Reportagefotografie – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me Geschichten über das Sehen. Fri, 15 Jul 2022 11:08:01 +0000 de hourly 1 https://fotomenschen.kopfstim.me/wp-content/uploads/sites/8/2020/08/cropped-favicon-fotomenschen-32x32.jpg Reportagefotografie – Fotomenschen https://fotomenschen.kopfstim.me 32 32 Der Fotograf der Fotografen https://fotomenschen.kopfstim.me/der-fotograf-der-fotografen/ Sun, 24 Apr 2022 19:24:18 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Henri Cartier-Bresson wird von manchen als der größte Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet, einen Titel den er fast schon ärgerlich zurückweist… Er selbst sah sich nicht einmal als Fotograf.

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Titelbild: By Martine Franck / Magnum Photos / Fondation HCB – http://www.henricartierbresson.org/en/hcb/, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33722890

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Arbeitende Kinder https://fotomenschen.kopfstim.me/arbeitende-kinder/ Sat, 09 Oct 2021 15:44:06 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten.

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Tranksript

Als die Industrialisierung in Ländern wie den USA ankam, brauchte sie vor allen Dingen eins: billige Arbeitskräfte. Und die billigsten Arbeitskräfte, das sind die Kinder armer Familien. Sie sind billig, sie sind schnell, sie trauen sich nicht, zu streiken und es gibt viele. Kein Wunder, dass die Land auf, Land ab im Einsatz sind. Sie sind Minenarbeiter, Fabrikarbeiter, helfen bei Ernten, laufen als Botenjunge und Zeitungskinder durch die Straßen.

Und die Menschen, die nicht zu den Armen gehören, schauen sich das an und finden nichts dabei, denn sie wissen ja nichts über die Bedingungen, bei denen diese Kinder arbeiten. Ein Zustand, der sich dank der Fotografien eines bemerkenswerten Mannes ändern sollte: Lewis Wickes Hine.

Ich habe so einige Stunden diese Woche damit zugebracht, mich durch Lewis Hines Bilder zu blättern. Es gibt vom Taschenverlag ein Buch, in dem sein Gesamtwerk abgebildet ist. Geboren wird er im Jahr 1874 in Wisconsin. Als sein Vater stirbt, als er gerade mal 16 war, wird es notwendig, dass er zum Familieneinkommen beiträgt, und so fängt Lewis zu Arbeiten an. Ob da vielleicht sogar schon ein Grundstein für sein späteres Werk gelegt wird, kann man nur spekulieren, aber in jedem Fall weiß man, dass Lewis von Anfang an viel mit der arbeitenden Bevölkerung zu tun hatte, mit Menschen, die nicht immer gut gestellt waren.

Es ist das Jahr 1900, als er ein Pädagogikstudium in Chicago beginnt und wenige Jahre später an der Ethical Culture School in New York eine Anstellung als Lehrkraft antritt. Hier findet Lewis Hine auch zur Fotografie, damals noch im Kollodium-Nassplatten-Verfahren, und beginnt irgendwann schließlich auch Fotokurse zu geben.

An seiner Schule sind viele Einwanderer eingeschrieben, hauptsächlich osteuropäischer oder jüdischer Abstammung. Ein Großteil der Einwanderer in der damaligen Zeit kommen durch New York. Und alle mussten Station auf Ellis Island machen, einer kleinen Insel im Hudson River, auf dem die Einwanderungsbehörden der USA sämtliche Formalitäten erledigen. Alle Migranten, die zu der Zeit von der Seite in die USA einreisen, müssen durch diese Insel.

Und Lewis beschließt, daraus ein Fotoprojekt zu machen. Es entstehen die ersten eindrücklichen Aufnahmen von Einwanderern, Menschen, die sich den Formalitäten unterwerfen, die dort Treppen hochsteigen und in Warteräumen sitzen.

Das, was Lewis Hine schon damals macht, hat heute einen Namen, nämlich Sozialreportage, aber zu der Zeit gab es das kaum. Niemand machte sich die Mühe, Menschen dabei zu fotografieren, wie sie ihrem Alltag nachgingen. Und schon gar nicht, wenn diese Menschen im Grunde benachteiligte, oft arme Leute aus anderen Ländern sind. Lewis spricht auch mit seinen Fotomotiven, er macht Notizen. Und so wissen wir oft nicht nur, welche Szene eine Aufnahme zeigt, sondern haben auch Details zu einzelnen der Menschen, die darauf abgebildet sind. Name, Alter, woher sie kommen, was sie machen.

Je mehr Lewis fotografiert, desto mehr beginnt er auch, sich für die theoretische Seite seiner Leidenschaft zu interessieren. Er fängt an, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Das Themenspektrum ist weit: Mal geht es um die Wirkung von Fotografien, mal schreibt er über die pädagogischen Ideen in seiner Arbeit. Und dann wieder äußert er sich zu den sozialen Bedingungen, die er antrifft.

Es ist diese Zeit, in der er auch den Soziologen Paul Kellogg kennenlernt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift namens „The Survey“ und Lewis Hine wird in den folgenden 30 Jahren Bilder in diesem Magazin veröffentlichen. Zu der Zeit, als die zwei Männer sich kennenlernen, arbeitet Kellogg gerade an einer Studie, in der er sich mit den Zuständen in der aufstrebenden Industriestadt Pittsburgh beschäftigt und Lewis Hine soll die Fotografien zu diesem Projekt beisteuern. Kellogg geht es darum, die wirtschaftlichen Faktoren mit der Politik seiner Zeit durch Reportageelemente zu verbinden und da sind natürlich Fotografien einzigartig mächtig.

Hine fährt also durch die Industrieanlagen Pittsburghs und macht Fotos von den Arbeitern und ihren Familien und wer zu der Zeit in Fabriken fotografiert, konnte gar nicht anders, als auch Kinder beim Arbeiten zu sehen. Und auch die fotografiert Hine.

Jetzt ist es nicht so, dass Hine als erster Kinderarbeit entdeckt hat. Tatsächlich hat zu der Zeit die USA ein immer deutlicher werdendes Kinderarbeitsproblem. Im Jahr 1910 sind über 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren nicht in der Schule, sondern im Beruf. Die Arbeiten sind oft anstrengend und nicht selten auch gefährlich und so kommt es auch immer wieder auch zu bedauerlichen Unfällen. Es gibt kaum eine Gesetzeslage, die die Kinder schützen würde. Und es gibt nur wenige, die für diesen Schutz kämpfen.

Es ist dieses Klima, in dem das National Child Labor Committee gegründet wird, eine Non-Profit-Organisation, die sich für entsprechende Gesetzgebung einsetzen will und die Macht der Bilder erkennt. Hine hat sich zu der Zeit bereits einen Namen mit seinen Fotografien für die Studie und seinem Projekt auf Ellis Island gemacht und so beschließt das NCLC, einen offiziellen Fotografen anzustellen und wendet sich an ihn. Er sagt zu und die nächsten Jahrzehnte wird Hine kreuz und quer durch die USA reisen und Kinder fotografieren. Und diese Bilder werden in „The Survey“, in Publikationen der NCLC oder auch in Vorträgen und anderen Publikationen von Lewis Hine selbst veröffentlicht.

Nach und nach greifen auch immer öfter Zeitungen auf Bilder von Lewis Hine zurück. Und als US-Politiker anfangen, erste Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen, sind es die Bilder von Lewis Hine, die letztlich den Ausschlag geben. Er hat ganze Serien von Aufnahmen, wo kleine Kinder, manchmal nur vier oder fünf Jahre alt, an gigantischen Maschinen arbeiten, wo Kinder zwischen sieben und zwölf in Minen arbeiten, Bilder von Kindern, die ihre Hände in Maschinen gebracht haben und seitdem invalide sind, Fotografien von Zeitungsjungen, die von drei Uhr Nachts bis Abends um elf Zeitungen verkaufen und dafür zehn Cent am Tag verdienen.

Und Lewis hat nicht nur diese Bilder, er hat auch immer ein paar Zeilen dazu. Er weiß, wer auf dem Bild ist. Lewis schreibt auf, welches Alter die Kinder angeben und welches Alter er schätzt. Inzwischen weiß er, auf welcher Höhe ungefähr jeder Knopf auf seinem Mantel ist und er kann durch Abzählen der Knöpfe grob schätzen, wie groß die Kinder sind und eine grobe Altersangabe machen.

In manchen Fabriken ist er natürlich nicht willkommen. Die Vorarbeiter sehen es nicht gerne, dass ein Fotograf auftaucht. Und so findet er alle möglichen Wege, um sich seine Fotos zu besorgen. Manchmal gibt er sich als Vertreter für Bibeln aus und sagt, er hat eine Kamera dabei, damit er seine Kundinnen und Kunden beim Bibellesen fotografieren kann, besonders Kinder mit Bibeln wären ihm sehr recht. Oder er stellt sich mit seiner Kamera einfach vor die Fabrik und fotografiert die Kinder beim Kommen und Gehen.

Lewis Hine macht tausende solcher Aufnahmen. Aber das berühmteste seiner Bilder zeigt die kleine Sadie Pfeifer. Sie ist eines von vielen kleinen Kindern, die in einer Baumwollspinnerei die Maschinen bedienen.

Was ich sehr interessant fand, war, beim Durchblättern von Lewis Hines Werk, dass er anders als seine Zeitgenossen zu fotografieren schien. Seine Bilder haben meistens einen sehr präzisen Bildaufbau. Ich schätze, daran erkennt man unter anderem auch den Fotolehrer. Aber der Bildaufbau bei Lewis Hine ist im Grunde immer der Gleiche. Je nach Bildmotiv sind zum Beispiel Kinder auf der rechten Seite vor einer an ihm vorbeilaufenden großen Maschine abgebildet, immer ungefähr in derselben Position. Oder kleine Kinder stehen in der Mitte der Aufnahme und schauen direkt in die Kamera, die Kamera ganz offensichtlich leicht unterhalb ihrer Augenlinie, sodass man nach oben schauen muss. Lewis begibt sich grob auf Augenhöhe seiner fotografierten Kinder und dadurch werden die Betrachterinnen und Betrachter dazu gezwungen, sich mit dem Motiv zu identifizieren. Außerdem arbeitet Lewis Hine mit selektiver Schärfe. Die Schärfe liegt präzise auf dem Kind.

Der Hintergrund und der Vordergrund verschwimmen in aller Regel leicht in der Unschärfe. Man sieht eine gewaltige Maschine mit einem Streifen Schärfe dran und ein arbeitendes oder Pause machendes Kind. So lassen sich diese Aufnahmen kombinieren, nebeneinander stellen, es ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Bildern, die den industriellen Komplex in den USA noch mächtiger aussehen lassen.

Und seine Bilder beeindrucken. Es gibt ja ungefähr zu der Zeit noch einen anderen großen sozialen Fotografien, nämlich Jacob Riis. Die beiden Männer kannten sich sogar. Während Jacob sich mit den Lebensbedingungen der Menschen in New York und in den USA allgemein beschäftigte, ging es Lewis in erster Linie um die Arbeitsbedingungen. Und seine Arbeit zeigt Wirkung. Nach und nach werden entsprechende Forderungen aufgestellt und Gesetzesentwürfe veröffentlicht. Riis ist zu der Zeit der Chef der NCLC Ausstellungsabteilung und macht bis zu elf Fotoausstellungen im Jahr. Und die Ausstellungen touren zum Teil bis zu 60 Städte.

Im Jahr 1912 gründet die US-Regierung das US Children’s Bureau, 1916 bis 1918 werden dann endlich Gesetze verabschiedet, die Kinder schützen sollen. Allerdings greifen diese Gesetze in die Autonomie der US-Bundesstaaten ein und so kommt es schnell zu Klagen, woraufhin das oberste Gericht der USA diese Gesetze zunächst wieder annulliert.

Ultimativ dauert es bis in die 30er, bis die USA ordentliche Kinderschutzgesetze verabschieden. Und der Hintergrund ist damals auch ein zynischer: Die Weltwirtschaftskrise schlägt zu. Und die ersten, die durch die Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit verlieren und nicht mehr gebraucht werden, sind die Kinder der Armen, dicht gefolgt von den Armen selbst. Und in einer Wirtschaft, in der es sowieso nicht genügend Arbeit gibt, um alle zu beschäftigen, ja, da hat sich das mit der Kinderarbeit auch erstmal erledigt. Und dieser Moment wird dann vom Gesetzgeber auch genutzt. Als die Weltwirtschaftskrise vorbei ist, gibt es in den USA ordentliche Kinderschutzgesetze, auch auf Bundesebene.

Und Lewis Hine kann von sich behaupten, einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser gesamten Bewegung gehabt zu haben. Und das galt natürlich insbesondere deswegen, weil Lewis Hine einen fotografischen Stil und ein Thema gewählt hatte, das so noch nie dagewesen war und die Menschen aufrüttelte. Eltern sahen Kindern in die Augen, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten und da war es einfach sehr klar, dass eine Schule ein besserer Ort für ein Kind ist. Die so bebilderten Kampagnen rannten dann offene Türen ein.

Und so blieb es auch bei Lewis Hine nicht bei den Bildern von Kinderarbeitern, nach mehreren Jahren Fotografie mit sozialem Auftrag fand er ein neues Schaffensfeld: Er wurde vom Roten Kreuz angestellt und nach Europa geschickt. Dort fotografierte er die Bemühungen des Roten Kreuzes, also zum Beispiel in Kriegslazaretten. Und auch hier richtet er seine Kamera auf den Alltag und auf die einfachen Leute, Krankenschwestern, Veteranen, die Familien der verletzten Soldaten, die Kriegsweisen.

Und was man hier auch nach und nach sieht, ist, dass Hine seinen Blickwinkel verändert. Aus Fotografien, die auf soziale Missstände hinweisen, werden Bilder der Arbeiterklasse.

Als er dann in die USA zurückkehrt, ist das sein Haupttätigkeitsfeld. Wieder reist er durch die USA und wieder fotografiert er hauptsächlich die einfachen Menschen, aber jetzt die Arbeiter und jetzt auch oft mit einem deutlich positiverem Blick. Seine Bilder werden regelmäßig in Firmenzeitungen abgedruckt oder für Werbekampagnen gekauft. Und irgendwann bekommt er den Auftrag, das im Bau befindliche Empire State Building als offizieller Baustellenfotograf zu begleiten.

Und hier bringt er alles zusammen, was er in den Jahrzehnten zuvor an Kenntnissen zusammengetragen hatte. Er ist an den Arbeitern interessiert. Im Stil sehen die Bilder sehr vertraut aus. Ich hab ähnliches von Margaret Bourke-White gesehen, oder auch Bilder wie „Lunch atop a Skyscraper“, wo ein Stahlträger mit darauf sitzenden Arbeitern abgebildet ist, sehen sehr ähnlich aus wie Aufnahmen, die Lewis Hine hinterlassen hat. Männer, die auf Stahlträgern in schwindelnder Höhe balancieren. In diesen Aufnahmen gibt es keine Missstände anzuprangern. Hine nutzt seine Ästhetik, um den einfachen Mann bei der Arbeit zu feiern. Und diesem Thema bleibt er dann auch bis zum Ende seines Lebens treu.

Nach dem Empire State Building gibt es jetzt keine großen Aufträge mehr, aber Hein fotografiert bis zu seinem Lebensende weiter, meistens Portraits. Und weil er nicht besonders geschäftstüchtig ist, geht ihm nach und nach auch das Geld aus. Als seine Frau stirbt, ist er fast mittellos, zieht bei seinen Kindern ein und beschäftigt sich bis zu seinem Tod mit Schreiben und Fotografieren. Und geriet dann erstmal in Vergessenheit.

So richtig berühmt war er sowieso nie geworden. Seine Arbeit war immer im Schatten anderer Frontfiguren gestanden und so dauert es fast bis in die 70er, bis eine groß angelegte Ausstellung sein Werk nochmal der Öffentlichkeit vorstellt und damit sehr deutlich macht, wie viel Einfluss seine Arbeit auf die Bildarbeit der damaligen Zeit hatte. Die Fotografinnen und Fotografen, die parallel zu ihm oder kurz nach ihm kamen, kannten seine Fotografien ja sehr wohl. Seine Bilder waren Inspirationsquelle, seine Essays waren gelesen worden und so erkennt man seinen Einfluss bis heute. Und bis heute gibt es auch Fotografinnen und Fotografen, die sich mit denselben Themen beschäftigen. Da gibt es Bildbände, in denen einfache Arbeiter portraitiert werden und es gibt Bücher, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen.

Wir haben jetzt gerade, während ich aufnehme, das Jahr 2021 und laut der UNICEF ist dieses Jahr zum ersten Mal wieder mal ein Jahr, in dem die Kinderarbeit global zugenommen hat. 160 Millionen Kinder unter 14 Jahren arbeiten weltweit unter Bedingungen, unter denen Kinder nicht arbeiten sollten. Und damals wie heute gibt es Menschen, die darauf aufmerksam machen und versuchen, mit Fotografien aufzurütteln. Leider ist unsere Welt viel, viel zynischer geworden und deswegen reicht schon lang keine fotografische Arbeit mehr aus, um Regierungen zum Handeln zu bewegen. Was aber nicht heißt, dass es das nicht weiterhin wert ist. Lewis Hine hätte gesagt, es ist es immer wert, dem Menschen zu zeigen, was sonst viel zu einfach wegzuignorieren ist. Und ich finde: Da hat er Recht.

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Die letzte Landung https://fotomenschen.kopfstim.me/die-letzte-landung/ Sat, 18 Sep 2021 13:11:38 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Am 13. September 1962 wollte der Fotograf Jim Meads eigentlich ein Familienfoto mit Kampfjet aufnehmen, schoss dann aber ein legendäres Bild mit dem niemand hätte rechnen können.

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Transkript

Einer der besten Ratschläge, den man Fotografinnen und Fotografen geben kann, ist, die Kamera immer dabei und bereitzuhaben, denn man weiß eigentlich nie, wann sich die Gelegenheit zu einem spektakulären Foto ergibt.

Als Jim Meads am 13. September 1962 mit seinen zweijährigen und dreijährigen Söhnen unterwegs war, hatte er die Kamera allerdings nicht zufällig dabei, sondern hatte die Absicht, ein spektakuläres Familienfoto zu machen. Der Brite wohnte in der Nähe eines Flughafens der Airforce und die arbeitete zu der Zeit an einem Hochgeschwindigkeitskampfjet. Sein Nachbar war der Pilot Bob Sowray und der hatte ihm gesteckt, dass er am darauffolgenden Tag eine dieser Wundermaschinen testfliegen durfte.

Und die English Electric Lightning F1 war ein big deal, das war zu der Zeit die einzige Kampfmaschine in Großbritannien, die schneller als Mach 2 fliegen konnte, also zweifache Schallgeschwindigkeit beherrschte. Außerdem konnte dieses Kampfflugzeug praktisch vertikal starten, sobald sie also eine gewisse Flughöhe erreicht hatte, konnte sie die Nase in den Himmel drehen und wie eine Rakete an Höhe gewinnen.

Jim Meads wusste also, diese Maschine würde am darauffolgenden Tag in seiner Nachbarschaft starten und landen und da wollte er ein Familienfoto mit seinen zwei Jungs, die damals zwei und drei waren, machen. Kleinkinder, die mit offenem Mund ein landendes Kampfflugzeug bestaunen, wenn man das richtig macht, stelle ich mir das süß vor.

Er stapft an jenem 19. September 1962 also mit Kamera und Kindern querfeldein, um möglichst nah an das Flugfeld zu kommen. Es war inzwischen zu ein paar Änderungen gekommen und es war nicht mehr sein Nachbar, der am Steuer dieses Flugzeugs sitzen würde, sondern ein hoch respektierter, berühmter Testpilot, der einen Vorführflug mit dieser Maschine jetzt nun machen sollte.

Während sich der Testpilot auf dem Startlandefeld bereitmacht und Jim mit seinen Kindern über den Acker stapft, mäht ein dritter, Mick Sutterby, zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt, die Wiese, über die Jim versucht, in die Nähe der Startlandebahn zu kommen. Er hatte einen Hilfsjob angenommen und hatte den Auftrag, die Wiesen rund um den Flughafen zu mähen. Und die Familie, die da über diese Wiese stapfte, die war nicht nur im Weg, sondern Mick wusste auch: Die hatten da eigentlich nichts verloren. Also nahm Mick sich vor, die Familie zu verscheuchen, sobald er in die Nähe kam. Er hielt sowieso gerade mit seinem Traktor in die Richtung, passte also.

Während er das so dachte, hob hinter ihm die Lightning ab und Jim, der Fotograf, machte sich bereit fürs Foto. Es war ein Prototyp, eine von gerade mal 20 Maschinen, die zu der Zeit in Großbritannien getestet wurde. Trotzdem rechnete der Testpilot George Aird eigentlich nicht mit Problemen. Er hatte gerade seine ersten Vorführmanöver abgeschlossen und wollte mit dem Flieger zur Landung ansetzen, als aus seiner leckenden Treibstoffleitung austretendes Kerosin Feuer fing und relativ schnell die Steuersysteme verbrannte. George hoffte, dass er den Flieger trotzdem noch herunterbringen könnte.

Er war in 30 Metern Höhe, als er endgültig die Kontrolle über die Maschine verlor und sie sich erst in die Höhe und dann mit der Nase Richtung Boden richtete. 30 Meter Höhe, 200 Stundenkilometer, die Nase auf den Boden gerichtet, ganz schlechte Kombination für einen Kampfpiloten. George Aird war trainiert und er reagierte genau richtig: Er zog sofort den Schleudersitz.

Jim war zu der Zeit eigentlich schon ready. Er hatte seine Kinder drapiert, er hatte die Kamera im Anschlag, als er sah, dass irgendwas schiefgeht. Allerdings bemerkte er auch, dass Mick Sutterby mit seinem Traktor auf sein Bild zufuhr und eigentlich schon im Begriff war, die Komposition zu ruinieren.

Und dann geht alles ganz schnell. Die Maschine beginnt, seltsam zu klingen und zu rauchen, geht in Trudeln über und als Mick das auf seinem Traktor hört, richtet er sich auf, sieht sich um und blickt auf eine unglaubliche Szene.

Jim hingegen hatte die Kamera sowieso schon in der Hand. Sein Bild zeigt einen direkt auf den Boden zusteuernden Kampfjet, den ungefähr in 30 Metern Höhe gerade aus der Maschine geschleuderten Kampfpiloten, einen Traktor und den auf dem Traktor entsetzt zum Flieger schauenden Mick.

Was für eine Aufnahme. Mick erzählt später, dass es gar nicht zu einer Explosion gekommen war, als die Maschine auf dem Boden aufschlug, es hat nur ein lautes „Wuff!“ gemacht und dann war es um die Maschine geschehen.

George Aird hatte auch Glück. Eigentlich war die Höhe nicht mehr ausreichend, um sicher auszusteigen. Er durchschlug das Dach eines Gewächshauses, wurde beim Aufprall bewusstlos und wachte dann durch die einsetzende Sprinkleranlage auf. Er hatte zwar zwei gebrochene Beine, aber die würden heilen. Er sagt später, dass er zuerst gedacht hat, er wäre im Himmel, denn aus seiner Perspektive war er von lauter Pflanzen umgeben und blickte in den Himmel, aus dem es irgendwie nass zu regnen schien, denn die Sprinkleranlage hatte gerade eingesetzt.

Und Jim hatte ein sensationelles Foto geschossen, zwar ohne seine Söhne, aber dafür mit einem abstürzenden Kampfjet, Sekunden vor dem Aufprall, und dem, was Fotograf*innen „Foreground Interest“ nennen würden, also dem Traktor mit dem verdutzt zurückschauenden Mick im Bild. Alles Zufall, Glück, aber eine großartige Komposition und ein toller Schnappschuss.

Den Jim dann erstmal niemandem zeigen durfte. Die British Army konfisziert das Bild, zumindest so lange, wie der Absturz untersucht wird, hat er niemandem davon zu erzählen und dieses Bild auch niemandem sonst zu zeigen.

Als er das Bild letztlich dann zurückbekommt, versucht er, es an die Presse zu verkaufen. Die Zeitung „Daily Mail“ lehnt den Kauf des Bildes ab, das wäre ja wohl offensichtlich eine Bildmanipulation, das kann niemals echt sein. Aber Jim lässt sich nicht entmutigen und fragt andere Zeitungen an und schließlich kauft der „Daily Mirror“ für knapp umgerechnet 22000 Euro die Rechte an dem Bild.

Das war also ein Familienschnappschuss, der sich durchaus gelohnt hat. Und ich vermute mal, Jim hat dieser Aufnahme einen Ehrenplatz in seinem Familienalbum eingeräumt.

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Der fallende Mann https://fotomenschen.kopfstim.me/der-fallende-mann/ Sat, 11 Sep 2021 15:33:36 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 ist vermutlich der meistfotografierte Anschlag aller Zeiten und es gibt eine Unmenge ikonischer Aufnahmen dieses Tages. Aber ein Bild sticht heraus und war zur Zeit seiner Veröffentlichung so kontrovers dass es danach mehrere Jahre im Giftschrank der Presseagenturen verschwand.

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Transkript

Wenn ich gerade hier so sitze und in dieses Mikrofon spreche, sehe ich bequem das Display meines Telefons. Es zeigt mir das aktuelle Datum, es ist der 11. September 2021 – 20 Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Das Datum ist natürlich offensichtlich etwas Besonderes: Überall laufen gerade Dokus und die meisten von uns wissen ganz genau, wo sie waren, als sie von den Anschlägen erfahren haben. Ich bin da keine Ausnahme, ganz besonders deswegen nicht, weil ich näher an diesen Türmen war, als mir lieb war, ich war nämlich in Queens. In Sichtweite der zu dem Zeitpunkt schon brennenden Türme.

