben wir heute.

Es ist der 4. Mai 1937 als sich das Luftschiff mit der Kennung LZ 129 majestätisch in Frankfurt in die Höhe hebt. LZ steht für Luftschiff Zeppelin, benannt nach dem Erfinder des Konstruktionsprinzips Graf Ferdinand von Zeppelin. Und LZ 129 ist der Stolz der deutschen Luftfahrt und das modernste und größte Zeppelin der Welt. War es am Boden vertäut, war es knapp 45 Meter hoch und 269 Meter lang. Und damit war LZ 129 fast genauso groß wie die Titanic. Benannt hatte man LZ 129 nach dem 1934 verstorbenen Paul von Hindenburg, dem einzigen, je durch Direktwahl gewählten deutschen Staatsoberhaupt. Und an jenem 4. Mai 1937 brach sie zu ihrer 56. Reise auf. Das Ziel waren die USA.

Die Hindenburg war Teil der deutschen Luftfahrtflotte und Verbindungen in die Vereinigten Staaten gehörten mit zum Angebot. Wollte man in die USA reisen, musste man damals noch meist mit einer Schiffsverbindung vorliebnehmen. Konnte man es sich aber leisten, war es möglich mit einer Luftschifffahrt deutlich Zeit zu sparen und mit wesentlich mehr Komfort zu reisen. 400 Dollar oder ungefähr 1000 Reichsmark kostete die einfache Strecke damals. Das sind umgerechnet auf heutige Verhältnisse in etwa 7000 Euro. Dafür reiste man allerdings auch mit allem Komfort. Passagiere hatten abgetrennte Schlafkabinen, mehrmals am Tag wurden warme Mahlzeiten serviert, es gab einen Lese- und einen Raucherraum. Reisegeschwindigkeit war ungefähr hundert km/h und man fuhr in etwa in 200 Metern Höhe majestätisch über die Landschaft. Und Zeppeline wie die Hindenburg wurden offen bewundert. Deutschland war Vorreiter in dieser Technologie. Im ersten Weltkrieg hatte man Zeppeline sogar für Luftangriffe eingesetzt, hatte sich dann aber vollständig auf zivile Anwendungsfälle konzentriert. S

o hatte die Hindenburg an jenem 4. Mai nicht nur 72 Passagiere an Bord, sondern auch noch ein Auto, für jeden Passagier ungefähr 20 Kilo Gepäck und mehrere, über anderen deutschen Hauptstädten abzuwerfende Postpakete. Aber die Zeppeline der Deutschen wurden nicht nur wegen ihrer Größe und wegen ihrer Transportfähigkeiten bewundert, sondern auch deswegen, weil die Luftschifffahrt als hoch gefährlich galt. Um nämlich überhaupt aufsteigen zu können, wurden Luftschiffe mit Gas gefüllt. Gas, das leichter als Luft war. Zwei Gase kamen ganz besonders in Frage. Einmal Wasserstoff und zum zweiten Helium. Während man Wasserstoff einfach herstellen konnte war die Produktion von Helium aufwendig. Zu dieser Zeit hatten schon die USA praktisch ein Monopol auf die Fähigkeit, Helium in großen Mengen zu produzieren. Und weil Helium eben zum Beispiel für die Luftschifffahrt so kritisch und wichtig war, hatten die USA beschlossen, Helium mit einem Exportverbot zu belegen. Aus diesem Grund wurden die Luftschiffe der Italiener, Franzosen und Deutschen mit Wasserstoff betrieben. Aber Wasserstoff ist hochexplosiv. Alle hatten deswegen auch schon schwere Luftfahrtunglücke gesehen. Nur die Deutschen schienen überlegene Konstruktionsprinzipien zu haben. Die Konstrukteure der Zeppeline waren sich ihrer Sache sicher. Wasserstoff war zwar hoch gefährlich, wenn man aber die richtigen Vorsichtsmaßnahmen ergriff war das Risiko beherrschbar. Man glaubte fest daran, dass Luftschiffe die Zukunft des interkontinentalen Verkehrs darstellten.

Lufthäfen wurden gebaut und Großstädte wie zum Beispiel New York bereiteten sich darauf vor, an Luftschiffnetze angeschlossen zu werden. So hatte zum Beispiel das berühmte Empire State Building keine Antenne auf dem Dach, sondern einen Mast, um Luftschiffen das Andocken zu ermöglichen. Starten, landen und andocken war allerdings nicht trivial bei den Dingern, denn die waren doch recht anfällig für Seitenwinde. Außerdem brauchte es eine ganze Menge Personal, um ein Zeppelin nach unten zu ziehen und vertäuen zu können. Wollte ein Luftschiff wie die Hindenburg landen, brauchte es am Boden um die 150 Mann Personal. Ankerseile wurden abgeworfen und Gas wurde abgelassen, um das Schiff nach und nach schwerer werden zu lassen. Vor allen Dingen war es wichtig, dass man die Vorder- und die Rückseite unter Kontrolle bekam, um zu verhindern, dass das Schiff sich unkontrolliert drehte oder gar aufsteigen konnte. Sieht man sich historische Aufnahmen einer Zeppelinlandung an, sieht es aus, als würden die Bewohner Liliputs versuchen, Gulliver zu bändigen. Und das Ganze war dabei überhaupt nicht routiniert.

Luftschiffe waren immer noch selten genug, dass sie sogar die lokale Presse auf den Plan riefen, wenn ihre Ankunft angekündigt worden war. Am 6.5.1937 standen deswegen in Lakehurst in New Jersey Dutzende Journalisten auf dem Landefeld und warteten gespannt, dass die Hindenburg einschweben würde. Und die ließ wirklich auf sich warten. Schlechtes Wetter über dem Meer hatte dafür gesorgt, dass die Hindenburg einen Umweg über den Pol hatte nehmen müssen. Zusätzlich sorgte schlechtes Wetter über nur Jersey dafür, dass sie fast zehn Stunden lang in der Nähe der angepeilten Landestelle kreisen musste, bevor man überhaupt daran denken konnte zu landen. Das Wetter war gewittrig und ein Zeppelin ist ein fliegender Wasserstofftank und damit anfällig für Blitze jeglicher Art. Während die Hindenburg kreist tut sich ein weiteres Problem auf. Die Crew entdeckt, dass das Schiff aus der Balance gerät. Das Heck wird schwerer. Das deutet darauf hin, dass das hinterste Segment ein Wasserstoffleck hat, also Gas entweicht. So was kommt schon mal vor. Es gibt historische Aufnahmen, wo Zeppelin- Crews die Lecks in der Hülle bei fliegenden Zeppelinen in schwindelerregender Höhe flicken. Jetzt aber ist an Flicken gerade nicht zu denken. Erstens ist das Wetter nicht gerade ideal, zweitens möchte man den Zeppelin auf den Boden bekommen und landen. Also lässt der Kapitän stattdessen Wasser ab. Ballast. Ein Vorgang, den am Boden der Radiomoderator Herbert Morrison beobachtet und kommentiert.
[Einspieler]

Das ist eine heute berühmte Radioreportage. Morrison beschreibt wie das Ankerseil abgeworfen wird
[Einspieler].

Und jetzt kommt eine Minute, die Radiogeschichte geschrieben hat, denn das ist der Augenblick, in dem es passiert. …[Einspieler].

Morrison wird sich wieder fangen. Er wird die Reportage weiterführen, er wird Rettungskräfte interviewen und Überlebende vors Mikrofon holen. Das ist das erste Mal, dass es eine live Radioreportage von einer Katastrophe gegeben hat. Aber er ist auch nicht der einzige Journalist, der Zeuge dieses Ereignisses wird und seine Arbeit macht. Ungefähr zwei Dutzend Pressefotografen halten drauf und mindestens drei Kameracrews zeichnen die Ereignisse auf. Einer der Fotografen ist Sam Shere. Er ist im Auftrag von National News Foto vor Ort und versucht, mit seiner Speed Graphic Kamera die Ereignisse festzuhalten. Gerade als sich die Hindenburg im Anflug befindet hat er noch zwei Platten in seiner Kamera. Als sich dann die Ereignisse überschlagen hält er einfach drauf, macht ein Foto – aus der Hüfte, ohne auch nur durch den Sucher zu schauen. Auch wenn er damit nur eins von Dutzenden Bildern aufgenommen hat, ist es dann doch das Foto, das wie kein anderes für das Hindenburg- Desaster stehen soll.