Aber ich verkneife mir jetzt mal, hier im Podcast darüber zu sprechen, was ich an dem Tag erlebt hab. Erstaunlicherweise habe ich auch keine Fotos davon in meinem Archiv. Ich habe nicht fotografiert. Stattdessen möchte ich allgemein über die Fotografie vom 11. September und speziell über ein ganz besonderes Bild sprechen: Eine Aufnahme, die so kontrovers war, dass sich Bildredakteure nach ihrer Veröffentlichung dafür entschuldigten und mehrere Jahre lang stillschweigend die Absprache trafen, dieses Bild nicht mehr einzusetzen.

[Einspieler]

(Tagesschau Intro)

„Kurz vor neun Uhr Ortszeit in New York: Ein US-Passagierflugzeug stürzt auf einen der Türme des World Trade Centers. Wenig später rast eine zweite Maschine in den anderen Turm. Beide Gebäude stürzen kurze Zeit später nacheinander in sich zusammen. Gegen zehn Uhr stürzt ein Flugzeug auf das Gelände des Pentagon in Washington. Das Verteidigungsministerium geht teilweise in Flammen auf.“

Ich kann jetzt natürlich eine Menge Plattitüden absondern. Ich kann erklären, wie diese Anschläge selbstverständlich die Welt verändert haben. Die größten Anschläge auf amerikanischem Boden. Die Amerikaner waren auf ihrem eigenen Grund und Boden angegriffen worden, das war etwas, das ihnen bis dahin komplett erspart geblieben war. Und die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Wir haben gar keine Schwierigkeiten, uns an das World Trade Center als Gebäude zu erinnern und wir haben natürlich Bilder von den rauchenden oder den einstürzenden Türmen vor Augen. Dann ist da natürlich noch diese Aufnahme von dem schräg stehenden metallischen Fassadenstück, vor dem die Feuerwehrleute wie kleine Miniaturfiguren aussehen. Es gibt Bilder von den rauchenden Türmen in der Skyline aus Entfernung oder Aufnahmen von Menschen, die vor den plötzlich durch die Straßen rauschenden dunklen Rauch- und Staubwolken davonrennen.

Ich glaube, man kann auch davon ausgehen, dass die Anschläge vom 11. September zu den best dokumentierten Anschlägen unserer Zeit gehören. Das liegt unter anderem auch an der Stadt, in der die stattfanden: New York. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt tobt in New York das Leben und zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist New York voll mit Pressefotografen und Journalisten, nicht zuletzt auch, weil die großen Fotoagenturen natürlich Büros und Hauptquartiere in dieser Stadt haben. Als das erste Flugzeug den ersten Tower trifft, greifen in der ganzen Stadt hunderte von professionellen Fotografinnen und Fotografen zu ihrem Equipment und stürmen auf die Straße, wenn sie nicht sowieso schon in Sichtweite auf die Anschläge sind.

Vor einigen Wochen kam hier bei mir ein Päckchen an. Ich hatte bei einer Aktion mitgemacht, bei der Holger Dankelmann, seines Zeichens Podcaster und Fotograf, Fotobildbände in einer Art Kettenbrief rumschickte. Die Idee war, ein Päckchen mit Bildbänden zu bekommen, dort dann einzelne Bücher rauszunehmen, dafür andere Bücher beizusteuern und es wieder zum nächsten Empfänger auf die Reise zu schicken. Als das Paket bei mir ankam, enthielt es unter anderem einen Bildband der Fotoagentur Magnum, in der die Magnumfotografinnen und -fotografen ihre Aufnahmen vom 11. September zusammengetragen hatten. Und dann waren natürlich noch Unmengen von Touristen in der Stadt, die auch alle fotografierten.

2001 war eine Zeit im Umbruch. Nicht alle fotografierten auf Film. Manche hatten schon digitale Kameras, zumindest, wenn sie Fotografen bei Bildagenturen wie Associated Press waren. Generell gab es aber noch beides: Film und Digital existierte nebeneinander. Der Fotograf Richard Drew war einer der Digitalpioniere. An diesem Morgen hatte er von Associated Press den Auftrag bekommen, im Rahmen der auch gerade stattfindenden Fashion Week ein Fashion-Event zu dokumentieren. 

Das Ganze hatte gerade angefangen, er hatte die ersten Fotos gemacht, als die Telefone anfingen zu klingeln und er von seinem Büro kontaktiert wurde, mit der Nachricht, es hätte einen Terroranschlag in der Stadt gegeben und es gäbe jetzt eine Änderung seiner Pläne, er soll nämlich los und die Ereignisse dokumentieren. Er nimmt also die Fashion Week Karte aus der Kamera, steckt die nächste Karte ein und macht sich auf den Weg zum World Trade Center.

Richard Drew war ein Veteran. Er war zu dem Zeitpunkt über 50 Jahre alt und man kannte ihn als einer von vier Fotografen, die bei der Ermordung Robert Kennedys zufällig fort gewesen waren. Er war außerdem Pulitzer-Preisträger und seit seinen 20ern immer als Pressefotograf unterwegs. So jemand fragt nicht, ob er etwas fotografieren soll, so jemand macht sich auf den Weg, um mit seiner Kamera History in the Making zu dokumentieren.

Ich habe verschiedene Interviews von Fotografinnen und Fotografen zu dem Ereignis gehört. Sie alle sagen in etwa dasselbe. Es sind nämlich Momente wie diese, für die sie Fotografinnen und Fotografen geworden sind. Ereignisse, die dokumentiert werden müssen, die geradezu danach schreien, dokumentiert zu werden. Da gibt es die, die sich auf die Menschen am Boden konzentrieren und die Emotionen und die Gefühle einfangen. Da gibt es diejenigen, die auf die Türme draufhalten oder die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit fotografieren.

Richard stellt fest, dass er sowieso schon sehr nah am Geschehen ist und macht sich auf den Weg Richtung Türme. Dabei fotografiert er alles, was ihm vor die Kamera kommt. Er schlängelt sich durch die Straßen Manhattans immer näher an das World Trade Center heran und vermeidet dabei besonders, die Einsatzkräfte zu blockieren oder in die Arme der Polizei zu laufen, aus Angst heraus, er könnte dann abgewiesen und weggeschickt werden. Und er kommt ziemlich nah an die Gebäude heran, er hat einen unverstellten Blick auf die Gebäude. Was ihm beinahe das Leben kostet, als der erste Turm anfängt, in sich zusammenzustürzen.

Es ist ein zufällig auch in der Nähe stehender Passant, der die Gefahr schneller erkennt als Richard, ihn packt und in eine Seitenstraße zieht. Richard läuft zunächst ein Stück weg vom Ort des Geschehens, aber nur, um in einem Bogen wieder an den Sicherheitskräften vorbei in die Nähe der Türme zu gehen. Er rechnet damit, dass auch der zweite Turm in sich zusammenstürzen wird.

Und er nimmt seinen Auftrag ernst. Er ist als Fotojournalist vor Ort und hat die Verpflichtung, die Ereignisse festzuhalten. Als Polizisten in seine Richtung laufen, versteckt er sich geistesgegenwärtig zwischen Büschen und läuft, kaum, dass sie an ihm vorbei waren, weiter Richtung Terroranschlag. Er ist so weit weg von den Türmen, dass er nicht sehen kann, was am Boden geschieht. Es ist mindestens eine Häuserfront zwischen ihm und dem Geschehen, aber er hat freien Blick auf die World Trade Center Türme.

Und da spielen sich schreckliche Szenen ab. Es gibt Videoaufnahmen und Fotografien von Menschen, die aus den Türmen springen oder herausgerissen werden, das weiß man nicht so genau. Durch die Brände, die in den Hochhäusern herrschen, mag es zum Teil stürmische Verhältnisse geben. Oder die Menschen werden von kleineren Explosionen und Druckwellen aus den Fenstern gedrückt. Manche sehen vielleicht auch die Ereignisse kommen und denken sich, dass ein selbstbestimmter Sprung besser ist, als abzuwarten, was passiert.

Richard fotografiert auch hier. Mit Serienbildaufnahmen. Und es ist eine solche Aufnahme aus einer Fotoreihe bestehend aus neun Bildern um 9:41 Uhr und 15 Sekunden, die bis heute als sein berühmtestes Bild gilt. Es ist eine ungewöhnlich ruhige Aufnahme. Sie zeigt die Fassade des World Trade Centers, gleichmäßige, nach oben ziehende Linien, und einen Menschen, der parallel zu ihr Richtung Boden fällt. Man sieht nicht den Boden, man sieht nicht, woher dieser Mensch kommt, man sieht, dass er erstaunlich ruhig zu sein scheint. Später gibt es Versuche, herauszufinden, wer dieser Mann war, und man glaubt, im Wesentlichen auf zwei mögliche Personen eingegrenzt zu haben, wer auf diesem Bild eventuell zu sehen ist.

Die Aufnahme wird von der New York Times auf Seite sieben gedruckt, andere große Tageszeitungen am nächsten Tag veröffentlichen vollflächige Abdrucke dieses Bildes auf der Rückseite ihrer Zeitungen. Und sie alle ernten einen Aufschrei der Empörung. Dieses Bild zeigt schließlich jemanden im Augenblick des Todes, jemanden, der fällt, jemanden, der dem sicheren Ende entgegenfällt, die letzten Sekunden. Es gibt das Gerücht, dass Menschen, die aus so großer Höhe abstürzen, während dem Sturz wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren oder sterben, aber das weiß niemand. Auch die Vorstellung, dass die Person eventuell selbstbestimmt gesprungen ist, ist kontrovers. Man hat ja zwei Personen als mögliche Identität identifiziert und einer davon stammt aus einer hochreligiösen Familie, einer Familie also, die es unvorstellbar findet, dass der Familienvater eventuell den Freitod gewählt haben soll. Eine Todsünde nach streng religiösen Ansichten.

Und der Aufschrei ist auch noch aus anderen Gründen wirklich seltsam. Wir reden hier immerhin von amerikanischem Bildjournalismus. Das sind dieselben Zeitungen, die überhaupt gar kein Problem damit haben, zerbombte Städte in anderen Ländern abzudrucken und durch deren Arbeit Bilder wie zum Beispiel das berühmte „Napalm Girl“ weltbekannt wurden. All diese Bilder sind selbstverständlich im allgemeinen Interesse. Kaum, dass das Bild aber jemanden zeigt, der eventuell ein Nachbar gewesen sein könnte, kaum, dass das Bild eine Aufnahme zeigt, in die sich die Betrachterinnen und Betrachter hineinversetzen können und sich die Frage stellen können, wie sie in einer ähnlichen Situation gehandelt hätten, kaum, dass es jemanden von uns zeigt, bricht das Bild angeblich mit ethischen Konventionen.

Und wenn man darüber nachdenkt, wird noch etwas anderes auffällig. Es gibt nämlich vom 11. September keine Bilder von Opfern. Direkt am Ort der Einsturzstelle wird das natürlich damit erklärt, dass die unter Tonnen von Material vergraben sind und zum Teil einfach auch nicht mehr sichtbar, aber das sind ja auch nicht die einzigen Opfer. Wir machen uns keine Vorstellung davon, wie viele Opfer es auch am Boden gegeben hat. Herabstürzende Bauteile, die in Autos eingeschlagen sind. Umstehende Gebäude, deren Fronten eingedrückt wurden. Menschen, denen Dinge während dem Chaos um diese Terrorstelle herum etwas zugestoßen ist. Und da ist es schon interessant, dass eine ganze Reihe professioneller Fotografinnen und Fotografen Ground Zero Fotos gemacht haben und trotzdem kaum entsprechend explizites Material zu sehen ist.

Aber es gibt diese Videos und es gibt dieses eine Bild, „The Falling Man“. Seit diesem Foto wird Richard Drew praktisch zu jedem größeren Jubiläum von 9/11 zu Interviews gebeten und er erzählt immer wieder, wie es zu diesem Bild kam. Die neun Fotos, die er gemacht hat, von denen acht chaotisch aussehen und dieses eine Bild zeigt jemanden in einer vermeintlich völlig ruhigen Position. Ein Foto, das die Menschen nachdenklich machte und aufwühlt und wegen seiner Einfachheit so beeindruckend ist.

Im 9/11 Memorial, der Gedenkstätte also, wurde dem fallenden Menschen ein eigener Raum gewidmet. Dort werden Fotos und Videos von ihnen gezeigt und um die zu sehen, muss man den Kopf in den Nacken legen, sodass man ähnlich steht, wie man gestanden hätte, wenn man diese Aufnahmen selbst gemacht hätte. Ein sehr eigentümliches Gefühl und ein Gedanke, der mich aufwühlt. Während ich mir ein völlig ruhiges und scheinbar gewaltloses Bild ansehe.

Die Bilddokumentation vom 11. September ist faszinierend, besonders, wenn man sie mit dem vergleicht, was wir von anderen Krisenherden und Kriegs- oder Terrorschauplätzen kennen. Da wird, finde ich, sehr schnell deutlich, dass in den meisten Krisen die Dokumentierenden, also die Fotografinnen und Fotografen, unbeteiligt sind. Und dass sich die Perspektive und die Fotografien dramatisch ändern, sobald die Menschen direkt betroffen sind. Vielleicht gilt das aber auch nur für die einzigartigen Umstände beim 11. September, bei dem die Leute nicht nur direkt betroffen waren, sondern auch die Umstände an sich ausgesprochen ungewöhnlich waren. Vielleicht stimmt ja, was Richard Drew in einem Interview gesagt hat, dass es deswegen so wenig Bilder von Opfern gab, weil es so wenig sichtbare Opfer gab.

Umso interessanter finde ich dann eben auch die Aufregung um dieses Bild, „The Falling Man“. Bis heute wird kontrovers diskutiert, ob das Bild überhaupt veröffentlicht werden sollte. Und es ist gerade wegen seiner Einfachheit auch ein aufwühlendes Bild. Aufwühlender als viele der ikonischen und manchmal auch viel dramatischeren Aufnahmen, die man sonst so vom 11. September 2001 sehen kann.

Interessant ist an dem Bild aber auch, dass es zwar von einem Profi gemacht wurde, aber im Grunde ohne bestimmte Planung. Er selbst sagt, er hat einfach draufgehalten. Er hat die Kamera in Richtung der Türme gehalten und der Rest passierte über die Serienbildfunktion seiner Kamera und den Zufall, durch den er ein Bild in genau dem richtigen Moment eingefangen hatte. Die acht anderen Bilder zeigen dieselbe Person, aber nie in einer derartigen Komposition. Nie so ruhig, nie so vermeintlich schwebend vor der Fassade, nie so in Einklang mit den stürzenden Linien. Er sagt in einem Interview, da war kein „Decisive Moment“ im Spiel. Wegen seinem Job war er vor Ort. Durch sein Training hat er seine Kamera benutzt. Aber nichts an dem, wie er die Kamera benutzt hat, war in irgendeiner Form besonders.

Und die Kontroverse, die sah er gelassen. Er war nie im Kreuzfeuer. Der Ärger richtete sich auf die Bildredakteure, die sein Bild für Zeitungen ausgewählt hatten. Und Richard sagt, er versteht das schon irgendwie. Die Tatsache, dass die Menschen sich selbst in diese Situation denken konnten, ändert einfach, wie sie diese Bilder wahrgenommen haben. Ich frage mich allerdings seitdem, ob sie das eigentlich sollten, ob wir da nicht ganz offensichtlich mit zweierlei Maß messen.

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Eisenstaedts Ode an die Freude https://fotomenschen.kopfstim.me/eisenstaedts-ode-an-die-freude/ Sat, 28 Aug 2021 13:31:51 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Der Fotojournalist Alfred Eisenstaedt hat über 2500 Fotoreportagen produziert, war 90 mal für Titelbilder des Life Magazins verantwortlich und machte einige der berühmtesten Fotografien des 20. Jahrhunderts. Umso schöner dass einige seiner ikonischsten Aufnahmen pure Freude zeigen, wie zum Beispiel das Bild „Drum Major“ aus dem Jahr 1950.

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Von dem Bild, über das ich heute sprechen möchte, wird manchmal behauptet, es sei das fröhlichste Foto, das jemals gemacht worden wäre. Der Fotograf Alfred Eisenstaedt selbst nannte es einfach „Drum Major“. Weil es einen Drum Major zeigt. Unter anderem.

Andere betiteln das Bild „Ode to Joy“, also „Ode an die Freude“.

Alfred Eisenstaedt sind wir hier im Podcast schon mal begegnet, nämlich in Folge 34, „Gewollte Romantik“. Denn er ist der Fotograf, der am Time Square das berühmte Foto eines eine Krankenschwester küssenden Seemanns machte. 

Eisenstaedt war der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er war 14, als er seine erste Kamera, eine Eastman Kodak Faltkamera, geschenkt bekam. Das war im Jahr 1912. Am Anfang sah es so aus, als würde Alfred in die Fußstapfen seines Vaters treten und auch eine kaufmännische Laufbahn einschlagen, aber er hörte auch nie auf, in seiner Freizeit zu fotografieren und reichte seine Aufnahmen auch bei diversen Magazinen und Zeitungen ein. Er war 16, als er die ersten Aufnahmen verkaufte und ab da war eigentlich klar, dass er freier Fotograf werden würde.

Es ist das Berlin der 20er Jahre, in dem er sich dann seinen Namen macht. Zu der Zeit werden mehr und mehr Illustrierten gegründet und Alfred Eisenstaedt hat ein Händchen dafür, Fotos zu machen, die kleine Geschichten zu erzählen scheinen. Genau die Art Material, die in diesen Illustrierten reißend Absatz finden. Er selbst sieht sich als dokumentarischer Fotograf. Neben allgemeinen Alltagsszenen fotografiert er auch berühmte Persönlichkeiten seiner Zeit. Er macht Portraits von Marlene Dietrich, George Bernard Shaw, Richard Strauss oder auch von Diktatoren wie Mussolini oder Hitler. 

Als die Lage in Nazideutschland zu gefährlich für ihn wird, immigriert er in die USA, tritt einer Stelle bei Associated Press an und wird dort relativ schnell zum Starreporter. Er ist quirlig, umtriebig, hat ein ständig wachsendes, sehr durchmischtes Portfolio und findet im Handumdrehen Aufträge bei so Namen wie Vogue oder Life Magazine. 90 Mal macht er Titelblätter für das Life Magazine und ist damit einer der ganz großen Fotografen der Branche. 

Er reist um die Welt. Er macht Kriegsreportagen, fotografiert berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel John F. Kennedy im Alltag und das Material ist gefragt. Eisenstaedt ist der Autor von über 2500 Bildreportagen. Er ist ein Profi, der seine Kamera gefühlt permanent in der Hand hält. 

Je mehr man fotografiert und je mehr man rumkommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass einzigartige und interessante Aufnahmen entstehen und da ist natürlich Alfred Eisenstaedt auch keine Ausnahme. Er hat viele sehr berühmte, sehr ikonische und auch sehr schöne Aufnahmen gemacht, aber das meiner Meinung nach beste Bild in seinem Portfolio, da lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster, entsteht in Michigan im Herbst des Jahres 1950. Alfred Eisenstaedt ist zu der Zeit on assignment. Es geht um eine landesweit berühmte Marschkapelle, die Michigan University Marching Band. 

Marching Bands oder Marschkapellen sind eigentlich eine Einrichtung, die das britische Militär erfunden hat und die dann in Europa in verschiedenen Militäreinheiten üblich waren. Der Grundgedanke war, Trommler auf dem Kampffeld zu haben, die dann Kommandos geben konnten und so den kämpfenden Einheiten Orientierung verschaffen. Zu Trommeln kamen Trompeten und Glockenspiele und zack, war sie geboren, die militärische Marschkapelle, heutzutage meistens zu irgendwelchen Ehrenanlässen eingesetzt. 

In den USA spaltete sich dann aber aus dem militärisch geprägten Kapellen ein weiterer Trend ab und Universitäten formten ihre eigenen Marschkapellen. Deren Aufgaben sind dann nicht mehr militärisch, was die aber regelmäßig machen, ist zum Beispiel bei ja auch von Universitäten dominierten Sportveranstaltungen das Publikum anzuheizen, ähnlich wie die Cheerleader. 

Die Idee dieser Marching Bands ist dann, in großen Gruppen musizierend nach einer vorgegebenen Choreografie zu marschieren. Da werden Formationen abgegangen, da werden Buchstaben abmarschiert und der Dirigent und Anführer ist der sogenannte Drum Major. Der oder die Drum Major hat dann üblicherweise einen großen, länglichen Pelzhut auf und einen metallischen Stab in der Hand, um damit zu dirigieren. Das Ganze ist natürlich einigermaßen akrobatisch, das heißt, dieser Stab wird durch die Luft gewirbelt und geworfen, gefangen, gedreht und natürlich hüpft, springt oder dreht sich auch der oder die Drum Major dabei. Auftritte von Marching Bands folgen vorgegeben Choreografien und vom Drum Major werden ausladende, dramatische Schritte und Sprünge erwartet. 

An jenem Herbsttag 1950 jedenfalls fotografiert Alfred Eisenstaedt all das, was man so zu sehen erwartet, wenn man das Training einer berühmten Marching Band besucht. Am nächsten Morgen, erfährt er, trainieren speziell die Drum Major und das will er natürlich aufnehmen.

[Einspieler]

„Another picture will be remembered when I’m in heaven is that picture I took at the University of Michigan. I had to do a story on the brass band and I wanted to photograph the drum major rehersing in the morning.“

Er haftet sich speziell an die Fersen des Head Drum Major und folgt ihm kreuz und quer über den Rasen.

[Einspieler]

„When I run after and I photographed it and while I was running, all the boys from the faculties paraded with him.“

Er ist in vollständiger Drum Major Uniform, inklusive dem pelzigen Hut und er übt den hohen, dramatischen Schritt wieder und wieder. An der Seite der Wiese spielen einige Kinder und werden auch auf den Drum Major aufmerksam. Sie sind schätzungsweise acht bis zwölf Jahre alt und finden lustig, was sie sehen. Und beginnen, ihn nachzuahmen. Als er bei seiner Runde wieder mal näher an ihnen vorbeikommt, beschließen sie, ihm einfach nachzulaufen und nachzumachen. Und als Alfred Eisenstaedt seine Kamera hochhebt und abdrückt, ist der Drum Major im vollen Ausfallschritt mit sieben Kindern, die in unterschiedlichen lachenden, fröhlichen Posen hinter ihm herlaufen zu sehen.

[Einspieler]

„People think this was a posed picture. This was never posed, not posed at all. This is a natural picture. People imitated me later, but this was not posed.“

Das ist ein Bild, bei dem zumindest ich sofort grinsen muss. Und es war dann dieses Bild, das aus einer im Magazin geplanten Reportage die Titelstory machte. 

Drum Major machen viel mehr als einfach nur akrobatische Schritte und ein Orchester zu dirigieren, sie sind außerdem Verbindungsglied zwischen den Musikern und der Leitung der Universität oder ihrer Einheit, sie sind oft Public-Relation-Person, sie erarbeiten Choreographien, es ist eine anspruchsvolle Position, auf die man echt stolz sein kann. 

Natürlich gibt es Marschkapellen und auch die Rolle des Drum Majors auch bei uns, aber ich wäre dann trotzdem relativ überrascht, wenn ich zu Beginn eines Fußballspiels ein mehrere Dutzend Personen großes Orchester auf dem Spielfeld auflaufen sehen würde. Und ich wäre noch verdutzter, wenn die dirigierende Figur plötzlich irgendwelche Sprünge macht oder übertrieben große Schritte. Aber es ist cool, anzuschauen und ohne Frage macht es Spaß, den Drum Major dabei zuzusehen, wie sie ihre Mannen und Frauen anfeuern. 

Und das Foto von Alfred Eisenstaedt fängt das wie kein anderes perfekt ein. Das Foto zeigt keinen Drum Major und Kinder, es zeigt Freude. Und auch das finde ich bemerkenswert. Alfred Eisenstaedt hat sein ganzes Leben lang fotografiert und er hat viele ikonische Bilder geschaffen, aber die Bilder, die am meisten herausstehen, zeigen Momente der Freude.

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Das Leben der Anderen https://fotomenschen.kopfstim.me/das-leben-der-anderen/ Sat, 21 Aug 2021 12:45:34 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis. Er schreibt gegen das soziale Elend New Yorks an und beginnt irgendwann zur Illustration zu fotografieren… Herauskam eines der wenigen Fotobücher das wirklich für sich reklamieren kann die Welt verändert zu haben.

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Transkript

Wir glauben ja gerne, dass Fotografie die Welt verändern kann, aber in Wahrheit fällt es dann doch sehr schwer, Beispiele zu finden, wo das wirklich und nachweislich geschehen ist. Heute geht es um so ein Beispiel; um einen Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, in der alles vorkommt: Vollständiger Absturz ins Elend, Aufstieg zu Reichtum und Einfluss, eine Jahrzehnte überdauernde Liebesgeschichte, innovative Fotografie und Bilder, die die Welt verändert haben.

Der Mann, von dem ich heute erzähle, ist einer der Gründerväter der Straßenfotografie und der sozialen Fotografie. Er war ein Reporter, er selbst hätte sich nicht als Fotograf beschrieben, er hätte gesagt, er ist in erster Linie ein Autor, ein Journalist, ein Beobachter der Menschen. Es dauerte 50 Jahre, bevor man in als das erkannte, was er eigentlich war: Ein Fotograf, dessen Stil ein ganzes Genre geprägt und für grundlegende Veränderung gesorgt hatte.

Dabei dauert es tatsächlich relativ lang, bis er selbst zu seiner Berufung gefunden hatte. Jakob Riis wurde 1848 als drittes Kind von 15 in Dänemark in einen Lehrer- und Journalistenhaushalt geboren. Sein Vater wünschte sich für ihn, dass er eine akademische Laufbahn oder doch wenigstens eine Karriere als Autor anstreben würde, aber der junge Jakob hatte praktischeres im Sinn und wollte Zimmermann werden. Ein lokaler Zimmerer stellte ihn als Lehrling an und so schien die Laufbahn als Handwerker schon mal gesetzt. Seine Familie wusste auch, dass es keinen Sinn machte, ihn umzustimmen zu versuchen. Er war ein recht eigenwilliger junger Mann.

Er war bekannt für ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und ein großes Herz. Es gibt eine überlieferte Anekdote vom damals gerade mal 12 Jahre alten Jakob, dass er einmal sein gesamtes erspartes Geld einer armen Familie angeboten hatte, wenn die im Gegenzug ihr heruntergekommenes Zuhause reinigen und aufbessern würden. Die entschieden sich, das Geschäft anzunehmen und hielten sich an die Abmachung. Als Jakobs Mutter von der Geste erfuhr, machte sie sich spontan auf den Weg und half der Familie bei den Arbeiten.

Aber zurück zu Jakob, den 16-jährigen Zimmereilehrling. Wer weiß, was später passiert wäre, hätte er sich nicht in die damals 12-jährige Tochter seines Meisters verliebt. Sie war der Verbindung eigentlich nicht abgeneigt, aber, wie man sich vorstellen kann, war weder sein Meister noch seine Familie sonderlich begeistert. Um die Situation zu bereinigen, schickt ihn sein Vater für die verbleibenden drei Jahre seiner Ausbildung in das weit entfernte Kopenhagen. Da, so hofft er, wird sich sein Sohn die Flausen aus dem Kopf schlagen und wenn er zurückkommt mit abgeschlossener Ausbildung seinen Weg gehen, wie von ihm erwartet.

Wieder hat man die Rechnung ohne Jakob gemacht, der kommt mit 19 zurück, wilder entschlossen den je, die jetzt 15-jährige Tochter zu heiraten. Sein ehemaliger Meister ist jetzt so wenig begeistert, wie er drei Jahre zuvor begeistert war und lehnt ab.

Und so beschließt Jakob in seinem Kummer und seinem Ärger, das zu tun, was gar nicht wenige junge Männer gemacht haben: nämlich in die neue Welt aufzubrechen. Er ist 21, als er sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht. In seinem Gepäck hat er 40 Dollar, die seine Freunde für ihn gesammelt haben, die Überfahrt hat er aus eigener Tasche bezahlt, das waren ungefähr 50 Dollar. Und als kleines Abschiedsgeschenk steckt ihm die Frau seines ehemaligen Meisters noch etwas ganz Besonderes zu: eine Strähne von seiner großen Liebe Elisabeth. Stellt sich heraus: Nicht nur die Tochter wäre eigentlich zugeneigt gewesen, auch die Mutter hatte eigentlich nichts gegen die Verbindung. Trotzdem ist Jakob jetzt schonmal auf dem Weg und er hat natürlich auch den Anspruch, allen zu zeigen, wozu er imstande ist und sein Glück zu machen in der neuen Welt.

Jakob kommt 1870 in New York an. Es ist eine Welt im Umbruch. Nicht nur sind Millionen Menschen aufgebrochen, um in den USA ihr Glück zu versuchen, der amerikanische Bürgerkrieg hat außerdem noch dafür gesorgt, dass die Menschen vom Land in die Städte gezogen sind. Die Städte sind die Orte, an denen die Industrialisierung für Möglichkeiten und Arbeit sorgen und manche Stadt verachtfacht in dieser Zeit ihre Bevölkerung.

Jakob kommt auch in Zustände, die wir uns heute, glaube ich, gar nicht mehr vorstellen können: 1880 gibt es in New York in der Lower East Side einen Distrikt, in dem 334000 Menschen auf einer Quadratmeile untergebracht sind – die dichtest besiedelte Meile der Welt. In und um New York bilden sich Slums der übelsten Sorte. Unterkünfte, in denen 10 bis 15 Menschen in einem einzelnen kleinen Zimmer schlafen müssen, sind die Norm. Die Polizei betreibt Armenunterkünfte, Menschen, die auf der Straße eingesammelt werden, werden dorthin zwangseingeliefert, müssen dann da in ähnlich beengten Verhältnissen schlafen und hinterher 5 Cent pro Übernachtung abdrücken. 5 Cent ist für die damals oft mittellosen, armen Menschen ein Heidengeld. Denn hätten die diese 5 Cent, dann hätten die auch noch billiger schlafen können. Es gibt sogenannte 2-Cent-Kneipen, in denen man für 2 Cent einen Teller Suppe und das Recht, die Nacht dort im Sitzen zu schlafen, kaufen kann.

Jakob landet in diesem Viertel an. Er hat 40 Dollar, ist also zunächst mal ordentlich versorgt und er hat ein Empfehlungsschreiben für den dänischen Botschafter in der Tasche, sollte er Hilfe brauchen. Die ersten 20 Dollar sind leicht investiertes Geld, er kauft sich nämlich sofort einen Revolver, um sich gegen menschliche oder tierische Angreifer wehren zu können. Die anderen 20 Dollar sollen ihm über die Zeit helfen, die er braucht, um Arbeit zu finden. Jakob versucht sich als Stahlarbeiter und als Zimmerer, lernt aber schnell, dass es für Immigranten zwar viel harte Arbeit, aber wenig Bezahlung gibt.

Als er davon hört, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärt hätte, versucht er, für Frankreich in den Krieg zu ziehen und sich einziehen zu lassen; erfolglos.

Ab hier beginnt eine kleine Odyssee für Jakob: Er versucht sich als Farmhilfe, er arbeitet als Steinmetz für ein lokales Maurerunternehmen und versucht, jede Gelegenheit zu nutzen, doch noch für Frankreich in den Krieg ziehen zu dürfen. Irgendwann hört er von Plänen einer Gruppe Freiwilliger von New York aus in den Krieg aufzubrechen und macht sich damit dann auch selbst wieder auf den Weg zurück in die große Stadt. Zu der Zeit schläft er mehr unter freiem Himmel als unter einem Dach. Er ernährt sich von Fallobst, er ist auf Almosen angewiesen und obwohl er versucht zu arbeiten verdient er kaum genug, um sich gelegentlich mal eine Unterkunft leisten zu können. Als er zurück in New York ist, stellt er fest, dass das Gerücht zwar stimmte, er aber zu spät gekommen war. In New York war es auch schwerer, einfach unter freiem Himmel zu schlafen und so schließt Jakob erste Bekanntschaften mit den von der Polizei betriebenen Unterkünften. Er ist so angewidert von den Zuständen, die er vorfindet, dass er sich wenig später wieder auf den Weg macht.

Seine wenigen Besitztümer hatte er sowieso nach und nach verkauft: Die Waffe hat er zum Beispiel schon lange nicht mehr. Und mit dem letzten Seidentaschentuch, das er noch in seiner Tasche fand, kauft er sich eine Fährkarte und macht sich auf den Weg nach Philadelphia. Auf dem Weg dahin nimmt er jede Arbeit, die sich bietet und er schafft es nach Philadelphia, wo er dann mit dem Empfehlungsschreiben, das ihm seine Eltern mitgegeben hatten, vor dem dänischen Konsul vorstellig wird, der ihn aufnimmt und zwei Wochen lang wieder aufpäppelt.

Es ist diese Zeit, in der er dann tatsächlich sowas wie ein ordentliches finanzielles Standbein aufbauen kann. Er arbeitet als Zimmermann und fängt an, so viel Geld zu verdienen, dass er sich es leisten kann, nebenher als Autor zu experimentieren. Er schreibt Artikel, die er bei lokalen Zeitungen und Magazinen einreicht, allerdings mit wenig Erfolg. Seine Themen finden nicht viel Anklang, seine Schreibe ist oft zu polemisch. Er kehrt also zurück nach New York City. Dort versucht er, mit allem möglichen Fuß zu fassen und ist einigermaßen erfolgreich als Vertreter für Bügeleisen.

Die Geschäfte laufen gut. Nicht lange und er hat Angestellte und Vertretungen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten. Er ist der Hauptvertreter einer Bügeleisenmarke im Bundesstaat Illinois und auch in Pennsylvania ist er aktiv. Allerdings ist Jakob auch chronisch gutmütig und gutgläubig und so dauert es auch nicht lange, bis er an die falschen gerät und von Geschäftspartnern komplett über den Tisch gezogen wird.

Außerdem ereilte ihn eine Hiobsbotschaft. Elisabeth, die junge Frau, deren goldene Locke er seither in einer Schachtel immer am Herzen trägt, ist verlobt. Jakob ist am Boden zerstört und macht das, was er da anscheinend immer macht, nämlich nach New York zurückkehren. Wieder ist er ohne Finanzmittel, wieder ist er arbeitslos, wieder ist er in New York.

Allerdings hat er inzwischen Übung in der Kunst des Artikelschreibens und in New York gibt es Bedarf an Menschen, die schreiben können. Er bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung als Redakteur beim Long Island Newspaper und kriegt den Job. Es ist ein relativ hoch dotierter Job und es ist schon fast verdächtig, dass ein Newcomer wie er diesen Job einfach so bekommt. Kaum hat er die Stelle, stellt er fest, warum das so ist: Der Besitzer der Zeitung ist ein derart ausbeuterischer und unehrlicher Geselle, dass alle anderen Kandidaten abgelehnt hatten oder ihm davongelaufen waren. Und so hält es auch Jakob gerade mal zwei Wochen in dieser Stelle.

Jetzt ist er wieder arbeitslos. Äußerlich aussehend wie ein Landstreicher, aber immer noch ganz gut vernetzt, wird ihm zugetragen, dass die New York News Association nach einem Trainee suchen würde. Jakob wäscht sich dürftig in einem Pferdetrog und macht sich auf den Weg zu dem Interview und obwohl er aussieht wie ein Landstreicher, schafft er es, die zuständigen zu überzeugen und bekommt diese Stelle. Das ist tatsächlich ein roter Faden durch die gesamte Biografie von Jakob: Wann immer er die Gelegenheit bekommt, mit Menschen zusammenzutreffen, scheint er sie davon zu überzeugen, dass sie ihr Vertrauen in ihn setzen können. Ganz egal, wie er aussah.

Jakob hatte ein besonderes Talent, zwischen den verschiedenen Schichten hin und her zu wechseln und gleichermaßen über die Reichen wie über die Ärmsten der armen schreiben zu können. Er arbeitet hart und es zahlt sich für ihn aus. Nach und nach baut er sich ein kleines Vermögen auf, kann auch schnell seine Schulden zurückzahlen und gewinnt Routine in der Arbeit eines Journalisten. Die Zeitung, bei der er arbeitet, macht ihn schnell zum Hauptredakteur, allerdings steht sie auch kurz vor dem Bankrott. Und Jakob kämpft dagegen an, wie alle anderen, die bei dieser Zeitung arbeiten.

Es ist diese Zeit, in der sich einerseits nach und nach finanzielle Stabilität für ihn einstellt, andererseits die Firma, bei der er angestellt ist, auf den Bankrott zusteuert, als ihn die Nachricht ereilt, dass daheim in Dänemark zwei seiner älteren Brüder, seine Tante und der Verlobte seiner Elisabeth gestorben waren. Jakob will nach Dänemark zurückkommen, um seine Brüder zu betrauern, aber er sieht natürlich auch die Gelegenheit, Elisabeth endgültig für sich zu gewinnen und macht ihr einen Antrag, schriftlich, per Post.

Und um zu zeigen, dass man ihm vertrauen kann und dass man auf ihm eine Existenz aufbauen kann, beschließt er, mit seinen Ersparnissen die kurz vor dem Bankrott stehende Zeitung zu kaufen und in die schwarzen Zahlen zu führen. Das schafft er zwar nicht, aber seine Zeitung ist so unbequem, dass ihm Lokalpolitiker anbieten, die Zeitung von ihm zurückzukaufen, und zwar für knapp den fünffachen Betrag, den er dafür investiert hatte. Und so war Jakob durch glückliche Fügung praktisch über Nacht zu kleinem Reichtum gekommen, der es ihm erlaubte, sorgenfrei nach Dänemark zu fahren und dort seiner Elisabeth ganz regulär den Hof zu machen. Die beiden heiraten und als das Geld dem Ende zuneigte, zogen sie wieder zurück nach New York, wo Jakob sich auf die Suche nach einer Anstellung bei einer lokalen Zeitung machte.

Es ist der New York Tribune, der ihn schließlich als Polizeireporter einstellt. Sein Büro ist gegenüber der Polizeistation, die für den damals größten Slum der Welt, die Slums von New York City, zuständig war. Jakob begleitet die Polizisten auf ihren Einsätzen und er sieht alles, was man nur an menschlichem Elend, an Gewalt und an Verbrechen zu Gesicht bekommen kann.

Und er schreibt dagegen an. Er selbst war ja oft genug als obdachloser unterwegs und hat deswegen einen persönlicheren Zugang zu vielen der Themen als so mancher seiner Leserinnen und Leser. Und eigentlich macht er sich auch keine Illusionen. Die Menschen, denen es damals gut geht, die interessiert nicht, wie es den ärmeren geht. Sie wissen nichts darüber, sie erfahren kaum etwas darüber und Artikel, die Jakob schreibt, egal, wie blumig die Sprache, egal, wie leidenschaftlich die Worte, dringen nicht durch diesen Panzer.

Anfangs wird er in seinem Schreibstil einfach nur noch melodramatischer und eindringlicher. Als er damit anscheinend nichts bewirken kann, denkt er über Zeichnungen und Skizzen nach, allerdings ist er kein besonders guter Zeichner, deswegen gibt er die Idee besonders schnell wieder auf.

Die fotografische Technik der damaligen Zeit, wir reden von den 1880ern, ist nicht geeignet, um bei schlechten Lichtverhältnissen Straßenszenen festzuhalten. Jakob ist oft nachts oder in der Dämmerung unterwegs und würde sehr gerne fotografieren, aber die Bilder sind meistens vollkommen unbrauchbar. All das ändert sich, als er 1887 von einer Erfindung der Deutschen Adolf Miethe and Johannes Gaedicke liest. Die hatten nämlich sogenanntes Blitzlichtpulver entwickelt. Das war eine Magnesiumpulvermischung, die in Patronen gefüllt wurde und mit einer Vorrichtung, die wie eine Pistole aussah, abgefeuert wurden und einen hellen Lichtblitz produzierten. Damit konnte man endlich auch nachts oder bei Dämmerung fotografieren.

Und er bringt mehrere dazu, mit ihm zusammen mit Blitzlichtpulverpatronen und Kamera bewaffnet in die Slums von New York einzudringen und Fotos zu machen. Und das Vorgehen war nicht ganz ungefährlich: Im Allgemeinen lief er durch die Stadt und wann immer er etwas fotografieren wollte, näherte er sich vorsichtig der Szene, löste den Blitz aus und lief dann so schnell er konnte mit seinem ganzen Equipment davon.

Wegen dem Risiko und den nächtlichen Arbeitsstunden blieben seine Freunde nicht lange bei der Stange und so war Jakob gezwungen, selbst zu lernen, mit den fotografischen Gerätschaften umzugehen, besonders, weil sehr, sehr deutlich wurde, dass seine Fotos eine Wirkung entfalteten, die seine Artikel nie gehabt hatten. Die Menschen sahen Bilder von Armut, die ihnen so bisher nie gezeigt worden waren. Mitglieder des Mittelstands oder der gehobenen Klassen gingen nicht in die Slums, sahen sich nicht an, wie Arbeiter lebten. Sie sahen weder den Dreck, noch das Elend, noch die Gewalt und die Brutalität, die in diesen Vierteln ihren Wohlstand mit sicherte.

Und Jakob bleibt nicht nur bei seinen Artikeln. Er verkauft Abzüge seiner Fotografien, er macht Lichtbildschauen, wo er mit einem Projektor auf einer Leinwand unter freiem Himmel Bilder projiziert. Er hält Vorträge, er schreibt Bücher. Es gibt mehrere Dinge, die er ganz konkret geändert sehen möchte. Er will, dass einzelne dieser Slumgebiete abgebaut und umgeformt werden. Er schlägt vor, Unterkünfte für die Armen zu bauen und die Slums zu Parks umzuwandeln. Und ganz besonders sind ihm die von der Polizei betriebenen Unterkünfte ein Dorn im Auge. Die Zustände dort sind fast noch elender als irgendwo in den Slums und eigentlich dienen die nur der Unterdrückung der Armen.

Es ist diese Zeit, als er den gerade frisch ernannten Polizeipräsidenten kennenlernt, ein Mann namens Theodore Roosevelt. Der hatte nämlich das Buch entdeckt, das als ein Meilenstein der sozialen Reportage und sozialen Fotografie gilt und vielleicht eines der wenigen Beispiele ist, wo Fotografie tatsächlich zu echten Änderungen beigetragen hat. Das Buch trägt den Titel „How the Other Half Lives“. Es ist eine Mischung aus Artikeln von Jakob Riis und Fotografien und Zeichnungen, die auf Fotografien basieren.

Jakob macht sich bei seinen Fotografien nicht viele Gedanken um Komposition, oft sieht er ja gar nicht, was er fotografiert. Eines seiner berühmtesten Bilder wird in einem dieser Zwei-Cent-Lokalen aufgenommen. Dort hat er zwei Cent bezahlt, die ihn zum Schlafen und Suppe essen in einem überfüllten, stickigen Raum berechtigten. Er hat sich dort hingesetzt und als dann alle eingeschlafen waren, richtet er im Dunkeln auf dem Tisch die Kamera aus, öffnet das Objektiv und feuert die Blitzlichtpistole. Man sieht, wie beengt dieser Raum ist. Das Licht wird von der Decke reflektiert, es sieht fast so aus, als würde die Cholera in diesem Raum wabern. Und man sieht die Männer, die außenrum zum Teil verschreckt, zum Teil eben gar nichts mitbekommend auf den Tischen schlafen. Solche und andere Bilder, die ohne erkennbare künstlerische Komposition daherkommen, sind manchmal gerade deswegen besonders eindrücklich.

Roosevelt wurde jedenfalls durch dieses Buch auf ihn aufmerksam, tritt mit ihm in Kontakt und die beiden Männer formen eine Freundschaft, die ihr gesamtes Leben halten wird. Später wird Jakob für Roosevelt eine Kampagnenbiografie schreiben und Roosevelt wird sagen, dass er manche Dinge nie gemacht hätte, hätte er nicht die Bilder von Jakob Riis gesehen. Eine der Maßnahmen, die er noch als Polizeipräsident ergreift, ist, die Polizeischlafunterkünfte schließen zu lassen. Der Bundesstaat New York folgt dem Beispiel der Stadt New York und diesem Beispiel folgt wiederum der Rest des Landes. Und auch sonst nutzt Roosevelt seinen Einfluss, um der Sache, für die Jakob Riis kämpft, zu helfen, und sorgt dafür, dass die wichtigste Forderung von Jakob Riis tatsächlich Wirklichkeit wird. Die elendsten der Elendsviertel werden umgebaut. Die Menschen dort bekommen die Möglichkeit, in günstigere Wohnräume umzuziehen und der Slum wird dem Boden gleich gemacht und durch einen Park ersetzt.

Jakob schreibt mehrere Bücher, einige davon beschäftigen sich ausschließlich mit den sozial benachteiligten Menschen seiner Zeit. „How the Other Half Lives“ ist das berühmte, aber es gibt auch noch „Children of the Poor“, das ist eine Art Fortsetzung mit besonderem Blick auf die Kinder und Familien. Jakob zeugt mit Elisabeth vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, und seine Familie bleibt eine Aktivistenfamilie. Sein jüngster Sohn steigt in seine Fußstapfen, wird auch ein Reporter und Aktivist, ein anderer geht zurück nach Dänemark und wird dort Director of Public Information in Kopenhagen und kämpft während des Ersten Weltkrieges gegen den steigenden Antisemitismus in der Region.

1905 wird seine Frau Elisabeth nach fast 30 Jahren Ehe plötzlich krank und stirbt überraschend. Für Jakob markiert das das Ende seiner Zeit in New York. Er heiratet erneut 1907 und zieht mit seiner neuen Frau nach Massachusetts auf eine Farm in Barre. Dort wird er dann bis zu seinem Tod 1914 bleiben.

Es wird fast 50 Jahre dauern, bis man ihn als den einflussreichen Fotografen anerkennt, der er war. In Rückschau stellt man fest, seine Fotos haben eine Handschrift, auch wenn er selbst sich nie Gedanken um Bildkompositionen gemacht hat, hatte er doch ein Auge für die Fotografie und die Bilder sind eindrücklich, bleiben im Gedächtnis. Und waren prägend fürs Medium: Viele, die nach ihm kamen, eiferten ihm nach. Das zu der Zeit noch junge Medium der Straßenfotografie nimmt dann einige der ästhetischen Entscheidungen von Jakob auf und deswegen sehen die Bilder auch heute noch einigermaßen modern aus. 

Und in später über ihn veröffentlichen Papern wird darüber spekuliert, dass einige der durch seine Fotos inspirierten Sozialreformen in der Region wahrscheinlich tausenden von Menschen das Leben gerettet und für das Einrichten von sanitären Anlagen und besserer Wasserqualität gesorgt haben. Alles Indizien dafür, dass Fotografien eben doch manchmal verändern können, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen.

Jakob Riis schwankte während seines Lebens mehrmals zwischen Obdachlosigkeit und Reichtum hin und her, verlor aber nie seinen moralischen Kompass. In mancherlei Hinsicht ist seine Lebensgeschichte fast schon typisch für die Immigranten der damaligen Zeit, aber gleichzeitig auch etwas sehr Besonderes, weil er eben mehrmals ganz am Boden ankam und dann trotzdem wieder die Energie fand, sich nach oben durchzukämpfen. Und er war ein Mann, dem es nicht darauf ankam, seine Verdienste aufgezählt zu bekommen. 

Heute weiß man, dass seine Bilder unter anderem dafür gesorgt haben, dass die Wasserversorgung von New York deutlich hygienischer wurde und damit wahrscheinlich aller Einwohner Leben besserten. Es waren seine Artikel, die Politiker vor sich hertrieben, es waren seine Fotos, die für die notwendige Aufmerksamkeit sorgten und er sorgte für ein Bewusstsein für die weniger privilegierten Menschen der Gesellschaft der damaligen USA, das es vorher so nicht gegeben hatte.

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Queen of Street Art https://fotomenschen.kopfstim.me/queen-of-street-art/ Sat, 10 Jul 2021 16:42:30 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

In den 70ern und 80ern war New York das Epizentrum der Jugendkultur und die junge Reportagefotografin Martha Cooper begann deren Kunst zu dokumentieren. 40 Jahre später ist sie immer noch aktives Szenemitglied und ihr Lebenswerk bereiste mit ihr die Welt.

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Das Wort Streetart beschreibt das inoffizielle Anbringen von Kunst im öffentlichen Raum. Und wenn man dazu Schriftzüge wie den eigenen Namen zählt, gibt es das wahrscheinlich schon seit – naja, immer? So hat man zum Beispiel im alten Pompeji Schriftzüge gefunden. Allerdings haben wir etwas ganz bestimmtes vor Augen, wenn wir von Street Art reden. Und das nimmt seinen Anfang in New York, so ungefähr in den Sechzigern. Und zu unserem Glück ist das eigentlich ganz gut dokumentiert.

Fotomenschen.

Sieht man in einem Film die New Yorker U-Bahn, und ist die U-Bahn von bis unten mit Graffiti bemalt, dann wissen wir sofort, wir befinden uns in den siebziger, achtziger Jahren. Und das liegt hauptsächlich daran, dass Rudy Giuliani in den neunziger Jahren Bürgermeister wurde. Und er war Anhänger der sogenannten Broken Windows Theorie. Deren Idee war, dass Vandalismus, der nicht entfernt, sondern geduldet wird, dazu führt, dass mehr Vandalismus stattfindet und ultimativ zu mehr Kriminalität und Verwahrlosung führen würde. In New York war das sichtbarste Zeichen von Vandalismus die von oben bis unten bemalte New Yorker U-Bahn. Und so machte man sich daran, U-Bahn-Graffiti bei Entdeckung direkt zu wieder zu entfernen. Inzwischen haben wir farbabweisende Lacke und regelmäßige Wartungsintervalle. Und deswegen sind komplett bemalte Züge inzwischen ziemlich selten geworden. Schade irgendwie, denn die Züge damals waren wirklich sehr bunt.

Aber die Geschmäcker sind natürlich verschieden. Und viele fanden es einfach auch unerträglich vollgeschmiert. Und dann kam das Bild des typischen Sprayers dazu. Die vermutete man nämlich in den ärmeren Vierteln der Stadt. Und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Das waren die Viertel der Stadt, in denen wenige wirtschaftliche Möglichkeiten auf wenige Freizeitbeschäftigungen trafen, und sich die Jugend deswegen hauptsächlich auf der Straße traf und vergnügte. Das ist die Geburtsstunde gleich mehrerer Jugendsubkulturen.

Es wird sich aufgelehnt gegen die zunehmende Kommerzialisierung der Welt. Punks, Hip-Hopper, Graffiti-Künstler, sie alle lehnen sich gegen den Status quo auf. Und obwohl das alles auf der Straße und in der Öffentlichkeit passiert, wird es zunächst kaum weiter beachtet. Es sind also diese siebziger Jahre, in denen die damals Mitte 20 Jahre alte Martha Cooper mit ihrer Kamera durch die Straßen streift und versucht, interessante Themen für ihre Zeitung zu finden. Sie war Fotografin für die New York Post und unter anderem dafür zuständig, die Füllstorys zu finden. Immer, wenn noch ein bisschen Platz in der Zeitung war, konnte man dort allgemeine Kultur- oder Special Interest Storys unterbringen.

Kleine Anekdoten. Die einzige Bedingung war, es musste Lokalrelevanz haben. Und auf der Suche nach solchen Geschichten lief Martha kreuz und quer durch die Stadt und fotografierte alles mögliche. Als Reportagefotografin interessierten sie die Menschen und wie die miteinander kommunizierten. Sie hatte Kunstgeschichte und Anthropologie studiert. Es ging mir also nicht in erster Linie um die Fotografie, sondern, eigentlich ging es ihr darum, Menschen dabei zu beobachten, wie sie miteinander in Kontakt treten. Auf ihren Streifzügen sieht sie immer wieder die Züge an sich vorbeiziehen, und fotografiert sie munter. Und es war einer dieser Streifzüge, als sie zum ersten Mal Break Dancer sah. Sie war von den Jugendlichen fasziniert, die da an Straßenecken tanzten.