Durch seine Veröffentlichung bei Life Magazin, als Titelblatt der New York Times, als Aufmacher in unzähligen Zeitungen prägt diese Aufnahme unsere Erinnerung dieses Absturzes. Man sieht die Hindenburg, wie sie gerade beginnt zu fallen, das Heck steht schon in Flammen, ein gewaltiger Feuerpilz steht über dem Schiff. Im Hintergrund sieht man noch das eben abgelassene Wasser den Boden vernebeln. Man sieht das Entsetzen des Bodenpersonals und die ersten Menschen, die panisch die Flucht ergreifen. Das Schiff selbst ist dramatisch durch die Explosion beleuchtet und man kann den Titelschriftzug deutlich erkennen. Same Sheres selbst sagt: “I had two shouts in my big speed graphic, but I didn´t even have time to get up to my literally shot from the hip. It was over so fast. There was nothing else to do.“

Der Absturz der Hindenburg war nicht deswegen so besonders, weil er so dramatisch war, sondern weil er festgehalten worden war. Er markiert das Ende der Luftschiffära. Das Schwesterschiff der Hindenburg, LZ 130, wurde zwar noch fertiggestellt, würde aber keine Passagiere mehr transportieren. Wenig später war die Ära der sogenannten Stahl-Luftschiffe ganz allgemein zu Ende. Heute ist kein einziges Schiff dieser Bauart mehr in Benutzung. Zwei Jahre nach Absturz der Hindenburg stellt auch Deutschland den Betrieb der Stahl-Luftschiffe endgültig ein. Was aber erhalten blieb war der Spitzname Zeppelin, basierend auf der generellen Form dieser Schiffe. Die Zigarrenform, die wir auch heute manchmal bei ähnlich geformten Ballons sehen. Diese Verbindung zwischen Ballon und diesen Luftschiffen steht als Namenspate für eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten – Led Zeppelin. Was würde ich jetzt gerne Musik von dieser Band einspielen. Tja… GEMA…

Der Name der Band Led Zeppelin soll angeblich auf einem Scherz basieren. Und zwar hatte der Schlagzeuger der Band The Who gesagt, dass eine Band, die sich um den E-Gitarristen Jimmy Page formen würde, abstürzen würde wie ein bleierner Ballon. Ein Lead Balloon. Irgendwie wurde dann aus Lead Balloon und der Idee eines Absturzes Led Zeppelin. Wenn wir schon von abstürzenden Ballons reden, dann sind wir bei dem ikonischen Debütalbum einer der bekanntesten und erfolgreichsten Rockband aller Zeiten, das nichts anderes zeigt als Sam Sheres spektakuläres Katastrophenbild der abstürzenden Hindenburg. Beziehungsweise eine stilisierte Version davon. Jimmy Page höchst selbst erklärt es so: „The idea was to use the impact of this but use it…

Led Zeppelin war ein recht kraftvolle Rockband. Es ging ihm darum, den Impact, besonders auch des ersten Albums auch visuell darzustellen. „Fact is, that it was the right thing to do, because it is really iconic image and plus it is Led Zeppelin first album. „

Sie haben auch mit diesem Wortwitz gespielt, statt einem bleiernen Ballon eher eine Rakete. „I am sure, that the people know that phrase going down like a Lead Balloon and it was a play on the words if you like. „

Der Designer George Hardy bekommt 60 Pfund und den Auftrag, ein Album-Cover aus diesem Bild für die junge, gerade gegründete Band Led Zeppelin zu gestalten. Weder er noch Led Zeppelin waren damals übermäßig bekannt. In beiden Fällen wird sich das ändern. George Hardy hat uns einige der ikonischsten Album-Cover aller Zeiten gestaltet. Zum Beispiel Pink Floyds Dark Side of the Moon oder Technical exzessiv für Black Sabbath. Bei diesem ersten Album dachte er sich zunächst nicht viel. Deswegen wurde der Entwurf dieses Covers nach getaner Arbeit mit anderen Arbeiten verstaut. Vor ein paar Jahren jedoch zieht er in seinem Studio diesen Entwurf wieder heraus und beschließt, ihn versteigern zu lassen. Das Auktionshaus Christie’s nimmt den Originalentwurf dieses Covers in seinen online Katalog auf, da durch die Pandemie im Jahr 2020 keine persönlichen Auktionen stattfinden. Die Erwartung ist, dass man dieses Album für schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Dollar wird verkaufen können. Verkauft wird es dann am 18. Juni 2020 für 325.000 Dollar und macht damit wieder Schlagzeilen.

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Mehr als nur Politikerfotos https://fotomenschen.kopfstim.me/mehr-als-nur-politikerfotos/ Sat, 06 Feb 2021 17:56:39 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Der offizielle Fotograf des amerikanischen Präsidenten hat einen echten Knochenjob und macht Fotos wie sie kein Staatschef sonst bekommt.





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Episodenbild: By Pete Souza – White House Flickr Account, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18890184


Transkript

Als es in den letzten Tagen der Trump-Präsidentschaft zum Sturm aufs Kapitol kam, wurden wir mit Fotos dieses Ereignisses praktisch überschwemmt. Aber obwohl tausende von Handyaufnahmen und Videos von diesem Ereignis existieren müssen, waren die Bilder, die wir gesehen haben, von herausragender Qualität.

Ich fand das wirklich auffällig. Da war ein geschulter Blick und professionelles Equipment am Werk. Eine kurze Recherche bringt dann zum Vorschein: Es waren Pressefotografen, die diese Bilder gemacht haben. Dass das Profis waren, erkennt man auch an der unglaublichen Nähe, aus der viele dieser Aufnahmen entstanden sind. Da waren Menschen am Werk, die darauf trainiert waren, für den Moment bereit zu sein, die ihre Technik aus dem Schlaf beherrscht haben und die den richtigen Augenblick nicht nur sofort erkennen, sondern ihn auch mit schlafwandlerischer Sicherheit in Millisekunden festhalten zu wissen.

Pressefotografen haben den Auftrag, Geschichte zu dokumentieren. Ihre Bilder sollen darstellen, was passiert ist, wie es sich angefühlt hat, dabei zu sein und manchmal werden die Fragen, die solche Bilder beantworten, erst lange nach den Ereignissen gestellt.

An wenigen Orten ist die Ereignisdichte so hoch wie im Schlepptau des amerikanischen Präsidenten, weshalb der auch auf Schritt und Tritt von Kameras umgeben ist. Da sieht man manchmal Szenen, die ich auch schon immer bizarr fand. Zwei Staatschefs treffen sich zum Beispiel, sitzen sich gegenüber, die Presse wird ins Oval Office gelassen. Und 30 Fotografinnen und Fotografen machen in schneller Abfolge ungefähr dieselben 20 Bilder. Nicht nur, dass die alle dasselbe Bild machen, es hat auch noch denselben Aufbau wie buchstäblich hunderttausende vor ihnen. Nicht, dass die Fotografinnen und Fotografen da viel Wahl hätten: Ihnen wurde genau zugewiesen, von wo aus sie fotografieren dürfen.

Mit einer Ausnahme. Eine Person mit Kamera bewegt sich völlig frei kreuz und quer durch den Raum und macht Fotos, ganz wie es ihr beliebt. Als die Presse den Raum verlassen muss, bleibt sie zurück und fotografiert weiter. Wenn das weiße Haus wenige Stunden später eine offizielle Pressemitteilung herausgibt und Fotos dazupackt, werden diese Bilder anders aussehen als alle anderen Aufnahmen von diesem Tag. Und nicht nur das: Es werden auch noch Aufnahmen dabei sein, bei denen war gar keine Presse anwesend. Manchmal sind sogar ganz private Schnappschüsse dabei. Schnappschüsse, die es erlauben, der Präsidentenfamilie sozusagen bei ihrem Alltag über die Schulter zu schauen.

Da gibt es also jemanden mit ungebremsten Zugang. Jemand, der oder die jeden Schritt des Präsidenten fotografieren darf und festhält. Das ist der Fotojournalistentraum schlechthin. Und den schauen wir uns heute mal ein bisschen genauer an.

Die Tatsache, dass eine Behörde wie das weiße Haus, denn nichts anderes ist das weiße Haus, eine offizielle Abteilung für Fotografie unterhält, ist jetzt nicht besonders überraschend, finde ich. Sowas gibt es tatsächlich in praktisch jeder Behörde und auch das Kanzleramt unterhält einen Bereich für Presse, in dem natürlich auch ein paar Fotografinnen und Fotografen angestellt sind.

Deren Aufgabenfelder sind vielseitig. Zum Beispiel ist es in öffentlichem Interesse, dass die Arbeit der Staatslenker und Staatslenkerinnen dokumentiert wird. Wichtige Meetings, wichtige Ereignisse sollen festgehalten werden. Und da ist es natürlich oft praktisch, nicht auf die externe Presse angewiesen zu sein. Einmal kann man so eine konsistente Qualität sicherstellen und dann sind natürlich gut gemachte Fotografien eine hervorragende Methode, um das eigene Image zu kontrollieren. Ganz zu schweigen von Gelegenheiten, bei denen es einfach nicht praktikabel ist, einen Pressecore einzuladen bzw. die Ereignisse sich vielleicht auch mal überschlagen und man froh ist, überhaupt einen Profi mit Kamera zur Hand zu haben.