Ihre Fotoeditoren interessierten sich nicht sonderlich für die Geschichte. Noch nicht mal als Füllstoff. Aber sie war fasziniert und begann, diese Jugendkultur zu fotografieren. Kinder und Jugendliche gehörten sowieso zu ihren Lieblingsmotiven. Und es dauert nicht lange, und die Kinder kennen sie. Die Frau mit der Kamera. Manche weisen sie dann auch auf andere Dinge hin, die es zu sehen gibt. Sie haben unter anderem beobachtet, wie sie immer wieder mal die Züge fotografiert. Und eines Tages weist sie eines der Kids, (?Edwin Zerrano), darauf hin, was sie da eigentlich fotografiert. Er zeigt die er nämlich seine Skizzen und erklärte ihr, dass die Schriftzüge, die auf Zügen durch die ganze Stadt gerollt wurden, nichts anderes als Namen und kurze Nachrichten waren. Und er erklärte ja, welche Styles man dort sehen konnte, welche Ideen in der Szene Bewunderung fanden. Und überhaupt, dass es eine ganze Szene von Sprayern gab, die sich nur diesem Thema widmeten. Und Martha geht auf, dass es hier ganz zweifellos um Kunst geht. Dass es eben nicht einfach nur plattes Aufbegehren gegen die Elterngeneration war, was man hier, im öffentlichen Raum beobachten konnte. Und (?Edwin) macht noch mehr.

Er bringt Martha Cooper mit einer damals etablierten und bekannten Sprayergruppe rund um den Graffiti-Künstler Dondi zusammen. Und ab jetzt verbringt Martha jede freie Minute damit, diese Gruppe zu begleiten. Die Kids vertrauen ihr. Sie darf mit zu den illegalen Spraytouren gehen. Sie fotografiert ihren Alltag. Sie porträtiert die Kids und zeigt ihre Kunst. Und das erst mal jahrelang unter dem Eindruck, dass sie die einzige ist, die sich überhaupt für das ganze Thema interessiert, bis ihr jemand erzählt, dass es da anscheinend noch einen Fotografen gibt, der neben ihr unterwegs ist und auch die Züge fotografiert. Sie braucht einige Monate, bis sie ihn tatsächlich ausfindig machen kann. Henry Chalfant. Wie sie, ist er fasziniert von der Streetart, die sich in New York City entwickelt. Anders als sie, interessieren ihn allerdings die Künstler weniger. Die beiden lernen sich jedenfalls kennen und tauschen sich aus. Martha ist von der riesigen Sammlung und den großartigen Aufnahmen, die Henry gemacht hatte, beeindruckt. Und Henry interessiert sich für ihre Porträts und die Szenen, die die Sprayer beim Erzeugen ihrer Kunstwerke zeigen. Für eine Weile haben die beiden so etwas wie freundliche Konkurrenz.

Es geht darum, wer die schönsten Graffiti fotografiert, wer die Tags festhält, die da durch die Stadt fahren. Parallel versucht Martha Artikelstrecken bei großen Magazinen einzureichen. Das ist doch eine Geschichte, die interessant ist, die erzählt werden muss. Aber es interessiert sich einfach niemand für das Thema, oder es wird als zu kontrovers wahrgenommen. Und so kommt die Idee auf, vielleicht ein Buch zu machen. Und sie fragt Henry, ob er nicht mit ihr kollaborieren möchte. Der Arbeitstitel: Art Transit. Sie stellen Beispiele zusammen, machen ein Demobuch und fangen an, die verschiedenen Verleger in der Stadt anzuschreiben. Manche können sich das ganze durchaus als interessantes Projekt vorstellen, scheuen dann aber auf den letzten Metern die Kontroverse. Andere lehnen einfach nur ab. Das Thema wäre doch langweilig und das lässt sich doch gar nicht darstellen. Die Wende kommt, als sie auf der Frankfurter Buchmesse dem britischen Verleger … #00:07:41# Hudson ihr Demobuch vorlegen. Es ist groß und schwer und wertig. Und sie werden sofort unter Vertrag genommen.

Es wird ein Buch in Übergröße, aber nicht, wie die üblichen Coffee Table Books als Hardcover mit großen, schweren Seiten, sondern eher wie eine Art großes Magazin produziert. Die Arbeitstitel Art Transit oder Art in Transit gefallen dem Verleger nicht. Es wird umbenannt in Subway Art. Und einige tausend Exemplare machen sich auf den Weg in die Buchhandlungen der großen Metropolen. Überwiegend sind diese Graffiti nach wie vor ein New Yorker Phänomen. Einzelne fangen an, in anderen Städten aufzutauchen. Aber so richtig ist das Phänomen noch nicht aus seiner Ursprungsstadt rausgewachsen. Henry und Master fotografieren weiter und hoffen darauf, dass das Buch ein Erfolg wird. Allerdings wird das Buch relativ selten verkauft. Und es geht die Anekdote, dass die Hälfte diese Bücher nach und nach aus den Läden gestohlen und gar nicht bezahlt werden. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber zunächst mal sieht es so aus, als wenn dieses Buch ein Projekt wäre, dass, wie schon andere Projekte, die Martha zuvor angestoßen hatte, zwar interessant, aber nicht wirklich lukrativ gewesen war.

Die ist schon nah dran, die ganze Sache einfach abzuhaken, als ihr bei einem neuen Graffiti-Künstler, den sie kennengelernt hat und anfängt zu fotografieren, eine Kopie ihres Buches in die Hände fällt. Also wirklich eine Kopie, mit einem Fotokopierer angefertigt. Manche der Tags sind mit Stiften ausgemalt, manche mit Notizen versehen. Das Buch war ganz offensichtlich wieder und wieder und wieder durchgearbeitet. Daneben waren eigene Skizzenseiten mit abgemalten Tags. Und er erzählt ihr, dass dieses Buch inzwischen Kultstatus hätte. Es stellt sich raus, das Buch Subway Art wurde zu einer Art inoffiziellen Style Bible und hatte inzwischen seinen Weg rund um den Globus gemacht. Graffiti-Künstler überall auf der Welt kopierten das Buch weiter und verteilten es. Sie lernten aus diesen fotografieren aus New York die verschiedenen Styles. Sie malten die Graffitis aus, wandeltes sie ab, erweiterten um eigene Stile. Kopierten das Ganze und reichten es weiter. Und ohne es zu merken hatte Martha etwas geschafft, was sie gar nicht angestrebt hatte. Sie hatte Kultstatus in der Szene erlangt. Künstler begannen sich, an sie zu wenden und nachzufragen, ob sie sie nicht auch mal fotografieren könnte. Streetart-Gruppen luden sie ein, mit ihr auf Tour zu gehen.

Waren diese Graffiti am Anfang überwiegend Schriftzeichen, kamen bald auch eine ausgefeilte Bildsprache dazu. Ganze Gemälde wurden auf Wände und Züge und Autos gesprayt. Und es gab neue Techniken. Von wiederauffüllbaren Spühflaschen bis hin zu besonders flüssigen Farben, die sich in eigens dafür umfunktionierten Feuerlöschern versprühen lassen, gab es die wildesten Konstruktionen. Und parallel wurden die ersten Street Art-Künstler entdeckt und konnten auf Kommission, also im Auftrag arbeiten. Wie es halt immer so ist. Kunstformen, die zuerst als Kritik am Kommerz anfangen, werden nach und nach ganz unweigerlich auch kommerzialisiert. Punk, Hip-Hop, Streetart. Mit den ersten, offiziell anerkannten Street Artists kamen dann auch die Messen und Ausstellungen. Und Martha Cooper konnte sich vor Einladungen nicht mehr retten. Und Martha ist ganz in ihrem Element. Ihr ganzes Leben lang beschäftigt sie sich mit Dokumentationsfotografie.

Sie fotografiert nach wie vor Kinder und Jugendliche am liebsten. Und immer wieder dazwischen die Subkulturen, die sie findet. Und ganz besonders gerne Künstler, die sich mit Streetart auseinandersetzen. Das Buch Subway Art ist inzwischen ganz offiziell eins der erfolgreichsten Fotobücher aller Zeiten. Über eine halbe Million Ausgaben sind davon inzwischen verkauft worden. Und es ist in der Szene immer noch die Bibel schlechthin. Und die Kunstform ist um die Welt gereist. Überall findet Graffiti. Und ich persönlich finde es auch schön, in einer Stadt zu wohnen, der es eine aktive Graffiti-Szene gibt. Wenn man sich hier in Frankfurt in der Stadt umsieht, erkennt man verschiedene Künstler, die im gesamten Stadtgebiet aktiv waren. Da gibt es die ganz offiziellen, großen Murals. Also die Wandgemälde, die zum Teil mehrgeschossige Häuserfassaden schmücken, die beauftragt und bezahlt wurden. Genauso wie Tags auf Zügen und Brückenpfeilern oder kleinen Aufkleberaktionen. Manchmal minikleine Tipp-Ex-Gemälde oder große, durchdachte Kunstaktionen. Wenn man durch seine Stadt läuft, stellt man auf jeden Fall irgendwann fest, dass es eine Art eigenen Fingerabdruck gibt. Die Mischung aus Künstlern, die man dort immer wieder antrifft. Dann gibt es die Ecken der Stadt, wo sich die Neulinge treffen und ihre Kunstfertigkeit dort lernen. Und es gibt die Brennpunkte, wo trotz allgegenwärtiger Kameraüberwachung immer wieder neue Kunstwerke auftauchen und man den Schaffern anscheinend nicht auf die Spur kommen kann. Dazwischen sind immer wieder die internationalen Größen, die sichtbar werden. Auch wir in Frankfurt haben unseren Banksy. Und auch wir in Frankfurt wurden schon mehr als nur einmal von One United Power, 1UP abgekürzt, besucht. 1UP ist dann auch eine Gruppe, die 2018 von Martha Cooper mit einem eigenen Bildband bedacht wird. Eine Woche durfte sie inkognito mit dieser Sprayergang unterwegs sein. Die Berliner nahmen sie mit, als wäre sie eine von ihnen. Und es gibt inzwischen sogar einen Dokumentarfilm dazu. Und der lohnt sich wirklich. Und wenn es nur zu dem Zweck ist, ein bisschen besser zu verstehen, warum Graffiti viel mehr als „nur“ Vandalismus ist.

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Farbfilmpflicht https://fotomenschen.kopfstim.me/farbfilmpflicht/ Sun, 27 Jun 2021 15:15:58 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Pressefotografen hatten jahrzehntelang die Wahl ob sie Ereignisse in Farbe oder Schwarz-Weiß festhielten. Bestand die Wahrscheinlichkeit eines Titelbildes wurde in Farbe, in allen anderen Fällen monochrom fotografiert um Kosten zu sparen. Das alles änderte sich am 22. Januar 1987.

  • Wilt Chamberlain’s 100-point game (Wikipedia, Englisch)
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Episodenbild: Von DerFalkVonFreyburg – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4895560


Transkript

Unser kollektives Bildgedächtnis wird von der Pressefotografie dominiert. Und die eindrücklichsten sind oft die schmerzhaftesten Bilder. Tank Man. Napalm Girl. Das Hindenburgdesaster. Oder auch die neueren Fotos des versuchten Sturms auf das Capitol. Sie alle haben gemeinsam, dass sie Pressefotos sind und dass man sie über Bildagenturen wie „Associated Press“ einkaufen kann.

Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien. Und die Medien bekommen ihre Bilder und Geschichten von um die Welt verteilten Nachrichtenagenturen. Die größte aller weltweiten Nachrichtenagenturen ist die „Associated Press“, deren Geschichte schon im Mai 1848 beginnt. Damals ging es weniger um Fotografie als um den zu der Zeit gerade stattfindenden Krieg zwischen USA und Mexiko. Man wollte schlicht nicht für jede Zeitung eigene Reporter runterschicken und so verständigte man sich darauf, weniger Journalisten loszuschicken und dafür dann deren Geschichten in mehreren Zeitungen gleichzeitig zu verwenden.
In den 1880ern dann begann der Siegeszug der Fotografie in den Zeitungen. Und mit dem Bedarf an Fotografie stieg natürlich auch die Menge an Fotografinnen und Fotografen, die ihren Lebensunterhalt mit Pressefotografie bestritten. Pressefotografie ist nicht besonders glamourös: Die meiste Zeit verbringt man in Pressekonferenzen. Oder man wird auf organisierte Reisen hin zu Krisengebieten geschickt. Natürlich gibt es die Stars der Szene, die auf eigene Faust unterwegs sind, die aber dann meistens einen ganzen Tross von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigen. Und in solchen Fällen ist es natürlich oft so, dass die Nachrichtenagenturen, bei denen sie unter Vertrag sind, für die entsprechenden Ressourcen sorgen.

Es ist natürlich diese Wiederverwendung von Bildern, die Fotos dann auch ikonisch machen können. Wenn ein Bild erstmal auf hunderten von Titelseiten und auf tausenden von Nachrichtenportalen zu sehen ist, dann gibt es kein entkommen mehr, wir erinnern uns daran. Und ein Stück weit erklärt das auch, warum immer noch verhältnismäßig wenige private Aufnahmen ikonisch werden.
Es ist einfach selten, dass die großen Ereignisse stattfinden, ohne, dass wenigstens eine Pressefotografin mit im Raum ist. Und wenn der oder die dann auf den Auslöser drückt, dann wird das Bild, das da geschossen wurde, nicht nur vermutlich mit besserem Equipment fotografiert als das durchschnittliche Handyfoto. Viel wichtiger ist, dass es gleich im Anschluss in ein weltweites Netzwerk gekippt wird und so wesentlich mehr Verbreitung findet.
Associated Press ist als Genossenschaft organisiert, man ist also Mitglied. Es gibt über 1400 Mitgliedsorganisationen, die DPA ist ein Beispiel dafür. Und diese Mitgliedsorganisationen, die beschäftigen zum Teil in Festanstellung, zum Teil als freie Mitarbeiter eine Heerschar von Fotografinnen und Fotografen. Damit steigt natürlich dramatisch die Chance, dass bei wichtigen Ereignissen auch die richtigen Menschen vor Ort sind, um diese zu dokumentieren.

Zumindest für die fest angestellten Profis gilt ein Regelwerk von Associated Press, wie die Fotos beschaffen sein müssen. Und zum Teil wird auch das Equipment gestellt. Zurzeit zum Beispiel fotografieren Fotografinnen und Fotografen, die bei AP unter Vertrag sind, mit Equipment von Sony. Ganz besonders Sportfotografie wird mit den Sony Alpha Kameras gemacht und garantiert sozusagen damit Sony ikonische Fotos, die sie dann wiederum in ihren Kampagnen verwenden können. Win Win.
Aber neben dem einzusetzenden Equipment gab es immer auch schon ganz praktische Guidelines. So dürfen AP-Fotos nur minimal bearbeitet werden. Am Kontrast zupfen oder ein bisschen zuschneiden, meinetwegen. Aber Elemente wegstempeln geht schon nicht mehr.
Heutzutage müssen Fotos digital und in ausreichender Auflösung und in Farbe vorliegen. Wer sich also an den alten Meistern orientiert und mit einer Messsucherkamera Fotos auf körnigem Schwarz-Weiß festhält, wird die bei Associated Press und Co. nur noch loswerden, wenn durch irgendeinen Zufall das eigene Bild das einzige verfügbare Foto von einem wichtigen Moment war.

Allerdings passiert auch das öfter, als man denkt. Also, dass nur ein Fotograf, eine Fotografin zufällig vor Ort ist und das einzige verfügbare Foto macht. Selbst in einer Welt, in der wir alle mit Digitalkameras in Form von Smartphones ausgestattet sind, gewinnt dann im Zweifel der professionelle Instinkt und das gekonnte Bedienen der Technik die Oberhand, sollte man als Fotojournalist zufällig gerade vor Ort sein.
Und so erklärt sich auch, warum die Branchenpreise, zum Beispiel der Pulitzer-Preis oder der World Press Photo Award erstaunlicherweise oft mit One-Hit Wonders gefüllt sind. Also einzelnen Bildern, die absolut ikonisch sind, für die man dann eine Fotografin oder einen Fotografen als Urheber ausmacht, von denen ist wenig weiteres Material zu geben scheint. Die haben natürlich trotzdem tausende, zehntausende, manche hunderttausende Fotos produziert, aber halt als Pressefotografen für die Presseagentur und weniger in Form von Fotobüchern oder Prints oder irgendwelchen anderen Veröffentlichungen. Heute möchte ich die Geschichte von einem dieser Fotografen erzählen; Paul Vathis.

Der Sohn griechischer US-Immigranten verbringt den Großteil seines Lebens in seinem Geburtsstaat Pennsylvania in den USA. 56 Jahre lang war er Fotograf für AP. Und wer ihn als Mitglied des Pressepools irgendwo bei einem Auftrag treffen würde, hätte wahrscheinlich nicht gedacht, dass er es mit einem Pulitzer-Preisträger zu tun hatte. Paul war ein guter Fotograf, aber keiner, der Fotobildbände produzierte. Aber Paul hatte ein Händchen dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, oder, falls er durch den Zufall an den richtigen Ort gebracht wurde, zumindest immer eine Kamera parat zu haben.
So war er zum Beispiel am 2. März 1962 der einzige Pressefotograf und der einzige mit einer professionellen Kamera, als sich abzeichnete, dass das Basketballspiel, zu dem er mit seinem Sohn gegangen war, ein Rekordspiel werden würde. Der Spieler Wilt Chamberlain setzte damals nicht nur einen der ganz großen Sportrekorde in der Geschichte des Basketballs, sondern verschaffte damit der NBA endgültig den Durchbruch gegenüber den damals noch dominanten Collage Sport Leagues. Ja, und Paul war nicht nur der einzige Pressevertreter vor Ort, er war auch der einzige, der eine Kamera dabei hatte und so nutzte er die Gelegenheit, die einzigen Pressefotos von dem Event zu produzieren.
Das Bild, für das er dann später den Pulitzer-Preis gewinnen sollte, war ein anderes Foto. Als Pressefotograf ist er in Camp David und er macht eine Aufnahme von einem nachdenklich ins Gespräch vertieften Präsidenten Kennedy und ehemaligen Präsidenten Eisenhower, die die gerade noch frischen Ereignisse der Invasion in der Schweinebucht diskutieren. Fotografisch gibt das Bild nicht viel her. Aber die Ereignisse sind natürlich explosiv und so ist dieses Gespräch auf Augenhöhe zwischen Präsident und ehemaligen Präsidenten natürlich etwas Besonderes.

Das Bild ist schwarz-weiß, wie fast alle Pressefotos aus der damaligen Zeit. Und das ist ganz interessant, denn auch unsere Erinnerungen an die Epochen, die da festgehalten wurden, sind oft von Schwarzweißfotos geprägt, und das, obwohl seit den 60er Jahren eigentlich Farbfilme die meistverkauften Filme sind.
Die ersten Farbfilme tauchen sogar noch viel früher auf. Am Ende des 19. Jahrhunderts, in den 1890er Jahren, gibt es die ersten ernsthaften Experimente, Farbfilme zu produzieren und Farbaufnahmen werden gefertigt. Die waren natürlich weit von jeglicher Serienreife entfernt. An die kam man dann 1912 bis 1915 näher. Und 1935 wird der legendäre und später marktführende Kodachromefilm auf den Markt gebracht.
Kodak hat zunächst die Filmbranche im Blick, schnell wird aber auch klar, dass der Markt der Kleinbildfotografie ein ebenso lukrativer ist. Die Filme lassen sich teurer verkaufen, die Entwicklung ist aufwändiger und kostet mehr Geld und somit sind auch die Margen höher. Ab 1960 ist der Großteil des verkauften Filmmaterials Farbe. Das liegt aber daran, dass die meisten Fotografien im privaten Umfeld gemacht werden.

Pressefotografen hingegen halten ja Ereignisse fest. Und es gilt als ausgemacht, dass man dafür eigentlich normalerweise keine Farbe braucht. Tageszeitungen werden immer noch monochrom gedruckt und selbst Magazine drucken nicht jede Seite in Farbe, sondern wechseln das gerne auch einmal ab.
Und so gibt Associated Press die Vorgabe aus, dass Fotos in schwarz-weiß gemacht werden, außer es besteht die Annahme, es könnte sich um Titelseitenmaterial handeln. Wenn es diesen Verdacht gibt, also, dass es eventuell zu wirklich spektakulären Bildern kommen könnte, dann haben die Profis mehr als eine Kamera dabei und in irgendeiner der Kameras befindet sich dann auch ein Farbfilm. Solche Gelegenheiten sind aber im Alltag der meisten Pressefotografinnen und -Fotografen eher selten, denn wenn man der Pressekonferenz des lokalen Kaninchenzüchtervereins beiwohnt, wird man vermutlich keine Titelseite fotografieren. Und viele entscheiden deswegen noch bevor sie überhaupt losfahren, welches Filmmaterial sie einpacken.

Lokalkonferenz von einem Provinzpolitiker? Aah, vielleicht doch eher schwarz-weiß. So oder so ähnlich dachten sich das Paul und seine Kolleginnen wohl am 22. Januar 1987, als sie sich auf dem Weg zur Pressekonferenz des damaligen Treasurers, Senatoren und Lokalpolitikers in Pennsylvania Budd Dwyer machten. Budd Dwyer war in einen Bestechungsskandal verwickelt. Er hätte, so der Vorwurf, einen großen staatlichen Vertrag im Tausch gegen einen 300000 Dollar Kickback an ein Unternehmen aus Kalifornien vergeben. Das Ganze zieht sich über Monate hin. Es kommt zu einer ganzen Reihe von Rechtsverfahren. Und Rechtsverfahren in den USA sind teuer, insbesondere, wenn man als Staatsbediensteter wie Dwyer gerade mal 58000 Dollar im Jahr verdient. Dwyer bietet irgendwann an, einen Lügendetektortest zu machen, aber unter der Bedingung, dass ein negatives Testergebnis bitte zum Ende des Verfahrens führen sollte, eine Bedingung, die abgelehnt wird. Er wird von einem lokalen Gericht schuldig gesprochen, ein Urteil, das er anfechtet. Am 23. Januar 1987 steht eine finale Entscheidung an und so erwarten alle, dass Dwyer in der Pressekonferenz am 22., also am Vortag, seinen Rücktritt als Treasurer erklären wird. Und sowas ist sicherlich interessant für die Lokalpresse, aber Titelseitenmaterial ist es nicht. Und deswegen packt niemand Farbfilme ein. Alle Fotografinnen, auch Paul, laden ihre Kameras mit Schwarzweißfilmen.

Dwyer hält eine Rede, 30 Minuten lang, in der er unter anderem nochmal versucht, darzustellen, dass er sich keinerlei schuldbewusst ist, dass er das Opfer einer Schmutzkampagne ist, einer Kampagne, gegenüber der er sich wehrlos ausgeliefert sieht, eine Kampagne, die ihn zu ruinieren droht. Sein Staff und die anwesenden Journalisten sind sich sicher: Jeden Augenblick wird der angekündigte Rücktritt kommen.
Aber das ist der Moment, in dem das Ganze eine drastische Wendung nimmt. Dwyer greift zu einem Umschlag, aus dem er eine 357er Magnum herauszieht, das ist ein massiver Revolver. Die Leute im Raum erkennen, was er zu tun versucht und reden auf ihn ein. Dwyer sagt noch, dass die, denen das jetzt gleich zu schockierend sein wird, doch bitte schnell den Raum verlassen mögen, und es soll ihm bitte niemand zu nahe kommen, er will niemanden verletzen. Aber es ist klar, dass, wenn er nicht schnell handelt, irgendjemand auf ihn draufspringen und ihm die Waffe abnehmen wird. Und deswegen nimmt er den Revolver, steckt ihn sich in den Mund und drückt ab. Er ist sofort tot.

So viel also zu einer langweiligen Pressekonferenz, die kein Titelseitenmaterial wird. Genau das Gegenteil ist der Fall. In den USA ist dieser Selbstmord auf jeder Titelseite. Das Bild, das auf den Titelseiten auftaucht, ist das Schwarzweißfoto von Paul Vathis. Es zeigt Budd Dwyer mit entschlossenem Gesichtsausdruck und dem Revolver in der Hand, Sekundenbruchteile, bevor er sich den Lauf in den Mund steckt. Paul war zufällig am richtigen Ort gestanden und hatte die Kamera sowieso gerade auf ihn gerichtet. Und so hält er den Moment ohne Wiederkehr fest.
Es gab eine Farbfilmaufnahme dieses ganzen Moments, und zwar war eine Nachrichtenkamera mit im Raum für die lokale TV-Station. Die hatte aber nicht nur einen ungünstigeren Winkel, sondern auch schlechtere Bildqualität und so konnte man das Bild nicht für Printmedien, für Magazine und Zeitungen verwenden.

Trotzdem liefen diese Aufnahmen natürlich in den folgenden Wochen kreuz und quer durch die USA. Die TV-Sender spalteten sich in zwei Lager. Die Mehrzahl der Stationen entschied sich aktiv dagegen, den Schuss zu zeigen, aber natürlich gab es auch die TV-Stationen, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, das Video in all seinen Details abzuspielen. Und so kam es in den USA gleich auch noch zu einer Medienethikdebatte, zusätzlich zu der Frage, ob Budd Dwyer durch seinen Selbstmord nun bewiesen hat, wie unschuldig er gewesen war oder wie schuldig er denn nun sein musste. Schuldig war dann auch der Urteilsspruch der nachfolgenden Verhandlungen.
Allerdings blieb auch ein ziemlich fader Geschmack und einiges an Fragen zurück, denn es tauchte der Verdacht auf, dass Budd Dwyer den öffentlichen Freitod gewählt hatte, um seiner Familie den finanziellen Ruin zu ersparen. Die schon aufgehäuften Verfahrenskosten waren weit mehr als er sich eigentlich leisten konnte und hätte er abgewartet, bis er endgültig schuldig gesprochen war, ein Urteil, das als sicher galt, dann hätte er jegliche Pensionsansprüche verloren. Zu der Zeit die höchsten Pensionsansprüche, die jemals in der Geschichte von Pennsylvania ausgezahlt worden waren, über 1,3 Millionen US-Dollar. Weil Budd Dwyer noch vor dem Schuldspruch aus dem Leben geschieden war, konnte seine Witwe diese Pensionskosten geltend machen und damit den finanziellen Ruin abwenden.

Bis heute gibt es Leute, die Zweifel an dem Schuldspruch anmelden und der Überzeugung sind, Budd Dwyer wäre eigentlich unschuldig gewesen. Die TV-Stationen gaben sich zum Teil neue Regeln in solchen Fällen. Schockierende Ereignisse wie der Freitod vor der Kamera sollten einfach nicht mehr ungefiltert ausgestrahlt werden dürfen. Und Paul Vathis war ein weiteres Mal zum Pulitzer-Preis nominiert.
Gewonnen hat er ihn damals nicht, aber er war der letzte Associated Press Photographer, der ein schwarz-weißes Pressebild zum Pulitzer einreichte. Denn AP gab sich mit dem Ereignis rund um Budd Dwyer neue Regeln: Egal, ob es teurer in der Entwicklung und in der Anschaffung sein würde, ab jetzt mussten Pressefotos in Farbe sein.

1990 dann begann nach und nach der Siegeszug der Digitalkameras. Der war am Anfang noch gemächlich, aber eben auch von Anfang an in Farbe. Die erste Digitalkamera, die für Journalistische Zwecke verwendet wurde, war in Kooperation zwischen Kodak und Associated Press. 0,8 Megapixel hatte diese Kamera. Als dann rund um das Jahr 2000 die ersten digitalen Spiegelreflexkameras mit über 6 Megapixeln auf dem Markt waren, war es um die Filmkameras nach und nach geschehen – 2010 waren analoge Kameras zumindest in Pressekonferenzen komplett verschwunden. Und das ist vielleicht eine dieser wichtigen Unterscheidungen: Es gibt nach wie vor Pressefotos, die auf Film gemacht werden. Das sind aber dann keine zeitkritischen Aufträge. Und meistens sind es dann auch die Fotografinnen und Fotografen, die schon immer mit Film gearbeitet haben und schon seit ein paar Jahrzehnten im Geschäft sind.
Ganz allgemein hätte sich dann heute außerdem auch die Lage komplett gedreht: Die billigsten Filme und die niedrigsten Laborkosten hätten heute Farbfilme. Es sind die Schwarzweißfilme, die inzwischen zur Ausnahme werden, die von Hand anstatt automatisiert entwickelt werden müssen. Und drum mag es so sein, dass schwarz-weiß unser ikonisches Pressefotogedächtnis geprägt hat. Aber moderne Bilder, die sind nur dann noch in schwarz-weiß, wenn die Fotografinnen und Fotografen das aus künstlerischen Gründen aktiv so entschieden haben.

Unser kollektives Bildgedächtnis wird geprägt von Bildagenturen. Associated Press ist die größte Nachrichtenagentur der Welt und damit eine der wichtigsten Bildlieferanten. Und zusammen mit Getty und Corbis dominieren sie, welche Bilder wir sehen und welche Nachrichten wir lesen. Kleiner Infoschnipsel dazu am Rande: Corbis und Getty Images, die zwei größten reinen Bildagenturen der Welt, gehören einer chinesischen Investorengruppe. Im Grunde bekommen wir also die Bilderflut um uns herum mehr oder weniger aus ein bis zwei Händen. Und ich finde, das sollte uns, egal ob jetzt Farbe oder schwarz-weiß, wirklich zu denken geben.

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Das ultimative Anti-Kriegs-Bild https://fotomenschen.kopfstim.me/das-ultimative-anti-kriegs-bild/ Sun, 13 Jun 2021 17:52:31 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Am 8. Juni 1972 macht Nick Út die Aufnahme „Terror of War“ die ihn zum jüngsten Gewinner des Pulitzerpreises in der Kategorie Pressefoto machen sollte. Wir kennen das Bild unter „Napalm Girl“ und schreiben ihm zu den Verlauf des Krieges geändert zu haben. Heute erzähle ich die Geschichte des Bilds und gehe der Frage nach ob die Zuschreibung eigentlich stimmt…

Das Episodenbild ist eine andere Aufnahme aus der Reihe Aufnahmen die an dem Tag entstand. Es zeigt den Moment des Einschlags und macht deutlich dass hier Reporter in militärischer Kleidung in zwei Reihen standen (die Personen die im Bild zu sehen sind waren Mitglieder des Presseteams vor Ort).

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Transkript

Je länger ich mich mit der Geschichte der Fotografie beschäftige, desto öfter kommt die Frage auf, ob Bilder die Welt verändern können. Erzählt ein Bild wirklich mehr, als 1000 Worte, wie das Sprichwort uns glauben machen will? Gilt das nicht mindestens für die berühmte Aufnahme, die Nick Ut am 08. Juni 1972 gemacht hat, die als Napalm Girl in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist? 

Eigentlich heißt das Bild Terror of War. Es ist Bild Nummer sieben auf einer von mehreren Filmrollen, die Nick Ut an dem Tag vollgeschossen hat. Nick Ut war vietnamesischer Reporter für associated Press. Sein Handwerk hatte ihm sein Bruder beigebracht, der siebte in seiner Familie. Deswegen glaubt Nick Ut bis heute, dass es ein letzter Gruß seines Bruders war. Der war wenig vorher im Einsatz ums Leben gekommen. Weil Nick die Fotografie von ihm gelernt hatte und durch ihn bei associated Press arbeitete, bat die Familie den damaligen Bildredakteur, Nick auf diese Stelle zu setzen. 

So wurde aus Nick ein Kriegsreporter, der im Einatz fotografierte. Das Bild zeigt eine Szene aus einem Krieg, von dem wir vermutlich ganz allgemein sehr verzerrte und sehr wenige Vorstellungen haben. Die Amerikaner hatten irgendwas damit zu tun. Es gab auch die Friedensbewegung, die dagegen war, dass Amerikanische Soldaten irgendwo in Asien Babys und Frauen mit Napalm töteten. So oder ähnlich ist es vermutlich im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben. Zurück von unserer kollektiven Erinnerung zu diesem Bild. 

Die Aufnahme, die von Nick Ut The Terror of War genannt wurde, kennen die meisten als Napalm Girl. Ich bin mir sicher, die meisten Hörer wissen sofort, welche Aufnahme gemeint ist. Es ist ein oft ikonisch genanntes Bild, da es so berühmt ist, dass es fast jede und jeder kennt und da ihm Macht zugesprochen wird. Es wird angenommen, dieses Bild habe die Welt verändert, den Verlauf des Vietnam Kriegs vielleicht beeinflusst. 

Die Aufnahme zeigt insgesamt neun Menschen, wovon fünf Kinder sind. im Zentrum sieht man besonders eindrücklich ein Mädchen, das sich komplett die Kleidung vom Leib gerissen hat und schreiend auf den Kameramann zuläuft. Es ist das damals neunjährige Mädchen Phan Thị Kim Phúc. Es hat sich die Kleidung vom Leib gerissen, da es durch den Napalm Angriff getroffen worden war und ihre Kleidung in Flammen stand. 65 Prozent ihrer Haut war verbrannt. Das sehen wir auf dem Bild nicht. Wir wissen nur, dass es Napalm Girl ist und können uns eins und eins zusammenrechnen. 

Durch den Rauch im Hintergrund, die vier männlichen Gestalten in militärischer Kleidung können wir uns erschließen, dass diese Szene in einem Krieg aufgenommen wurde. Der Junge vorne links im Bild schreit noch viel eindrücklicher, als das Mädchen. Als ich die Aufnahme letztlich anlässlich des Jubiläums durch Social Media laufen sah, habe ich im ersten Moment sofort an den Schrei von Munch gedacht. Man sieht im Gesicht existenzielle Angst und Schmerz und davon viel. Wir schauen uns diese Kinder an und können gar nicht anders, als mit ihnen mitzufühlen. Wir sehen diese Angst und den Schmerz und wollen helfen. 

Als Nick Ut diese Bilder nach erfolgter Entwicklung sieht, weiß er sofort, dass Bild sieben a auf seiner Rolle ein absoluter Treffer ist. Das ist die Aufnahme, die für diesen Angriff stehen wird und die auch sein Bildredakteur in Saigon sofort an die Firmenzentrale von associated Press schicken lässt. Es ist nicht genau die Aufnahme, sondern eine leicht zugeschnittene Fassung. Die Reporter, die an der Seite mit den Kindern mitlaufen sowie die Großmutter, die einen sterbenden Säugling auf dem Arm hält, lenken nur vom Hauptmotiv des Mädchens in der Mitte ab. 

Die Komposition ist wie sie im Endeffekt in den Medien landet viel mächtiger. Das Bild ist so wirkmächtig, dass fast alle führenden großen Zeitungen und Magazine dieses Bild für die Berichterstattung über den Stand im Vietnam Krieg benutzen. Interessanterweise müssen, je nachdem in welchen Ländern sie sind, manche davon dafür Sondergenehmigungen beantragen. Es ist ja ein nackter Mensch darauf abgebildet. Kurz wird ein bisschen daran herumretuschiert. Es gab einen Schatten, den man mit Schamhaar hätte verwechseln können. Der wurde aus dem Bild rausgebleicht. Mein Gott. Bomben, Tote, Gewalt sind gar kein Problem. Ih, da ist ein Schamhaar, wie unangemessen. Das Bild gibt dem Krieg ein Gesicht und entsetzt die Menschen. 

In diesem Jahr gewinnt Nick Ut für dieses Foto den Pulitzer Preis. Es ist das Pressefoto des Jahres. Wir wissen, wenn wir mit uns ehrlich sind auch, warum. Das Bild zeigt Kinder unter Schmerzen und Angst. Diejenigen von uns, die selber Kinder haben, schauen sich dieses Bild an und stellen sich vor, wie es so ihren eigenen Kindern furchtbarerweise gehen könnte. Das Mädchen ist nackt und sieht vollkommen hilflos aus, was durch ihre Nacktheit verstärkt wird. In der Fotografie gibt es zwei Sachen, auf die wir Menschen vorhersagbar anspringen. Das eine ist Nacktheit. Das andere ist Menschen in Gefahr oder unter Schmerzen. Dieses Foto kombiniert beides. 

Nick macht mehrere Aufnahmen von dem Mädchen, kümmert sich aber relativ schnell um sie. Er gibt ihr Wasser, kühlt ihren Körper, hilft den Kindern in einen Lieferwagen von associated Press und begleitet das Mädchen ins Krankenhaus. Dort soll er seinen Status als Reporter von associated Press klargemacht haben. Das Mädchen wäre so gut wie berühmt, da die Bilder um die Welt gehen werden. So wäre es im Interesse der Ärzte und Schwestern, sich ganz besonders gut um die Kleine zu kümmern. Am nächsten Tag landet das Bild ja auch in der Weltpresse. Man wusste damals sehr wohl, was gerade der Stand im Vietnam Krieg ist. Das wissen wir heute nicht mehr, weshalb man es fast verzeihen kann, dass die meisten Menschen glauben, dieses Bild zeige einen Angriff der Amerikaner auf Vietnamesen. 

Viele glauben, dieses Bild hätte für das Aufflammen der Friedensbewegung und das Ende des Vietnamkriegs gesorgt oder dazu beigetragen. Beides stimmt so nicht. Fangen wir mit dem ersten Mythos an. Wer hat da eigentlich gegen wen gekämpft? Also 1972 die Aufnahme in Südvietnam entsteht, sind die Amerikaner längst auf dem Rückzug aus Vietnam. Aus dem Vietnam Krieg, in dem die Amerikaner Kriegspartei sind, wird ein Krieg, in dem Südvietnamesen gegen Nordvietnamesen kämpfen. Genauso einen Angriff sehen wir auf diesem Bild. Es war dem Piloten auch nicht um das Dorf gegangen. Sie hatten eine außerhalb des Dorfes gelegene Befestigungsmauer angegriffen. Die Familie des Mädchens und die Kinder hatten aber beschlossen, von dem Dorf aus die Straße runter zu laufen und sie waren sozusagen zwischen die Angriffe geraten. Diese Angriffe waren der Grund, weshalb zwölf Reporter auf dieser Straße standen. 

Diese Erkenntnis kommt mir in letzter Zeit immer wieder. Obwohl Kriegsreporter öfters im Rudel arbeiten und eine Art organisierte Reise an die Front unternehmen, sehen wir sie in den Bildern doch sehr selten. Kriegsreporter sind gut darin, ihre Kollegen aus den Ausschnitten rauszunehmen. So ist es auch hier der Fall. So ein Bild erzählt ganz schnell eine andere Geschichte, wenn in diesem Pulk plötzlich lauter Männer mit Kameras rumlaufen, statt den Betroffenen zu helfen. Da werde zumindest ich ganz schnell zynisch. Es gibt einen kompletten Film aus dieser Szenerie. Jemand war mit einer Filmkamera da gestanden und hat einfach draufgehalten, während Menschen eigentlich Hilfe gebraucht hätten, alles im Dienste des Journalismus und der Berichterstattung. Ein Bild sagt mehr, als 1000 Worte. Fotografen versuchen aber trotz allem immer noch auszuwählen, welche Worte das sind. Wir sind da mit zwölf Presseleuten gestanden und haben Elend fotografiert gehört nicht zu den gerne ausgedrückten Worten. 

Der Mythos, das Bild zeige einen amerikanischen Angriff hält sich übrigens gerade in den USA sehr hartnäckig. Es geht so weit, dass es in den 90ern zu einer tränenreichen Entschuldigung eines Angriffspiloten im Vietnamkrieg vor laufender Kamera kam, der sich genau daran erinnern konnte, wie er diesen Angriff geflogen war und vor lauter Schuldgefühlen zum Glauben gefunden hat und jetzt als Missionar unterwegs ist und auf Gottes Gnade hofft. Wir wissen es heute wie gesagt besser. Die Amerikaner waren schon auf dem Rückzug. Das Bild hat nicht für den Rückzug und das Ende des Krieges gesorgt. 

Wenn überhaupt, war dieses Bild erstmal ein Propaganda Erfolg für die kommunistischen Nordvietnamesen. Die sahen es als Beweis für die Unmenschlichkeit der Südvietnamesen. Sie hatten sogar ihre eigenen Kinder und Frauen angegriffen, nur um eine verhältnismäßig unwichtige Stellung der Nordvietnamesen zu bombardieren. In den USA war dieses Bild erstmal Wasser auf die Mühlen einer sowieso schon laufenden Maschinerie. Die Amerikaner waren ein Jahr später aus diesem Krieg verschwunden. Der Krieg ging aber mit voller Kraft weiter. wenn überhaupt trug das Bild dazu bei, dass sich die Amerikaner weigerten, den Südvietnamesen auch nur die kleinste Hilfestellung zu geben. Das Bild hatte eindeutig Eindruck gemacht und vielleicht Entscheidungen, die für den Krieg von Bedeutung waren beeinflusst. Ob es aber immer gute Entscheidungen waren und ob es die waren, die wir heute diesem Bild zuschreiben, ist schwer zu beurteilen. Im Übrigen wusste das Mädchen erstmal gar nichts von der Aufnahme. Als sie 14 Monate später das Bild von ihrem Vater gezeigt bekommt, findet sie es furchtbar.

B: I totally avoid to look at my picture alone.

I: Bis heute vermeidet sie es, dieses Bild anzusehen, wenn sie allein ist.

B: My mouth, my eyes, my body. It is the worst moment of human being.

I: Es ist der schlimmste Moment ihres Lebens. Es ist der schlimmste Moment, den Menschen durchleben können, der auf diesem Bild festgehalten ist.

B: As a little girl I felt so embarrassed. Why was I naked and my brothers und cousin had clothes on?

I: Besonders als junges Mädchen war es ihr unangenehm, dass sie nackt war, während ihr Bruder und Cousins Kleidung anhatten. 

B: I just (?cry) there. I turned my head and saw four bombs landing like that. Fire was everywhere and the fire actually burned my clothes off. I was nine. I remember that I thought: Oh my goodness. I got burned, so I will be ugly and people will see me in a different way. Of course the moment on the picture on that day changed my life forever.

I: Sie erinnert sich, dass diese vier Bomben runterkamen, das Feuer ihr die Kleidung vom Leib gebrannt hatte. Sie machte sich als das kleine Mädchen, das sie damals war, Sorgen, ob sie jetzt nicht für ihr Leben lang hässlich sein würde. Man könnte das in dem Bild ja auch noch sehen. Mit erwachsenen Augen sieht sie das Bild inzwischen natürlich auch für seine Vorteile und die Macht, die es hat.

B: Now I know, I have a picture, which I am not embarrassed of like before. But it is not much to me.

IInzwischen hat sie geheiratet und ist nach Kanada ausgewandert. Nick Ut lebt übrigens in den USA. Die beiden haben sich seither auch viele Male getroffen. Sie weiß natürlich, dass ihr dieses Bild Aufmerksamkeit gibt und dass sie eine Antikriegsikone ist und es für den Willen steht, sowas nicht zu dulden. Es gibt trotzdem diverse Interviews mit ihr, wo sie sagt, sie habe sich mehr als nur einmal gewünscht, Nick Ut hätte dieses Bild nie gemacht und es wäre nie in unser aller Gedächtnis eingegangen. Sie weiß um die Möglichkeiten und nutzt die durch das Bild kommende Berühmtheit. 

Sie ist aber auch für ihr Leben definiert. Wir lassen ihr keine Wahl. Dieses Bild gehört inzwischen irgendwie uns. Die Frage stellte ich meiner Twitter Community, als zum Anlass des Jahrestags das Bild auf Twitter geteilt wurde. Das Bild gefühlt überall immer ohne die dazugehörige Geschichte zu sehen. An die erinnern wir uns, so glauben wir, ja schließlich. So maßen wir uns an, zu entscheiden, ob wir dieses Bild weiter teilen dürfen und wieviel Kontext wir dran hängen und wieviel Energie wir aufwenden, um uns selbst zu informieren. Irgendwie ist es ja Zeitgeschichte. 

So teilen wir Kriegsbilder, von denen wir nicht wissen, was sie zeigen, wer da drauf ist, in welchem Jahr es war. Wir schreiben ihm eine Macht zu, die es nicht einmal hatte, als die Ereignisse ganz frisch in aller Gedächtnis waren. Da lande ich immer. Ich will so gerne glauben, dass solche Fotos mächtig sind, kriege verhindern können, Menschen zur Vernunft bringen. Wenn ich dieses Bild sehe oder ähnlich wirkmächtige Bilder aus jüngerer Vergangenheit sehe, bleibt immer der fade Beigeschmack, dass sich die Ereignisse trotzdem kaum ändern. Es ist nur ein zusätzliches Foto in der Welt, von dem wir uns rausnehmen, es einfach zu teilen, egal ob die abgebildeten Menschen jemals zugestimmt haben. (Musik) Fotomenschen. 

Phan Thị Kim Phúc und Nick Ut sind beide Ikonen der Friedensbewegung und kämpfen für eine friedlichere Welt. Vielleicht ist schon das der Wert, den das Bild liefert. Es ist eine Ikone für den Frieden, ein Mahnmal, eine Erinnerung daran, dass Krieg immer auch die falschen trifft, falls es überhaupt richtige gibt. Ich lerne aus solchen Bildern, skeptisch zu bleiben, nicht mehr anzunehmen zu wissen, was mir eine Aufnahme zeigt und die Frage zu stellen, ob ich wirklich verstanden habe, wo dieses Bild entstanden ist, was es genau zeigt und was es mir warum versucht zu sagen und warum nichts anders. 

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte,. Wir vergessen immer wieder, dass wir als Betrachter die 1000 Worte auswählen, die wir hören wollen. 

Wer jetzt mehr über die Ereignisse erfahren möchte, findet in der Notizen zur Folge Links zu Interviews mit allen wichtigen Beteiligten, auf meine Quellen und unter anderem zu einem Artikel von Professor Gerhard Paul, der sich sehr ausführlich mit dem Bild sowie der Geschichte und der Art und Weise der Aufnahme des Bildes beschäftigt hat. Ich hätte den Artikel nicht ohne den Hinweis von Cornelia Stenschke gefunden. Vielen Dank auch dafür. Ich weise darauf hin, wer den Verdacht hat, in den Notizen zur Sendung im eigenen Podcatcher nicht alles zu sehen, findet auf Fotomenschen.net auf jeden Fall den ganzen Rest sowie komplette Transkripte vergangener Episoden. Wer mag, kann dort gerne einen Kommentar im Blog hinterlassen oder eine Rezension auf iTunes schreiben oder mit Auf Fotomenschen auf Twitter eine Nachricht schicken. Ich freue mich über jede Rückmeldung, Themenvorschläge, andere Hinweise oder nur einen lieben Gruß. Lieben Dank wieder fürs Zuhören. Bis bald.

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Der Schattenfänger https://fotomenschen.kopfstim.me/der-schattenfaenger/ Sat, 10 Apr 2021 18:50:38 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

„Shadow Catcher“ nannten die amerikanischen Ureinwohner den Mann der 30 Jahre in das ambitionierteste Fotoprojekt seiner Zeit, vielleicht aller Zeiten investierte und versuchte die Kultur und Bräuche sämtlicher noch erreichbarer Stämme zu dokumentieren. Seine Lebensgeschichte ist turbulent und brachte ihn mit den Großen seiner Zeit zusammen.

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Transkript

Wir befinden uns an der Westküste der USA. Die Stadt Seattle war nach einem Indianerhäuptling benannt worden. Beziehungsweise von dem Namen eines Indianerhäuptlings inspiriert benannt worden. Denn der eigentliche indianische Name war den meisten zu schwer auszusprechen. Seattle war da deutlich einfacher. Die Pazifikküste war erst vor kurzen an das amerikanische Eisenbahnnetz angeschlossen worden. Und damit hatten sich die Tore geöffnet. Weiße Einwanderer und Siedler konnten endgültig auch den bis dahin wilden und ungezähmten pazifischen Nordwesten erobern. Wobei, ganz so ungezähmt war der Nordwesten nicht. Da hatte es ja schon Ureinwohner gegeben. Und die gab es immer noch. Wir sind allerdings in einer Zeit, in der der Rote Mannn sich nach und nach der Übermacht des Weißen Mannes gebeugt hatte. Eine ganze Reihe von Verträgen waren abgeschlossen worden. Man hatte den ursprünglichen Einwohnern des Landes Gebiete zugewisen, in die sie sich zurückzuziehen hatten. Nicht notwendiger Weise immer die besten Gebiete möchte man hinzufügen.

Es ist jedenfalls diese Eisenbahnverbindung, bei der unsere Geschichte anfängt. Denn sie ist es, die den jungen Edward Curtis damals 17 Jahre alt vom fernen Wisconsin nach Seattle bringt. Sein Vater war Bürgerkriegsveteran mit nicht mehr allzu guter Gesundheit und ein evangelikaler Prediger. Man könnte also die Curtis Familie als bettelarm bezeichnen. Und deshalb stand auch nach der sechsten Klasse für den jungen Edward nicht mehr Schulbildung auf dem Programm, sondern die Aufgabe der Familie dabei zu helfen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Umzug nach Seattle war mit der Hoffnung verbunden hier vielleicht sein Glück machen zu können. Hier gab es noch unzugewiesenes Land. Man konnte sich ein Grundstück zuweisen lassen. Und wenn man Glück hatte, war das genug für einen Neustart. Edward war schon in sehr jungen Jahren immer mit seinem Vater unterwegs gewesen, um die verschiedenen Gläubigen in seiner Gemeinde zu besuchen. Und hatte so gelernt, wie man unter freiem Himmel und mit nichts als dem, was die Natur einem bot, über die Runden kam. Die Familie Curtis hatte also nicht viele Gegenstände umzuziehen. Aber einer der Gegenstände, die sie umzog, war das Objektiv, das der Vater aus dem Krieg mitgebracht hatte. Edwards Vater selber war kein Fotograf. Und das Objektiv-? Wer weiß schon, wo dieses Objektiv aufgesammelt worden war? Aber Edward war schon als Teenager fasziniert von der Möglichkeit vielleicht Bilder aufzeichnen zu können. Und hatte sich mithilfe eines Buches „Wilson‘s Photographics“ eine eigene Kamera gebaut. Die funktionierte allerdings mehr schlecht als recht. So blieb das Hobby nicht hängen. Damals, als er als 14-Jähriger die Schule verlassen hatte und in Wisconsin bei der lokalen Eisenbahngesellschaft anheuerte, um Schienen zu verlegen, hatte er dann sowieso erstmal anderes im Sinn. Aber in Seattle da ging ihm dieses Objektiv und das, was er aus dem Buch gelernt hatte nicht mehr aus dem Kopf. Seattle war eine Stadt im Aufschwung. Neuer Reichtum durch die Eisenbahnverbindungen und den Goldrausch brachte die moderne Technik und den Fortschritt in die Stadt. Eine der großen Dinge der Zeit war die Fotografie. Am anderen Ende des Kontinents schickte sich zum Beispiel ein junger George Eastman gerade an mit Kodak eines der einflussreichsten Unternehmen der Menschheitsgeschichte zu gründen. Für Edward stand allerdings anderes in den Karten. Sein Vater hatte immer davon geträumt eine Ziegelbrennerei zu eröffnen. Und Edward ernährte die Familie hauptsächlich durch Fischerei. 15 Kilo konnte ein Lachs aus der Region werden. Damit konnte man eine Weile lang essen. Wenn er nicht fischte, übernahm er Hilfsarbeiten oder sammelte Beeren.