Auch der Chief Official White House Photographer hat natürlich all diese Aufgaben und diese Motivation. Warum sein Job dann doch ein anderer ist, wird allerdings auch schnell klar, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Amerikaner im Vergleich zu uns das Amt ihres Staatschefs sehen. Im Grunde wählen die nicht den Präsidenten. Die wählen die First Family. Die ziehen dann mit ihrem ganzen Hausstand in das weiße Haus ein.

Und im Grunde arbeitet auch die ganze Familie dann im Auftrag des Landes mit. So hat die First Lady in der Regel ein eigenes Büro, einen eigenen Staff und einen eigenen Bereich im weißen Haus, in dem ihre Mitarbeiter arbeiten.

Beim Einzug in das weiße Haus legt der Präsident all jene Positionen neu fest, die über reine Logistik hinausgehen. Es mag also sein, dass Gärtner, Koch und Bedienstetenpersonal von vorherigen Administrationen berichten können. Aber alle Rollen mit einer Außenwirkung oder Entscheidungsgewalt werden vom Präsidenten neu besetzt.

1929 ernennt der 31. Präsident, Herbert Hoover, zum ersten Mal einen offiziellen Pressesprecher. Dessen Aufgabe war, der Öffentlichkeit die Politik des weißen Hauses nahezubringen und bei Ereignissen zu briefen. Offizielle Fotografie überließ man damals noch Militärfotografen oder eben journalistisch aktiven Pressefotografen.

Es dauerte noch über 30 Jahre und 4 weitere Präsidenten, bis mit John F. Kennedy der erste wirklich medienaffine Präsident im weißen Haus einzieht. Er ist der Erste, der sich und seine Familie offensiv in den Medien inszeniert und damit auch der Erste, der den Sinn hinter einem vom weißen Haus angestellten Fotografen erkennt und den ersten offiziellen White House Photographer anstellt.

Diese neu beschaffene Rolle ist Teil des Pressecores und der Fotograf Cecil W. Stoughton hat in vielerlei Hinsicht die Aufgabe, diese Rolle komplett neu zu erfinden. Das war gar nicht so einfach, denn Kennedy wollte sich zwar inszenieren, aber dabei nicht unbegrenzten Zugang geben. Stoughtons berühmtestes Bild ist daher auch ironischerweise kein Foto von Kennedy, sondern der Moment, in dem Lyndon B. Johnson an Board von Air Force one nach dem Tod Kennedys seinen Amtseid ablegt.

Lyndon B. Johnson hat zu dem Zeitpunkt schon einen Lieblingsfotografen: Yoichi Okamoto ist ein New Yorker Fotograf und hat Lyndon B. Johnson als Vizepräsident schon bei mehreren Gelegenheiten fotografiert und durch seine ungewöhnliche Bildkomposition beeindruckt. Als Lyndon B. Johnson Präsident wird, fragt er ihn, ob er nicht sein persönlicher Fotograf werden möchte und ihn begleiten will, Okamoto sagt zu, aber unter der Bedingung, unbegrenzten Zugang zu bekommen. Und es ist dieser unbegrenzte Zugang, der Okamoto eigentlich zum ersten echten Chief White House Photographer macht.

Ich hatte ein echtes Problem, in Deutschland ein Äquivalent zu finden. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl von Kanzlerinnen und Kanzlerfotografen, es gibt natürlich auch offiziell beim Presseamt eingestellte Fotografinnen und Fotografen, aber niemand folgt der Kanzlerin auf Schritt und Tritt. Fotografen im Kanzleramt haben da im Wesentlichen einen Job zu tun. Die sind nicht persönliche Fotografen der Kanzlerin, sondern sie sind angestellte der Pressestelle. Und werden wahrscheinlich auch nicht ausgetauscht, sollte ein neuer Kanzler einziehen im Kanzleramt.

Im White House arbeiten bis zu 12 offizielle Fotografen. Deren Aufgaben sind vielseitig; zu jedem gegebenen Zeitpunkt finden im Weißen Haus diverse Veranstaltungen parallel statt. Da hat vielleicht die First Lady eine Reception und der Präsident trifft einen Staatschef. Gleichzeitig gibt es vielleicht eine Gruppe, die ins weiße Haus eingeladen wurde und sich im Rosegarden trifft, und so weiter. Da gibt es Händeschütteln zu fotografieren, es gibt persönliche Erinnerungsaufnahmen, es gibt offizielle Pressefotos, die gemacht werden. Das Weiße Haus produziert tausende von Fotos täglich.

All diese Aufgaben werden von der Pressestelle koordiniert. Ein Fotograf hat dann immer die Aufgabe, beim Präsidenten zu sein. Und meistens ist das immer derselbe Fotograf. Denn wenn man die ganze Zeit ungebremst anwesend sein darf, egal wie heikel die Gespräche, die geführt werden, da braucht es eine ganz besondere Vertrauensbeziehung, eine Beziehung, die man dann eben auch in den Bildern sehen kann.

Wie wichtig die Arbeit des Chief White House Photographers ist, sieht man auch an der Menge an Fotos, die produziert werden. Kennedys Fotograf macht in etwas mehr als 3 Jahren knapp 8000 Aufnahmen. Pete Souza, der Fotograf, der Obama durch 2 Amtszeiten hindurch begleitete, fügte dem Nationalarchiv über 2000000 Aufnahmen hinzu. In einer durchschnittlichen Woche wurden 8000 Bilder direkt aus dem Alltag des Präsidenten gemacht. In ereignisreichen Wochen konnte diese Zahl allerdings auch auf über 20000 anschwellen.

Souza fotografiert die Obamas händchenhaltend genauso, wie Barack Obama bei der Schneeballschlacht mit seinen Kindern, bei Reden, Wahlkampfveranstaltungen, hitzigen Diskussionen im Oval Office oder bei Meetings mit Politikern im Roosevelt Room. Er ist so allgegenwärtig, dass ihn niemand mehr beachtet. 150 Mal fliegt er mit Airforce One. Er fotografiert Obama, kurz bevor er seinen Amtseid ablegt und fotografiert ihn, als er am letzten Tag das Oval Office verlässt.

Natürlich sind nicht alle Bilder so glamourös, wie diese herausragenden Meilensteine. 5% der Fotos sind einfach Greetingshots. Egal, wohin der Präsident kommt, irgendwer begrüßt ihn. Und Gruppenfotos oder Handeschüttelfotos sind von unschätzbarem Wert für die Leute, die auf diesen Bildern sind.

Und alle Aufnahmen gehen direkt ins Nationalarchiv. Sie sind als Zeitdokumente von unschätzbarem Wert. Fotografen im Kanzleramt, Fotografen im weißen Haus, Fotografen in jeder Behörde sind sich ihrer Verantwortung bewusst, ein Archiv für die Nachwelt zu produzieren. Das ist mehr als einfach nur Pressefotografie. Man ist in einer Position, in der man history in the making festhalten darf. Es ist eine ungewöhnliche Art der Fotografie, denn es geht oft nicht in erster Linie um die Personen auf den Bildern, ganz egal, wie berühmt sie auch sein mögen, sondern es geht um die Gründe, die sie zusammenbringen. Außer natürlich die Person auf dem Bild ist der Präsident selbst.

Und da haben wir noch einen Unterschied zwischen Kanzlerfotografien und den Aufnahmen des amerikanischen Präsidenten. Denn von letzterem ist immer auch noch der Versuch dabei, die Menschen hinter dem Amt zu zeigen.

So gibt es von Lyndon B. Johnson Fotos, wie er im Oval Office mit seinem Hund zusammen heult. Das hat er wohl öfters mal gemacht. Beim ersten Mal ist der Secret Service, so geht die Anekdote, wohl mit gezogenen Waffen ins Oval Office gestürmt.

Von Kennedy gibt es Aufnahmen, wie er mit seinen Kindern spielt.

Aufnahmen, die ein Echo in Obamas Bildern finden, wenn der mit dem zum Teil sehr jungen Nachwuchs seiner Staffer spielt.

Und es gibt zum Teil wirklich bizarre Aufnahmen. Zum Beispiel habe ich ein Bild gefunden, wo George W. Bush anlässig des traditionellen Ostereiersuchens im Garten des weißen Hauses einen Menschen im Hasenkostüm umarmt. Es gibt auch ein Bild, wo man Obama und einen Hasenkopf von hinten sieht, das Obama mit den Worten „Die vier berühmtesten Ohren Washingtons“ kommentierte.