Sein Vater war seit zwei Jahren tot, aber Edward arbeitet sich Stück für Stück nach oben. Und seine Familie mit ihm. Es war ein schwerer Unfall, der diesen Plan zum Halten brachte. Ein Sturz verletzte ihn an der Wirbelsäule. Und über ein Jahr war der 22-Jährige energiegeladene gut aussehende Edward Curtis plötzlich an das Bett gefesselt. Für seine Familie war das eine Katastrophe. Aber die Siedler damals hielten zusammen. Die Einwohner in der Region kannten sich untereinander. Und so passieren in diesem Jahr zwei Dinge. Erstens Edward lernt seine zukünftige Frau kennen. Clara Phillips. Die 16-Jährige kommt ihn regelmäßig besuchen und hilft der Familie aus. Clara kommt von einer weitgereisten Familie. Sie war in Kanada, in Pennsylvania und war belesen. Edward war fasziniert. Er teilt seine Ideen mit ihr. Sie hört ihm zu. Bald geht sie in der Curtis-Familie ein und aus. Es ist einer dieser Besuche, bei denen sie in das Haus kommt und Edward vor einen seltsam aussehenden Kasten vorfindet. Sie lässt sich zeigen, was für ein Gerät das ist. Ein Mann auf der Durchreise Richtung Goldrausch Country hatte die Kamera aus Geldnot heraus verkauft. Und Edward hatte einem spontanen Impuls folgend die Ersparnisse der Familie auf den Kopf geschlagen. Als Edward dann kurz darauf über eine Anzeige in der Zeitung davon erfährt, dass ein Porträtfotograf in der Stadt in Seattle einen Partner sucht, beschließt er einen Kredit aufzunehmen und in diese Partnerschaft zu investieren. Er würde also umziehen. Und mit kaum Ahnung von der Fotografie alles auf diese Karte setzen. Seine Familie muss begeistert gewesen sein. Und dann gab es noch einen kleinen Skandal. Denn Clara erklärte ihrer Familie sie würde mit Edward in die Stadt ziehen. Und sie würden heiraten und dort zusammen wohnen. Das alles sozusagen in einem großen Rutsch.

Für Edward begann jetzt eine prägende Zeit. Er lernte das Fotografieren von der Pike auf. Es gab viele Menschen mit Geld in der Stadt. Und er war einer derjenigen, der wusste, wie man Menschen mit Geld in Porträts gut aussehen lassen konnte. Es dauerte nicht lang und aus dem partnerschaftlichen Porträtstudio wurde ein von ihm allein geführtes Porträtstudio. Er war eine Größe in der Stadt. Man kannte ihn. Und er hatte eine erste Karriere als Porträtfotograf. Bald wurde ein erstes, bald ein zweites Kind geboren. Die Rechnung war aufgegangen. Das Geld begann zu fließen.

Wer schon mal Fotos von Seattle gesehen hat oder vielleicht sogar dort schonmal zu Besuch gewesen war, der weiß vielleicht, dass im Umland von Seattle mehrere große aktive Vulkane stehen. Riesige Berge. Bilderbuchlandschaften. Mit Seen in denen sich eisbedeckte Gipfel spiegeln. Mit riesigen Wäldern. Mit Landschaften, die einfach zu schön sind um wahr zu sein. Es ist diese Umgebung, der die Liebe von Edward und Clara gehören. Der Gipfel, den man von Seattle aus sieht, gehört zu dem Vulkan Mt. Rainier. Auch heute noch ein atemberaubend schöner Nationalpark. Und Edward wandert dort so viel, dass er als professioneller Wanderguide tätig werden kann und Leute zum Gipfel und über die Gletscher führen kann. Wenn er nicht wandert fotografiert er. Porträts. Edward gehört einer Tradition an, die sich Pictorialism nennt. Das heißt, seine Porträts versuchen mit einem leicht verträumten Look künstlerisch auszusehen. Viele werden noch im Nassplattenverfahren gemacht. Aber es ist auch die Zeit der Dryplates. Also, fotografische Verfahren, wo man mit fertigen Medien anfangen kann. Und nicht erst immer alles vorbereiten und sofort entwickeln  muss. Fotografen der damaligen Zeit waren nicht nur Auftragsarbeiter. Sondern meistens auch damit beschäftigt Kunstwerke zu schaffen oder Postkarten zu drucken. Alles, was ein Bild haben konnte, war im Prinzip mögliche Geldquelle. Und das war wahrscheinlich auch die hauptsächliche Motivation, die Curtis dazu brachte sich mit einem Seattler Original zu beschäftigen. Denn es gab innerhalb der Stadtgrenzen eine Frau, die da eigentlich gar nicht sein durfte. Gesetze hatten es verboten, Indianern Anwesen im Stadtgebiet zu verkaufen. Oder sie auch nur unter dem eigenen Dach übernachten zu lassen. Wer anreisen wollte, brauchte eine Genehmigung das Reservat zu verlassen. Und sich in der Stadt aufzuhalten, brauchte ebenfalls entsprechende Zustimmung. Allerdings gab es Ausnahmen. Wenige, aber akzeptierte Ausnahmen. Und eine solche Ausnahme galt für die Tochter von Chief Seattle höchst selbst. Sie war bekannt als Princess Angeline. Einen Namen, den ihr eine weiße Frau einmal gegeben hatte. Und der den Einheimischen leichter von der Zunge ging als ihr eigentlicher Name. Aufgewachsen als Tochter eines Fürsten, war die zur Zeit Edwards 90-Jährige geduldet und bettelarm. Sie lebte in einem Holzverschlag und verkaufte Muscheln an Touristen oder Einheimische, die sie selbst aus dem Schlamm ausgrub. Kinder machten Umwege nur um sie zu foppen und mit Steinen zu bewerfen. Wobei von Angeline überliefert wurde, dass sie dann ohne Weiteres auch mit Steinen zurückwarf und oft treffsicherer war als die Jungs. Touristen kamen in den Hafen nur, um auch mal einen Blick auf die Tochter des berühmten Indianerhäuptlings zu werfen. Und verschiedene Fotografen hatten Sie für Postkarten verewigt. Und das war auch das, was Curtis ursprünglich im Sinn hatte. Er ging an den Hafen und wollte sie fotografieren und bat sie für ihn Porträt zu sitzen. Einen Dollar würde er ihr dafür zahlen. Das war ein Tageslohn. Das war schon ordentliches Geld. So entstehen mehrere eindrucksvolle PortrÄts, die er auch in die Auslage hängt und für gutes Geld verkaufen kann. Er produziert außerdem besagte Postkarten. Aber irgendwie ist er unzufrieden. Er möchte mehr. Er möchte Angeline so zeigen, wie sie wirklich lebt. Und so fotografiert er sie auch noch beim Muschel-ausgraben und in verschiedenen anderen Situationen. Es sind seine ersten Fotos von amerikanischen Ureinwohnern. Und es werden nicht die letzten sein. Der Besuch eines Häuptlings in der Stadt zum Anlass eines Fußballspiels gibt ihm eine weitere Gelegenheit. Hier kommt noch dazu, dass Curtis sich mit dem Mann unterhält. Und damit erkennt, dass die offizielle Geschichtsschreibung, besonders in Bezug auf verschiedene Indianerstämme, nicht stimmen kann. Seine Porträts machen Wirbel. Er bekommt viel Anerkennung für die Qualität der Aufnahmen. Aber für die Geschichte, die ihm da begegnet, interessiert sich niemand. Es ist die Zeit, mit der Karl May jemand erfolgreiche Geschichten über amerikanische Ureinwohner veröffentlicht, der selber noch nie auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, geschweige denn Amerikaner getroffen hatte. Und es ist dieses Bild, des romantischen Wilden, das man auch in Edwards Bildern wieder erkennt und mit dem er erfolgreiche Verkäufe tätigt. Aber je mehr er diese Menschen fotografiert. Je mehr Geschichten er hört. Desto nachdenklicher wird er. Er trägt seine Gedanken wieder und wieder Mt. Rainier hinauf. Während er sich nach und nach einen Namen als Fotograf nicht nur der großen Persönlichkeiten, sondern auch der Ureinwohner Amerikas machte. Er gewinnt Preise. In Seattle ist man stolz auf den Sohn der Stadt. Und dieser Ruf ist natürlich gut für das Geschäft.

1896 markiert dann das Jahr, in dem der Name Edward Curtis nicht nur in Seattle und Umgebung, sondern US weit bekannt wird. Und zwar nicht durch seine Fotografien. Sondern, weil er den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Expedition am Mt Rainier begegnet und ihnen aus einer Notlage hilft. Mitglied sind drei der berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit. Unter anderem ein bekannter Ethnologe. Und damit starten Freundschaften, die den ganzen weiteren Lebensweg von Edward Curtis bestimmen werden. Als Dank für seine Hilfe, laden sie ihn nämlich ein, der offizielle Fotograf einer Alaska-Expedition zu werden. Und das ist diese Expedition, bei der Edward Curtis seinen großen Plan fasst. Er erkennt nämlich, dass die verschiedenen Völker der Ureinwohner Amerikas am Sterben sind. Jedes Jahr, das verstreicht lässt weniger Stämme zurück. Und er erkennt, dass er ein Talent hat, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Über 80 Stämme sind in Nordamerika bekannt. Manche nur noch wenige 100 Mitglieder stark. Andere haben mehrere 10000. Manche sind wohlbekannt in Indianerreservaten untergebracht. Andere muss man aufwändig finden. Es gibt nomadisch lebende Stämme und Völker, die seit Jahrtausenden im Gebirge in Steinhäusern wohnen. Aber zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Ihre Geschichtsschreibung existiert kaum. Die meisten Geschichten werden mündlich weiter gegeben. Und sie sterben aus.

Edward fasst einen Plan. Er will diese Stämme dokumentieren. Er will sie alle besuchen. Er will sich mit ihren Ältesten hinsetzen. Er will ihre Geschichte hören. Er will ihre Lieder aufzeichnen, ihre Rituale beobachten. Er will ihre Lebensweise porträtieren und die typischen Mitglieder ihrer Gesellschaften. Er will ihnen ein Denkmal setzen. Und er will viel weiter gehen, als in Anführungsstrichen nur zu porträtieren. Während seiner Expedition nach Alaska hat er ein nagelneues Gerät zur Aufzeichnung von Tönen kennengelernt. Eine Wachsrolle wird verwendet, um Aufnahmen zu machen. Außerdem steckt der Bewegt Film in den Kinderschuhen. Und auch damit beschäftigt sich Edward. Er stellt Assistenten an und hält seine Erlebnisse und Erkenntnisse schriftlich fest. Clara ist nicht eben begeistert. Edward ist zum Teil sechs bis acht Monate am Stück unterwegs und lässt den Betrieb des Studios in Seattle und die Verkäufe in den Händen seines Cousins und Claras. Für die Kinder ist er fast schon ein Fremder. Und seine Zeit daheim in Seattle verbringt er damit seine nächsten Touren zu planen. Schnell wird auch klar, dass er sich das nicht wird leisten können. Sämtliche Einnahmen und Ersparnisse gehen drauf für seine Privatexkursionen. Und so schreibt Edward an das Smithsonian Institute. Die Institution in den USA in denen die Ethnologie zu Hause ist. Der Ort, an dem, wenn überhaupt, offizielle Gelder zur Unterstützung fließen können. Er hat keinen Erfolg. Er hat keine akademischen Titel. Er kann keine Schulbildung vorweisen. Und so wird er praktisch aus den Büros gelacht. Man findet seine Porträts durchaus schön und bemerkenswert. Aber merkt an, dass sie ja doch sehr romantisierend wären. Und manche dieser Porträts auch ganz eindeutig gestellt währen. Außerdem ist sich Edward nicht zu schade auch mal Elemente, die nicht ins Bild passen, heraus zu retuschieren. Zum Beispiel eine Uhr, die mit in einem traditionellen Tipi steht oder Ähnliches. All das sorgt dafür, dass man ihn nicht ernst nimmt. Seine Freunde von der Mt. Rainier Expedition vermitteln ihn an einen anderen einflussreichen Unterstützer. An Theodore Roosevelt. Präsident der Vereinigten Staaten. Damals in der ersten Amtszeit. Teddy Roosevelt war nicht gerade bekannt als Freund der amerikanischen Ureinwohner. Allerdings hatte ihn das Amt des amerikanischen Präsidenten auch zum Präsident dieser Menschen gemacht. Und er nahm seine Verantwortung ernst. Und so bekommt Edward eine Einladung in das Winter White House des amerikanischen Präsidenten. Er soll seine Familie fotografieren. Und ein paar Tage da bleiben. Und als inzwischen anerkannter Experte für die amerikanischen Ureinwohner Völker wollte sich Theodore Roosevelt mit ihm über genau diese Menschen und wie man ihnen helfen könnte unterhalten. Es entstehen schöne PortrÄts. Die Gespräche sind inspirierend und anregend. Und am Ende des Aufenthalts schick ihn Theodore Roosevelt mit einem glühenden Empfehlungsschreiben los. Es ist unklar, ob das überhaupt hilfreich war. Denn was Edward eigentlich brauchte, war Geld. Und Geld gab es von reichen Mäzenen. Und die waren nicht gerade eben gut auf Theodore Roosevelt zu sprechen. Aber es öffnete andere Türen. Edward nutzte seine freie Zeit, um auf Tournee zu gehen. Er hält Vorträge im ganzen Land. Er dreht den ersten Dokumentationsfilm über amerikanische Ureinwohner und präsentiert die in Lichtbildschauen. Er sammelt dabei Unterstützer-Gelder ein und verkauft Bilder. Es ist aber schnell klar, dass nichts davon ausreichen wird, um ihn vom Bankrott zu schützen oder sein Projekt weiterzubetreiben. Er brauch einen reichen Geldgeber. Und der damals reichste Geldgeber, an den man sich wenden konnte war niemand anderes als J. P. Morgan.

Die Vereinigten Staaten hatten es damals innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Agrarwirtschaft zur führenden Industrienation der Erde geschafft. Und das alles ohne eine Zentralbank. Die brauchten sie nämlich nicht, denn es gab eine Privatbank, die in ihrer Macht und Reichweite ähnlich groß war. Und das war die Bank von J. P. Morgan. Der hatte einen Großteil seines Vermögens durch das Eisenbahnmonopol gemacht. Und war auch sonst für die Gründung und Zusammenlegung einiger großer amerikanischer Namen verantwortlich. Zum Beispiel General Electric. Er war der reichste und einflussreichste Mann in seiner Zeit. Und zur Zeit Edward Curtis‘ war er damit beschäftigt das Schöne und Teure zu sammeln. Kunst und Frauen waren die zwei Dinge in die er neben dem Business noch investierte. Mehrmals hintereinander machte J. P. Morgan Schlagzeilen, weil er absolute Rekordpreise für Kunst hinlegte. Und besonders hatten es ihm da Bücher und Gemälde angetan. Und so landet Eward Curtis irgendwann in seiner Verzweiflung bei J. P. Morgan. Er hat ausgerechnet, dass er ungefähr 75000 Dollar brauchen würde und das ohne ein eigenes Gehalt zu beziehen, um seine Pläne umsetzen. Und J. P. Morgan war vermutlich der einzige, der diese Art von Finanzmitteln in so ein Projekt stecken wollen würde. Es kommt zu einem Treffen. Und zunächst ist J. P. Morgan wenig begeistert. Viele wollen von ihm Geld. Und es klingt auch nicht besonders interessant für ihn. Er hat keine besonders hohe Meinung von den amerikanischen Ureinwohnern. Und im Grunde kann er ja auch jeder Zeit Gemälde und Bilder von ihnen kaufen. Aber Edward lässt sich nicht beirren. Und er gewinnt ihn mit zwei Argumenten. Das eine Argument ist, die Schönheit der Bilder. Er zeigt ihm mehrere Bilder. Und es ist die Aufnahme eines jungen Mädchens, das J. P. Morgan dann überzeugt haben soll. Und das zweite ist der Gedanke, dass Edward Curtis J. P. Morgan ein Denkmal setzen wird. Indem er ihm ein 20-Bändiges Lexikon hochwertigster Machart Produzieren wird. Niemand wird J. P. Morgan Rassismus oder Benachteiligung amerikanischer Ureinwohner unterstellen können. Wenn er gleichzeitig so ein Vorgehen finanzieren würde, sagt Curtis. Und wenn er als Mäzen auftritt, wird das nicht nur ein Denkmal für den amerikanischen Ureinwohner, sondern auch gleichzeitig ein Denkmal für J. P. Morgan werden. Morgan stimmt schließlich zu. Aber unter mehreren Bedingungen denen Edward Curtis allesamt zustimmt. J. P. Morgan wird noch mehrmals Geld nachlegen müssen. 75000 Dollar waren hochgradig optimistisch. Aber in diesem einen Moment sah es zumindest so aus, als hätte Edward sein Ziel erreicht. Er stellt zum Teil bis zu 17 Leute an. Tourguides, Übersetzer, Assistenten. Und natürlich bezahlt er auch die Ureinwohner, die für ihn Modell sitzen. Und er rennt gegen die Zeit. 16 bis 18 Stunden Tage. Bei Regen, Wind und Wetter unter freiem Himmel. Waren die Stämme am Anfang noch skeptisch, was dieser weiße Fotograf von ihnen wollte, ist es bald so, dass die sich untereinander diesem Fotografen weiterempfehlen. Und so wird er von Ritual zu Ritual zu Anlass zu Anlass gereicht. An manchen Zeremonien ist er nicht nur als Fotograf, sondern auch als Teilnehmer zugegen. Daran ist besonders interessant, dass es auch zum Teil gegen das Gesetz verstößt, was Curtis hier macht. Denn in den USA des 19. Jahrhunderts ist den Ureinwohnern zum Teil per Gesetz verboten, ihre ureigenen religiösen Rituale durchzuführen. Das gehört zu den vielen Maßnahmen, die damals ergriffen wurden, um den Roten Mann zu zähmen.

Irgendwann hat Clara genug von dem ganzen Zirkus. Es ist wieder einmal eine dieser Phasen, in denen fast kein Geld mehr übrig ist. Und Curtis auf Tournee geht, um Menschen davon zu überzeugen, sein Projekt zu unterstützen. Als Clara die Scheidung einreicht. Wegen Vernachlässigung. Es kommt zu einem Rosenkrieg in dem sich die ganze Familie aufsplittet. Eines der Kinder Hält zu Clara. Das andere zu Edward. Das Gericht spricht Clara, die ja die ganze Zeit die Geschäfte in Seattle geleitet hatte, die Rechte an den dort gelagerten Negativen und die Einrichtung zu. Edward stürmt daraufhin zusammen mit seiner Tochter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Räumlichkeiten und zerschlägt alle Glasnegative, um seine Frau daran zu hindern, damit weiter Geld zu verdienen. Curtis fängt an Bücher zu schreiben. Keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern populärwissenschaftliche Bücher mit deren Verkäufen er hofft sein Projekt weiter zu finanzieren. Er versenkt über 75000 Dollar in einen Dokumentarfilm. Einen der ersten Dokumentarfilme überhaupt. Für den sich aber kaum Jemand interessiert. Und der deswegen zum finanziellen Totalschaden wird. Tief verschuldet und von seiner Frau getrennt zieht er nach LA und wird dort Kameramann für den Regisseur Cecil B. DeMille, der unte randerem Filme wie „Die Zehn Gebote“ gedreht hat. Auch muss er immer wieder an Filmen mitarbeiten, in denen die Stämme, die er studierte wahlweise als Wilde oder als romantisierte Edle dargestellt werden. Das muss sich unerträglich für den Mann angefühlt haben. Immer wenn er genug Geld beisammen hat, um wieder an seinem Projekt arbeiten zu können, macht er das. Ab 1921 ist er wieder unterwegs. Und stellt 1930 den letzten seiner 20-Bändigen Lexikon Reihe fertig. Das markiert das Ende eines über 30 Jahre dauernden Fotoprojekts. Über 280 Mal ist er quer durch die USA gereist. Legte dabei rund 400000 Meilen zurück. Machte über 40000 Aufnahmen. Studierte dabei mehr als 80 Stämme in den USA, Kanada und Alaska. Schrieb 350 Mythen und Legenden und die Grundlagen von 75 verschiedenen Sprachen auf. Von den zirka 10000 Musikstücken und Gesängen, die er aufgezeichet hat, weiß man heute noch von ungefähr 270, wo sie sich befinden. Das gesamte Projekt kostete über eineinhalb Millionen Dollar. Und er konnte mit den Verkäufen des Lexikons beginnen. Durch die Auflagen J. P. Morgans waren die Lexika fast 5000 Dollar teuer und damit ein absolutes Nischenprodukt. Und so wundert es auch nicht weiter, dass er weniger als 300 Exemplare davon verkaufen konnte. Außerdem hatte er die Rechte komplett an J.P. Morgan abgetreten. Das heißt, er übergab sämtlich Negative, alle Unterlagen und die fertigen Bücher J. P. Morgan zur weiteren Verwendung. Der lagerte den ganzen Kram ein. Und irgendwann mal verkaufte er alles für läppische 1000 Dollar an einen Buchhändler, der die Sachen dann seinerseits auch in einen Keller einlagerte.

1970 wurde dann dieser Keller ausgeräumt und man fand die ganzen Unterlagen. Und seit dem ist der Name Edward Curtis wieder ein Begriff. Manche seiner Aufzeichnungen widersprechen zum Teil noch heute geltende Lehrmeinungen. Und es ist ein schier grenzenloser Schatz an Erkenntnissen über Kulturen, die es heute nicht mehr gibt. Und die ohne Curtis‘ Arbeit einfach komplett verschwunden wären. Und er kombiniert in seiner Arbeit zwei sehr verschiedene Welten. Einerseits hat er sehr wohl fast schon wissenschaftlichen Anspruch. Er will exakt sein. Er will komplett beschreiben. Andererseits geht er besonders die Fotografie mit den Augen eines Künstlers an. Und ihm ist egal, welchen Status der Mensch vor seiner Kamera hat. Berühmtheiten wie der Apachen-Führer Geronimo oder Theodore Roosevelt sind genau so vor seiner Kamera festgehalten worden. Einfache Hirten, Medizinmänner, Frauen beim Wasserholen oder die Landschaften in denen die Stämme ihren Alltag verbrachten. Man kann viele seiner Fotos sehen, wenn man 20 Euro in ein Buch namens „The Nordamerican Indian“ vom Taschenbuchverlag investiert. Und manche der Bilder, die ich dort fand, waren mir so vertraut, dass ich hätte schwören können, dass ich sie schonmal irgendwo gesehen hatte. Und die Art und Weise, wie er gearbeitet hat, findet sich an anderen Stellen wieder. Edward Curtis war ein Pionier des Fotojournalismus, ein Pionier der ethnografischen Fotografie, ein Pionier der Porträtfotografie und hat 30 Jahre lang einzigartige Aufnahmen einer heute komplett verschwundenen Welt gemacht.

Nachdem er „The Northamerican Indian“ herausgebracht hat, kehrt er nach Los Angeles zurück. Er beteiligt sich auch jetzt wieder an einigen Hollywood Filmen und fasst den Plan noch ein weiteres dokumentarisches Projekt, nämlich eine Fotoserie über den Goldrausch, anzufangen. Hat aber weder die dazu notwendigen Mittel noch die Gesundheit, um das ernsthaft anzugehen. Am 19. Oktober 1952 stirbt er an einer Herzattacke. Dieselbe Todesursache, die  Clara 20 Jahre zuvor das Leben gekostet hatte.

Edward Curtis war ein getriebener. In panischer Angst er könnte zu spät kommen, und weil er oft auch zu spät kam, reiste er kreuz und quer durch die USA und investierte sein gesamtes Vermögen und sein Privatleben in ein 30 Jahre dauerndes Projekt. Ich will es gar nicht Fotografieprojekt nennen. Auch, wenn die Fotografien das Eindrücklichste Ergebnis dieser Arbeit waren. In den 80 Jahren seines Lebens schlief er mehr unter freiem Himmel und in widrigen Wetterverhältnissen, als unter dem Dach eines Hauses. Er begann seine Reise in einem Amerika, das gerade mal bis an die Westküste vorgedrungen war. Und in dem die Erinnerungen an den Bürgerkrieg und an die Kriege mit den amerikanischen Ureinwohnern noch ganz frisch waren. Er stellte die wichtigsten Weichen seines Lebens in einer Zeit, da war Amerika gerade zur führenden Industrienation der Welt aufgestiegen. Und er beendete sein Projekt im Amerika der Moderne. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Er gewann die Unterstützung und zum Teil Freundschaft von Männern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Theodore Roosevelt auf der einen, J. P. Morgan auf der anderen Seite. Er war einer der Pioniere des Dokumentarfilmes. Ohne es darauf anzulegen. Und seine Arbeit prägte, wie wir bis heute amerikanisch Ureinwohner sehen und was wir über sie wissen. Seine Arbeit sieht bis heute modern aus. Selbst, wenn sie mit der Technologie des letzten Jahrhunderts gemacht wurde.

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Gewollte Romantik https://fotomenschen.kopfstim.me/gewollte-romantik/ Sat, 27 Mar 2021 17:34:12 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

In der heutigen Folge spreche ich über die Geschichten hinter zwei berühmten Küssen. Der eine steht für das Ende des 2. Weltkriegs, der andere für Paris als die Stadt der Liebe. Beide wurden auf Millionen Postkarten und Poster gedruckt und sind bis heute diskutierte Motive. Beide werfen Fragen auf die noch heute gelten und beide zeigen nicht das was viele zu sehen glauben…

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Transkript

Wir haben den 14. August 1945 und es lag schon in der Luft, das Kriegsende. Den ganzen Tag schon machten Gerüchte die Runde, die Japaner hätten aufgegeben, eine Kapitulation wäre unterzeichnet worden, Verhandlungen würden gerade stattfinden und dann ist es endlich so weit. (Audio wird eingespielt) Präsident Harry Truman. (Audio läuft weiter) Das war es nun, das Ende des zweiten Weltkriegs, die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und die Amerikaner waren im Freudentaumel.