Oder das Foto von Lyndon B. Johnson in einem schwimmfähigen Cabrio. Richtig gehört: LBJ besaß nämlich eines der wenigen in Serie produzierten Amphibienfahrzeuge. Das Ding sah im Wesentlichen aus wie ein Cabrio, also wie ein ganz normales Auto. Besuchte man nun Lyndon B. Johnson auf seiner privaten Ranch, konnte es passieren, von ihm zu einer Spritztour eingeladen zu werden. Um die Ranch zu besichtigen, zum Beispiel. Auf dem Gelände gab es einen Hügel, an dessen Ufer ein kleiner See angelegt war. LBJ würde also mit diesem Auto auf der einen Seite auf den Hügel hochfahren und auf der anderen Seite dann panisch behaupten, die Bremsen hätten versagt und dann ungebremst auf den See zufahren. Es soll Kabinettsmitglieder gegeben haben, die dann aus dem Auto gesprungen sind. Aus Angst, sie könnten vom untergehenden Auto mit heruntergezogen werden.

Ich finde jedenfalls die Vorstellung schön, dass ein Präsident solche Streiche spielt und ich finde es auch lustig, dass der Streich durchaus auch andersrum laufen kann. Pete Souza:

[Einspieler]

„Christmas at the White House is pretty fun. And this last year, for some reason, they put 4 snowmen in the rosegarden.“

Das Weiße Haus dekoriert natürlich zu besonderen Anlässen und Weihnachten ist so ein Anlass. Und Pete erzählt, dass beim letzten Weihnachtsfest während Obamas Amtszeit irgendwer auf die Idee gekommen war, 4 riesengroße Schneemänner in den Garten des Weißen Hauses zu stellen.

[Einspieler geht weiter]

„It never snowed all december.“

Tja, geschneit hat es aber nicht.

[Einspieler geht weiter]

„Every day the president would walk from the White House residence along the promenade and there would be the 4 snowmen. So Brian Mosteller and I, Brian was the director of oval office operations, he and I had this great idea that every day, we’d move the snowman one foot closer to the oval office.“

Also Pete und der Director of Oval Office Operations beschließen, diese Schneemänner jeden Tag Stück für Stück näher an das Oval Office zu bewegen.

[Einspieler geht weiter]

„So, the day we decided we want do this, we went out there after he’d gone home for tonight and realized that they’re too heavy to pick up.“

Aber die waren zu schwer.

[Einspieler geht weiter]

„So Brian, being the resourceful guy that he is, the day before we went to Hawaii for Christmas vacation he got the White House grounds Crew to help him move all 4 of the snowmen so each of them was peeking out of a different window of the Oval Office.“

Ja, ich schätze mal, es hat Vorteile, wenn man Director of Oval Office Operations ist. Sie gehen also her und bewegen diese 4 Schneemänner am letzten Arbeitstag des Präsidenten, bevor der nach Hawaii in den Urlaub fliegt, so ans Oval, dass durch jedes Fenster ein Schneemann schaut.

[Einspieler geht weiter]

„My job that day was, when the president walked over from the residence, was to distract him, so he wouldn’t look in the rose garden like he did earlier on in the morning. Which is because he would see that the snowmen were missing. So, remember that picturer of him, dancing with [?]? So he walks over, I distract him, he doesn’t see that the snowmen are missing and he’s standing right where he’s dancing in that photo, talking to [?] before he walked into the Oval Office. And then he looked, just glancing into the Oval Office and there was this guy, looking right at him and he just started cracking up. So we pranked him pretty good.“

Pete hat während Obamas Amtszeit eine ganze Reihe wirklich sehr schöner Aufnahmen gemacht. Und die zeigen das Menschliche in diesem Amt. Und es sind Reportagefotos. Und Fotos, die ich so von deutschen Politikern bisher noch nicht gesehen habe. Schon gar nicht von Kanzlern oder Kanzlerinnen. Aber das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen jemandem, der angestellter Fotograf für offizielle Gelegenheiten ist und den Auftrag, einen Menschen, ein Leben und sein Wirken zu dokumentieren.

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Die beste Fotografin der Welt https://fotomenschen.kopfstim.me/die-beste-fotografin-der-welt/ Sat, 30 Jan 2021 22:33:05 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer Fotografin mit Celebrity-Status.

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Transkript

1942, eine junge, gutaussehende Frau schleppt mehrere große, schwere Kisten vollgestopft mit Kameraequipment an Board eines Militärschiffs. In ihrer Tasche: Die hochoffizielle Genehmigung, dass sie im Auftrag des Life Magazine an der hochgeheimen Invasion in Nordafrika teilnehmen darf. Als [?] journalist. Als Fotografin will sie die Landung der Truppen festhalten.

Diese Genehmigung überhaupt zu bekommen, hat sie Monate hartnäckiger Arbeit gekostet und es ist ein absolutes Novum. Noch nie wurde offiziell eine weibliche Fotografin in den Krieg geschickt. Es gibt sowieso kaum weibliche Fotografinnen. Geschweige denn weibliche Fotojournalistinnen.

Der Großteil der Truppen kommt mit dem Flugzeug als Truppentransporter. Margaret Bourke-White wollte eigentlich auch in so einem Flugzeug sitzen, wurde aber in letzter Minute von einem diensthabenden Offizier davon abgehalten. „Unsere Flugzeuge haben keinen Platz für eine Frau! Nehmen Sie das Schiff.“

Ja, scheiße. Damit war es das wohl gewesen mit dem Auftrag, die Landung der Truppen zu dokumentieren, denn das Schiff braucht natürlich deutlich länger. Ihre männlichen Kollegen haben dieses Problem nicht, die fliegen selbstverständlich mit den Truppen mit. Aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie wird halt mit dem arbeiten, was sie vorfindet.

Die Tage auf See ziehen sich endlos. 2 Tage noch, dann wird sie auch endlich da sein, so wie ihre Kollegen. [Dumpfes Knallgeräusch]

Das Torpedo ist ein Volltreffer. Margaret greift in Panik noch schnell ihre Schwimmweste, versucht noch, eine Kamera mitzunehmen, aber die Dinger sind groß und schwer und so lässt sie sie zurück. Sie rennt zu dem ihr zugeteilten Rettungsboot und sieht dann, zusammen mit den anderen 16 Insassen zu, wie sich das Kriegsschiff, das sie an die Küste bringen sollte, langsam neigt und in den Fluten versinkt. Sie wird später in ihre Biografie schreiben, dass sie nie mehr Angst hatte, als in diesem Moment und außerdem grenzenlos bereute, keine kleineren Kameras mitgenommen zu haben. Was für großartige Bilder hätte sie machen können? Was für eine Killerreportage wäre das geworden? Jetzt, mit Rettung ungewiss und deutlicher Verspätung, wer weiß, ob da überhaupt noch etwas daraus wird? Solche oder ähnliche Gedanken müssen ihr durch den Kopf gegangen sein, als britische Kampfflugzeuge die Schiffbrüchigen aufspürten und die Rettung veranlassten.

Und dass da nicht nur Soldaten, sondern auch eine Frau mit an Board gewesen war, eine Fotoreporterin noch dazu, war sofort eine Sensation. Als Margaret Bourke-White dann endlich an ihrem Ziel ankam, war die Geschichte schon auf dem Weg um die Welt und sie eine Berühmtheit. Die furchtlose amerikanische Kriegsreporterin, die einen Torpedoangriff überlebte, um davon berichten zu können. Das war eine Nachricht, die allen anderen die Schau stahl. Eine ihrer männlichen Kollegen begrüßt sie grimmig: „Ich sitze hier stundenlang rum und warte darauf, dass ich endlich mal zur Action darf und dann kommt da diese Tussi daher und hat auch noch das Glück, einen Torpedoangriff zu überleben.“

Aber nicht nur das, eigentlich wollte Margaret Bourke-White ja sowieso da hin, wo die Action ist. Es ging ja um die US Airforce. Also musste man ihrer Meinung nach mindestens ein Mal auch bei einem Angriff mitgeflogen sein. Bisher hatte man ja dafür die Genehmigung verweigert. Aber nach dem überstandenen Torpedoangriff hat der Befehlshaber ein Einsehen:

[Einspieler]

„Maggy, do you still want to go on a bombing mission?“

Er fragt sie, ob sie immer noch an einem Einsatz teilnehmen will.

[Einspieler geht weiter]

„I do, but I don’t want to make a pest of myself, begging.“

Aber sie will nicht immer betteln, sagt sie.

[Einspieler]

„Well, if you’ve been torpedoed, you might as well go through everything. And he reached for the telephone and called the 97 bomb group. They were stationed then in the garden of [unverständlich] in the middle of the Sahara desert. And he told them I had permission.“

„Jetzt hast du ein Torpedo überlebt, jetzt kannst du den Rest auch sehen“, sagt er und greift zum Telefon und erteilt die notwendigen Genehmigungen. Und so geht Margaret Bourke-White aus dieser Anekdote mit der Genehmigung heraus, einen Bombenangriff begleiten zu dürfen. Mit Kamera. Für Life Magazine.

Und als ob sie zu dem Zeitpunkt nicht schon berühmt genug wäre, gilt sie jetzt als Sensation. Die erste amerikanische, akkreditierte Kriegsreporterin überhaupt. Die erste Frau, die bei einem Bombenangriff teilnehmen darf. Und die erste Fotografin, die einen Torpedoangriff überlebt. Und wie sie da hingekommen ist und was sie dann ab da noch alles gemacht hat, das erzähle ich gleich.

Wem die Geschichte in ihren Grundzügen bekannt vorkam, der ist vielleicht Filmfan. Alfred Hitchcock drehte nämlich den Film „Lifeboat“ mit einer Geschichte, die ganz eindeutig von dieser Anekdote inspiriert war. Und ich glaub, wer sich mit der Geschichte Margaret Bourke-Whites beschäftigt, der kann wahrscheinlich gar nicht anders, als einen Film drehen zu wollen, da gibt es so viel zu entdecken, so viele firsts, so viele Stationen, die ungewöhnlich sind.

Geboren wird sie 1904 in der Bronx in New York. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder und erbt von ihrem Vater die Leidenschaft für Technologie, speziell Großtechnologie hat es ihr angetan, aber der Vater ist auch Hobbyfotograf und hat diverses Equipment daheim. Ihre Eltern verbindet eine Leidenschaft für die Natur und der unerschütterliche Glaube, dass man alles erreichen kann und vor nichts Angst haben sollte.

Von ihrem Vater übernimmt sie das Interesse an Technologie und die absolute Disziplin. Von ihrer Mutter, so schreibt sie später selber, lernte sie, sich nicht mit dem einfachen Ergebnis zufriedenzugeben. Außerdem haben die Eltern den Ehrgeiz, ihren Kindern jegliche Ängste zu nehmen und so wächst Margaret mit Reptilien und Klettereien in großer Höhe auf.

Zunächst sieht es so aus, als ob die Reptilien ihre Zukunft werden würden. Sie will Reptilienkunde studieren und schreibt sich in der Columbia University ein. Der Vater stirbt, kaum dass sie ein Jahr lang studiert hatte und sorgt dafür, dass die Familie deutlich weniger Finanzmittel zur Verfügung hat. Für sie ist das der Beginn einer kleinen Odyssee durch verschiedene Universitäten und nebenbei der Beginn ihrer Fotokarriere, denn sie beginnt, kleinere Aufträge entgegenzunehmen und damit ihr Einkommen aufzubessern.

Nach 7 verschiedenen Universitäten und diversen Kursen erwirbt sie an der Cornell University den Bachelor of Arts und zieht letztlich nach Cleveland, Ohio, wo sie dann auch ihr erstes offizielles Fotostudio eröffnet. Architektur und große Industrieanlagen haben es ihr angetan. Das war eine Liebe, die sie von ihrem Vater übernommen hatte.

Industrieanlagen fotografieren kann unglaublich öde sein, aber Margaret hat ein Händchen für die perfekte Perspektive. Sie findet Wiederholungen und Muster. Sie schafft es, ungewöhnliche Positionen einzunehmen und vor allem hat sie ein ungewöhnliches Talent, mit den doch in Industrieanlagen sehr schwierigen Lichtverhältnissen umzugehen.

Als einer ihrer ersten Klienten gewinnt sie die Otis Steel Company. Sie überzeugt den Chef, ihr die Genehmigung zu erteilen, in seinen Werken fotografieren zu dürfen. Der rechnete wahrscheinlich damit, dass sie als Fotografin zwei, drei Mal auftauchen würde und Aufnahmen machen und dann irgendwann mit einem Portfolio bei ihm auftauchte, mit der Hoffnung, er wird es ihr abkaufen. Er erteilt ihr also die Genehmigung und geht auf eine Europareise.

Womit er wahrscheinlich nicht gerechnet hatte, war, dass Margaret Bourke-White besessen von dem perfekten Foto war und in dem halben Jahr, in dem er auf Reisen war, praktisch jeden Tag in seine Fabriken fuhr, um dort Aufnahmen zu machen. Hier beschreibt einer ihrer Assistenten, wie sie typischerweise vorging:

[Einspieler]

„She would take a picture over and over and over again, to the point of absolute boredom. Especially with me, working with her. But also the people who had to sit still for it.“

Sie war Perfektionistin und irgendwann war ja auch klar, dass gerade in Stahlwerken die Lichtverhältnisse so anspruchsvoll waren, dass sie spezielles Filmmaterial und künstliche Beleuchtung brauchte. Und so fing sie an, Magnesiumfackeln mit in die Fabriken zu bringen, um zu beleuchten. Hatten die Stahlarbeiter anfangs Angst, eine Frau würde vielleicht in Ohnmacht fallen, wenn sie der Hitze ausgesetzt war oder sich in Gefahr bringen, wurde schnell klar, dass Margaret Bourke-White mit einer schlafwandlerischen Sicherheit in diesen Werken herumkletterte und für das richtige Bild vor genau gar nichts Angst hatte.

Es entstehen fantastische Aufnahmen. Aufnahmen, die auch heute noch modern aussehen. Und sie wird diese Aufnahmen nicht nur verkaufen, sondern es sind diese Aufnahmen, die ihr dann die ersten Türen öffnen.

Und ihre Arbeit ist auf vielen Ebenen vollkommen ungewöhnlich. Einmal ist es so, dass in den 1930er Jahren Frauen sowieso kaum mit Kameras unterwegs waren. Es ist die Zeit der Kodak Brownie, die Kodak Brownie wird speziell für Frauen beworben und zeichnet sich dadurch aus, dass man nichts einstellen muss, nichts wissen muss, „You press the button, we do the rest“ war der Slogan der Kodak Company.

Und hier kommt Margaret Bourke-White, eine attraktive, junge, kleine Person und hantiert nicht nur mit Maschinen, um Fotos zu machen, sondern fotografiert auch noch bevorzugt riesige Industrieanlagen. Stahlwerke. Häfen. Schlachthöfe. Und sie ist energiegeladen und furchtlos. Und zielstrebig. Sie nötigt den Männern, die mit ihr zu tun haben, absoluten Respekt ab. Sie nimmt sich Dinge heraus und sie will erfolgreich sein. Ihre Aufnahmen sind jedenfalls außergewöhnlich genug, dass nicht nur die Otis Steel Company ihre Bilder kauft, sondern sie Ausstellungen damit bestreitet und weit über die Grenzen ihres Heimatbundesstaates bekannt wird.

Sie geht zurück nach New York, um dort ein Studium zu eröffnen und bekommt dort den Auftrag, das gerade im Bau befindliche Chrysler Building zu fotografieren. Auch diese Arbeiten sind ein absoluter Erfolg. Sie macht Aufnahmen, die von den Perspektiven her absolut ungewöhnlich sind; Sie klettert draußen am Dach herum und liebt die Architektur des Gebäudes. Besonders die 4 gigantischen Gargoyles, die am Dach angebracht sind, haben es ihr angetan.

Sie beschließt: Sie will eine der wenigen Mieterinnen in diesem Gebäude werden. Mindestens ihr Studium möchte sie im Chrysler Building haben, wenn möglich dort auch wohnen. Sie setzt sich das so sehr in den Kopf, dass sie sich als Hausmeisterin für das Gebäude bewirbt. Das ist allerdings eine Stelle, die jemandem anders zugeschlagen wird. Überhaupt sieht es eine Weile danach aus, als wenn sie noch nicht mal ihr Studio dort mieten darf, denn die Vermieter sind skeptisch: Sie ist eine junge, hochgradig attraktive, bekannte Frau. Da wird es doch mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht irgendwann mal heiratet, Kinder kriegt und plötzlich keinen Job mehr hat und dann auch die Miete nicht mehr bestreiten kann.

Zumindest dieses Problem hatte sich allerdings erledigt, als Margaret Bourke-White das Angebot erhält, das neu gegründete Fortune Magazine als Fotografin zu begleiten. Sie war die einzige Frau in der gesamten Belegschaft und Fortune würde als neu gegründetes Bildmagazin die Geschichte der jungen, aufstrebenden Industriekultur in Amerika und weltweit begleiten. Ein Job wie für sie geschaffen.