(Audio wird eingespielt)

In allen Städten stürmen die Leute spontan auf die Straße und feiern, Paraden bilden sich. Aber die mit Abstand größte Feier im Land ist in New York City. Über zwei Millionen Menschen sind auf der Straße, eine von ihnen ist die Zahnarzthelferin Greta Zimmer Friedmann. Die 25-jährige Österreicherin ist zu dem Zeitpunkt zehn Jahre in den USA. Sie war 15, als ihre Eltern beschlossen hatten, dass die Situation in Österreich für eine jüdische Familie zu gefährlich würde und sie und ihre Schwester deswegen in die neue Welt verschifften. Sie blieben zurück und wurden dann von den Nazis gefangengenommen und ermordet. Greta hat das Gerücht gehört, dass das Kriegsende kurz bevorstand und sie nutzte ihre Pause, um zum nahegelegenen Times Square zu gehen, wenn denn Kriegsende war, würde ja dort gefeiert werden. Sie ist gerade auf den Times Square gegangen, da wird so aus heiterem Himmel von einem Seemann gepackt, der sie nach hinten lehnt und ihr einen festen Kuss auf die Lippe drückt. Und die Szene wird festgehalten, der damals schon bekannte Fotograf Alfred Eisenstaedt hat den Auftrag für das Life Magazine, die New Yorker beim Feiern festzuhalten. Und er und sein Kollege Victor Jorgensen sind am Times Square unterwegs und fotografieren was das Zeug hält.

Alfred hatte den Auftrag am Times Square zu fotografieren und er sah schnell einen Mann, der von einem Kino aus auf ihn zulief und jede Frau in seinem Web packte und küsste. Alfred rannte durch die Menge, seine Kamera hatte eine Festbrennweite, er konnte also nicht zoomen. Blende und Verschlusszeit hatte er fix eingestellt und er verließ sich ganz auf sein Unterbewusstsein, ihm zu sagen, wo er draufhalten musste. Das war der Moment, indem er aus dem Augenwinkel etwas Weißes sah. Es ist ein bemerkenswertes Foto, es wird als eines von 14 Aufnahmen küssender Soldaten im Life Magazine abgedruckt werden, um die feiernden Soldaten darzustellen. Aber keiner dieser vielen Küsse sieht so gut aus. Da ist zum einen dieser Kontrast aus der schwarzen Uniform und dem weißen Kleid. Aber auch die Pose, ich kann mir stundenlang ansehen, wie sie dasteht, es ist die perfekte Kuss Pose. Das Foto wird zu einer Sensation, Postkarten, Poster, eines der meistreproduzierten Bilder aller Zeiten. Man kann New York nicht besuchen, ohne diesem Bild nicht irgendwo zu begegnen und es wird zum Symbolbild für das ende des zweiten Weltkriegs schlechthin.

Wie so oft bei ikonischen Bildern, dauert es seine Zeit, bis alle erkennen, was für eine besondere Aufnahme das ist. Und Alfred Eisenstaedt hat natürlich nie mit diesem Paar gesprochen, er weiß also nicht wer auf dem Bild ist. In den Achtzigern versucht Life Magazine dann herauszufinden, wer die Menschen hinter der Aufnahme sind und startet einen Aufruf und das Pärchen meldet sich. Aber nicht nur dieses eine Pärchen. 30 Jahre lang kommt ein Paar nach dem anderen und behauptet, dieses küssende Pärchen zu sein. Final geklärt wurde das Ganze dann aber erst 2007, da kommt nämlich das Buch „The kissing Sailor“ auf den Markt. Geschrieben von Lawrence Verria, erzählte es nicht nur die Geschichte dieser Aufnahme, sondern auch die Geschichte der Personen im Bild. Da gibt es nämlich eine Person, die mitfotografiert wurde, die oft vergessen wird, die hier nun auch erwähnt werden soll. Das Bild zeigt ja so einige Menschen und eine sticht besonders heraus: Links hinter dem Seemann steht eine junge Frau und grinst von Ohr zu Ohr. Und diese Frau ist die Freundin des Seemanns, mit der war er nämlich zuvor noch im Kino gewesen. Die Kinovorstellung war unterbrochen worden, als die Meldung der Kapitulation Japans ihre Runde machte. Der Seemann knutschte sich also nicht alleine quer über den Times Square, sondern hinter ihm stand seine Freundin und spätere Ehefrau. Aber hat die das nicht gestört, dass ihr Mann sich quer über den Times Square knutschte? Nein, sie sah es gelassen.

Da er nicht besonders wählerisch war, sondern praktisch alle geküsst hat, kann ich mir vorstellen, warum sie das gelassen sieht. Egal, sie hat ihn jedenfalls geheiratet. 69 Jahre waren die beide verheiratet. Aber vielleicht hat es Greta gestört, lassen wir die auch mal zu Wort kommen. (Audio wird eingespielt #00:06:44#) Ja dieser Tight-Grip, das fiel mir von Anfang an diesem Foto auf. Sie scheint entspannt in seinen Armen zu liegen, aber wenn man seinen linken Arm genau ansieht, hat er sie praktisch in einer Art Schraubstock gefangen, sie hatte gar keine Wahl, sie konnte nicht weg. Und was da alle so weglachen, und was heute ein ach wie romantisches Bild ist, ist natürlich auch Ausdruck einer Kultur, in der Männer sich sowas einfach rausnehmen konnten. So schön die Pose und die Komposition auch ist, dieser Griff, mit dem er sie fixiert, macht das Bild für mich unangenehm. Es zeigt eben nicht, was viele Menschen glauben. Ja, es geht um Freude, aber es geht nicht um Romantik, es geht nicht um Liebe. Und dieser Kuss? Schwierig. Aber der Kuss ist jetzt auch eine hervorragende Überleitung, denn ich habe zwei Bilder versprochen.

Da gehen wir jetzt in die fünfziger Jahre und wir wechseln den Kontinent, wir besuchen Paris. Und durch die Straßen läuft ein zu dem Zeitpunkt schon bekannter Fotograf, Robert Doisneau. Und er knipst und knipst und knipst. Vor ihm ein Pärchen, es schlendert durch die Stadt. Die beiden jungen Menschen flirten heftig miteinander, sie fasst sich in die Haare, die beiden lachen viel, halten Händchen, küssen sich und turteln. Für das Paris der fünfziger Jahre eine durchaus ganz normale Szene. Während man in den USA selbst in New York noch zu prüde ist, um auch nur in der Öffentlichkeit zu küssen, außer es ist gerade der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, ist in Paris gefühlt praktisch alles erlaubt. Und deswegen hat das Life Magazine Robert Doisneau damit beauftragt, eine Artikelstrecke zu bebildern, in der es um diese Entspanntheit, diese Freiheit des Leben in Frankreich gehen soll. Und Robert ist berühmt dafür, dass er ein ganz besonderes Auge hat, seine Bilder sind oft witzig, originell, gefühlvoll und er wird verglichen mit einem anderen ganz großen, Henri Cartier-Bresson. Henri und Albert sind praktisch die Väter dieses Genres.

Und die Vorstellung, die wir von Paris haben, stammt aus der Kamera dieser beiden Männer. An diese März oder vielleicht war es auch ein Apriltag, fotografiert Robert im Auftrag des Life Magazines turtelnde Pärchen. Und unser Pärchen biegt in die Rue du Tivoli, die Straße, in der auch das Pariser Rathaus, das Hotel de Ville zu sehen ist und küsst sich im Vorbeigehen an Straßencafés fast beiläufig. Wie schon Eisenstaedt, hat Doisneau erstmal keine Ahnung, was für einen Treffer er hier gelandet hat. Es ist für ihn ein Bild von vielen, und sieht dieses Pärchen, das sich fast beiläufig küsst, leichte Bewegungsunschärfe im Bild, die Passanten interessiert das offensichtlich rein gar nicht und man erkennt im Hintergrund das Pariser Rathaus, das Hotel de Ville. Das Bild wurde im Life Magazine veröffentlicht, zusammen mit diversen anderen und für Robert war es eins seiner 450.000 Fotografien, also nichts weiter Spektakuläres. Unsere Geschichte nimmt den Faden erst 30 Jahre später wieder auf. Robert wird gebucht, um eine Serie mit Postkarten zu bebildern und sein Publisher schlägt vor, dieses Foto für eine Postkarte und für Poster zu benutzen. Und diesmal war es eben nicht einfach nur irgendein Bild, die Aufnahme wurde zu einem globalen Phänomen, sie traf einen Nerv. Millionenfach wird das Fach auf Postkarten verschickt, Poster werden überall zum Verkauf angeboten.

Was bis dahin vielleicht nur irgendein Schnappschuss gewesen mag, wird urplötzlich zum großen Geschäft. Und mit dem Geschäft gibt es dann mehr und mehr Menschen, die gerne mitverdienen wollen. In den Fünfzigern gab es in Frankreich schon etwas, das in den USA bis heute noch nicht existiert, das Recht am eigenen Bild. Man darf zwar aus künstlerischen Motiven heraus im öffentlichen Raum fotografieren, sobald aber Bilder verkauft werden und dafür Geld fließt, sollte man besser abgesichert sein. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis die ersten Forderungen auftauchen. Mehr und mehr Paare behaupten von sich, auf dieser Aufnahme zu sein und verlangen Lizenzgebühren. Als Robert vor Gericht gezerrt wird, ist der Moment für Robert gekommen, ein Eingeständnis zu machen. Diese Aufnahme, der Kuss vor dem Rathaus, war nämlich nicht so spontan, wie er aussah. Robert war Profi, bei Aufnahmen wie diesen, wo er für eine Magazinstrecke gebucht war, ging er lieber auf Nummer sicher. Statt sich dem Risiko auszusetzen, dass er von irgendwelchen Leuten vor Gericht gezogen werden konnte, verpflichtete er lieber Freunde und Bekannte, für ihn Modell zu stehen. Wobei Modellstehen darf man das eigentlich nicht nennen, er gab keinerlei Anweisungen.

Die Pärchen schlenderten einfach durch die Stadt und er fotografierte sie. Da half es dann, wenn die sich sowieso mochten. Als er also vor Gericht stand, musste er das einräumen und fing sich damit gleich das ein, was wir heute einen Shitstorm nennen würden. Denn die meisten wollten doch so gerne glaube, dass da eine spontane Liebesbekundung festgehalten worden war. Egal wie romantisch der Kuss aussieht, wenn er nicht echt ist, dann ist er doch nur noch halb so viel Wert, oder? Trotzdem hätte jetzt ja wenigstens der Rechtsstreit vorbei sein können. Aber zu früh gefreut, denn das Modell auf dem Bild, Francois Bornet, behauptete, er hätte sie nie bezahlt, er hätte sie also um ihr rechtmäßiges Honorar betrogen. Und so hatte er zwar den einen Prozess erfolgreich abgewendet, doch gleich den nächsten am Hals. Auch diese Geschichte bekam allerdings ein Happy End. Denn irgendwann war Robert in der Lage eine Rechnung zu produzieren, mit der er nachweisen konnte, dass er sehr wohl bezahlt hatte. Außerdem wissen wir seit dieser Anekdote, dass wir uns eigentlich um sonst aufgeregt haben. Zwar war das Pärchen gebucht für diesen Kurs, aber die beiden waren wirklich ein Paar und der Kuss war auch echt, es gab ja wie gesagt keinerlei Anweisungen.

Im Grunde haben sie ihr Geld beim Spazierengehen und Turteln verdient. Neun Monate hielt diese Beziehung und dann trennten sich die zwei. Und auch für Francois gab es ein Happy End, zwar hatte sie den Rechtsstreit verloren, aber auf der Publicity-Welle reitend, beschloss sie dann ihren Originaldruck des Bildes noch mit Stempel und Unterschrift von Robert Doisneau zu verkaufen. Und dieses Bild wurde für den dreifachen Schätzpreis verkauft und brachte ihr 155.000 Euro ein. Nicht schlecht für einmal spazieren gehen und knutschen. Was haben beide Bilder gemeinsam, außer dass sie jeweils einen Kuss zeigen, ikonisch sind und millionenfach als Sinnbild für Romantik, Leidenschaft und Liebe in irgendwelchen Teenager Zimmern hängen? Genau, sie haben gemeinsam, dass sie nicht zeigen, was wir zeigen, das sie glauben. Fotografie funktioniert nicht ohne Kontext. Und beide Aufnahmen haben Probleme, mit denen auch heutige Fotografen immer noch zu kämpfen haben. Robert Doisneau versuche mit dem Bild keine journalistische Ethik aufrecht zu erhalten, trotzdem würden Straßenfotografen heute die Nase rümpfen, weil er seine Aufnahme gestellt hatte. Das Recht am eigenen Bild, auch das wird in beiden Aufnahmen verhandelt, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und die Frage, was die dargestellte Handlung in der Aufnahme denn wirklich bedeutet, sowohl in der Zeit, in der die Aufnahme entstand als auch in der Zeit, in der wir sie uns anschauen. Der Soldat, der knutschend durch die Menge zieht, heute absolut unakzeptables Verhalten, damals etwas was man weggelächelt hat. Passanten fotografieren und damit Geld verdienen, etwas das schon in den Fünfzigern so problematisch war, dass Profis wie Robert lieber mit Models gearbeitet haben als mit spontanen Begegnungen. Und dann noch die Frage, ob Bilder eigentlich wirklich Geschichten erzählen können, oder wir uns das nicht vielleicht doch einfach nur einbilden.

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Mehr als nur Politikerfotos https://fotomenschen.kopfstim.me/mehr-als-nur-politikerfotos/ Sat, 06 Feb 2021 17:56:39 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Der offizielle Fotograf des amerikanischen Präsidenten hat einen echten Knochenjob und macht Fotos wie sie kein Staatschef sonst bekommt.





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Episodenbild: By Pete Souza – White House Flickr Account, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18890184


Transkript

Als es in den letzten Tagen der Trump-Präsidentschaft zum Sturm aufs Kapitol kam, wurden wir mit Fotos dieses Ereignisses praktisch überschwemmt. Aber obwohl tausende von Handyaufnahmen und Videos von diesem Ereignis existieren müssen, waren die Bilder, die wir gesehen haben, von herausragender Qualität.

Ich fand das wirklich auffällig. Da war ein geschulter Blick und professionelles Equipment am Werk. Eine kurze Recherche bringt dann zum Vorschein: Es waren Pressefotografen, die diese Bilder gemacht haben. Dass das Profis waren, erkennt man auch an der unglaublichen Nähe, aus der viele dieser Aufnahmen entstanden sind. Da waren Menschen am Werk, die darauf trainiert waren, für den Moment bereit zu sein, die ihre Technik aus dem Schlaf beherrscht haben und die den richtigen Augenblick nicht nur sofort erkennen, sondern ihn auch mit schlafwandlerischer Sicherheit in Millisekunden festhalten zu wissen.

Pressefotografen haben den Auftrag, Geschichte zu dokumentieren. Ihre Bilder sollen darstellen, was passiert ist, wie es sich angefühlt hat, dabei zu sein und manchmal werden die Fragen, die solche Bilder beantworten, erst lange nach den Ereignissen gestellt.

An wenigen Orten ist die Ereignisdichte so hoch wie im Schlepptau des amerikanischen Präsidenten, weshalb der auch auf Schritt und Tritt von Kameras umgeben ist. Da sieht man manchmal Szenen, die ich auch schon immer bizarr fand. Zwei Staatschefs treffen sich zum Beispiel, sitzen sich gegenüber, die Presse wird ins Oval Office gelassen. Und 30 Fotografinnen und Fotografen machen in schneller Abfolge ungefähr dieselben 20 Bilder. Nicht nur, dass die alle dasselbe Bild machen, es hat auch noch denselben Aufbau wie buchstäblich hunderttausende vor ihnen. Nicht, dass die Fotografinnen und Fotografen da viel Wahl hätten: Ihnen wurde genau zugewiesen, von wo aus sie fotografieren dürfen.

Mit einer Ausnahme. Eine Person mit Kamera bewegt sich völlig frei kreuz und quer durch den Raum und macht Fotos, ganz wie es ihr beliebt. Als die Presse den Raum verlassen muss, bleibt sie zurück und fotografiert weiter. Wenn das weiße Haus wenige Stunden später eine offizielle Pressemitteilung herausgibt und Fotos dazupackt, werden diese Bilder anders aussehen als alle anderen Aufnahmen von diesem Tag. Und nicht nur das: Es werden auch noch Aufnahmen dabei sein, bei denen war gar keine Presse anwesend. Manchmal sind sogar ganz private Schnappschüsse dabei. Schnappschüsse, die es erlauben, der Präsidentenfamilie sozusagen bei ihrem Alltag über die Schulter zu schauen.

Da gibt es also jemanden mit ungebremsten Zugang. Jemand, der oder die jeden Schritt des Präsidenten fotografieren darf und festhält. Das ist der Fotojournalistentraum schlechthin. Und den schauen wir uns heute mal ein bisschen genauer an.

Die Tatsache, dass eine Behörde wie das weiße Haus, denn nichts anderes ist das weiße Haus, eine offizielle Abteilung für Fotografie unterhält, ist jetzt nicht besonders überraschend, finde ich. Sowas gibt es tatsächlich in praktisch jeder Behörde und auch das Kanzleramt unterhält einen Bereich für Presse, in dem natürlich auch ein paar Fotografinnen und Fotografen angestellt sind.

Deren Aufgabenfelder sind vielseitig. Zum Beispiel ist es in öffentlichem Interesse, dass die Arbeit der Staatslenker und Staatslenkerinnen dokumentiert wird. Wichtige Meetings, wichtige Ereignisse sollen festgehalten werden. Und da ist es natürlich oft praktisch, nicht auf die externe Presse angewiesen zu sein. Einmal kann man so eine konsistente Qualität sicherstellen und dann sind natürlich gut gemachte Fotografien eine hervorragende Methode, um das eigene Image zu kontrollieren. Ganz zu schweigen von Gelegenheiten, bei denen es einfach nicht praktikabel ist, einen Pressecore einzuladen bzw. die Ereignisse sich vielleicht auch mal überschlagen und man froh ist, überhaupt einen Profi mit Kamera zur Hand zu haben.

Auch der Chief Official White House Photographer hat natürlich all diese Aufgaben und diese Motivation. Warum sein Job dann doch ein anderer ist, wird allerdings auch schnell klar, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Amerikaner im Vergleich zu uns das Amt ihres Staatschefs sehen. Im Grunde wählen die nicht den Präsidenten. Die wählen die First Family. Die ziehen dann mit ihrem ganzen Hausstand in das weiße Haus ein.

Und im Grunde arbeitet auch die ganze Familie dann im Auftrag des Landes mit. So hat die First Lady in der Regel ein eigenes Büro, einen eigenen Staff und einen eigenen Bereich im weißen Haus, in dem ihre Mitarbeiter arbeiten.

Beim Einzug in das weiße Haus legt der Präsident all jene Positionen neu fest, die über reine Logistik hinausgehen. Es mag also sein, dass Gärtner, Koch und Bedienstetenpersonal von vorherigen Administrationen berichten können. Aber alle Rollen mit einer Außenwirkung oder Entscheidungsgewalt werden vom Präsidenten neu besetzt.

1929 ernennt der 31. Präsident, Herbert Hoover, zum ersten Mal einen offiziellen Pressesprecher. Dessen Aufgabe war, der Öffentlichkeit die Politik des weißen Hauses nahezubringen und bei Ereignissen zu briefen. Offizielle Fotografie überließ man damals noch Militärfotografen oder eben journalistisch aktiven Pressefotografen.

Es dauerte noch über 30 Jahre und 4 weitere Präsidenten, bis mit John F. Kennedy der erste wirklich medienaffine Präsident im weißen Haus einzieht. Er ist der Erste, der sich und seine Familie offensiv in den Medien inszeniert und damit auch der Erste, der den Sinn hinter einem vom weißen Haus angestellten Fotografen erkennt und den ersten offiziellen White House Photographer anstellt.

Diese neu beschaffene Rolle ist Teil des Pressecores und der Fotograf Cecil W. Stoughton hat in vielerlei Hinsicht die Aufgabe, diese Rolle komplett neu zu erfinden. Das war gar nicht so einfach, denn Kennedy wollte sich zwar inszenieren, aber dabei nicht unbegrenzten Zugang geben. Stoughtons berühmtestes Bild ist daher auch ironischerweise kein Foto von Kennedy, sondern der Moment, in dem Lyndon B. Johnson an Board von Air Force one nach dem Tod Kennedys seinen Amtseid ablegt.

Lyndon B. Johnson hat zu dem Zeitpunkt schon einen Lieblingsfotografen: Yoichi Okamoto ist ein New Yorker Fotograf und hat Lyndon B. Johnson als Vizepräsident schon bei mehreren Gelegenheiten fotografiert und durch seine ungewöhnliche Bildkomposition beeindruckt. Als Lyndon B. Johnson Präsident wird, fragt er ihn, ob er nicht sein persönlicher Fotograf werden möchte und ihn begleiten will, Okamoto sagt zu, aber unter der Bedingung, unbegrenzten Zugang zu bekommen. Und es ist dieser unbegrenzte Zugang, der Okamoto eigentlich zum ersten echten Chief White House Photographer macht.

Ich hatte ein echtes Problem, in Deutschland ein Äquivalent zu finden. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl von Kanzlerinnen und Kanzlerfotografen, es gibt natürlich auch offiziell beim Presseamt eingestellte Fotografinnen und Fotografen, aber niemand folgt der Kanzlerin auf Schritt und Tritt. Fotografen im Kanzleramt haben da im Wesentlichen einen Job zu tun. Die sind nicht persönliche Fotografen der Kanzlerin, sondern sie sind angestellte der Pressestelle. Und werden wahrscheinlich auch nicht ausgetauscht, sollte ein neuer Kanzler einziehen im Kanzleramt.

Im White House arbeiten bis zu 12 offizielle Fotografen. Deren Aufgaben sind vielseitig; zu jedem gegebenen Zeitpunkt finden im Weißen Haus diverse Veranstaltungen parallel statt. Da hat vielleicht die First Lady eine Reception und der Präsident trifft einen Staatschef. Gleichzeitig gibt es vielleicht eine Gruppe, die ins weiße Haus eingeladen wurde und sich im Rosegarden trifft, und so weiter. Da gibt es Händeschütteln zu fotografieren, es gibt persönliche Erinnerungsaufnahmen, es gibt offizielle Pressefotos, die gemacht werden. Das Weiße Haus produziert tausende von Fotos täglich.

All diese Aufgaben werden von der Pressestelle koordiniert. Ein Fotograf hat dann immer die Aufgabe, beim Präsidenten zu sein. Und meistens ist das immer derselbe Fotograf. Denn wenn man die ganze Zeit ungebremst anwesend sein darf, egal wie heikel die Gespräche, die geführt werden, da braucht es eine ganz besondere Vertrauensbeziehung, eine Beziehung, die man dann eben auch in den Bildern sehen kann.

Wie wichtig die Arbeit des Chief White House Photographers ist, sieht man auch an der Menge an Fotos, die produziert werden. Kennedys Fotograf macht in etwas mehr als 3 Jahren knapp 8000 Aufnahmen. Pete Souza, der Fotograf, der Obama durch 2 Amtszeiten hindurch begleitete, fügte dem Nationalarchiv über 2000000 Aufnahmen hinzu. In einer durchschnittlichen Woche wurden 8000 Bilder direkt aus dem Alltag des Präsidenten gemacht. In ereignisreichen Wochen konnte diese Zahl allerdings auch auf über 20000 anschwellen.

Souza fotografiert die Obamas händchenhaltend genauso, wie Barack Obama bei der Schneeballschlacht mit seinen Kindern, bei Reden, Wahlkampfveranstaltungen, hitzigen Diskussionen im Oval Office oder bei Meetings mit Politikern im Roosevelt Room. Er ist so allgegenwärtig, dass ihn niemand mehr beachtet. 150 Mal fliegt er mit Airforce One. Er fotografiert Obama, kurz bevor er seinen Amtseid ablegt und fotografiert ihn, als er am letzten Tag das Oval Office verlässt.

Natürlich sind nicht alle Bilder so glamourös, wie diese herausragenden Meilensteine. 5% der Fotos sind einfach Greetingshots. Egal, wohin der Präsident kommt, irgendwer begrüßt ihn. Und Gruppenfotos oder Handeschüttelfotos sind von unschätzbarem Wert für die Leute, die auf diesen Bildern sind.

Und alle Aufnahmen gehen direkt ins Nationalarchiv. Sie sind als Zeitdokumente von unschätzbarem Wert. Fotografen im Kanzleramt, Fotografen im weißen Haus, Fotografen in jeder Behörde sind sich ihrer Verantwortung bewusst, ein Archiv für die Nachwelt zu produzieren. Das ist mehr als einfach nur Pressefotografie. Man ist in einer Position, in der man history in the making festhalten darf. Es ist eine ungewöhnliche Art der Fotografie, denn es geht oft nicht in erster Linie um die Personen auf den Bildern, ganz egal, wie berühmt sie auch sein mögen, sondern es geht um die Gründe, die sie zusammenbringen. Außer natürlich die Person auf dem Bild ist der Präsident selbst.

Und da haben wir noch einen Unterschied zwischen Kanzlerfotografien und den Aufnahmen des amerikanischen Präsidenten. Denn von letzterem ist immer auch noch der Versuch dabei, die Menschen hinter dem Amt zu zeigen.

So gibt es von Lyndon B. Johnson Fotos, wie er im Oval Office mit seinem Hund zusammen heult. Das hat er wohl öfters mal gemacht. Beim ersten Mal ist der Secret Service, so geht die Anekdote, wohl mit gezogenen Waffen ins Oval Office gestürmt.

Von Kennedy gibt es Aufnahmen, wie er mit seinen Kindern spielt.

Aufnahmen, die ein Echo in Obamas Bildern finden, wenn der mit dem zum Teil sehr jungen Nachwuchs seiner Staffer spielt.

Und es gibt zum Teil wirklich bizarre Aufnahmen. Zum Beispiel habe ich ein Bild gefunden, wo George W. Bush anlässig des traditionellen Ostereiersuchens im Garten des weißen Hauses einen Menschen im Hasenkostüm umarmt. Es gibt auch ein Bild, wo man Obama und einen Hasenkopf von hinten sieht, das Obama mit den Worten „Die vier berühmtesten Ohren Washingtons“ kommentierte.