Sie bekommt also ihr Studio mit Blick auf die Gargoyles und eine Terrasse, auf der sie eigentlich nichts zu suchen hat, auf der sie aber praktisch Besuche empfängt und in einem abgetrennten Bereich zwei kleine Alligatoren hält. Es gab ja mal eine Zeit, da wollte sie Expertin für Reptilien werden. Diese Liebe hat sie nie so richtig abgelegt.

Es gibt diverse Anekdoten, wo Margaret auf Geschäftsreisen nicht nur ihre Kamera, sondern auch noch Reptilieneier, die zum Schlüpfen bereit waren, von irgendwelchen Eidechsen oder anderen Tieren, dabei hatte.

Schlafen darf sie nicht in diesem Studio. Aber sie ist besessen von ihrer Arbeit und so verbringt sie jede freie Minute und oft Tag und Nacht mit Blick über New York City. Und sie fotografiert auch viele Male diesen Blick. Es gibt ein sehr bekanntes Foto von ihr, wo sie raus auf die Terrasse und einen der Gargoyles geklettert war, um eine Aufnahme von Manhattan zu machen, die man sonst nirgendswo so machen konnte. Ihr Assistent, in der Sicherheit des Studios, hält die Kamera auf sie und hält damit ein ikonisches Bild von ihr fest. Und dieses Bild zeigt sie in ihrem Element. Furchtlos und bereit, alles für das richtige Bild zu tun.

Als Mitherausgeberin, Fotografin und Autorin des Fortune Magazins reist Margaret Bourke-White jetzt um die Welt. Sie besucht Deutschland und fotografiert da die IG Farben und in Hamburg den Hafen. Und sie ist die erste westliche Fotografin, die die Genehmigung erhält, in der Sowjetunion die dort neu gebauten Industrieanlagen zu fotografieren.

Die Sowjetunion sah sich im Wettlauf mit den USA und hatte einen mehrere Jahrzehnte andauernden Vorsprung aufzuholen. Margaret fotografiert Großbaustellen, Dämme, Kraftwerke, gigantische Industrieanlagen und zunehmend auch die Arbeiterinnen und Arbeiter.

Inzwischen ist die Mitte-30-jährige eine weltweite Celebrity. Man kennt sie. Sie ist regelmäßig im Radio, um Interviews zu geben und bekannt für ihren extravaganten Lebenswandel. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, weiß sie, wie man sich das Leben angenehm macht. Und sie wird zu einem Vorbild für Mädchen und junge Frauen. Nicht lange und sie steht für die moderne amerikanische Frau. Die weiß, was sie will, die alles erreichen kann. So wird zumindest behauptet.

1936 ist auch das Jahr, in dem ein weiteres ikonisches Magazin gestartet wird: das Life Magazine. Margaret Bourke-White schreibt die erste Titelgeschichte und macht das erste Titelbild des Life Magazines.

1936 ist in der Mitte der Great Depression, also der Weltwirtschaftskrise. Die Not ist unter der arbeitenden Bevölkerung groß in den USA. Und Margaret sieht das. On assignment for fortune and life kommt sie im gesamten Land herum und ihre Fotografie wandelt sich: Die berühmte Industriefotografin wird zu einer gefeierten Fotojournalistin.

1941 reist sie im Auftrag des Life Magazine nach Moskau. Sie ist die einzige westliche Reporterin in der Stadt, als die Deutschen ihren Luftangriff auf Moskau beginnen. Als die Sirenen losheulen und sich alle in Sicherheit bringen, greift sie sich ihr Stativ und ihre Kamera und rennt auf das Dach der Botschaft, von wo aus sie einen hervorragenden Blick auf den Kreml hat. Sie vermutete, das würde das Hauptangriffsziel der deutschen Streitkräfte sein. Und sie würde fotografieren, was immer fotografierenswertes zu sehen war.

Heraus kommen einzigartige Kriegsaufnahmen. Und Margaret fotografiert nicht nur in der Nacht, sondern auch am nächsten Tag. Die Spuren der Zerstörung. Und ist die einzige Reporterin, die diese Aufnahmen machen konnte und in die westliche Welt zurückbrachte.

Als Amerika sich dazu entschließt, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, ist es für Margaret der Startschuss, um eine Akkreditierung als Fotojournalistin anzustreben. Und die amerikanischen Behörden stellen sich erst mal quer. Es ist schon ungewöhnlich genug, dass eine Frau eine bekannte Fotojournalistin ist. Und auch, wenn akzeptiert ist, dass Margaret Bourke-White weiß, mit Risiko umzugehen, ist es dann trotzdem noch ein Riesenschritt, sie offiziell als Kriegsfotografin anzuerkennen. Fotografie als Männerdomäne. Krieg als Männerdomäne. Kriegsfotografie als Machomännerdomäne.

Margaret ist zwar nicht die einzige Frau, die im Krieg fotografiert, aber sie ist die einzige Amerikanerin und sie ist die einzige, die es schließlich schafft, offiziell als Fotojournalistin mit den Truppen mitgesendet zu werden.

Das ist der Punkt, an dem sie sich aufmacht, um die Invasion in Nordafrika zu begleiten, einen Torpedoangriff überlebt und die Genehmigung bekommt, bei einem Bombenangriff mitzufliegen. Und auch von dieser Reise wieder einzigartige Aufnahmen mitzubringen.

1945 verliert Deutschland den Krieg. Und Margaret ist wieder unterwegs. Im Gefolge von General George S. Patton reist sie durch Deutschland und ist bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeiterlagers Leipzig-Thekla dabei. Sie macht mehrere berühmte Fotos zu diesen Gelegenheiten. Ihr Bild „Die lebendigen Toten von Buchenwald“ von 1945 ist eine der berühmtesten und beeindruckendsten Fotografien des 20. Jahrhunderts.

In ihrer Biografie beschreibt sie ausführlich, wie es sich angefühlt hat, das von den Nazis angerichtete Leid zu sehen und diese Menschen zu fotografieren und die Leichenberge. Sie ist dankbar für die Kamera. Sie hält sie nicht nur beschäftigt, sondern ist wie ein Schild, das sie vor sich halten kann, um das Bild, das sich ihr bietet, aushalten zu können.

Auch nach dem Sieg der Alliierten fotografiert Bourke-White weiterhin für die Truppen. Im Herbst 45 erhält sie den Auftrag, die Zerstörung deutscher Städte mit Luftbildern zu dokumentieren.

Zu dem Zeitpunkt gilt Margaret bereits in mehreren Disziplinen als eine der besten Fotografinnen, wenn nicht die beste Fotografin der Welt. Moderne Architekturfotografie, Industriefotografie, Kriegsfotografie, Reportagefotografie, zwischendurch Werbefotografie und Portraits berühmter Persönlichkeiten gehören zu ihrem Portfolio. Berühmte Menschen ihrer Zeit wie Franklin D. Roosevelt, Stalin, Winston Churchill oder Marlon Brando wurden von ihr portraitiert.

1946 reist sie im Auftrag des Life Magazines nach Indien. Das Land ist in politischer Aufruhr. Sie hat den Auftrag, Gandhi zu fotografieren und zu interviewen. Gandhi hat wenig Lust, sich von ihr interviewen zu lassen, so lässt es ihr ausrichten, er würde sie nur als Fotografin zulassen, wenn sie lernen würde, ein Spinnrad zu bedienen. Also lernt Margaret Bourke-White, wie man ein Spinnrad bedient. Sie macht eines der bekanntesten Fotos ihrer Karriere, wenige Stunden vor der Ermordung Mahatma Gandhis fotografiert sie ihn, wie er schweigend vor einem Spinnrad sitzt.

Spätere Reportagereisen wird Margaret dazu nutzen, um zum Beispiel die Teilung Indiens zu dokumentieren. Sie bereist auch Südafrika während der Apartheid und nimmt am Koreakrieg als Korrespondentin teil. Korea ist auch das Land, wo ihr zum ersten Mal auffällt, dass ihre Gelenke, Arme und Beine steif sind.

Daheim lässt sie sich untersuchen und bei ihr wird Parkinson diagnostiziert. Es ist diese Krankheit, die sie dann Mitte der 60er dazu zwingt, ihren Beruf aufzugeben und sich zurückzuziehen. 1963 erscheint ihre Autobiografie und ist über Wochen hinweg auf den Bestsellerlisten der New York Times.

Sie stirbt 1971 im Alter von 67 Jahren. Sie war zwar einmal kurz verheiratet, aber Familie hatte sie nie gegründet und deswegen hinterließ sie auch keine Kinder und keinen trauernden Ehemann. Sie war Wegbereiterin für eine ganze Generation junger Reporterinnen und Fotografinnen.

Ihre Fotografie prägte mehrere Genres, nicht nur eines. Die meisten Fotografen versuchen, ein Genre wirklich gut zu beherrschen. Margaret Bourke-White schien zu meistern, was immer sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte eine Gabe, Menschen zu sehen und sie im Bild festzuhalten, wie kaum eine andere und ihre Karriere in einer der turbulentesten Zeiten der Menschheitsgeschichte bot ihr wieder und wieder die Gelegenheit, ikonische Aufnahmen zu machen. Und sie ergriff jede einzelne davon.

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Die kleine Blonde https://fotomenschen.kopfstim.me/die-kleine-blonde/ Sun, 20 Sep 2020 18:59:00 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Die spanischen Soldaten nannten sie „die kleine Blonde“ und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,50m große Gerda Taro lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben ihnen her in der unerschütterlichen Überzeugung mit ihrer Kamera die Welt verändern zu können.

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Bücher:

Dokumentation:

Episodenbild: Von Anonym – icp.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4236537


Transkript

Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 39 war eine Art Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg. Es war der erste Großkonflikt, bei dem auch Fotografen mit tragbaren Kleinbildkameras teilnahmen. Diese Kameras waren ein relativ neues Phänomen. 1914 bringt Leica die erste Kamera dieser Art auf den Markt und die neue Möglichkeit, gleichzeitig am Geschehen teilhaben zu können und es trotzdem festzuhalten, revolutioniert buchstäblich die Fotografie. Neugegründete Nachrichtenmagazine wies Time-Magazin sorgen außerdem dafür, dass die von Fotojournalisten geschossenen Fotos Essays ein Millionenpublikum finden. Es ist auch die Zeit, in der der Faschismus sich überall in Europa ausbreitet und besonders natürlich auch durch das Wirken der Nazis in eine Menge Menschen, insbesondere jene jüdischer Abstammung innerhalb Europas auf der Flucht. Und besonders Intellektuelle und Künstler zieht es natürlich in Europas Hauptstädte und da zuallererst Paris. Es ist dieses Paris, indem man zu der Zeit Picasso, Ernest Hemingway, Willy Brandt und so manchen anderen damals oder heute großen Namen antreffen kann. In Paris findet man zu der Zeit auch eine Menge Schriftsteller, Journalisten und Fotografen.

Oder anders formuliert: Es gibt eine Unmenge an Menschen, die versuchen, mit einer Schreibmaschine oder einer Kamera irgendwie über Wasser zu bleiben.

Eine von ihnen war die 23 jährige Gerta Pohorylle, die war wie viele deutsche Juden vor den Nazis auf der Flucht, hatte sie doch in Leipzig Flugblätter gegen die Partei Hitlers verteilt und war dort mit den Behörden in Konflikt geraten. Und bevor man sie dann endgültig festsetzte, hatte sie sich nach Frankreich abgesetzt. Die blonde Gerda sah so ein bisschen aus wie Natalie Portman, sprach drei Sprachen fließend und war gleichzeitig Charmebolzen und Energiebündel. Sie erledigte Schreibarbeiten für französische Medienhäuser und Fotoagentur und lernte über diese Arbeit und den damit kommenden Bekanntenkreis den Fotografen Endre Ernő Friedmann kennen. Wie Gerta war er wegen den Nazis aus Deutschland weggegangen. Wie sie war er ein mit20er und auch ihm sagt man ein gewinnendes Wesen und unglaublich viel Charme nach. Gerda und Endre teilen bald Tisch und Bett miteinander und versuchen ihr Glück gemeinsam. Er als Pressefotograf, sie als seine Agentin. Das Problem nur Auch wenn die Franzosen nicht so radikal wie die Deutschen zu der Zeit waren, waren sie trotzdem der vielen Migranten und Flüchtlinge einigermaßen überdrüssig. Und wenn man versuchte, ohne Aufenthaltsgenehmigung mit einem fremdartig klingenden Namen gute Aufträge zu ergattern oder ordentliche Preise zu erzielen, da hatte man es schwer. Und so hatte Gerda damals zwei großartige Ideen. Der erste Gedanke Zwei Fotografen produzieren mehr Bilder als einer. Endre hatte ihr inzwischen beigebracht, mit seiner Leica zu fotografieren. Und Gerda war Feuer und Flamme. Sie hatte die Fotografie schon immer gemocht. Selber zu fotografieren hieß damals übrigens nicht nur Fotos zu machen, sondern besonders für die mit wenig Geld. Hieß das auch im eigenen Labor zu entwickeln. Oder besser gesagt im eigenen Badezimmer. Der zweite Gedanke hatte mit den niedrigen Honoraren zu tun. Damals gab es nämlich eine Zweiklassengesellschaft. Die Fotografen, deren Namen man kannte, machten weit mehr Geld als die namenlose Heerscharen Pressefotografen, die irgendwie versuchten, von der Hand im Mund zu leben. Und zur letzteren gehörte Gerda Andres. Es war einfach auch sehr offensichtlich, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als Fotos für niedrige Preise zu verkaufen. Ein wohlklingender Name musste also her. Und so beschloss Gerda, dass sie sich als Agentin für den amerikanischen Star Fotograf Robert Capa ausgeben würde.

[Einspieler:]

“Friedmann klingt zu jüdisch, also wird aus Endré Friedmann, Robert Capa in Anlehnung an den Hollywood-Regisseur Frank Capra. Und aus Gerta Pohorylle wird Gerda Taro, eine Verneigung vor Greta Garbo. Die beiden glauben fest, dass ihre neuen Namen der Schlüssel zur Verwirklichung ihrer Träume sind. Gerda weiß mittlerweile genau, was die Fotoagenturen wollen. Sie ist bereit, alles für ihren Geliebten zu tun.”

Dieser Teil der Geschichte wird übrigens gerne mal falsch erzählt. Da wird behauptet, Gerda hätte praktisch Endres umgestaltet zu Robert Capa Das mag später mal dann so der Fall gewesen sein, aber am Anfang war die Idee tatsächlich die, dass beide Fotos schießen und dann als angebliches Werk von Robert Capa vermarktet würden. Und die Rechnung ging auf schon die Honorare der ersten Aufträge für Robert Capa waren dreimal so hoch wie alles, was Endres und Gerd vorher einfahren konnten. Das ging auch eine ganze Weile gut aber natürlich passierte dann, was passieren musste. Der ganze Schwindel flog auf. Und das war auch der Moment, in dem Endre endgültig zu Robert Capa wurde. Gerta und Endre waren talentierte Fotografen und deswegen hatte sich Robert Capa inzwischen einen ordentlichen Namen gemacht. Die Aufträge kamen also auch weiterhin rein. Inzwischen war das Jahr 1933 und die Welt hielt den Atem an. Als der spanische General Franco beschloss, die demokratisch gewählte Regierung in Spanien mit einem Militärputsch abzusetzen. Und es war damals weit mehr als einfach nur eine Regierung, die zu kippen drohte. Der Spanische Bürgerkrieg wurde gesehen als der Vormarsch des Faschismus. Die intellektuelle Elite in Europa ging davon aus, dass, wenn Franco erfolgreich sein würde, nichts mehr den Faschismus aufhalten könnte. Und viele von ihnen beschlossen deswegen nach Spanien zu reisen, einmal um das spanische Volk zu unterstützen. Es war ja tatsächlich so, dass die Bürger Spaniens sich gegen den Faschismus zur Wehr setzten oder wenigstens doch zu dokumentieren. Und auch Gerda und Robert machten sich auf den Weg. Wir machen uns da heute glaube ich, gar keine Vorstellung mehr, von wie mächtig damals Fotografie gewesen sein muss. Foto Magazine wie das Time Magazine waren gerade erst gegründet worden. Die Menschen waren noch nicht von endlosen Fotos und Videos abgestumpft. Vom Krieg hatte man gelesen und gehört. Ganz selten mal was davon gesehen.

Gleichzeitig fand in Spanien Unglaubliches statt. Hitlers Luftwaffe bombardierte Städte, um Franco zu unterstützen und es wurde auf das Verbissenste gekämpft. Im Ersten Weltkrieg gab es Millionen Opfer, aber das waren alles Soldaten. Im Spanischen Bürgerkrieg gab es über eine halbe Million Tote und die meisten davon Zivilisten. Und zwischen ihnen: Journalisten, Künstler, Intellektuelle und eben auch Fotografen. Es ist diese Zeit, wo sich Gerda und Robert einen Ruf wie Donnerhall erarbeiten. Sie gehen dahin, wo der Kampf wirklich tobt, an die Front. Sie laufen mit den Soldaten über die Schlachtfelder. Sie fotografieren nicht nur aus der Ferne das Geschehen, sondern von mittendrin. Von Robert Capa ist ein Zitat überliefert: “If you pictures and good enough,, you aren’t close enough.”- Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran. 