Oder das Foto von Lyndon B. Johnson in einem schwimmfähigen Cabrio. Richtig gehört: LBJ besaß nämlich eines der wenigen in Serie produzierten Amphibienfahrzeuge. Das Ding sah im Wesentlichen aus wie ein Cabrio, also wie ein ganz normales Auto. Besuchte man nun Lyndon B. Johnson auf seiner privaten Ranch, konnte es passieren, von ihm zu einer Spritztour eingeladen zu werden. Um die Ranch zu besichtigen, zum Beispiel. Auf dem Gelände gab es einen Hügel, an dessen Ufer ein kleiner See angelegt war. LBJ würde also mit diesem Auto auf der einen Seite auf den Hügel hochfahren und auf der anderen Seite dann panisch behaupten, die Bremsen hätten versagt und dann ungebremst auf den See zufahren. Es soll Kabinettsmitglieder gegeben haben, die dann aus dem Auto gesprungen sind. Aus Angst, sie könnten vom untergehenden Auto mit heruntergezogen werden.

Ich finde jedenfalls die Vorstellung schön, dass ein Präsident solche Streiche spielt und ich finde es auch lustig, dass der Streich durchaus auch andersrum laufen kann. Pete Souza:

[Einspieler]

„Christmas at the White House is pretty fun. And this last year, for some reason, they put 4 snowmen in the rosegarden.“

Das Weiße Haus dekoriert natürlich zu besonderen Anlässen und Weihnachten ist so ein Anlass. Und Pete erzählt, dass beim letzten Weihnachtsfest während Obamas Amtszeit irgendwer auf die Idee gekommen war, 4 riesengroße Schneemänner in den Garten des Weißen Hauses zu stellen.

[Einspieler geht weiter]

„It never snowed all december.“

Tja, geschneit hat es aber nicht.

[Einspieler geht weiter]

„Every day the president would walk from the White House residence along the promenade and there would be the 4 snowmen. So Brian Mosteller and I, Brian was the director of oval office operations, he and I had this great idea that every day, we’d move the snowman one foot closer to the oval office.“

Also Pete und der Director of Oval Office Operations beschließen, diese Schneemänner jeden Tag Stück für Stück näher an das Oval Office zu bewegen.

[Einspieler geht weiter]

„So, the day we decided we want do this, we went out there after he’d gone home for tonight and realized that they’re too heavy to pick up.“

Aber die waren zu schwer.

[Einspieler geht weiter]

„So Brian, being the resourceful guy that he is, the day before we went to Hawaii for Christmas vacation he got the White House grounds Crew to help him move all 4 of the snowmen so each of them was peeking out of a different window of the Oval Office.“

Ja, ich schätze mal, es hat Vorteile, wenn man Director of Oval Office Operations ist. Sie gehen also her und bewegen diese 4 Schneemänner am letzten Arbeitstag des Präsidenten, bevor der nach Hawaii in den Urlaub fliegt, so ans Oval, dass durch jedes Fenster ein Schneemann schaut.

[Einspieler geht weiter]

„My job that day was, when the president walked over from the residence, was to distract him, so he wouldn’t look in the rose garden like he did earlier on in the morning. Which is because he would see that the snowmen were missing. So, remember that picturer of him, dancing with [?]? So he walks over, I distract him, he doesn’t see that the snowmen are missing and he’s standing right where he’s dancing in that photo, talking to [?] before he walked into the Oval Office. And then he looked, just glancing into the Oval Office and there was this guy, looking right at him and he just started cracking up. So we pranked him pretty good.“

Pete hat während Obamas Amtszeit eine ganze Reihe wirklich sehr schöner Aufnahmen gemacht. Und die zeigen das Menschliche in diesem Amt. Und es sind Reportagefotos. Und Fotos, die ich so von deutschen Politikern bisher noch nicht gesehen habe. Schon gar nicht von Kanzlern oder Kanzlerinnen. Aber das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen jemandem, der angestellter Fotograf für offizielle Gelegenheiten ist und den Auftrag, einen Menschen, ein Leben und sein Wirken zu dokumentieren.

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Die beste Fotografin der Welt https://fotomenschen.kopfstim.me/die-beste-fotografin-der-welt/ Sat, 30 Jan 2021 22:33:05 +0000 ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer Fotografin mit Celebrity-Status.

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1942, eine junge, gutaussehende Frau schleppt mehrere große, schwere Kisten vollgestopft mit Kameraequipment an Board eines Militärschiffs. In ihrer Tasche: Die hochoffizielle Genehmigung, dass sie im Auftrag des Life Magazine an der hochgeheimen Invasion in Nordafrika teilnehmen darf. Als [?] journalist. Als Fotografin will sie die Landung der Truppen festhalten.

Diese Genehmigung überhaupt zu bekommen, hat sie Monate hartnäckiger Arbeit gekostet und es ist ein absolutes Novum. Noch nie wurde offiziell eine weibliche Fotografin in den Krieg geschickt. Es gibt sowieso kaum weibliche Fotografinnen. Geschweige denn weibliche Fotojournalistinnen.

Der Großteil der Truppen kommt mit dem Flugzeug als Truppentransporter. Margaret Bourke-White wollte eigentlich auch in so einem Flugzeug sitzen, wurde aber in letzter Minute von einem diensthabenden Offizier davon abgehalten. „Unsere Flugzeuge haben keinen Platz für eine Frau! Nehmen Sie das Schiff.“

Ja, scheiße. Damit war es das wohl gewesen mit dem Auftrag, die Landung der Truppen zu dokumentieren, denn das Schiff braucht natürlich deutlich länger. Ihre männlichen Kollegen haben dieses Problem nicht, die fliegen selbstverständlich mit den Truppen mit. Aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie wird halt mit dem arbeiten, was sie vorfindet.

Die Tage auf See ziehen sich endlos. 2 Tage noch, dann wird sie auch endlich da sein, so wie ihre Kollegen. [Dumpfes Knallgeräusch]

Das Torpedo ist ein Volltreffer. Margaret greift in Panik noch schnell ihre Schwimmweste, versucht noch, eine Kamera mitzunehmen, aber die Dinger sind groß und schwer und so lässt sie sie zurück. Sie rennt zu dem ihr zugeteilten Rettungsboot und sieht dann, zusammen mit den anderen 16 Insassen zu, wie sich das Kriegsschiff, das sie an die Küste bringen sollte, langsam neigt und in den Fluten versinkt. Sie wird später in ihre Biografie schreiben, dass sie nie mehr Angst hatte, als in diesem Moment und außerdem grenzenlos bereute, keine kleineren Kameras mitgenommen zu haben. Was für großartige Bilder hätte sie machen können? Was für eine Killerreportage wäre das geworden? Jetzt, mit Rettung ungewiss und deutlicher Verspätung, wer weiß, ob da überhaupt noch etwas daraus wird? Solche oder ähnliche Gedanken müssen ihr durch den Kopf gegangen sein, als britische Kampfflugzeuge die Schiffbrüchigen aufspürten und die Rettung veranlassten.

Und dass da nicht nur Soldaten, sondern auch eine Frau mit an Board gewesen war, eine Fotoreporterin noch dazu, war sofort eine Sensation. Als Margaret Bourke-White dann endlich an ihrem Ziel ankam, war die Geschichte schon auf dem Weg um die Welt und sie eine Berühmtheit. Die furchtlose amerikanische Kriegsreporterin, die einen Torpedoangriff überlebte, um davon berichten zu können. Das war eine Nachricht, die allen anderen die Schau stahl. Eine ihrer männlichen Kollegen begrüßt sie grimmig: „Ich sitze hier stundenlang rum und warte darauf, dass ich endlich mal zur Action darf und dann kommt da diese Tussi daher und hat auch noch das Glück, einen Torpedoangriff zu überleben.“

Aber nicht nur das, eigentlich wollte Margaret Bourke-White ja sowieso da hin, wo die Action ist. Es ging ja um die US Airforce. Also musste man ihrer Meinung nach mindestens ein Mal auch bei einem Angriff mitgeflogen sein. Bisher hatte man ja dafür die Genehmigung verweigert. Aber nach dem überstandenen Torpedoangriff hat der Befehlshaber ein Einsehen:

[Einspieler]

„Maggy, do you still want to go on a bombing mission?“

Er fragt sie, ob sie immer noch an einem Einsatz teilnehmen will.

[Einspieler geht weiter]

„I do, but I don’t want to make a pest of myself, begging.“

Aber sie will nicht immer betteln, sagt sie.

[Einspieler]

„Well, if you’ve been torpedoed, you might as well go through everything. And he reached for the telephone and called the 97 bomb group. They were stationed then in the garden of [unverständlich] in the middle of the Sahara desert. And he told them I had permission.“

„Jetzt hast du ein Torpedo überlebt, jetzt kannst du den Rest auch sehen“, sagt er und greift zum Telefon und erteilt die notwendigen Genehmigungen. Und so geht Margaret Bourke-White aus dieser Anekdote mit der Genehmigung heraus, einen Bombenangriff begleiten zu dürfen. Mit Kamera. Für Life Magazine.

Und als ob sie zu dem Zeitpunkt nicht schon berühmt genug wäre, gilt sie jetzt als Sensation. Die erste amerikanische, akkreditierte Kriegsreporterin überhaupt. Die erste Frau, die bei einem Bombenangriff teilnehmen darf. Und die erste Fotografin, die einen Torpedoangriff überlebt. Und wie sie da hingekommen ist und was sie dann ab da noch alles gemacht hat, das erzähle ich gleich.

Wem die Geschichte in ihren Grundzügen bekannt vorkam, der ist vielleicht Filmfan. Alfred Hitchcock drehte nämlich den Film „Lifeboat“ mit einer Geschichte, die ganz eindeutig von dieser Anekdote inspiriert war. Und ich glaub, wer sich mit der Geschichte Margaret Bourke-Whites beschäftigt, der kann wahrscheinlich gar nicht anders, als einen Film drehen zu wollen, da gibt es so viel zu entdecken, so viele firsts, so viele Stationen, die ungewöhnlich sind.

Geboren wird sie 1904 in der Bronx in New York. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder und erbt von ihrem Vater die Leidenschaft für Technologie, speziell Großtechnologie hat es ihr angetan, aber der Vater ist auch Hobbyfotograf und hat diverses Equipment daheim. Ihre Eltern verbindet eine Leidenschaft für die Natur und der unerschütterliche Glaube, dass man alles erreichen kann und vor nichts Angst haben sollte.

Von ihrem Vater übernimmt sie das Interesse an Technologie und die absolute Disziplin. Von ihrer Mutter, so schreibt sie später selber, lernte sie, sich nicht mit dem einfachen Ergebnis zufriedenzugeben. Außerdem haben die Eltern den Ehrgeiz, ihren Kindern jegliche Ängste zu nehmen und so wächst Margaret mit Reptilien und Klettereien in großer Höhe auf.

Zunächst sieht es so aus, als ob die Reptilien ihre Zukunft werden würden. Sie will Reptilienkunde studieren und schreibt sich in der Columbia University ein. Der Vater stirbt, kaum dass sie ein Jahr lang studiert hatte und sorgt dafür, dass die Familie deutlich weniger Finanzmittel zur Verfügung hat. Für sie ist das der Beginn einer kleinen Odyssee durch verschiedene Universitäten und nebenbei der Beginn ihrer Fotokarriere, denn sie beginnt, kleinere Aufträge entgegenzunehmen und damit ihr Einkommen aufzubessern.

Nach 7 verschiedenen Universitäten und diversen Kursen erwirbt sie an der Cornell University den Bachelor of Arts und zieht letztlich nach Cleveland, Ohio, wo sie dann auch ihr erstes offizielles Fotostudio eröffnet. Architektur und große Industrieanlagen haben es ihr angetan. Das war eine Liebe, die sie von ihrem Vater übernommen hatte.

Industrieanlagen fotografieren kann unglaublich öde sein, aber Margaret hat ein Händchen für die perfekte Perspektive. Sie findet Wiederholungen und Muster. Sie schafft es, ungewöhnliche Positionen einzunehmen und vor allem hat sie ein ungewöhnliches Talent, mit den doch in Industrieanlagen sehr schwierigen Lichtverhältnissen umzugehen.

Als einer ihrer ersten Klienten gewinnt sie die Otis Steel Company. Sie überzeugt den Chef, ihr die Genehmigung zu erteilen, in seinen Werken fotografieren zu dürfen. Der rechnete wahrscheinlich damit, dass sie als Fotografin zwei, drei Mal auftauchen würde und Aufnahmen machen und dann irgendwann mit einem Portfolio bei ihm auftauchte, mit der Hoffnung, er wird es ihr abkaufen. Er erteilt ihr also die Genehmigung und geht auf eine Europareise.

Womit er wahrscheinlich nicht gerechnet hatte, war, dass Margaret Bourke-White besessen von dem perfekten Foto war und in dem halben Jahr, in dem er auf Reisen war, praktisch jeden Tag in seine Fabriken fuhr, um dort Aufnahmen zu machen. Hier beschreibt einer ihrer Assistenten, wie sie typischerweise vorging:

[Einspieler]

„She would take a picture over and over and over again, to the point of absolute boredom. Especially with me, working with her. But also the people who had to sit still for it.“

Sie war Perfektionistin und irgendwann war ja auch klar, dass gerade in Stahlwerken die Lichtverhältnisse so anspruchsvoll waren, dass sie spezielles Filmmaterial und künstliche Beleuchtung brauchte. Und so fing sie an, Magnesiumfackeln mit in die Fabriken zu bringen, um zu beleuchten. Hatten die Stahlarbeiter anfangs Angst, eine Frau würde vielleicht in Ohnmacht fallen, wenn sie der Hitze ausgesetzt war oder sich in Gefahr bringen, wurde schnell klar, dass Margaret Bourke-White mit einer schlafwandlerischen Sicherheit in diesen Werken herumkletterte und für das richtige Bild vor genau gar nichts Angst hatte.

Es entstehen fantastische Aufnahmen. Aufnahmen, die auch heute noch modern aussehen. Und sie wird diese Aufnahmen nicht nur verkaufen, sondern es sind diese Aufnahmen, die ihr dann die ersten Türen öffnen.

Und ihre Arbeit ist auf vielen Ebenen vollkommen ungewöhnlich. Einmal ist es so, dass in den 1930er Jahren Frauen sowieso kaum mit Kameras unterwegs waren. Es ist die Zeit der Kodak Brownie, die Kodak Brownie wird speziell für Frauen beworben und zeichnet sich dadurch aus, dass man nichts einstellen muss, nichts wissen muss, „You press the button, we do the rest“ war der Slogan der Kodak Company.

Und hier kommt Margaret Bourke-White, eine attraktive, junge, kleine Person und hantiert nicht nur mit Maschinen, um Fotos zu machen, sondern fotografiert auch noch bevorzugt riesige Industrieanlagen. Stahlwerke. Häfen. Schlachthöfe. Und sie ist energiegeladen und furchtlos. Und zielstrebig. Sie nötigt den Männern, die mit ihr zu tun haben, absoluten Respekt ab. Sie nimmt sich Dinge heraus und sie will erfolgreich sein. Ihre Aufnahmen sind jedenfalls außergewöhnlich genug, dass nicht nur die Otis Steel Company ihre Bilder kauft, sondern sie Ausstellungen damit bestreitet und weit über die Grenzen ihres Heimatbundesstaates bekannt wird.

Sie geht zurück nach New York, um dort ein Studium zu eröffnen und bekommt dort den Auftrag, das gerade im Bau befindliche Chrysler Building zu fotografieren. Auch diese Arbeiten sind ein absoluter Erfolg. Sie macht Aufnahmen, die von den Perspektiven her absolut ungewöhnlich sind; Sie klettert draußen am Dach herum und liebt die Architektur des Gebäudes. Besonders die 4 gigantischen Gargoyles, die am Dach angebracht sind, haben es ihr angetan.

Sie beschließt: Sie will eine der wenigen Mieterinnen in diesem Gebäude werden. Mindestens ihr Studium möchte sie im Chrysler Building haben, wenn möglich dort auch wohnen. Sie setzt sich das so sehr in den Kopf, dass sie sich als Hausmeisterin für das Gebäude bewirbt. Das ist allerdings eine Stelle, die jemandem anders zugeschlagen wird. Überhaupt sieht es eine Weile danach aus, als wenn sie noch nicht mal ihr Studio dort mieten darf, denn die Vermieter sind skeptisch: Sie ist eine junge, hochgradig attraktive, bekannte Frau. Da wird es doch mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht irgendwann mal heiratet, Kinder kriegt und plötzlich keinen Job mehr hat und dann auch die Miete nicht mehr bestreiten kann.

Zumindest dieses Problem hatte sich allerdings erledigt, als Margaret Bourke-White das Angebot erhält, das neu gegründete Fortune Magazine als Fotografin zu begleiten. Sie war die einzige Frau in der gesamten Belegschaft und Fortune würde als neu gegründetes Bildmagazin die Geschichte der jungen, aufstrebenden Industriekultur in Amerika und weltweit begleiten. Ein Job wie für sie geschaffen.

Sie bekommt also ihr Studio mit Blick auf die Gargoyles und eine Terrasse, auf der sie eigentlich nichts zu suchen hat, auf der sie aber praktisch Besuche empfängt und in einem abgetrennten Bereich zwei kleine Alligatoren hält. Es gab ja mal eine Zeit, da wollte sie Expertin für Reptilien werden. Diese Liebe hat sie nie so richtig abgelegt.

Es gibt diverse Anekdoten, wo Margaret auf Geschäftsreisen nicht nur ihre Kamera, sondern auch noch Reptilieneier, die zum Schlüpfen bereit waren, von irgendwelchen Eidechsen oder anderen Tieren, dabei hatte.

Schlafen darf sie nicht in diesem Studio. Aber sie ist besessen von ihrer Arbeit und so verbringt sie jede freie Minute und oft Tag und Nacht mit Blick über New York City. Und sie fotografiert auch viele Male diesen Blick. Es gibt ein sehr bekanntes Foto von ihr, wo sie raus auf die Terrasse und einen der Gargoyles geklettert war, um eine Aufnahme von Manhattan zu machen, die man sonst nirgendswo so machen konnte. Ihr Assistent, in der Sicherheit des Studios, hält die Kamera auf sie und hält damit ein ikonisches Bild von ihr fest. Und dieses Bild zeigt sie in ihrem Element. Furchtlos und bereit, alles für das richtige Bild zu tun.

Als Mitherausgeberin, Fotografin und Autorin des Fortune Magazins reist Margaret Bourke-White jetzt um die Welt. Sie besucht Deutschland und fotografiert da die IG Farben und in Hamburg den Hafen. Und sie ist die erste westliche Fotografin, die die Genehmigung erhält, in der Sowjetunion die dort neu gebauten Industrieanlagen zu fotografieren.

Die Sowjetunion sah sich im Wettlauf mit den USA und hatte einen mehrere Jahrzehnte andauernden Vorsprung aufzuholen. Margaret fotografiert Großbaustellen, Dämme, Kraftwerke, gigantische Industrieanlagen und zunehmend auch die Arbeiterinnen und Arbeiter.

Inzwischen ist die Mitte-30-jährige eine weltweite Celebrity. Man kennt sie. Sie ist regelmäßig im Radio, um Interviews zu geben und bekannt für ihren extravaganten Lebenswandel. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, weiß sie, wie man sich das Leben angenehm macht. Und sie wird zu einem Vorbild für Mädchen und junge Frauen. Nicht lange und sie steht für die moderne amerikanische Frau. Die weiß, was sie will, die alles erreichen kann. So wird zumindest behauptet.

1936 ist auch das Jahr, in dem ein weiteres ikonisches Magazin gestartet wird: das Life Magazine. Margaret Bourke-White schreibt die erste Titelgeschichte und macht das erste Titelbild des Life Magazines.

1936 ist in der Mitte der Great Depression, also der Weltwirtschaftskrise. Die Not ist unter der arbeitenden Bevölkerung groß in den USA. Und Margaret sieht das. On assignment for fortune and life kommt sie im gesamten Land herum und ihre Fotografie wandelt sich: Die berühmte Industriefotografin wird zu einer gefeierten Fotojournalistin.

1941 reist sie im Auftrag des Life Magazine nach Moskau. Sie ist die einzige westliche Reporterin in der Stadt, als die Deutschen ihren Luftangriff auf Moskau beginnen. Als die Sirenen losheulen und sich alle in Sicherheit bringen, greift sie sich ihr Stativ und ihre Kamera und rennt auf das Dach der Botschaft, von wo aus sie einen hervorragenden Blick auf den Kreml hat. Sie vermutete, das würde das Hauptangriffsziel der deutschen Streitkräfte sein. Und sie würde fotografieren, was immer fotografierenswertes zu sehen war.

Heraus kommen einzigartige Kriegsaufnahmen. Und Margaret fotografiert nicht nur in der Nacht, sondern auch am nächsten Tag. Die Spuren der Zerstörung. Und ist die einzige Reporterin, die diese Aufnahmen machen konnte und in die westliche Welt zurückbrachte.

Als Amerika sich dazu entschließt, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, ist es für Margaret der Startschuss, um eine Akkreditierung als Fotojournalistin anzustreben. Und die amerikanischen Behörden stellen sich erst mal quer. Es ist schon ungewöhnlich genug, dass eine Frau eine bekannte Fotojournalistin ist. Und auch, wenn akzeptiert ist, dass Margaret Bourke-White weiß, mit Risiko umzugehen, ist es dann trotzdem noch ein Riesenschritt, sie offiziell als Kriegsfotografin anzuerkennen. Fotografie als Männerdomäne. Krieg als Männerdomäne. Kriegsfotografie als Machomännerdomäne.

Margaret ist zwar nicht die einzige Frau, die im Krieg fotografiert, aber sie ist die einzige Amerikanerin und sie ist die einzige, die es schließlich schafft, offiziell als Fotojournalistin mit den Truppen mitgesendet zu werden.

Das ist der Punkt, an dem sie sich aufmacht, um die Invasion in Nordafrika zu begleiten, einen Torpedoangriff überlebt und die Genehmigung bekommt, bei einem Bombenangriff mitzufliegen. Und auch von dieser Reise wieder einzigartige Aufnahmen mitzubringen.

1945 verliert Deutschland den Krieg. Und Margaret ist wieder unterwegs. Im Gefolge von General George S. Patton reist sie durch Deutschland und ist bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeiterlagers Leipzig-Thekla dabei. Sie macht mehrere berühmte Fotos zu diesen Gelegenheiten. Ihr Bild „Die lebendigen Toten von Buchenwald“ von 1945 ist eine der berühmtesten und beeindruckendsten Fotografien des 20. Jahrhunderts.

In ihrer Biografie beschreibt sie ausführlich, wie es sich angefühlt hat, das von den Nazis angerichtete Leid zu sehen und diese Menschen zu fotografieren und die Leichenberge. Sie ist dankbar für die Kamera. Sie hält sie nicht nur beschäftigt, sondern ist wie ein Schild, das sie vor sich halten kann, um das Bild, das sich ihr bietet, aushalten zu können.

Auch nach dem Sieg der Alliierten fotografiert Bourke-White weiterhin für die Truppen. Im Herbst 45 erhält sie den Auftrag, die Zerstörung deutscher Städte mit Luftbildern zu dokumentieren.

Zu dem Zeitpunkt gilt Margaret bereits in mehreren Disziplinen als eine der besten Fotografinnen, wenn nicht die beste Fotografin der Welt. Moderne Architekturfotografie, Industriefotografie, Kriegsfotografie, Reportagefotografie, zwischendurch Werbefotografie und Portraits berühmter Persönlichkeiten gehören zu ihrem Portfolio. Berühmte Menschen ihrer Zeit wie Franklin D. Roosevelt, Stalin, Winston Churchill oder Marlon Brando wurden von ihr portraitiert.

1946 reist sie im Auftrag des Life Magazines nach Indien. Das Land ist in politischer Aufruhr. Sie hat den Auftrag, Gandhi zu fotografieren und zu interviewen. Gandhi hat wenig Lust, sich von ihr interviewen zu lassen, so lässt es ihr ausrichten, er würde sie nur als Fotografin zulassen, wenn sie lernen würde, ein Spinnrad zu bedienen. Also lernt Margaret Bourke-White, wie man ein Spinnrad bedient. Sie macht eines der bekanntesten Fotos ihrer Karriere, wenige Stunden vor der Ermordung Mahatma Gandhis fotografiert sie ihn, wie er schweigend vor einem Spinnrad sitzt.

Spätere Reportagereisen wird Margaret dazu nutzen, um zum Beispiel die Teilung Indiens zu dokumentieren. Sie bereist auch Südafrika während der Apartheid und nimmt am Koreakrieg als Korrespondentin teil. Korea ist auch das Land, wo ihr zum ersten Mal auffällt, dass ihre Gelenke, Arme und Beine steif sind.

Daheim lässt sie sich untersuchen und bei ihr wird Parkinson diagnostiziert. Es ist diese Krankheit, die sie dann Mitte der 60er dazu zwingt, ihren Beruf aufzugeben und sich zurückzuziehen. 1963 erscheint ihre Autobiografie und ist über Wochen hinweg auf den Bestsellerlisten der New York Times.

Sie stirbt 1971 im Alter von 67 Jahren. Sie war zwar einmal kurz verheiratet, aber Familie hatte sie nie gegründet und deswegen hinterließ sie auch keine Kinder und keinen trauernden Ehemann. Sie war Wegbereiterin für eine ganze Generation junger Reporterinnen und Fotografinnen.

Ihre Fotografie prägte mehrere Genres, nicht nur eines. Die meisten Fotografen versuchen, ein Genre wirklich gut zu beherrschen. Margaret Bourke-White schien zu meistern, was immer sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte eine Gabe, Menschen zu sehen und sie im Bild festzuhalten, wie kaum eine andere und ihre Karriere in einer der turbulentesten Zeiten der Menschheitsgeschichte bot ihr wieder und wieder die Gelegenheit, ikonische Aufnahmen zu machen. Und sie ergriff jede einzelne davon.

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