Und damit meint er nicht nur physikalisch nah genug, sondern auch emotional nah genug. Und Gerta ist fast noch besser in dieser Disziplin als Robert. Ein blondes, ein Meter fünfzig großes Persönchen, dem spanische Soldaten Respekt zollen für ihren Mut. Auch hier fotografieren sie beide unter dem Namen Robert Capa. Die Bilder werden gemeinsam vermarktet. Ihr Ziel ist es, mit den Fotos die Öffentlichkeit aufzurütteln. Das Schicksal der Spanier bekannt zu machen und unter Umständen den Verlauf des Krieges zu beeinflussen. Sie machen Fotos, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Es gibt mindestens drei große Kunstwerke, die man auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückführen kann. Ernest Hemingway schreibt nach den Eindrücken des Spanischen Bürgerkriegs den Roman “Wem die Stunde schlägt”. Picasso, geprägt von der Bombardierung der Stadt Guernica, erschafft ein Gemälde, das schon bei der ersten Ausstellung ein Millionenpublikum anzieht und als eine der großen Anti-Kriegsikonen der Menschheit beschrieben wird. Und Robert Capa hält einen spanischen Milizionär in der Sekunde, in der er erschossen wird, fest und wird mit diesem Bild weltberühmt.

Um dieses Bild sollte später noch viel gestritten werden. Und ich glaube, das verdient mal eine eigene Episode. Tatsache aber ist auch hier fotografierten Endre und Gerta gemeinsam. Und beide fotografieren längst nicht mehr, um damit Geld zu verdienen, sondern sind eigentlich Aktivisten in diesem Krieg. Gerda sagt einmal:” Wenn du mal daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein.” Ihre Bilder Strecken sind gefragt und unter dem Namen Robert Capa wird ein Fotoessay nach dem anderen veröffentlicht. Und auch Gerda kennt man zu der Zeit durchaus. Sie ist nicht nur eine von wenigen Krieg’s Fotografen. Sie ist die einzige Kriegsfotografin. Und mit ihren zu dem Zeitpunkt gerade mal knapp 27 Jahren nötigt ihr Mut jedem Respekt ab. Sie war auch längst nicht immer mit Robert gemeinsam unterwegs. Manche Einsätze bestritten die beiden auch getrennt voneinander allein. So auch im Juli 1937.

[Einspieler:]

“The News tells that Franco is preparing a major offensive and he intends it to be his decisive blow. He believes his attack will end this savage spanish war.”

Sie waren an die brunete Front geeilt, wo eine Offensive der republikanischen Armee gegen die Nationalisten tobte. Sie fotografierte diese Offensive, unter anderem auch die verheerenden Luftangriffe der deutschen Legion Condor. Wie immer ist sie ganz vorne mit dabei. Als die Situation brenzlig wird, beschließt sie, mit einem Rotkreuz Fahrzeug aus der Gefahrenzone zu fahren. Sie darf sich hinten auf ein Trittbrett stellen und zusammen mit einem Kollegen versucht sie, in Sicherheit zu kommen. Es ist dieser Moment, in dem sich ein weiterer Luftangriff von Legion Condor ankündigt. Der LKW kommt ins Schlingern. Gerda fällt von dem Trittbrett und wird von einem republikanischen Panzer überrollt. Sie kommt schwerverletzt ins Krankenhaus, wird dort noch notoperiert und stirbt aber in der Nacht. Ihre letzten Worte sind überliefert, als “wo sie meine Kameras”. Die waren freilich tatsächlich verschollen. Aber die Fotos, die sie an den Tagen und an diesem Tag geschossen hatte, die wurden tatsächlich wenige Tage später veröffentlicht. Und so war Gerda Taro nicht nur die erste Kriegsfotografin überhaupt, sondern auch gleichzeitig die erste Fotografin, die im Krieg im Einsatz ums Leben kam. Gerade drei Jahre vorher hatte Endre Friedmann ihr das Fotografieren und Entwickeln von Bildern beigebracht und ihr damit das Werkzeug in die Hand gedrückt, mit dem sie die Kriegsfotografie und Fotojournalismus für immer verändern sollte. Robert Capa erfuhr von ihrem Tod im Wartezimmer eines Zahnarztes aus der Zeitung. Und so wie ihr Tod Nachrichtenwert hatte, war auch ihre Beerdigung alles andere als gewöhnlich.

[Einspieler:]

“Gerda wird nach Paris überführt und an ihrem Geburtstag auf dem Pierre Lachaise beigesetzt. Sie ist 27 Jahre alt geworden. Der Trauerzug wird zu einer gigantischen Demonstration gegen den Faschismus.”

Robert Capa sollte ab da nicht mehr aufhören, Kriege zu fotografieren. Den spanischen Bürgerkrieg fotografierte er bis zu seinem Ende. Und später sollte er uns die berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs überhaupt, die verwaschenen, verwackelten Bilder von der Landung in der Normandie bescheren. Fotos übrigens, für die er beinahe gestorben wäre. Aber auch die Geschichte, will ich zu einem anderen Anlass erzählen. Wir bleiben noch ein bisschen länger bei Gerda. Die hatte nämlich zusammen mit Robert und zusammen mit einem Fotografen, den wir als Jim kennen, nämlich David Seymour, tausende von Fotos im Spanischen Bürgerkrieg geschossen. Und als Robert und Jim zum Ende des Kriegs hin überstürzt das Land verlassen mussten, packten die diese negative ,4500 an der Zahl, in drei Boxen und gaben sie in die Hände eines befreundeten Generals zur Aufbewahrung. Und wie das mit Kriegen so ist, schließlich fing ja dann auch der Zweite Weltkrieg an. Sie sorgen für Verwirrungen und Dinge gehen verloren. Und so waren auch diese drei Boxen komplett verschollen. Unter ihnen Aufnahmen wie die von dem Tag, an dem der gefallene Soldat fotografiert wurde und unzählige andere Ereignisse. Mexiko hatte damals großzügig Spanier auf der Flucht aufgenommen und ihnen die Möglichkeit gegeben, komplett überzusiedeln. Und das war ein Angebot, das viele Spanier angenommen hatten. Heute ist es so, dass praktisch jeder Spanier und eine große Zahl Mexikaner Familiengeschichte mit dem Spanischen Bürgerkrieg verbindet. Wie wir jedenfalls heute wissen traten auch diese drei Boxen, die zur Aufbewahrung abgegeben worden waren, eine Reise nach Mexiko an und waren dann dort einfach weiter verschollen, lagen auf einem Dachboden, bis sie 2007 endlich wieder auftauchten. Robert Capas Bruder hatte das International Center for Photography gegründet, dass sich unter anderem damit beschäftigt, das Erbe von Gerda Taro und Robert Capa zu verwalten. Freilich kennt Gerda kaum jemand, jeder hingegen kennt Robert Capa. Taros Biografin sagt, das hat im wesentlichen drei Gründe, Erstens sie ist eine Frau, Zweitens sie war Jüdin, Drittens sie starb und die Bilder die sie mit Robert gemeinsam veröffentlicht hatte ließen sich nichtmehr unbedingt zweifelsfrei zuordnen.

Das kam damals sowieso öfter vor. Insbesondere natürlich auch, wenn Negative zusammengeworfen werden oder verschütt gehen. Das Mexican Suitcase, wie man die drei Boxen, die 2007 auftauchten, inzwischen nennt, hat da allerdings wirklich Licht ins Dunkel gebracht. Denn viele von den Negativen lassen sich nun Gerda oder Robert Capa zuordnen. Die beiden haben auch relativ oft dieselben Szenen fotografiert und so ist es nochmal ein zusätzlicher Informationsgewinn. Die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beobachten zu können. Das International Center Photography hat sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die Fotos in dem Mexican Suitcase regelmäßig auszustellen. Und natürlich sind da dann Gerdas Bilder, soweit man sie zuordnen kann, eindeutig gekennzeichnet. Über 80 Jahre nach ihrem Tod, für Robert Capa war Gerda Taro die Liebe seines Lebens. Gerda Taro sollte die einzige längere Beziehung, die er eingehen würde, bleiben. Und auch er sollte Jahrzehnte später im Einsatz sterben. In Indochina fotografierte er den Vietnamkrieg und stirbt durch eine Antipersonenmine, als er versucht, mit seiner Kamera in der Hand näher an die Szene, die er fotografieren wollte, zu kommen.

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